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Die geheimen Träumer

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
16.07.2019
16.10.2019
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180.483
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12.08.2019 3.392
 
Vier Tage. Exakt vier Tage war es nun her, dass ich mit Joshua geschlafen hatte. Dass ich neben ihm wach geworden war und mein Blickwinkel auf ihn sich in eine völlig andere Richtung entwickelt hatte. Seit ich mich Ragnar anvertraut und ihm alles darüber erzählt hatte. Und in denen ich nun schon versuchte, irgendwie damit umzugehen und fertigzuwerden.
Doch ganz gleich, was auch immer ich anstellte, ob ich zu Hause herumsaß oder mich in meiner Praxis in die Arbeit stürzte, um mich abzulenken – irgendwann kam der Punkt, an dem meine Gedanken wieder zu ihm zurückkehrten und mir deutlich machten, wie sehr ich unter dieser Situation eigentlich litt.
Seitdem er mich mehr oder weniger aus der Wohnung geworfen hatte, hatte ich nichts mehr von ihm gehört, ihn noch nicht einmal richtig zu Gesicht bekommen – mal abgesehen von einer kleinen, flüchtigen Begegnung im Dorf, bei der er mich jedoch weder gegrüßt, noch sonst irgendein Signal geschickt, sondern mich einfach ignoriert hatte und an mir vorübergegangen war, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden.
Und ein weiteres Mal hatte mir diese Kälte, diese Distanz, die er an den Tag legte, einen tiefen Stich versetzt. Das Schlimmste daran war jedoch, dass ich überhaupt nicht wusste, was eigentlich genau in ihm vorging. Unsere Blicke waren sich zwar einen Moment lang begegnet – doch trotzdem hatte ich nichts erkennen können, hatte direkt auf eine riesige Mauer geblickt, die ich nicht in der Lage war, auch nur ansatzweise zu durchschauen, geschweige denn, zu durchdringen.
Da war nur Kälte gewesen. Eine eisige, bedrückende Kälte, die meine Hoffnung auf einen halbwegs glücklichen Ausgang dieser Geschichte beinahe vernichtet hatte. So etwas hatte ich an ihm nie zuvor erlebt – noch nicht einmal, als wir noch Konkurrenten im Kampf um Denise gewesen waren. Selbst da hatte er mich nicht auf diese Art angesehen, so... vollkommen ohne jede Emotion. Doch gestern, als wir uns auf der Straße begegnet waren, hatte ich genau das an ihm wahrnehmen können: Absolute und totale Gleichgültigkeit. Er hatte nicht ein einziges Wort zu mir gesagt – und mir dennoch sehr deutlich klargemacht, dass die Brücke, die sich mit der Zeit zwischen uns aufgebaut hatte, völlig in sich zusammengestürzt war.
Jetzt stand Joshua auf der einen und ich auf der anderen Seite, mit einem tiefen Abgrund zwischen uns – und ich hatte noch nicht einmal den Hauch einer Möglichkeit dazu, ihn irgendwie zu überqueren.
Konnte man sich das wirklich damit erklären, dass er einfach nur Zeit brauchte? Musste er sich erst sortieren, bevor er wieder in der Lage war, in irgendeiner Art und Weise auf mich zu reagieren? Oder war dieser Riss endgültig? Würden wir ab jetzt für immer auf zwei verschiedenen Seiten stehen, ohne jede Möglichkeit, einander zu erreichen?
Der Gedanke daran machte mir wirklich Angst. Nicht nur deshalb, weil meine Gefühle noch immer verrückt spielten, sondern auch, weil ich mich um unsere Freundschaft sorgte. Wir hatten so viel erlebt und durchgemacht, hatten so lange dafür gekämpft, irgendwie einen Umgang miteinander zu finden – trotz unserer Vorgeschichte. Und es war uns auch tatsächlich geglückt. Wir hatten es wirklich geschafft, ein gutes Verhältnis zueinander zu entwickeln und aufzubauen und uns anzufreunden.
Und jetzt war das möglicherweise alles kaputt. Einfach Freunde, das würden wir nach dieser Sache garantiert nicht mehr sein, dessen war ich mir absolut sicher. Dafür war viel zu viel vorgefallen, das man nicht einfach so ausblenden und ignorieren konnte.
