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Eine Liebe in vier Akten

von Pingulina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Jimin Jungkook Kim Seokjin Suga V
15.07.2019
28.06.2021
103
265.184
41
Alle Kapitel
200 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
28.06.2021 5.696
 
Jungkook


'Dieser miese, kleine, Dreckspisser! Da hinterging er mich erst und verpfeift mich dann auch noch bei meiner Mutter! Gings noch? Der vögelte fast fremd, knutscht im Club mit irgendwelchen Kerlen und ich werde angeschwärzt? Ich hatte große Lust zu Jimins Mutter zu gehen und der zu berichten was ihr Engelchen so für Sachen treibt!'

Diese und ähnliche Gedanken waren Jungkook Wochen und Monate lang durch den Kopf gewandert. Hatten ihn überall hin verfolgt, sein Handel gelenkt und ihm keine Ruhe gelassen. Er hatte alles daran gesetzt Jimin zu hassen, ihm Pest und Krätze an den Hals zu wünschen, nur klappen wollte es nicht so recht. Wann immer er an den anderen dachte, mischte sich zu der Wut auch etwas anderes, ließ nicht zu, dass er ihm alle Schuld gab und das hasste Jungkook mehr als den Verrat.

Er war lange der Meinung gewesen einen guten Grund zu haben wütend und verletzt zu sein. Immerhin war er auf vielen Ebenen verraten worden. Doch leider sah die Wahrheit anders aus.

Ja, er war auf diesen Ebenen verraten worden. Es waren die Gleichen, auf denen auch er hinterging und verriet.

Eine Lehre, die ihm mit Faustschlägen eingetrichtert worden war, ohne eine Spur auf seiner Haut zu hinterlassen und die ihm doch fast die Knochen brach. Es war so subtil und punktgenau gestreut gewesen, dass es fast lächerlich war, dass so wenige Worte und Taten einen solchen Effekt auf ihn haben konnten. Aber so war es und der Grund dafür schlenderte gerade auf ihn zu.

Taehyung sah gut aus, erweckte in ihm gleich wieder den Wunsch ihn an sich ziehen zu wollen, ihn zu umarmen und vielleicht mehr. Nur waren diese Zeiten längst vorbei und der Wunsch nicht mehr als der Nachhall einer Erinnerung. Unruhig trat er von einem Bein auf das andere. Das Treffen war seit Wochen geplant und brachte ihn dennoch um den Schlaf, machte ihn zappelig und fahrig. Wie er es hasste so zu sein. Sich seine eigenen Schwächen so klar anzumerken. Er wollte es nicht, konnte aber auch nichts daran ändern.

Seine Fingerspitzen kribbelten, als würden sie angezogen, wollten die Hand dazu bringen sich zu erheben, doch sie blieb, wo sie war. Leicht neigte er den Kopf zur Begrüßung als der Ältere vor ihm zum Stehen kam. Schluckend und seinen Mut sammelnd hob er den Kopf wieder und blickte in Taehyungs warme Augen. Fast freundlich wirkten sie, doch eine stille Vorsicht verdunkele den warmen Glanz, machte ihn unruhiger und Jungkook noch nervöser.

Er hatte nicht damit gerechnet, dass das hier ein angenehmes Treffen werden würde, nur war es ein Unterschied über eine unangenehme Situation nachzudenken oder sie zu erleben.

„Ich hatte fast erwartet du versetzt mich“, begrüßte Taehyung ihn schließlich, hatte sich viel Zeit gelassen, in der sich der Jüngere unter seinem Blick winden konnte. Ein feines Zucken um seine Mundwinkel verriet, dass er es genossen hatte. Ob Taehyung ein Sadist war oder einfach noch sauer auf ihn vermocht Jungkook nicht zu beurteilen. Tatsache war nur, seit sie wieder Kontakt hatten nutzte der Ältere jede Gelegenheit, um ihn sich unbehaglich fühlen zu lassen.

