Der richtige Zeitpunkt

von Jackymi
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
15.07.2019
02.10.2019
20
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Hallo ihr Lieben
Nach ein paar wirklich hilfreichen Tipps, habe ich das erste Kapitel überarbeitet.
Ich würde mich sehr über eure Rückmeldungen oder Verbesserungsvorschläge freuen.
Alles Liebe
Jackymi



„ Machs gut kleiner Papillon.“, erleichtert entlasse ich den kleinen weißen Schmetterling zurück in die Freiheit und schaue ihm, gedankenverloren, noch einen Moment hinterher. Die Angriffswelle der letzten Wochen ist auch am mir nicht spurlos vorübergegangen. Jeden Tag gab es irgendwo in der Stadt einen Akumaalarm. Hawk Moth schickt sie am laufenden Band, sodass Tikki und Ich kaum noch Zeit für etwas anderes haben. Bei manchen Menschen bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie sich nicht absichtlich akumatisieren lassen, nur um ihre Wut und Aggression auszuleben. Der Gedanke lässt mich immer wieder erschaudern und jedes Mal hoffe ich, dass er nicht wahr ist. Seit Tagen habe ich meine Familie und Freunde nicht mehr gesehen. Wobei, einen sehe ich dadurch immer häufiger. Mit einem Seufzer stütze ich mich auf meinen Knien ab und atme für einen Moment tief durch. Nach und nach spüre ich die Anspannung von mir abfallen und im gleichen Tempo stellt sich die bleierne Müdigkeit ein, die mich seit Tagen verfolgt.

