Castle Crashers - 4 haun aufm Putz

GeschichteAbenteuer, Humor / P12
Blauer Ritter Grüner Ritter Königliche Wache Oranger Ritter Roter Ritter
16.07.2019
08.10.2020
46
285.004
1
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.10.2019 6.769
 
ZACK! Ein Kissen knallte Pyro ins Gesicht und riss ihn aus dem Schlaf.
„Haha! Rache!“ lachte Cyrill und setzte gleich noch mal nach.
Pyro grinste, sprang von seinem Bett hoch und packte sein eigenes Kissen, um sich auf das wilde Spiel einzulassen. Im Ritterschlafsaal ertönte mehrstimmiges Brummen und Ächzen, Stöhnen und Klagen.
„Oh nein, nicht schon wieder“, „Könnt ihr das nicht endlich mal lassen?“, „Warum ist hier immer so ein Aufruhr?“, „Ich will in Ruhe schlafen“, „Es war so schön ruhig bevor die hier aufkreuzten.“
Nur Venom und Thunder schnarchten einfach weiter, so als wäre nichts gewesen, jedenfalls so lange, bis Pyro rabiat mit dem Kissen auf sie einprügelte, damit sie endlich auch aufstanden.
„He, liegt da nicht so faul herum! Aufstehen! Mitmachen!“ forderte er und grinste.
„Irgendwann dreh ich ihm mal noch den Hals um“, kam es genervt von Venom.
Das Bett knarzte, als er sich aufrichtete, gähnte und streckte. Im nächsten Moment hatte er Thunders Beine vor dem Gesicht, denn der ließ sie zuerst runterhängen, bevor er sich mit den Händen abstieß, um von oben hinunterzuhopsen.
„Na los, kommt! Zeit fürs Frühstück!“ sagte Venom, der sich müde anzog und dann Cyrill und Pyro trennte, die immer noch verbissen kämpften.
Beim Essen herrschte durchwachsene Stimmung. Pyro und Cyrill waren fröhlich, Thunder und Venom sahen es wie jeden anderen Tag an und die meisten der grauen Ritter waren richtig mieser Laune. Offenbar war das heute Morgen der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
„So geht das einfach nicht weiter“, fing Grey das Gespräch an.
Er war der Anführer der grauen Ritter und fühlte sich dazu berufen endlich mal auf den Tisch zu hauen.
„Ihr macht es uns wirklich schwer. Natürlich habt ihr unglaubliche Leistungen erbracht, gegen wilde Bestien gekämpft und die Prinzessinnen gerettet. Dafür bewundern wir euch auch. Doch oft sind wir die Leidtragenden, wenn ihr euch wieder irgendwelche … Späße … einfallen lasst. So wie bei der Sache mit dem Fenster.“
„Ich hab gesehen, da sind jetzt neue Scheiben drin“, unterbrach Pyro seine Rede.
„Der Butzenmacher war da“, erklärte Grey schroff. „Immerhin wurde es nicht zu teuer, aber diese Ausgaben hätten ja wirklich nicht sein müssen. Es ist sowieso schon kalt genug in der Burg, da muss nicht auch noch der Wind durch Löcher in den Scheiben pfeifen. Und das war ja nur ein Beispiel. Wenn ihr euch prügelt, dann müssen wir jedes Mal weg springen, um nicht auch mit reingezogen zu werden und dann diese nervigen Kissenschlachten, die uns aus dem sowieso schon unruhigen Schlaf reißen. Könnt ihr euch überhaupt vorstellen wie schwierig es ist ruhig einzuschlafen, wenn man die Vermutung hat es könnte jederzeit wieder irgendein Quatsch passieren? Außerdem haben wir das Gefühl, dass ihr uns nicht richtig ernst nehmt. Eure großen Taten werden von allen gewürdigt, aber dass wir auch etwas tun, das sieht irgendwie keiner und dann hört ihr uns gar nicht zu, wenn wir Sorgen haben. Manchmal denke ich, dass wir nur als irgendwelche unnützen Volltrottel angesehen werden, die sinnlos in der Gegend herumstehen.“
Cyrill fühlte sich betroffen. Er hatte wirklich nicht allzu viele Gedanken an die grauen Ritter verschwendet. Sie waren halt da, dass er sie durch ihre Blödeleien so sehr schädigte, war ihm bisher gar nicht bewusst. Er holte für eine Ansprache aus:
"Es tut mir Leid dass ihr so viel Ärger wegen uns habt. Mir war das alles gar nicht bewusst, wie schwer ihr es habt und kann euren Ärger gut nachvollziehen. Ihr leistet wirklich viel und ich sehe euch ja auch immer dabei. Ihr seid gewiss keine Volltrottel deren Arbeit unwich..."
Als Venom den Begriff Volltrottel hörte blickte er versonnen auf und sagte lachend: „Höhö, Volltrottel, genau wie bei Korgoth. „Ich gebe dir zehn meiner besten Männer mit und zwei Volltrottel, nur so aus Spaß.““
Cyrill seufzte resigniert und sagte dann erbost: „Ihr seid nicht die einzigen die ignoriert werden. Da hast du mal wieder ein super Timing für deinen Witz gefunden Venom. Weißt du überhaupt um was es geht? Scheißegal, Hauptsache du unterbrichst mich, wenn ich etwas Wichtiges zu sagen habe, nur um deinen Gedankenfurz in die Welt zu setzen! Wenn es hier einen Volltrottel gibt, dann bist du es! Könnte man seine Probleme mal ernsthaft klären, ohne von irgendwelchen belanglosen Witzen unterbrochen zu werden, die wir sowieso schon dreihundert mal gehört haben, gäbe es viel weniger Ärger!“
Die grauen Ritter sahen Cyrill verwundert an. Normalerweise fuhr er nicht so schnell aus der Haut, doch auch für ihn war das Maß voll. Der blaue Ritter bemerkte ihre Blicke, vollführte eine Geste in Richtung seiner Freunde und erklärte: „Seht ihr, bei uns ist das auch nicht anders. Venom und Thunder hören mir auch oft nicht zu, wenn ich was Wichtiges zu sagen habe. Vor allem Venom.“
„Ach und was ist mit mir? Wenn ich ein Problem habe, dann kümmert sich auch niemand um mich“, beschwerte sich der grüne Ritter.