„Nicht nachdem ich den halben Tag in der Küche gestanden habe“, erwiderte er bemüht ruhig und hob den Korb in seiner Hand etwas an, fing damit Taehyungs Blick ein und konnte erleichtert ausatmen. Wie ihn diese Augen doch fesseln konnte, war immer wieder unheimlich. Früher hatte er es als erregend empfunden, was er heute wohl auch noch tun würde, wüsste er nicht um Taehyungs Wut ihm gegenüber. Er war sich sicher, dass diese nachgelassen hatte, aber sie war noch da, schwelte vor sich hin und wartete nur auf einen Funken, eine kleine Dummheit, um heiß und lodernd über ihn herzufallen.

Sie suchten sich eine ruhige Ecke des Parks, breiteten die Decke, die den Inhalt des Korbes in Jungkooks Hand bedeckt hatte, aus und machten es sich bequem. An entgegengesetzten Enden der Decke sitzend, den Korb zwischen sich stehend, saßen sie schließlich da. Taehyung lehnte sich leicht zurück, reckte das Gesicht zum trüben Himmel und atmete die frische Luft in tiefen Zügen ein.

„Ist wohl einer der letzten Tage dieses Jahr, an dem man sowas machen kann“, stellte er schließlich fest als er seinen Kopf wieder nach vorne fallen ließ und Jungkook erneut mit Blicken durchbohrte.

„Vermutlich… Bald wird es kälter und regnerischer und das schöne bunte Laub verschwindet“, pflichtete Jungkook ihm bei und begann den Korb auszupacken. Halb, weil er eine Beschäftigung brauchte, halb, weil er wirklich viel Arbeit in das Picknick investiert hatte. Stumm beobachtete ihn sein Gegenüber, saß einfach nur da und ließ ihn machen.

„Seokjin ist nicht begeistert, dass ich hier bin“, ergriff er dann wieder das Wort. Jungkook nickte einfach nur. Konnte nicht entscheiden, ob es Information oder Angriff war und nahm es erstmal hin.

„Seinen Ex allein zu treffen ist sicher nicht seine Vorstellung eines entspannten Wochenendes“, scherzte Jungkook, sah aber direkt, dass das nicht ankam. Taehyungs Augen waren hart, die Lippen zusammengepresst, dennoch nickte er.

„Jimin hielt es auch für keine gute Idee. Der ist übrigens ziemlich glücklich mit Yoongi.“

Und da waren sie wieder, die Fäuste…
Ein Kinnhaken und eine Like in den Magen. Jungkook musste sich ein gequältes Keuchen verkneifen.

„Namjoon ist im Knast“, konterte er leicht atemlos, hoffte Taehyung so wenigstens kurz von seinem Angriffskurs abzubringen und schien erfolgreich. Die Härte wich aus dessen Blick als sich seine Augen erschrocken weiteten.

„Wie kommts?“, wollte er wissen, versuchte ruhig und abgeklärt zu klingen, doch die Neugierde schwang unüberhörbar mit.

„Er wurde beim Dealen erwischt…“ Das Taehyungs Mundwinkel nach oben zuckten passte Jungkook weniger, auch wenn er es verstehen konnte.

„Ein letzter Job und der geht schief“, fügte er noch an, erntete aber nur ein Schnauben.

„Glaubst du ihm das echt?“ Die Herablassung tropfte aus jedem Wort und lag Jungkook schwer im Magen. Diese Frage hatte er sich oft - sehr oft sogar - gestellt und er wusste es nicht. Namjoons Erklärung war gut gewesen, schlüssig und einleuchtend, etwas was er glauben wollte. Aber Junkies und Dealer waren gute Lügner...

Einer der Gründe aus dem er den Kontakt zu seinem Bruder zwar hielt, aber mit Vorsicht behandelte. Nach dessen überstürzter Flucht aus der Stadt war Namjoon ruhiger geworden, hatte sich um einen Job bemüht aber viele seiner Ansichten waren dieselben geblieben. Jungkook hatte erkannt, dass sein Bruder eine gewisse Mitschuld trug, ihn beeinflusst hatte mit seiner Meinung, dass Beziehungen einen Nutzen haben müssen, ihm sein Partner etwas schuldig sei, wenn er ihm seine Zeit schenkte. Diese Einstellung war bei ihm auf fruchtbaren Boden getroffen und hatte ihn Dinge tun lassen, die ihm letztlich nur schadeten. Er liebte seinen Bruder, aber vertrauen konnte er ihm nicht.

