Die geheimen Träumer

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
16.07.2019
13.10.2019
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Mir war heiß. Überall am ganzen Körper. Mein Atem ging schnell und ungleichmäßig, mischte sich unter die heißen Dampfschwaden, die sich ringsherum um mich erstreckten wie dichter Nebel. Warmes Wasser strömte mir über die Haut und tropfte plätschernd zu Boden, bevor es sich schließlich leise gluckernd im Abfluss verflüchtigte.
Mit dem Rücken fest gegen die Wand gepresst, versuchte ich, den Atem anzuhalten, mich irgendwie zu beherrschen, während sich alles vor meinen Augen nach und nach in diesem nebligen Dampf verlor.
Mein klatschnasses Haar klebte mir auf der Stirn, während ich mich bemühte, die Kontrolle zu behalten und mich zusammenzureißen – aber er machte mir diese Aufgabe wirklich alles andere als leicht.
Seine Haut berührte immer wieder meine eigene, erzeugte jedes Mal aufs Neue einen leichten, angenehmen Schauer auf meinem Rücken, der sich noch immer Halt suchend gegen die Wand presste.
Meine Hände waren fest in seine Schulter gekrallt, suchten ebenfalls irgendwie nach einer Stütze, die mir dabei half, mich nicht gänzlich zu verlieren und am Ende möglicherweise noch auszurutschen.
Nein, er machte mir die Selbstkontrolle wirklich nicht leicht. Und ich hatte schon mehr als einmal das Gefühl gehabt, dass er das mit Absicht tat. Weil er ganz einfach wollte, dass ich mich komplett verlor. An ihn verlor. In ihm verlor. So lange wie nur irgendwie möglich.
Und vermutlich war es auch deshalb jedes Mal aufs Neue wieder ein Abenteuer. Ein aufregendes Abenteuer, bei dem man nie wirklich wissen konnte, was einen erwartete. Er war gut. Ja, er war sogar verdammt gut. Und das wusste er auch haargenau.
Nicht umsonst führte er seine rhythmischen Hiebe mit dieser perfekten Kombination aus Dominanz und Rücksicht aus. Nicht umsonst legte er bei jedem Stöhnen, das ich von mir gab, aufgeregt seinen Kopf zurück. Nicht umsonst hielt er mich so fest an sich, damit ich auch wirklich keine Chance dazu hatte, ihm auch nur einen einzigen Millimeter zu entwischen.
Aber ehrlich: Das war das Letzte, woran ich in diesem Augenblick dachte. Ganz im Gegenteil: Ich wollte mehr. Ich wollte unbedingt noch mehr davon. Mehr von ihm. Und von dieser ihm eigenen, außergewöhnlichen Art, mich zu lieben. Ich wollte ihn ganz. Und das jetzt.
Mein Stöhnen wurde heftiger, als Joshua ein weiteres Mal zustieß, tiefer diesmal – jedoch erneut mit der nötigen Portion an Vorsicht und Empathie. Wie ein einzelner Mensch das nur so gut beherrschen konnte, mich so verrückt machen konnte, das war mir trotz der vielen Male, die es mittlerweile schon gegeben hatte, noch immer ein Rätsel. Aber um offen zu sein, dann wollte ich es am besten auch niemals lösen.
Mir war nicht wichtig, warum er es so gut beherrschte. Und ich wollte auch überhaupt nicht wissen, wie er es machte. Ich wollte nur, DASS er es machte. Immer weiter. Tiefer. Näher. Bis wir uns beide vollständig verloren. Aneinander und ineinander.
Mein Herzschlag ging deutlich schneller, als Joshua mir einen erneuten Stich verpasste – und ein weiterer, angenehmer Schauer überkam mich, als seine Hand, die sich bis zu dem Moment an meiner Hüfte befunden hatte, über mich hinwegstrich.
Und beides fühlte sich schlicht und ergreifend berauschend an. Ich sagte ja: Wenn er etwas wirklich gut beherrschte, dann war es, mich komplett verrückt zu machen. Und das konnte er. Jetzt und hier sogar noch besser als irgendwann jemals zuvor.
Ich rang nach Atem, versuchte immer noch, den Halt nicht zu verlieren – und mein Stöhnen hatte inzwischen einen Lautstärkepegel erreicht, der sich höchstwahrscheinlich problemlos mit dem Geräusch eines vorbeirasenden Wagens messen konnte, der deutlich sein Tempolimit überschritten hatte.
Aber das war mir gleichgültig. Was er da gerade mit mir machte, fühlte sich an wie ein Rausch. Und zwar einer, von dem ich mir wünschte, dass er niemals wieder aufhörte.
Offen gesagt: An Sex in der Dusche hatte ich in meinem Leben bisher noch nicht einen einzigen Gedanken verschwendet, geschweige denn, mir so etwas tatsächlich bildlich vorgestellt. Aber Joshua schaffte es durch seine ganze Art tatsächlich, meinen eindeutigen Gefallen daran zu erwecken. Und sogar noch wesentlich mehr als nur das.
Wie viel Zeit insgesamt verging und wie lange es dauerte, bis ich zum ersten Mal kam, das konnte ich nicht wirklich abschätzen. Ich war mir nur in einer einzigen Sache sicher, nämlich, dass es sich so intensiv anfühlte wie noch nie irgendwann zuvor. Noch nicht einmal während unserer Nacht in der Scheune hatte ich so gezittert, hatte mich so tief fallen gelassen wie jetzt gerade in diesem Moment. Joshua war tatsächlich ein Meister darin, es jedes Mal noch ein Stück mehr auf die Spitze zu treiben. Und das beinahe im wahrsten Sinne des Wortes.
Beide Hände in seinen Schultern festgekrallt, seufzte ich laut auf und übergab mich vollständig an meine Empfindungen, als dieser erneute Kontrollverlust über mich hereinbrach, der so stark und heftig war, dass ich dabei beinahe das Gleichgewicht verloren hätte.
Mein Atem ging immer noch schnell, löste sich innerhalb kürzester Zeit im Dampf auf, während Joshuas nasse Haut sich gegen meine eigene drückte und einen weiteren, angenehmen Schauer bei mir auslöste.
Auch sein Herzschlag hatte sich erheblich beschleunigt und es gelang ihm nur schwer, aus diesem Rausch wieder herauszufinden, als er unsere Verbindung ein paar Momente später schließlich vorsichtig aufzulösen begann.
