Stille Fuchsglöckchen

von Ray Chal
KurzgeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P16
15.07.2019
11.08.2019
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„Und genau deswegen befinden wir nun uns im Zeitalter des Mappou. Die Lehre des Erhabenen befindet sich im Zerfall, weder Erleuchtung noch die Praxis der Lehre sind möglich. Wir sind angewiesen auf die Kraft der Anderen, um doch noch aus dem Kreislauf der leidvollen Wiedergeburt auszubrechen, Vertrauen in den Erhabenen … nur so endet die Rinne, nur so finden wir Rettung. Oh … du schläfst also schon, meine Kleine, da bin ich ja beruhigt.“
Mit einem Ächzen legte Seiryoku seine Schriftrolle auf den hölzernen Nachtisch, zupfte sich ein Hundehaar von seiner violett-goldenen Kesa und erhob sich schwerfällig, den Blick auf den bedeckten Mond gerichtet: „Glöckchen, ich hätte dir natürlich auch zum 46. Mal die Geschichte der Mondprinzessin erzählen können, wenn dir das lieber gewesen wäre.“
„Sogar zum 53. Mal! Das wäre mir lieber gewesen, aber eingeschlafen wäre ich wohl trotzdem nicht. Immerhin bin ich ja auch schon 18, Opa!“ Während Glöckchen sich wie ein Aal im Todeskampf auf ihrem Futon von links nach rechts wendete, wischte sich der Greis die Schweißperlen von seinem kahlgeschorenen Haupt. Seiryoku hatte sich immer noch nicht an sein selbstgewähltes Exil im tropischen Süden gewöhnt, auch wenn die Wildbananen eine ausgezeichnete Komponente in den einfallsreichen Mahlzeiten seiner geliebten Enkelin darstellten. Zuschade, dass er den Weg der Frommen gewählt hatte und so im Tempel bescheidenere Kost zu sich nehmen wussten. Versteckt zwischen ein paar Palmen, Bananenstauden und Hundehaarkugeln auf dem Boden, war der Nambu-Tempel selbst für gewöhnliche Pilger nur schwer aufzufinden. Wenn er seinen 70. Frühling noch erleben wollte, tat der Mönch gut daran, sich in diesem abgelegenen Ort versteckt zu halten. Ein plötzliches Rascheln veranlasste ihn, sich umzudrehen – Glück gehabt, doch keine Eindringlinge.
„Misuzu-chan! Erschreck mich doch nicht so!“
„Ich kann nicht schlafen, es ist schon bald Geisterstunde, aber es funktioniert einfach nicht! Vielleicht sollte ich mir draußen die Füße vertreten, der Sternenhimmel ist hier im Süden immer so schön und klar!“, hatte sich die Enkelin plötzlich aufgerichtet und ihren silbernen Yukata glatt gestrichen: „Gut, bis auf heute, wo es den ganzen Tag wie in Strömen geregnet hat.“ Ein blechernes Krächzen unterbrach Misuzu, von ihrem Großvater liebevoll Glöckchen genannt, bevor sie sich selbst ein Bild von der aktuellen Wetterlage hinter den immer noch feuchten Bambusläden machen konnte.
Die langhaarige Schönheit verzichtete auf allzu ausgeklügelte Frisuren des Hauptstadtstils, doch wenigstens bis zur Hüfte mussten sie reichen – dementsprechend dynamisch schwangen sie auch um, als ihre Besitzerin den Kopf fragend zur Seite neigte: „Großvater, du wirst dir doch keine Lungenentzündung eingefangen haben, oder? Warum musstest du heute Nachmittag auch Bananen pflücken, das … das hättest du doch nicht für mich tun müssen.“
Seiryoku schwieg, ignorierte für ein paar Momente die Blicke der jungen Frau, die sich sorgenerfüllt auf die Lippen biss. Vielleicht würden ein paar Klänge von der Biwalaute sie beruhigen? All seine kostbare Ausbildung in die schönsten Künste der Musik und Dichtung investierte der einstige Kronprinz Hideakira nun in diese nächtlichen Klänge, die sich mit dem rastlosen Zirpen der nervösen Zikaden vermischten.

