Der richtige Zeitpunkt

von Jackymi
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
15.07.2019
02.10.2019
20
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„Sie sehen wirklich bezaubernd aus in ihrem Kostüm.“, bewundere ich die junge, hübsche Straßenkünstlerin. Die als lebende Statue einer griechischen Göttin, im weiß goldenen Kleid und mit buntem Blumenkranz im Haar, neben mir am Bürgersteig  posiert. Ich krame in meiner Tasche nach Kleingeld für die blonde Frau als ich Marcels hektisches und viel zu lautes Rufen, selbst durch den vorbeibrausenden Verkehr hören kann. „ Hallo meine Süße. Hier drüben bin ich!!“. Ich hebe meinen Blick und sehe ihn auf der gegenüberliegenden Straßenseite, auf der überdachten Terrasse des kleinen Vintage Cafés sitzen. Bei seiner peinlich, lauten Begrüßung wedelt er auch noch wahnsinnig wild mit seinen Armen sodass ich Angst habe, dass er die Bedienung hinter sich zu Boden schlägt. Ich muss lachen und schüttle den Kopf während ich der Straßenkünstlerin mein Kleingeld in den Beutel werfe der vor ihren Füssen steht. Wie ein geölter Blitz springt Marcel von der kleinen, geblümten Sitzcouch auf und stößt dabei fast den Holztisch um als ich bei ihm ankomme. Mit einem erleichterten Seufzer fällt er mir um den Hals während die ruhige Jazzmusik des Cafe´s an meine Ohren dringt. Es tut so gut ihn heute wieder in etwas besserer Verfassung zu sehen nachdem ich ihn gestern leider so niedergeschlagen zurücklassen musste. Ich setzte mich ihm gegenüber, auf den türkisfarbenen Holzstuhl, als auch schon die Bedienung zu uns an den Tisch kommt. „ Einen Cappuccino bitte.“, bestelle ich bei der freundlichen Dame. „ Marcel ich war so froh als du dich vorhin gemeldet hast.“, sage ich ihm mit einem aufmunternden Blick über den Tisch hinweg. „ Ich hätte nicht gedacht dass du heute überhaupt mit mir reden willst. Aber ich musste mich einfach persönlich bei dir entschuldigen“, erwidert er plötzlich ganz kleinlaut und trotz seiner Freude über unser Treffen spiegelt sich in seinen bernsteinfarbenen Augen eine Mischung aus Schuld und Scham während sich seine Stirn in tiefe Falten legt. Ich kenne diesen Blick nur zu gut und glaube zu wissen was ihm durch den Kopf geht. Immer wieder erzählen mir Menschen dass sie sich direkt nach ihrer Akumatisierung, nicht erinnern können was geschehen ist. Aber nach und nach tauchen dann später, wie nach einem wirren Fiebertraum, verzerrte Erinnerungsfetzten auf, die sie zutiefst erschüttern. Marcel hält meinem Blick keinen Moment länger stand. Er stützt seine Ellenbogen auf den kleinen Tisch und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. „ Oh Gott! Marinette, es tut mir so schrecklich Leid. Ich wollte das alles nicht.“, sagt er mit brüchiger leiser Stimme und schüttelt den Kopf, als wolle er die Erinnerungen daran loswerden. Zögernd nimmt er die Hände von seinem Gesicht und atmet zitternd aus. Ich sehe die Tränen durch seine langen Wimpern glitzern als sein Blick die Tischplatte fixiert. „ Ich wollte euch nicht wehtun. Wirklich nicht. Und am allerwenigsten dir.