„Genau das Gleiche!“, sagte Cyrill wütend und hieb auf den Tisch. „Wir wollen hier für alle eine Lösung finden und es wird komplett ignoriert und du willst nur deine eigenen Probleme gelöst haben.“
Andy, der mit seinen Kollegen bisher schweigend am Tisch gesessen und nur zugehört hatte, stand jetzt auf, hob beschwichtigend die Hände und erklärte. „Ich denke, das ist ein guter Zeitpunkt für ein Harmoniegespräch.“
Pyro sah ihn erschrocken an: „Ein WAS?“
„Wir setzen uns jetzt ganz in Ruhe hin, nehmen uns die Zeit und klären das. Ihr werdet sehen, hinterher fühlt sich jeder besser“, schlug Candy Andy vor.
Die anderen Ritter sahen erst ihn an, dann sich gegenseitig und zuckten mit den Schultern.
„Von mir aus“, „Meinetwegen“, „Kann nicht schaden“, „Ist einen Versuch wert“, „Lassen wir es drauf ankommen.“
„Gut. Also jeder ist einmal dran. Keine Unterbrechungen.“
Andy warf Venom einen eindringlichen Blick zu.
„Ihr redet, bis ihr der Meinung seid, alles was euch auf dem Herzen liegt erzählt zu haben. Dann sagt ihr, dass ihr fertig seid und der nächste ist dran. Am Ende versuchen wir dann eine Lösung zu finden. Ich finde Grey sollte anfangen, weil er um die Klärung gebeten hat.“
Der graue Ritter nickte und seine Kollegen sahen aufmerksam und ermutigend zu ihm hin. Er räusperte sich und sagte dann: „Ich möchte einfach, dass unsere Taten mehr gewürdigt werden. Viele unserer Kameraden sind bei dem Versuch die Prinzessinnen aus den Klauen der finsteren Mächte zu befreien umgekommen. Wir finden, dass das nicht genug beachtet wird. Es gab keine Gedenkveranstaltung, oder ähnliches und wir haben das Gefühl, dass ihr Opfer einfach vergessen wurde. Die meisten von uns versuchen sich vorbildlich zu verhalten, aber das ist gar nicht so einfach wenn ihr vier und noch mehr ihr zwei und ganz besonders du…“
Grey zeigte erst auf alle vier, dann auf Cyrill und Pyro und zuletzt nur auf Pyro.
„… andauernd irgendwelchen Ärger macht. Das fällt ja letztendlich auch auf uns zurück. Was denkt ihr denn wie es auf die Gäste wirkt? Hinterher heißt es dann die Ritter von König Castle können sich nicht benehmen und veranstalten andauern irgendein Chaos. Glaubt ihr da macht sich irgendwer die Mühe das genau auseinanderzuklamüsern und zu sagen … oh, das war ganz allein Pyros Schuld? Nein, die verallgemeinern einfach. Es ist ihnen egal, dass wir jeden Tag so gut wie möglich unseren Job machen, durch eure Albernheiten zieht ihr auch uns mit runter. Manchmal ist es unglaublich frustrierend euch als Vorgesetzte zu haben. Ihr verhaltet euch manchmal so dermaßen ungebührlich, wo es manchem von uns schon durch den Kopf geht, dass wir das viel besser könnten, weil wir uns ritterlicher verhalten und wir eine längere und bessere Ausbildung genossen haben. Aber weil die meisten von uns kein magisches Talent haben und die, die welches haben nicht mehr können, als ein paar Pfeile zu rufen, wissen wir, dass wir euch nicht das Wasser reichen können. Vor allem in Bezug auf Pyro ist das manchmal echt die Hölle. Wir tun nach unseren Möglichkeiten unser Bestes und hoffen, dass endlich mal alles gut wird, aber dann stellt Pyro wieder irgendeinen Blödsinn an und alles ist hin. Er wird aber nur mal eben kurz gescholten und das war es dann auch. Weiter passiert nichts, weil er ja ein „Eliteritter“ ist, der aufgrund seiner Kampfkraft noch vom König gebraucht wird. Und wir? Wenn wir uns auch nur den kleinsten Fehltritt erlauben setzt es gleich was. Klar, Pyro musste in die Arena, aber letztendlich kann man das auch nicht wirklich als Strafe betrachten, immerhin war es mehr als deutlich, dass ihm das sehr gefallen hat.“
Grey funkelte den Feuerritter wütend an.
„So eine Nacht im Gefängnis ist auch keine große Strafe in Anbetracht der Vergehen. Es ist einfach so ungerecht. Obwohl wir uns so anstrengen, kommen wir die Karriereleiter einfach nicht hoch. Da können wir uns noch so sehr bemühen. Es ist zum Mäusemelken.“
Er atmete tief durch, sah sich zu seinen Kollegen um, die ihm dankbar zunickten und erklärte dann: „So, ich denke, das war es erstmal.“
Die Eliteritter sagten erst einmal nichts und dachten über das nach was sie eben gehört hatten. Überraschenderweise meldete sich dann Pyro zu Wort.
„Darf ich was sagen?“
Andy sah verwundert aus, aber nickte ihm zu: „Ja, gerne Pyro, so lange du dich nicht im Ton vergreifst.“
Während Grey redete, hatte das Gesicht des Feuerritters mehrere Gefühle gezeigt, darunter Abwehr, Aggressionen, Arroganz und Belustigung. Doch dann plötzlich hatte sich ein erhellendes Grinsen auf seinem Gesicht gezeigt. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Nun saß er da und erklärte in ernstem und untypisch verständnisvollem Ton: „Zunächst einmal möchte ich sagen, dass es mir leidtut. Ihr habt es wirklich nicht verdient wie wir und ganz besonders ich euch behandelt haben. Immerhin bin ich Schuld, dass unser Raum abgefackelt ist und wir uns euch dann aufgezwängt haben. Wir haben euch überhaupt nicht gefragt wie ihr das findet.“
Grey und die anderen grauen Ritter sahen ihn völlig perplex an. Vielen war die Kinnlade heruntergefallen und aus großen Augen starrten sie auf den wie ausgewechselten Feuerritter vor ihnen, als wäre er eine Erscheinung. Der ließ sich gar nicht anmerken was er von ihrem Gebaren hielt, sondern fuhr fort.