„Ich hoffe es für ihn. Er hat sich zumindest bemüht im letzten Jahr“, wiegelte er schulterzuckend ab, erkannte, dass das hier auch kein gutes Thema war.

„Wie läuft dein Studium? Du bist jetzt kurz vorm Abschluss, oder?“, wechselte er zu allgemeinerem. Wieder ein verächtliches Schnauben, obwohl Taehyung nickte. Ruhig besah er sich die Auswahl, griff nach einer Box mit gekochten Eiern und schnappte sich die gereichten Stäbchen.

„Sehr gut bisher. Einen Teil der Prüfungen habe ich schon durch, ein größeres Projekt steht noch an, zwei Prüfungen und dann geht es erstmal in den Urlaub“, berichtete er zwischen zwei Bissen, stellte die Box schließlich zurück und suchte sich etwas Neues. Auch wenn Jungkooks Magen ihm sagte, dass er keinen Hunger habe, suchte auch er sich etwas aus und wenn auch nur, um seine Finger zu beschäftigen.

„Und bei dir? Was treibst du, seit du die Uni geschmissen hast?“ Taehyungs Ton wurde nicht angenehmer, wirkte immer noch wie Ohrfeigen und ließ Jungkook gequält auflachen.

„Geschmissen ist gut. Meine Eltern haben mir die Unterstützung gestrichen“, stellte er klar und verkniff sich, dass Jimins Gespräch mit seiner Mutter dafür maßgeblich war. Hätte sein Ex ihn nicht verraten hätte seine Mutter ihn nicht zur Rede gestellt und er wäre ihr gegenüber nicht ausfällig geworden. Auch so ein Gedanke, der ihn lange verfolgt hatte. Erst als ihm jemand schonungslos ins Gesicht sagte, das Jimin nichts hätte tun können, wenn er, Jungkook, nicht den ganzen Mist verzapft hätte, war er aus dem Strudel der Wut aufgetaucht. Es war ein bitteres Auftauchen gewesen, aber immerhin drehte er sich nun nicht mehr im Kreis, sondern konnte vorankommen in seinem Leben. Schuldzuweisen brachte nichts, besonders wenn er nur versuchte seine Schuld auf andere zu schieben.

„Es läuft. Schleppend, aber es läuft. Ich betreibe ein Café mit einem Freund, das wirft kaum was ab, aber zum Leben reichts. Nebenher mache ich noch Kunst. Bilder, Skulpturen… damit kommt auch was rein, für die kleinen Extras im Leben eben“, erklärte er träge, blickte Taehyung dabei nicht ins Gesicht. Er war stolz darauf, hatte es sich selbst aufgebaut und arbeitete hart für sein kleines bisschen Erfolg, das wollte er sich nicht kaputt machen lassen.

„Fleißig, fleißig… passt irgendwie besser zu dir als Kunstwissenschaftler“, kommentierte Taehyung gleichmütig. Sein Gesicht verriet nicht, ob er es so meinte oder lästerte und Jungkook nahm es hin, ging davon aus, dass Taehyung seinen Spott nicht verstecken würde. Nicht ihm gegenüber.

„Ja, das ist mir auch schon durch den Kopf gewandert“, seufzte Jungkook und suchte wieder nach seinem Mut. Warum war das alles nur so schwer? Was sollte schon passieren? Dass Taehyung ihm etwas von dem Essen ins Gesicht klatschte und ging, war das Schlimmste was er sich ausmalen konnte.

„Was genau ist eigentlich zwischen dir und Namjoon abgelaufen?“, setzte er an und verschluckte sich als Taehyung ihn mit Blicken zu erdolchen versuchte. So wie sich Jungkooks Kehle anfühlte schaffte er es auch. Er würde keine Antwort bekommen, aber die brauchte er auch nicht mehr. Ohne Details zu kennen, konnte er es sich vorstellen.