“, seine Stimme ist nur mehr ein zitterndes Flüstern und er beißt sich auf die bebende Unterlippe als eine Träne seine zusammengekniffenen Augen verlässt. Gott Marcel. Ich setzte mich schnell zu ihm auf die Couch und schließe ihn fest in meine Arme. „ Nichts davon ist deine Schuld Marcel. Nichts davon warst du.“, flüstere ich ihm gegen sein nach Pfirsich duftendes Haar als er seinen Kopf in meiner Halsbeuge vergräbt, mich fest an sich zieht und zu schluchzen beginnt. Ihn so zu sehen versetzt meinem Herzen einen schmerzhaften Stich. Gestern war er hysterisch gewesen aber heute ist seine Traurigkeit förmlich mit Händen greifbar. Mein glasiger Blick wandert Richtung Himmel als ich tief durchatme und hoffe dass wir diesem ganzen Wahnsinn irgendwann ein Ende setzten können. Marcel löst sich aus meiner Umarmung und sieht mich mit geröteten Augen an als er versucht sich ein Lächeln abzuringen. „ Marinette, ich habe dir das nie gesagt und ich weiß, ich bin bei Gott nicht gut darin es zu zeigen, aber..“, er seufzt tief „ … für mich gehörst du zu meiner Familie.“ Bei diesen Worten beginnen seine traurigen Augen wieder ein wenig zu strahlen. Und auch ich lächle ihn an bei seinen Worten, die mein Herz berühren. Ich gebe ihm einen Kuss auf die Stirn. „ Danke“, flüstere ich ihm zu und sein Gesicht wirkt schon viel entspannter als noch vor wenigen Augenblicken. „ Muss ich jetzt Onkel Marcel zu dir sagen?“, frage ich mit einem Lachen das auch ihm einen herzlichen Lacher entlockt. Er atmet tief durch und richtet sich auf als er noch einige Male blinzelt um seinen glasigen Blick zu vertreiben. „ So.“, sagt er wieder mit fester Stimme und schaut mich neugierig an.“… also du und der hübsche Blonde, ja?“, grinst er mich liebevoll an und schenkt mir einen neugierigen Blick. Ich lehne mich in der kleinen Couch zurück und seufze lächelnd als ich gerade Antworten will. „ Also…“ „ Hast du dir deine Augenbraue aufgeschlagen?“, unterbricht er mich und deutet auf die Kruste knapp über meiner Braue die ich scheinbar nur schlecht unter meinen Stirnfransen versteckt habe. Ich spüre wie mein Gesicht zu glühen beginnt als ich mir hektisch die Haare in die Stirn streiche. „ Ähm,… nein, also das war…der Duschkopf ist heute Morgen auf mich herunter gefallen.“, gebe ich ihm zumindest die halbe Wahrheit als Antwort. Denn wobei mich der Duschkopf fast erschlagen hätte, geht nur mich und Adrien etwas an. Schnell stehe ich auf und setzte mich wieder auf den Stuhl gegenüber, bevor er noch mehr unangenehme Fragen stellt „ Also wo ist dein Freund heute? Ich hätte gedacht ihr verbringt das Wochenende gemeinsam, jetzt wo ihr  zusammen seit?“, zwinkert er mir zu. „ Eigentlich hätten wir es auch so geplant aber sein Vater konnte heute einen Termin nicht einhalten und er musste leider für ihn einspringen.“, seufze ich immer noch enttäuscht und schaue zu den anderen Tischen hinüber als meine Stimmung rapide sinkt. Denn eigentlich wollte ich vorhin schon mit ihm in Ruhe über alles reden aber leider wurden wir unterbrochen. „ Merci“, sage ich zu der Bedienung als sie mir den Kaffee bringt und mich aus meinen Gedanken reist. „ Und bist du glücklich?“, fragt mich Marcel mit ernster Stimme als er meinen Stimmungswechsel bemerkt und ich gerade von meinem Kaffee nippe. „ Ja natürlich!