Die Wölfe I ~Patenmörder~

GeschichteDrama, Freundschaft / P18 Slash
21.07.2019
24.08.2019
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Den restlichen Tag sind wir damit beschäftigt, die beiden Räume herzurichten. Die Fenster tauschen wir im Ganzen, gegen welche aus anderen Zimmern. An den kaputten Wänden, können wir nichts tun. Wenn wir wenigstens etwas Farbe auftreiben könnten. Aber im Moment muss es eben so gehen. Zumindest sind sie nun sauber, aber bis auf Tonis Gitarrenkoffer, bleiben sie leer. Wir haben keine Möbel und in Anbetracht des nahen Winters, werden wir die Nächte wohl weiterhin zu dritt im Kaminzimmer verbringen müssen.

Der Tag verfliegt es wird schon dunkel. Ich hole gerade noch die Wäsche von der Leine, als die Laternen auf der nahen Straße angehen.
Von Raphael fehlt noch immer jede Spur.
Ich schaue die Straße entlang, niemand ist dort zu sehen. Hierher scheint sich allgemein keine Menschenseele zu verirren.
Ich hebe die letzte Decke vom Seil und trage sie mit den restlichen Sachen ins Kaminzimmer.
Als ich eintrete, wirft Toni Stöcke in den Kamin, mit einem Streichholz entfacht er ein Feuer. Sein Blick geht besorgt in die Zündholzschachtel. „Wir haben nur noch drei Stück!“, sagt er.
Ich schaue aus dem Fenster in den Hof.
Noch haben wir genug Sträucher, die wir zersägen und verbrennen können, aber wenn wir das Feuer Tag und Nacht am Leben erhalten müssen, kommen wir nie über den Winter.
„Hoffentlich hat Raphael Glück und konnte etwas verdienen“, entgegne ich und lege die Decken zu den anderen auf den Boden.
„Er ist schon ziemlich lange weg.“
Ich nicke zustimmend. „Meinst du die Drachen haben ihn ...“, frage ich.
„Nein! Dann wären sie bereits hier“, entgegnet Toni. Er wirft noch einen Stock ins Feuer.
„Glaubst du mein Bruder würde uns verraten?“
„Freiwillig nicht, aber die haben ihre Methoden.“
Na toll! Jetzt mach ich mir noch mehr Sorgen um ihn. Ich nehme unseren Wasservorrat und die Schüsseln mit dem Obst vom Fensterbett und setzte mich.
Die Straße ist leer, nur eine Ratte huscht über den Gehweg.
Was wenn er nicht wieder kommt? Ich weiß doch gar nicht, wo ich in dieser großen Stadt nach ihm suchen soll.
Die Beine ziehe ich enger an den Körper, meine Arme schlinge ich um sie.
Wenn er nirgendwo Arbeit gefunden hat, dann kann er doch einfach zurückkommen. Ihm darf einfach nichts zugestoßen sein. Er ist doch alles, was mir geblieben ist.
Den Kopf lehne ich gegen die kalte Scheibe.
Nichts, kein Wagen, keine Kutsche, kein Mensch, nur die Ratte kommt zurück.
Mein Atem beschlägt das Glas.
Raphael, dieser Idiot! Warum muss er auch immer alles allein klären wollen? Wir hätten uns doch zusammen einen Job suchen können.  
Eine Zeitung weht vom Gehweg auf die Straße, Regentropfen fallen vom Himmel, sie bilden kleine Punkte auf den Asphalt. Es werden immer mehr, der Boden färbt sich schwarz.
Raphael hat keinen Schirm dabei.
Ich lasse den Kopf auf die Knie fallen. Das ungute Gefühl in meinem Magen wird immer schlimmer, mir ist schlecht. Wenn ich doch nur irgendetwas tun könnte.
„Enrico?“ Tonis Hand berührt meine Schulter, ich kann seinen besorgten Blick auf mir spüren, doch ich will nicht aufsehen. „Deinem Bruder geht es sicher gut. Er hat doch meine Pistole mitgenommen.“
Das muntert mich nicht wirklich auf. Wenn er auf die Waffe zurückgreifen muss, ist es doch schon fast zu spät. Ich atme schwer aus und schaue wieder aus dem Fenster.