Dass es damit aber noch nicht vorbei war, sondern dieses Erlebnis lediglich den Anfang einer sehr langen und ausführlichen Nacht eingeläutet hatte, das verriet mir nicht nur sein Verhalten, sondern auch der Blick, den er mir kurz darauf zuwarf, viel deutlicher als jedes Wort.
Es dauerte noch ein paar Momente, bis auch er sich wieder beruhigt hatte – dann kam er mir schließlich ganz nahe und küsste mich, wobei sein nasses Haar ungewollt meine Wangen streifte.
Ich atmete immer noch schwer, spürte in jeder Faser meines Körpers deutlich die Nachwirkungen dieses Augenblicks, und konnte den Kuss aus diesem Grund auch gar nicht richtig erwidern, wovon er sich aber glücklicherweise überhaupt nicht beirren ließ.
Stattdessen zog er den Kuss ausführlich in die Länge, ehe er wieder ein wenig auf Abstand ging und mich noch einmal anschaute. Zuerst ein bisschen zurückhaltend, vermutlich aus Unklarheit darüber, wie ich mich gerade fühlte – doch als sich schließlich ein Ausdruck völliger Entspannung und Zufriedenheit auf mein Gesicht legte, wich diese Zurückhaltung sofort einem Schmunzeln.
Dann wollte er eigentlich irgendetwas sagen, doch ich hob rasch meine Hand und legte dann einen gespielt ernsten Blick auf.
„Wenn...“, meinte ich dann, darum bemüht, einigermaßen ruhig zu klingen. „Wenn du mich jetzt fragst 'Wie war ich?', dann...“. „Dann...?“, wollte er wissen und fing leicht an zu grinsen. „...dann schmeiße ich dich aus der Dusche“, antwortete ich, woraufhin uns beiden ein Grinsen über das Gesicht flog.
„Keine Sorge“, beruhigte er mich dann. „Das wollte ich überhaupt nicht fragen“. „Gut“, erwiderte ich, ehe ich das Wasser noch eine kleine Spur stärker aufdrehte. „Musst du auch nicht. Du weißt die Antwort nämlich. Oder – um es mal auf gut Bayerisch auszudrücken: Ich hätt's scho g'sagt, wenn was net passt“.
Mit dieser ungewollten Komik brachte ich uns beide zum Lachen, und er kam mir erneut ein bisschen näher, deutete mir mit dieser Geste an, dass meine Vermutung exakt ins Schwarze traf und diese Nacht für uns beide noch lange nicht vorbei war.
Dann sah er mich eine Weile an, machte erneut diese großen, unwiderstehlichen Kulleraugen, und setzte damit das Spiel fort, das wir kurze Zeit zuvor im Wohnzimmer miteinander begonnen hatten.
„Herrchen glücklich?“, wollte er erwartungsvoll wissen und legte leicht den Kopf zur Seite, schlüpfte damit erneut in die Rolle, die er geradezu täuschend echt beherrschte.
Ich schmunzelte ihn eine Weile an, bevor ich ganz nah mit ihm zusammenrückte und uns beide vom warmen Strahl des Wassers einhüllen ließ. „Ja, Joshie“, versicherte ich ihm dann ohne jeden Zweifel. „Sehr glücklich“.

Als ich am anderen Morgen wach wurde – wobei es streng genommen eigentlich bereits Vormittag war, befand ich mich noch immer in fast derselben Position, in der ich mich vor dem Einschlafen auch befunden hatte: Direkt an Joshuas Seite, den Kopf so nah bei ihm, dass ich beinahe seinen Atem hören konnte, und meine Hand an seiner Hüfte abgelegt.
Zugegeben, es verwunderte mich nicht sonderlich, dass ich erst so spät aufwachte – immerhin hatten wir die vorangegangene Nacht ziemlich ausgedehnt und die kleine Angelegenheit in der Dusche war, wie ich es bereits vorausgesehen hatte, lediglich der Anfang einer sehr langen und ausgiebigen Zweisamkeit gewesen, im Zuge derer noch so einige Dinge passieren, die man zweifellos als aufregend bezeichnen konnte. Und auch wenn es jedes Mal unfassbar schön mit ihm war – so etwas wie letzte Nacht hatten wir bisher trotzdem noch nicht erlebt. Und jeder einzelne Moment davon war absolut einzigartig gewesen. Einzigartig und unvergesslich.
Kein Wunder also, dass ich mich sofort wieder berauscht fühlte, als ich daran dachte, wie nahe wir uns gewesen waren, und den Reflex, diese Nähe jetzt noch so lange wie möglich auszunutzen, nicht unterbinden konnte.
Keinem anderen Menschen, noch nicht einmal seinen Vorgängern, zu denen ich auch eine sehr tiefe und innige Verbindung gehabt hatte, war es bisher gelungen, mich so glücklich zu machen und mir das zu geben, was er mir gab.
Und das nicht nur, wenn wir uns liebten, sondern in jedem einzelnen Augenblick, den wir zusammen verbrachten. Selbst jetzt, wenn er nur neben mir lag und schlief, im Grunde überhaupt nichts machte, fühlte es sich trotzdem wie ein Geschenk für mich an. Und deshalb wusste ich auch, dass das, was ich Robert am Abend zuvor anvertraut hatte, in keiner Art und Weise gelogen gewesen war.
Joshua war die Liebe meines Lebens. Nach ihm hatte ich immer gesucht, er war der Mensch, bei dem ich mich wirklich voll und ganz fallen lassen konnte. Und auch wenn es möglicherweise jemanden vor ihm gegeben hatte – nach ihm würde nie wieder jemand kommen. Da war ich mir sicher. Denn er war der einzige. Derjenige, auf den ich immer schon unterbewusst gewartet hatte. Und jetzt hatte ich ihn tatsächlich gefunden. Konnte es auf dieser Welt eigentlich noch ein größeres Glück geben?
Normalerweise war es ganz und gar nicht meine Art, mir über so etwas Gedanken zu machen – aber bei Joshua war das einfach etwas vollkommen anderes. Das war es schon von Anfang an gewesen. Schon an dem Abend, an dem wir uns das erste Mal geküsst hatten, hatte ich gespürt, dass er nicht so war wie andere. Und das nicht nur allein aufgrund der Tatsache, dass ich seinetwegen meine mir bis dahin selbst unbekannte Bisexualität entdeckt hatte oder er der erste Mann war, der es schaffte, mein Herz immer wieder zum Klopfen zu bringen wie das eines sechzehnjährigen Teenagers.