“, gebe ich ihm sofort zurück ohne auch nur darüber nachdenken zu müssen aber sein skeptischer Blick durchbohrt mich förmlich. „ Irgendetwas stimmt aber ganz und gar nicht. Dich bedrückt doch etwas.“, sagt er mit leicht schief gelegtem Kopf. Sein wissender Blick verrät mir dass er genau merkt dass ich ihm etwas verheimliche. Ich kratze mich am Kopf als ich überlege ob ich es ihm erzählen soll, aber warum eigentlich nicht: „ Ja…also…es ist so. Es gibt da ein Thema über das ich unbedingt mit ihm reden muss. Es steht irgendwie zwischen uns. Zumindest für mich.“, sage ich ehrlich und obwohl ich das nervöse, fahrige Gefühl aufkommen spüre das dieses Thema in mir auslöst fühlt es sich trotzdem erleichternd an mit Marcel darüber zu sprechen. „ Und ich wollte vorhin schon mit ihm reden aber da musste er ja dann leider weg. Also, habe ich es mir für heute Abend vorgenommen.“ Ich seufze laut und reibe meine Handflächen aneinander. „ Ich glaube dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Zumindest fühlt es sich für mich so an.“. Marcel beugt sich ein Stück über den Tisch als er meine Unruhe bemerkt. „Glaub mir bitte, nach allem was er mir letztens erzählt hat als wir auf dich gewartet haben und vor allem wie er es gesagt hat, gibt es wohl nichts dass seine hohe Meinung von dir je ändern könnte.“, gibt er mit sanfter Stimme und großen Augen von sich. „ Danke Marcel.“, lächle ich ihm entgegen und trotz der Nervosität freue ich mich schon auf heute Abend. Denn zum ersten Mal fühlt es sich nicht danach an dass ich es ihm sagen muss sondern, dass ich es ihm wirklich sagen will. Weil ich ihm und auch mir selbst endlich genug vertraue. „ Sag mal, weißt du was mit meinem Fahrrad passiert ist?“,  holt er mich aus meinen Gedanken und die Betroffenheit in seiner Stimme ist unüberhörbar. Oh Verdammt! Ich räuspere mich nervös. „ Also weißt du Marcel, das war so...“, kratze ich mich am Kinn, doch weiter komme ich mit meiner Erklärung nicht. Schon bei meinem nächsten Augenaufschlag schaue ich in Marcels weit vor Angst aufgerissenen Augen, die seitlich an mir vorbeischauen. Mit einem Ruck drehe ich mich um. Dort wo noch vor kurzem die junge Straßenkünstlerin gestanden hat, breitet sich Blitzschnell weißer blickdichter Nebel über die gesamte Straße aus. NEIN, bitte nicht schon wieder! Die ersten Autos krachen mit quietschenden Reifen laut ineinander. Panische Schreie sind von der anderen Straßenseite zu hören. Doch ich kann schon nichts mehr sehen als uns der Nebel verschlingt. Ich fahre hoch und greife blind nach Marcels Arm. „ Schnell, wir müssen weg hier!“, rufe ich gegen die weiße Wand denn ich sehe nicht einmal bis zu seinem Gesicht. Ich ziehe ihn mit. Weiß selbst nicht wohin ich laufe. Aber weg. Schnell weg von hier. Ich spüre eine Schwelle unter meinen Füßen, fühle kaltes Glas an meiner Hand. Ich laufe weiter und der Geruch nach Kaffee steigt mir in die Nase. Wir müssen im Inneren des Cafés sein. Ich ziehe Marcel noch immer hinter mir her. Angsterfüllte Schreie sind von draußen zu hören und vor Anspannung rinnt mir der Schweiß schon die Stirn hinunter. Ich laufe weiter. Bis ich gegen eine Wand stoße. Scheiße! Ich taste mich entlang. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals als von draußen nimmer mehr schreie zu hören sind die auch immer lauter werden. NEIN! Sie ist ganz in der Nähe. Endlich spüre ich eine Türklinke, reisse sie nach unten und wir stürzen durch die Türe. „ Scheiße, hier sitzen wir in der Falle!!“, schreie ich panisch als ich sehe das wir nicht durch die
