Replicas

MitmachgeschichteThriller, Fantasy / P18
OC (Own Character)
17.07.2019
14.08.2019
3
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So, anscheinend funktioniere ich entweder gar nicht - oder wie eine Maschine, die von tausenden Händen unermüdlich geölt worden ist… nachdem ich anderthalb Wochen mit verschiedenen Anfängen herumgetippselt habe, habe ich den ersten Teaser innerhalb der letzten vier Stunden fast nahtlos runtergeschrieben.

Viel wichtiger: Die wunderbare Shadow-Lightning hat sich doch tatsächlich die Mühe gemacht, einen Trailer für Replicas zu erstellen! Nochmals vielen, vielen Dank *-* Ich hoffe, er gefällt euch genauso wie mir *-* Ich bin nach wie vor einfach nur geflasht :))

Wie versprochen zeigt der neue Teaser einen kleinen Einblick in Leonards Leben, wenn dieser auch vielleicht etwas anders ausfällt, als die meisten von euch erwartet haben. Nichtsdestotrotz… ganz viel Spaß beim Lesen :)

Liebe Grüße
Eure Shookspeared



teaser I


London, Juli 2020



Mit einem beiläufigen Schlenker ihres Zauberstabs stellte Alice den Regler des Herds auf die niedrigste Stufe. Leonard mochte seine Nudeln lieber al dente, und sie war zu allen Zugeständnissen bereit. Wenn er nur zusagte. Bo stupste sie von der Seite an, als wolle er sie trösten, aber vielleicht hatte ihn auch nur der Duft der Hackfleischsoße auf den Plan gerufen. Alice kraulte ihm kurz das Nackenfell. „Später, Bo“, seufzte sie und zeigte dann Richtung Wohnzimmer. „Geh ab!“ Der Airedale Terrier legte zwar den Kopf schief, als müsse er sich das gut überlegen, trottete aber schließlich davon, auch wenn er sich nicht in sein Körbchen, sondern demonstrativ unter den Esstisch legte.

Alice hatte diesen vor fast einer Stunde gedeckt, während ihr aufgegangen war, dass Leonard sich überwiegend von Tiefkühlkost zu ernähren schien. Kopfschüttelnd hatte sie seine Küchenschränke durchforstet und nach und nach das ein oder andere wenigstens grundsätzlich essbare Ding zutage befördert. Penne mit Bolognese schien das höchste der Gefühle zu sein, und Alice hatte sich, trotz der Umstände, fast ein wenig beleidigt gefühlt. Sie hatten oft zusammen gekocht, und sie hätte es niemals für möglich gehalten, dass er je Freude daran finden könnte, sich so einseitig zu ernähren. Den Kochlöffel beiseitelegend, biss sie sich auf die Lippen. Jetzt war definitiv der falsche Moment, um das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.

Sie drehte dem vor sich hinköchelnden Essen den Rücken zu, und griff nach dem mitgebrachten Wein. Zwar hatte sie ein paar Flaschen in der Vorratskammer gefunden, die wohl besser zu den Nudeln gepasst hätten, aber sie hoffte, dass sein Lieblingswein ihn aufgeschlossen stimmen würde. Sicherheitshalber hatte sie noch eine zweite Flasche kaltgestellt. Gerade als sie überlegte, ob er es ihr übelnehmen würde, wenn sie sich schon einschenkte, hob Bo ruckartig den Kopf. Seine Ohren zuckten, er schnüffelte. Dann schoss er unter dem Tisch hervor. Sie hörte, wie seine Krallen auf den Fliesen im Flur kratzten, als er auf die Wohnungstür zusprang und laut bellte.

Fast hätte er das Geräusch des Schlüssels, der sich im Schloss drehte, übertönt. Alice hatte ihm ursprünglich folgen wollen, aber die seltsame Zaghaftigkeit, die sie den ganzen Tag über gespürt hatte, durchflutete sie plötzlich mit unerwarteter Intensität. Zögernd erhob sie sich, den Blick auf den Durchgang zum Flur gerichtet. „Ist ja gut, ich bin ja da“, hörte sie die vertraute Stimme. „Hab dich auch ver- warte, was zum…?“

Rasche Schritte, Sportschuhe auf halbwegs geputzten Fliesen - dann tauchte er im Türrahmen auf, seine Dienstwaffe schussbereit in den Händen, beide Zeigefinger am Abzug.