„Ich finde auch, eure Arbeit wird zu wenig gewürdigt. Der König könnte ruhig mal etwas sagen. Wir hätten euch auch Loben sollen. Ich werde mich bemühen, dass in Zukunft nicht außer Acht zu lassen. Ich weiß nicht wie es meinen Freunden geht…“
Er warf einen kurzen Blick zu ihnen. „aber ich habe ganz bestimmt nicht vergessen wie tapfer ihr euch gegen die Horden der Barbaren gestellt habt, wie ihr uns geholfen habt Prinzessin Smaragda aus dem Schloss der schwarzen Ritter zu befreien und wie ihr euch todesmutig gegen den Industrieprinz gestellt habt. Ich glaube nicht, dass meine Stimme noch viel Gewicht beim König hat, aber ich wäre für einen jährlichen Gedenktag, der die Anstrengungen von euch und euren gefallenen Kameraden würdigt.“
Die grauen Ritter kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und auch Pyros Freunden standen die Münder vor Überraschung offen. Was war mit ihrem Kumpel passiert? War das wieder irgendeine Art von Andys Magie? Aber er hatte doch gar keine angewendet.
„Ich muss offen zugeben, dass ich gar nicht daran gedacht habe, dass meine Untaten auch auf euch zurückfallen würden. Klar wusste ich, dass ich bestraft werde, falls ich erwischt werde, aber dass auch ihr darunter leiden müsstet, das kam mir nicht in den Sinn. Es wird mir zwar nicht leicht fallen…“
Er hielt einen Moment inne und atmete tief durch.
„aber ich werde mich darum bemühen zukünftig mehr darauf zu achten was ich tue. Ich möchte das noch einmal wiederholen. Ihr habt das einfach nicht verdient und ich kann sehr gut verstehen, dass es euch schwer fällt uns als Vorgesetzte zu haben. Ich selbst mach mir nicht viel aus diesem Hierarchiekram, aber ich kann mir denken, dass euch das ankotzt. Immerhin hab ich mitbekommen, dass die meisten von euch eine lange Ausbildung hinter sich haben, erst als Page, dann als Knappe und schließlich als Ritter, während Cyrill und ich das einfach übersprungen haben und von Balthasar aufgrund einiger herausragender Leistungen zu Rittern geschlagen wurden. Bei Venom und Thunder sah es ja auch nicht besser aus. Ein Jahr Idiotenbunker und sie hatten ihre Ritterlizenz in der Tasche. Ich kann mir gut vorstellen, dass es euch da gegen den Strich geht, wenn wir uns wieder einmal nicht so benehmen wie wir vielleicht sollten. Bestimmt wisst ihr es oft besser, weil ihr in eurer langen und intensiven Ausbildung gelernt habt wie sich ein richtiger Ritter verhalten sollte. Ich will euch nicht darum bitten, nachsichtig mit uns zu sein, denn ich denke, diese Chance haben wir verspielt. Es gibt einfach keine Entschuldigung, dass wir es immer wieder vermasseln. Deswegen bekommen wir jetzt auch diesen Unterricht bei Sir Nesselsuppe, damit wir zumindest ein bisschen was von dem lernen, dass ihr schon längst wisst. Ja, ihr seid in so manchem besser als wir und ich hoffe, dass ihr uns vielleicht das eine oder andere zeigen könnt. Andersrum können wir euch auch was beibringen. Vielleicht steckt in dem einen oder anderen ja doch Magie und es kam nur nie der Zeitpunkt, um sie zu kanalisieren und diejenigen von euch, die schon Erfahrungen mit Magie haben, können wir bestimmt noch weiter trainieren. Außerdem freue ich mich auf spannende Übungskämpfe mit dem Schwert. Als ihr uns bei der Mission, die Prinzessinnen zu retten, unterstützt habt, hab ich gesehen, dass viele von euch gut kämpfen können. Gegenseitiges Training ist bestimmt sehr nützlich. Vielleicht können wir euch ja als eine Art Beta Team ausbilden, so dass ihr einspringen könnt, wenn wir gerade anderswo sind, oder es schlicht und einfach verkackt haben. Möglich ist ja auch, dass ich doch noch aus der Truppe fliege und dann jemand meinen Platz einnimmt.“
Einige Ritter zuckten leicht zusammen, weil er das einfach so offen und leger ansprach.
„Ich hoffe wirklich, dass wir in Zukunft besser miteinander auskommen können und wenn ihr meine Hilfe braucht, bin ich gern bereit euch zu unterstützen. Ihr braucht nur was zu sagen und ich werde sehen was ich tun kann. Ich denke, ich hab damit alles gesagt.“
Er verstummte und für einen Moment war es still am Tisch. Sie hörten von den anderen Rittern im Speisesaal wie sie mit dem Geschirr klapperten und einige Wortfetzen ihrer Gespräche, aber hier am Tisch war es mucksmäuschenstill. Alle fanden es einfach unglaublich wie Pyro offen zugegeben hatte Schuld zu haben, dass er versucht hatte die Wogen zu glätten, auf die grauen Ritter zuzugehen, Kompromisse zu finden, Lösungen vorzuschlagen. Er hatte ihre Arbeit gewürdigt und wollte sich für sie einsetzen. Keiner hätte das von ihm erwartet und deswegen wussten sie jetzt nicht so recht was sie tun sollten.
„Oh … äh… danke Pyro“, sagte Grey, der sich plötzlich mies fühlte, weil er vorhin so kritisch zu ihm war.
Andy strahlte übers ganze Gesicht.
„Oh Pyro, ich bin so froh, dass du darüber nachgedacht hast, wie sich deine Kollegen fühlen und was du tun könntest, um ihnen zu helfen. Du hast dich in sie hineinversetzt und weißt ihre Anstrengungen jetzt zu würdigen. Genau so soll es sein. Das ist doch schon ein guter Anfang. Was sagt ihr anderen denn zu Pyros Vorschlag?“
Thunder zuckte mit den Schultern. Venom sah überrascht aus, warum er jetzt was gefragt wurde und Cyrill erklärte: „Ja, ich bin auch dafür. Lasst uns heute nach dem Mittag zusammen trainieren. Anschließend müssen wir aber wieder zum Wachdienst zu den Prinzessinnen. Wir müssen sehen wie wir in Zukunft alles unter einen Helm kriegen.“
Damit war es beschlossene Sache. Irgendwie waren alle überrumpelt, weil die Angelegenheit so schnell und problemlos aus der Welt geschafft wurde. Während die vier Eliteritter durch die Burg gingen, um zum Unterricht zu kommen, starrten Venom, Cyrill und Thunder beinahe unentwegt ihren Kumpanen an.