„Weißt du, dass du dich bei mir gemeldet hast, hat für reichlich Wirbel gesorgt…“, wechselte Taehyung einfach das Thema, behielt ihn aber weiter im Blick und Jungkooks Magen grummelte unwohl. Seine Hände lagen verweist in seinem Schoß, umklammerten eine Schale mit Salat und die Essstäbchen als hinge sein Leben davon ab, ohne dass er es bemerkte.

„Hoseok war ganz klar dafür dich zu hängen. Yoongi wollte, dass ich den Kontakt sofort wieder abbreche“, führte er weiter aus, widmete sich der Eierrolle vor sich und kaute bedächtig, ehe er weitersprach. „Seokjin und Jimin waren nicht gerade begeistert, meinten aber, ich müsse das selbst entscheiden. Dass ich nun hier bin passt beiden nicht so recht.“

Er hatte es bemerkt. Natürlich hatte Taehyung es bemerkt. Er war verdammt gut darin die Körpersprache anderer zu lesen und das schmerzhafte Zucken von Jungkooks Muskeln, wenn der Name seines anderen Ex-Freundes fiel, war ihm nicht entgangen und es machte ihm sichtlich Spaß ihn damit zu quälen.

„Kann ich mir vorstellen, das mit uns ist auch echt nicht gut gelaufen“, versuchte Jungkook darauf einzugehen, wusste aber bereits, dass Taehyung auf etwas anderes hinaus wollte.

„Das wäre es, wenn du nicht so viel gelogen hättest. Und jetzt raus mit der Sprache, was sollte das alles? Hat es dich so geil gemacht mehrere nebeneinander zu haben?“ Die Kälte in Taehyungs Stimme war seltsam befreiend, löste sie doch die tödlichen Blicke ab und ließ Jungkook wieder Atmen. Mit Kälte konnte er umgehen.

„Da muss ich etwas ausholen, wenn du es wirklich wissen willst“, warnte Jungkook und blieb ruhig als Taehyung ihn abschätzig ansah und verhalten lachte. Auch wartete er als der Ältere den Blick wieder zum Himmel richtete und schließlich nickte.

„Es sieht nicht nach Regen aus und zu Essen ist auch noch reichlich da… Also, fang an.“

„Weißt du wie es ist, wenn dein großer Bruder auf die schiefe Bahn gerät?“, setzte Jungkook an, erwartete keine Antwort, auch wenn Taehyung den Kopf schüttelte.

„Es ist die Hölle und das meine ich nicht, weil ich ach so empathisch bin… Ganz selbstsüchtig gesagt ist es die Hölle. Ich habe es einfach nicht gesehen… Immer geglaubt Namjoon sei so cool, abgeklärt und hätte alles im Griff, den totalen Durchblick und dann das. Ich habe es erst erfahren als meine Eltern ihn rausgeschmissen haben. Sie hatten mir nie etwas gesagt, es vor mir verheimlicht und dafür gesorgt, dass ich nichts merke… selbst als er anfing seine Freier mit nachhause zu bringen, tagelang wegblieb, high nachhause kam… die ganze Zeit über, ich wusste es nicht…“

Ein bitteres Lachen kam über seine Lippen und irgendwie war er Taehyung dankbar für den abfälligen Blick. Wenn er ihn um etwas hätte bitten dürfen, dann darum, ihn nicht zu bemitleiden. Das hatte er weder verdient noch wollte er es. Er wollte lediglich Taehyungs Bitte erfüllen.

„Ich bin mir vorgekommen wie der größte Idiot dieses Planeten… Es ist genau vor meiner Nase passiert und ich habe es nicht bemerkt… Und als ich es wusste, war mit einem Schlag alles anders. Namjoon war weg und meine Eltern hatten diese Zweifel im Blick, haben andauernd Fragen gestellt, die ihnen früher nie in den Sinn gekommen waren… Ich hatte das Gefühl, ich wäre auf die schiefe Bahn geraten und hätte Mist gebaut.“

Taehyungs belustigtes Schnauben unterbrach ihn, ließ ihn den Blick wieder zu seinem Gegenüber lenken. Seine Miene zeigte nicht was er dachte, er forderte Jungkook lediglich mit einer Geste auf fortzufahren. Doch erstmal griff er nach der Thermosflasche, goss sich einen Tee ein und trank einige Schlucke, beruhigte sich wieder.

