Castle Crashers - 4 haun aufm Putz

GeschichteAbenteuer, Humor / P12
Blauer Ritter Grüner Ritter Königliche Wache Oranger Ritter Roter Ritter
16.07.2019
08.10.2020
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16.04.2020 6.783
 
Als es nur noch zwei Stunden bis zum Ball waren, wurden Cyrill, Thunder und Venom von zwei ihrer grauen Kameraden abgelöst und konnten sich selbst Zeit für die Vorbereitungen nehmen. Ehrlich gesagt wussten sie gar nicht was sie so lange machen sollten, doch der König hatte an alles gedacht und den neu umgeformten „Passt-auf-dass-die-Ritter-keinen-Scheiß-beim-Ball-machen“ Kommandotrupp auf sie angesetzt. Der scheuchte sie zum Duschen und anschließend ins Ankleidezimmer wo sie wieder einmal hergerichtet wurden. Es dauerte zum Glück nicht so lange wie das letzte Mal und auch an ihre Festgewänder hatten sie sich mittlerweile gewöhnt. Der Berater des Königs trat schließlich ein und erklärte würdevoll: „Der Muschelsaal ist ein legendärer Ballsaal. Es wird erwartet, dass ihr euch benehmt. Zunächst wird im Nebenraum das Abendessen eingenommen und anschließend geht es zum Tanz in den Muschelsaal. Dort werdet ihr mit verschiedenen Damen, die keinen Tanzpartner haben, tanzen, damit sie sich nicht allein fühlen.“
„Warum sind denn immer weniger Männer als Frauen eingeplant?“ wollte Thunder wissen, der dieses ganze Herumgetanze nicht mochte.
„Ja, hört sich für mich nach schlechter Organisation an“, meinte Cyrill.
„He, sag sowas nicht. War bestimmt Mathilda für verantwortlich, wird bestimmt einen Grund gehabt haben, warum sie das so gemacht hat“, meinte Venom, der sie verteidigen wollte.
„In der Tat“, meinte jetzt auch der königliche Berater. „Es hat schon seine Gründe. Unter anderem werden solche Bälle gerne von Adligen genutzt, um ihren Töchtern gute Partien zu vermitteln. Allerdings …“
Der ältere Mann wurde erstaunlicherweise etwas wortkarg und brauchte einen Moment, um herauszufinden wie er das kommende formulieren sollte. „Sind nicht alle Damen mit unvergleichlicher Schönheit gesegnet und finden deswegen nicht so leicht einen Ehemann.“
„Ach, soll heißen, wir sollen die Mauerblümchen bespaßen?“ fragte Venom genervt.
„Genau das“, sagte der Berater kalt, nun da Venom sich so ungebührlich ausgedrückt hatte. „Solches Gerede will ich nachher nicht von euch hören! Benehmt euch endlich mal! Wir sind hier nicht auf einem Schlachtfeld. Wir sind am Hof des wohl mächtigsten Herrschers des Kontinents, also benehmt euch auch so! Der König ist schon genug in Ungnade gefallen. Vielleicht habt ihr alles was er aufbauen will schon zunichte gemacht. Er hat euch eine gute Arbeit gegeben und so revangiert ihr euch bei ihm?“
„Ist ja gut, ist ja gut“, wehrte Venom ab. „Wir haben es verstanden. Wir werden unser Bestes geben.“
„Das will ich auch schwer hoffen.“
Der königliche Berater musterte sie eingehend.
„Eins noch. Es geht um das jüngste Kind von König Wilhelm. Prinzessin Isolde. Sie ist alles andere als eine Augenweide, aber ihr werdet unter gar keinen Umständen irgendwas Beschämendes über sie sagen. Seid immer höflich! Tanzt mit ihr und benehmt euch wie es sich für Ritter gehört. Ich will keine Klagen hören!“
Die Ritter grummelten etwas, doch fügten sich dann in ihr Schicksal.
„Vielleicht hat Pyro doch das bessere Los gezogen“, murrte Thunder, als sie den Ankleideraum schließlich verließen und zum Speiseraum gingen.
Dort warteten sie zusammen mit all den anderen Rittern, die bereits aufgereiht dastanden und das Eintreffen ihrer Herren erwarteten. Erst als die eine halbe Stunde später eingetreten waren und sich setzten, durften auch sie Platz nehmen. Die Gäste waren heute noch mehr herausgeputzt als bei der letzten Feier. Besonders die Damen übertrafen sich gegenseitig mit ihren wunderschönen Kleidern und kostbarem Geschmeide. Einige hatten auch ganz ausgefallene Frisuren, um sich besonders hervorzutun. Auch Goldi, Rubinia, Smaragda und Saphira sahen wieder bezaubernd aus. Die Ritter konnten aber nicht genau sagen, ob sie heute etwas anderes trugen, als beim Tanz in König Castles Burg. Jedenfalls hatten die Kleider die gleiche Farbe wie beim letzten Mal. Während des Essens gab es wie immer viele Gespräche, aber für die Ritter war das einzige halbwegs interessante ein kurzer Dialogaustausch zwischen Prinzessin Smaragda und Prinz Erik. Er fragte Sie: „Warum siehst du eigentlich so anders aus, als deine Schwestern?“
Die grüne Prinzessin sah so aus, als hätte sie gewusst, dass diese Frage irgendwann hatte kommen müssen: „Meine Mutter war die erste Königin unseres Landes. Sie stammte aus dem fernen Süden. Leider verstarb sie bei meiner Geburt und einige Jahre später heiratete unser Vater wieder in der Hoffnung auf einen männlichen Thronerben.“
„Ah, verstehe. Dumm, dass es nicht geklappt hat.“
Prinzessin Smaragda sah ihn mit einem giftigen Blick an.
