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Eine Liebe in vier Akten

von Pingulina
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Jimin Jungkook Kim Seokjin Suga V
15.07.2019
28.06.2021
103
265.184
41
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165 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.12.2020 1.806
 
Dritter Akt - Erste Szene: War es das wert?


Der Wind schlug ihm warm und lockend entgegen, wollte ihn verzaubern mit diesem herrlichen Frühlingstag, an dem die Vögel zart zwitschernd in den Bäumen sangen und die Blumen ihre Pracht entfalteten. Jimin wollte sich wirklich gerne auf all dies einlassen, es genießen und in sich aufnehmen, doch es gelang ihm nicht. Er sah sich die Blumen an und sah sie doch nicht. Das Bild verschwamm vor seinen Augen, wurde grau und unscheinbar. In seinen Gedanken war kein Platz für Schönheit und Freundlichkeit, zu allgegenwärtig waren Schmerz, Trauer und auch immer wieder Leere. An so vielen Stellen an denen bisher Wärme, Liebe und Freude regiert hatten, herrschte nun nur noch gähnende Leere, die ihn zu verschlingen versuchte. Die Stimmen der Vögel versuchten tapfer dagegenzuhalten, doch schafften sie es nicht.

Schon seit einigen Stunden streifte er umher, hatte es in Hoseoks Zimmer nicht mehr ausgehalten. Als die Wände auf ihn einzustürzen drohten, ergriff er die Flucht, hinaus in die Freiheit mit der Hoffnung auf Besserung. Doch es gab keine, nichts hier konnte ihm helfen, das Loch in seiner Brust heilen oder auch nur schmälern.

Wie betäubt stand er vor dem großen, gleichförmigen Backsteinhaus. Drückte sich durch die Tür als sie sich öffnete, die beschwerende Stimme ignorierend, erklomm er die Stufen. Er zögerte nicht als er sein Ziel erreichte, klingelte sofort und wartete mit ungeahnter Ruhe. Es war ihm tatsächlich egal. Auch wenn niemand öffnen würde, wäre es ihm recht, dann würde er hier warten bis irgendwann jemand kam. Die Leere drohte ihn mit jeder Sekunde mehr zu verschlingen, wovor sollte er also noch Angst haben?

„Tae, du bist mir eine Erklärung schuldig.“

Die ersten Worte, die er seit Hoseoks Offenbarung sprach, waren heiser vom langen Schweigen und zitterten unter dem Schlafmangel der durchwachten Nacht. Obwohl sich Jimins Körper erhitzt anfühlte, bebten seine Finger vor Kälte, krampften sich fast zusammen und dennoch bewahrte er ein Höchstmaß an äußerer Ruhe.

Taehyung ließ ihn eintreten, ging voraus in sein Zimmer und gab Jimin die Zeit, die er brauchte, um anzukommen. Kaum hatte dieser den Raum betreten, waren all die totgeglaubten Gefühle wieder da, brachen über ihn herein wie eine Flutwelle, ließen ihn schwanken und fast zu Boden gehen. Ohne klaren Plan herzukommen, machte es ihm nun nicht leichter zu entscheiden was genau er hier wollte. Der andere sagte nichts, tat nichts, wartete nur und nötigte Jimin so eine Entscheidung ab, welche er schließlich zu treffen schaffte.

Bemüht ruhig drehte er sich um, schaffte es aber nicht Taehyung wirklich anzusehen, starrte stattdessen auf einen Punkt knapp neben seinem Kopf auf Höhe der Augen. Er spürte, dass Taehyung seinen Blick zu lesen versuchte und es machte alles noch viel schwerer für ihn. Sein Kopf wollte wegrennen und seine Beine fühlten sich Zentner schwer an, wussten, dass er bleiben musste, um der Leere in ihm zu entkommen.

„Sag was Tae. Warum hast du es mir nicht erzählt? Du hast ihn auf dem Foto doch erkannt, oder?“

Statt einer Antwort kam nur ein weiterer Blick. Jimin sah ihn nicht genau, eine Mischung aus Schuld und der Bitte um Vergebung könnte es genau so sein wie Gleichgültigkeit. Vor Letzterem hatte er zu viel Angst, um sich Gewissheit zu verschaffen. Der Platz den Taehyung sich in seinem Herzen erarbeitet hatte war groß, die Wunde klaffend und er vertrug einfach keinen weiteren Schlag.

