Die verschneite Hütte im Wald

von Maryanna
GeschichteKrimi, Thriller / P18
17.07.2019
14.08.2019
4
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Hallo lieber Leserinnen und Leser! Das Kapitel kommt leider mit etwas Verzögerung, ist dafür aber etwas länger geworden. Hoffentlich gefällt es euch, und lasst gerne eine Review da, damit ich auch weiß, ob die Geschichte gut ist, wie sie ist. Viel Spaß beim Lesen :)



Während Maria stumm blieb vor Überraschung, ergriff Charlie das Wort. »Herr Lützow« sagte sie laut, »Was machen Sie denn hier?«
Es war tatsächlich Herr Lützow, der vor ihnen in der Hütte stand. Er sah Maria noch einen Augenblick erstaunt an, bis sein Blick zu Vincent und schließlich zu Charlie wanderte, die er mit unverständlicher Miene fokussierte. »Die Frage ist wohl eher, was Sie hier machen« korrigierte er sie.
»Nun ja, Martin hat uns eingeladen, in der Hütte seiner Eltern die Winterferien zu verbringen. Daher ist die Frage doch wirklich, was Sie hier machen« gab Charlie zurück und betonte das Wort »Sie« dabei in einer Weise, die mehr als deutlich machte, dass ihr seine Anwesenheit überhaupt nicht passte.
Aber anstelle einer Erklärung gab er nur einen seiner undeutbaren Blicke zum Besten, der sich aus Skepsis und Neugier zusammensetzte. Unschlüssig betrachtete er die Schüler vor sich und überlegte offensichtlich, wie er sie loswerden sollte, als ein lautes Donnern am Himmel sie alle zusammenfahren ließ.
»Kommen Sie doch erstmal herein« war jetzt das einzige, das ihm zu sagen übrig blieb, und so machte er ihnen den Weg frei. Charlie ging an ihm vorbei, nicht ohne ihm einen abschätzigen Blick zuzuwerfen. Vincent folgte ihr und setzte eine dankende Miene auf. Maria war die Letzte. Sie sah Herrn Lützow noch immer voller Überraschung an, da seine Anwesenheit hier überhaupt keinen Sinn ergab.
Die drei betraten den vorderen der beiden Räume, die sich an einem schmalen Flur befanden. Das Haus war wohl ein reiner Holzbau, denn auch hier setzte er sich aus knarrendem und ein wenig staubigem Parkettboden sowie den Holzwänden zusammen. Der Raum war spartanisch eingerichtet: Es standen zwei einfache Betten in den hinteren Ecken, die keinen allzu bequemen Eindruck erweckten, und ein Schrank an der rechten Wand, der aufgrund der relativ niedrigen Decke von geringer Größe war. Außerdem lag ein dicker Teppich auf dem Boden, der zwar nicht unbedingt sauber, wohl aber gemütlich aussah im Vergleich zur matschigen und hartgefrorenen Erde. Hätte draußen die Sonne geschienen, so wäre genügend Licht in den kleinen Raum gefallen, um ihn ausreichend zu erhellen. Das Problem löste nun aber eine kleine Deckenlampe, die Herr Lützow anschaltete, während er sich räusperte. Fragend sah er seine Schüler an, die in voller Montur im Raum standen, noch immer mit zitternden Gliedern, dabei aber vollkommen freudestrahlend.
Es war Charlie, die das Wort ergriff. »Jetzt könnten Sie uns freundlicherweise erklären, was Sie in Martins Hütte machen«. Es war eine eindeutige Aufforderung, die an Unhöflichkeit und Ungeduld nicht zu überbieten war.
Maria wusste, dass Herr Lützow sehr unangenehm werden konnte, wenn freche und vorlaute Schüler seine Geduld strapazierten oder seine Autorität mit den Füßen traten, also sah sie ihn halb erwartungsvoll und halb furchtsam an. Aber zum Glück war das hier keine dieser Lateinstunden, in denen man jede Sekunde damit rechnen musste, drangenommen zu werden, um etwas zu deklinieren oder zu konjugieren, eine Satzstruktur zu erkennen oder einen Fehler zu bestimmen. Das Schlimmste war, wenn man die Lösung nicht wusste und dann immer ein bedrohliches Schweigen den Raum erfüllte, bis Herr Lützow mit bemüht freundlicher Stimme sein schweres Urteil fällte, das streng war und einem vor Augen führte, dass ein Ausfall gar nicht so unwahrscheinlich war.
