Das Geheimnis des schwarzen Reiters

GeschichteKrimi / P16
17.07.2019
06.12.2019
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Immer mehr durchbrach die Sonne mit ihren nun hellen, sanftmütigen, warmen und gelben Strahlen den dichten und aufgekommenden Nebelschleier, welcher dadurch nun immer mehr transparenter erschien und sich schwerfällig hinauf zum Himmel schob, während noch immer die Amseln ab und zu an diesem triefenden Morgen ihr Lied trällerten. In diesem Moment seufzte Käthe noch einmal laut auf, ehe ihr angespannter Blick wieder zur Teufelsmauer fiel, dessen oberste Felsschicht gänzlich vom Nebel eingehüllt und nur einige wenige Schraffuren durchließ, die für Käthe wie abstruse Gesichter wirkten. Alles kam ihr in diesem Augenblick so unwirklich vor. Die Flucht vor Friedrich und Uwe, dann Richard, der nach seinem Entschluss nachzusehen ob die beiden Männer ihnen gefolgt waren, einfach so verschwunden war und nicht wieder zurück kehrte und Paul, der in Thale nach Richard suchte, weil er doch noch die Hoffnung hatte, das sein bester Freund mit dessen Vater trotz der gegenwärtigen Gefahr, die dort lauerte, Zeitungen verteilten. Noch einmal atmete das braunhaarige Mädchen tief ein und aus. Auch sie hoffte tief in ihrem Herzen, das es Richard gut ging und er nicht von Friedrich und Uwe geschnappt worden war. Aber was wenn es doch schon die bitterböse Wahrheit und Paul nun ebenso auf seiner Suche nach ihm in ihre Gewalt geraten war? Bei diesem Gedanken spürte sie wie sich ihr Hals immer mehr zuschnürrte, während sie in ihrem Herzen eine ungeheure, aber schmerzhafte Leere fühlen konnte. Sie wäre allein auf sich gestellt ! Und diese Vorstellung bereitete ihr eine heiden Angst. Wie sollte sie denn bloß allein Isabelle und sich selbst vor diesen beiden skrupellosen Männern beschützen? Allmählich begannen sich ihre braunen Augen mit Tränen zu füllen. Sie wollte nicht weinen und erst recht nicht vor diesem braunschweiger Mädchen, aber der Gedanke ihre beiden besten Freunde für immer verloren zu haben und nie wieder mit ihnen zu toben oder gar zu sprechen, brachte sie dazu. Immer mehr sank sie in sich zusammen bis sie auf dem kühlen Bretterboden saß, ihre Knie anwinkelte und laut loschlurzte, während Isabelle lautlos neben ihr stand und sie nur weiter besorgt mustern konnte. In diesem Moment wusste das blondgelockte Mädchen selbst nicht was sie tun sollte. Sie fühlte sich so hilflos Käthe gegenüber. Auch aus dem Grund, weil sie in ihrem ganzen Leben noch nie wirklich Freunde gefunden hatte. Immer wieder war sie mit ihrem Vater Kurt durch das Land gezogen, wobei sie nie länger als einen Monat blieben. Da war es wahrlich schwer überhaupt eine Freundschaft aufzubauen. Dennoch hatte sie diese Tatsache nie gestört. Sie hatte viel gesehen, allerdings meistens immer nur den Reichtum. Dort wo es von prächtigen Alleen nur so wimmelte, in denen immer öfters schwarze und braune Kutschen auf dem holprigen Kopfsteinplaster dahinfuhren, welche prestigehafte Leute von Rang und Namen beförderten, während die reinrassigen, gutgebauten und eingespannten Pferde dabei nur trabend ihre Köpfe hoben und senkten, als würden sie die eigentlichen Stars dieser belebten Szenerie sein, während indessen die Gehwege von vorbildlich gutgekleideten Herren in Fracks, Zylinderhüten und