Ein Jahr Hölle

von Kartoshka
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16 Slash
Karma Akabane Nagisa Shiota
19.07.2019
26.04.2020
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29.652
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19.07.2019 3.928
 
Ich denke ganz am Anfang sollte eine Sache gesagt sein; Der Hauptfokus dieser Geschichte wird auf der Beziehung zwischen Karma und Nagisa liegen. Obwohl die Geschichte in meinen Augen Potenzial zu mehr hat, habe ich mich entschieden, derartige Aspekte nicht zu bearbeiten, da ich (1. Zu faul bin und (2. Noch andere Projekte außerhalb von Fanfiktion.de laufen habe um die ich mich kümmern muss.
Nun da dies gesagt wurde, wünsche ich euch Lesern noch ein unterhaltsames Leseerlebnis.




Endlich hatten sie es geschafft
Ein Jahr lang hatte es gedauert, aber endlich war es soweit.
Nagisa Shiota, Kompanieführer der 9. Infanteriekompanie der 27. Ausbildungsdivision des Heeres, und seine Kompanie hatten es durch die unmenschliche Grundausbildung geschafft und standen nun kurz davor, gemeinsam mit tausenden anderen den Diensteid abzulegen.
Eins stand von vorneherein fest; Sie waren keineswegs eine normale Einheit.
Fast alle dreißig Mitglieder hatten zuvor am Ausbildungs- und Erziehungsinstitut für Waisenkinder gelebt. Schließlich wurden sie, Gerüchten zufolge auf Anordnung des Verteidigungsministeriums, an die Akademie für Heeresausbildung versetzt.
Während der Ausbildung waren lediglich zwei neue Kameraden hinzugestoßen; Ritsu und Itona Horibe.
Bei Ersterer hatte es sich überraschenderweise um eine künstliche Intelligenz gehandelt, deren offizielle Bezeichnung Intelligente Kampfeinheit lautete. Zurzeit war sie noch gezwungen ihr Dasein in den elektronischen Geräten der Kompaniemitglieder zu fristen, aber vor wenigen Monaten wurde das Nationale Institut für Kybernetik und Künstliche Intelligenz (NIKKI) damit beauftragt, einen robotischen Körper für sie herzustellen, damit sie aktiv am Kampfgeschehen teilnehmen konnte.
Itona Horibe war in Nagisas Augen ein Problemkind in einer Problemeinheit. Er hatte sich anfangs geweigert, mit seinen Teamkameraden zu kooperieren und auch jetzt nahm er nur widerwillig an Trainingseinsätzen teil. Tat er dies jedoch, zeigte sich schnell, dass er kein gewöhnlicher Mensch war. Er besaß eine unmenschliche Stärke und Nagisa war oft aufgefallen, dass er sich während dem Training zurückhielt, um seine Kameraden nicht zu verletzen. Es war nur zu offensichtlich, dass ihm seine Stärke früher schon Probleme bereitet hatte.
Neben diesen beiden gab es noch eine ganze andere Reihe Sonderlinge in der Kompanie, allen voran Rio Nakamura, die Rekrutin mit den, angeblich, meisten Vermerken in ihrer Disziplinarakte.
Glücklicherweise handelte es sich hierbei nur um Standardvermerke, die kleines Fehlverhalten, wie mangelnde Aufmerksamkeit, ansprachen.
Der Vermerk, der wahrscheinlich am meisten Einfluss auf die spätere Karriere haben würde, gehörte Manami Okuda.
Nagisa erinnerte sich noch genau an das, was damals geschehen war.
Mitten in der Nacht hatten die Sirenen angefangen zu dröhnen, und zwar in dem Takt, der einen ABC-Alarm kennzeichnete. Dies hatte dazu geführt, dass das gesamte Akademiepersonal auf den Exerzierplatz evakuiert wurde. Mit Gasmasken. Um 12 Uhr nachts.
Man musste kein besonders aufmerksamer Mensch sein, um merken, dass alle Rekruten extrem angepisst gewesen waren.
