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Eine Liebe in vier Akten

von Pingulina
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Jimin Jungkook Kim Seokjin Suga V
15.07.2019
28.06.2021
103
265.184
41
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
03.05.2021 1.934
 
Vierter Akt - Siebte Szene: Heimreise


„So hatte ich das nicht gemeint“, maulte Taehyung und stemmte die Beine in den Boden, er hatte nicht vor auch nur einen weiteren Schritt zu tun. War er doch eh schon viel weiter gegangen als ihm sein Kopf und mittlerweile auch sein Bauch sagte. Hier wollte er nicht sein, nicht jetzt und bei Nacht schon gar nicht. Die Sonne strahlte zwar noch munter vom Himmel, konnte aber nichts an den Schauern ändern die Taehyung immer wieder über den Rücken rollten.

„Du wolltest Abwechslung, ich gebe sie dir. Also hör auf hier so eine Szene zu machen“, zischte Namjoon leicht genervt, blickte sich prüfend um und zog den Jüngeren einfach weiter. Auch wenn Taehyung versuchte sich freizumachen schaffte er es einfach nicht. Namjoons Finger lagen wie ein Schraubstock um seinen Arm und drückten sich tief in seine Haut. Die Zähne schmerzhaft aufeinander gepresst trabte Taehyung neben ihm her. Er wollte zurück, dahin wo sie herkamen, doch hier einen großen Aufstand zu machen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen erschien ihm noch dümmer als sich tiefer in das Gewirr der engen, schmutzigen Gassen hineinzubegeben.

Namjoon löste seinen Griff nicht, schnürte langsam die Blutzufuhr zu Taehyungs Hand ab und als dieser ihn leise darauf hinwies, grinste er nur zufrieden. „Dann mach nicht so ein Theater“, kam zurück, doch lockern tat er seinen Griff nicht.

Mit kribbelnden Fingerspitzen bliebe er vor einer unscheinbaren Tür stehen, von der der Lack absplitterte und die nicht aussah als würde sie den nächsten Winter überstehen. Ohne einen Schlüssel konnten sie sie einfach öffnen, niemand schien sich die Mühe zu machen das altersschwache Schloss zu erneuern oder sich auch nur daran zu stören. Ein Grafite beschmierter Flur mit Treppenhaus erstreckte sich vor ihnen und Taehyung begutachtete den Müll auf dem Boden lieber nicht genauer. Die Luft war muffig, abgestanden und durchzogen von seltsamen Gerüchen, die so chemisch und künstlich anmuteten, dass sich Taehyung sicher war, in einer der Wohnungen wurde gekocht und sicher nicht das Mittagessen.

Der Lilahaarige ließ sich von all dem nicht stören, steuerte direkt auf die Treppe zu und zerrte Taehyung hinter sich her.
„Pass auf deine Füße auf, einige Stufen sind nicht mehr ganz trittsicher“, warnte er und ließ Taehyung endlich los. Die morsche Treppe war zwar breit genug für zwei Personen, die heilen Stellen jedoch nicht und so erklomm sie sie nacheinander. Taehyungs Blick lag folgsam auf Namjoons Füßen, versuchte sich die Stellen gut zu merken, um beim Gehen nicht zu sehr auf den anderen angewiesen zu sein. Jetzt einfach umzudrehen zu gehen war ausgeschlossen, er wusste nicht wie er aus dem Viertel wieder rauskam und er wollte lieber nicht irgendwen auf der Straße nach dem Weg fragen.

Sie mussten nur in den ersten Stock, hier verließ Namjoon das Treppenhaus und der Flur sah zwar nicht minder beschmiert, aber dafür Müll frei aus. Bei einer auffallend gepflegten Tür blieben sie stehen, nicht nur der Lack war intakt, es hing sogar ein hübscher Kranz aus Trockenblumen daran und verströmte eine unpassende Behaglichkeit in all dem Schmutz.

In einem schnellen Rhythmus klopfte Namjoon gegen die Tür und während sie schweigend warteten und Taehyung unbewusst die Finger bewegte, um die Durchblutung wieder anzuregen, überlegte er woher er die Melodie kannte. Leise, ja geräuschlos schwang die Tür vor ihnen auf und eine ältere Frau mit listigen Augen stand vor ihnen. Ihre Haltung war tadellos, genau wie Kleidung und Frisur zeitlos wirkten, nur ihr Falten durchzogenes Gesicht verriet ihr Alter oder zumindest wie viel sie schon erlebt haben musste. Taehyung hatte den Eindruck, dass sie Jünger war, als ihr Gesicht wirkte und ein unangenehmes Gefühl am völlig falschen Ort zu sein machte sich in ihm breit. Hatte er bis eben noch mit abgehalfterten Kumpeln von Namjoon gerechnet, mit denen sie saufen würden war diese gepflegte Dame so fehl am Platz wie ein Clown auf einer Trauerfeier.