edelen Gehstöcken und von anmutigen Damen mit bundbestickten Kleidern, extravaganten Hüten und spitzhackigen Schuhen übsersät worden waren. Dies war die Welt in der Isabelle Tag ein Tag aus gelebt hatte. Nur wenn sie mit ihrem Vater umzog und über die vielen flachen Wiesen, Äcker, Wälder und Dörfer fuhr, konnte sie manchmal auch die Kehrseite des Lebens sehen. Wie einzelne Bauern in ihrer verdreckten Kleidung und mit ihren schweren Arbeitspferden die Felder flügten, während in den Dörfern die alten Frauen und jungen Mädchen in Holzkäfigen ihre Tiere zum Tausch, gegen andere Waren wie zum Beispiel Decken oder Porzellan anboten, während einzelne Jungen lachend mit ihrem Stöckern auf den teils verschlammten Straßen aufeinander einschlugen, als würden sie einen hitzigen Fechtkampf austragen. Nie hatte sie jemals darüber nachgedacht wahre Freunde überhaupt zu brauchen. Schließlich hatte sie immer ihren Vater um sich und das reichte ihr. Aber jetzt ? Jetzt schien ihre Welt mit einem Mal zusammengebrochen zu sein. Ihr Vater hatte sie nach Thale gebracht. Einer Kleinstadt, die sich jedoch deutlich von ihren bisherigen Stadtbesichtigungen und Wohnorten abhob. Und die sie zum Teil auch am Anfang wirklich fasziniert hatte, weil sie eben so fassettenreich.war. Auf der einen Seite die beinahe  unüberwindbaren Berge, die sie von ihrem Hotelzimmer des Zehenpfunds erblicken konnte und auf der anderen Seite die lauten Fabriken, dessen schwarzer und stinkender Qualm aus den Schornsteinen stieg und sich schlussendlich in der Atmosphäre verflüchtigte, während nebenan das tosenden Geräusch der schwarzen Dampflok zu hören war, die ab und zu heulte und zischte. Und doch gab es hinter dieser Grau in Grau gehaltenen Fabrik noch etwas anderes. Jenen Ort zu dem Paul sie geführt hatte. In den Benneckenröder Wald, der von unberührter Natur zu sein schien und indem man beinahe nichts mehr hören konnte, außer den Klang der blätterraschelnden Kronen in den Baumwipfeln. Auch wenn die dunkelgrünen Blätter an jenem Tag nicht geglänzt hatten und der Boden sich unter ihren Füßen auch nur in einem lauen Braunton durch den lichten Einfall verfärbt hatte. Es war für Isabelle eine neue und spannende Welt gewesen, in der sie für nur wenige Stunden glücklich eingetaucht war, bis Olaf ihrer fast unendlichen Freude ein jähes Ende auf dem Saukopf bereitet hatte. In diesem Augenblick begann Isabelle merklich am ganzen Körper zu zittern. Noch immer konnte sie es nicht fassen, dass ihr Vater und Olaf sie hier alleine zurück gelassen hatten und die Frage nach dem /Warum? / begann sie nun immer mehr zu quälen. Sie verstand es einfach nicht ! Schlussendlich begangen sich auch in ihren Augen Tränen zusammeln, doch noch bevor das blondgelockte Mädchen ebenfalls losschlurchzen konnte, ertönte unter ihrem Baumhaus eine kräftige Jungenstimme an ihre Ohren.
,,Hallo, ich bin wieder da! “
Während Isabelle daraufhin nur noch einen verwunderten Laut ausstoßen konnte, hörte Kathe abrupt mit ihrem Schlurzchen auf, wusch sich ihre letzten Tränen mit ihren linken Handrücken aus dem Gesicht weg, stand leicht unbeholfen auf, tapste mit zittrigen Beinen zur Leiter und stieg langsam die Holzstufen nach unten, wobei ihr der Junge, der kein anderer als Richard war, ihr noch einmal eine aufmunternde Aussage entgegenbrachte.