„Scheiße!“, entfuhr es ihm. „Was zur Hölle tust du hier?!“ Er ließ die Pistole ein Stück sinken und schob Bos Schnauze zur Seite, der interessiert daran schnuppern wollte. Alice spürte ihren Zauberstab in der Tasche ihrer Jeans, hielt es aber für klüger, ihn dort zu lassen.

„Ich habe gekocht“, sagte sie. Die Ansprache, die sie sich tagelang sorgfältig zurechtgelegt hatte, fiel ihr nicht mehr ein.

Du bist hier eingebrochen!

„Ja, und das tut mir Leid“, erwiderte sie rasch. „Hör zu, ich habe einen guten Grund, es ist-“

Er lachte auf. „Auf den bin ich sehr gespannt.“

„Nur, damit du es weißt, du hattest die Balkontür offen stehen, hier hätte jederzeit wer-weiß-wer einsteigen können…“

„Wir sind im dritten Stock.“

„Mit einer Leiter!“

Bo winselte unbehaglich - er konnte es nicht leiden, wenn die Stimmung im Raum allzu schnell ins Negative umschlug. Und wenn sie miteinander stritten, das hatte er erst recht nie gemocht. Leonard, der schon zu einer Erwiderung angesetzt hatte, unterbrach sich und rieb sich die Nasenwurzel. Alice setzte sich wieder, griff nach der Weinflasche, und goss sich ein.

„Ich hatte Angst, dass du mir nicht aufmachst“, gestand sie.

Er schnaubte. „Na, das kann ja heiter werden. Ich muss unter die Dusche“, antwortete er, die Waffe zurück in den Holster schiebend. „Hast du Bo gefüttert?“ „Natürlich“, entgegnete sie, und verkniff sich „Und zwar nicht nur mit Billighundefutter, so wie du“ hinzuzufügen. Das frische Fleisch zuzubereiten war nicht gerade wenig Arbeit gewesen. „Fang ruhig schon an zu essen“, meinte er, und ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, verschwand er rumorend im Bad.

Bo schien unschlüssig, er blickte Leonard hinterher, entschied sich dann aber, bei ihr zu bleiben. Wie absichtlich setzte er sich in die Mitte des Wohnzimmers mitten auf den Laminat und beobachtete aufmerksam, wie sie aufstand, um die Nudeln und die Soße vom Herd zu nehmen, und in eine große Schüssel umzufüllen. „Na komm“, gab sie sich geschlagen, zupfte eine Nudel aus dem Gemisch und warf sie ihm auf seine Decke, wo er sie sofort mit einem freudigen Bellen verspeiste. Wahrscheinlich, um ihr seine Manieren zu zeigen, blieb er dann auch wohlerzogen dort, platt auf dem Bauch liegend, den Kopf auf den Vorderpfoten.

Nach zehn Minuten verstummte das Wasserrauschen und wenig später gesellte Leonard sich zu ihr, in Jogginghose, weißem Shirt und mit nassen Locken. Ein paar Tropfen landeten auf dem azurfarbenen Tischtuch, das sie über das Holz gebreitet hatte. Wortlos tat er sich auf und schob sich ein paar Gabeln voll in den Mund, kaute, schluckte und betrachtete sie mit einer ähnlichen Intensität wie Bo zuvor, nur dass er nicht annähernd so erfreut wirkte.

„Ich nehme mal an, du bist nicht hier, um mir zum Hochzeitstag zu gratulieren?“

„Der ist nicht heute“, sagte sie defensiv, und spürte, wie sich ihre Wangen färbten.

„Nein, der war vorgestern. Aber ist auch egal. Kann man ja mal vergessen, nach sechs Jahren. Wieso bist du hier?“

„Es tut mir leid - ich hätte dich anrufen sollen. Ich habe es nicht vergessen“, beeilte sie sich zu versichern, ihre Finger fuhren ruhelos über die Tischdecke. „Aber du hast keine Ahnung, was los ist…“

„Alice…“, sagte er, nun nicht mehr aufgebracht oder ironisch, sondern nur müde. „Lass einfach die Ausreden. Das haben wir doch hinter uns.“

Sie schwieg und nippte an ihrem Wein. Leonard griff nach der Flasche und las das Etikett. „Es ist heute bei dir ziemlich spät geworden, oder?“, fragte sie. Er schenkte ihr nach, bevor er sein eigenes Glas füllte. „Ich habe Livias Berichte fertig gemacht. Ihr Sohn hat heute Geburtstag“, erklärte er knapp.

