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Eine Liebe in vier Akten

von Pingulina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Jimin Jungkook Kim Seokjin Suga V
15.07.2019
28.06.2021
103
265.184
46
Alle Kapitel
201 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
19.04.2021 1.717
 
Vierter Akt - Fünfte Szene: Anschuldigungen


Es wäre wohl besser für Taehyung, wenn er sich entweder daran gewöhnte mit verklebten Augen, trockener Kehle und dröhnendem Kopf aufzuwachen oder aufzuhören zu viel zu trinken. Da er Zweiteres konsequent ausschloss würde er wohl an Ersterem arbeiten müssen. Solange er jedoch noch daran arbeitete, durfte er jammern und stöhnen so viel er wollte, zumindest daheim, in der Uni oder noch besser in Yoongis Gegenwart traute er sich das nicht. Der Ältere sah auf den ersten Blick, dass er saufen gewesen war und strafte ihn mit entsprechenden Blicken, die Standpauke ersparte ihm seine Dozentin, die passgenau den Raum betrat, leider auf Stöckelschuhen und um ihre Vorlesung in ihrer nasalen Piepsstimme zu beginnen. Taehyung hatte also reichlich Zeit sich darüber klar zu werden was wirklich besser gewesen wäre, während er versuchte, nicht an seinen Kopfschmerzen einzugehen.

Yoongi war wie immer der Musterstudent, hatte heute nicht einmal sein Handy in Reichweite und schrieb eifrig mit. Er selbst versuchte auch aufzupassen und mitzuschreiben. Hoffte, es würde ihn von den Kopfschmerzen ablenken, aber helfen tat es nicht. Erst als eine kleine runde weiße Tablette auf seinem Blatt landete und Yoongi auf seine Wasserflasche deutete, zeigte sich ein Silberstreif am Horizont. Kein besonders breiter, wie sich zeigte, war die Tablette doch nicht stark genug, um seinen Kater gänzlich in seine Schranken zu weisen, zum Krallen stutzen reichte es jedoch und dafür war Taehyung ihr schon dankbar.

„Bist du in der Lage, bei der Probe nachher, mehr hinzubekommen als zu kotzen?“, wollte Yoongi unvermittelt von ihm wissen. Taehyungs Blick flog erschrocken zu ihm, dann sah er sich fast panisch um. Doch er wurde nicht, wie erwartet, von allen seltsam angeschaut, da Yoongi ihn mitten in der Vorlesung in voller Lautstärke angesprochen hatte, sondern stellte verwundert fest, dass alle ihre Sachen packten und auch die Dozentin schon wieder auf dem Weg zur Tür war. Hatte er die Vorlesung verpasst? Wie ging den das, obwohl er anwesend gewesen war?

„Erde an Tae, bitte melden“, riss ihn Yoongis genervte Stimme aus den Gedanken und etwas pikste an seiner Schulter. Als Taehyung hinschaute konnte er einen Finger sehen, der ihn anstupste und erst da wurde ihm bewusst, wie sehr er neben sich stand. Schnell schüttelte er den Kopf, um wieder klarzukommen, bereute die Bewegung im nächsten Moment und verkniff sich ein schmerzvolles Stöhnen.

„Entschuldige. Was wolltest du?“, fragte er bemüht ruhig nach, griff dabei nach seiner Wasserflasche und trank einige große Schlucke.

„Unsere Probe nachher. Schaffst du das ohne Kotzeimer?“, wiederholte Yoongi in seiner unnachahmlich einfühlenden Art. Taehyung verzog nur angewidert den Mund als sich sein Magen bei der Frage leicht hob. Musste Yoongi den auf dumme Gedanken bringen? Der hatte bis eben Taehyungs Existenz erfolgreich geleugnet und nicht mit ihm geredet.

„Wenn du aufhörst dieses Wort zu benutzen, schon“, antwortete Taehyung leise und glaubte sich selbst nicht ganz. Mit sehr viel Glück und noch mehr Willenskraft vielleicht, aber er würde es versuchen.

„Sag lieber ab, wenn’s nicht geht. Ich putz nicht hinter dir her“, ermahnte ihn Yoongi noch immer leicht abfällig, aber mit unverkennbarer Sorge in der Stimme. Diese brachte Taehyung zum Schmunzeln, wäre er dazu in der Lage gewesen wäre er Yoongi um den Hals gefallen, ließ sich stattdessen nur auf die Füße helfen und trottete hinter ihm her zur nächsten Veranstaltung.