„Willst du damit etwa sagen, dass Mädchen weniger Wert sind als Jungen?“
„Wenn du schon so fragst“, sagte Erik. „Ja, klar, immerhin erben die Männer alles von ihren Eltern und führen den Namen weiter, während die Frauen in andere Familien einheiraten und so kaum einen Nutzen für ihre Familien haben.“
Wenn Blicke töten könnten, müsste Prinz Erik eigentlich auf der Stelle tot umfallen. Doch der Prinz war zu eingebildet um das zu erkennen. Vermutlich sah er nicht einmal, dass mit seiner Antwort die Chance Smaragda als Ehefrau zu gewinnen gestorben waren. Das Gespräch der beiden war damit jedenfalls beendet und die anderen um sie herum redeten nur über irgendwelche Vorschriften, Kleidung, Macht, Status, Grundstücke und dergleichen. Alles keine Gespräche bei denen sich Venom, Thunder oder Cyrill beteiligen wollten. Heute gab es zum Ärger von Venom nur ein leichtes Abendessen. Der erste Gang bestand aus einer delikaten Kürbissuppe und anschließend gab es Forellenfilet. Es war Absicht, dass jeder das gleiche Essen bekam, so gab es nicht allzu große zeitliche Unterschiede und sie konnten zügig zum nächsten Punkt des Abends übergehen. Dem Tanz. In einer feierlichen Zeremonie öffneten die Diener die weiten Flügeltüren zum legendären Muschelsaal und die Ballgäste durften eintreten. Die drei Ritter von König Castle sahen sich staunend im neuen Raum um. So genau hatten sie nicht gewusst, was sie erwartete, aber das hier übertraf alles. Es war, als würden sie plötzlich in einer unterirdischen Grotte stehen und das obwohl sie sicher wusste, dass es nicht so sein konnte. Die großen Fenster zeigten hinaus in den abendlichen Garten, wo langsam die Sonne unterging. Der Boden bestand aus schwarzweißem polierten Stein, der in einem Karomuster angeordnet war. Dieses Muster wurde unterbrochen von einem großen, aber feinen Mosaikbild, welches das Wappen von König Wilhelm zeigte, zwei Löwen die einen Purpur gestreiften Schild mit einer goldenen Krone hielten. Oben zeigte sich ein Deckengemälde, welches die himmlischen Gefilde voller halbnackter Leute und Putten, fetten kleinen nackten Kindern mit Flügeln, zeigte. Was aber wirklich die Blicke festhielt waren die Wände. Sie waren über und über mit Muscheln bedeckt. Die gaben dem Saal ihren Namen. Auch aus den Muscheln waren Figuren gefertigt. So reichten dort wo die Wände abgeschrägt waren lange drachenähnliche Wasserwesen von der Decke. Darunter erstreckten sich dann weiterhin Muscheln in immer der gleichen Größe, so dass es einheitlich aussah. Die Seite, die zum inneren des Palastes zeigte war ganz im Grottenstil gehalten und abgesehen von Muscheln waren im Mittelteil der Wände auch viele Kristalle und Mineralien zu sehen. Selbst die Kerzenleuchter bestanden aus Kristall. Es war ganz erstaunlich, selbst die Luft kam ihnen etwas kühl und frisch vor, so als stünden sie in einer unterirdischen Höhle.
„Jupp, war eine gute Idee, dass Pyro nicht mitkommen sollte“, meinte Thunder. „Wäre echt teuer geworden, wenn er diesen Saal zerstören würde.“
„Oh ja, das würde ihm wohl keiner je verzeihen. Würde bestimmt am Galgen baumeln“, sagte auch Venom und lachte.
Er hatte es als Scherz gemeint, doch seine Freunde waren sich da nicht so sicher. Vermutlich würde es wirklich so kommen.
„Was für ein Anblick. Ich kann verstehen, warum alle so ein Tamtam, um diesen Saal machen“, sagte Cyrill und konnte sich gar nicht satt sehen.
Tatsächlich standen sie immer noch sinnlos herum, als die Musik zu spielen begann und viele der anderen Gäste bereits angefangen hatten zu tanzen. Auch Smaragda, Saphira, Goldi und Rubinia tanzten bereits mit den Prinzesn von König Wilhelm. Sie lächelten gezwungen und versuchten sich angemessen zu benehmen.
„Bäh, ist das Prinzessin Isolde?“ fragte Venom und nickte in Richtung einer einsamen Gestalt am Rand des Ballsaals.
Dort aufgereiht standen Stühle, für diejenigen, die sich zwischen den Tänzen ausruhen wollten. In kleinen Grüppchen saßen dort immer wieder Frauen, die niemanden zum Tanzen gefunden hatten, aber immerhin unterhielten sie sich schwatzend, doch diese junge Dame saß wirklich ganz allein. Sie war vielleicht erst vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Selbst Cyrill, der nicht viel aufs Aussehen gab, musste zugeben, dass er selten so ein hässliches Mädchen gesehen hatte. Ihre orangeroten Haare waren glanzlos und versteckten nur unzureichend ihre abstehenden Ohren, ihre Augen wirkten klein und obwohl sie noch so jung war, hatte sie schon jetzt tiefe Schatten unter ihnen. Ihre Nase war schief und wirkte irgendwie fehl am Platz, so als hätte jemand nur eine ungefähre Ahnung gehabt wo eine Nase im Gesicht hingehörte. Sie hatte Sommersprossen, immens viele Pickel und offenbar betrieb sie frustessen, denn sie war sehr dick. In ihrem beigefarbenen Kleid sah sie aus wie eine Presswurst.
„Puh, wenn ein rosafarbener Drache mit popelgrünen Flügeln die entführen würde, dann wäre es auch egal, oder?“ fragte der Giftritter scherzhaft seine Freunde.
„Venom!“ maßregelte der Eisritter ihn und hieb ihm seinen Ellenbogen in die Seite.
„Na los, geh zu ihr hin und muntere sie auf!“ sagte Thunder.
„Wieso ich?“ wollte der grüne Ritter erschrocken wissen.
„Na du bist doch von uns die Stimmungskanone“, erklärte der rote Ritter und schubste den grünen Ritter nach vorne.
Der murrte, fügte sich aber. Während seine Freunde einige andere Damen zum Tanz aufforderten, ging er zu Prinzessin Isolde und fragte: „Hallo, hast du Lust zu tanzen?“
Prinzessin Isolde sah ihn verwundert und sehr schüchtern an.
„Weiß nicht“, sagte sie kaum hörbar.
„He, ich kann auch nicht besonders gut tanzen“, meinte der grüne Ritter.
Sie sah einen Moment unschlüssig aus, dann sah sie sich um, erblickte ihren Vater, der ihr zunickte, stand auf und nahm die Hand, dir Venom ihr reichte. Der grüne Ritter tanzte etwas zu energisch zur Musik. So viel Schwung sah das gespielte Lied eigentlich gar nicht vor, doch Prinzessin Isolde sagte nichts dazu und versuchte bestmöglich sich seinem merkwürdigen Rhythmus anzupassen.
„Ich hab dich noch nie gesehen.“
„Ich … bin nicht so oft unterwegs“, sagte die Prinzessin kleinlaut.