,,Du wirst es nicht glauben. Ich habe für uns sogar ein richtiges Frühstück von einer liebenswürdigen alten Dame bekommen. Ich bin mir sicher die Waffeln werden dir ganz besonders gut schmecken Käthe und sie sind sogar noch richtig heiß ! “
Doch Richards gute Laune verflog so schnell wie sie gekommen war, als er sah wie sich  Käthe schließlich zu ihm umgedreht hatte und ihn mit einem bitterbösen Gesichtsausdruck aus ihren roten verheulten Augen anstarrte. In Windeseile hatte der schwarzhaarige Junge seinen Korb sinken gelassen und begann seine Freundin aus tiefster Besorgnis anzusehen, wobei ihm gleichzeitig ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Irgendetwas stimmte hier gewaltig nicht. Doch noch ehe er fragen konnte was passiert war, polterte seine braunhaarige Freundin auch schon los.
,,Mir ist dein mitgebrachtes Frühstück völlig egal Richard. Verdammt nochmal wo warst du?!”
,,Ich… ich wollte so schnell wie möglich wieder zu euch kommen Käthe ehrlich, aber als mich die alte Frau im Wald gesehen hat, konnte ich das nicht. Ich musste mit ihr nach Neinstedt gehen ! “, verteidigte sich Richard auch wenn ihm bei diesem ausgesprochenen Satz noch immer ein schlechtes Gewissen plagte. Er konnte es sich einfach nicht verzeihen, dass er gemütlich in einem Bett gelegen und seine Freunde hier draußen geschlafen hatten.
,,Du warst also die ganze Zeit über in Neinstedt ?!”
Auf Käthes beinahe überschlagende und ungewohnt schrille Stimme, begann Richard noch einmal kurz zu Nicken, ehe Käthe wie Espenlaub zu zittern begann und sogar noch einen Schritt zurück weichte. Mit einem Schlag hatte sie erkannt, das Paul und sie die ganze Zeit mit ihrer Vermutung auf dem Holzweg gewesen waren. Und die Gewissheit, das Paul nun ganz allein in dieser im Moment gefährlichen Stadt nach seinem besten Freund suchte, war unerträglich! Erneut begann das braunhaarige Mädchen mit den zwei Zöpfen laut zuschlurchzen, bevor sie kraftlos auf den Boden sank und ihre Hände in ihrem Gesicht vergrub. In diesem Augenblick begann Richard vor Schreck seinen Korb auf den Boden fallen zu lassen und starrte Käthe mit schmerzerfüllten und ängstlichen grünen Augen an. In seinem ganzen Leben hatte er die sonst so selbstbewusste und energische Käthe noch nie so verletzlich gesehen. Und ihm wurde allmählich klar, das etwas furchtbares passiert sein musste. Und das dieses Etwas garantiert mit Paul zu tun haben musste, wobei ihm ein erneuter Schauer über seinen Rücken lief. Er hatte Angst danach zu fragen ob es wirklich um seinen braunhaarigen Freund ging, aber Richard hatte keine Wahl. Schließlich schritt er langsam auf Käthe zu, beugte sich zu ihr runter und atmete noch einmal tief ein und aus, ehe er ihr  so schonend wie möglich diese Frage stellte.
,,Geht es um Paul? “
Zarthaft begann Käthe zu nicken, ehe sie wieder ihre Schniefer unterbrach und ihre zittrigen Hände auf ihrem Schoß ablegte. Einige Male begann ihr Körper unkontrolliert zu zittern, bevor sie schließlich ihrem ärmlichen Freund eine halbwegs vernünftige Antwort geben konnte.
,,Er… er...wir...Wir hatten gedacht du würdest mit deinem Vater noch schnell ein paar Zeitungen austragen, also hat sich Paul vor ein paar Stunden selbst auf den Weg nach Thale gemacht. Immerhin… immerhin hatten wir große Angst, dass dich Friedrich und Uwe doch noch erwischen könnten.”