Hier beglückte ihn ein Sneaker tragender Dozent mit angenehmem Bariton, welcher Taehyungs Kater gekonnt einlullte und zum Schlafen brachte, es ihm damit ermöglichte diese und folgenden Vorlesungen aufmerksam zu verfolgen und sich fast erfrischt auf den Weg zur Probe zu machen. Yoongi war schon vorgegangen, hatte noch telefonieren wollen und Taehyung nutzte die Zeit, um sich auf der Toilette notdürftig frisch zu machen. Mehr als Wasser ins Gesicht schaufeln hieß das nicht, aber er fühlte sich danach nicht mehr ganz so eklig wie den Morgen über. Beim Blick in den Spiegel verzogen sich seine Lippen zu einem geraden Strich.

Das durfte doch nicht wahr sein! Da gab er Namjoon Gelegenheit wild mit ihm zu knutschen und der verpasste ihm echt einen Knutschfleck am Hals? Das Schlimmste war, dass Taehyung sich nicht entsinnen konnten, wann genau das passiert war. Irgendwann zwischen Küssen, Wand und Namjoon hatte er den Überblick verloren und war noch immer stolz auf sich, es geschafft zu haben, allein in seinem Bett anzukommen.

Mit gemischten Gefühlen machte er sich schließlich auf zum Probenraum. Wegen dem Knutschfleck würde er sich sicher wieder was anhören dürfen, immerhin war gerade erst mit Seokjin schluss und er hatte Yoongis Ansprache vom letzten Mal noch im Ohr. Er konnte nur hoffen, dass seine Haare den bunten Fleck lange genug vor Yoongis Blick verbargen bis sie mit der Probe durch waren und er wieder abziehen konnte.

Doch schon Yoongis erste Frage ließen ihn den Bluterguss vergessen und machten ihm klar, dass er ganz andere Probleme hatte als so einen belanglosen Liebesbiss.

„Wie weit bist du mit der Choreo?“

Yoongi saß geschäftig auf dem Bürostuhl vor dem Mischpult, schob an den Reglern herum und drehte Taehyung dabei den Rücken zu, sah nicht wie dieser erstarrte und ihm alle Farbe aus dem Gesicht wich. Die Boxen knackten, die ersten Noten ihres Liedes erklangen, dann herrschte wieder Stille und Yoongi drehte sich zufrieden nickend zu Taehyung um.

„Tae?“, kam es besorgt und der Älter stand auf, kam auf ihn zu, hielt aber so viel Abstand wie Taehyung brauchte, um nicht ersticken zu müssen.

„Ähm… die… Ich kann das nicht“, stammelte er vor sich hin, versuchte dabei so undeutlich wie möglich zu sein, um die Wahrheit selbst nicht hören zu müssen.

„Du kannst die Schritte nicht oder was meinst du“, hakte Yoongi verwirrt nach und trat noch einen Schritt näher, legte ihm eine Hand auf den Oberarm und Taehyung zuckte zusammen.

Schwer schluckend hob er den Blick, sah Yoongi in die Augen und konnte ihm ansehen, wie er erschrak. „Es ist Jimins Choreografie… ich kann sie nicht tanzen“, brachte er mühevoll über die Lippen und Yoongis Finger glitten von seinem Arm, während er ihn stumm betrachtete.

„Er hat sie für dich entwickelt“, gab Yoongi zu bedenken, doch Taehyungs Entscheidung stand längst fest. Seine Beine fühlten sich an wie Blei, ein dicker Kloß machte sich in seiner Kehle breit, ließ ihn den Blick schnell wieder senken, bevor er ihm Tränen über die Wangen trieb. Jimin hatte sie für einen vermeintlichen Freund entwickelt, nicht für einen Verräter…

Yoongi drückte ihn nur an sich. Wie schon auf dem Dach wartete er ruhig darauf, dass Taehyung sich wieder fing, alle Tränen geweint hatte, die er loswerden musste, um wieder gleichmäßig atmen zu können.

„Das muss ziemlich nerven, andauernd trösten zu müssen“, versuchte sich Taehyung an einem Scherz untermalt von einem bitteren Lachen.