Venom wusste nicht so richtig, ob er sich weiter bemühen sollte ein Gespräch zu starten. Vielleicht wollte sie nicht reden, aber immerhin sollte er sie doch unterhalten, oder? Währenddessen tanzten Cyrill und Thunder mit einigen anderen alleingelassenen Frauen. Auch sie waren nicht gerade Schönheiten. Sie wirkten überaus glücklich, dass sie jemand zum Tanzen aufgefordert hatte und wenn ein Lied endete und es eine kurze Pause gab, stand schon die nächste Dame parat und lächelte sie hoffnungsvoll an. Irgendwann tanzte Thunder zum Eisritter heran und machte ihn auf etwas aufmerksam.
„He, sieh mal, ich glaube Venom hats verbockt.“
„Was?“ fragte Cyrill und sah sich etwas zu umständlich um.
Prinzessin Isolde hockte wieder auf einem Stuhl und ihr Blick klebte geradezu auf den gefliesten Boden, um ja niemanden ansehen zu müssen. Ihr war anzusehen, dass auch sie wollte, dass dieser Abend möglichst bald vorüberging. Venom kam auf sie zu. Als das Lied endete baten seine Freunde die wartenden Damen um einen Moment Geduld und gingen zu ihm um zu fragen: „Was ist passiert? Was hast du gemacht?“
„Nichts“, behauptete Venom.
„Sie sitzt doch jetzt nicht wegen nichts wie Fallobst da herum“, meinte Thunder.
Der grüne Ritter schaute verlegen drein.
„Naja, irgendwie kam ich doch auf ihr Aussehen zu sprechen.“
Cyrill und Thunder stöhnten.
„He, ich hab nichts Schlimmes gesagt. Ich hab nur gesagt, dass sie eine ganz außergewöhnliche junge Frau ist.“
„Wenn sie nicht besonders dämlich ist, hat sie dich durschaut“, sagte Thunder genervt.
„Meinst du?“ fragte Venom, der leicht rot wurde.
„Ja, meine ich. Los, geh du jetzt!“ sagte der rote Ritter.
„Und warum machst du das nicht?“ fragte Cyrill, dem unbehaglich zumute war.
„Ich musste letztes Mal schon die ganze Zeit mit Baronin Kleinröschen tanzen.“
Cyrill seufzte und ging zu Isolde, während seine Freunde sich um die anderen Damen kümmerten. Der blaue Ritter dachte sich, dass es vielleicht reichen würde, wenn er mit der Prinzessin redete.
„Hallo“, sagte er etwas unsicher, denn er hatte keine Ahnung wie er die Prinzessin am besten ansprechen sollte.
Das Mädchen zog die Füße unter die Stuhlbeine. Sie machte sich ganz klein, so als wollte sie am liebsten verschwinden.
„Hallo“, sagte sie leise und sah weiter angestrengt auf den Boden.
Cyrill setzte sich zu ihr und wusste dann nicht was er machen sollte. Er war nicht gerade eine Rampensau und im Leute ansprechen war er auch nicht gut. Es war ok, wenn es einen Grund gab, einen wirklichen Grund, aber einfach nur, um sich zu unterhalten, das lag ihm nicht.
„Bist du auch hier, weil dir jemand gesagt hat, dass du mit mir tanzen sollst“? fragte Prinzessin Isolde und eine Spur Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit.
Cyrill verschlug es die Sprache. Im Grunde hatte sie ja Recht, doch er hatte das Gefühl, dass es jetzt nicht der perfekte Zeitpunkt war, um ihr das zu sagen.
„Ehrlich gesagt mag ich tanzen gar nicht“, sagte er stattdessen.
„Wirklich?“ fragte Prinzessin Isolde und sah ihn zum ersten Mal an.
„Nein, bis vor ein paar Wochen konnte ich noch nicht mal tanzen. Ich musste es erst lernen, weil das so erwartet wird, aber von mir aus können solche Ballabende zukünftig gerne ausfallen.“
Die Prinzessin ließ sich Zeit bevor sie sagte: „Dann sind wir schon zwei. Ich bin auch nur hier, weil mein Vater drauf bestanden hat.“
Sie schwiegen. Die Zeit dehnte sich. Nur um irgendwas zu sagen, fragte der blaue Ritter: „Was würdest du tun, wenn heute Abend kein Ball stattfinden würde?“
Prinzessin Isolde musterte ihn, um herauszufinden wie er den Satz gemeint hatte, dann antwortete sie: „Ich würde in meinem Bett liegen und lesen.“
„Oh, was liest du denn gerne?“
„Im Moment lese ich ein Buch von Hepzibah von Kyr. Sie beschreibt darin, dass die Welt mitnichten eine Scheibe ist, sondern rund. Außerdem befindet sich nach ihrer Weltanschauung die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums, sondern die Sonne, und alle anderen Planeten, einschließlich unserem, umkreisen sie.“
Für einen Moment sah sie so aus, als hätte sie das Gefühl zu viel gesagt zu haben. Sie blickte ihn an, fast als würde sie erwarten, dass er sie auslachen würde, doch Cyrill sagte: „Oh, davon hab ich auch schon gehört. Unser Bibliothekar hat mir das Buch empfohlen, doch leider kam ich nicht mehr dazu es zu lesen.“
Prinzessin Isoldes Augen wurden groß.
„Oh es ist ein sehr interessantes Buch“, sagte sie und es war das erste Mal, das Leben in ihre Stimme kam.
„Sie erklärt, dass die Planeten auf einer Elipsenbahn unterwegs sind. Das macht die Fixsterne überflüssig. War doch auch irgendwie unlogisch, warum sollten die da irgendwie im Himmel feststecken?“
„Ja, komische Vorstellung.“
Cyrill lachte.
„Was ist?“ fragte Prinzessin Isolde und wurde wieder nervös.
„Ich musste an etwas denken, was mein Freund Venom mal gesagt hat.“
„Das war doch der, der vorhin mit mir getanzt hat, oder?“ fragte die Prinzessin missmutig.
„Ja“, sagte Cyrill und wusste nicht, ob er vielleicht etwas Falsches gesagt hatte. „Er sagte mir mal, dass er denkt, dass die Sterne große Kugeln aus Gas sind, die in unvorstellbar weiter Entfernung verglühen. Ich dachte damals, dass das gar keine so absurde Vorstellung ist.“
„Stimmt, gar nicht so dumm“, meinte jetzt auch Isolde.
Sie warf einen prüfenden Blick durch den Ballsaal und sah zum grünen Ritter, der im Moment mit einer plumpen älteren Dame tanzte, die in ein pompöses hellblaues Kleid gehüllt war.