„Jimin war die ganze Zeit über bei mir. Er war meine erste große Liebe und meine größte Stütze in dieser Zeit. Wohl auch, weil er der einzige Mensch war, der mir voll und ganz vertraut hat. Nur in seinen Augen glitzerten keine Zweifel, wenn er mich ansah… Mit der Zeit wurde ich immer wütender auf meine Eltern und Namjoon. Ich war so machtlos und der Situation ausgeliefert, dem Misstrauen meiner Eltern, obwohl ich nichts gemacht habe. Als dann die Gefühle für Jimin zu verblassen begannen, dass… ich weiß nicht, wie ich es sagen soll… ich wurde auch auf ihn wütend… weil er es nicht sah. Er kannte mich am besten und hat es nicht bemerkt“, wild mit der freien Hand fuchtelnd versuchte er Taehyung klarzumachen, dass er die Beschreibung selbst schlecht fand, sie aber in keine anderen Worte fassen konnte. Es war schrecklich es auszusprechen. Direkt nach der Trennung hatte er nichts daran gefunden, es war ihm nicht schlimm vorgekommen eher gerecht, doch nun schämte er sich.

„Ich hatte damals begonnen mich zu verschließen, allen etwas vorzuspielen und habe Jimin immer wieder um Vertrauen gebeten. Er hat es mir geschenkt und ich habe ihn dafür ausgelacht. Ich habe tatsächlich angefangen meine Wut an ihm abzulassen, weil er da war und mir vertraut hat. Ich wollte nicht mehr der Einzige sein, der so dumm war, nicht zu sehen, was vor seiner Nase geschah und habe das Gleiche mit ihm gemacht. Ich habe ihm etwas vorgelogen und bin immer weiter gegangen. Ein Teil von mir wollte wohl, dass es auffliegt, der Rest hat den Nervenkitzel genossen. Gott, ich habe es geliebt ihn anzulügen, ihn zu vertrösten, selbst wenn ich nichts anderes vorhatte. Einfach nur zu wissen, dass er traurig ist, weil er mir glaubt, hat mir so einen Kick gegeben. Das alles begann im letzten Jahr der Oberstufe und ich habe es eiskalt durchgezogen. Als wir auf die Uni gewechselt sind habe ich ihn angelogen, damit wir nicht zusammen ziehen und ich mein Spiel ausbauen konnte, von Seitensprüngen zu Affären. Zwischenzeitlich hatte ich vier Kerle gleichzeitig, meinen verkorksten Bruder dabei immer als Alibi. Das mit dir und Jimin war am engsten, aber trotzdem…“ Wieder suchte er Taehyungs Blick, zuckte entschuldigend mit den Schultern. Es war so bitter wie es wahr war, er konnte es nicht ändern.

„Und dann kamst du und hast es auffliegen lassen und dann noch Jimin und hat dafür gesorgt, dass ich nicht einfach weitermachen kann. Auch wenn du es mir nicht glaubst, aber langsam bin ich an dem Punkt, an dem ich euch fast dankbar dafür bin.“

„Ich weiß gerade nicht, ob ich dich bemitleiden oder auslachen soll“, kommentierte Taehyung das Gehörte. Aß seelenruhig weiter, wirkte fast so als hätte er es die gesamte Zeit über getan, auch wenn er bis eben gebannt an Jungkooks Lippen gehangen hatte.

„Bitte lach, Mitleid ist hier fehl am Platze. Ich habe mich schon mehr als genug selbst bemitleidet“, meinte Jungkook abwinkend und trank noch einen Schluck Tee. Jetzt wo das raus war, fühlte er sich zwar erleichtert, aber auch seltsam leer. Er hatte das alles gemacht, weil er sich so schrecklich dumm gefühlt hatte, es hatte ändern wollen, sich überlegen fühlen wollte. Heute wusste er, dass er bei der Sache mit Namjoon nicht dumm war, erst als er Jimin hinterging war er es, er war entsetzlich dumm gewesen…

„Hast du das Jimin auch mal erzählt?“, stieß Taehyung wieder den Dolch in die Wunde und entlockte Jungkook ein genervtes Stöhnen.