Hintertüre raus sind, sondern in einem kleinen fensterlosen Lagerraum mit flackernder Neonröhre gelandet sind. Ich versperre die Tür von innen. Laufe hektisch auf und ab. “ Ich schaffe das nicht Marinette, nicht schon wieder.“, flüstert Marcel mit brüchiger Stimme als er zitternd an der Wand hinuntergleitet. Ich brauche einen Fluchtweg. Einen Lüftungsschacht. Scheiße irgendwas!! Die Schreie der Menschen im Café dringen dumpf durch die Tür und ich weiß genau wenn ich jetzt so hinausgehe bekomme ich nicht einmal die Chance mich zu verwandeln. Ich kneife fest meine Lippen zusammen als mir ein Gedanke kommt. Ich schaue Marcel an der wimmernd am Boden sitzt. Soll ich? Was bleibt mir für eine Wahl? Ich atme tief durch und spüre Tikki die sich durch meine Tasche wühlt und den Reißverschluss öffnet. Ich schaue ihr in die Augen um mir die Bestätigung zu holen dass das, was ich jetzt vorhabe, auch für sie die Richtige Entscheidung ist. Ihr nicken reicht mir als Antwort. Ich knie mich zu Marcel und schaue ihm mit festem Blick in die Augen als ich meine Hand an seine Wange lege und er den Blick hebt. „ Marcel, kann ich dir vertrauen?“, frage ich ihn mit fester Stimme. „ WO SIND DIE BEIDEN?“ schreit eine wutentbrannte Frauenstimme nur wenige Meter von unserer Tür entfernt. Ich schlucke als mich der Schauer durchzieht, denn ich weiß genau wen sie meint. „ Was? Ja,….natürlich!“, gibt er mir zitternd und atemlos vor Angst zurück. „ Gut. Ich vertraue dir nämlich auch.“, ich atme noch einmal tief durch und schließe die Augen. „ Tikki, SPOTS ON!“ in der gleichen Sekunde spüre ich die Hitze durch meinen Körper rauschen und das rote Strahlen durchdringt meine geschlossenen Lieder. Es erlischt genauso schnell wie es begonnen hat. Ich stoße zitternd meinen Atem aus als ich die Augen öffne, meinen Blick hebe und er den von Marcel trifft. Unter Anspannung bringe ich leise hervor: „ Es tut mir so leid dass es nur ich bin die sich hinter der Maske verbirgt. Ich hoffe du vertraust trotzdem noch auf meine Fähigkeiten.“ Doch er lächelt mich mit unbeschreiblich viel Stolz in seinem glasigen Blick an: „ Süße, wenn ich jemanden die Courage, für andere selbstlos einzutreten zugetraut hätte, dann dir. Ich vertraue dir jetzt noch mehr als ohnehin schon.“ Eine riesige Erleichterung macht sich in mir breit und ich lege meine Stirn auf seine als ich kurz die Augen schließe. „ Bitte, pass gut auf dich auf.“, flüstert er mir entgegen bevor ich nicke und aufstehe. Mit der Hand an der Türklinke drehe ich mich noch einmal zu Marcel um. „ Wenn ich jetzt rausgehe verriegelst du sofort wieder die Tür hinter mir. Du gehst hinter den Kisten in Deckung und schließt erst wieder auf wenn ich vor der Tür stehe. Hast du mich verstanden?“, sage ich ihm mit fester Entschlossenheit denn etwas anderes kann ich mir jetzt nicht mehr erlauben. Er nickt und ich schließe die Türe auf.