„Die Planeten müssen dann aber unterschiedlich schnell rotieren“, überlegte Cyrill. „Eine Rotation dauert bei uns etwa vierundzwanzig Stunden, doch je nach Größe und Nähe zur Sonne muss es eine unterschiedliche Rotationsgeschwindigkeit geben.“
„Ich denke es wäre auch wichtig zu wissen woraus diese Planeten bestehen. Vielleicht sind sie schwerer oder leichter als die Erde und das verändert die Berechnungen.“
„Stimmt“, gab Cyrill zu. „Hm… das sind komplexe Berechnungen. Wie hat sie das gemacht?“
„Oh sie hat die Wanderung der Planeten intensiv beobachtet. Bzw. so ist das gar nicht richtig gesagt. Sie hat beobachtet, wie wir uns im Verhältnis zu den anderen Planeten bewegen. Sie hat Modelle angefertigt und komplexe Berechnungen erstellt, um den Unstimmigkeiten des Geozentrischen Modells auf den Grund zu gehen. Außerdem hat sie praktische Experimente durchgeführt.“
Angeregt erzählte Prinzessin Isolde ihm über Hepzibahs Entdeckungen. Der Eisritter hatte völlig vergessen, dass er eigentlich nur hier war, um die Prinzessin zu unterhalten. Er fand es wirklich interessant und dachte gar nicht mehr daran zu gehen. Immerhin konnte er sich selten mal mit jemandem über die Naturwissenschaften unterhalten. Venom fand das langweilig. Pyro interessierte sich nur dafür, wenn irgendwas explodierte und Thunder verlor auch schnell mal das Interesse, wenn es nicht praktisch anzuwenden war. Die nächste Zeit unterhielten sich die Prinzessin und der Ritter angeregt über Astrologie, Mathematik und Physik und hatten wirklich Spaß dabei. Schließlich fragte Isolde: „Warum konntest du das Buch eigentlich nicht mehr lesen?“
„Oh… eine lange Geschichte. Um es kurz zu machen. Ich hatte mir ein Buch aus unserer Bibliothek ausgeliehen, doch unser Ritterschlafraum ist abgebrannt und das Buch befand sich darin. Bis ich kein Ersatzexemplar rangeschafft habe, brauch ich mich in unserer Bibliothek nicht mehr blicken lassen.“
„Oh, wie tragisch“, sagte die Prinzessin.
„Ja, … tragisch.“
„Hm… vielleicht hast du in unserer Bibliothek ja Glück und du kannst einen der Schreiber bezahlen, um eine Dublette herzustellen.“
Cyrill sah sie erstaunt an.
„Das ist eine gute Idee. Ich hoffe das klappt. Danke für den Tipp.“
Während sich Cyrill und Isolde unterhielten, mussten Venom und Thunder mit elf verschiedenen Damen tanzen. Offenbar gefiel den Frauen das Tanzen mit den beiden Rittern, denn sie konnten gar nicht genug davon bekommen. Zwei Frauen offenbarten Thunder sogar, dass sie seinem Fanklub beigetreten waren und wollten ihm gar nicht mehr von der Seite weichen. Diese Anhänglichkeit nervte den roten Ritter, doch er wusste was sich gehörte und stand den Abend stoisch durch.
Unterdessen stand Pyro auf einem hohen Gerüst an der Außenwand des Palastes und half beim Sanieren. Natürlich war er nicht allein. Es gab drei Vorarbeiter und einen Meister, die von König Wilhelm bezahlt wurden. König Castle hatte seine volle Unterstützung zugesichert weswegen sämtliche Mitglieder der Pyrowehr an den Reparaturarbeiten mithalfen. In weiser Voraussicht hatte der alte König vor allem diejenigen in die Pyrowehr geholt, die handwerklich begabt waren und Schäden so vergleichsweise gut ausbessern konnten. Natürlich nur bis zu einem bestimmten Grad. Die Werft war unstrittiger Weise nicht mehr zur retten gewesen. Wirklich begeistert waren die Mitglieder der Pyrowehr nicht über die Arbeit, die der Feuerritter ihnen beschafft hatte. Immer wieder warfen sie ihm finstere Blicke zu und murrten, doch Pyro ließ sich davon nicht irritieren. Er hatte nur mäßiges handwerkliches Geschick und wurde deswegen für die groben Tätigkeiten eingesetzt. Ruß vom Gebäude abkratzen und unbrauchbare Steinreste abschaben und in Eimern das Gerüst hinuntertransportieren. Das hinderte Pyro aber nicht daran nebenher die anderen zu beobachten. Er dachte sich, dass er so vielleicht noch was lernen könnte. Wenn ihm das zu langweilig wurde, sah er sich in der Umgebung um. Von hier oben hatten sie eine wirklich tolle Aussicht. Sie hatten den ganzen Nachmittag gearbeitet und selbst jetzt wo es dunkel wurde, hatten sie nicht aufgehört. Zu diesem Zweck hatten sie kleine Lampen mit nach oben gebracht. Sie wurden von Öl gespeist und um die Flamme herum gab es ein Gestell aus Metall und Butzenglas. Wirklich hell war es nicht, aber es reichte, dass sie immer noch grobe Arbeiten verrichten konnten. Immer mal wieder flackerten die Blicke der Pyrowehr zum Feuer hin, fast so, als erwarteten sie, dass der Feuerritter irgendwas damit anstellen würde. Doch zum Erstaunen aller tat er nichts dergleichen.
„Wird langsam zu dunkel zum Arbeiten. Machen wir morgen weiter. Schluss für heute!“ beschloss der Meister.
Ein erleichtertes Seufzen machte die Runde. Offenbar konnten es die Arbeiter gar nicht abwarten endlich hier runter und ins Bett zu kommen. Vorher würden sie noch schnell was essen. Anders als die anderen Diener waren sie gar nicht erst dazu gekommen.
„Ich bleib noch ein bisschen hier oben und seh mir die Sterne an“, erklärte Pyro.
Tjark, Hauptmann der Pyrowehr, sah das aber offenbar nicht gerne.
„Die kannst du dir doch auch von unten ansehen“, meinte er.
„Aber von hier ist es schöner“, hielt der Feuerritter dagegen.
Tjark kratzte sich am Dreitagebart und grummelte: „Wenns denn sein muss. Bleib ich eben auch hier oben. Ihr anderen könnt runterklettern“, wies er seine Kameraden an.