„Warum machst du das andauernd? Ich versuche ernsthaft ein klärendes Gespräch zu führen und du provozierst die ganze Zeit“, fauchte er ungehalten. Es reichte ihm, seine Schmerzgrenze war erreicht, wenn Taehyung das hier nicht ernst nahm, sollte er gehen. Zwar war ihm dieses Gespräch wichtig, aber es gab auch Grenzen.

„Ich provoziere, weil ich nach Jimin frage?“, erwiderte Taehyung gespielt unwissend und fing sich einen strengen Blick des Jüngeren.

„Wir wissen beide, warum du es machst. Also ja!“

„Tja, ich bin eben sehr gut darin die Wut über meine eigenen Fehler auf andere zu projizieren und da du mich dazu gebracht hast viele dieser Fehler zu begehen, bist du meine Leinwand.“ Fast schon entschuldigend klagen die Worte und machten Jungkook neugierig.

„Zu was für Fehlern habe ich dich denn getrieben?“, hakte er schließlich nach als Taehyung seine Blicke ignorierte und sich lieber die Auswahl am Boden anschaute.

Schnaubend hob sein Gegenüber wieder den Blick und Jungkook rechnete mit keiner Antwort, als er doch das Wort ergriff. „Zu Lügen und zu hintergehen, eben das Gleiche zu machen wie du. Nur nicht ganz so systematisch und in dem irren Glauben es aus besseren Gründen zu tun. Zwar ist Jimin jetzt glücklich, aber mit Seokjin habe ich es fast verbockt.“

Mit zusammengepressten Lippen lauschte Jungkook, nickte bedächtig und wollte sich doch die Ohren zuhalten. Der Ältere konnte es nicht lassen, auch wenn er etwas einlenkte, streute er Jimins Namen ein, wo er konnte und Jungkook konnte sich nicht wehren, außer er würde aufstehen und gehen.

„Ich hatte einen sehr guten Einfluss auf dich“, meinte er schließlich sarkastisch und das erste ehrliche Lachen kam aus Taehyungs Kehle. Tief und flüchtig und doch so überraschend, dass Jungkook erschrocken zusammenzuckte als er es hörte. Ein Prickeln breitete sich auf seiner Haut aus und er schluckte verwirrt, hatte nicht damit gerechnet, dass der Ältere noch immer eine solche Wirkung auf ihn haben konnte.

„Dem ist wohl so…“

Stille kehrte ein, während beide gedankenverloren kauten und Jungkook nach den rechten Worten suchte, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

„Nach dem Abschluss werde ich mir wohl Yoongi schnappen und in einem kleinen Theater für eine Saison arbeiten. Nichts großes, aber wir können unsere eigene Musik einbringen“, berichtete Taehyung von sich aus, wirkte dabei ruhig, fast gelassen, nur seine Augen verrieten, wie stolz er darauf war.

„Klingt ziemlich gut. Ein erster Schritt auf deinem Weg zum Weltruhm“, lobte Jungkook und meinte es ehrlich. Er wusste, dass Taehyung auf die große Bühne wollte und dort gehörte er seiner Meinung nach auch hin. Ein Ziel, welches sein Gegenüber früher oder später auch erreichen würde, da war Jungkook sich sicher.

„Wie steht es bei dir in der Liebe? Machst du erstmal eine Pause oder sind schon die nächsten am Start?“ Der ruhige Ton machte die Worte fast noch schmerzhafter als es ein angriffslustiger gekonnt hätte. Hätte er es als Beleidigung oder als Spitze gegen sich werten können, hätte das den Inhalt gemildert, aber so war es nur eine Frage nach Tatsachen und das war das Schlimmste.

„Tja, wie soll ich sagen, es ist ein wenig verrückt…“, setzte Jungkook an, unterbrach sich als er versuchte zu bestimmen, wie er es beschreiben sollte.

„Ist er auch so ein Draufgänger wie du oder eher Richtung Jimin?“, gab Taehyung etwas Schützenhilfe und brachte Jungkook zum Lachen.