Yoongi zuckte jedoch nur mit den Schultern und ging wieder zum Mischpult.
„So ist das halt, wenn einem Menschen wichtig sind.“

„Wollen wir dann anfange? Auch wenn du nicht tanzt, solltest du den Gesang üben. Beim nächsten Mal treffen wir uns dann gleich in einem der Klavierräume und üben unter realen Bedingungen.“

Taehyung nickte schnell, wischte sich nochmal über die Wangen und schmiss seine Tasche in die nächste Ecke. Produktiv zu sein war wohl die beste Möglichkeit mit all dem fertig zu werden.

Seine ersten Durchgänge waren grausam, stachen selbst in Taehyungs Ohren und brachten ihn reichlich missbilligende Blicke von Yoongi ein. Doch mit anderen Kommentaren hielt er sich zurück, gab Taehyung drei Versuche und beim vierten hatte dieser seine gewohnte Ruhe wiedergefunden, schaffte es mühelos seine Stimme stabil zu halten und sauber durch den Text zu kommen. Dennoch hatte Yoongi einige Punkte, an denen er noch arbeiten sollte, wo sie noch optimieren konnten, wenn es an die Live-Performanz ging.

Der Abend brach bereits herein als sie schließlich den Musiktrakt verließen und sich locker unterhaltend nebeneinander herliefen. Sie waren gut vorangekommen, Taehyung war todmüde und Yoongi hatte offensichtlich noch etwas vor. Verabschiedete dieser sich doch schon von Taehyung als dieser den Weg kurz unterbrechen wollte, um noch schnell einkaufen zu gehen. Lange hielt sich Taehyung nicht auf, freute sich über die kurze Schlange an der Kasse und war nur Minuten später wieder auf dem Weg, schlenderte ihn gemütlich entlang und blieb mitten im Schritt stehen als er auf der anderen Straßenseite zwei Personen stehen sah.

Yoongis Blick war eisig, die Hände lässig in den Jackentaschen vergraben, aber Taehyung erkannte ohne Probleme wie angespannt seine Schultern waren. Ein abfälliger Zug bildete sich um seine Lippen als er sprach und die Neugierde trieb Taehyung über die Straße. Mit reichlich Abstand und so, dass er nicht auffiel. Anschließend pirschte er sich näher heran, nahm einige Ziersträucher als Sichtschutz und konnte endlich hören was gesprochen wurde.

„Arrogant und leichtgläubig, eine unschlagbare Kombination, wenn man zum Idioten des Jahres gekürt werden will.“ War es Jungkooks herablassende Stimme, die er als erstes hörte und sie jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Seit er den Jüngeren kannte hatte er ihn noch nie so gehört und doch war er sich sehr sicher, dass das mehr seiner Persönlichkeit entsprach als alles, was er je zu ihm gesagt hatte.

„Danke für die Info. Kann ich jetzt gehen, oder willst du mir noch mehr Lebenszeit mit deinen Weisheiten stehlen?“, erwiderte Yoongi deutlich gereizt, Taehyung hatte fast den Eindruck als müsse sich der Ältere zusammen reißen Jungkook keine zu verpassen.

Diesen schien das wenig zu kümmern, lachte er doch nur überheblich auf, legte dabei kurz den Kopf in den Nacken, bevor er seinen Blick wieder auf Yoongi richtete.
„Ich mein es nur gut, kein Grund so patzig zu werden.“

Tatsächlich musste Taehyung sich einen anerkennenden Pfiff verkneifen, zu so viel fehlender Selbstreflexion gehörte schon einiges dazu, dass musste er Jungkook lassen. Yoongi war das weder einen Pfiff noch eine Antwort wert, er schüttelte einfach nur den Kopf und drehte sich um, ging mit langen Schritten davon und reagierte nicht mehr auf Jungkooks hinterhergerufenes, „Dann lauf in dein Verderben!“

Taehyung konnte seinem Hyung nur zustimmen, das war lediglich zum Kopfschütteln. Er selbst machte sich auch schnell aus dem Staub, quer über die Grünfläche neben dem Weg, in der Hoffnung, dass Jungkook noch etwas Yoongi hinterherstarren würde und ihn nicht beachtete. Seine Finger kribbelten unruhig, strebten immer wieder zu seiner Hosentaschen, in der sein Handy steckte, um Yoongi zu kontaktieren und nachzufragen was los war, aber so wie der Ältere geschaut hatte wäre das wohl ein Himmelfahrtskommando.
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