Wie sich herausstellte, hatte eine von Manamis chemischen Mischungen den Behälter, in dem sie aufbewahrt wurde, beschädigt und war ausgetreten. Anschließend war sie verdampft und in das Lüftungssystem gelangt, von wo aus sie sich in alle Bereiche der Akademie verteilt hatte.
Es hatte volle vierundzwanzig Stunden gedauert, bis die Rückstände der Substanz komplett beseitigt worden waren und erst ab da an war es wieder erlaubt gewesen, die Akademie ohne Schutzausrüstung zu betreten.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Rekruten eher mit Zombies zu vergleichen als mit lebenden Menschen und auch dem Akademiekommando war das aufgefallen. Aus diesem Grund fielen die Trainingseinheiten in den Tagen danach aus.
Innerhalb dieser Zeit fand man auch heraus, dass es sich bei der Chemikalie um eins von Manamis Experimenten gehandelt hatte und sie wurde, gemeinsam mit ihrem Truppführer Yuma Isogai und Nagisa, zu einer Anhörung beordert.
Überraschenderweise war bei der Anhörung auch einer der fünf Generäle des Heeresrats anwesend gewesen.
Nagisa konnte sich nicht wirklich an seinen Namen erinnern. Irgendetwas deutsches war es gewesen.
Er konnte sich jedoch gut daran erinnern, dass der General ein gutes Wort für Manami und die 9. Kompanie eingelegt hatte. Aus diesem Grund waren sie auch lediglich mit einer Verwarnung, sowie einem Vermerk in der Akte davongekommen. Zudem wurde in der Akademie ein neues Abteil für Übungen mit chemischen Kampfstoffen gebaut, welches ein eigenes Lüftungssystem hatte.
Da die Anhörung hinter verschlossenen Türen stattgefunden hatte und auch sonst nichts veröffentlicht wurde, war Manami von jeglichen Konsequenzen seitens der anderen Rekruten verschont geblieben.
„Hey, Nagisa.“
Eine Mädchenstimme riss ihn aus seinen Gedanken und er blickte verwundert in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Er konnte gerade so sehen, wie zwei rehbraune Augen ihn über die Planke seines Betts anstarrten.
„Was gibt’s, Kayano?“ Fragte er.
„Nun... “ Begann sie zögerlich. „Die Zeremonie beginnt gleich und Karasuma meint, dass wir uns schon mal vorbereiten sollten.“
„Wenn er das gesagt hat.“ Murmelte Nagisa und richtete sich langsam im Bett auf. Es schien ihm eine schlechte Idee, den Ausbilder zu verärgern.
Obwohl er im obersten Stock eines Drei-Etagen-Betts saß, war zwischen seinem Kopf und der Decke mindestens noch ein Zoll Platz. Dies ersparte Nagisa das Kopfstoßen, was für alle anderen ein fester Bestandteil der Morgenroutine war.
Dies war aber auch der einzige Vorteil, den ihm seine Größe gewährte. In allen anderen Aspekten hinkte er dank dieser nämlich hinterher. Sogar Kayano schaffte es im unbewaffneten Kampf regelmäßig, ihn zu besiegen.
Dafür war Nagisa ein wahres Talent mit Nahkampfwaffen. Er war leichtfüßig und schaffte es fast immer, sich hinter seine Gegner zu schleichen und zuzuschlagen, bevor sie es bemerkten.
Auch mit Schusswaffen war er nicht ganz unfähig.
Zumindest behauptete Karasuma das immer.
Nagisa hingegen mochte die Dinger nicht.
Er hasste den Rückschlag den die Waffen, allen voran das Präzisionsgewehr, verursachten. Mit Pistolen konnte er sich noch anfreunden, aber von allem anderen ließ er lieber die Finger.
Der einzige Grund warum er überhaupt ein Gewehr trug, war die Tatsache, dass es Vorschrift für jeden Kompanieführer war, ein Sturmgewehr bei sich zu tragen.