„Nett von dir.“

Über den Rand des Glases hinweg sah er sie an, und seiner Miene nach zu urteilen, hatte er ihren Kommentar als Beleidigung aufgefasst. Dabei hatte sie es so nicht gemeint. Nicht dieses Mal. War doch seine Nettigkeit das Einzige worauf sie noch bauen konnte. Sie stocherte in der Bolognese herum. „Also, wieso bist du hier?“, wiederholte er, und es störte sie nicht, dass er keine Illusionen aufkommen ließ. Zumindest nicht sehr. Trotzdem drängte sich ihr die Frage auf, ob sie ihn nicht vielleicht auch grundlos aufgesucht hätte. Nur, um zu sehen, wie es ihm ging.

„Wegen des Mordes?“, half er ihr auf die Sprünge und sie unterbrach hastig ihren Gedankengang, ehe er unangenehme Formen annehmen konnte, die ohnehin nur von wichtigeren Dingen wegführten. „Du weißt davon?“, forschte sie, etwas überrascht. Er schob den Stuhl zurück, ging hinüber zum Sideboard und zog eine der Schubladen auf. Die Zeitung, die er ihr zuwarf, wäre fast in ihrem Abendessen gelandet.

Alice kannte den Artikel, der einige Wochen offenbar nicht nur im Tagespropheten der Aufmacher gewesen war. „Ich erkenne das Dunkle Mal, wenn ich es sehe, Alice. So seltsam dir das auch vorkommen mag.“ Er setzte sich wieder zu ihr. „Auch wenn ich davon ausgehe, dass das Foto gefälscht ist?“ „Nein“, antwortete sie. „Es schwebte nicht über dem Haus. Jemand hat es tatsächlich an die Wand gemalt, mit…“

„Mit dem Blut der Leichen. Genauer gesagt mit dem Blut des achtzehnjährigen Sohnes. Ja, ich habe mir die Akte angeschaut.“ Er nahm einen weiteren Schluck. „Natürlich ist man allenthalben alarmiert, denn schließlich ist es nicht das erste Mal, dass dieses Zeichen einen Tatort schmückt. Aber an dieser Stelle wurde es für mich richtig interessant! Denn wie unglücklicherweise nicht viele außer mir wissen, kann dieser Mord nicht von derselben Person begangen worden sein wie vor zwanzig Jahren, weil unser Mann nicht mehr unter uns weilt. Deswegen verlaufen die Ermittlungen auch nach und nach im Sande! Ach warte…“, er leerte sein Glas, „das ist diese Überlegenheit der Zauberer, von der immer die Rede ist, nicht?“ Er war nur unwesentlich lauter geworden, aber seine Worte trafen sie - vielleicht mehr, als es seine Absicht gewesen war.

„Ich bin nicht wegen des Mordes hier“, sagte sie, und zwang sich, einen ruhigen Ton anzuschlagen. „Und auch nicht, um mit dir über die Vorgehensweise unseres Ministeriums zu diskutieren. Vorgehensweisen sind immer ausbaufähig. Ich bin hier, weil ich deine Hilfe brauche, Leo.“

Als hätte ihre Reaktion ihn aus dem Konzept gebracht, verharrte er - dabei, sein Glas schwungvoll abzustellen - mitten in der Bewegung.

„Es ist Hogwarts“, eröffnete sie leise.

„Es ist immer Hogwarts“, sagte er. Das Glas erreichte unbeschadet den Tisch.

„Etwas passiert“, fuhr sie fort, auch wenn sein Einwurf wohl eine Rechtfertigung erfordert hätte. „Ich kann es fühlen, aber nicht erfassen. Eine Schülerin ist verschwunden. Ich befürchte das Schlimmste.“ „Und?“, hakte er nach, weil ihm offenbar sofort klar war, dass sie ihm noch etwas verschwieg. „Und die Auroren, die nach ihr gesucht haben, sind ihr anscheinend gefolgt, wohin auch immer.“ Sie hatte bis zuletzt mit sich gerungen, ob sie diese Information nicht zurückhalten sollte - bis er sich so tief in dem Fall vergraben hatte, dass ein Rückzieher für ihn nicht mehr infrage kommen würde. Aber hier saß sie, und die ganze Wahrheit lag zwischen ihnen ausgebreitet, auf der Tischdecke, die sich mit der Farbe der Vorhänge biss.

„Anhaltspunkte?“, fragte er.