„Könnt ihr das mal lassen?“ fragte der Feuerritter ungehalten.
„Ich kann einfach nicht glauben was du da unten gesagt hast“, kam es von Cyrill.
„Ja, wer bist du und was hast du mit Pyro gemacht?“ fragte Thunder amüsiert.
„Was ist? Darf ich etwa nicht mal was Nettes sagen?“ empörte sich der orangene Ritter.
„Nein“, scherzte Thunder.
„Weißt du …“ sagte Cyrill, dem etwas unbehaglich war. „Es ist einfach nicht deine Art.“
„Was soll das denn heißen? Ich finde, ich bin oft sehr fröhlich und optimistisch. Ist ja nun wirklich nicht so, als wenn ich andauernd nur auf Krawall gebürstet bin.“
„Nun …“ kam es von Cyrill, der sich vorkam wie ein Bombenentschärfer, der dabei war einen der zwei entscheidenden Drähte durchzuschneiden. „Ich kann mich einfach nur nicht mehr daran erinnern, wann du je etwas Uneigennütziges gesagt hättest, nur um jemandem etwas Gutes zu tun.“
Ein teuflisches Grinsen stahl sich auf Pyros Gesicht. Er trug zwar einen Helm, doch dieser Glanz in seinen Augen war unverkennbar.
„Aha! Irgendwas ist da doch“, ließ Cyrill nicht locker.
„Ach was. Darf ich mich nicht einfach freuen?“ versuchte Pyro ihn abzuwehren.
„Ach komm, jetzt verkauf uns nicht für dämlich!“ raunzte Venom ihn an. „Spuck es schon aus! Was sollte das Theater?“
„Theater?“ fragte Pyro empört. „Ich finde, ich war richtig gut. Ihr hättet eure Gesichter sehen sollen. Ihr saht aus, als wäre ich irgendein Heiliger, der gerade von den Toten zurückgekehrt ist. Herrlich. Am liebsten hätte ich eine Instantzeichnung gemacht, die ich dann über mein Bett hätte hängen können.“
Der orangene Ritter lachte hämisch.
„Jetzt hör schon auf!“ grummelte Venom, der sich veralbert fühlte.
„Dann hast du also nur so getan?“ fragte Thunder, der sich nicht entscheiden konnte, ob er jetzt erstaunt, beeindruckt oder verärgert sein sollte.
„Nun, so würde ich das nicht sagen“, erklärte Pyro. „Wenn man gut sein will, dann muss man sich selbst einreden, dass man in dem Moment wirklich dieser Meinung ist. Dann ist es im Prinzip kein Lügen oder so tun als ob. In dem Moment ist man eben so, dass dieser Moment nicht für alle Ewigkeit hält, dafür kann ja keiner was.“
Cyrill seufzte.
„Und ich hab mich schon gefreut, dass du tatsächlich mal Fortschritte machst.“
„Na sag schon, wozu das alles? Was hast du vor?“ fragte Thunder gespannt.
Pyro zuckte mit den Schultern.
„Es ist einfach so, dass ich nur Vorteile darin sehe, wenn wir uns mit den anderen Rittern gut stellen. Wenn sie gut auf uns zu sprechen sind, dann verpfeifen sie uns vielleicht nicht, wenn wir mal wieder irgendeinen Mist gebaut haben. Außerdem nervt ihr Genörgel mit der Zeit auch. Und das wohl wichtigste: Der König kann wirklich ein zweites Team gebrauchen. Wenn wir mal wieder auf einer Mission sind, dann wäre es doch gut, wenn hier eine gute Truppe die Stellung hält, oder sogar auf eine zweite Mission gehen kann. Und vielleicht werde ich ja wirklich mal rausgeschmissen. Am besten wäre natürlich, wenn sie irgendwann ungefähr so gut wären wie wir, so dass wir für den König nicht mehr unersetzlich sind. Dann würde er bestimmt eher dazu bereit sein den Vertrag mit uns aufzulösen, so dass wir gehen können.“
„Aber die Prinzessinnen wollen gar keinen Ersatz. Sie wollen unbedingt, dass wir sie beschützen und wollen keine anderen Ritter“, erklärte Venom.
„Achso?“ fragte Pyro verwundert und blieb unvermittelt stehen.
Seine Freunde waren einige Schritte weitergegangen, hielten jetzt ebenfalls an und sahen verwundert zu ihm zurück.
„Hast du ihm nichts gesagt?“ fragte Thunder Cyrill.
„Nein, ich dachte ihr hättet?“
„He, wovon redet ihr?“ wollte der orangene Ritter wissen, der den Verdacht hatte irgendwas Wichtiges verpasst zu haben.
„Naja…“
Venoms linker Panzerstiefel kratzte verlegen über den Steinboden.
„Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem ich Wache bei den Prinzessinnen hatte? Es wurde ein sehr gesprächiger Abend. Unter anderem fand ich heraus, dass sie ganz und gar nicht wollen, dass wir den Dienst beim Königs verlassen. Sie sagten, sie vertrauen uns und wollen keine anderen Ritter, die sie beschützen.“
Pyro sah ihn verwirrt und verständnislos an.
„Das ist ja schon ewig her. Und da fandet ihr nicht, dass ihr mir das mal hättet sagen können?“
Cyrill zog beschämt den Kopf ein. Thunder sah einfach nur so aus, als hätte er es vergessen. Venom sah jedoch besonders schuldbewusst drein.
„Naja … Smaragda zog sogar in Erwägung, dass sie statt der Prinzen uns heiraten könnten, aber ich denke, das wird nur ein Scherz gewesen sein.“
„Ein Scherz?“ fragte Pyro, der nach Luft schnappte. „Als ich das Kamel aus dem Taufbecken saufen ließ und es dann jeden angespuckt hat, der es wagte die Kirche zu betreten, das war ein Scherz, als ich Nesselsuppe den Gladiator Genie auf den Hals gehetzt habe, das war ein Scherz, aber das, das ist doch kein …“
Er verdrehte die Augen und fiel nach hinten weg. Es schepperte laut, als er auf dem harten Boden aufschlug.
„Ohje, wir hätten es ihm irgendwie anders sagen sollen“, murmelte Venom.
„Oder gar nicht“, raunte Cyrill. „Wie du gesagt hast, ein Scherz, er hätte es gar nicht wissen müssen.“
„Es WAR doch ein Scherz, oder?“ wollte Thunder hibbelig wissen.