Die Müdigkeit noch in den Gliedern, hüpfte Nagisa vom Bett und landete auf dem Boden, direkt neben Kayano.
Er betrachtete sie.
Sie trug denselben weißen Trainingsanzug wie er, bestehend aus Leggings und einem enganliegenden Hemd. Ihre hellgrünen Haare hatte sie in derselben Frisur wie immer, nur hatte sie in den etwas höherstehenden Haaren zwei weiße Bänder befestigt, die ihr bis auf die Schulter fielen.
Sie hatte schon mehrere Wochen im Voraus angekündigt, dass sie diese bei der Zeremonie tragen würde. Angeblich waren sie ein Geschenk gewesen, das ihre verstorbene Schwester ihr hinterlassen hatte.
Während Nagisa sie betrachtete lächelte Kayano nur und meinte: „Komm schon. Wir wollen Karasuma doch nicht den ganzen Tag warten lassen, oder?“
„Auf keinen Fall!“ Erwiderte Nagisa schnell, als er sich unfreiwillig daran erinnerte, was das letzte Mal passiert war, als er verschlafen hatte.
Er und Kayano machten sich auf den Weg zu den Spinden, welche sich praktischerweise direkt neben der Tür befanden.
Nagisa öffnete seinen Spind und holte die schneeweiße Uniform heraus.
Sie bestand aus einer Jacke, einer Hose und einer Veste, die allesamt im selben weiß-grau-Tarnmuster gehalten waren. Paradeuniformen gab es in dieser Armee nicht. Laut Angaben des Verteidigungsministeriums waren diese zu teuer. Man hatte sich stattdessen entschieden, die normalen Felduniformen mit Knöpfen an den Ärmeln auszustatten, an denen Stoffstreifen befestigt werden konnten. Die Streifen für Nagisas Uniform waren Orange, die offizielle Farbe des Heeres.
Zusätzlich mussten alle Soldaten ab dem Rang des Truppführers eine Schärpe tragen, ebenfalls in Orange.
Kayano war eine einfache Feldsoldatin, daher konnte sie auf ein derartiges Accessoire verzichten.
Nagisas Schärpe hingegen trug einen zusätzlichen schwarzen Streifen, um seine Position als Kompanieführer zu signalisieren.
Er seufzte unmerklich, als er sie anlegte. Er würde es zwar nicht als unangenehm bezeichnen, trotzdem missfiel es ihm, im Zentrum aller Aufmerksamkeit zu stehen.
Die Heeresakademie konnte pro Jahr maximal eine halbe Millionen Soldaten ausbilden, das machte etwa dreizehntausendfünfhundert Kompanieführer. Laut den Informationen über den aktuellen Jahrgang waren alle Lehrgänge voll besetzt gewesen, sowohl hier als auch in den zwei anderen Akademiestädten.
Nagisa und seine Klasse hatten bei der Auswahl ihrer Akademie kein Mitspracherecht gehabt und wurden ohne Auswahlverfahren an die Heeresakademie geschickt. Obwohl Nagisa sich ausmalen könnte, enttäuscht zu werden, so vermutete er doch, dass die Ausbildung in der Luftwaffe oder der Kriegsmarine sehr viel aufregender war.
Er sehnte sich nach dem Meer und dem Himmel. Oh, wie er die Piloten auf den Flugzeugträgern beneidete, denn die hatten beides.
Erneut wurde er unsanft in die Realität zurückgeholt, als die Tür aufgestoßen wurde. Karasuma stürmte in den Raum und rief: „Kompanieführer Shiota und Rekrut Kayano, ANTRETEN!“
Wie der Blitz stellten sich Nagisa und Kayano nebeneinander und nahmen ihre militärische Haltung an.
„Sir, Ausbilder.“ Rief Nagisa. „Kompanieführer Shiota und Rekrut Kayano melden Einsatzbereitschaft.“
Einen Moment lang sah Karasuma die beiden an. Schließlich meinte er: „Das bezweifle ich. Legen sie ihre restliche Paradegarnitur an und beeilen sie sich. Die Zeremonie beginnt in einer halben Stunde.“
Nagisas Augen weiteten sich und er gab hastig zurück: „Z-Zu Befehl, Ausbilder.“ Während Karasuma den Raum wieder verließ.