„Wirklich?“, „Gott sei Dank“, „Meinst du, dass du allein zurechtkommst? Ich mein … wenn was passiert“, fragten seine Kollegen.
„Wird schon werden“, sagte Tjark brummig.
Die anderen waren wohl zu geschafft, um sich noch groß Gedanken zu machen, denn sie verließen einer nach dem anderen das Baugerüst. Sie nahmen auch die letzte Laterne mit, denn so viele hatten sie nicht und sie gingen wohl davon aus, dass die beiden auch im Dunkeln hinunterfinden würden. So gesehen hatte der Feuerritter ja immer etwas Licht griffbereit.
Tjark und Pyro sahen den Lichtern der Arbeiter nach, die nach unten kletterten und die Baustelle verließen. Ohne Umwege liefen sie zum rechten Dienergebäude, wo sie sich ein spätes Abendessen bereiten würden.
„Friedlich hier“, sagte Tjark, der sich ans Geländer lehnte und die Umgebung beobachtete.
„Stimmt“, antwortete Pyro, denn mehr gab es nicht zu sagen.
Es war einfach so. Der Wind rauschte sanft, irgendwo rief eine Eule und wenig später antwortete eine andere. Es hörte sich merkwürdig schrill an. Vielleicht war das eine ja noch eine recht kleine Eule. Die andere hörte sich tiefer an und mehr nach dem wie man sich einen Eulenschrei vorstellte. Leise hörten sie auch die Musik, die vom Ballsaal herüberwehte. Pyro fragte sich, ob seine Freunde mehr Spaß hatten als er.
„Sag mal, warum musst du eigentlich immer alles anzünden?“ fragte Tjark und lehnte sich damit gefährlich weit aus dem Fenster.
Pyro zuckte mit den Schultern.
„Es macht Spaß.“
„Das ist alles?“ fragte Tjark ungläubig, aber auch verstimmt.
Der orangene Ritter sprach nicht gleich weiter, sondern ließ sich Zeit.
„Als ich noch ein Kind war, konnte ich noch nicht wirklich mit meiner Magie umgehen und es kam immer mal wieder zu Unfällen. Das führte zu Groll bei unseren Nachbarn, auch die etwas weiter weg wohnten.“
Tjark sah ihn schief an.
„Ja, gut, alle im Dorf … und von den anderen umliegenden Dörfern … den Bauern … und überhaupt.“
„Bist nicht gern gesehen in deiner Heimat, was?“
„Nicht wirklich.“
„Tja, da siehst du was bei raus kommt, wenn man mit Feuer spielt“, sagte Tjark recht mitleidslos.
Für ihn war die Lage klar. Wer mit Feuer spielte musste sich früher oder später verbrennen und wer aus Spaß Sachen ansteckte, hatte nichts anderes als eine harte Bestrafung verdient, das war seine Meinung.
„Früher war es oft wirklich ein Unfall, aber das war den Leuten egal. Es gab trotzdem immer Ärger. Irgendwann hab ich mir gesagt, dass es wirklich egal ist, ob es ein Unfall ist, oder ob ich es mit Absicht gemacht habe. Es gab ja so oder so Ärger und mich konnte keiner leiden, also wenn es schon so war, konnte ich ja wenigstens Spaß dabei haben“, sagte Pyro und lehnte sich ebenfalls ans Geländer, das jetzt unter seiner Rüstung unheilvoll knackte.
Der Ritter ließ sich davon nicht stören.
„Komische Logik. Warum hast du nicht versucht dich zu bessern?“
„Hab ich ja, hat nichts gebracht, egal wie sehr ich mich angestrengt habe. Irgendwann hab ich es dann aufgegeben. Später als ich Fußsoldat war, konnte ich meine Magie dann nutzbringend einsetzen.“
Aus dem Augenwinkel konnte der Ritter sehen, wie sich der Feuerwehrhauptmann vor Unbehagen schüttelte.
„Menschen verbrennen nennst du nutzbringend einsetzen?“
„Im Krieg ist das ein Nutzen“, erklärte Pyro kurz angebunden.
Tjark hakte nicht weiter nach. Das Reden war ihm wohl vergangen. Pyros Kopf fuhr plötzlich herum. Er hatte etwas gesehen, dass seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine Tür hatte leise geklappert und weit unter ihnen hörten sie Schritte, die den Kiesweg entlangknirschten. Der orangene Ritter lehnte sich beunruhigend weit über die Brüstung, um hinunterzuspähen. Hektisch griff Tjark nach ihm, doch der Feuerritter hielt ihn mit einer Handbewegung zurück und legte dann einen Finger an die Lippen zum Zeichen, dass er still sein sollte. Tjark sah ihn verwundert und misstrauisch an, während Pyro aufmerksam die einsame Gestalt verfolgte, die vom Sommerpalast zum Stall der besser gestellten Adligen hinüberschritt. Dieser befand sich nicht beim Gebäude der Ritter, sondern direkt neben der Mauer, die den Sommerpalast umgab und auf dem Weg dorthin gab es keine Wachen. Lediglich eine Patrouille kam alle zwanzig Minuten vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Doch die war gerade erst da gewesen. Pyro witterte etwas. Er konnte noch nicht sagen, ob es eine ernstzunehmende Gefahr war, oder ob es hier noch jemanden gab, der einen Sinn für spezielle Streiche hatte. Pyro lehnte sich weiter vor, um zu sehen wer da so spät und ganz allein herumschlich, doch er konnte es nicht genau erkennen. Es war zu dunkel. Es war eine breit gebaute Gestalt, die einen Umhang trug. Das war zunächst einmal nicht so ungewöhnlich, denn ein Umhang gehörte bei manchen Rittern zum Festumhang dazu. Die Gestalt öffnete jetzt die Stalltür und schlüpfte hinein.
„Was ist denn los?“ flüsterte Tjark.
„Findest du es nicht auch seltsam, dass da so ein Typ herumschleicht?“
„Nö. Will halt nach Hause reiten.“
„Ganz alleine?“
Tjark zuckte mit den Schultern. Offenbar hielt er das nicht für ungewöhnlich.
„Die hohen Tiere haben doch alle ihre eigene Eskorte und Diener und was weiß ich noch alles. Die laufen doch nicht allein zum Stall. Wenn dann gehen die Diener und holen die Reittiere. Irgendwas ist da faul.“
Sie warteten und sahen angespannt auf den Stall, doch es regte sich nichts.
„Vielleicht war er betrunken und schläft jetzt im Stall seinen Rausch aus“, schlug der Feuerwehrhauptmann vor.