„Namjoon“, kam es nach einem prüfenden Blick mit gespielter Überraschung in der Stimme. „Das du mich mal wieder besuchst und wen hast du da mitgebracht?“

Er konnte das Gesicht des Älteren nicht sehen als der antwortete, hing er mit den Augen doch zu sehr an der Frau vor sich. Sah sie auch aus wie eine Dame, klang sie wie ein mittel alter Mann nach einer jahrelangen Raucherkarriere. Langsam nahm er auch den leichten Duft von Tabak wahr, der aus der Wohnung strömte und seine Nase kräuselte sich. Er hasste Rauchen, es war Gift für die Stimme.

„Das ist Taehyung, Mama. Hast du Zeit für uns?“, erwiderte Namjoon freundlich und Taehyung schnappte nach Luft als er das Wort 'Mama' hörte. Das war doch nie im Leben Namjoons Mutter, die da vor ihnen stand. Wenn doch, dann kam der aber zu hundert Prozent nach seinem Vater. Die beiden sahen sich jedenfalls nicht ansatzweise ähnlich.

Ihr Blick wanderte zu dem Jüngeren, glitt belustigt über ihn, dann trat sie einen Schritt zurück.
„Für dich doch immer. Kommt rein Namjoon und Taehyung.“

Etwas in der Art wie sie Taehyungs Namen aussprach störte ihn, wie ein fieses Piksen ganz unten im Bewusstsein, welches einen warnen wollte, aber keinen genauen Grund nennen konnte. Es wirkte fast etwas lauernd und Taehyung brauchte alle Beherrschung, um einen Schritt nach vorne und keinen zurück zu machen.

Die Wohnung erfüllte was die Tür versprach, gediegene Gemütlichkeit voller Trockenblumen und Häkeldecken. Es wirkte alles bieder und gesittet, so sehr, dass es störend wirkte und das ungute Gefühl wurde nur stärker als Taehyung eine elegante Teetasse in die Hand gedrückt bekam und ihm Kekse angeboten wurden.

Die Dame hatte sich nicht mit Namen vorgestellt, bestand darauf, dass auch Taehyung sie Mama nannte und dieser bemühte sich seine Sätze so zu formulieren, um es nicht tun zu müssen, es fühlte sich einfach zu falsch an. Weder war sie seine Mutter, noch wollte er in einer Art und Weise zu Namjoon stehen welche diese Anrede rechtfertigen würde. Nur eines musste er der Situation lasen, er hatte Abwechslung von Namjoon gefordert und die bekam er, das volle Kontrastprogramm mit Katzenkissen und aufgesetztem Smalltalk.

Ihre Gastgeberin erkundigte sich nach ihrem Befinden, was sie aktuell so taten und zeigte wenig Interesse an Taehyung. Kaum hatte dieser die Fragen nach seinen Eckdaten beantwortet war er abgeschrieben und Namjoon stand im Zentrum, etwas was beide wenig störte. Taehyung wäre ohnehin gerne sofort verschwunden und der Ältere genoss offenbar die Aufmerksamkeit, berichtete mit reichlich Selbstzufriedenheit von seiner Karriere als Untergrundrapper und zählte reichlich Namen auf, derer die er im Rap-Battle übertrumpft hatte. Während seine Mutter immer wieder nickte, kannte Taehyung keinen der Namen, auch wenn er sich hin und wieder mit dieser Musikrichtung beschäftigte, es interessierte ihn aber auch nicht wirklich. Viel spannender fand er gerade die Frage wie alt die Kekse schon waren, so muffig wie sie schmeckten sicher Jahre. Wohl auch der Grund warum er der Einzige war, der einen gegessen hatte. Auch der Tee war nicht besser, fad und dünn, warmes Wasser wäre schmackhafter gewesen.

Bei einem gelangweilten Blick durch die Wohnung fiel ihm langsam auf, was ihn störte. Es wirkte wie eine Puppenstube, eine Kulisse in der nicht gelebt wurde. Alles war ordentlich, zu ordentlich, wenn man bedachte, dass kein Besucht erwartet worden war. Nirgends lag ein Buch, eine Zeitschrift, Stricknadeln, oder womit auch immer sie ältere Damen die Zeit vertrieben. Ganz so als wäre nur auf ein Klopfen an der Tür gewartet worden. Auch fehlten Bilder, Fotos, um genau zu sein, einige verstaubte Kunstwerke und sein es auch Drucke und keine Originale hingen an den Wänden, aber echte Erinnerungen fehlten, auch nichts Selbstgemachtes aus Namjoons Kindheit stand herum.