Venom zuckte mit den Schultern.
„Weiß nicht. Wir hatten getrunken. Ich denke schon, andererseits … beim Trinken werden ja auch Hemmungen abgebaut und so. Vielleicht … möchten sie es schon irgendwie und trauen es sich normalerweise nur nicht zu sagen, oder so richtig zu zeigen.“
„Hör bloß auf!“ sagte Cyrill und beugte sich zum immer noch bewusstlosen Pyro hinunter.
„Was machen wir jetzt mit ihm?“ fragte Thunder und lugte Cyrill über die Schulter, der begann den Helm des orangenen Ritters abzustreifen.
„Ich hab da eine Technik gesehen, die angewendet wird um Bewusstlose aus ihrer Starre zu befreien.“
Er holte aus und verpasste Pyro mit seiner rechten Panzerfaust einen Satz warmer Ohren. Der Feuerritter knurrte ungehalten.
„Du musst es ja nicht gleich übertreiben.“
Er hielt sich seinen schmerzenden Kopf und stöhnte.
„Ist nicht euer Ernst, oder? Das war doch nur ein Scherz, den ihr euch ausgedacht habt, oder?“
„He, denk nicht zu viel drauf herum. So rätst du es mir doch andauernd“, sagte Cyrill und grinste ihn an. „Ich denke, dass Smaragda das nur gesagt hat, um Venom aufzuziehen.“
„Das will ich doch schwer hoffen“, sagte Pyro und rappelte sich mühsam wieder hoch. „Ich mag Goldi zwar, aber ich kann mir echt nicht vorstellen …“
Er verzog sein Gesicht zu einer Grimmasse.
„Nee …“
Er nahm seinen Helm und setzte ihn wieder auf.
„Wir sollten uns beeilen, wir sind schon spät dran“, erinnerte Thunder sie.


Sir Nesselsuppe tadelte sie, weil sie zu spät gekommen waren und fragte, wo sie denn gestern in der Messe gewesen seien. Die Ritter wussten nicht wovon er sprach.
„Die Messe? Die war doch erst im Frühjahr. Waren tolle Schwerter und Äxte dabei. Das muss ich schon sagen. Die nächste Waffenmesse ist doch aber erst wieder nächstes Jahr“, erklärte Venom.
Die Stirn des Lehrers furchte sich.
„Nein, keine Warenschau, sondern der Gottesdienst.“
Der Lehrer hielt sich einen Moment den Kopf und massierte seine Schläfen, um seine geplagten Nerven zu beruhigen.
„Gestern Abend gab es eine Kirchenmesse zum Gedenken an den Heiligen Sankt Peter. Gestern war doch Feiertag.“
Die Ritter guckten überrascht.
„War es?“, fragte Venom.
„Sankt Wem?“ fragte Pyro.
„Was denn für eine Kirche?“ fragte Thunder.
Ihr Lehrer sah sie verwundert an.
„Die Kapelle hier in der Burg.“
„Hier gibt es eine Kapelle?“ fragte Cyrill verwundert. „Oh, wusste ich noch gar nicht.“
„Habt ihr denn nicht den Tag vor eurer Ernennung zum Ritter mit dem Gebet in der Kirche verbracht?“ fragte Sir Nesselsuppe verwundert.
Leichtes Rascheln von Metall war zu hören, als die vier Ritter die Köpfe schüttelten.
„Betet ihr denn zumindest hin und wieder mal?“
Wieder Kopfschütteln.
„Seid ihr denn wenigstens getauft?“ fragte der alte Ritter fast schon verzweifelt.
„Das ist doch das wo man als Kind fast ersäuft wird, oder?“ fragte Venom. „Ja, hier.“
Er streckte seinen Arm in die Höhe.
„Schade, dass es bei dir nicht geklappt hat“, zog Thunder ihn auf, hob aber auch die Hand, um zu zeigen, dass er dieses heilige Ritual durchlaufen hatte.
„Und ihr beiden etwa nicht?“ fragte Sir Nesselsuppe ungläubig. „In deinem Dorf muss es doch eine Kirche geben, oder Cyrill?“
„Ja klar, bin mal dran vorbeigelaufen“, sagte Cyrill kalt.
„Und du?“ wandte der Lehrer sich an den orangenen Ritter. „Du warst doch auf einer Militärschule, da gibt es doch Religionsunterricht.“
„Ja gab es“, sagte Pyro leichthin, doch mehr kam nicht, was den Lehrer skeptisch werden ließ.
„Und da musst du doch was gelernt haben.“
„Naja…Ich durfte nach einer Stunde wieder gehen.“
„Wa…?“
Sir Nesselsuppe sah misstrauisch aus.
„Was hast du gemacht?“
„Ich hab gar nichts gemacht“, beteuerte Pyro und vergeblich versuchte unschuldig auszusehen.
„Na sicher, der Geistliche wird dich doch nicht wegen gar nichts vom Unterricht ausgeschlossen haben.“
„Nein wirklich, ich war ganz artig, hab keinen Ton gesagt …“
Sir Nesselsuppes Augen verengten sich und er durchbohrte seinen Schüler geradezu mit seinem scharfen Blick, der dann doch noch hinzufügte:  „Doch ich denke ihm haben meine Klamotten nicht gefallen. Passend zum Thema stand auf meinem Hemd: „Gibt es ein Leben nach dem Tod? Reiz mich und du findest es heraus.“ Als der Typ das sah, hat er gebrüllt ich soll nie wiederkommen und ich würde im siebten Kreis der Hölle schmoren, dann durfte ich gehen.“
Sir Nesselsuppe seufzte und blickte einen Moment an die Decke, dann atmete er tief durch, schloss die Augen und als er sie wieder öffnete, erklärte er in einem betont ruhigen, sachlichen Ton: „Religion ist wichtig, um einen Haltepunkt im Leben zu haben. Sie ist wie ein Anker, der einen in schwierigen Zeiten festhält, um nicht vom rechten Weg abzukommen. Sie leitet uns durch die stürmische See des Lebens und vermittelt uns menschliche Dinge wie Liebe, Moral und Ethik.“
Die Ritter sahen sich verwundert an, während ihr Lehrer vorne weiterhin einen Vortrag hielt.
„Die Grundpfeiler des Rittertums sind Heldenmut, Disziplin, Gerechtigkeit, Tugend, Hilfsbereitschaft und Güte. Ich hab…“
„Was ist denn Tugend?“ wollte Thunder wissen.