Es ist still im Café. Totenstill. Der Nebel hat sich verzogen und die Sicht ist wieder klar. Ein Schauer läuft mir eiskalt den Rücken hinunter als ich überall erstarrte Menschen sehe. Mein Gott, was ist hier nur passiert. Ich gehe weiter und schaue mich um. Höre nur meine eigenen Schritte. Wie Statuen stehen die Menschen da und verharren in ihrer zuletzt ausgeführten Bewegung. Die meisten haben noch versucht sich zu schützen und halten sich die Arme vor dem Körper während ihnen die pure Angst in ihre verzerrten Gesichter gemeißelt ist. Die Stille wirkt so schrecklich gespenstisch. Vorsichtig gehe ich auf ein junges Mädchen zu. Meine Hand an mein Jo-Jo angelegt. Auf alles vorbereitet. Ich streiche über ihre kalte steinharte Wange. „ AAHH!“, erschrocken springe ich einen Schritt zurück als die blauen Augen des Mädchens sich bewegen und mich hilfesuchend ansehen. „ Kannst du mich hören?“, frage ich atemlos und als Antwort bewegt sie schnell ihre Augen. Ich lege meine Hand an mein rasendes Herz und schaue mich zögernd um. Schaue in dutzende Augen die mich hilfeschreiend ansehen. Das Blut rauscht mir in den Ohren bei diesem Horrorbild. Scheiße, wo bleibt Chat? Weit entfernt höre ich wieder Schreie und die schrillen Alarmsirenen die vor dem Angriff warnen beginnen zu heulen. „Ich hole euch da raus, das verspreche ich euch!“, sage ich zu den Menschen hier im Raum als ich mich noch einmal umsehe bevor ich schnell durch die Tür nach draußen auf die Straße laufe.

„ Aaahhh!“, Scheiße tut das weh. Mit zusammengebissenen Zähnen schleppe ich mich in eine kleine Seitengasse, nachdem mich Statuerette mit einem ihrer erstarrenden Kugelblitze gestreift hat. „Ahhhh! Verdammt!!“ fest drücke ich meinen linken Arm gegen meinen Körper als mich der höllisch pulsierende Schmerz durchzieht und mir die Tränen in die Augen steigen. Quälend langsam spüre ich die schmerzhafte, eiskalte Erstarrung meinen Arm hochkriechen und es fühlt sich an als würde er gerade mit Beton ummantelt werden. Verzweifelt versuche ich den Schmerz zu unterdrücken und beiße mir auf die Lippe. Ich lehne mich mit dem Rücken gegen die kühle Wand und gleite langsam zu Boden während mein Herz rast und mir vor Schmerz der kalte Schweiß aus den Poren tritt. Wo bleibt Chat nur so lange? Meine Ohrringe piepsen zum zweiten Mal und ich schaue an meine Hüfte hinunter zu meinem Glücksbringer, den ich mir zu meinem Jo-Jo gesteckt habe. Der große Silberlöffel scheint mir wie ein schlechter Scherz des Schicksals denn ich habe keine Ahnung was ich damit gegen sie ausrichten soll. „ Wo versteckst du dich? Komm raus damit wir es beenden können!“, säuselt sie und ihre Stimme klingt beängstigend nahe. Ich lasse meinen bereits vollständig erstarrten Arm los. Schwer wie Blei zieht er an mir als ich mich an der Wand hochdrücke und der pulsierende Schmerz endlich anfängt nachzulassen. Mit einer schnellen Bewegung werfe ich mein Jo-Jo an das gegenüberliegende Dach aus. Und keine Sekunde zu früh schwinge ich mich daran hoch. Noch im Augenwinkel sehe ich einen Kugelblitz in die Gasse rasen in der ich gerade noch gesessen bin. Atemlos schnappe ich mir meinen Glücksbringer als ich auf dem Flachdach zum Stehen komme und sehe mich um. Das darf doch nicht wahr sein. Ich finde keine Lösung. Mit einem dumpfen Knall landet Statuerette in einigen Metern Entfernung von mir. Wo bist du Chat? „ Ich hatte nicht erwartet das du so leicht zu besiegen bist.