„Weißt du, Glöckchen“, hob der alte Mann nun wieder sein Kinn an und blickte mit seinen dunklen, gläsernen Augen in das katzenähnliche Gesicht seiner Ahnin, als würde er sämtliche Weisheiten, die in seinen Pupillen schimmerten, übertragen wollen wie einen guten Geist: „Ich habe mich lange zurückgehalten mit meinen Beschwerden, aber das geht schon eine Zeit so. Leider profitiere ich nicht gerade vom schwülen Wetter und seinen Gewitter, das die Donnergötter für mich auserwählt haben. Das, was ich stets gefürchtet habe, ist nun wohl doch eingetroffen.“
Misuzu erstarrte augenblicklich zu Eis, obwohl ihr ihr Futon nur wenige Momente zuvor unerträglich warm gewesen war.
„D-d-du meinst, der Dämon war hier … und hat dich mit einer Krankheit verflucht, so wie Vater?“, fragte sie mit vor Schock geweiteten Augen: „Du hättest mich rufen sollen, ich hätte dem in den Hintern getreten, mit Gebetsperlen erschlagen, 108-mal mit einer Juzu aus Diamant!“
Seiryoku blickte etwas betrübt zu Boden … er hatte sich immer an der teils aufgeschlitzten Tatamimatte aus Reisstroh in seiner bescheidenen Exilresidenz gestört, die die Krallen der Tempelhunde zerfetzt hatten. Doch all diese kleinen weltlichen Probleme, würde für ihn fortan nicht mehr von Belang sein.
„Nein, nicht wie dein Vater. Du weißt doch, das Glück ist mit den … naja, diejenigen, die Schwierigkeiten haben, ein Verständnis für den Ablauf der Dinge zu entw-“
„Also mit den Dummen!“
Der Adlige seufzte resigniert auf: „Ich wollte deinen Vater nicht als einen Tor bezeichnen, auch wenn ich natürlich am besten weiß, welche unglaubliche Naivität in ihm seit jeher innegewohnt hatte. Kaiser Mu'un, mein Sohn und Nachfolger, meine einzige Hoffnung, ohne dass unser Thron von einer der Adelsfamilien wie den Hata kontrolliert wird. Selbst nach meiner Abdankung habe ich die Geschicke unseres großen Kaiserreichs Bishu über seinen Kopf hinweg geleitet, um unsere Dynastie der Akahoshi nicht in Verruf zu bringen doch seit SIE de facto die Alleinherrschaft an sich gerissen hat … Kasumi, die Nebelprinzessin.“ Misuzu schluckte. Dass es irgendwann vermutlich so kommen würde, war ihnen beiden bewusst gewesen. Den im wahrsten Sinne des Wortes ahnungslosen Gatten mit einer bislang unheilbaren Krankheit seiner letzten Reste an von Sake und Bettgeschichten aufgelöstem Urteilsvermögen zu berauben war nur der erste logische Schritt von vielen, die dieses gerissene Biest ergreifen würde. Mu'uns von den patriarchalisch organisierten Adelsfamilien bevorzugtem Kronprinz Fukuhito hatte sich die verführerische Schönheit bereits entledigt, da waren sich der ehemalige Kaiser und seine geliebte Prinzessin sicher – doch nun hatte der Gesandte der Dämonin wohl auch den letzten abgelegenen Winkel zwischen Bananenstauden und Palmen abgesucht.
„Kan ji zai bo sa tsu, gyou jin han nya ha ra mit ta ji. Shou ken go un kai kuu, do is sai ku yaku ...“, presste Misuzu ihre Hände zusammen und rezitierte auf Knien das kleine Herzsutra, was der Gesundheit ihres Großvater wohl nicht mehr zu Gute kommen würde, doch ihm zumindest ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnte, nein, noch viel mehr, sogar ein leises tiefes Lachen – fast wie das Brummen eines Mondbären!

Seiryoku strich sanft über die Stirn seiner Enkelin, seine braungebrannten, von der Bananenernte aufgeschürften Finger erst zittrig, doch beim Kontakt mit Misuzus üppigem schwarzen Haarschopf plötzlich völlig ruhig: „Mehr als das Nembutsu muss ich gar nicht mehr auswendig können. Namu Amida Butsu. Das ist alles. Ich muss jetzt auf die Kraft der Anderen vertrauen, um Ruhe finden zu können. Was das neunschwänzige Fuchsweib betrifft, war es seit jeher nicht anders. Ein einzelner Mensch kann dieses fürchterliche Geschöpf nicht loswerden, nicht mal ein einzelner Gott.“
„Schade, insgeheim habe ich genau davon immer geträumt. Einmal perfekt den Bogen gespannt und der ganze Spuk hätte sein Ende. Aber egal, morgen werde ich erstmal ganz Hyougata auf den Kopf stellen, um dir Medizin zu besorgen!“
„Tu, was du nicht lassen kannst, Glöckchen, aber sei nicht überrascht, wenn deine Bemühungen keine Früchte tragen werden. Wir wissen beide, dass der Fluch der Neunschwänzigen auf mir liegt – wenn diese Frau etwas will, bekommt sie es früher oder später auch. Selbst den Thron der Akahoshi. Bete nicht mehr für meinen Körper oder den deines törichten, aber doch gutherzigen Vaters. Bete für unsere Seelen, aber bete für deinen Körper … und den deiner großen Schwester Shizuka.“
Misuzu weitete ihre Augen – während sie zur Absicherung ihrer Dynastie ihrem Großvater nach der  vulpinen Machtergreifung in das subtropische Südexil gefolgt war, verblieb ihre ältere Schwester als eventuelles Thronfolgerin im Palast, auch wenn sie vor dem Ableben ihres Bruders überhaupt nicht zur Debatte stand. Diesen Hoffnungsschimmer der kaiserlichen Dynastie durchkreuzte die gerissene Füchsin Kasumi allerdings gekonnt, indem sich Mu'un über weiteren Nachwuchs freuen konnte … viel älter als die ersten beiden Töchter des Kaisers war die ausgefuchste Gattin keineswegs, doch hatte sie bereits alles erreicht, was sie sich hätte vorstellen können. Sollte Großväterchen tatsächlich das Schlimmste zustoßen, hatte Glöckchen oder besser gesagt Misuzu-hime, Prinzessin Misuzu, hier am anderen Ende des Reichs des schönen Scharlachrots niemanden mehr bis auf ihre treuen Vierbeiner, die aber genauso gut auch in Jouraku-kyo, der prächtigen Landeshauptstadt Bishus, ihre Löcher im Schatten der unzähligen Weiden- und Kirschbäumen buddeln und mit Notdurften füllen konnten – vorausgesetzt, von ihrer Familie war unter der Fuchtel einer charismatischen Wahnsinnigen mit dem nachgewiesen flauschigsten Hinterteil aller Zeiten überhaupt noch irgendjemand am Leben, geschweige denn ihre leicht zu verstörende Schwester Shizuka-hime.
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