„Weder noch. Das Ding ist, ich bin schwul und sie ist lesbisch. Wie gesagt, es ist verrückt.“

Damit hatte Taehyung offensichtlich nicht gerechnet, so überrascht wie seine Augen sich weiteten. Seine Lippen sich zu einem stummen 'Oh' öffneten und ohne einen Laut verharrten.

„Du verarschst mich!“, entschied er dann und zweifelte Jungkooks Kopfschütteln sichtlich an.

„Ich verstehe es selbst nicht ganz. Wir haben eine ähnliche Geschichte, haben beide betrogen und verraten und es tut ziemlich gut jemanden zu haben, der es verstehen kann. Ich meine so richtig verstehen, die Gründe, den Ansporn so etwas zu tun.“ Es beschrieb nicht mal im Geringsten was ihn an sie band, aber das war auch nicht wichtig. Er brauchte es nicht erklären, Taehyung musste es nicht verstehen. Der brauchte es nur akzeptieren und das tat er, zuckte mit den Schultern und entband Jungkook von weiteren Worten, mit denen er versuchen musste Dinge zu beschreiben, die er nicht beschreiben konnte.

„Und wie läuft das? Also so im Alltag?“, kam es stockend und Jungkook verstand auch so, was Taehyung wissen wollte.

„Mit viel reden aktuell. Wir kennen uns zwar schon eine Zeit lang aber sind noch nicht lange zusammen. Wir suchen nach und nach für jedes Problem eine Lösung, wohnen zusammen und sind uns einig es so lange weiterzuführen, wie wir einander guttun. Ich weiß nicht was daraus wird, ich erwarte nichts und genau das ist es was mir gerade so gut gefällt. Wenn man nichts erwartet, wird man nicht enttäuscht und jeder kleine Schritt, den wir vorankommen, fühlt sich wie ein unverhoffter Sieg an.“ Mit Wehmut in der Stimme dachte er an all ihre kleinen Meilensteine, die sie in der letzten Zeit erreicht hatten. Es waren so banale Kleinigkeiten, dass jeder ihn auslachen würde dem er es erzählen würde, aber für ihn hatte all das Bedeutung, lernte er sein Leben doch neu kennen. Jedes Detail schätzen und lernte eine Menge über sich und seine Fehler, aber auch über seine Stärken und die Dinge, die er verdammt gut machte.

„Das klingt so gar nicht nach dir“, stellte Taehyung stumpf fest und Jungkooks Schultern sackten nach unten.

„Ich weiß, aber wenn man immer nur das Gleiche macht, kommt man auch nicht ans Ziel“, gab er träge zurück. Das war einer der Gründe, warum er es vermied über seine Beziehung zu sprechen. Die Leute verstanden sie nicht. Wollten sie in die gängigen Muster zwängen und zweifelten sie an, wenn sie merkten, dass es nicht in diese Muster passte. Er hasste es. Die Vorgaben waren schlecht, nicht für jeden aber für manche, die die da eben nicht hineinpassten. Diese Menschen, Menschen wie er, waren nicht falsch, sie gingen bloß einen anderen Weg.

„Auch wieder wahr…Café, Kunst und eine lesbische Freundin… Jungkook du bist echt immer für eine Überraschung gut“, beschloss der Ältere schließlich und ließ Jungkooks Augenbrauen überrascht nach oben wandern. Dass sein Gegenüber es ausließ ihn dafür aufzuziehen, niederzumachen oder sonst was, damit er sich schlecht fühlte, hatte er nicht mehr erwartet. Immerhin ließ er bisher keine Gelegenheit aus ihm emotional welche zu verpassen.

„Wie lange hast du es gewusst?“, wechselte er abrupt das Thema. Wollte von dem jetzigen Weg, ehe Taehyung entschied doch noch darauf herumzutrampeln. Der Wechsel kam zu plötzlich, Taehyung kam nicht mit, blickte ihn nur verwirrt an.
„Dass ich dich betrüge“, fügte er daher noch an und Taehyung lachte bitter auf.

