Die geheimen Träumer

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
16.07.2019
16.10.2019
34
182343
3
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Liebe und Hass liegen oft sehr dicht beieinander. Diese zwei vollkommen gegensätzlichen Gefühle sind beinahe so wie Magnete mit entgegengesetzten Polen. Sie stoßen sich ab – und ziehen sich dennoch an, je nachdem, wie man die Seiten dreht und wendet.
Dass es mit Emotionen auch so ist, dass sich dort ebenfalls die Seiten drehen und zwei Pole, die sich bislang vehement abstießen, plötzlich anziehen können, hielt ich bis vor kurzem nicht für möglich. Ich hatte nicht gedacht, dass zwei so grundverschiedene Gefühle sich ins Gegenteil wandeln und aus dem einen auf einmal das andere werden konnte.
Aber wenn ich mir den Vergleich mit den Magneten vor Augen hielt, erschien mir das gar nicht mehr so abwegig. Liebe und Hass hingen schließlich sehr dicht zusammen, waren beides innige Emotionen, die vollkommen unterschiedlich waren – und dennoch untrennbar miteinander verbunden.
Und natürlich hatte ich auch schon davon gehört, dass aus tiefer Liebe urplötzlich immenser Hass geworden war. Das war noch nicht einmal abwegig. Dass jedoch auch das Gegenteil passieren konnte und Hassgefühle in Zuneigung umschlugen – dieses Phänomen war mir bis vor einiger Zeit noch vollkommen absurd erschienen.
Es war tatsächlich wie mit zwei Magneten: Je nachdem, welche Seiten man aufeinanderhielt, konnten sie sich entweder meilenweit abstoßen oder unzertrennlich anziehen.
Wobei man fairerweise dazusagen sollte: Wirklich gehasst hatte ich nie. Da war schlicht und ergreifend eine Ablehnung gewesen, eine Rivalität, die mich und ihn daran gehindert hatte, aufeinander zuzugehen.
Erst dieses eine Ereignis, diese unerwartete Wende und der damit verbundene Schmerz hatten uns beiden aufgezeigt, dass wir doch gar nicht so unterschiedlich waren wie wir anfangs gedacht hatten. Dass uns trotz allem eine entscheidende Sache verband, die sich nicht wegleugnen ließ und die man nicht ignorieren konnte.
Dabei war es mir geradezu lächerlich vorgekommen, dass so etwas eines Tages passieren würde. Dass ausgerechnet ER einmal derjenige sein würde, der mich am besten verstand.
Nie und nimmer hatte ich erwartet oder daran geglaubt, dass sich unser Verhältnis zueinander auf solch eine Art und Weise ändern, geschweige denn, auch nur ansatzweise in diese Richtung gehen würde.
Aber bevor ich anfange, noch weiter auszuschweifen, beginne ich am besten von vorne: Mein Name ist Henry. Henry Achleitner. Und bis vor ungefähr zwei Monaten war meine Welt eigentlich noch vollkommen in Ordnung.
Ich hatte einen netten Job, gute Freunde – und vor allen Dingen war ich mit der vermutlich tollsten und aufregendsten Frau der ganzen Welt verlobt gewesen: Denise Saalfeld.
Schon damals, als ich ihr zum allerersten Mal begegnet war, hatte sie mich direkt fasziniert und mit ihrer offenen, empathischen Art direkt in ihren Bann gezogen.
Und auch, wenn ich am Anfang relativ unsicher gewesen war, so hatte sich mit der Zeit doch etwas zwischen uns entwickelt, hatten wir festgestellt, dass wir ziemlich ähnlich dachten – und vor allen Dingen auch fühlten. Wir hatten uns des öfteren getroffen, waren uns Stück für Stück immer ein bisschen nähergekommen – und irgendwann war schließlich der Funke bei uns beiden übergesprungen und wir hatten uns aufeinander eingelassen.
Dass es in ihrem Leben noch eine andere Liebe gab, einen Mann, den sie noch nicht ganz vergessen konnte, hatte mich nicht gestört und ich hatte immer mein möglichstes versucht, damit umzugehen.
Und dennoch, obwohl wir sehr viel Zeit miteinander verbrachten, war diese Geschichte immer wie ein Schatten über unserer Beziehung geschwebt, der sich einfach nicht vertreiben lassen wollte.