Er drehte sich um und befestigte die Stoffstreifen an seinen Armen, bevor er noch sein Mundtuch aus dem Spind nahm, und es sich um den Hals legte. Zusätzlich dazu hatte er noch eine dünne Strickmütze, die er sich auf den Kopf zog.
Er drehte sich zu Kayano um, welche inzwischen auch ihre Paradegarnitur angelegt hatte. Lediglich ihre beiden Helme waren noch in den Spinden verstaut.
„Komm schon.“ Meinte Nagisa, während er den Helm aus dem Spind nahm und das Quartier verließ. Kayano zögerte keine Sekunde und folgte ihm flinken Fußes.
Ihr nächstes Ziel war die Waffenkammer, von wo sie sich ihre Dienstwaffen abholen mussten.
Eigentlich hatte Nagisa nichts gegen ein bisschen Sport am Morgen.
Es gab nur ein Problem: Die Akademie war riesig.
Den offiziellen Angaben zufolge hatte die Akademie eine Fläche von 50 Quadratkilometern, was alles von Quartieren über Schießbahnen bis hin zu riesigen Panzerhangars beinhaltete.
Erneut, dies war an sich nicht schlimm, wäre da nicht die Tatsache, dass man fast überallhin laufen musste. Egal wann. Egal wohin.
Der einzige Trost war, dass die Waffenkammer sich von Nagisas Quartier aus direkt auf dem Weg zum Exerzierplatz befand.
Während er durch die Gänge hastete setzte er noch seinen Helm auf, den er davor unter dem Arm getragen hatte.
Nach etwa einer Minute standen Nagisa und Kayano vor der Tür zur Waffenkammer. Nagisa zog seine Dienstkarte über den Sensor neben der Tür, welche sich daraufhin mit einem leisen Zischen öffnete.
Sie traten ein und begaben sich direkt zu den Waffenschränken, die die Sturmgewehre enthielten.
Beide nahmen sich je eines, inspizierten es hastig und machten sich auf den Weg zum Exerzierplatz.
Der eisige Wind schlug ihnen entgegen und Nagisa war froh, dass sie gerade Hochsommer hatten, denn im Winter erreichten die Temperaturen im Durchschnitt fünfzig Grad unter null.
Der Exerzierplatz war voll mit Rekruten, ihren Ausbildern und Nagisa konnte durch die Reihen von fast-Soldaten hin und wieder Offiziere höheren Ranges erkennen, die nicht von der Akademie zu kommen schienen.
Dies erkannte er daran, dass sie weder die grauen Uniformen der Ausbilder, noch die Paradegarnitur der Rekruten trugen.
Schließlich zog eine Stimme seine Aufmerksamkeit auf sich: „Shiota, Kayano! Hier drüben!“
Er blickte in die Richtung, aus der die Stimme kam und sah, wie Karasuma ihnen zuwinkte.
Schleunigst bahnten sie sich ihren Weg durch die Menge, bis sie schließlich vor Karasuma standen.
„Kayano, reih dich ein.“ Befahl er. „Shiota, Anwesenheit der Rekruten überprüfen.“ Mit diesen Worten drückte er Nagisa eine Liste mit den Namen aller Kompaniemitglieder in die Hand.
„Isogai?“ Rief er, woraufhin der braunhaarige Junge seine Hand hob.
„Anwesend!“
Nagisa nickte und las den nächsten Namen vor.
„Kataoka?“
Die Hellhaarige Megu Kataoka hob ihre Hand genauso wie Yuma davor.
„Anwesend!“
Nagisa nickte erneut und wendete sich dem letzten Namen zu.
„Ritsu?“
„Anwesend!“ Tönte es durch sein Headset.