Und selbst wenn es mir auf irgendeine Art und Weise gelingen würde, meine Gefühle für ihn zu unterdrücken oder abzuschalten – es würde und konnte trotzdem nichts mehr so sein wie vorher. Nicht heute, nicht morgen – und niemals wieder.
Daher gab es nur zwei Möglichkeiten, die übrigblieben und die einzig logische Konsequenz daraus waren: Entweder, Joshua war irgendwann doch in der Lage dazu, die Dinge anzunehmen und mir, beziehungsweise uns eine Chance zu geben – oder wir mussten einen kompletten Schlussstrich ziehen und uns fortan auf ewig aus dem Weg gehen.
Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Und genau das war es, was mir letztendlich noch mehr Angst machte. Ich wollte ihn nicht verlieren, auf gar keinen Fall. Dass er einfach so auf Nimmerwiedersehen aus meinem Leben verschwand, nach allem, was wir erlebt hatten und nachdem ich endlich sicher wusste, was ich für ihn empfand, war ein absolutes Ding der Unmöglichkeit.
Das würde ich nicht durchstehen, da war ich mir ganz sicher. Wenn er jetzt einen Cut machte, wenn er den Kontakt zu mir komplett abbrach, dann brachte mich das unter Garantie um.
Denn ob ich wollte oder nicht – ich liebte diesen Kerl ganz einfach. Und zwar so wie noch nie irgendjemand anderen vorher. Noch niemals war es so gewesen, hatte es sich so angefühlt wie bei ihm. Noch nie hatte ich das gespürt, was ich jetzt spürte. Und das, obwohl ich bereits zweimal in meinem Leben so richtig verliebt gewesen war.
So wie jetzt bei Joshua hatte es mich ehrlich noch niemals erwischt. Weder bei Denise, noch bei meiner Ex-Freundin Saskia. Das, was ich jetzt erlebte, übertraf alles und stellte selbst diese beiden großen Romanzen, die sie zweifellos gewesen waren, um Längen in den Schatten.
Und das lag nicht nur allein daran, dass Joshua der erste Mann war, der mich berührt hatte. Nein, absolut alles an dieser Situation war völlig neu und ganz anders als meine beiden vorangegangenen Beziehungen.
Ich wusste genau, dass das Liebe war, dass es keinen Sinn machte, sich irgendetwas schönzureden oder nach anderen Erklärungen und Ausflüchten zu suchen. Es hatte gefunkt, jedenfalls bei mir – und das ließ sich weder ignorieren, noch in irgendeiner Art und Weise abstellen.
Deshalb wusste ich auch, dass ein Weg zurück zur Freundschaft absolut unmöglich war. Joshua und ich würden nie wieder Freunde sein, selbst falls ich in der Lage war, mich zu beherrschen. Selbst wenn meine Gefühle für ihn sich mit der Zeit verlieren und abklingen konnten – ganz vergessen können würde ich sie niemals. Sie würden immer auf irgendeine Art und Weise zwischen uns stehen. Und daher war meine momentan einzige Hoffnung, dass er irgendwann dazu in der Lage sein würde, sie zu erwidern. Andernfalls blieb dieser Bruch bestehen und trieb uns immer weiter voneinander weg, bis wir uns schließlich gänzlich aus dem Blick verloren.
Und das würde letztendlich auch mich komplett zerreißen, das wusste ich. Deshalb klammerte ich mich mit all meiner Kraft an den Rest Hoffnung in mir, an den festen Wunsch nach einem Happy End und der Erfüllung meiner tiefen, unnachgiebigen Sehnsucht.
Dass diese jedoch nicht lange währen und schon die nächste Begegnung mit ihm mir ein weiteres Messer hineinjagen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich noch nicht.

Zwei Wochen später, im Laufe derer sich an der Situation relativ wenig geändert hatte, saß ich abends wieder allein im „Bräustüberl“ und versuchte, mich von den stetig wiederkehrenden und immergleichen Gedanken abzulenken. Relativ gut funktionierte das zwar nicht, jedoch war es allemal besser als alleine zu Hause herumzusitzen und ständig nur an die Wand zu starren.