Es kratzt an der Tür.
Erschrocken sehe ich sie an.
Ein Schatten ist unter dem Spalt zwischen Boden und Tür zu sehen, ein Miauen zu hören.
Ich fasse mir ans Herz.
Es ist nur Tonis Kater. Den ganzen Tag streunt der schon durch die Fabrik, doch jetzt, wo es regnet, will er sicher ins Warme.
Toni geht zur Tür, er lässt den Perser herein.
Dreck und Spinnweben kleben an dem Tier. Im Maul trägt er eine fette Maus.
Na zumindest kann er sich selbst versorgen.
Das weiße Fell des Katers ist nass, am Bauch ist es schlammig. Mit hoch erhobenem Haupt stolziert er zu einer Decke und macht es sich auf ihr gemütlich. Die Maus lässt er fallen.
Sie liegt einen Moment reglos zwischen seinen Pfoten, dann rennt sie davon. Sie verschwindet zwischen unseren Decken.
Der Kater sieht ihr nach, ohne sich zu rühren.
„Snowflake! Was hast du uns da angeschleppt?“, schimpft Toni.
Der Kater beginnt sein Fell vom Dreck zu befreien. In aller Seelenruhe beobachtet er Toni dabei, wie er vergeblich versucht, die Maus in unseren Decken zu finden.
„Hilf mir gefälligst!“, sagt Toni und sieht mich ernst an.
Ich lasse mich vom Fensterbrett gleiten. Nach und nach sammle ich alle Decken ein und schüttle sie aus.
Eine Fußlänge von mir entfernt, bewegt sich etwas, ein spitzer Mäusekopf schaut unter einem Kissen hervor, doch als ich mich danach bücke, flüchtet sich das Tier unter die nächste Decke.
Wir jagen ihr nach und halten jeder zwei Längsseiten der Decke zu.
Eine Beule im Stoff verrät, wo die Maus sitzt, sie bewegt sich.
Snwoflakes wird darauf aufmerksam. Er erhebt sich und kommt zu uns. Mit der Pfote tapst er die Beule an.
Die Maus wechselt die Richtung.
Der Kater jagt ihr nach, er springt und landet mit den Krallen voran auf dem Mäuserücken.
Ein schrilles Quietschen ist zu hören, die Beule flüchtet erneut.
„So hilfst du uns nicht, geh runter!“ Toni versucht den Perser von der Decke zu scheuchen.
Doch Snowflake stört sich nicht an seinen hektischen Bewegungen. Er jagt die Maus kreuz und quer unter der Decke herum.
„Was macht ihr da schon wieder?“, raunt uns eine müde Stimme an.
Toni nimmt die Hände von der Decke.
Die Maus springt heraus, sie flüchtet durch die offene Tür, dicht gefolgt vom Kater.
Raphael, kann gerade noch so den linken Fuß heben, um ihnen Platz zu machen. Er sieht den Tieren nach. Die Haare hängen ihm tief im Gesicht, seine Klamotten kleben ihm eng am Körper, er zittert.
Erleichtert springe ich auf die Beine und falle meinem Bruder um den Hals. „Raphael, Gott sei Dank!“ Ich drücke ihn fest.
Raphael sieht auf mich herab, sein Lächeln ist aufgesetzt.
„Ist etwas passiert?“, frage ich.
Er schiebt mich von sich, stumm geht er an mir vorbei zum Kamin. Raphael reibt seine Hände über dem Feuer, dann beginnt er sich die nassen Klamotten auszuziehen.
Toni holt von einem Stapel frische und reicht sie ihm.
Mein Bruder nimmt sie ihm ab.  
„Raphael?“, spreche ich ihn an.
„Mach die Tür zu!“, sagt er.
Ich tue was er verlangt und nehme mir auf dem Rückweg eine der Decken. Ich lege sie ihm über die Schultern.