„Du hast echt einen Schlag bei Männern.“, murmelt mein Partner hinter mir. Doch der aufkommende Sommerwind, und das Rauschen der Blätter hier im Park, machen es mir schwer ihn zu verstehen. „Wie? Was meinst du?“, mit einem leichten Kopfschütteln, um meine Gedankenflut von vorhin zu vertreiben, wende ich mich ihm zu. Mit müdem Blick schaue ich in seine Richtung, kann aber in der aufkommenden Dunkelheit nur seine in Leder gekleidete Silhouette erkennen. Ich raffe mich auf, straffe meine müden Schultern und versuche mir meine Erschöpfung nicht anmerken zu lassen während ich ein paar Schritte auf ihn zugehe. Gegen einen der vielen Bäume gelehnt steht er ein paar Meter von mir entfernt und drückt sich eine Hand fest gegen die Stirn. „ Die Prügel die du mir verpasst hast, waren wirklich nicht von schlechten Eltern.“, grinst er mir amüsiert entgegen. „ Dabei habe ich mich doch heute von meiner besten Seite gezeigt.“  Verspielt zwinkert er mir aus seinen strahlend grünen Augen zu.
Mit zusammengekniffenen Augenbrauen schaue ich ihn an. Mein Verstand arbeitet heute nur noch auf Sparflamme und deshalb habe ich keine Ahnung was er mir sagen will. Doch noch bevor ich den Gedanken zu Ende habe, hebt er die Hand von der Stirn und ich sehe was er meint. Ich reiße die Augen auf. „ Was zum…“, meine Müdigkeit ist wie weggeblasen. Über seiner Augenbraue ragt eine aufgeplatzte, blutende Wunde. Sein blondes Haar klebt ihm blutig an der Stirn und in dünnen Bahnen rinnt es ihm schon die Wange hinunter. Schnell drückt er seine Hand wieder dagegen.
Ich durchforste meine Gedanken auf der Suche nach der Ursache. War es der Akuma? Nein, dann hätte mein Miraculous Ladybug alles verheilen lassen. Seine Worte kommen mir in den Sinn. Meine Prügel? Oh nein. Mein Magen verkrampft sich bei der Erkenntnis. Verdammt! Ich bin das gewesen. Als ich den Akuma verfehlte, prallte mein Jo-Jo doch gegen etwas. Und dieses „Etwas“ steht jetzt blutend vor mir.
Mir wird furchtbar warm. Meinen Herzschlag spüre ich bis in meine Schläfen. Ich habe keine Ahnung was ich sagen soll. Aufgeregt fuchtle ich mit meinen Händen und versuche eine Entschuldigung für dieses Desaster zu finden. Kopflos rede ich einfach drauf los. „ Es tut mir so leid Adri….“, ich stocke. Kurz spüre ich meinen Herzschlag nicht mehr. Das darf jetzt nicht wahr sein. Bitte nicht. Ich kneife die Augen zusammen und beiße mir auf die Lippe als sich mir der Magen umdreht. Fieberhaft suche ich nach einer Ausrede für meinen Versprecher, doch bringe keinen vernünftigen Gedanken zustande. In meinem Kopf tobt ein Sturm der jede sinnvolle Überlegung fort reißt. Ich traue mich nicht ihn anzusehen, schaue stattdessen seitlich an ihm vorbei und versuche, zumindest nach außen hin, ruhig zu wirken. Doch mein Mund macht sich selbstständig. „AAaaaa……“, ich muss schlucken. „AAadnn….“, da muss doch was kommen. „ Aaann das Jo-Jo habe ich gar nicht mehr gedacht.“, piepse ich viel zu hoch und mit flatternder Stimme. Kann dieser Tag denn noch schlimmer werden?  
Noch immer lehnt er gegen den Baum. Hat sich kein Stück wegbewegt. Langsam wandern meine Augen zu seinem Gesicht. Unsere Blicke begegnen sich. Sein lächeln erstreckt sich bis zu seinen strahlend grünen Augen und kleine Grübchen haben sich in seinen Mundwinkeln gebildet. Ich habe keine Ahnung was das zu bedeuten hat aber sein Anblick beruhigt mich ein wenig. Ob er wohl gemerkt hat was ich sagen wollte? Dann würde er bestimmt nicht so ruhig sein. Oder doch? Ich würde mich jetzt so gern irgendwo verkriechen und in Ruhe schämen. Aber ich muss nachsehen was ich und mein Jo-Jo da angerichtet haben. Ich seufze und schüttle über mich selbst den Kopf.
Langsam, mit zittrigen Knien und gesenktem Blick überbrücke ich die paar Schritte die uns noch voneinander trennen. Als ich direkt vor ihm stehe steigt mir sein süßlich, herber Duft entgegen und in der gleichen Sekunde tauchen bittersüße Erinnerungen in meinen Gedanken auf. Ich versuche sie abzuschütteln so gut es geht. Versuche meine Gedanken zu Ordnen. Nicht schon wieder. Nicht jetzt. Jetzt ist Chat hier. Mein Blick ist starr auf seine Hand gerichtet „ Darf ich?“. Nur zögerlich berühre ich die Hand auf seiner Stirn um sie wegzuheben. Bereitwillig lässt er sie sinken doch ich spüre seine Anspannung.
Vor mir sehe ich das Ergebnis meiner Achtlosigkeit. Über seine halbe Augenbraue erstreckt sich eine schmutzige, klaffende Wunde die nach wie vor blutet. Bei dem Gedanken dass ich dafür verantwortlich bin läuft mir ein Schauer über den Rücken. „ Oje Chat es tut mir so schrecklich Leid. Die Wunde muss auf jeden Fall versorgt werden. So kannst du nicht Nachhause gehen.“ Selbst ich merke wie brüchig meine Stimme klingt.
Obwohl ich versuche ihm nicht in die Augen zu schauen, spüre ich, dass er mich bei jeder meiner Bewegungen beobachtet. Wobei,… nein. Es bin nicht ich die er beobachtet. Er beobachtet Ladybug. Der Gedanke, obwohl ich ihn schon zu gut kenne, reißt immer wieder ein Loch in mein Herz. Ich drehe mich kurz zur Seite und räuspere mich um von diesem Gedanken loszukommen. Seine Hand drücke ich wieder gegen seine Stirn und gehe einen Schritt zurück. „ Ich….ich kenne jemanden der hier in der Nähe wohnt. Komm mit.“, sage ich mit gedämpfter Stimme und schaue dabei auf meine Finger. Ich habe keine Ahnung ob es eine gute Idee ist. Am liebsten würde ich selbst aus dieser Situation flüchten aber ich kann ihn nicht so gehen lassen. Vor allem da es meine Schuld ist.

Auf unserem Weg, quer über die Dächer von Paris, sind die Straßen unter uns noch immer Menschenleer. Ich empfinde die Ruhe nach einem Akumaangriff immer gespenstisch. Nur die Lichter in den Häusern und ein paar vorbeifahrende Autos zeugen von dem Leben, das in dieser Stadt herrscht. Nach ein paar Minuten sind wir auch schon am Ziel. Wir landen auf der Terrasse einer kleinen Dachgeschosswohnung nahe dem Trocadéro. Durch die Fenster dringt kein Licht nach außen. Niemand ist Zuhause. Es kann auch niemand zuhause sein, denn diese Wohnung ist meine eigene.
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