Es war offensichtlich, dass Herr Lützow nicht die Notwendigkeit sah, auf Charlies Unfreundlichkeiten einzugehen. Und so überging er ihre Frage geflissentlich, indem er seinerseits fragte: »Was denken Sie sich eigentlich dabei, bei dieser Kälte durch den Wald zu irren? Noch dazu so kläglich vorbereitet«. Er wies dabei auf die Rücksäcke, die sie bereits neben der Tür abgestellt hatten, und betrachtete skeptisch ihre Schuhe. Es war natürlich etwas dran an dem, was er gesagt hatte, denn sie hatten sich nicht auf drei Tage Wanderurlaub bei Eiseskälte vorbereitet. Nachts war es besonders schlimm gewesen; da hatte keiner der dreien seine Zehen spüren können, und sie mussten einige Zeit mit ihnen hin- und herwackeln, um wieder Gefühl reinzubekommen.
Nach einigen Momenten in der Hütte allerdings wurden die Jacken unnötig, und so hängten sie sie an ein Brett mit Haken, auf das Herr Lützow wies. »Jedenfalls kann ich Sie heute nicht mehr gehen lassen ... einer muss schließlich vernünftig sein«.
Während Charlie aussah, als wollte sie zu einer giftigen Erwiderung ansetzen, waren Vincent und Maria mehr als dankbar, fürs Erste einer hitzigen Diskussion zu entgehen - Herr Lützow hatte mehr als deutlich gemacht, dass er die Autoritätsperson war, auch wenn sie sich nicht in der Schule befanden, und seine Abneigung war nicht leicht zu tragen.
Er bedeutete ihnen, sich erst einmal die schwere Kleidung auszuziehen und einen Moment der Erholung zu gönnen, während er selbst den Raum verließ, um nebenan eine Mahlzeit vorzubereiten. Da kam auch schon der Hunger in ihnen auf. Was hatten sie in den letzten Tagen auch schon gegessen neben Müsliriegeln und harten Broten? So langsam regten sich auch andere Bedürfnisse, und sie alle suchten hintereinander das WC auf, das unschwer zu finden war bei einer Hütte mit gerade einmal zwei anderen, aber größeren Zimmern, die vom Flur abführten. Das WC machte - wie auch der Rest des Hauses - nicht den allerbesten Eindruck. Natürlich war hier alles alt und staubig, und nur kaltes Wasser kam aus dem vorzeitlichen Wasserhahn am Waschbecken. Um die Spülung zu bedienen, musste man oben an einer Strippe ziehen. Auch die Dusche sah nicht besonders einladend aus, und Maria grauste es bei dem Gedanken, sich unter dem kalten Wasser duschen zu müssen.
Auf dem Weg zurück in das “Schlafzimmer“ erhaschte sie einen Blick auf Herrn Lützow, der im hinteren Zimmer, das gegenüber von der Toilette lag, über einen antiken Herd gebeugt war. Er trug solche Kleidung, in der man ihn ausnahmslos in der Schule zu sehen bekam: ein ordentlich gebügeltes Hemd, das sorgsam in die Hose gesteckt war; dazu einen mondänen Gürtel und passende Schuhe, die zwar schick, aber nichtsdestoweniger abgelaufen waren.
Ihr ging der Gedanke durch den Kopf, dass dieser Mann so eigenartig in seinen Gehabe war: Immer auf einen perfekten Eindruck bedacht, ganz gleich, wie absurd dieser Wille auch war, denn immerhin befand er sich in einer vom nächsten Dorf sehr weit entfernten Hütte im Gebirge, die morgen tief im Schnee liegen würde, und er hatte offensichtlich nicht erwartet, seinen Schülern zu begegnen. Selbst sein rotblondes, kurzes Haar trug er in der üblichen ordentlichen Weise.
Und wenn das alles den Eindruck eines anständigen, gepflegten und ordentlichen Mannes vervollkommnete, so bestätigte es auch eines der vielen Klischees, die über Schwule kursierten. Zu dieser Erkenntnis trug auch Marias Wissen darüber bei, dass Herr Lützow einen Lebensgefährten hatte. Wo der bloß war? Ganz offensichtlich waren sie zu viert in der Hütte, denn auch nach einer knappen Stunde hatte sich nicht viel getan, als dass die drei sich aufgewärmt und halbwegs eingerichtet hatten.
