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Eine Liebe in vier Akten

von Pingulina
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Jimin Jungkook Kim Seokjin Suga V
15.07.2019
01.03.2021
86
217.194
29
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09.11.2020 2.045
 
Zweite Akt – Dreiunddreißigste Szene: Entscheidung


Auch wenn es am Abend Spaß gemacht hatte bereute Taehyung es nun doch so viel getrunken zu haben. Sein anzügliches Verhalten auf der Tanzfläche störte ihn dabei am wenigstens. Der Kater, der ihn nun plagte und die Tatsache, dass Seokjin eingeschlafen war, kaum dass sein Körper das Bett berührte dafür umso mehr. Der Ältere war ein wahrer Weltmeister darin ihn richtig scharf zu machen und sich dem großen Finale mal mehr mal weniger elegant zu entziehen. Seine sabbernd schnarchende Darbietung die Nacht über gehörte zu den uneleganten Versionen und frustrierte Taehyung mal wieder. Da war es kein Wunder, dass ihm Fehltritte wie der mit den Fesseln passierten. Alles Seokjins Schuld wie er fand und seinen Kaffee auch beharrlich zu murmelte, in der Hoffnung dieser würde dadurch so lange heiß bleiben bis er sich in der Lage sah ihn zu trinken.

Sein Magen fuhr gerade noch Achterbahn und fand den Gedanken an irgendetwas was in ihn gefüllt werden sollte absolut abstoßend, machte es mit leidigen Krämpfen klar und Taehyung konnte nichts anderes tun als zu warten. Dass seine Schläfen in einem unregelmäßigen Takt dazu schmerzten, machte alles nicht besser. Wenigstens herrschte eine angenehme Stille seit er sich ins Wohnzimmer zurückgezogen hatte und darauf wartete, dass er sich endlich besser fühlte.

Die Neugierde brannte in ihm, versuchte alles um ihn dazu zu bringen Jimin und Yoongi anzuschreiben und seinen Eindruck bestätigt zu bekommen, dass die beiden endlich einen Schritt weiter sein könnten. Jimins Blick hatte gestern so zufrieden gewirkt und Yoongis gleichgültige Miene schien etwas Aufregung durchschimmern zu lassen. Aber auch hier machte Taehyungs Kater nicht mit und das wohl ausnahmsweise sogar in seinem Interesse. Es war viel zu früh an Morgen, als das einer der beiden schon von einem Erfolg berichten könne. Bekäme er jetzt schon direkt eine Antwort wäre allein diese Tatsache Aussage genug darüber, dass sie es beide wieder verbockt hatten und das wollte er sich dann doch ersparen.

Stöhnend legte er den Kopf in den Nacken, rutschte etwas tiefer und konnte ihn schließlich auf der Rückenlehne des Sofas ablegen. Er starrte lange an die Decke, ohne sie wirklich zu sehen, folgte mit den Augen einer schwebenden Staubflocke, die im zarten Sonnenlicht glänzte und wartete darauf, dass das Pochen seiner Schläfen ganz versiegte und sein Magen sich beruhigte.

Das leise Knarzen der Schlafzimmertür weckte ihn aus seinen Gedanken, ließ seinen Kopf wieder nach vorne fallen und dem verschlafenen Seokjin dabei zuschauen wie er ins Bad trottete. Schmunzelnd setzte er die Tasse an seine Lippen und verzog erschrocken die Lippen, als der Kaffee kalt und bitter über seine Zunge rollte. Er spuckte den Schluck zurück in die Tasse und eilte in die Küche, kippte die Kanne aus und machte neuen, diesmal genießbaren.

Erst als der Kaffee fertig war und Taehyung seinen Geschmack eingehend geprüft hatte, kam Seokjin aus dem Bad zurück, hatte offensichtlich geduscht und sah nicht mehr ganz so zerstört aus. Dennoch gefiel Taehyung der Anblick nicht, in Seokjins Augen glitzerte Sorge, seine Lippen waren zu einem neutralen Ausdruck verzogen.

„Morgen“, hauchte er, gab Taehyung einen Kuss auf die Stirn, bevor er die gereichte Tasse nahm und einen vorsichtigen Schluck trank.

„Worüber grübelst du nach?“, platzte es besorgt aus Taehyung heraus und sein Magen hob sich wieder, fuhr keine Achterbahn mehr, zog sich lieber zusammen.

Seokjin sagte nichts, blickte ihn nur ruhig an, streckte dann die Hand nach ihm aus und führte ihn zum Sofa. Setzte sich mit etwas Abstand zu dem Jüngeren, um ihn problemlos in die Augen schauen zu können.

„Wo warst du eben?“

Verwirrt blinzelte Taehyung. Glaubte sich verhört zu haben, ergab die Frage doch gar keinen Sinn.

„Hier“, erklärte er dann und deutete mit der Hand auf das Sofa. „Ich bin hergekommen als ich wach geworden bin. Ich wollte dich nicht wecken mit meinem Rumgewälze.“

Seokjin blickte ihn noch etwas in die Augen, verzog dabei keine Miene und senkte den Blick schließlich auf seine Tasse, ohne einen Schluck zu nehmen. Mit einem traurigen Lächeln blickte er wieder auf und die Wehmut in seinen Augen machte Taehyung Angst.