“, säuselt sie mir zu als meine Ohrringe zum dritten Mal Piepsen. Sie sieht noch genauso wunderschön aus wie vorhin als lebende Statue. Nur ihre Augen sind lodernd rot und erfüllt von Hass. „ Ich werde dir zeigen wie es ist eine Statue zu sein die alles rund um sich hört und sieht. Alle Gemeinheiten die die Menschen zu ihr sagen. Alle Gehässigkeiten die sie ihr entgegen bringen. Und wie es sich anfühlt darauf nichts erwidern zu können. Einfach nur stumm ertragen zu müssen wie sich die Trauer und der Hass tief in dein Herz fressen.“, ihre glockenhelle Stimme passt so gar nicht zu den schrecklichen Dingen die sie da sagt. Ich sehe noch wie sie eine blitzende Kugel zwischen ihren Händen materialisiert und auf mich feuert. In blanker Panik schließe ich die Augen und halte mir meinen Glücksbringer vor den Körper. Dann wird alles still. Aber ich spüre keinen Schmerz. Mein schneller Atem ist das einzige was ich höre. Was zum? Ich spüre den Löffel in meiner Hand und öffne langsam die Augen. Statuerette steht mit weit aufgerissenen Augen und zur Statue erstarrt vor mir. Ungläubig starre ich auf den großen, silbernen Löffel in meiner Hand als ich in schallendes, erleichterndes Gelächter ausbreche und die Anspannung aus meinem Körper weicht. „ Ach du heilige Scheiße, dafür warst du gedacht!“ lache ich dem Löffel entgegen und küsse ihn vor Glück als mir bewusst wird dass er den Blitz auf sie abgelenkt hat. Kopfschüttelnd gehe ich zu ihr hinüber und nehme ihr den Blumenkranz ab in dem ich den Akuma vermute. Und noch während ich ihn zu Boden werfe und drauftrete löst sich der kleine Schmetterling heraus den ich mit meinem Jo-Jo einarmig einfange. „ Machs gut kleiner Papillon. Miraculous Ladybug!“

„ Tikki da stimmt was nicht.“, spüre ich schon die Angst in mir hochkriechen als ich bereits zum elften Mal versuche Adrien anzurufen. Ich lasse mein Handy sinken als ich das graue Bürogebäude schon von weitem sehen kann. Erst jetzt, als ich an der Fußgängerampel warte fällt mir auf, dass noch immer keine Autos in der Gegend fahren und auch sonst ist mir noch niemand über den Weg gelaufen. Tikki schaut mich mit müden Augen aus meiner Tasche heraus an und auch ich fühle die Erschöpfung an mir zerren. Der Kampf hat lange gedauert und ihn alleine bestreiten zu müssen hat uns beide viel Kraft gekostet „ Oh Verdammt. Tikki die Bäckerei hat geschlossen.“, stehe ich vor der verschlossenen Glastür und überlege wo ich stattdessen etwas für sie zu essen her bekomme. Doch als mein Blick auf die anderen Geschäfte schweift sehe ich erst jetzt, dass noch alle geschlossen haben. Ich schaue mich auf der Menschenleeren Straße um und stutze. Vielleicht kommt die Akumaentwarung erst noch in den Nachrichten. Ich gehe weiter die Straße entlang und Erleichterung macht sich in mir breit als ich endlich am Bürogebäude ankomme. „ Keine Sorge Tikki, da drinnen finden wir bestimmt etwas zu essen für dich.“, sage ich aufmunternd zu ihr und gehe mit schnellen Schritten durch die verspiegelte Glastür.