Irgendwann kam Herr Lützow ins Zimmer und erklärte, dass das Essen fertig wäre. Ein wahrer Grund zur Freude. Ausgehungert folgten sie dem Lehrer ins Nebenzimmer und setzten sich an einen alten, einfachen Holztisch, umringt von vier alten, einfachen Holzstühlen. Auch hier befand sich ein Fenster, welches eigentlich den Zweck hatte, Licht ins schäbige Zimmer zu bringen. Stattdessen gab es nun den Blick auf eine weiße Wand frei, denn der Schnee fiel unablässig vom Himmel.
Ansonsten befand sich eine erbärmliche Küchenwand auf der einen Seite des Raumes, die dem Ruf der 60er Jahre kein Kompliment machte. Unter den Küchenschränken guckte eine abscheuliche Tapete hervor, die die restliche, holzvertäfelte Wand in einem umso schöneren Licht strahlen ließ.
Die Teller, von denen sie ihre aufgewärmten Nudeln aßen, passten hervorragend zu der sonstigen Ausstattung des Raumes, wie auch dem Geruch, der sich wahrscheinlich seit Jahrzehnten in den hölzernen Wänden hielt.
Um die Pracht der Unterkunft in Worte zu fassen, sagte Charlie in ihrer so typischen Freundlichkeit: »Ich kann verstehen, dass diese Hütte es wert ist, im Schnee die Berge hinaufzuwaten«. Doch gleich darauf veränderte sich ihr Ton schlagartig: »Jetzt mal im Ernst. Was machen Sie in der Hütte von Martins Eltern?«
Herr Lützow ging auf ihre Provokationen gar nicht erst ein. Stattdessen kaute er in aller Ruhe den Bissen Essen in seinem Mund fertig, bis er sich zu einer Antwort entschloss. »Ich befinde mich hier in meiner Hütte und habe es nicht nötig, Ihre Frechheiten zu erdulden. Sie dagegen schulden mir eine Erklärung für Ihre Anwesenheit«.
Nachdem sich Maria für Charlies Benehmen entschuldigte, hob Vincent zu einer Erklärung an: »Maria, Charlie und ich wollten in den Winterferien zusammen verreisen. Das war so als gemeinsame Reise vor dem Abitur gedacht. Dann kam Martin mit der Idee, wir könnten alle zusammen in die Alpen, weil seine Eltern da eine Hütte haben. Der Weg hierher war zwar schwierig zu finden, aber jetzt sind wir immerhin da«.
Herr Lützow ließ ihn kaum ausreden. »Ja, ich kenne Martin. Und wo ist er jetzt?«
»Er hat kurzfristig abgesagt, denn ihm ging es wohl nicht so gut. Aber er hat uns eine Wegbeschreibung gegeben, damit wir auch alleine hierher können«.
»Und Sie haben sich auf dem Weg hierher verirrt, sagen Sie?«
»Ja, aber ...« hob Vincent an, doch Herr Lützow unterbrach ihn. »Ihr habt euch verirrt, weil die Wegbeschreibung zu nichts zu gebrauchen war«.
»Ja« gab Maria zu. Sie ahnte, worauf er hinauswollte.
»Aber warum sollte Martin uns irgendwo hinführen, wo es gar kein Ziel gibt? Es ist doch gefährlich, sich im Gebirge zu verirren ... ohne jede Ausrüstung, wo es doch so kalt ist ...« stammelte Vincent.
»Nun, ich habe eine Ahnung« sagte Herr Lützow und stand auf, um seinen Teller neben die verkalkte Spüle zu stellen. »Aber das ist Ihre Sache. Fakt ist: Das ist nicht Martins Hütte«. Er drehte sich wieder zu ihnen um und machte eine weit ausholende Geste. »Martin hat hier überhaupt keine Hütte. Allerdings kann so manches Verhalten dazu führen ...« und hier sah er Charlie an, »dass sich andere einem selbst gegenüber genauso verhalten.«
Mit diesen Worten nahm er die restlichen Teller vom Tisch und machte sich an den Abwasch.
Vincent aber sprang vom Tisch auf und stürmte aus dem Zimmer. Charlie sah ihm verblüfft nach, während Maria ihm eilig folgte. Er schnappte sich seine Jacke und lief raus in die Kälte, um dort wütend gegen den Schnee zu treten, der sich inzwischen zu einer beachtlichen Schicht geformt hatte. Dann kramte er die Liste aus seiner Tasche und zerriss sie mit einem wütenden Schrei. »Dieser Scheißkerl!« Als Maria behutsam seinen Namen sagte, drehte er sich abrupt zu ihr um. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut.
»Dieser Scheißkerl hat uns in die Irre geführt, hat uns angelogen und vorgemacht, er hätte hier ein Haus! Hier ...« und er demonstrierte mit seinen Händen, dass nicht um sie her war als Schnee, »in dieser Pampa! Seinetwegen wären wir fast erfroren, fast verhungert!«.