„Verstanden.“ Meinte Nagisa. „Wie steht es um die einzelnen Mitglieder eurer Trupps?“
„Ham‘ wir bereits gemacht.“ Meinte Yuma. „Jetzt wo auch Kayano hier ist, sind wir vollzählig.“
Nagisa nickte zustimmend. „Dann sollten wir uns schon einmal in Position begeben.“
Er holte tief Luft und rief: „Kompanie, Achtung!“
Die Rekruten, die vorher noch lässige Haltungen eingenommen hatten, standen von einem Moment auf den Nächsten stramm, bereit Nagisas nächsten Befehl entgegenzunehmen.
„Kehrtwendung.“ Befahl Nagisa und die Rekruten drehten sich allesamt mit dem Rücken zu ihm.
Er selbst positionierte sich vor der Kompanie und holte seine Trillerpfeife aus einer seiner Westentaschen.
Das schrille Geräusch machte den anderen Kompanien, welche noch nicht vollzählig waren, klar, dass es an der Zeit war, den Weg freizumachen, was diese auch bereitwillig taten.
„Vorwärts, Marsch!“
Mit diesen Worten setzte sich die Kompanie endgültig in Bewegung.
Nagisa marschierte an der Spitze, während er hinter sich immer wieder das Geräusch von dreißig, gleichzeitig auf dem Boden auftretenden, Fußpaaren vernehmen konnte.
Das Marschieren war so ziemlich das Erste gewesen, was sie an der Akademie gelernt hatten. Karasuma hatte sie überallhin marschieren lassen. Zum Training, zum Essen, ja sogar auf die Toilette.
Schließlich kamen sie an der, ihnen zugeteilten, Stelle auf dem Platz an.
Die Rekruten positionierten sich nebeneinander, während Nagisa in Gedanken noch einmal den Ablauf der Zeremonie durchging.
Zuerst würde der Akademieleiter eine Rede bezüglich des diesjährigen Lehrganges halten, die Hochs und Tiefs ansprechen. Anschließend würden die Kompanieführer gemeinsam den Diensteid ablegen. Danach würden die Rekruten auf ihre Quartiere zurückkehren und von ihren Ausbildern über den weiteren Verlauf des Tages informiert werden.
Beim Gedanken an das Ablegen des Diensteids fühlte Nagisa sich unwohl. Er würde sich von seiner Kompanie entfernen müssen und mit über dreizehntausend anderen Kompanieführern den Platz direkt vor dem Rednerpult einnehmen, wo sie für ihre Soldaten den Diensteid ablegen würden müssten.
Obwohl er es nicht zugeben würde, hatte er doch Angst alleine unterwegs zu sein. Die 9. Kompanie zählte nicht gerade zu den beliebtesten Einheiten. Sie hatten sich schon oft mit anderen Rekruten in die Haare bekommen, waren meistens aber siegreich aus den Konfrontationen hervorgegangen. Nagisa hatte jedoch nicht das Gefühl, dass es aufgrund ihres Könnens gewesen war, sondern eher, weil die anderen Einheiten keine wirkliche Lust gehabt hatten, sich mit ihnen herumzuärgern.
„Die Zeremonie beginnt in fünf Minuten. Alle Rekruten, Ausbilder und anderes Personal werden gebeten, ihre vorgesehenen Plätze einzunehmen.“
Die Lautsprecherstimme hallte über den ganzen Exerzierplatz und Nagisa merkte, wie jegliche Gespräche zwischen den Rekruten ein jähes Ende fanden.
Er drehte sich zu seiner Kompanie um.
Sie alle lächelten ihn an und Rio rief sogar: „Du kriegst das hin!“
Nagisa sah zu Boden und murmelte ein verlegenes „Danke sehr“, bevor er sich umdrehte und auf den Weg in die vorderen Reihen machte.
Die Reihen in unmittelbarer Nähe des Rednerpultes waren vergleichsweise dünn besetzt. Alle Offiziere hier trugen dieselbe Schärpe wie Nagisa, orange mit einem schwarzen Streifen. Einige von ihnen wendeten ihre Köpfe, als sie den kleinwüchsigen Kompanieführer entdeckten.