Unerwarteterweise trank ich dieses Mal wieder ein bisschen mehr als gewollt, was vor allen Dingen natürlich an dem Chaos in mir lag, sowie auch an den sich unaufhörlich wiederholenden Fragen, die mir mittlerweile sogar schon ab und zu den Schlaf raubten.
Was ich auch tat und wohin ich ging – Joshua ließ mich einfach nicht los. Und ich versuchte immer wieder vergeblich, irgendwie eine Antwort zu finden, endlich Klarheit darüber zu haben, wie es überhaupt weiterging.
Auch dieses Mal war es nicht wesentlich anders: Ich war erneut vollkommen gedankenverloren und bemerkte aus diesem Grund zunächst auch überhaupt nicht, wer da gerade hinter mir zur Tür hereinkam. Erst als er sich ein paar Tische weiter hinsetzte und sich etwas zu Trinken bestellte, nahm ich ihn war und spürte sofort, dass mir wieder ganz komisch zumute wurde.
Joshua. War das wirklich echt? Hatte er sich wirklich gerade da hingesetzt? Oder spielte meine Fantasie mir lediglich einen Streich?
Hatte er mich gesehen? Nahm er mich wahr? Registrierte er, dass ich auch hier war? Würde er vielleicht sogar zu mir rüberkommen? Würde er endlich das Schweigen zwischen uns brechen und mit mir reden? Würden wir es vielleicht heute endlich schaffen, die Dinge zu klären?
Fragen über Fragen schossen mir durch den Kopf, während ich wie gebannt zu ihm hinüberstarrte und darauf wartete, dass von ihm irgendeine Reaktion kam. Vielleicht hatte er mich auch einfach noch nicht bemerkt, überlegte ich. Aber diese Idee zerschlug sich rasch wieder, als er tatsächlich kurz seinen Blick hob und zu mir herüberschaute, direkt in meine Augen – nur um sich ein paar Sekunden später wieder abzuwenden und aus dem Fenster zu starren.
Doch. Doch, er hatte mich definitiv gesehen. Allerdings hielt er es wohl nicht für nötig, mir auch nur den Hauch von Beachtung zu schenken, geschweige denn, einen Versuch zu machen, auf mich zuzugehen. Er ignorierte mich. So wie er mich schon einige Zeit zuvor auf der Dorfstraße ignoriert hatte.
Augenblicklich fühlte ich einen Anflug von Wut in mir aufsteigen, während ich mein Glas mit der Hand fester umschloss. Nein, dachte ich verärgert und zugleich auch enttäuscht über die Gleichgültigkeit, mit der er sich ein weiteres Mal präsentierte. Nein, das machst du nicht mit mir. Du tust nicht einfach so als wäre ich nicht da und machst dir einen schönen Abend. Du gehst mir nicht länger aus dem Weg und flüchtest dich vor einer Konfrontation mit mir. Du nicht, Joshua Winter. Du nicht!
Angetrieben von meinem Schmerz, sowie auch der leichten Wut in meinem Bauch, erhob ich mich schließlich von meinem Platz und ging schnurstracks zu seinem Tisch hinüber, fest dazu entschlossen, die Verhältnisse jetzt ein für alle Mal klarzustellen. Dieses Mal lief er mir nicht einfach wieder davon. Ich wollte endlich wissen, woran ich bei ihm war. Und ich würde ihn hier nicht wieder rauslassen, bevor er mir das nicht klipp und klar gesagt hatte.
Ohne jegliche Vorwarnung schob ich einen Stuhl zurück und setzte mich dann zu ihm an den Tisch, wobei er jedoch tunlichst jeglichen noch so kurzen Blickkontakt vermied.
„Joshua“, sagte ich zu ihm, bemühte mich, möglichst ernst zu klingen, auch wenn ich innerlich schon wieder total weich war. Denn allein schon der Umstand, in seiner Nähe zu sein, löste erneut Glücksgefühle in mir aus, die ich nicht in der Lage war zu steuern.