Wir hatten uns deswegen sogar einmal kurz getrennt, waren später aber wieder zusammengekommen, nachdem Denise mir versichert hatte, dass da absolut nichts mehr war und sie sich sicher war, wohin ihr Herz gehörte.
Und so hatten wir schließlich einen zweiten Versuch gewagt, der auch sehr lange Zeit gut gegangen war, sogar bis zur Verlobung gereicht hatte. Wie glücklich war ich gewesen, als sie mir mitten aus dem Nichts heraus einen Antrag gemacht hatte – wahrscheinlich so glücklich wie noch niemals in meinem ganzen Leben.
Doch dann war auf einmal dieser Schatten wieder aufgetaucht, in Gestalt desjenigen, der mir schon bei unserer ersten Begegnung unsympathisch gewesen war: Joshua Winter. Der Mann, an dem Denises Herz ziemlich lange vergeblich gehangen hatte – und der auch der Grund für unsere kurzzeitige Trennung gewesen war.
Er hatte sich einfach nicht damit abfinden können, dass Denise sich für mich entschieden hatte, hatte uns immer wieder dazwischengefunkt und meine Geduld auf eine ziemlich harte Probe gestellt.
Doch davon wollte ich mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Denise liebte mich, da war ich mir sicher – und deshalb versuchte ich auch, meinem Konkurrenten deutlich klarzumachen, dass er seine Chance auf sie für immer verspielt hatte.
Ich ließ mich nicht mehr von ihm ärgern, geschweige denn, verunsichern, sondern konzentrierte mich stattdessen voll und ganz auf die Beziehung mit Denise, sowie bald darauf auch die ersten Hochzeitsvorbereitungen.
Dass bald darauf etwas passieren würde, was alles in Frage stellte und einen unkittbaren Riss zwischen uns verursachte, ahnte ich zu dem Zeitpunkt selbstverständlich noch nicht.
Stattdessen hatte ich ehrlich geglaubt, dass dieser Schatten namens Joshua endlich aus unserem Leben verschwinden würde. Doch damit hatte ich mich gewaltig geirrt.
Zunächst war zwar noch nichts davon zu bemerken, aber wenn ich im Nachhinein daran denke, glaube ich, dass es mehr als genügend Anzeichen gegeben hatte, die ich einfach nicht sehen wollte.
Ich versuchte, Denise auf Händen zu tragen und unterließ es sogar, mich eifersüchtig zu verhalten, wenn sie und er sich aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit öfter über den Weg liefen. Ich vertraute ihr. Versuchte, ihr zu vertrauen.
Wäre da nur nicht Denises egoistische Schwester Annabelle gewesen, die mir immer wieder Flöhe ins Ohr gesetzt und mir eingeredet hatte, dass Denise Joshua immer noch liebte. Und dass sie nicht so treu und ehrlich war wie sie mir gegenüber immer vorgab zu sein.
Sehr lange hatte ich auf dieses Gerede nicht gehört, es ausgeblendet und ganz auf mein Vertrauen gesetzt – bis eine SMS von Denise an Joshua mein Misstrauen erregt hatte. Darin setzte sie ihn darüber in Kenntnis, dass alles klar war und er wie vereinbart zu einer der Romantikhütten kommen sollte.
Natürlich hatte das sofort die alte Eifersucht in mir wachgerufen – und ich hatte mich kurzerhand dazu entschlossen, ebenfalls dort hinzugehen und herauszufinden, was es damit auf sich hatte.
Zwar kam ich mir schäbig dabei vor, meine Verlobte zu bespitzeln und ihr nachzuspionieren – doch angesichts dieser Nachricht konnte ich einfach nicht anders.
Also folgte ich ihr mit entsprechendem Sicherheitsabstand an jenem Abend zu ihrem Treffen mit Joshua, um zu erfahren, was dahintersteckte.
Ich schlich mich heran und versuchte, die beiden zu belauschen, auch wenn meine Hoffnung, dass es nicht das war, wonach es aussah, sich relativ in Grenzen hielt. Eine junge Frau und ihr Ex-Schwarm, gemeinsam auf einer Romantikhütte – was konnte da schon großartig dahinterstecken, wenn nicht das?