Inzwischen war ihnen Charlie gefolgt und beobachtete diesen Wutanfall, den man von Vincent gar nicht gewöhnt war.
Aber so unerwartet, wie er gekommen war, so bald beruhigte er sich - doch nicht ohne das Zutun von Maria.
»Vincent« sagte sie laut. »Herr Lützow hat Recht. Guck auf die Fakten«.
»Was denn bitte für Fakten?« fragte er entgeistert und hob die Fetzen des Blattes auf, die mittlerweile völlig aufgeweicht waren. »Treffen bei S-Bahnhof Schönberg ... Zug nehmen ... Bus fahren ... Pfad in den Wald folgen ... Hier habt ihr eure Fakten!« Rot im Gesicht drehte er sich von ihnen weg, nur um gleich darauf wieder laut zu werden: »Was denkt er sich eigentlich dabei? Er hat sich zu uns gesetzt; er hat mit uns geschrieben; er wollte mit uns verreisen ... er hat mir sogar diese Jacke geschenkt!«
Dabei riss er sich die Jacke vom Leib und schleuderte sie von sich.
Maria hob sie wieder auf. »Ich meine, dass Herr Lützow Recht damit haben könnte, dass wir sein Verhalten provoziert haben« sagte sie ungeduldig. »Überleg dir doch mal, wie du die Jacke angenommen hast! Du wolltest sie erst nicht haben, weil du sie albern fandest. Albern, weil er genau die gleiche Jacke hatte und mit dir etwas gemeinsam haben wollte! Das war lieb von ihm gemeint. Und dann hat er sie dir zum Geburtstag geschenkt. Hast du ihm deine Freude gezeigt? Ich glaube nicht. Du hast sie nie getragen, und jetzt hast du sie nur mitgenommen, weil du sicher warst, dass wir niemandem begegnen würden, den wir kennen.«
Als er stumm blieb, hakte sie leiser nach: »Ist es nicht so gewesen?«
Und weil es so gewesen war, fuhr er jetzt Charlie an: »Was ist denn mit dir, Charlie? Hattest du nicht immer etwas zu tun, wenn er mit dir ins Kino wollte? Musstest du nicht immer sofort los, wenn er dich nach der Schule angesprochen hat? Zu mir ist er doch nur gekommen, damit du ihn mal bemerkst«.
Charlie drehte sich Hilfe suchend zu Maria um, die sie nur betreten ansah. Daraufhin aber fielen  auch ihr so einige Dinge ein: »Und wer war immer an meiner Seite, als dieser Idiot so geklammert hat? Hast du auch nur ein einziges Mal versucht, mich zu überzeugen, Zeit mit ihm zu verbringen? Du hast doch auch gelacht bei der bloßen Vorstellung daran. Du hast zugesehen, Maria, und immer hast du in unser Lachen eingestimmt. Erinnerst du ich?«
Zu ihrem großen Unglück nickte sie. »Ja, ich erinnere mich. Und ich bereue es. Nicht nur, weil wir in so eine dumme Lage gekommen sind, sondern auch, weil wir es verdient haben. Was er getan hat, ging vermutlich zu weit, aber wir haben ihn dazu gebracht. Wir hätten uns auch zu ihm setzen sollen, wir hätten mit ihm schreiben sollen und wir hätten es ihm danken sollen, dass er uns anbietet, in der Hütte seiner Eltern zu wohnen ... Wir sollten so bald wie möglich zurückfahren und uns bei Martin entschuldigen«. Energisch betonte sie jedes »wir«, um ihrer aller Fehler hervorzuheben. Nach ihrer Rede aber blickte sie in zwei stutzende Gesichter. Offenbar hatte sie ihre Freunde noch nicht so richtig überzeugt - kein Wunder eigentlich, denn um sie herum war nichts als Schnee, Wald und eisige Kälte. Und hinter ihnen lagen zwei ungemütliche Nächte auf hartem Boden.
Kopfschüttelnd drehte sich Maria um und ging zurück in die Hütte. Als sie Herrn Lützow bemerkte, der am Eingang stand und ihr die Tür offen hielt, sah sie beschämt zu Boden. Er hatte alles gehört.
Doch er, der ihre Schüchternheit aus dem Unterricht kannte, sagte freundlich, um von dem eigentlichen Thema abzulenken: »Mit dem »so bald wie möglich« wird es wohl nichts werden, wenn das Wetter nicht bald umschlägt«.
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