Sir Nesselsuppe mochte es nicht unterbrochen zu werden, aber er sah ein, dass er nicht weiterkam, wenn er diesen wichtigen Begriff nicht erklärte. Es versetzte ihm allerdings einen Stich, dass der rote Ritter scheinbar nicht wusste wovon er sprach.
„Bevor ich dich aufkläre … vielleicht kann ja auch einer deiner Kameraden eine Antwort geben?“
Pyro zuckte wenig überraschend mit den Schultern, Cyrill sah aus, als wüsste er etwas, hatte aber keine Ahnung wie er es in Worte fassen sollte.
„Das ist was positives, glaube ich“, sagte Venom schwammig. „Wenn man sich ehrenhaft verhält und so.“
„Ja gut, dass hätte ich auch sagen können“, kam es von Cyrill.
„Hast du aber nicht“, wandte Venom ein, der es sich nicht nehmen lassen wollte, als der gute Schüler dazustehen.
„Genug! Venom hat nicht Unrecht, aber Tugend ist so viel mehr. Vielleicht fällt es euch nur schwer, weil euch der Begriff so abstrakt erscheint. Jemand der vorbildlich handelt, ist tugendhaft. Es ist eine erstrebenswerte und wichtige Charaktereigenschaft, die einen Menschen dazu bringt das sittlich Gute in die Tat umzusetzen.“
„Und was ist sittlich?“ fragte Thunder weiter nach.
Sir Nesselsuppe musste sich offensichtlich zusammenreißen. Warum wurde er nur so gestraft? Was hatte er denn verbrochen, um diese Klasse zu verdienen? Er wollte unbedingt mit seinem Unterricht fortfahren.
Das merkte auch Thunder, doch er lächelte betont unschuldig und fragte: „Was ist? Wir sollten doch mitarbeiten, oder?“
„Ja“, stieß der Lehrer aus. „Also sittlich ist, sich am Gerechten und Guten zu orientieren. Wer sich an die herkömmlichen Regeln der Moral orientiert, handelt sittlich.“
„Und was sind die herkömmlichen Regeln der Moral?“ bohrte Thunder weiter.
Es machte ihm sichtlich Spaß seinem Lehrer immer weiter Löcher in den Bauch zu fragen.
Der alte Ritter schnaufte.
„Das will ich euch ja jetzt vermitteln und ich möchte, dass ihr selbst darüber nachdenkt. Wie wollt ihr selbst behandelt werden? Wie solltet ihr euch deswegen anderen gegenüber verhalten? Was ist Recht? Was Unrecht? Wie sollten wir handeln, damit das Leben für alle leichter und besser wird? Ich hab  zwar schon eine Vorstellung wie es um eure Moral steht, aber ich möchte, dass ihr euch selbst mit euren Moralvorstellungen auseinandersetzt. Cyrill!“
Er wandte sich zum blauen Ritter um, der ihn jetzt gespannt ansah.
„Nehmen wir einmal an, ein Freund von dir hat etwas Dummes angestellt und er soll jetzt vom König dafür bestraft werden. Zum einen willst du das nicht, aber zum anderen hast du deinem König die Treue geschworen. Wie verhältst du dich?“
Der Lehrer studierte ihn genau. Cyrill wusste warum er das fragte. Er hatte vermutet, dass der alte Ritter ahnte, dass er für Pyro gelogen hatte, damit seine Strafe nicht so hart ausfiel. So wie es aber aussah, wollte der Lehrer es ganz genau wissen, oder vielleicht wollte er auch, dass er über seine Handlung reflektierte.
„Ich … nun … würde wohl lügen, damit mein Freund nicht so hart bestraft wird.“
„Auch wenn das bedeutet, dass der Freund seine Lektion so vielleicht nie lernt?“
„Nicht wenn er unbelehrbar ist. Dann hat es ja sowieso keinen Sinn.“
Pyro sah Cyrill schräg an. Er ahnte, dass sie hier über ihn redeten.
Sir Nesselsuppe sah sich bestätigt, war aber auch enttäuscht.
„Immerhin bist du jetzt und hier aufrichtig. Bleib nach der Stunde noch einen Moment hier, ich hab mit dir zu reden Cyrill.“
Der blaue Ritter sah verdrossen auf die Tischplatte vor sich.
„Pyro,“
Der Lehrer drehte sich ihm zu.
„stell dir vor, rein hypothetisch gesehen, du hättest die Wahl deinen besten Freund zu retten, oder eine Stadt, die von einer Katastrophe heimgesucht wird. Wie würdest du dich entscheiden?“
„Was denn für eine Katastrophe?“ fragte Pyro aufgeregt.
„Was weiß ich …“ sagte der Lehrer genervt und wedelte unbestimmt mit einer Hand in der Luft herum. „Irgendwas, ist nicht weiter wichtig, ein Sturm von mir aus.“
„Ein Feuersturm!“ sagte Pyro begeistert.
„Ja, in Ordnung, ein Feuersturm“, sagte der Lehrer gedehnt. „Wie würdest du dich entscheiden?“
„Natürlich rette ich meinen besten Freund!“ kam es prompt zurück.
„Wirklich? So schnell entscheidest du dich? Was ist mit all den Menschen in der Stadt? Sie könnten alle sterben.“
„Könnten“, betonte der orangene Ritter. „Das heißt aber nicht, dass sie das auch werden. Vielleicht sterben sie, vielleicht auch nicht. Das steht ja nicht fest. Sie könnten Schutz suchen oder flüchten. Außerdem kann mir das doch egal sein, ich kann ja nichts dafür.“
Sir Nesselsuppe verdrehte die Augen.
„Verstehst du nicht Pyro, deine Aufgabe als Ritter ist es, die Bevölkerung zu schützen.“
„Aber wie sollte ich denn gegen einen Feuersturm angehen? Ich könnte das doch gar nicht. Wie sollte ich denn das machen?“ fragte Pyro verwundert.
„Es geht nicht darum, ob du es könntest, sondern darum was du tun würdest, wenn du es könntest.“
„Ja, gut, aber wenn ich die Wahl habe zwischen meinem besten Freund und irgendwelchen Leuten, die ich gar nicht kenne, oder nur flüchtig, dann ist das doch wohl klar.“
„Das nennt sich Egoismus Pyro. Doch als Ritter musst du fähig sein, objektiv zu urteilen. Deine eigenen Wünsche und subjektiven Meinungen müssen hinten anstehen“, belehrte ihn der alte Ritter.