Nein, das zwischen uns war von Grund auf etwas vollkommen anderes als das, was ich bisher erlebt hatte. Möglicherweise aufgrund unserer ganzen Vorgeschichte, vielleicht aber auch deshalb, weil ich mich trotz aller Gegensätze und Unterschiede zwischen uns in ihm wiederfinden konnte. Ihm so sehr vertrauen konnte wie ich bisher noch keinem anderen Menschen vertraute. Und weil ich wusste und immer wieder spürte, dass das, was ich ihm gab, millionenfach von ihm zurückkam.
Und falls, ausdrücklich falls, ich in meinem Leben tatsächlich noch einmal in Erwägung zog, den Bund für immer einzugehen, dann ganz ohne Zweifel mit ihm. Weil er alles war. Alles, was ich mir wünschte, was ich brauchte und wonach ich mich sehnte. Und daran würde sich auch nie etwas ändern. Weder jetzt, noch morgen, noch irgendwann.
Mit diesen Gedanken kehrte ich schließlich zurück in die Realität und sah ihn noch eine Weile an, eine Beschäftigung, der ich stundenlang hätte nachgehen können, wenn ich wirklich wollte – doch leider wurde ich von einem unerwarteten Klingeln an der Tür unterbrochen.
Rasch warf ich einen Blick zur Uhr und setzte mich dann im Bett hoch, überlegte, dass es möglicherweise Robert war, der noch einmal nach uns schauen und sich erkundigen wollte, wie es uns denn ging. Oder vielleicht gab es auch irgendetwas, das er uns mitteilen wollte, Neuigkeiten bezüglich des ganzen Vorfalls oder sonst etwas, das er gestern vergessen hatte. Oder aber es handelte sich um jemand ganz anderen, den ich im Augenblick gar nicht auf dem Schirm hatte. Aber gut, sagte ich mir, als ich vorsichtig aus dem Bett schlüpfte, um Joshua nicht versehentlich zu wecken. Spätestens in ein paar Augenblicken würde ich es ganz sicher wissen.
Leise schlüpfte ich in einen Bademantel und schlich mich dann aus dem Zimmer, lehnte behutsam die Tür an und machte mich auf den Weg nach vorne, um unseren Überraschungsgast, wer auch immer es sein mochte, in Empfang zu nehmen.
„Komme schon“, rief ich dezent, als ein weiteres Klingeln zu vernehmen war, und durchquerte hastig das Zimmer, während ich den Mantel halbwegs zurechtzupfte, um zumindest einen halbwegs – nun ja, wenn schon nicht anständigen, dann doch zumindest erträglichen Eindruck abzugeben.
Danach öffnete ich mit einem sanften Schwung die Tür – und erlebte tatsächlich eine Überraschung, als ich mein Gegenüber kurz in Augenschein nahm, bei dem es sich um eine Person handelte, die so ziemlich die letzte war, mit der ich gerechnet hatte. Vor allem nicht um diese Tageszeit.
„Hallo Henry“, sagte sie mit zitternder Stimme und bemühte sich, zumindest halbwegs freundlich rüberzukommen, was ihr jedoch nicht wirklich gelingen wollte.
„Denise...“, murmelte ich etwas perplex und kam mir beinahe so vor, als würde ich gerade ein Déjà-vu erleben. Immerhin hatte es so eine ähnliche Situation schon einmal gegeben. Nur waren es dieses Mal vollkommen andere Umstände. Und die waren vermutlich auch der Grund, warum sie hier war.
Wir sahen uns beide schweigend eine Weile an, nicht wirklich im Klaren darüber, wie wir reagieren sollten – bis sie es schließlich durch eine nervöse Geste zerbrach.
„Ich...“, setzte sie an und senkte hastig ihren Blick. „Ich... weiß nicht, was ich sagen soll. Vielleicht... vielleicht war es doch keine so gute Idee, herzukommen“.
Mit diesen Worten wandte sie sich ab und wollte wieder verschwinden, doch ich hielt sie reflexartig zurück, indem ich ihr meine Hand auf die Schulter legte.
„Warte“, bat ich sie, bemühte mich, ganz neutral zu klingen, da ich trotz der mangelnden Wiedersehensfreude keinerlei Absicht hatte, grob zu ihr zu sein. Ganz besonders nicht in der Situation, in der sie sich gerade befand.
„Bitte, Denise“, sagte ich noch einmal vorsichtig. „Warte doch. Warum... ähm... warum bist du hergekommen?“. Auf diese Frage hin wandte sie sich schließlich wieder herum und gewährte mir damit ungeschminkt einen Blick auf ihr Gesicht, in welchem sich neben der Unsicherheit über dieses Wiedersehen auch deutliche Hilflosigkeit, Trauer und teilweise auch Verzweiflung spiegelten. Aber ich wusste natürlich auch, welchen Grund das hatte.
„Hast...?“, setzte sie an und schluckte schwer, bevor sie einmal ganz tief Luft holte. „Hast du... es schon gehört?“. „Hmm...“, murmelte ich ein bisschen ratlos, weil mir in diesem Augenblick einfach nichts besseres einfiel. „Ja. Ja, hab ich“.
Sie nickte auf diese Worte hin kurz und versuchte dann, das Thema zu wechseln, um sich nicht anmerken zu lassen, wie fertig sie eigentlich war. „Ist... ist Joshua auch da?“, wollte sie wissen und tat ganz gelassen, aber natürlich wusste ich und merkte man eindeutig, dass das lediglich gespielt war.
„Er schläft noch“, gab ich ihr zur Antwort und deutete mit einer kurzen Bewegung rüber zum Schlafzimmer. „O-okay“, meinte sie leise und senkte wieder den Blick. „Ich... ich hoffe, du verstehst das jetzt nicht falsch, wenn ich das frage, aber: Wie... wie geht es ihm? Und wie... wie geht es dir?“.
„Du... ähm...“, antwortete ich nach einigem Zögern, nicht ganz sicher, wie ich mich richtig verhalten sollte. „Du weißt, was passiert ist, oder?“.
Sie nickte nur kurz und hielt mit Mühe ein Seufzen zurück, zeigte sich ehrlich betroffen. „Ja“, erklärte sie mir dann mit leiser Stimme. „Ja, das weiß ich. Und ich... ich weiß gar nicht... ich kann gar nicht...“.
Sie brach ab und hielt sich rasch eine Hand vor den Mund, während sich in ihren Augen langsam Tränen bildeten. Und genau das war der Augenblick, in dem ich meine sämtlichen Differenzen mit ihr hintenanstellte und etwas tat, von dem ich bis vor kurzem nicht gedacht hatte, es jemals wieder zu tun.