Nagisa ignorierte sie, da sie sich offenkundig über seine Größe lustig machten.
Er positionierte sich in der ersten Reihe in einer Lücke, die seines Empfindens nach groß genug war. Sie würde zwar aufgefüllt werden, aber bis dahin würde er genießen, was er hatte.
Danach würde ohnehin die Zeremonie beginnen, dann hatten die Offiziere keine Zeit mehr, sich über seine Größe lustig zu machen.
Mit der Zeit wurde die Lücke immer enger, bis Nagisa sich schließlich Schulter an Schulter mit zwei anderen Offizieren fand, die auf ihn wie Riesen wirkten.
Eine Zeit lang passierte nichts, bis Nagisa aus dem Augenwinkel eine Person erspähen konnte, die auf die Bühne stieg.
Ein großer, schwarzhaariger Mann nahm hinter dem Pult Stellung und sprach schließlich in das Mikrofon.
„Ich grüße sie, Rekruten.“
„Grüße, Herr Oberkommandant.“ Gaben die Soldaten in einem tosenden Chor zurück, in dem die Stimme des Einzelnen unterging.
Der Oberkommandant nickte und fuhr fort: „Wie jedes Jahr ist es mir eine große Ehre, die Abschlusszeremonie für die Heeresakademie leiten zu dürfen. Sie haben sich bereit erklärt, ihr Leben für die Sicherheit unserer Nation aufs Spiel zu setzen und in meinen Augen kann es keinen größeren Beweis für ihre Opferbereitschaft geben. Die letzte Hürde, die sie überwinden müssen, bevor sie das Recht haben, sich Soldaten zu nennen, ist das Ablegen unseres Diensteids. So wie es Tradition ist, werden die Kompanieführer diese Aufgabe wahrnehmen.“
Nagisa sah zu, wie der Oberkommandant in eine seiner Taschen griff und ein kleines Buch hervorzog. Er legte es auf das Pult und fing an vorzulesen.
„Wir, die Kompanieführer des Heeres, schwören hiermit absolute Treue gegenüber unserem Vaterland und seinen Werten. Wir schwören, sie gegen alle Bedrohungen, egal ob von innen oder von außen, zu verteidigen. Wir schwören Treue gegenüber unseren Kameraden, sie niemals im Stich zu lassen und ihnen beizustehen, wann immer sie uns brauchen, so wahr die Engel uns helfen.“
So wie sie es gelernt hatten, formte Nagisa seine linke Hand zur Faust und legte sie auf seine Brust. Dann begann er, zusammen mit den anderen, die Worte des Oberkommandanten nachzusprechen.
Inmitten des gewaltigen Chors war es Nagisa nicht möglich, seine eigene Stimme zu hören, obwohl er fühlen konnte, wie seine Zunge sich bewegte.
Auch wenn er sich nicht direkt bedroht fühlte, so war es doch respekteinflößend und er war froh, als die Stimmen sich wieder legten.
Damit war der Eid zwar abgelegt, aber die Zeremonie noch nicht vorbei. Als nächstes stand Salutschießen auf dem Plan.
Im selben Moment wie alle anderen vollführte Nagisa eine Neunzig-Grad-Drehung nach rechts. Er nahm sein Gewehr von der Schulter und richtete es gen Himmel.
Er spürte, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Wenn etwas schieflief, dann würde er zum Gespött des Heeres werden.
„Feuer frei.“ Rief der Oberkommandant.
Nagisas Finger betätigte den Auslöser und er spürte, wie das Gewehr gegen seine Schulter drückte, als die Patrone das Rohr verließ.
Ein leises Klimpern verriet ihm, dass die Patronenhülse ausgeworfen worden war.
Dies passierte sieben weitere Male und bei jedem Mal zuckte er innerlich zusammen.
Schließlich war es vorbei.
Erneut erfüllte Stille den Platz, bis sie ein weiteres Mal von der Stimme des Oberkommandanten durchbrochen wurde.