„Entschuldigung. Wo ist das Bad?“, unterbrach er schließlich Namjoons Redefluss als es ihm zu viel wurde. Zwei genervte Augenpaare richteten sich auf ihn und kurz trat eine angespannte Stille ein, dann hob Namjoons Mutter den Arm deutete auf die Tür neben dem Eingang und mit einem stummen Nicken erhob sich der Störenfried. Stile herrschte bis er die Tür hinter sich abschloss erst danach konnte er den Bass aus Namjoons Stimme zu sich in den kleinen Raum dringen hören. Auch hier wirkte alles wie eine Kulisse, bedeckt von einer feinen Staubschicht und das im Bad. Egal was hier nicht stimmte er musste zusehen, dass er wegkam und zwar so schnell er konnte, nur leider brauchte er Namjoon dafür.

Etwas unsicher stand er noch in dem Raum, entschied dann das es dumm war sich wegen der seltsamen Situation nicht zu erleichtern und stellte fest, dass er sich noch nie so unwohl beim Pinkeln gefühlt hatte. Nach dem Händewaschen spritzte er sich etwas Wasser ins Gesicht und durfte feststellen, dass die Handtücher so muffig rochen wie sie aussahen. Noch immer nicht schlauer, wie er Namjoon zum Aufbrechen bewegen sollte, griff er nach der Klinke, lehnte sich dann aber lieber etwas vor und drückte sein Ohr gegen die Tür. Die Stimmen drangen gedämpft zu ihm durch, zu gedämpft leider, er verstand sie nicht. Also drückte er die Klinke ganz langsam herunter, öffnete die Tür geräuschlos einen Spalt und hielt den Atem an.

„Du bist noch immer so naiv Kleiner! Glaub mir einfach“, drang die Reibeisenstimme zu ihm ins Bad und jagte ihm eine Gänsehaut auf die Arme. Etwas in der Tonlage sage ihm, dass es um ihn ging, auch wenn es keinen logischen Grund gab.

„Bin ich nicht mehr und das weißt du. Ich weiß was ich tue.“ Ein süffisantes Lachen schwang in Namjoons Worten mit und Taehyung beschloss auf seine Höflichkeit zu pfeifen, er hatte eh kein Interesse an Namjoons Familie, Namjoon sollte ihn nur etwas ablenken, vor seiner Familie unhöflich zu wirken konnte ihm also gepflegt egal sein.

Mit Schwung drückte er die Tür ganz auf, genoss kurz den Schreck in den Gesichtern, die sich ihm zuwandten. Zwei Schritte und er war aus dem Bad raus und stand vor der Ausgangstür, den Blick auffordernd auf Namjoon gelegt. „Ich möchte gehen“, meinte er ruhig, mit Nachdruck in der Stimme, brachte Namjoon aber nur unwillig zum Schnauben.

„Wir sind doch gerade erst gekommen“, erwiderte dieser leicht gereizt mit einer aufgesetzten Freundlichkeit in der Stimme, die schon fast schrill wirkte.

„Wir sind vor zwei Stunden gekommen und ich möchte jetzt gehen“, stellte Taehyung klar und hielt den Blick starr auf den Älteren gerichtet. Wie dessen Mutter seine Aktion fand, war ihm herzlich egal, ganz so wie er ihr egal war.

„Dann geh doch!“, fauchte Namjoon nun ungehalten und schaffte es nicht mehr seine Scheinheiligkeit aufrecht zu erhalten.

„Du hast mich her gezerrt, ohne mir die Möglichkeit zu geben mir den Weg zu merken.“

Stille trat ein, während sich die beiden jungen Männer ein Blickduell lieferten. Wütend knurrend erhob Namjoon sich schließlich, kam einige langsame Schritte auf ihn zu, stoppte aber als sich eine faltige Hand auf seine Schulter legte.

„Nimm noch etwas Kuchen mit“, meinte seine Mutter neutral und Namjoon blinzelte sie verwirrt an, nickte dann aber und folgte ihr in die Küche. Ließ Taehyung unruhig an der Tür wartend stehen, während er die beiden außerhalb seines Sichtfeldes rascheln hörte. Mit leeren Händen aber weniger Wut im Gesicht kam Namjoon schließlich zu ihm, deutete auf die Tür und sie gingen, ohne sich zu verabschieden. Es störte Taehyung wenig, war er doch einfach nur froh über jeden Meter, den er zwischen sich und dieses Haus und auch zwischen sich und diese Frau bringen konnte.







Hallo ihr Lieben,

es ist tatsächlich schon Halbzeit im vierten Akt. Bald ist es geschafft und ich möchte mich mal wieder bedanken fürs dabei sein. Ganz dicken Dank auch wieder für die lieben Kommentare und jede Empfehlung, die ihr dalasst. Das freut mich alles immer sehr!

Macht euch noch eine schöne Woche und bis zum nächsten Mal
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