„Ich weiß es ist dumm, aber… ich war mir nicht sicher, dass du hier bist als ich aufgewacht bin“, erklärte Seokjin sich, warf in Taehyung aber nur noch mehr Fragen auf.

„Warum sollte ich nicht hier sein? Du hast gesehen wie viel ich gestern getrunken habe, weit komme ich da morgens nicht.“ Taehyung schaffte es nicht seine sonst so aufbrausende Art durchblicken zu lassen, die Sorge lähmte ihn, er spürte das etwas anders war. Seokjin machte keine dummen Scherze, es steckte mehr hinter seinen verwirrenden Worten.

„Als ich wacher wurde ist mir das auch eingefallen“, gab er nickend zu, senkte den Blick wieder auf seinen Kaffee und hob ihn diesmal nicht als er weitersprach. „Nur als ich gerade aufgewacht bin und du nicht da warst, war mein erster Gedanke. 'Ach, der treibt's sicher gerade mit Jungkook'.“

Fassungslos starrte Taehyung ihn an, seine Lippen leicht geöffnet verließ ihn dennoch kein Ton.
Dann hob Seokjin den Blick und eisige Wellen brachen über Taehyung zusammen. Das war kein Witz, das war sein Ernst.

„Du hast mich selbst gebeten es nicht mit ihm zu 'treiben'. Glaubst du, ich lüge dich an?“, keuchte er heißer. Der Stich im Herzen machte ihm schmerzvoll klar, wie sehr er an dem Älteren hing und wie leichtfertig er mit ihm und ihrer Beziehung spielte.

„Ich würde liebend gerne nein sagen.“ Das Bedauern in Seokjins Worten trieb Taehyung fast die Tränen in die Augen, so sehr hatte ihn noch nie etwas getroffen, nicht einmal die Erkenntnis über Jungkook. Denn er war selbst schuld daran und hatte jemanden weh getan der ihm wichtig war, sehr wichtig sogar.

Sein Kopf fühlte sich leer an, kein Wort wollte ihm einfallen, mit welchem er Seokjins Zweifel verblassen lassen konnte. Er hatte nicht gegen seine Bitte verstoßen, aber dennoch das Vertrauen des Älteren missbraucht. Wie könnte er also nun aufrichtig beteuern nichts Falsches getan zu haben? Seokjins Menschenkenntnis hatte ihn die richtigen Schlüsse ziehe lassen, wenn auch mit den falschen Fakten.

„Tae… ich will dir nichts unterstellen… es ist eben das was meine Gedanken vorhin ausgespuckt haben.“ Seokjins Blick wurde schmerzvoll, zeigte mit grausamer Klarheit, dass es auch diesem nicht gefiel, er es aber akzeptierte.

„Es ist einfach so, dass ich das hier nicht mehr kann. Ich will mich nicht mehr fragen müssen, ob du gerade einen andern küsst, nur weil du nicht bei mir bist. Diese Gedanken machen mir einfach klar, dass ich das hier doch nicht kann, auch wenn ich es mir wünschen würde.“

„Du willst, dass ich gehe?“, hauchte Taehyung brüchig, wollte nicht so elendig klingen wie er es tat und das schlechte Gewissen brannte in ihm als Seokjin kurz die Augen zusammenkniff.

„Ich will, dass du nie mehr gehst! Das ist es ja. Dass du gehen könntest, macht mir Angst, macht mich fertig.“

Ihre Blicke trafen sich, verhakten sich kurz ineinander, dann drückte Seokjin den Rücken durch richtete sich auf und straffte die Schultern.

„Ich weiß, ich hatte gesagt ich stelle dir kein Ultimatum, aber ich kann nicht mehr, ich muss es tun.“ Mit um Verzeihung bittenden Augen sah er Taehyung an und diesem schnürte sich die Kehle zu während sein Herz stolperte.
„Heute Nachmittag fahre ich für das Filmprojekt meines Kurses die Woche über weg… Wenn ich wieder komme möchte ich deine Entscheidung hören… Ich oder deine Rache.“ Ein trauriges Lächeln zog sich über Seokjins Lippen, war ihm doch selbst klar wie abgedroschen seine Worte klagen und dennoch war beiden klar wie tief er sie spürte. Taehyung schaffte es nicht etwas zu sagen, nicht einmal zu nicken, starrte ihn nur stumm an und kämpfte mit seiner Atmung. E fühlte sich als würde er fallen, hoffnungslos überfordert, verlor er doch gerade die einzige Person, die in seine Pläne zumindest zum Teil eingeweiht war und ihm Halt gegeben hatte.

Zu vieles stürzte auf einmal auf ihn ein, ein Regen aus Gefühlen, Wünschen, Forderungen und Erkenntnissen. Schließlich senkte er die Lider, brachte ein mechanisches Nicken zustande und wusste nicht mehr genau wie sie sich voneinander verabschiedeten als er die Wohnung verließ. Mit dem Gefühl von Seokjins weichen Lippen auf seinen stand er unschlüssig im Treppenhaus und versuchte sich zusammenzureißen.