„Tu mir erst den Gefallen und setz dich, du siehst nicht gut aus“, kam es ruhig, fast gefasst, doch ein ganz leichtes Beben zog sich durch die Worte und machte Jimin klar, dass es auch für Taehyung nicht einfach war. Erst als Taehyung den Arm ausstreckte und hinter ihn auf den Stuhl deutete, begriff der Blonde den Sinn der Worte und spürte auch wieder das Zittern der eigenen Beine. Stockend und langsam waren seine Bewegungen, ließen ihn lange brauchen bis er schließlich saß und den Blick wieder in Taehyungs Richtung lenken konnte.

„Hör mir bitte zu und verurteile mich erst, wenn ich fertig bin“, begann Taehyung. Kälte schlug über Jimin zusammen. Er wollte das eigentlich nicht hören, nicht seine schlimmsten Ängste bestätigt bekommen. Wollte schreien, laufen, einfach nur weg und doch saß er hier, blickte zu Taehyung und tat gar nichts.

„Ich habe dich und Kookie beim Knutschen gesehen, zu der Zeit lief schon länger was zwischen ihm und mir. Als ich ihn darauf ansprach, hat er mir direkt ins Gesicht gelogen. Ohne jedes Zögern und er war auch noch so dreist mir übertriebene Eifersucht zu unterstellen. Ich wollte wissen was du für einer bist, ob du nicht vielleicht mit ihm unter einer Decke steckst und als ich dich im Club sah habe ich die Chance eben genutzt.“

Ein leises Rauschen schlich sich in Jimins Gedanken. Brandete wie Wellen in seinem Verstand, mal lauter, mal leiser untermalte es die Erzählung, stets bereit die Worte zu verschlucken, die er nicht verkraften können würde. Es klang einfach so falsch und ausgedacht, dass es nicht wahr sein durfte und doch wusste ein Teil von ihm, dass die Lüge in Taehyungs Worten zu finden, nur ein vergeblicher Wunsch war.

„Ich habe lange überlegt was ich tun soll. Es dir sagen wäre einfach gewesen, aber es hätte wohl wenig gebracht. Jungkook ist gut, sehr gut sogar. Wenn dir ein fast Fremder sagt, dass er mit deinem Freund schläft, hätte Jungkook sicher einen Weg gefunden dich davon zu überzeugen, dass es eine logische Erklärung gebe, die ohne einen Betrug auskommt. Glaub es oder nicht, Jungkook ist skrupellos, er hat dich gegen die Tür gevögelt, als ich ihn nicht rangelassen habe… nur wenige Minuten nachdem er von mir weg war…“ Taehyungs Stimme zitterte, brach fast und klang doch so dröhnend, dass Jimin Kopfschmerzen bekam. Die Worte waren wie ein Messer, welches Taehyung immer wieder aus dem Teil seines Herzens zog, wo vor wenigen Tagen noch die warmen freundschaftlichen Gefühle für ihn beheimatet waren und es immer wieder darin versenkte. Auch die Leere an der Stelle an der einst Jungkook sein Reich innehatte bekam Hiebe ab und Jimin hatte Mühe aufrecht sitzen zu bleiben.

„Warst du deshalb so schnell da?“, brachte Jimin gerade so über die Lippen, Taehyungs Reaktion nahm er kaum wahr. Es war auch egal, er wusste es bereits.

„Er hat mich immer wieder belabert und erst als ich Seokjin traf, wurde mit klar, wie sehr er mich manipuliert. Wenn ich ihn darauf ansprach, meine Anschuldigungen anbrachte, hat er mich geschickt eingelullt und gemeint ich bilde mir etwas ein und solle nicht so misstrauisch sein. Er hat es geschafft mir ein schlechtes Gewissen zu machen, dafür dass er mir fremdgeht.“

Noch mehr Stiche prasselten auf ihn ein, zerschnitten das Bild, welches er von Jungkook hatte, welches sein Fundament längst verloren hatte. Zu genau klang Jungkooks Stimme in seinen Ohren, bildete Worte, die viel zu gut zu Taehyungs Bericht passten, als dass er nur erdacht sein könnte. Das Rauschen umspülte all dies, wurde langsam lauter, drückender, versuchte ihn fortzuziehen und in Sicherheit zu bringen.