„Schon gut“, sagte ich mit sanfter Stimme zu ihr. „Du brauchst nichts zu sagen. Ähm... magst... magst du vielleicht reinkommen?“.
„R-reinkommen?“, wiederholte sie leicht verblüfft, denn mit diesem Angebot hatte sie wahrscheinlich nicht gerechnet.
„Wir... ähm... wir sollten reden, finde ich“, erwiderte ich leise. „Deswegen bist du ja hier, oder? Oder wolltest du nur wissen, wie es Joshua geht?“.
„Ich...“, gab sie offen zu und konnte ihre Gefühle dabei kaum mehr unterdrücken. „Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Im Moment... da... da ist alles einfach zu viel. Diese Sache mit Joshua... und dann Papa... und...“.
Es gelang ihr nicht länger, sich zu beherrschen und sie brach in Tränen aus, erregte damit vollkommen ungewollt mein Mitgefühl und meine Empathie. Differenzen hin oder her – aber so kalt, sie jetzt einfach wegzuschicken oder ihr gar die Tür vor der Nase zuzuschlagen war ich nicht. Sie hatte im Moment genug am Hals. Und ganz egal, was zwischen uns gewesen war, das war jetzt gerade vollkommen nebensächlich. Sie war mir trotz allem nicht vollkommen egal. Zumindest nicht so sehr, dass ihr Schicksal mich gänzlich unberührt gelassen hätte. Immerhin hatte ich sie einmal sehr geliebt. Und ganz gleich, was auch vorgefallen war – im Augenblick zählte einzig und allein das Hier und Jetzt. Und im Hier und Jetzt hatte ich Mitgefühl mit ihr. Ob ich das nun wollte oder nicht.
„Komm erst einmal rein“, bat ich sie erneut und trat einen Schritt zur Seite. „Du brauchst doch nicht da draußen herumzustehen“. „Ist...“, setzte sie leise an und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht. „Ist das... wirklich... okay?“.
„Na klar“, entgegnete ich beruhigend und winkte sie noch einmal herein. „Klar ist das okay, Denise. Jetzt komm“. Auf diese erneute Versicherung meinerseits hin ließ sie sich schließlich darauf ein und trat in die Wohnung, bevor sie sich zögernd ein bisschen umsah und mir dann noch einen Blick zuwarf.
„Henry...“, meinte sie aufgewühlt und kämpfte mit ihren Tränen. „Ich... ich weiß gar nicht... ich...“. Sie unterbrach sich wieder und schluchzte, woraufhin ich bedächtig einen Schritt auf sie zuging und ihr kurz meine Hand auf die Schulter legte.
„Ist schon gut“, versuchte ich, sie zu trösten und vergaß dabei abermals alles, was sich zwischen uns abgespielt hatte. „Beruhig dich erst einmal ein bisschen, okay? Na komm, setz dich doch erst einmal“.
Ich machte einen kurzen Wink Richtung Sofa und führte sie im Anschluss zu selbigem hinüber, bevor ich nach einem Taschentuch griff und es ihr reichte.
„Hier“, sagte ich und setzte mich einen Moment lang zu ihr. „D-danke“, entgegnete sie, als sie es an sich nahm und sich notdürftig die Tränen von den Wangen wischte.
„Magst du etwas?“, wollte ich dann wissen, ganz fürsorglich und ruhig. „Soll ich dir vielleicht einen Tee machen, hm? Oder willst du etwas anderes?“.
„Mh-mh“, lehnte sie ab und schüttelte kurz den Kopf. „Nein. Nein, ich... ich mag nichts“. „Du zitterst ja“, stellte ich fest, als ich sie mir eine Weile anschaute, und legte abermals aus einem Reflex meine Hand auf ihre Schulter. „Ist dir kalt? Brauchst du eine Decke?“.
„Nein“, antwortete sie und schlug damit auch mein zweites Angebot aus. „Geht schon. Ich... ich hab nur wenig geschlafen, das ist alles“.
„Verständlich“, erwiderte ich, obwohl mir im Nachhinein bewusst wurde, wie einfallslos sich das anhörte. Aber was hätte ich auch sagen sollen?
„Und sonst?“, wollte ich dann nach einer Weile wissen. „Wie... ähm... wie geht es dir, Denise?“. Auf diese Frage hin lachte sie kurz auf und warf mir einen Blick zu, der mir die Antwort eigentlich schon haargenau verriet.
„Ehrlich?“, erwiderte sie und seufzte kurz auf. „Ich... ich hab keine Ahnung. Das alles... das ist einfach nur so chaotisch und unwirklich“.
„Ja“, meinte ich behutsam und nickte. „Ja, ich weiß genau, was du meinst. Joshua und mir geht es ganz ähnlich“. „Seit... seit wann wisst ihr es?“, erkundigte sie sich daraufhin, noch immer bemüht, nicht vollständig einzuknicken.
„Seit gestern“, antwortete ich. „Robert kam vorbei und... und hat uns gesagt, was passiert ist“. Als ich das ausgesprochen hatte, weinte sie fast wieder und senkte den Kopf, was mich dazu veranlasste, ihr behutsam über den Rücken zu streicheln.
„Denise“, meinte ich dann. „Wenn... wenn ich irgendetwas tun kann...“. Ungewollt brach ich mit diesen Worten ihren bis dato vorhandenen Rest an Selbstbeherrschung vollständig auseinander und sie knickte ein, hatte absolut keine Kraft mehr dazu, sich weiterhin stark zu geben. Aber das brauchte sie nicht. Schon gar nicht vor mir. Ich war mit Sicherheit der Letzte, der sie dafür komisch anschaute.
„Es...“, murmelte sie dann unter Tränen. „Es ist so... so unrealistisch. Erst das mit Joshua... und jetzt... jetzt ist er... tot. Ich... ich verstehe das einfach nicht!“.
„Denise...“, versuchte ich leise zu sagen, brach dann allerdings wieder ab, weil ich absolut keine Worte fand. Aber wie konnte man das auch? Was konnte ich jetzt schon sagen oder tun? Es war ja auch unbegreiflich. Sogar für mich. Und das, obwohl ich den Saalfeld wirklich von Herzen gehasst hatte.
„Ich verstehe es nicht, Henry“, sagte sie noch einmal, als sie sich schließlich wieder ein bisschen beruhigt hatte. „Ich verstehe es einfach nicht. Warum... warum hat er das getan? Warum? Bitte sag es mir“.