„Glaub ich nicht.“
Tatsächlich hörten sie ein Quietschen und dann öffnete sich wieder eine Stalltür, aber diesmal die hintere. Jemand sah sich kurz um und schlüpfte dann hinaus. Das kam Pyro sehr verdächtig vor. Sie konnten ihn nur sehen, weil sie so hoch oben waren. Von unten wäre die Person hinter dem Stall verdeckt gewesen. Sie schlich jetzt an der Mauer entlang nach vorne, warf noch einen langen Blick auf die Vordertür und ging dann wieder zurück Richtung Ballsaal.
„Seltsam, sehr seltsam“, murmelte der orangene Ritter.
„Was ist denn so seltsam? Der Typ ist nur mal kurz in den Stall gegangen, hat sich umgesehen und ist dann wieder abgehauen.“
„Eben. Was hat er da gemacht? Wozu das alles?“
„Ist doch egal.“
„Nein, ist es nicht. Ich hätte so gehandelt, wenn ich was anstellen wollte. Irgendein Streich oder so.“
„Was denn für einen Streich?“ fragte Tjark und eine seiner Augenbrauen hob sich erstaunt.
„Was weiß ich. Zum Beispiel ein Bottich voll mit Teer, der sich über denjenigen entlädt, der die Tür öffnet und anschließend wird noch Stroh über ihn hinweg gekippt“, schlug Pyro vor.
„Du hast vielleicht Ideen…“ grummelte Tjark.
„War ja nur ein Beispiel, aber wenns sowas nicht ist, könnte es auch was ernstes sein. Irgendwas Gefährliches. Sir Nesselsuppe hat uns Rittern erzählt, dass es hier irgendwelche Intrigen gibt.“
Tjark wurde hellhörig. Sowas interessierte ihn offenbar.
„Was denn für Intrigen?“
Pyro zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Genaues hat er uns nicht gesagt. Aha, wenn man vom Teufel spricht…“
Während er geredet hatte, hörten sie das Klappern einer Tür und wenig später erneut Schritte auf dem Kies. Bald kam die Person in Sicht. Vom Umriss und der Art wie die Person ging, konnte Pyro erkennen, dass es sich um Sir Nesselsuppe handelte. Er wirkte sehr entspannt. Zunächst ohne genaues Ziel schlenderte er auf dem Kies entlang und genoss die schöne Abendluft. Einmal blieb er für längere Zeit stehen, vielleicht, um die Sterne zu betrachten. Dann gab er sich wohl einen Ruck und ging Richtung Stall. Offenbar wurde auch sein Pferd dort untergebracht.
„Siehst du, der ist auch allein unterwegs“, kam es von Tjark.
„Oh nein, wenn das wirklich eine Falle ist, dann läuft er mitten rein“, sagte Pyro, der ihm nicht zugehört hatte und lief zur Treppe.
„Wo willst du hin?“ fragte Tjark verwundert.
„Na zum Stall und ihn warnen.“
„Und wenn es wirklich nur ein Streich ist? Dann wird er denken, dass du das warst.“
Pyro antwortete nicht. Er kletterte hastig die Treppe hinunter, doch das Gerüst war hoch und es brauchte Zeit bis er unten ankam, dann rannte er eilig los. Währenddessen war der alte Ritter schon zum Stall gegangen und öffnete gerade die quietschende Tür.
„HALT!“ rief Pyro und warf sich mit einem beherzten Sprung gegen den älteren Ritter.
Sir Nesselsuppe fluchte ungehalten, als er so rüde herumgestoßen wurde und so auf die Erde stürzte. Es gab ein klirrendes Geräusch von Metall auf Metall.
Pyro stöhnte.
„Was um alles in der Welt geht hier vor?!“ brüllte Sir Nesselsuppe und richtete sich ungehalten auf.
Wie aus einem Reflex heraus klopfte er sich den Staub von den Sachen.
Es war sehr dunkel im Stall, so dass Pyro und Sir Nesselsuppe sich nicht direkt sehen konnten. Mühsam richtete sich der Feuerritter auf.
„Hast wohl zu tief ins Glas gesehen, dass du selbst mich in meiner Metallrüstung nicht gehört hast.“
„Pyro?“ fragte Sir Nesselsuppe verwundert, dann wollte er verärgert wissen: „Was soll dieser Blödsinn? Was hast du jetzt schon wieder ausgeheckt?“
„Diesmal war ich es nicht. Wirklich nicht.“
„Lass mich raten …“ sagte der alte Ritter in einem genervten Ton. „Es war ein Unfall?“
„Nein, das glaub ich nicht, es sei denn es zählt für dich als Unfall mit einem Armbrustbolzen auf jemanden zu schießen.“
„Mit WAS?“
„Hier, mir steckt einer in der Schulter. Offenbar war er für dich gedacht.“
Sir Nesselsuppe kam näher und sagte: „Mach doch mal Licht, man kann ja seine eigene Hand vor Augen nicht sehen.“
„Ich soll doch nicht“, meinte Pyro.
Er konnte fast hören, wie der alte Ritter die Augen verdrehte. Eigentlich zu hören, war aber ein genervtes Stöhnen.
„Klar, JETZT willst du natürlich nicht.“
„Wenn der Stall nachher brennt und alle Tiere sterben, heißt es wieder ich wäre schuld gewesen“, beharrte Pyro auf seinem Standpunkt.
„Ja, ist ja gut, ist ja gut, ich mach ja schon.“
Der alte Ritter holte aus seinen Sachen Zündhölzer hervor und entzündete eines. Dann suchte er nach einer Lampe, die er entfachen könnte. Es klapperte, als er eine fand und eine der kleinen Glastüren öffnete, um den Docht zu entzünden. Mit der flackernden Lampe in der Hand, drehte er sich schließlich zum orangenen Ritter herum, und trat näher zu ihm heran.
„Großer Gott, dir steckt da ja wirklich ein Armbrustbolzen  in der Schulter.“
„Na, was dachtest du denn?“ fragte Pyro mit zusammengebissenen Zähnen, da er den Schmerz unterdrücken wollte. „Denkst du, das war nur ein Scherz? He, mir steckt da ein Armbrustbolzen in der Schulter, haha wie lustig, der Witz des Jahrhunderts.“
Das Geschoss steckte jetzt etwa zehn Zentimeter links neben seinem Hals und hatte selbst seine massive Rüstung durchdrungen. Dunkles Blut floss seine Panzerung hinunter.