„Ach so, du meinst Global gesehen“, sagte der orangene Ritter abgehoben.
„Wie bitte?“
„So wie es Global gesehen besser wäre. Hm... da mein bester Freund Cyrill ist, wäre es so wohl wirklich besser, wenn ich ihn rette. Zwar Schade um die Stadt, aber nehmen wir mal an ich würde Cyrill sterben lassen, dann könnte er ja in Zukunft niemanden mehr retten und was wäre, wenn ein Krieg ausbricht, oder ein Drache kommt, oder irgendein anderes Vieh und das verwüstet dann reihenweise Dörfer und Städte. DANN hätten sich alle gewünscht er würde noch leben.“
Sir Nesselsuppe folgte diesem Gedankenverlauf und musste zugeben, so gesehen war das gar nicht mal so falsch. Doch er wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus.
„Vorhin hast du noch gesagt, dass die Bewohner sich auch verstecken könnten. Es also gar nicht klar wäre, ob sie sterben, aber es ist ja auch nicht klar, ob da Drachen oder andere Ungeheuer auftauchen und weiter wüten. Du drehst es einfach immer so wie es dir passt.“
„Funktioniert es denn?“ fragte Pyro grinsend.
„Nein, nicht um daraus irgendeine Art von moralischer Integrität ableiten zu können.“
Er sah Pyro an, dass der seinem Gedankengang nicht folgen konnte und versuchte es deswegen anders: „Wir bleiben jetzt einfach mal nur bei dem Beispiel von der Stadt, die von dem Feuersturm heimgesucht wird. Vielleicht wird es deutlicher, wenn ich sage, dass DU Schuld an dem Feuersturm bist. Wäre gar nicht mal so unwahrscheinlich.“
Pyro sah einen Moment empört aus, öffnete schon den Mund, um etwas zu erwidern, dann klappte er ihn wieder zu, schwieg einen Moment und grummelte: „Ja gut, vielleicht ... wäre das möglich.“
„Also … und wie würdest du dich dann entscheiden?“
„Ich würde trotzdem Cyrill retten. Auch wenn du das nicht so toll findest, dass ich meiner Ansicht nach handle und nicht wie es für das größere Wohl gut wäre, aber es ist ja meine Entscheidung und die kann nur ich treffen. Wenn ich mich anders entscheide, als ich wollte, dann würde ich mir ewig Vorwürfe machen.“
„Aber würdest du dir keine machen, weil du all diese Menschen hast sterben lassen? Sogar verantwortlich wärst für ihren Tod?“
„Aber ist ja gar nicht gesagt, dass sie sterben. Wenn ich Cyrill rette, dann kann er seine Eismagie einsetzen und vielleicht etwas gegen den Feuersturm ausrichten.“
„Gegen einen Feuersturm?“ fragte Sir Nesselsuppe skeptisch.
„Jo.“
„Bist du sicher?“
„Das müssen wir herausfinden.“
„Mir gefällt nicht, dass dein Satz im Zukunftstempus steht“, sagte der Lehrer beunruhigt.
„Na du hast doch mit diesem Beispiel angefangen“, sagte der orangene Ritter anklagend.
„Jahh… vielleicht hätte ich ein anderes Beispiel nehmen sollen.“
„Jedenfalls könnten wir beide die Stadt retten. Ich allein könnte das ja gar nicht. Also entweder rette ich Cyrill und wir retten vielleicht die Stadt, oder ich lass Cyrill sterben und die Stadt geht auch unter, weil ich gar nicht gegen einen Feuersturm angehen könnte. Ich könnte ihn höchstens weiter anheizen.“
„Es war doch ein hypothetisches Beispiel!“ rief der Lehrer aufgebracht. „Na gut, ich denke ich sehe meine Einschätzung von dir und deinen Moralvorstellungen oder besser unmoralischen Vorstellungen als bestätigt an. Das geht ja auf keine Kuhhaut.“
„Was heißt das?“ wollte Pyro neugierig wissen.
„Ja“, wollte auch Venom wissen. „Was denn für ne Kuh?“
Ihr Lehrer erklärte:  „Der Teufel notiert die Sünden jedes Menschen auf einer Kuhhaut.“
Die Ritter sahen ihn verdutzt an. Stille, dann platzte Pyro auf einmal heraus: „Wow, du meinst so wie die Artig / Unartig Liste vom Weihnachtsmann?“
Sir Nesselsuppe sah ihn verdutzt an, unfähig etwas zu entgegnen.
„Bei der Weihnachtsliste muss entschieden werden zwischen „Geschenk / kein Geschenk“. Dann heißt es beim Teufel bestimmt „Kost und Logis / kein Aufenthalt“.“
„Ich mag Weihnachten“, erklärte Venom glücklich. „Das leckere Essen, die tollen Geschenke und jeder bemüht sich, damit es gemütlich ist.“
„Mit einem schönen Feuer!“ stimmte der orangene Ritter zu.
Der Lehrer sah aus, als würde er am liebsten irgendwo anders sein, nur nicht hier in diesem Raum bei diesen Idioten.
„Ich hatte immer tolle Sachen in meinen geputzten Stiefeln“, erklärte Venom und dachte sehnsüchtig an diese Momente zurück.
„Ich hatte mal Kohle drin“, sagte Pyro wenig überraschend.
„Ist nicht wahr“, sagte Thunder sarkastisch grinsend.
„Doch, die war super. Wenn ich die angezündet habe, dann flog sie echt weit und hielt sich noch lange.“
„Können wir bitte zum Thema zurückkommen“, sagte ihr Lehrer genervt.
„Ja, ok“, kam es unerwartet vom orangenen Ritter. „Heißt das, wenn man sagt, dass irgendwas auf keine Kuhhaut geht, die Liste des Teufels voll ist und man noch nicht mal in die Hölle kommt?“
„Was gibt es denn noch schlimmeres als die Hölle?“ fragte Venom verwundert.
„Das weiß nur der Teufel“, sagte Sir Nesselsuppe wage. „Vielleicht ist es etwas, das so schrecklich ist, dass es sich jeglichem Vorstellungsvermögen entzieht.“
Seine Schüler sahen ihn skeptisch an.