„Ich...“, erwiderte ich nach einer Weile und seufzte leise. „Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, Denise“. Sie schluchzte laut auf und biss sich auf die Lippe, irgendwie darum bemüht, das Unbegreifbare zu begreifen.
„Warum?“, fragte sie dann noch einmal, allerdings nicht an mich, sondern an sich selbst gerichtet. „Warum hat er das gemacht? Warum war er so voller Hass? Was hat ihn nur dazu getrieben, so etwas Grausames zu tun?“.
„Du...“, erwiderte ich, als ich verstand, was genau sie damit meinte. „Du redest von... Joshua?“. Sie nickte nur kurz und warf mir dann einen Blick zu, der deutlich ausdrückte, wie ratlos und am Ende sie war.
„Warum hat er ihn so gehasst?“, fragte sie dann noch einmal. „Warum hat er euch beide so gehasst? Ihr habt ihm doch nichts getan“.
Tränen kullerten ihr über das Gesicht, als sie das gesagt hatte, und erregten noch zusätzlich mein Mitgefühl mit ihr. Nach einer Geste des Trostes suchend, legte ich ihr meinen Arm um die Schultern und rückte näher an sie heran, bemühte mich darum, irgendwie für sie da zu sein.
Denn ganz gleich, was auch zwischen uns gewesen war – die Vorfälle der letzten Zeiten ließen mich das alles, sowie vor allem auch sie, in einem vollkommen anderen Licht sehen.
„Henry...“, murmelte sie leise, als ich sie ganz behutsam in die Arme nahm, doch ich machte ihr verständlich, jetzt ganz einfach nichts zu sagen und sich erst wieder ein bisschen zu beruhigen.
Dummerweise wollte das Schicksal es wohl so, dass ausgerechnet in diesem Moment Joshua aus dem Schlafzimmer kam, welcher wohl eben erst aufgewacht sein musste.
Zuerst lächelte er noch, als er den Kopf aus der Tür steckte und mich erblickte. „Guten Morgen“, wünschte er mir dann und wollte zu mir rüberkommen, hielt mit diesem Vorhaben allerdings inne, als er die gesamte Situation überblickte und registrierte, dass ich erstens nicht alleine war und mich zweitens gerade in einer zugegebenermaßen mehrdeutig interpretierbaren Lage befand.
„Was zum...?“, stieß er ziemlich perplex hervor und starrte zum Sofa herüber, erregte damit nicht nur meine, sondern natürlich auch Denises Aufmerksamkeit.
„Joshie...“, sagte ich und löste mich rasch wieder von ihr, ehe ich aufsprang und ein paar Schritte auf ihn zuging. „Hey du. Ich dachte, du schläfst noch tief und fest“.
„Was... was ist hier los?“, wollte er wissen, während er sich bemühte, das Bild von gerade eben richtig zu begreifen. „Was soll das? Und was zum Teufel macht SIE hier?!“.
Augenblicklich ballten sich seine Hände zu Fäusten und seine Miene nahm ein paar herausfordernde Züge an, weshalb er auch einen Versuch von mir, ihm zur Beruhigung die Hand auf die Schulter zu legen, grob abwehrte.
„Joshie...“, sagte ich, darum bemüht, besänftigend auf ihn einzuwirken. „Ganz ruhig, okay? Es ist alles okay“. „Okay?“, wiederholte er aufgekratzt und funkelte mich an. „Okay?! Was zum Geier will sie hier? Was soll das? Und WARUM hast du sie umarmt? Spinnst du oder was?!“.
Seine aufkeimende Wut ließ ihn eine weitere Geste von mir konsequent abblocken und er funkelte zuerst mich, danach Denise mit zusammengekniffenen Augen an.
Noch bevor ich etwas dagegen unternehmen konnte, lief er hastig an mir vorbei und starrte Denise im Anschluss finster an, bevor er mit einer Handbewegung zur Tür hinüberdeutete.
„Raus“, befahl er ihr kühl und unterdrückte ein Knurren. „Hau ab. Auf der Stelle“. „Joshua...“, wollte sie erwidern und sah ihn unter Tränen an. „Joshua, ich... ich...“.
„Raus!“, unterbrach er sie aufgebracht und deutete noch einmal Richtung Tür. „Verschwinde hier. Sofort!“. „Joshua...“, wiederholte sie aufgelöst, woraufhin ihm der Geduldsfaden riss und er ein Knurren von sich gab. „Muss ich dich erst rausschmeißen?!“, zischte er sie giftig an – doch noch bevor er irgendetwas in der Richtung unternehmen konnte, ging ich dazwischen und hielt mit einer deutlichen, aber dennoch behutsamen Geste davon ab.
„Schatz“, bat ich ihn und sah ihm einen Moment lang in die Augen. „Bitte beruhig dich. Reg dich nicht auf“. „Nicht aufregen?!“, wiederholte er zischend. „Ich soll mich nicht aufregen?! Diese Trulla taucht einfach hier auf und heult dir was vor, nach allem, was gewesen ist – und du sagst mir, ich soll mich nicht aufregen?!“.
Jap, er war ziemlich sauer, das merkte man ihm mehr als deutlich an. Irgendwo konnte ich ihn auch ein bisschen verstehen, denn nach all den Ereignissen der Vergangenheit war er bestimmt alles andere als scharf darauf, sich jetzt und hier mit Denise auseinanderzusetzen.
Aber trotzdem: So wie die Sache sich entwickelt hatte und wie die Dinge momentan standen, hatte Denise es meiner Meinung nach zumindest verdient, dass wir sie anhörten. Darüber hinaus, so sehr sie mich auch gekränkt hatte, uns beide gekränkt hatte: Im Augenblick ging es ihr sehr schlecht, das konnte man ihr deutlich ansehen. Und da brachte ich es ganz einfach nicht übers Herz, sie rauszuschmeißen, ohne ihr wenigstens die Chance einzuräumen, über alles zu reden.
Ja, vielleicht hatte sie es nicht verdient. Und vielleicht dachte ich da auch ein bisschen zu loyal und emotional. Aber ich wollte ihr wenigstens die Möglichkeit geben, sich zu äußern und mit mir zu sprechen, wenn sie schon extra deswegen hergekommen war. Sie hatte im Augenblick immerhin schon genug Probleme und lag am Boden. Da wollte ich ihr nicht noch zusätzlich einen Tritt verpassen.
Genau aus diesem Grund nahm ich Joshua auch an die Hand und sah ihn dann sehr lange an, bat ihn darum, doch wenigstens einen Funken an Mitgefühl zuzulassen. Mit Sicherheit war das viel verlangt, keine Frage – aber aus irgendeinem Grund glaubte ich, dass ich es Denise schuldig war.