„Ich wollte, dass das aufhört, also habe ich ihn verlassen und mich Seokjin zugewendet. Das hat mir wirklich gutgetan. Gleichzeitig habe ich die Bekanntschaft mit dir ausgebaut. Du hast mich interessiert, was du für ein Mensch bist, warum du nicht merkst was für ein Arsch er ist, wie er dich so lange manipulieren konnte…“ Zum Schluss hin immer schriller werdend fuhr Taehyung fort, machte es Jimin damit schwer ihm zu folgen. Die hohen Töne stachen in seinen Ohren und der Drang, sie sich zuzuhalten wuchs in ihm.

„Ich will wirklich, dass du mir das Tanzen beibringst, das war nicht gelogen oder vorgeschoben. Je mehr ich dich kennenlernte, umso mehr merkte ich wie abgestumpft du Jungkooks Dreistigkeiten gegenüber schon warst. Du hast es gar nicht mehr wahrgenommen, es als etwas Falsches angesehen, wenn er sich dir gegenüber verhalten hat, als wärst du nur eine schnelle Nummer, die er nach Belieben abrufen kann. Es war auch nicht gelogen, dass ich dich mag. Die Idee, den Kontakt direkt nach unserem Kennenlernen mit dir abzubrechen, habe ich schnell wieder verworfen, ich wollte dich in dieser Beziehung nicht zurücklassen… es war… ich weiß er klingt dumm… aber du bist mir echt schnell ans Herz gewachsen…“ Zu gerne wollte Jimin es ihm glauben, traf dennoch nur auf Leere in sich. Er schaffte es nicht mehr die Worte einzuordnen, sie zu gewichten, nahm nur jeden weiteren Stich hin, ertrug in stumm, hoffte lange genug durchhalten zu können. Das Rauchen wurde wieder stärker, versuchte ihn abzuschirmen als seine Kräfte nachließen, doch noch konnte er jedes Wort des anderen klar verstehen.

„Der beste Weg erschien mir der zu sein, dir zu helfen dich neu zu verlieben, damit du endlich aufwachst. Nur wenn du von selbst siehst was schiefläuft kannst du dich von Jungkook lösen, daher habe ich versucht dich in Yoongis Richtung zu lotsen. Und auch wenn du mich jetzt hasst, ich bin heilfroh, dass du zumindest mit Jungkook schlussgemacht hast.“

Stille trat ein und erst nach einigen Momenten wurde Jimin klar, dass Taehyung fertig war. Nichts mehr anbringen würde und ihn erwartungsvoll anblickte. Sein Kopf war leer, genau wie sein Herz und nur mechanisch schaffte er es ein paar Worte fallen zu lassen.

„Du hattest das die ganze Zeit geplant?“

Erst als er die Frage stellte wurde ihm die Tragweite bewusst. Das Rauschen in seinem Kopf schwoll an, überrollte ihn und sein ganzer Körper stand unter Strom. Nicht nur Jungkook hatte ihn hintergangen, Taehyung genauso. Was wollte er also noch hier? Rückartig erhob er sich, versuchte seine verkrampften Muskeln zu koordinieren und diesen Raum zu verlassen.

„Eins noch“, erklang es eilig und gehetzt hinter ihm, als er sich schon zur Tür gedreht hatte. Mit kaltem Blick drehte er sich zu Taehyung, welcher zusammenzuckend verstummte.

„Yoongi wusste es nicht!“, behauptete Taehyung zu schnell, zu schrill, zu aufgesetzt. Nur eine weitere Lüge. Jimin konnte nicht mehr. Das Rauschen in seinen Ohren schluckte die meisten Worte, ließ nur einzelne Laute zu ihm durch und es war Jimin egal was Taehyung sagte. Dass Yoongi da auch mit drin steckte war mehr als er ertragen konnte.

Taehyung hatte es geschafft sich zwischen ihn und die Tür zu stellen, hielt ihn so noch etwas auf, redete dabei unermüdlich weiter auf ihn ein, während Jimin zunehmend verzweifelter wurde.

„Lass es Tae, lass es einfach“, fuhr Jimin ihn mit viel zu hoher, zitternder Stimme an.

„Ob du mich magst oder nicht, wenn du dir wünscht einen anderen zu küssen, dann stimmt etwas nicht in der Beziehung. Und wenn dein Freund nie Zeit hat mit dir darüber zu sprechen, erst recht nicht. Denk nach, ich habe hier eine Menge Scheiße gebaut, aber sei nicht so dumm dich und Yoongi dafür zu bestrafen. Er war der einzige, der in dem ganzen Schmierentheater ehrlich zu dir war“, fauchte ihm Taehyung fast wütend entgegen und Jimin fand seine Kraft wieder, stieß Taehyung beiseite und eilte aus der Wohnung.
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