„Großer Gott!“, keuche ich atemlos und ein Schauer treibt mir die Gänsehaut ins Genick. Ich sollte in der großen, unpersönlichen Eingangshalle stehen. Doch jetzt stehe ich inmitten eines Labyrinthes aus unzähligen, bodenlangen, glänzenden Spiegeln und Glaswänden. Die den riesigen Raum von oben bis unten durchziehen und sich an grauen Säulen aneinander reihen. Die Wege die sie bilden, wirken durch ihre vielen Spiegelungen schier unendlich. Mein eigenes Spiegelbild wird mir tausendfach zurückgeworfen und ich traue mich nicht auch nur einen Schritt weiter, in diesen verspiegelten Irrgarten. „Ich habe schon auf dich gewartet.“, höre ich Lily mit zuckersüßer Stimme dicht an meinem Rücken säuseln als ihr ein schauderhaftes, hohes kichern entfährt. Ich drehe mich blitzschnell um als mir mein Herz bis zum Hals schlägt, sehe aber nur mich selbst in den Spiegeln. „ Du wirst mich nicht finden.“, kichert sie wieder. „ Ich verberge mich hinter meinen Spiegeln.“, säuselt sie weiter während mir das Blut in den Ohren rauscht und ich mich zitternd im Kreis drehe. Es war ein großer Fehler einfach herein zu laufen. Ganz langsam gehe ich rückwärts, Richtung Ausgang. Halte meine Hände schützend vor meine Brust. Doch kurz bevor ich den Ausgang erreiche spüre ich einen zarten Lufthauch im Nacken. Mir stockt der Atem und in der gleichen Sekunde schlägt sie mich mit dem Gesicht voran gegen einen Spiegel dass mir der Schädel dröhnt. Reisst meinen Kopf zur Seite und drückt mir von hinten eine Spitze Klinge in die Kuhle unter meinem Ohr. Mir gefriert das Blut in den Adern und ich schließe zitternd meine Augen. Traue mich nicht zu atmen. Bitte nicht! Nur ganz leicht fährt sie mit der scharfen Klinge meinen Hals entlang nach unten bis zu meinem Schlüsselbein. Gerade so fest, dass ich warme Tropfen über meine Haut laufen spüre und es einen brennenden Schmerz hinterlässt. Ich bin wie erstarrt. Eiseskälte breitet sich in mir aus doch ich traue mich nicht einmal zu zittern. „ Ich habe dir doch gesagt du wirst es bereuen!“, spuckt sie mir hasserfüllt ins Ohr. Und als ich die Augen ein kleines Stück öffne sehe ich in den tausenden Spiegeln ihr akumatisiertes Ich. Ihre blasse, fast durchsichtige Erscheinung wirkt selbst fast nur wie eine Spiegelung. Nur ihre Augen funkeln wie Diamanten. Mit grenzenlosem Hass in ihrem Blick grinst sie mich durch den Spiegel hindurch an und streckt ihren Arm weit aus. In ihrer Hand glänzt die gläserne spitze Klinge. Ich presse meine Augen fest zusammen. Bin zu keinem Gedanken mehr fähig. Nur einzelne Tränen laufen mir über die Wange als ich mir auf die Lippe beiße und den Atem anhalte. „ NEIN!!“, kreischt sie mir ins Ohr als sie mit einem Ruck von mir ablässt, lautes klirren zu hören ist und ich nach hinten taumle. Ich fasse mir atemlos an den Hals. Betrachte meine blutige Hand als mir jemand etwas entgegenschreit. Nur in Zeitlupe bekomme ich etwas mit. Fühle mich noch wie erstarrt. Mit ruckartiger Wucht packt mich Chat um den Bauch, reisst mich aus dem Gebäude hinaus und springt mit mir auf das Hochhausdach gegenüber.