„Joshie...“, bat ich ihn so besänftigend wie möglich und warf ihm einen Blick zu. „Bitte beruhig dich. Ich weiß, dass diese Situation dich gerade überfordert und du wütend bist. Dazu hast du auch jedes Recht. Aber bitte, ich bitte dich von Herzen: Lass es jetzt nicht an Denise aus. Sie ist gekommen, weil sie mit uns beiden über alles sprechen möchte. Und im Augenblick geht es ihr wirklich sehr schlecht“.
„Achso“, maulte er giftig und entwand sich hastig aus meinem Griff. „Ihr geht es also schlecht, ja? Oh, das tut mir aber Leid!“. „Bitte“, wiederholte ich daraufhin eindringlich, in der Hoffnung, ihn doch noch irgendwie erweichen zu können. „Bitte gib ihr eine Chance. Auch wenn du jedes Recht der Welt hast, wütend zu sein – hör ihr bitte wenigstens zu. Sie weiß im Augenblick überhaupt nicht, wo ihr der Kopf steht“.
„Ihr zuhören?“, fragte er zischend nach und stieß dann ein abfälliges Lachen aus. „Wozu denn? Damit sie uns vollschwafeln kann, wie Leid ihr alles tut? Nein, danke“.
„Bitte“, sagte ich noch einmal eindringlich. „Sie leidet doch im Moment schon genug“. „Ach, sie leidet also“, entgegnete er und gab sich eiskalt. „Das arme, arme Häschen. Und was ist mit mir?! Leide ich etwa nicht?! Hat sie sich IRGENDWANN mal erkundigt, wie es mir geht? Hat sie JEMALS danach gefragt, wie ich mit der Sache umgehe?! Interessiert sie das? Nein! Warum soll ich ihr also zuhören? Ich will einfach nur, dass sie verschwindet und mir aus den Augen geht. Ich HASSE sie!“.
Diese Vorwürfe von Joshua zu hören, wühlten Denise erst recht auf und sie schluchzte wieder, was ihn jedoch in keiner Art und Weise bewegte. „Hör auf zu flennen, du blöde Kuh!“, schrie er sie an und ballte die Hände noch einmal zur Faust. „Hau einfach ab und verpiss dich aus meinem Leben!“.
„Joshua!“, rief ich dazwischen und bremste ihn auf diese Weise ein bisschen aus. „Beruhig dich. Bitte! Gib ihr doch wenigstens die Chance...“.
„NEIN!“, brüllte er mich aufgebracht an. „Nix da! Ich höre mir doch nicht ihr armseliges Geschwafel an. Ich will, dass sie abhaut. Auf der Stelle!“.
Als ich merkte, dass ich so keinen Schritt weiterkam und seine Ablehnung gegenüber Denise nicht durchdringen konnte, beschloss ich schließlich, es auf die harte Tour zu versuchen und ihm klarzumachen, dass ich seine Meinung absolut nicht teilte.
„Nein“, machte ich ihm klar und schüttelte den Kopf. „Nein, Denise geht nicht. Sie bleibt. Ich möchte mit ihr sprechen“.
„Du... du willst... was?“, entgegnete er perplex und starrte mich fassungslos an. „Ich werde ihr zuhören“, antwortete ich konsequent. „Ob du das nun willst oder nicht. Sie hat ein Recht darauf“.
„Pah!“, meinte er spöttisch. „Ein Recht? Dieses Miststück hat kein Recht auf gar nichts!“. Er sah mich herausfordernd an, bevor er schließlich seine Konsequenzen aus meinem offenkundig widerständischen Verhalten zog. „Du willst ihr zuhören?“, fragte er und kniff die Augen zusammen. „Fein. Dann hör ihr zu. Aber ohne mich. Ich tue mir das hier nicht länger an!“.
Und mit diesen Worten wandte er sich schließlich von mir ab und marschierte schnurstracks hinüber in die Küche, würdigte weder Denise, noch mich eines weiteren Blickes – und knallte dann die Tür hinter sich mit einer solchen Wucht zu, dass ich schon befürchtete, sie würde aus den Angeln kippen.
Das war dann wohl also so etwas wie unser erster, größerer Streit. Aber bei allem Verständnis für Joshuas Aggression – ich konnte Denise einfach nicht wegschicken. Sie tat mir Leid. Ob das nun unvernünftig war oder nicht.
Eigentlich wollte ich ihm ja folgen, entschied mich dann aber, ihm zuerst ein wenig Zeit zu lassen, um wieder runterzukommen, und kümmerte mich im Anschluss daran um Denise, die jetzt noch wesentlich aufgelöster war als zuvor und mit tränenüberströmtem Gesicht ins Leere starrte.
Rasch ging ich noch einmal zu ihr rüber und setzte mich neben sie, bevor ich ihr tröstend über den Arm streichelte. „Er meint es nicht so“, versuchte ich, sie zu beruhigen und ihr in ihrer Lage ein kleines bisschen Mut zu machen. „Er war gerade einfach überfordert. Aber er meint es nicht so“.
„Doch“, antwortete sie, als sie sich wieder ein bisschen gefasst hatte, und warf mir einen kurzen Blick zu. „Doch, Henry. Er meint es genau so. Und das Schlimme ist... er hat Recht. Er hat absolut Recht mit allem“.
„Nein“, wies ich ihre Worte vehement zurück und schüttelte den Kopf. „Nein, hat er nicht. Und das weiß er auch. Ganz tief drin weiß er das. Aber er kann gerade einfach nicht aus seiner Haut“.
Sie stieß noch einmal ein Schluchzen aus, bevor sie sich schließlich über das Gesicht wischte und tief Luft holte. „Ich... ich hätte nicht herkommen sollen“, äußerte sie dann bedrückt. „Das war ein Fehler. Ich habe geahnt, dass so etwas passieren würde. Am... am besten gehe ich wieder“.
Mit diesen Worten wollte sie aufstehen und verschwinden, doch ich schnappte mir ihren Arm und hielt sie damit von dieser übereilten Flucht ab.
„Nein“, sagte ich dann ruhig. „Nein, das machst du nicht. Bitte bleib, Denise. Ich... ich möchte nicht, dass du jetzt gehst“.
„Aber...“, wollte sie erwidern, doch ich schüttelte nur den Kopf, machte ihr verständlich, dass ich es absolut ernst meinte.