Er schenkt mir noch einmal ein aufgesetztes Lächeln, dann setzt er sich. Wortlos betrachtet er das knisternde Feuer.
Ich knie mich zu ihm. Diese bedrückende Stille halte ich kaum aus, sein finsterer Blick, macht mir Angst.
„Simone und ihre Mutter sind tot, unsere beiden Häuser stehen nicht mehr. Sie sind bis auf die Grundmauern abgebrannt“, sagt Raphael.
Ich reiße die Augen weit auf.
Simone, die Simone die uns immer geholfen hat, die er doch so gern hat?
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wie erstarrt betrachte ich meinen Bruder.
„Bist du etwa bei euch daheim gewesen? Bist du verrückt geworden?“, schreit Toni.
Raphaels Blick richtet sich auf ihn, finster sieht er ihn an.
Toni weicht einen Schritt zurück.
„Waren das deine Leute? Haben sie das getan?“, fragt Raphael. Er wird mit jedem Wort ungehaltener.
„Woher soll ich das wissen? Ich bin den ganzen Tag hier gewesen“, entgegnet Toni. Er weicht einen weiteren Schritt zurück.
„Das ist alles nur deine Schuld! Wärst du nicht gewesen, dann würden sie noch leben!“ Raphael steht auf, die Decke gleitet von seinen Schultern. Mit einem großen Schritt nach vorn, schließt er die Lücke zwischen sich und Toni. Er packt meinen Freund am Kragen und drückt ihn gegen die Wand neben dem Fenster.
„Ich kann doch nichts dafür. Lass mich los!“ Toni versucht sich aus seinem Griff zu lösen, es gelingt ihm nicht.
„Ich hätte dich rauswerfen sollen, als du das erste Mal bei uns aufgetaucht bist.“ Raphael zieht ihn nach oben, bis Toni keinen Boden mehr unter den Füßen hat.
Okay das reicht! Ich stehe auf und drücke mich zwischen sie. Mit aller Kraft stemme ich beide Hände gegen Raphaels Brustkorb und versuche ihn wegzuschieben. „Hör auf damit!“, schreie ich ihn an.
Er packt mich grob am Arm und stößt mich zur Seite weg.
Ich stolpere über die Flaschen mit dem Wasser und knalle auf den Boden.
„Warum tun diese Typen das? Was haben denn Simone und ihre Mutter mit der ganzen Sache zu tun?“
Toni sieht panisch in die wütenden Augen meines Bruders. Er wagt kein Wort zu sagen.
„Jetzt antworte mir gefälligst! Waren das diese Drachen? Was haben deine Leute davon?“
„Ich weiß es nicht“, antwortet Toni.
Ich kämpfe mich wieder auf die Beine und packe den Arm meines Bruder. Ich reiße an ihm.„Raphael, es reicht! Hör auf!“, schreie ich.
Er schaut von Toni zu mir. Seine Hände geben meinen Freund frei. Raphaels Augen füllen sich mit Tränen, am ganzer Körper beginnt er zu zittern. Er lässt sich auf die Knie fallen, ein Strom aus Tränen fließt seine Wangen hinab. Krampfhaft stützt er sich auf die Arme und beginnt hemmungslos zu schluchzen.
Toni flüchtet sich ans andere Ende des Zimmers.
Ich bleibe neben meinem Bruder und setzte mich zu ihm. Meine Hände lege ich ihm auf die Schultern.
Er schaut nicht auf.
Mir fällt nichts ein, was ich sagen kann, also nehme ich ihn in den Arm. Einen Moment lang passiert gar nichts, dann umarmt er auch mich. Seine Tränen fallen mir in den Rücken.
„Woher weißt du das alles?“, frage ich.
Sein Schluchzen wird leiser, er bringt kein Wort heraus.
Beruhigend streiche ich ihm über den Rücken, in der Hoffnung er fängt sich wieder, schließlich sagt er: „Es ist alles abgebrannt. Beide Häuser! Warum machen die so etwas?“
„Hattest du ein Bild von Simone und dir bei euch zu Hause?“, fragt Toni. Er beäugt uns aus sicher Entfernung.