„Meine Glückwünsche an sie alle. Sie sind nun offiziell Soldaten des Heeres. Die Zeremonie ist hiermit beendet. Begeben sie sich zu ihren Quartieren. Dort werden ihre Ausbilder ihnen ihre Stationierungsbefehle überreichen.“
„Zu Befehl.“ Donnerte es erneut und ohne, dass jemand etwas weiteres sagen musste, war die Zeremonie beendet.
Natürlich lösten sich die Formationen nicht einfach auf.
Stattdessen mussten die Kompanien auf ihre jeweiligen Anführer warten und anschließend geordnet vom Platz heruntermarschieren.
Nichtsdestotrotz machte der Platz nun einen sehr viel unruhigeren Eindruck auf Nagisa.
Die Mitglieder seiner Kompanie hatten sich schon in kleinere Gespräche verwickelt, als er endlich bei ihnen ankam.
Rio sah auf und fragte lässig: „Und, was hältst du vom Oberkommandanten?“
Nagisas Mundwinkel spitzten sich leicht, als sie das fragte.
„Nun,“ Meinte er. „Ich habe auf jeden Fall nicht den Eindruck, dass er das zum Spaß macht.“
„Stimmt.“ Meinte Rio. „Ich weiß zwar nicht wie ernst die Situation da draußen wirklich ist, aber er schien ziemlich begeistert über eine halbe Millionen neue Einheiten an Kanonenfutter.“
„Das stimmt schon.“ Meinte Nagisa nachdenklich, als Karasuma in plötzlich von hinten anschrie.
„Kompanieführer Shiota. Nehmen sie sofort ihren Platz ein. Sie mögen jetzt vielleicht ein Soldat sein, aber solange sie unter dem Dach dieser Akademie leben, werden sie auf mich hören.“
„Verstanden.“ Gab Nagisa zurück, als er seine Position einnahm.
„Ich begebe mich jetzt in die operative Zentrale, um ihren Stationierungsbefehl zu holen.“ Informierte Karasuma ihn. „Wenn ich wieder da bin, möchte ich, dass sie alle abmarschbereit sind.“
„Verstanden, Ausbilder.“ Gab die Kompanie im Chor zurück.
Karasuma nickte ein letztes Mal, bevor er sich auf den Weg machte.
Einige Momente, nachdem er gegangen war, begannen die Mitglieder der Kompanie wieder, sich zu unterhalten.
Nagisa musste seine Position mehrere Schritte von seinen Kameraden entfernt einhalten, aber konnte dennoch einige Wortfetzen mitnehmen.
Es ging darum, wohin sie wohl versetzt würden.
Einige hofften darauf, in echtes Kriegsgebiet reisen zu dürfen. Wofür hatten sie denn sonst all die Jahre trainiert.
Andere sahen es sehr viel realistischer und waren der Meinung, dass sie in einer der endlosen Militärbasen inmitten der Eiswüste enden würden.
Nagisa persönlich wäre es am liebsten gewesen in eines der Schutzbataillone versetzt zu werden. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, in den eigenen Städten mit der lokalen Exekutive zusammenzuarbeiten.
Wahrscheinlicher war aber, dass sie enttäuscht werden würden. Das war schließlich schon oft passiert.
Endlich war es soweit und ihre Kompanie war an der Reihe abzumarschieren.
Während sie in Richtung der Baracken marschierten fingen einige an, eins der unzähligen Soldatenlieder zu singen, dass sie während der Ausbildung gelernt hatten.
Nagisa sang mit, wenn auch nur in seinem Kopf.
Schließlich erreichten sie die Baracken, wo die Soldaten ohne Umschweife begannen, sich auf die Abreise vorzubereiten.
Nagisa brauchte nicht lang um seine Besitztümer zusammenräumen. Er besaß nur wenige Dinge, denen er persönlichen Wert zuschrieb.