Pyro zuckte mit den Schultern und sagte dann: „Ja, na gut, man kann nicht alles haben. Immerhin bleibt es so spannend.“
Sir Nesselsuppe knirschte mit den Zähnen und fragte dann Thunder: „Was ist mit dir? Würdest du auch lieber deinen besten Freund retten, als die Bürger der Stadt?“
Thunder warf einen Blick zu Venom und erklärte dann freimütig: „Da ich relativ antisozial bin, bis auf meine Freunde, würde ich definitiv meinen Freund auswählen. Zur Hölle mit der Stadt!“
Sir Nesselsuppe sah sehr unzufrieden aus.
„Ich hab das Gefühl ihr nehmt meinen Unterricht nicht ernst genug. Es ist aber wichtig, dass ihr euch über solche moralischen Fragen Gedanken macht. Was ist mit dir Venom? Wie würdest du dich entscheiden?“
Der grüne Ritter brauchte lange für seine Antwort, dann sagte er: „Ob ich damit leben könnte die ganze Stadtbevölkerung im Stich gelassen zu haben? Ich weiß nicht, aber ich könnte auf keinen Fall damit leben meinen besten Freund geopfert zu haben, also ganz klar, ich würde meinen besten Freund retten.“
Sir Nesselsuppe wandte sich jetzt dem Eisritter zu, beinahe, als wäre er seine letzte Hoffnung.
„Cyrill, wie sieht es bei dir aus?“
„Aber ich hatte doch schon eine Moralfrage.“
„Trotzdem, ich möchte wissen wie du dazu stehst“, sagte der Lehrer etwas ungeduldig.
„Wenn da in der Stadt auch noch meine Familie lebt, würde ich versuchen die auch noch zu retten, also neben meinen Freunden.“
„Es geht aber darum, dass du dich entscheiden musst zwischen der Stadt und deinem besten Freund“, erklärte Sir Nesselsuppe. „Das ist ja gerade das Dilemma, du kannst nicht einfach rauspicken wen du möchtest.“
Cyrill warf dem Lehrer einen eisigen Blick zu.
„Das ist eine gemeine Frage. Ich finde sicher einen Weg. Ich rette meinen besten Freund und mit ihm schlage ich mich dann durch die untergehende Stadt und hole meine Familie da raus. Ich bin nicht bereit einfach aufzugeben.“
„Dann fragen doch aber alle andere Leute, warum du deine Familie gerettet hast und sie nicht“, wandte der Lehrer ein.
„Na, weil es meine Familie ist“, kam es brüsk zurück. „An und für sich möchte ich schon andere beschützen, aber wenn ich mich wirklich entscheiden muss, dann haben Familie und Freunde klaren Vorrang.“
Sir Nesselsuppe ging schweigend nach vorne, drehte sich dann zu seinen Schülern um und erklärte: „So wie es aussieht seid ihr ziemlich bedauerliche Ritter. Sicher ist es schwer solche Entscheidungen zu fällen und es ist an und für sich gut, dass es so ein starkes Band zwischen euch gibt, doch vergesst nicht eure Aufgabe als Beschützer des Reiches. Ihr könnt nicht einfach alles stehen und liegen lassen, wenn es euch passt, auch nicht, wenn es darum geht jemanden zu retten, der euch viel bedeutet. Vielleicht ist es wirklich besser wenn im Zweifelsfall König Castle entscheidet.“
„Ja, falls wir uns nicht gegen seine Entscheidung auflehnen“, sagte Pyro lächelnd.
„Ich hab dich im Auge Pyro, sei du also mal ganz still! Mit dir wird es noch ein böses Ende nehmen, wenn du dich weiterhin so unverbesserlich verhältst.“
Der orangene Ritter ließ sich davon nicht seine gute Laune verderben.
„Der Unterricht ist damit vorbei. Ihr könnt gehen. Alle, bis auf dich Cyrill, bleib noch einen Moment!“
Cyrills Freunde verließen rasch das Zimmer und der blaue Ritter fragte sich warum er noch hier bleiben sollte. Was gab es denn so wichtiges, das Sir Nesselsuppe unter vier Augen mit ihm bereden wollte? Der Lehrer zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, so dass sie auf gleicher Augenhöhe waren und sagte in ruhigem Tonfall: „Cyrill. Ich bin sehr enttäuscht. Von dir hätte ich nicht erwartet, dass du solchen Ärger machst. Die Prinzessinnen waren euch zum Schutz anvertraut und du machst solchen Blödsinn.“
„Meine Intention dahinter war wirklich gut gemeint. Ich hatte nur nicht erwartet, dass es so nach hinten losgeht.“
Sir Nesselsuppe sah ihn lange an und sagte dann: „Das verstehe ich. Ich gehe auch nicht davon aus, dass du Prinzessin Goldi schaden wolltest. Du solltest aber darauf achten nichts Unüberlegtes zu tun. Auch das Lügen vorm König. Du hast sowas doch gar nicht nötig. Ich befürchte Pyro hat einen schlechten Einfluss auf dich. Du bist ein guter Ritter, aber wenn du dich weiterhin von ihm auf sein Niveau runterziehen lässt, steht das deiner Karriere im Weg. Du könntest eine strahlende Zukunft vor dir haben. Verbau dir das doch nicht.“
„Ich finde nicht, dass es schlecht gelaufen ist. Im Endeffekt ist doch was Gutes entstanden. Unsere Militärmacht war noch nie so stark. Ich denke nicht, dass ich als Ritter versagt habe. Zugegeben im Nachhinein kann ich König Castles Erbostheit sehr gut nachvollziehen. Ich hatte auch einen Schreck bekommen, als die Wirkung nicht enden wollte. Dennoch denke ich, dass ich als Ritter immer noch eine gute Leistung erbringe. Ich schütze die Burg, indem ich sie stärker mache.“
Sir Nesselsuppe lächelte.
„Gut gesprochen. Du hast wirklich das Beste aus deiner Situation gemacht. Was ich sagen will ist, dass du es noch besser könntest und pass auf, dass du dich nicht immer von Pyro zu irgendwelchen Dummheiten überreden lässt.“
Er warf ihm einen bedeutsamen Blick zu. Meinte er damit das Treppenspringen, oder wusste er vielleicht sogar von ihrem HolKieTor Spiel? Cyrill durfte jetzt gehen und verließ den Unterrichtsraum, um seinen Freunden zu folgen, die bestimmt schon beim Mittagessen waren.
Review schreiben