Pyro sah nach oben. Die Bewegung schmerzte, aber er wollte es wissen. Das Licht erleuchtete leider nicht genug, um genaueres zu erkennen, doch er meinte oben über der Tür eine Art Armbrust zu sehen, die mit einer Schnur am Türgriff befestigt war. Wenn jemand an der Tür ziehen würde, wurde die Armbrust gespannt und feuert einen Bolzen ab.
„So wie es aussieht war wohl eigentlich der Kopf das Ziel. Hätte ich dich nicht weggestoßen, hätte es dich bestimmt erwischt.“
Sir Nesselsuppe konnte seine Bestürzung gut hinter einer ruhigen Fassade verbergen.
„Ja, sieht so aus und da ich keine Rüstung getragen hätte, wäre ich sicher nicht lebend davon gekommen.“
Er sah sich die Apparatur genauer an. Sie hörten erneut Schritte und drehten sich misstrauisch zum Eingang.
„Halt! Wer da?“ rief Sir Nesselsuppe laut und hob seine Magiehand.
„Ich bin es.“
„Wer ist „ich“?“ fragte der alte Ritter ungehalten.
„Es ist Tjark. Der Feuerwehrhauptmann“, erklärte Pyro und bald darauf lugte das neugierige Gesicht von Tjark zu ihnen herein.
„Eine Öllampe im Stall? Das entspricht aber nicht den Brandschutzvorschriften.“
„Wir sind hier nicht bei euch zuhause! Aber ich kann mir schon vorstellen, dass ihr mittlerweile hohe Brandschutzregelungen getroffen habt. Sonst wäre bestimmt schon das halbe Königreich abgebrannt.“
„Jetzt übertreibst du aber“, meinte der Feuerritter.
„Wo kommt ihr beiden jetzt überhaupt her?“ wechselte Sir Nesselsuppe das Thema.
„Wir haben nach den Arbeiten an der Wand des Palastes noch etwas die Nachtluft genossen und da hat Pyro auf einmal einen Typen gesehen, der hier reingegangen ist. Hat sich gewundert, was der hier drin wohl macht.“
Er bedachte den blutigen Bolzen in Pyros Körper.
„Sieht nach nem Attentat aus.“
„Auf dem Gerüst muss doch bestimmt noch eine Zange liegen, hol die mal her, damit ich das Teil rausziehen kann“, trug ihm Pyro auf.
„Nein, mach das nicht!“ hielt der alte Ritter Tjark auf und sagte an Pyro gewandt: „Du willst den Bolzen wirklich mit einem vielleicht schon angerosteten Werkzeug rausholen?“
„Soll es etwa drin bleiben?“ fragte der Feuerritter säuerlich.
„Nein, natürlich nicht. Wir gehen jetzt zu unserem Hofheiler und lassen es rausholen.“
„Wenn schon, dann würde ich lieber zu unserer Ärztin gehen“, sagte Pyro, der schon schlechte Erfahrung mit Medizinern gemacht hatte.
„Papperlapapp, unserer ist viel näher. Außerdem schläft eure vielleicht schon“, wehrte sein Mentor ab. „Los, gehen wir.“
Sie traten aus dem Stall ins Freie hinaus. Draußen war es aufgrund der Lampen, die um das Gebäude herum standen etwas heller. Pyro grinste, als wäre er nicht gerade von einem schmerzhaften Geschoss getroffen wurden.
„Ha! Das hast du mit deinen magischen Kräften wohl nicht vorausgesehen was? Da spielst du uns immer den erfahrenen Ritter vor und dann lässt du dich einfach so übertölpeln.“
In der Dunkelheit wurde der alte Ritter beinahe unmerklich rot.
„Ich … hatte ein paar Gläser Wein getrunken. Das war meiner Aufmerksamkeit offenbar nicht gerade zuträglich und ich muss zugeben, dass ich nicht mit einem Attentat gerechnet hätte, nicht im Stall.“
„Deswegen ist es ja ein Attentat. Da kann man nie mit rechnen. Man könnte selbst auf dem Scheißhaus mit einer Armbrust erschossen werden“, meinte Pyro.
Sir Nesselsuppe fühlte sich offensichtlich unwohl in seiner Haut.
„Ja, da hast du wohl Recht. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich bin dir wohl zu Dank verpflichtet.“
„Gern geschehen“, meinte Pyro als wäre nichts weiter dabei gewesen.
„Hast du erkennen können, wer sich in den Stall geschlichen hatte?“
„Nein, leider nicht. Es war zu dunkel und selbst wenn nicht, hier laufen jede Menge Leute herum, die ich nicht kenne.“
„Hm… das stimmt wohl.“
Sie begegneten einer Patrouille.
„Ah, da ist sie ja die königliche Patrouille, die angeblich nicht mal eine Maus ungesehen durchlässt“, sagte Sir Nesselsuppe schroff.
Die Wachen blieben stehen und sahen den alten Ritter verwundert an. Ihnen deuchte wohl, dass irgendwas vorgefallen war. Der blutige Bolzen in Pyros Schulter war ein großes Indiz.
„Irgendwer hat eine interessante, aber sehr tödliche Apparatur im königlichen Stall installiert, ohne, dass ihr etwas davon bemerkt habt und hätte mich um ein Haar ins Jenseits befördert. Ist das eure Vorstellung von Wache schieben?“ herrschte Ritter Nummer eins sie an.
Die Wachmänner schienen vor ihm zusammenzuschrumpfen.
„Untersucht den Tatort und sichert alle Spuren! Und eilt euch, bevor vielleicht noch jemand in eine Falle tappt!“
Scheppernd setzten sich die sechs Wachen in Bewegung und rannten so schnell wie es ihnen möglich war zur Scheune.
„Hihi, denen hast du ja Feuer unterm Hintern gemacht“, freute sich Pyro.
Offenbar fand er es lustig, wie sein Lehrer andere herumkommandierte, und die seine Befehle auch noch befolgten.
„Das nennt sich Disziplin Pyro“, erklärte der alte Ritter eisern.
Er stieg die Stufen zu einer Tür hinauf.
„Ich muss doch da nicht mit rein, oder?“ fragte Tjark, denn eigentlich war es Dienern nicht erlaubt, ohne triftigen Grund in den Sommerpalast zu gehen.
„Nein, dich hat ja kein Bolzen getroffen, oder?“ fragte der Feuerritter.