********



Es war ein Fehler gewesen, seinem Chef zuzusagen, dass er heute arbeiten kommen würde. Das Café war voll und seine Kopfschmerzen mit aller Brutalität zurück. Taehyungs Konzentration ließ beständig nach und mittlerweile nahm er alles nur noch undeutlich wahr. Immer wieder legte er kleinere Pausen ein, um seiner Arbeit überhaupt noch gewaschen zu sein. Sein einziger Lichtschein war das nahe Ende seiner Schicht. Als ihn seine Kollegin fragte, ob er etwas länger machen könne, da seine Ablösung später kam, musste er dieses Mal schweren Herzens verneine. Er war sich zu sicher das körperlich nicht mehr zu schaffen.

Die Schmerzen hinter der Stirn und die nicht abreißende Beschäftigung durch die Gäste hatten aber auch ihr Gutes, Taehyung hatte keine Sekunde Zeit über etwas anderes nachzudenken. Auf dem Weg zum Café hatte er sich noch den Kopf zerbrochen was er bloß tun solle, nun war sein Kopf nur noch erfüllt von Bestellungen, Rechnungen und dem sich nähernden Feierabend.

Seine Kollegin tippte ihn leicht an der Schulter an, deutete auf die Uhr und wünschte ihm gute Besserung als es endlich so weit war. Dankbar lächelte er ihr zu, verschwand mit schnellen Schritten in der Umkleide und sackte auf der Bank zusammen, stützte den schmerzenden Kopf in die Hände und hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen.

Nur mit viel Willenskraft und Mühe schaffte er es sich umzuziehen und machte sich behäbig auf den Weg zum Hinterausgang. Die Luft schlug ihm frisch und kühl entgegen, dank dem Schatten, der in der kleinen Gasse hinter dem Laden herrschte. Tief atmete er mit geschlossenen Augen ein und die Schmerzen wurden für wenige Sekunden besser, bevor ein schnelles Ziehen am Arm sie in seinem Kopf explodierten ließ. Benommen sackte er mit einem schmerzvollen Keuchen gen Boden und nur ein fester Griff in seiner Seiten bewahrte ihn davor hart auf dem Boden aufzuschlagen.

Sein Blick flog erschrocken umher, doch erkennen konnte er nichts. Bunte Punkte tanzten vor seinen Augen, während es in seinen Ohren dröhnend rauschte und er seine Umwelt nicht mehr richtig wahrnehmen konnte. Benommen bekam er mit wie er wieder richtig auf die Füße gezogen wurde, sich die raue Mauer des Cafés in seinen Rücken drückte und sein Kopf an eine warme Schulter gezogen wurde. Wie unbeteiligt ließ er es geschehen, schloss einfach nur die Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung.

Ein und aus. Ein und aus. Immer im Takt der sanften Finger, die über seinen Arm strichen.

Langsam ließ die Benommenheit nach, das Dröhnen in seinen Ohren wurde leiser. Zaghaft öffnete er die Augen, stellte erleichtert fest, dass die bunten Punkte verschwunden waren, er nun undeutlich den viel zu nahen gemusterten Stoff eines T-Shirts vor Augen hatte.

„Hey, langsam“, raunte ihm eine bekannte Stimme entgegen, als er sich wieder aufrichtete und den Kopf vorsichtig und doch fast zu schnell gegen die Mauer hinter sich lehnte. Das Rauschen wurde wieder stärker und mit einem gequälten Stöhnen schloss er die Augen.

„Was ist denn mit dir los?“, wollte sein Gegenüber wissen. Klang dabei gleichermaßen erheitert wie besorgt.

„Kreislauf…“, nuschelte Taehyung vor sich hin, wusste nicht, ob er gehört worden war. Es geschah lange nichts, dann wanderten die Hände von seinen Armen zu seinen Schultern und eine legte sich unter sein Kinn, hob es an, doch Taehyung hielt die Augen geschlossen.

„Kannst du gehen?“

Taehyung versuchte sich an einem Nicken und hatte wohl Erfolg, ein zufriedenes Schnauben erklang, dann legten sich Finger um seine Hand und zogen ihn langsam mit sich. Seine Lider flatterten auf, versuchten den Boden vor sich zu fokussieren und mehr stolpernd als gehend trottete er hinter dem anderen her.

Weit gingen sie nicht. Nur bis zu einer etwas abgelegeneren Grünfläche, dort blieben sie im Schatten eines Baumes stehen und Taehyung ließ sich auf den Boden nieder, griff nach der gereichten Wasserflaschen und trank einige vorsichtige Schlucke. Kaum wurde ihm die Flasche wieder abgenommen, lagen Hände an seine Schultern, drehten ihn, drückten seinen Oberkörper hinunter und schließlich lag er auf dem Rücken, den Kopf gemütlich auf den Beinen des anderen gebettet und blinzelte in das grüne Blätterdach.
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