„Ja, wir haben eines auf dem Jahrmarkt letzten Monat machen lassen. Es stand neben meinem Bett. Meinst du sie haben sie erkannt und deswegen getötet? Aber warum?“
„Vielleicht wollte sie auch einfach nur bei euch nach dem Rechten sehen, weil ihr nicht nach Hause gekommen seid und sie hat dort Jemanden überrascht.“
„Woher weißt du überhaupt, dass sie tot sind?“, frage ich. Meine Umarmung löse ich und schiebe Raphael von mir, um ihm wieder ins Gesicht sehen zu können.
„Mr. Braun von nebenan hat es mir erzählt, als ich in den überresten unseres Hauses stand.“
Ich kann das alles nicht glauben, kann mir gar nicht vorstellen, dass unser Haus nicht mehr steht, dass Simone und ihre Mutter nicht mehr am Leben sein sollen. Ist das wirklich alles nur unseretwegen passiert? Alles nur wegen mir?
Fassungslos starre ich vor mich hin und betrachte meine Hände. Mir ist als wenn ihr aller Blut an ihnen kleben würde.
„Wieso warst du überhaupt dort? Hab ich dir nicht gesagt, wir müssen uns von da fern halten?“, fragt Toni.
Das alles kann einfach nicht wahr sein. So etwas schlimmes passiert nur in den Hörspielen im Radio und in Büchern, doch nicht in der Wirklichkeit. Nicht in meiner Wirklichkeit!
„Weil ich mir von einem Kind nicht vorschreiben lasse, was ich zu tun und zu lassen habe. All unsere Unterlagen sind dort, all unser Geld. Ich musste noch mal zurück!“, schreit Raphael.
Toni verschränkt die Arme.
Simone und ihre Mutter waren immer so nett und hilfsbereit. Als unsere Mutter nicht wieder gekommen ist, haben sie uns so oft geholfen und wenn es nur mit einem Mittagessen war. Sie dürfen nicht tot sein, schon gar nicht meinetwegen.
Ein stechender Schmerz bohrt sich in meinen Magen.
„Du bist so dumm, wie du groß bist!“, schreit Toni, „Was wenn dir jemand hierher gefolgt ist? Die warten doch nur auf einen so dummen Fehler.“
Sind diese Typen bereits auf den Weg hier her? Werden sie uns finden? Müssen wir jetzt auch sterben? Ängstlich richte ich meinen Blick auf die Tür. Irgendwo in der Fabrik schlägt eine Tür zu. Ich fahre zusammen.
„Hältst du mich wirklich für so bescheuert? Was glaubst du warum ich so spät dran bin?“
„Als wenn du merken würdest, wenn sie dir nachschleichen.“
Das flaue Gefühl in meinem Magen wird unerträglich.
„Das sind auch nur Menschen!“, entgegnet mein Burder.
Mein Herz hämmert hart gegen meine Brust. „Hört auf!“, schreie ich, doch weder Toni noch Raphael beachten mich.
„Mit euch beiden, bin ich so gut wie tot!“, schreit Toni.
„Dann verschwinde doch, wenn du denkst, allein besser klar zu kommen!“
Mir ist so schlecht! Ich schlinge meine Arme um den Bauch. Heiß und Kalt durchströmen mich abwechselnd, ein heller Pfeifton dröhnt mir in den Ohren.
„Ja, klar, als wenn ihr auch nur einen Tag ohne mich überleben würdet. Ihr hättet nicht mal diesen Ort hier gefunden, geschweige denn eine Pistole, um euch im Ernstfall zu verteidigen.“
„Wir kommen wunderbar ohne dich zurecht. Wir brauchen keinen schießwütigen Killer!“
„Hört auf damit“, sage ich, doch meine Stimme ist brüchig und kaum zu hören.
Brechreiz wandert meine Kehle hinauf. Ich übergebe mich.
Schwindel ergreift von mir besitzt, ihre Umrisse verschwimmen. Ich suche nach Halt und fasse ins Leere. Ich falle. Alles wird dunkel.
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