Der Feuerwehrhauptmann schüttelte den Kopf und verabschiedete sich. Vermutlich würde es nicht lange dauern, bis die ganze Pyrowehr von den Geschehnissen des heutigen Abends unterrichtet wurde. Sir Nesselsuppe hatte Recht. Es war gar nicht so weit bis zum Medicus. Anders als bei König Castle hatte er seine Praxis nicht irgendwo weit oben, wo man viele Treppenstufen zu laufen hatte, sondern gleich im Erdgeschoss, wo sie leicht zugänglich war. Der hochgeschossene Medicus war etwa dreißig Jahre alt und las vorm Kamin ein Buch, als sie ihn in seiner Tätigkeit unterbrachen und zur Tür hereinkamen.
„Ist was passiert?“ fragte er und strich sich seine halblangen schwarzen Haare aus den Augen.
Sir Nesselsuppe zeigte auf Pyro.
„Der Bolzen da muss so schnell wie möglich raus.“
„Selbstverständlich. Schließt die Tür. Und du setz dich da hin.“
Letzteres war an Pyro gerichtet. Der orangene Ritter sah den jungen Mann skeptisch an und setzte sich dann auf die Liege. Er versuchte seine Rüstung abzulegen, doch es schmerzte sich zu bewegen.
„Halt! Halt! Halt! Hör auf damit! Willst du dich noch mehr verletzten? Lass mich das machen, schließlich bin ich hier der Medicus“, sagte der Heiler mit einer bestimmten, aber nicht unfreundlichen Stimme.
Während der Medicus Pyros Rüstung Stück für Stück ablegte erzählte Sir Nesselsuppe ihm was vorgefallen war.
„Großer Gott, unfassbar! Kaum zu glauben, dass sowas gleich hier um die Ecke passiert ist. Kann man sich denn gar nicht mehr sicher fühlen? Da laufen hier schon so viele Wachen herum und trotzdem passiert noch sowas?“
Der Medicus wirkte sichtlich erschüttert. Er zog jetzt das Schulterstück ab, in das der Bolzen eingedrungen war. Es hatte sich deformiert und war nur schwer zu lösen. Leider hatte die Rüstung auch den Ritter selbst an der Eintrittstelle des Geschosses verletzt. Er hatte den Bolzen nun freigelegt und sah ihn sich genauer an.
„Sieht übel aus.“
„Danke, das war genau das, was ich hören wollte“, sagte Pyro zerknirscht.
Der Medicus wurde rot. Offenbar war ihm das einfach nur so herausgerutscht.
„Nun, sieht nach einem besonders harten Metall aus. Er ist sehr tief eingedrungen. Ich könnte etwas Hilfe gebrauchen.“
„Was soll ich tun?“ fragte Sir Nesselsuppe, der sich offenbar nicht zu schade war, selbst Hand anzulegen.
„Halt ihn einfach nur fest, während ich das Teil da rausziehe. Ich brauche eine besondere Zange dafür.“
Pyro sah Sir Nesselsuppe mit einem Blick an, der wohl sagen sollte: Siehst du! Eine Zange!
Der Heiler kramte in einigen Schubladen, die neben dem Behandlungstisch standen und holte eine ziemlich unangenehm aussehende Zange hervor.
„Können wir das nicht irgendwie anders machen?“ fragte Pyro mit einem mulmigen Gefühl im Magen.
„Keine Sorge, alles wird gut“, meinte der Medicus, der sich jetzt wohl doch noch um die psychische Versorgung seines Patienten kümmern wollte. „Hier drauf beißen.“
Er hielt Pyro ein Stück Leder hin, dass der sich in den Mund schob. Das kannte er schon.
„Halt ihn gut fest!“, sagte er zum älteren Ritter. „Das könnte jetzt etwas zwicken.“
Sir Nesselsuppe packte Pyro rechts und links an den Oberarmen, damit er nicht unnötig herumzappelte, während der Heiler seine Operation durchführte. Der Medicus setzte die Zange so an, dass sie sich fest um den Griff des Bolzens schloss und zog dann mit aller Kraft nach oben. Ein beißender Schmerz riss an Pyros Schulter. Es war gut, dass er das Stück Leder zum draufbeißen hatte. Mit einem erneuten heftigen Ruck hatte der Medicus schließlich den Bolzen herausgerissen und ein Schwall Blut folgte ihm und floss am Körper des Feuerritters herunter.
„Na wer sagts denn?“ kam es vom Medicus, der glücklich den Bolzen in der Zange betrachtete. „Das Ding steckte bestimmt fünfzehn Zentimeter tief drin. Er hat auch ziemlich viel Blut verloren. Ich denke, damit er alles ohne Komplikationen übersteht, wäre ein halber Heiltrank fällig.“
Der orangene Ritter sah ihn Däumchen drehend an.
„Ich hab aber kein Gold.“
„Das bezahle ich natürlich“, erklärte sein Mentor.
„Oh, das ist aber nett“, sagte Pyro fröhlich.
„Das ist ja wohl das mindeste“, meinte Sir Nesselsuppe.
Der Medicus spülte die Wunde mit Wasser aus und holte dann einen Heiltrank aus einem Schrank, entkorkte das Fläschchen und maß etwas Flüssigkeit in ein Becherchen. Das reichte er dem Patienten, der es in einem Zug hinunterstürzte. Unmittelbar setzte die Wirkung ein und wie von Zauberhand regenerierte sich Pyros verletzter Körper.
„Das wäre geschafft“, sagte der Medicus erleichtert.
„Aber ich hab alles vollgesuppt“, meinte Pyro und sah sich um.
Tatsächlich hatte die Liege, auf der er saß eine deutlich rote Färbung angenommen und auch auf den Steinfußboden war etwas Blut getropft. Wieder seufzte Sir Nesselsuppe.
„Darüber mach dir mal keine Gedanken, das wird der Medicus schon machen.“
„Oder die Putze“, warf der Medicus ein, während Pyro sich wieder seine Rüstung anlegte.
Der Ritter sprang schließlich von der Liege herunter. Der Heiler brachte die beiden Ritter zur Tür und wünschte ihnen noch eine erholsame Nacht. Im Flur erklärte der ältere Ritter: „Ich werde mal nachsehen was die Wachen im Stall herausgefunden haben.“
„In Ordnung. Ich geh dann auch mal“, sagte Pyro, hob die Hand zum Gruß und stiefelte den Gang entlang, der quer durch den Sommerpalast führte, damit er auf der anderen Seite wieder herauskam und zum Rittergebäude gehen konnte.
Sir Nesselsuppe sah ihm noch etwas nachdenklich nach, dann wandte er sich ab, um Richtung Stall zu gehen.
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