Neben einem Bild, dass sie gemacht hatten, als sie noch eine Schulklasse aus Waisenkindern waren, hatte er nur noch eine Strickmütze, die Kayano ihm damals gemacht hatte.
Aus welchem Anlass genau, daran konnte er sich nicht mehr erinnern.
Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Heeressoldat, der eine Kiste trug, betrat den Raum.
Auf seinem Arm hatte er einen gelben Olivenkranz, was seine Zugehörigkeit zur Logistikabteilung anzeigte.
„9. Kompanie der 27. Division, richtig?“ Fragte er, was von den anderen mit einem Nicken beantwortet wurde.
„Dann bin ich hier richtig.“ Meinte er, stellte die Kiste ab und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Einen Moment lang sahen sich die Soldaten verwirrt an, doch dann warf Nagisa einen Blick auf die Kiste und bemerkte die Aufschrift.
„Das ist vom NIKKI.“ Meinte er aufgeregt.
„Mach es auf. Mach es auf.“ Drängte ihn Ritsus Stimme durch sein Headset.
Nagisa zögerte keinen Moment und entfernte den Deckel von der Kiste. Zum Vorschein kam glänzender Stahl, in dem sich sein Gesicht fast spiegelte.
Gemeinsam mit Rio und Yuma war er in der Lage, das, was sich als stählerner Körper herausstellte, aus der Kiste zu heben.
„Das sind mindestens achtzig Kilo.“ Keuchte Yuma, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte.
„Das kannst du doch nicht einfach so sagen.“ Schnauzte Ritsu ihn an, halb entsetzt, halb zornig.
„‘Tschuldige.“ Gab Yuma kleinlaut zurück.
Nagisa betrachtete währenddessen den Stahlkörper.
Er war durchschnittlich gebaut, so wie man es von einem Mädchen wie Ritsu erwarten würde, wusste man nicht, dass sie eine KI war.
Das einzige nicht-durchschnittliche war die Tatsache, dass dem Körper alles fehlte, was man auch nur entfernt als Kopf bezeichnen konnte. Stattdessen befand sich dort einfach nur eine kreisförmige Fläche.
Jene Oberfläche leuchtete jedoch im nächsten Moment auf und Ritsus Kopf erschien als Projektion.
„Whoa, das ist ja krass.“ Meinte sie, als sie versuchte, aufzustehen.
„Das fühlt sich richtig komisch an.“ Fuhr sie fort und Nagisa konnte sich durchaus vorstellen, was in ihr vorging.
„Du solltest erst mal lernen, dein Gleichgewicht zu halten.“ Meinte er und streckte seine Hand aus.
Im nächsten Moment stand Ritsu auch schon auf beiden Beinen, wenn auch etwas wackelig.
Die nächste Zeit verbrachte sie damit, zu versuchen sich auf den Beinen zu halten. Wann immer sie stolperte, half Nagisa ihr auf.
Irgendwann wurde die Tür geräuschvoll von Karasuma geöffnet.
„Warum zur Hölle habt ihr noch nicht fertig gepackt?“ Rief er, verstummte aber sofort, als er Ritsus Androidenkörper entdeckte.
Rio blickte auf die Uhr, die neben der Tür hing und fragte dann: „Wo waren sie eigentlich so lange, Ausbilder? Ich glaube kaum, dass eine routinemäßige Besorgungstour eine halbe Stunde braucht.“
„Gut beobachtet, Nakamura.“ Meinte Karasuma und Nagisa war sicher, den Anflug eines Lächelns auf dem Gesicht des Ausbilders erkennen zu können. „Das liegt daran, dass ich zwei Drittel meiner Zeit damit verbracht habe, die Echtheit ihres Stationierungsbefehls zu überprüfen.“
„Wiese denn das?“ Nagisa sah ihn ungläubig.
„Sehen sie es sich selber an.“ Gab der Ausbilder zurück, als er Nagisa das Blatt hinreichte.
Nagisa benötigte ein paar Momente, um überhaupt zu verstehen, was dort geschrieben stand.
„Das meinen die doch nicht ernst, oder?“
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