Er zeigte jedoch keine Reaktion, starrte stattdessen nur an mir vorbei und machte noch nicht einmal den Versuch, mir irgendwie Beachtung zu schenken. Das machte mich natürlich erst recht wütend, denn ich hatte definitiv genug davon, von ihm ignoriert zu werden. Ich liebte diesen Hornochsen – und er hatte nichts besseres zu tun als mich einfach wie Luft zu behandeln. Das ließ ich nicht mit mir machen. Er würde jetzt mit mir reden. Ob er das nun wollte oder nicht.
„Sieh mich an“, forderte ich ihn deutlich auf und schluckte. „Wir müssen uns unterhalten“. Doch abermals kam von ihm keine Reaktion, stattdessen klopfte er nur mit seiner Hand gegen die Tischplatte und blickte stur zur Seite.
„Verdammt, Joshua!“, rief ich aus und tat mich schwer damit, meine Verärgerung zu zügeln. „Wir müssen miteinander reden. Du bist mir jetzt lange genug aus dem Weg gegangen. Also sieh mich jetzt verdammt noch einmal an!“.
„Es gibt nichts zu klären“, entgegnete er distanziert, als er endlich einen kurzen Blick in meine Richtung warf. „Das sehe ich anders“, erwiderte ich, bemüht, ruhig und sachlich zu bleiben. „Es gibt sogar eine ganze Menge zu klären. Wir müssen über das reden, was passiert ist. Es kann doch nicht ewig so weitergehen“.
Ich atmete tief durch und fasste mich wieder, bevor ich schließlich fortsetzte. „Willst du mir jetzt für immer aus dem Weg gehen?“, fragte ich ihn ernst. „Willst du mich ewig hinhalten und dich aus Begegnungen mit mir herauswinden? Das funktioniert nicht, Joshua. Wir können nicht so tun, als hätte es diese Sache nicht gegeben. Wir können nicht dauernd davor weglaufen“.
„Ich laufe nicht weg“, entgegnete er ziemlich kühl. „Vor überhaupt nichts. Ich habe überhaupt keinen Grund dazu“. „Dann lass uns das jetzt klären“, bat ich ihn eindringlich. „Lass uns über alles reden, was gewesen ist. Ich... ich muss endlich wissen, woran ich bin“.
„Was klären?“, erwiderte er und musterte mich. „Diese Nacht, die da zwischen uns war? Da gibt es nicht viel zu klären. Das war einfach nur eine Laune. Ein Ausrutscher. Mehr nicht“.
„Ein... Ausrutscher?“, wiederholte ich ungläubig. „Ist das dein Ernst? Du willst mir sagen, dass das alles für dich nur ein Ausrutscher war?“.
„Von mir aus auch ein Experiment“, antwortete er und zuckte gleichgültig die Schultern. „Es ist passiert, es war in Ordnung – und damit ist der Fall erledigt“.
„Experiment?“, fragte ich fassungslos nach. „Du... du bezeichnest das als ein Experiment?“. „Mehr war es ja auch nicht“, antwortete er distanziert. „Wir hatten unseren Spaß zusammen. Mehr nicht. Ich lege weder Wert darauf, dass daraus eine große Sache gemacht wird, noch, dass sich so etwas wiederholt“.
„Aber... du hast doch was empfunden“, äußerte ich verwirrt und bemühte mich, meine Kränkung zu verbergen. „Das, was da gelaufen ist – das war doch nicht einfach bloß eine eiskalte Nummer. Da war doch mehr zwischen uns“.
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest“, wehrte er ab und schüttelte kurz den Kopf. „Es war einfach nur Sex. Völlig belanglos und ohne jede Bedeutung. Sonst nichts“.
„Nur Sex?“, entgegnete ich und ballte meine Hand zur Faust. „Ist das dein Ernst? Das war nur Sex? Das meinst du doch wohl nicht wirklich!“.
„Doch“, antwortete er bestimmt. „Doch, das meine ich. Ich weiß ja nicht, was du dir einredest, aber für mich hatte das keine Bedeutung“.
„Und deshalb hast du auch zweimal mit mir geschlafen?“, zischte ich mit zusammengebissenen Zähnen, zunehmend verletzter von seiner Gleichgültigkeit. „Das kannst du mir nicht erzählen, Joshua. Jedem anderen – aber nicht mir“.