„ Oh Gott. Marinette“, flüstert er atemlos als er dicht vor mir steht. Ganz zart legt er seine lederbedeckte Hand an den Schnitt auf meinen Hals während er mir mit schmerzerfülltem Blick tief in die Augen schaut. Ich lege meine Hand auf seine. Bin so froh ihn zu sehen. „ Es tut mir so leid. Es ist total aus dem Ruder gelaufen.“, redet er weiter als er mich fest in seine Arme zieht. Ich schließe meine Augen und lege meinen Kopf in seine warme Halsbeuge, spüre seinen rasenden Pulsschlag. Doch ich beginne mich durch seine Nähe zu beruhigen. „ Als ich sie zur Rede gestellt habe ist sie total durchgedreht und hat mir ihre Liebe gestanden. Ich war so wütend nachdem was sie heute Morgen mit dir gemacht hat und hab ihr gesagt wie sehr sie mich anwidert.“, redet er furchtbar schnell auf mich ein. Ich reisse die Augen auf als mir bewusst wird was er mir da eigentlich gerade erzählt. Er drückt mich noch fester an sich als ich mich versteife. „ Ich habe ihr gedroht dass sie mich noch richtig kennenlernen wird wenn sie noch einmal in deine Nähe kommt und dann hab ich auch schon den Akuma gesehen und…..Ach Scheiße, ich hätte es besser wissen müssen. Es tut mir so Leid“ Ich höre ihn laut ausatmen bevor er sich von mir löst, mir verzweifelt in die Augen schaut und sich auf die Lippe beißt. Ich schlucke laut. Kann nicht glauben was er mir gerade erzählt. Und mit jedem weiteren Wort von ihm entgleiten mir meine Gesichtszüge ein Stück mehr. Sein Blick fleht mich an und seine Stimme klingt schrecklich schuldig. „Bitte, Marinette, du weißt ich liebe dich. Und ich hätte dir gern alle Zeit der Welt gegeben. Aber ich kann jetzt nicht mehr auf den richtigen Zeitpunkt warten. Wir müssen sie unbedingt aufhalten aber das schaffe ich nicht alleine. Bitte Marinette hasse mich jetzt nicht. Aber ich brauche dich jetzt…als …. als Ladybug.“  NEIN! Stolpernd taumle ich nach hinten, starre ihn an. Seine Worte schlagen ein wie eine Bombe. Ich höre nur mehr das Rauschen in meinen Ohren. Spüre meinen Herzschlag durch meinen ganzen Körper pulsieren. Es fühlt sich an als ob die Zeit für einen kurzen Moment still steht. Aber nur für mich. Alles rundherum bewegt sich weiter während ich, wie erstarrt bin. Ich sehe ihn sprechen aber höre kein Wort als sich die Gedanken in meinem Kopf laut überschlagen. Wie lange schon! Wie lange weiß er es! Ich sehe Tikki neben mir auftauchen, wie sie müde und schwach ihren Kopf schüttelt. Er hektisch herum läuft und sich panisch durch die Haare fährt. Doch wie nach einer schallenden Ohrfeige komme ich zu mir, wieder ins hier und jetzt. Mit polterndem Herzschlag keuche ich nur leise: „ Wie lange schon!“, doch er kann es hören und hebt entschuldigend seinen Blick während er ein Stück entfernt von mir stehen bleibt. „ Marinette, ich wollte es dir schon viel eher….“, doch weiter kommt er nicht. „ PASS AUF!“, schreit er mir panisch entgegen und läuft auf mich zu. Ich drehe mich um und sehe Lily wutentrannt auf mich zustürmen. Mit voller Wucht versetzt sie mir einen Schlag und ich stürze vom Dach des Hochhauses hinunter, in die Tiefe. Der gewaltige Gegenwind raubt mir den Atem und die Todesangst schießt brennend durch meinen Körper als ich immer schneller Falle. Ich kreische in blanker Panik aus Leibeskräften als der Boden rasend schnell auf mich zukommt. Im Augenwinkel sehe ich Chat und Tikki noch nachspringen. Wenige Meter vor dem Asphalt blitzt ein Spiegel unter mir auf. Ich presse meine Hände vors Gesicht als mich mein eigenes Spiegelbild wie ein Schlund verschluckt.

Der Spiegel lässt mich wieder frei und ich schlage auf hartem Boden auf. Mein Herz jagt mir noch das Adrenalin durch die Adern und ich spüre jeden Knochen im Körper. Nur zögerlich öffne ich meine Augen, drehe meinen Kopf auf dem kalten Boden ein Stück zur Seite. Ich sehe verschwommen mein Spiegelbild vor mir, zwischen Glaswänden und Säulen. Oh nein! Alles rund um mich beginnt sich zu drehen. Ich schließe meine Augen als sich das dröhnen meines Schädels mit den Schmerzen meines Körper vermischt. Nur ganz dumpf höre ich noch Lilys Stimme von den Wänden hallen „ Willkommen in deiner Hölle“.
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