Mich so leise wie möglich verhaltend, belauschte ich ihre Unterhaltung durch die angelehnte Tür – auch wenn meine Eifersucht mich eigentlich dazu antrieb, sofort hineinzustürmen und sie zur Rede zu stellen.
Jedoch beherrschte ich mich – und wurde einige Momente später ziemlich überrascht, als Denise Joshua offen und ehrlich erklärte, dass er ihre Entscheidung endlich akzeptieren musste und ich der Mann an ihrer Seite war, den sie auch heiraten wollte.
Sie erklärte ihm, dass es zu spät war, dass es für sie beide keine Zukunft gab und er sich endlich damit abfinden musste. Doch genau wie von mir eingeschätzt, ließ er das nicht einfach so auf sich sitzen, machte ihr stattdessen eine Liebeserklärung und schmalzte sie mit der angeblichen Aufrichtigkeit seiner Gefühle zu.
Eine ganze Weile ging das so hin und her – und Denise schien zunehmend verunsicherter, wusste überhaupt nicht mehr richtig, was sie sagen oder tun sollte. Sie flehte ihn an, es auf sich beruhen zu lassen, doch er meinte nur, dass er das nicht konnte und nicht bereit war, sie einfach so aufzugeben.
Und auch wenn ich es nach ihrer anfänglichen Standhaftigkeit nicht richtig glaubte, schien er sie mit seinen Worten doch irgendwie zu berühren, denn sie wurde zunehmend ruhiger und widerstandsloser.
Was er dann allerdings sagte, schlug dem Fass gänzlich den Boden aus und ließ mich blutrot sehen: Er sagte ihr, dass er es besser wüsste und ihr das Geturtel mit mir nicht abkaufen würde, sondern genau spürte, dass sie immer noch etwas für ihn empfand.
Und wieder versuchte sie sich zu wehren, jedoch zunehmend schwächer als noch einige Zeit zuvor. Sie druckste noch eine Weile herum, bevor sie schließlich einknickte und mir damit ungewollt den vermutlich tiefsten Stich überhaupt versetzte: Sie gestand ihm, dass sie ihn immer noch liebte. Genauso tief wie am allerersten Tag.
Was danach folgte, zerstörte alles, woran ich bis zu diesem Moment geglaubt hatte, vernichtete auch noch die letzte kleine Hoffnung, die sich eisern an der Illusion festhielt, dass Denise mich liebte – und nicht ihn.
Wie paralysiert hörte ich ihnen zu, beobachtete sie dabei, wie sie sich näherkamen und Denises Widerstand gegen Joshua endgültig über Bord segelte. Und dann passierte schließlich der Moment, der mich so tief traf wie noch nie irgendein anderer in meinem Leben: Sie schlief mit ihm. Ohne auch nur einen Augenblick länger zu zögern oder sich darüber im Klaren zu sein, was sie da eigentlich gerade machte.
Ich konnte nicht mehr denken, nichts mehr fühlen oder begreifen, was sich da gerade vor meinen Augen abspielte. Ich sah nur, wie meine Verlobte den Anderen küsste, wie sie seine Haut berührte, ihm das gab, was doch eigentlich nur mir zustand.
Und in genau dem Moment starben nicht nur meine Gefühle, sondern auch mein Herz eines kalten, unerbittlichen Todes.
Das Rot in meinem Blick wich der Verletzung und tiefen Erschütterung, gefolgt von einer Leere, die mich mit jedem Moment tiefer in sich verschlang. Genauso wie die beiden sich gerade in der Hütte verschlangen.
Mein Gott, was war ich blind gewesen! Sie hatte niemals aufgehört, diesen Mistkerl zu lieben! Er hatte ihr IMMER etwas bedeutet, war IMMER dagewesen – ganz gleich, was auch immer sie mir erzählt hatte. Das mit uns, das hatte es von vorneherein nicht gegeben. Es war nur eine Lüge gewesen. Eine eiskalte, dreiste Lüge.
Eigentlich wollte ich schreien, einfach schreien, um dieser ganzen Wut in mir Luft zu machen, entschied mich dann allerdings wieder um und zog von dannen – tief getroffen und mit der festen Absicht, meine Konsequenzen daraus zu ziehen.
Review schreiben