Violet Evergarden - Wie Ich

von Muosaly
OneshotAllgemein / P12
21.07.2019
21.07.2019
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Der Krieg war schon lange vorbei, schon sehr, sehr lange. Doch losgelassen hat er mich immer noch nicht. Ich konnte nie die Bilder aus meinem Kopf löschen, die Erinnerungen an Blut und Schreie. Je mehr Zeit verging, desto schwerer schienen diese Erinnerungen auf meiner Seele zu liegen. Ich begriff erst nach und nach, dass mir das nie hätte geschehen dürfen – dass es keinem Kind jemals hätte geschehen soll.

Es hat gedauert, bis ich mit mir selbst im Reinen war. Bis ich meine Vergangenheit verstanden und akzeptiert hatte, und bis ich wirklich verstanden hatte, dass alles falsch war. Und ich erkannte, dass ich nicht die Einzige sein konnte. Sie hatten eine Kriegsmaschiene aus mir gemacht, eine unglaublich effektive. Die erste sogar. Doch nicht die einzige.

Nummer 38293. Ein Kind aus den nördlichen Gebieten, wie ich an der Grenze aufgelesen und ausgebildet. Ich wusste gar nicht, dass er ebenfalls an der finalen Schlacht teilgenommen hatte. Er gehörte zum Kanonenfutter und starb als einer der ersten. Er hatte keinen Namen. Nur eine Nummer. Niemand würde sich an ihn erinnern, nie würde er leben können. Er war gerade einmal zehn gewesen.
Ich hatte ihn in einem Gefallenenregister gefunden. Es war ein Wunder, dass er überhaupt aufgeführt worden war. Sobald ich von ihm erfuhr sorgte ich dafür, dass er, wie alle Gefallenen, einen Grabstein erhielt. Ich konnte keinen Namen darauf schreiben. Nur eine Nummer. 38293.

Zirana. Mit sechs starb sie in ihrer aller ersten Schlacht. Sie trug nur deshalb einen Namen, weil sie der Liebling von irgendeinem verheirateten Offizier war. Ich hatte sogar ein Bild gefunden: dunkle Haut, braune Augen und wunderschöne Locken. Ein Maler hatte viel Liebe in die Details gesteckt. Ich konnte sogar die Angst in ihrem Blick erkennen. Ich glaube, er war nicht der Krieg, vor dem sie Angst hatte. Der Offizier sollte erst Jahre später wegen Missbrauchs an Kriegsgefangenen hingerichtet werden. Ich hatte von dem „Skandal“ gehört, in dem auch über Zirana berichtet wurde – als zufällige Gefangene, nicht als Kriegsmaschiene. Sie tat mir unendlich leid.

Nummer 36184, 69275, 30186, 78352, 46385, 99463, 27596. Ich könnte die Liste endlos weiterführen. So viele Kinder, die schon in der Ausbildung gestorben sind, Kinder ohne Namen oder Gesicht. Keines von ihnen ist älter als sieben geworden.

Nummer 37284. Er war durchgefallen und nie wirklich freigegeben worden. Er war als wertlos abgestempelt gewesen. Mit einer Bombe war er hinter die feinlichen Linien geschickt worden, wo er 28 Soldaten mit sich in den Tod riss und fast 100 weitere verwundete.

Trill. Sie hatte den Krieg überlebt. Ausgesetzt nach der letzten Schlacht gab sie sich selbst einen Namen und fand Zuflucht in einem kleinen Dorf. Doch sie kam nie von den Erinnerungen los. Ich hörte von ihren Briefen – Anklagende Briefe, die sie an Zeitungen zur Veröffentlichung geschickt hatte. Sie klagte die an, die Kinder zu Werkzeugen gemacht hatten. Auch sie hatte Recherchen durchgeführt. Ich war erschrocken, als ich meinen Namen in einem der Briefe lesen durfte. Es war ihr letzter Brief. Sie entschuldigte sich bei mir, bei allen anderen Kindern, dass sie nicht mehr konnte. Wenige Tage später fand ich einen winzigen Nachruf, in dem stand, dass sie sich selbst das Leben genommen hatte.

Ash. Auch er hatte sich selbst seinen Namen gegeben – benannt nach all der Asche, die nach dem Krieg übrig geblieben ist. Verbrannte Reste einstigen Glücks und Wohlstands, früherer Geschichten. Er hatte überlebt. Wirklich überlebt. Ash lebte. Er hatte Glück gehabt und war erst kurz vor Ende des Krieges überhaupt zum Dienst freigegeben worden. Trotzdem hatte er viel erlebt. Zu viel. Kaum ein Erwachsener könnte diese Last tragen, wie soltle es ein Kind können? Doch er hatte es geschafft. Er lebte. Auch er hatte in dem Brief Erwähnung gefunden.

Ich würde ihn treffen. Zum ersten Mal hätte ich jemanden, der wirklich verstand, was mit mir, mit uns passiert war. Durch welche Höllen wir gegangen sind, wieviel wir ertragen mussten. Auch er hatte Nachforschungen angestellt. Wir würden Namen austauschen und weitere suchen – auch wenn wir mit unserer Suche wohl nie fertig werden würden. Es waren einfach zu viele. Wir würden versuchen, die Familien der Kinder ausfindig zu machen, würden denen ein Denkmal setzen, die schon in der harten Ausbildung gestorben sind.

Warum ich das will? Sie alle sind wie ich. Sie hatten nur weniger Glück.
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