„Ich erzähle nichts“, meinte er und warf mir einen ausdruckslosen Blick zu. „Ich sage nur die Wahrheit. Wir hatten Spaß miteinander. Und mehr nicht. Wenn du dir etwas anderes einredest, ist das nicht meine Schuld“.
„Aber... du hast es doch gespürt“, erwiderte ich, während allmählich die Verzweiflung in mir die Oberhand gewann. „Da war etwas zwischen uns. Und zwar wesentlich mehr als nur Lust. Du hast doch auch etwas dabei empfunden“. „Nichts, was von Belang wäre“, wehrte er meine Argumentation ein weiteres Mal ab. „Es war ganz einfach nett und nicht mehr. Ich hatte und habe keine Gefühle für dich. Und ich werde auch niemals welche haben. Ich stehe nicht auf Männer“.
„Klar“, entgegnete ich und war versucht, kurz aufzulachen. „Deshalb steigst du auch mit einem ins Bett“. „Ja, das bin ich tatsächlich“, gab er offen zu und zuckte die Schultern. „Aber es hatte nichts zu bedeuten. Und wenn ich es rückgängig machen könnte, dann würde ich es tun“.
Diese Worte von ihm zu hören, versetzte mir einen weiteren Hieb – doch ich versuchte dennoch, weiterhin stark zu bleiben und mir meine Verletzung nicht anmerken zu lassen.
„Du lügst“, mutmaßte ich und schüttelte heftig meinen Kopf. „Das würdest du nicht tun. Du bist nicht so kalt, um rein gar nichts dabei zu empfinden. Ich spüre genau, dass da etwas ist“.
„Einbildung“, wiederholte er abweisend. „Nichts weiter als reine Einbildung. Du hättest vielleicht gern, dass ich was für dich empfinde, weil das bei dir der Fall ist. Aber das tue ich nicht. Und das werde ich nie. Es war eine einmalige Sache, nicht mehr und nicht weniger. Alles andere entspringt nur deiner Fantasie“.
„Nein!“, wehrte ich mich heftig und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Nein, so bist du nicht. Du bist nicht so kalt, Joshua. Das glaube ich nicht!“.
„Glaub von mir aus was du willst“, antwortete er mit erneutem Schulterzucken. „Aber es ändert rein gar nichts. Ich empfinde nichts für dich. Absolut nichts“.
„Joshua...“, entgegnete ich verzweifelt und griff nach seiner Hand. „Du spürst es doch auch. Du weißt, dass das nicht stimmt. Ganz tief in dir bin ich dir nicht gleichgültig. Ist dir unsere Nacht nicht gleichgültig. Das weiß ich“.
„Ich weiß nur, dass du mir langsam auf die Nerven gehst“, sagte er und entwand sich eilig aus meinem Griff. „Sieh es ein, Henry: Da ist nichts. Du bist nicht so unwiderstehlich wie du meinst. Nicht jeder, mit dem du ins Bett steigst, hat automatisch Gefühle für dich“.
Er leerte sein Glas in einem großen Zug, bevor er es beiseite stellte und mich noch einmal musterte. „Hätte ich gewusst, wie lästig du bist“, sagte er kühl. „Dann hätte ich das nie und nimmer getan. Wir waren in der Kiste, okay. Aber das war's. Ende der Geschichte. Mehr ist nicht und wird nie sein. Versteh das“.
„Aber Joshua, ich...“, versuchte ich zu erwidern, aber er fiel mir ins Wort. „Nein“, lehnte er ab. „Nichts aber. Du bildest dir irgendetwas ein. Und genau deshalb gehe ich dir auch aus dem Weg. Damit du mich mit diesem unsäglichen Quatsch in Ruhe lässt“.
„Aber... was soll denn jetzt werden?“, fragte ich ratlos und konnte meine Verletzung kaum mehr zurückhalten. „Was ist mit uns? Was ist mit unserer Freundschaft?“.