Nach diesem Satz begann Käthe hemmungslos zu weinen, woraufhin Richard sie nur noch beherzt in seine Arme schließen und sanft mit einer Hand über ihre leicht zerzausten Haare streicheln konnte, während sein rechter  Augenwinkel eine kleine Träne bildete und lautlos ihren Weg über seine Wange hinab lief. Es kam ihm selbst wie ein schlechter Traum vor. Sein bester Freund, der nun in Gefahr schwebte, nur aufgrund seiner Nachlässigkeit ! Was wäre wohl wenn Friedrich und Uwe ihn… Nein, er wollte nicht darüber nachdenken, dass sie ihn vielleicht schon geschnappt und für Käthe, Isabelle und ihn als Köder benutzten. Aber vielleicht gab es ja auch noch Hoffnung, dass er ihnen entkommen oder gar nicht erst begegnet war ! Es war der einzige positive Gedanke, den Richard in all diesen finsteren Aussichten noch entgegenbringen konnte, auch wenn nun rings um sie herum die Sonne nun gänzlich ihre warmen Strahlen fallen gelassen und den Wald in ein einzigartiges Spiel aus grellem Licht und leicht gräulichen Schatten verwandelt hatte, während der Nebel nun gänzlich verschwunden war und auch die Teufelsmauer von diesem Licht in eine imposante Felsenkluft getaucht wurde, dessen Umrandung beinahe wie ein goldenes Band wirkte und einen wunderschönen Kontrast zu den braunen Schraffuren bildete. Doch Richard interessierte sich im Augenblick nicht für diese atemberaubend schöne Landschaft, sondern hatte nur noch einen reumütigen Gedanken und den wollte er so schnell wie möglich los werden. Daher drückte er seine Freundin nur noch fester an sich und begann ihr leise etwas ins Ohr zu flüstern.
,,Es tut mir so leid Käthe. Ich wollte nicht das ihr euch Sorgen macht und erst recht nicht, dass sich Paul meinetwegen in so eine große Gefahr bringt. Hätte ich das geahnt dann…”
Doch nun war es Käthe, die ihn mit dünner Stimme unterbrach, sich leicht von ihrem Freund wegdrückte und ihn mit deutlich geröteteren Augen anschaute.
,,Du kannst doch nichts dafür Richard und es tut mir leid, dass ich so schroff zu dir war. Ich bin doch froh darüber das dir nichts passiert ist. Ich hatte nur solche Angst hier alleine mit Isabelle zu sein. Was hätte ich schließlich schon alleine gegen diese Männer ausrichten können ?”
Wieder begann Käthe leise aufzuschlurzen, während Richard sie erneut wieder an sich drückte und er ihr nur immer wieder seine eigenen schuldbewussten Worte zu flüstern konnte.
,,Es tut mir so leid Käthe. So unendlich Leid.”
Für beide fühlte sich dieser Augenblick so unendlich an und für beide war es eine vollkommen neue Situation. Noch nie hatte Richard seine Freundin so niedergeschlagen gesehen und Käthe hingegen hatte noch nie den schwarzhaarigen Jungen so einfühlsam erlebt. Womöglich hätten die Beiden noch ewig in ihrer tröstenden Umarmung verharrt, wenn sich nicht Isabelle zu Wort gemeldet hätte und zuvor alles von dem Baumhaus aus mitverfolgt hatte.
,,Warum?”
Dies war die alles entscheidende, aber zaghaft Frage, die sowohl Richard, als auch Käthe aufhorchen ließ und die sie dazu veranlasste Isabelle schweigend, aber mit einem besorgten Blick anzusehen. Immerhin wussten sie doch genau, dass Isabelle am meisten von ihnen bisher gelitten hatte. Doch konnten sie ihr auch wirklich diese bittere Wahrheit um ihren Vater erzählen ? Sie haderten noch mit sich, in diesem unwegsamen Sonnenschein.