„Bitte bleib“, bat ich sie dann noch einmal inständig. „Ich rede mit Joshua, okay? Wenn ich ihm alles erkläre, dann beruhigt er sich bestimmt wieder und versteht, warum du hier bist“.
Mit diesen Worten erhob ich mich wieder von meinem Platz, woraufhin sie mich kurz unsicher anschaute, so als wüsste sie nicht wirklich, ob es das Richtige war, meiner Bitte Folge zu leisten.
„Warte hier“, sagte ich so sanft und aufbauend wie möglich. „Ich rede mit ihm, ja?“. Sie nickte mir schließlich kurz zu, gab mit dieser stillen Geste ihre Einwilligung, was ich erleichtert zur Kenntnis nahm.
So konnte ich sie einfach nicht gehen lassen. Wir mussten darüber reden. Alle zusammen. Und genau das würde ich auch Joshua verständlich machen. Denn ich wusste, ganz tief drin, da wollte er das genauso wie ich. Ob er sich das nun eingestehen konnte oder nicht.

Kurze Zeit später, nachdem ich all meine Überredungskunst aufgeboten und ihm alles in Ruhe zu erklären versucht hatte, hatte Joshua sich dazu erweichen lassen, doch mit Denise zu sprechen und sich zumindestens anzuhören, was sie uns mitteilen wollte.
Zwar betonte er immer wieder, dass es absolut nichts an seiner Meinung, geschweige denn, Haltung ihr gegenüber verändern würde – aber letztendlich wollte er es doch versuchen, wenn auch, wie er mir eröffnete, einzig und allein mir zuliebe und weil ich so sehr darauf bestand. Denise war ihm komplett gleichgültig. Und er versicherte mir eindringlich, dass das auch so bleiben würde, ganz gleich, was jetzt auch immer passieren mochte.
Daraus resultierte auch, dass er auf ihre Nachfrage hin, wie es ihm denn ging, ziemlich grob und abweisend reagierte, sowie auch ihre aufrichtige Versicherung, wie Leid ihr das alles tat, was passiert war, großzügig ignorierte.
Zwar hörte er sich wie versprochen alles an, was sie zu sagen hatte – doch es prallte vollständig an ihm ab, selbst ihr Kummer und ihre offenkundige Hilflosigkeit lösten nicht einmal den Hauch einer Gefühlsregung in ihm aus.
Kurz und gut zusammengefasst: Er war ein Stein. Eiskalt, hart und unnachgiebig. Und ganz gleich, was Denise auch sagte oder ihm erklärte, er reagierte jedes Mal entweder abwehrend oder gar nicht.
Ganz im Gegensatz zu mir. Mich berührte es schon ziemlich, was sie uns erzählte, ganz besonders ihre Reue darüber, wie das alles gekommen war und dass sie es niemals so gewollt hatte. Und auch, dass sie über die Tat ihres Vaters fassungslos gewesen war und ihm niemals im Leben zugetraut hatte, dass er tatsächlich so weit ging.
Joshua hingegen geriet auf diese Aussage hin wieder in Rage und warf ihr vor, dass sie überhaupt keine Ahnung hatte und gar nicht so scheinheilig zu tun brauchte. Und dass sie sich ihr Bedauern sonstwo hinstecken konnte.
Er machte sie wirklich fertig – und das, obwohl ich ihn noch extra darum gebeten hatte, zumindest einen kleinen Funken an Rücksicht zu nehmen. Aber da war er rigoros. Und kalt. Eisig kalt. So hatte ich ihn wirklich noch niemals erlebt.
Ich versuchte zwar noch, ihn auszubremsen, aber er war schon so mittendrin in seiner Hasstirade, dass er kein einziges gutes Haar mehr an ihr ließ und ihr Dinge an den Kopf knallte, die ihr auch noch den Rest an Halt unter ihren Füßen wegrissen und sie endgültig zusammenbrechen ließen.
Noch nicht einmal der bitterböse Blick, den ich ihm daraufhin zuwarf, machte ihm etwas aus oder ließ ihn sein Verhalten irgendwie überdenken. Stattdessen blieb er konsequent bei seiner Meinung über sie und trieb sie damit, wenngleich vielleicht ungewollt, an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.
„Ich... ich hab das doch nicht gewollt“, murmelte sie total aufgelöst und stieß ein Schluchzen aus. „Ich wollte nicht, dass das alles so kommt. Wenn... wenn ich gewusst hätte, was Papa plant – ich hätte ihn aufgehalten. Ich hätte nie zugelassen, dass er das tut. Aber ich... ich hatte keine Ahnung“.
„Du hast scheinbar nie von irgendetwas Ahnung“, erwiderte Joshua kühl, doch sie registrierte es überhaupt nicht richtig, sondern geriet mehr und mehr in Verzweiflung, die letztendlich damit endete, dass sie anfing, vollkommen abstruse Dinge von sich zu geben.
„Papa... Papa war kein schlechter Mensch“, murmelte sie unter Tränen. „Er... er hat das nur getan, weil... weil ich ihn enttäuscht habe. Weil ich aus Bichlheim weggegangen bin und ihn alleingelassen habe. Ich... ich bin schuld, dass das passiert ist“.
„Was?“, fragten Joshua und ich beinahe zeitgleich, und ich konnte zuerst gar nicht wirklich glauben, was sie da gerade gesagt hatte. „Es ist meine Schuld“, wiederholte Denise aufgewühlt. „Meinetwegen hat Papa das getan. Wäre ich hier geblieben und hätte mich um ihn gekümmert, dann... dann wäre es gar nicht so weit gekommen. Es ist meine Schuld. Es ist alles meine Schuld. Meinetwegen musste Joshua so leiden. Meinetwegen ist Papa jetzt tot. Ich... ich habe alles falsch gemacht. Von Anfang an“.
„Denise...“, murmelte ich geschockt und sah sie ungläubig an. „Was... was redest du denn da?“. „Ich bin schuld“, antwortete sie wie hypnotisiert und warf mir einen tränenblinden Blick zu. „Ich habe euch allen Unglück gebracht. Meinetwegen ist Papa so ausgerastet. Meinetwegen hat er das getan. Meinetwegen musste Joshua durch die Hölle gehen. Ich bin an allem schuld“.
„Das stimmt nicht!“, widersprach ich ihr hastig und schüttelte den Kopf, immer noch fassungslos über diese absurden Gedankengänge. „Doch!“, protestierte sie und zuckte dabei zusammen. „Doch, es stimmt! Wenn ich nicht wäre, dann wäre das alles niemals passiert. Dann hätte Joshua das nie durchmachen müssen und Papa wäre noch am Leben. Ich bin daran schuld. Warum bin nicht ich an seiner Stelle gestorben?!“.