„Das war wohl auch ein Fehler“, erklärte er und wandte sich kurz ab. „Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass das nicht gut gehen kann. Und jetzt habe ich den definitiven Beweis dafür. Deshalb ist es wohl das Beste, wenn wir uns einfach weiter aus dem Weg gehen und das Ganze abhaken. Es funktioniert einfach nicht“.
„Aber Joshua...“, wollte ich protestieren, doch er brachte mich erneut zum Schweigen. „Herr Winter, wenn ich bitten darf“, sagte er dann und löschte damit auch noch den letzten Rest an Hoffnung aus. „Nach dieser ganzen Sache ist es besser, wenn wir auf Distanz gehen und uns wieder siezen. Sonst drehen wir uns ewig nur im Kreis“.
„Ist... ist das dein Ernst?“, fragte ich fassungslos, was er mir mit einem kalten Nicken bestätigte. „Solang du nicht mit deinen Gefühlen klarkommst und dir so etwas zusammenfantasierst, schränken wir unseren Kontakt am besten auf das Nötigste ein“, antwortete er und lehnte sich ein Stückchen nach vorne. „Dass ich das getan habe, war ein riesengroßer Fehler. Hätte ich gewusst, dass sowas dabei rauskommt, hätte ich das bestimmt nie gemacht. Also tu mir einen Gefallen und lass mich in Zukunft am besten einfach in Ruhe. Ich empfinde nichts. Gar nichts, verstanden? Und nur nebenbei: So großartig warst du jetzt auch wieder nicht“.
Mit diesen Worten erhob er sich schließlich von seinem Platz und warf mir erneut einen gleichgültigen Blick zu. „Joshua...“, wollte ich ansetzen und fühlte, dass ich kurz vor einem Zusammenbruch stand, doch auch das ließ ihn vollkommen kalt. „Herr Winter“, korrigierte er mich stattdessen und wandte sich dann zum Gehen. „Es war ein Fehler. Einfach alles war ein Fehler. Und deshalb gehen wir uns ab jetzt einfach aus dem Weg“.
Er ging nach vorne und bezahlte sein Getränk, dann kam er noch einmal zu mir an den Tisch und ignorierte dabei großzügig meine Tränen, die sich inzwischen deutlich auf meinen Wangen abzeichneten.
„Also dann“, meinte er stattdessen. „Schönen Abend noch, HERR Achleitner“. Und ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, marschierte er von dannen, ließ mich gänzlich allein mit meiner Verwirrung und Enttäuschung.
„Mistkerl!“, brüllte ich ihm noch hinterher und erregte damit unweigerlich die Aufmerksamkeit einiger anderer Gäste – doch das kümmerte mich in diesem Augenblick herzlich wenig. Ich war viel zu getroffen, zu wütend und enttäuscht.
Dieses Schwein. Dieses gottverfluchte, elende Schwein. Ich hatte ihm hier gerade mein Herz ausgeschüttet, es ihm zu Füßen gelegt – und er hatte nichts anderes zu tun als es mit selbigen eiskalt zu treten.
Einen Fehler hatte er es genannt. Einen Ausrutscher, der überhaupt nicht hätte passieren sollen und den er bereute. Dabei hatte ich bis vor wenigen Augenblicken noch ernsthaft daran geglaubt, dass er zumindest ein bisschen was für mich empfand. Wie naiv und dumm war ich eigentlich gewesen?
Auch wenn ich genau wusste, dass dieser Typ nicht eine einzige Träne wert war, gelang es mir trotzdem nicht, sie zurückzuhalten oder zu unterdrücken. Dafür bohrte der Schmerz in mir einfach zu tief.
Was er gesagt hatte, hatte mich nicht nur getroffen, sondern mir jegliche Hoffnung darauf, dass es irgendeinen Weg für uns beide gab, eiskalt aus den Händen gerissen. Hatte alles zerstört, woran ich festgehalten hatte, den letzten Schimmer an Hoffnung für immer zum Verlöschen gebracht.
Das Schlimmste daran war aber das Chaos an Emotionen, in das er mich jetzt erst recht gestürzt hatte. Ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich noch empfinden sollte oder nicht. Fest stand aber definitiv: Ich wollte diesen Typen auf gar keinen Fall mehr zu Gesicht kriegen. Niemals wieder in meinem gesamten Leben.
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