„Bei Imogen - nichts. Die Auroren…“ Sie hob die Schultern. „Ein paar Blutspuren, zerbrochenes Fensterglas. Ein Kampf, schätze ich.“ Sie lachte, in ihren Ohren klang es fast hysterisch. „So als Laie.“

Leonard betrachtete mit gerunzelter Stirn die halb leere Weinflasche, dann schaute er sie an. „Worum bittest du mich, Alice?“

Sie machte den Versuch, dem Blick aus seinen warmen Augen standzuhalten. Es gelang ihr nicht. „Das zu beenden, was die Auroren begonnen haben - herauszufinden, was Imogen geschehen ist. Mit - einem Team aus Mug… Nichtmagiern. Nichtmagiern wie dir. Denn… wir haben versagt.“

Er schwieg.

„Das Ganze sollte noch nicht an die Öffentlichkeit geraten, aber natürlich ist etwas durchgesickert. Ich erhalte jeden Tag Briefe von Eltern, die Antworten verlangen. Von Imogens Familie ganz zu schweigen. Im Ministerium geraten die Gerüchte außer Kontrolle. Der Minister ist noch die geringste Hilfe. Fünfzig Erstklässler werden Hogwarts vielleicht nie zu Gesicht bekommen, wenn der Schulbeirat uneingeschränkt für die Schließung plädiert. Ich will dich nicht in Gefahr bringen, Leo - ich wusste mir nur nicht mehr anders zu helfen. Hogwarts ist doch alles für mich.“

„Ich weiß. Wenn ich etwas über dich weiß, dann das.“

„Ich meine… es liegt mir sehr am Herzen-“

„Ja.“

Sie verstummte. Leonard fuhr sich über die Stirn, schloss die Augen. „Das Ganze ist riskant… selbst wenn man von der offensichtlichen Gefahr absieht. Muggel, Nichtmagier, sagst du. Menschen, die nicht in Kontakt mit der magischen Welt stehen. Es wird schwer genug sein, sie zu überzeugen, dass wir sie nicht einfach nur verarschen wollen. Und sie dann auch noch dazuzubringen, mir nichts, dir nichts, alles stehen und liegen zu lassen, vieles riskieren - für eine Welt, die ihnen vollkommen fremd ist.“

„Ich könnte es ihnen alles beweisen was notwendig ist. Und du… ich - ich dachte, dass du vielleicht jemanden kennst, der bereit wäre, genau das zu tun.“

„Was denn tun, Alice? Sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, nur damit du deinen Traumberuf nicht aufgeben musst?“, wollte er wissen. „Entschuldige“, setzte er seufzend hinzu, bevor sie etwas sagen konnte. „Aber kannst du mich nicht ein bisschen verstehen?“

„Oh doch. Ich verstehe dich. Vielleicht verstehst du mich dieses Mal nicht. Mein Traumberuf? Ja, das ist er“, erklärte sie mit fester Stimme. „Aber das ist nicht, worum es hier geht. Es geht um ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vielleicht immer noch lebt, und auf unsere - auf deine Hilfe angewiesen ist. Es geht um eine Gruppe Zauberer, auf die möglicherweise gleiches zutrifft. Es geht um eine Familie, die sonst ein Kind verlieren wird. Leo!“ Sie griff nach seinen Händen, und ein kleiner Teil von ihr registrierte, dass er dies geschehen ließ, seine nicht zurückzog. „Ich bitte dich! Vielleicht werde ich es nie wieder gut machen können. Ich kann dir nichts als Gegenleistung bieten. Aber ich glaube, dass du der Einzige bist, der diese Sache vielleicht doch noch zu einem guten Ausgang bringen kann. Ich weiß es.“

Sanft entzog Leonard seine Hände den ihren. Die Feststellung, dass diese Sache mit fast hundertprozentiger Sicherheit alles, aber keinen guten Ausgang mehr finden würde, lag ihm auf der Zunge, doch er behielt sie für sich. Alices Hoffnungen würden vermutlich früh genug enttäuscht werden, auf welche Weise auch immer. Früher hatte er oft darüber nachgedacht, ob ihre Eigenschaft, sich bis zuletzt an die widersinnigsten Hoffnungen zu klammern, eine Stärke oder eine Schwäche war.

Nicht anders verhielt es sich mit seinem unumstößlichen Glauben, dass jeder und alles Gerechtigkeit fand, und er nicht anders konnte, als sein Bestes und mehr zu geben, wenn dem nicht so war. Was auch immer der Preis sein mochte.

„Sei lieber vorsichtig mit deinen Vorschusslorbeeren“, warnte er, und ohne ein weiteres Wort darüber verlieren zu müssen, wussten beide, welche Entscheidung er getroffen hatte.