Oh Gott, dachte ich tief schockiert und konnte gar nicht richtig fassen, was ich hörte. Was redete sie da nur? Das war doch totaler Schwachsinn!
Aber ganz egal, was ich auch versuchte, ich schaffte es einfach nicht, sie von diesen absurden Gedanken wegzubringen und ihr klarzumachen, dass das alles Blödsinn war. Sie beharrte felsenfest darauf, dass sie alles falsch gemacht hatte – und nur einzig und allein ihretwegen die ganze Sache überhaupt erst passiert war. Sie beharrte darauf, dass Joshua nur ihretwegen vergewaltigt worden war und sie sich niemals verzeihen konnte, dass sie damit nicht nur ihm geschadet, sondern auch das Leben ihres Vaters vernichtet hatte. Ihretwegen war er tot. Und ihretwegen war Joshua vergewaltigt worden. Das war ihre felsenfeste Überzeugung, von der ich sie trotz aller Bemühungen nicht abbringen konnte.
Ratlos und zunehmend verzweifelter warf ich Joshua einen Blick zu – und im ersten Moment glaubte ich auch, mich zu täuschen. Doch bei genauerer Betrachtung wurde mir klar, dass ich tatsächlich richtig sah.
Er hatte Tränen im Gesicht. Er hatte wirklich Tränen im Gesicht. Aber nicht aus Wut oder gar Hass auf Denise. Nein, diese Tränen waren ein Ausdruck von Mitgefühl. Von ehrlichem, aufrichtigem Mitgefühl.
Ihre ganze Verzweiflung und ihre Selbstvorwürfe hatten das Eis in ihm tatsächlich gebrochen. Da war kein Hass mehr. Keine Wut auf sie oder Verärgerung über ihr unangemeldetes Auftauchen. Schlicht und ergreifend nur Anteilnahme und tiefe Ergriffenheit. Das war mein Joshie. Genau so, wie ich ihn kannte.
„Denise“, sagte er schließlich ganz leise, als sie noch immer mit ihren Selbstvorwürfen kämpfte. Aber sie konnte nicht wirklich darauf reagieren, weshalb er rasch von seinem Platz aufstand und dann etwas machte, mit dem vermutlich niemand gerechnet hatte: Er setzte sich zu ihr. Er setzte sich wirklich zu ihr und näherte sich ihr damit zum allerersten Mal wieder ein kleines Stückchen an.
Aber sie nahm kaum Notiz davon, warf ihm nur einen tränenblinden Blick zu, die mehr als deutlich erkennen ließen, wie groß ihre Angst war und wie sehr sie diese Selbstvorwürfe quälten.
„Denise“, wiederholte er noch einmal ganz leise, während auch ihm ein paar Tränen über das Gesicht liefen. „Das stimmt nicht. Das stimmt alles nicht“.
„Doch!“, rief sie aufgewühlt aus und wandte sich ruckartig zu ihm herum. „Doch, es stimmt! Meinetwegen ist das alles passiert. Meinetwegen musstest du das durchmachen. Wenn... wenn ich doch bloß niemals geboren wäre!“.
„Hör auf“, bat er sie mit überraschend ruhiger Stimme und ging dann neben ihr auf die Knie, bevor er ihr seine Hände auf die Schultern legte. „Hör auf damit, Denise. Bitte. Das stimmt nicht. Das ist alles nicht wahr. Du bist nicht schuld daran“.
„Doch!“, beharrte sie konsequent. „Doch, es stimmt, Joshua! Du hasst mich dafür. Und du hast jedes Recht der Welt dazu. Ich bin schuld an allem“.
„Nein“, entgegnete er und schüttelte heftig den Kopf. „Nein, das ist nicht wahr. Das ist nicht wahr, Denise. Du bist nicht schuld. Und ich hasse dich auch nicht“.
Als er diesen Satz gesagt hatte, hielt sie tatsächlich einen Moment lang inne und starrte ihn an, fasste es wohl nicht so richtig.
„W-was?“, fragte sie aufgewühlt nach, woraufhin er ihr bedächtig über den Arm streichelte und damit ein weiteres, versöhnliches Zeichen setzte. „Ich hasse dich nicht“, betonte er noch einmal in aller Deutlichkeit. „Das... das habe ich nur gesagt, weil ich dir wehtun wollte. Aber es stimmt nicht. Es stimmt nicht, Denise. Ich hasse dich nicht“.
Ein weiteres Mal überraschte er mich, als er sich ihr noch ein Stück annäherte und sie dann tatsächlich in den Arm nahm – eine Geste, die ich in diesem Leben nicht mehr für möglich gehalten hatte.
„Hör bitte auf, so zu denken“, bat er sie fürsorglich. „Du bist nicht schuld, Denise. An gar nichts. Du kannst nichts dafür“.
Aus irgendeinem Grund erinnerte mich dieses Verhalten von ihm an seine eigenen Gedankengänge, die er gehabt hatte, nachdem Robert uns von der Sache mit dem Saalfeld berichtet hatte.
Er hatte auch geglaubt, schuld daran zu sein, was er natürlich ebenso wenig war wie Denise. Niemand konnte etwas für die Dinge, die passiert waren. Und es rührte mich wirklich unendlich, wie liebevoll Joshua plötzlich war und auf Denises Bedenken einging.
Genau das war er. Das war der Joshie, den ich kannte und liebte. Und er bewies mir dadurch einmal mehr, was für ein großes Herz er hatte.
„Joshua...“, murmelte Denise daraufhin leise und sah ihn schulderfüllt an, doch er schüttelte nur leicht den Kopf. „Du hast dir nichts vorzuwerfen“, machte er ihr dann eindringlich klar. „Rein gar nichts, verstehst du das?“.
Mit diesen Worten umarmte er sie noch einmal ganz fest, zeigte ihr dadurch, dass er ernst meinte, was er sagte und sie sich keine Gedanken zu machen brauchte.
Und ich konnte noch nicht einmal ansatzweise sagen, wie tief mich das bewegte. Dass er tatsächlich über seinen Schatten sprang und seine Eitelkeit hintenanstellte, war eine unfassbar große und auch mutige Geste, für die man ihn nur bewundern konnte.
Das war richtig, Joshie, dachte ich glücklich und konnte gar nicht anders als leise zu schmunzeln. Das war absolut richtig von dir. Ich bin stolz auf dich. Ich bin wirklich unglaublich stolz auf dich.
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