„Seit dem Tag, als du mich gefragt hast, ob ich mit dir zusammen sein möchte. Ich hatte dich mit Jimin gesehen und hätte ich mich nur ein paar Stunden später mit dir getroffen, wäre mir längst klar gewesen was Sache ist. So hast du mich erfolgreich verwirrt und es hat etwas gedauert. Ich brauchte erst einen Beweis und als ich den hatte… Tja, da wollte ich Rache.“ Auf der Unterlippe kauend lauschte er dem Älteren, hatte es vermutet, war sich aber nicht sicher gewesen. Immerhin hatte Taehyung ihn damals das erste Mal auf Jimin angesprochen.

„Dir hat der Nachmittag wohl wieder einen Kick gegeben. Erst vertröstest du Jimin, dann überzeugst du mich, dass da nichts ist und lässt mich dann auch noch sitzen. Adrenalin satt, würde ich vermuten.“ Mehr als nicken konnte er nicht, er schämte sich zu sehr, um zu sprechen. Genau so war es gewesen. Nach dem Treffen mit Taehyung war er nachhause gegangen, hatte sich vor den Fernseher gesetzt und gezockt bis er müde wurde, berauscht von dem Gefühl der Macht, alles um sich herum steuern und lenken zu können.

„Ich war teilweise so im Rausch, dass ich nicht einmal mehr die Anzeichen sehen wollte, dass du bereits ein falsches Spiel mit mir spielst“, gestand er ein und Taehyung wurde neugierig, forderte ihn auf sich zu erklären.

„So im Nachhinein, war es schon sehr auffällig… Du hast auf meine Kosten Jimins Lieblingskaffee gekauft!“, rief er gefrustet über sich selbst aus, atmete kurz durch, ehe er fortfuhr. „Du hattest Knutschflecken am Hals und weil ich zu viele Kerle hatte, war ich mir absolut nicht sicher, ob ich das war oder nicht. Einen kurzen Moment wollte ich mich deswegen aufregen und wurde mit einem Schlag unsicher. Eigentlich hatte ich sowas immer vermieden, aber bei dir konnte ich mir da nicht sicher sein, du warst gut darin mich alles vergessen zu lassen.“

Nun lachte Taehyung richtig, nicht nur kurz oder bitter, sondern aus vollem Hals. Er lachte laut, er lachte herzlich und er lachte Jungkook aus. Dieser stimmte kurz in das Lachen ein, beruhigte sich aber schnell wieder.

„Und du dachtest, du hättest alles im Griff. Gott, ist das gut“, gluckste der Ältere vor sich hin, versuchte Atmung und Sprechen zu koordinieren und stammelte dadurch ein wenig.

„Gib mir die Adresse… von deinem Café. Ich bin neugierig.“ Taehyungs Auge funkelten, verbargen eine Idee, einen Gedanken, der Jungkook ein flaues Gefühl in den Magen pflanzte als er nach seiner Brieftasche kramte und eine seiner Visitenkarten herauszog. Mit einem fragenden Blick reichte er sie dem Älteren, dieser studierte das kleine Stück Papier einige Momente, ehe er sie verstaute und unbekümmert weiter aß.

Ein Gespräch wollte nicht mehr aufkommen, Taehyung blockte jeden seiner Versuche ab und so beendeten sie ihr Treffen. Besser, Taehyung beendete es, erhob sich mit einem flüchtigen Dank für das Essen und ließ ihn mit dem Zusammenräumen allein. Nichts anderes hatte Jungkook erwartet, dennoch krängte es ihn. Er hatte wohl doch zu sehr darauf gehofft, dass ein Gespräch unter vier Augen die Wogen glätten würde, musste nun aber einsehen, dass er die Vergangenheit nicht ändern würde, egal wie sehr er sie bereute.


********



Es waren mehrere Monate vergangen, der Winter war hereingebrochen und bereits dabei dem Frühling das Feld zu überlassen. Taehyung hatte er nicht wieder gesehen, ihr spärlicher Kontakt war eingeschlafen. Hin und wieder dachte Jungkook mit einem stillen Bedauern daran zurück, aber ändern tat er nichts daran. Manche Dinge musste man begraben, immer wieder in der Vergangenheit herumzustochern sorgte nur dafür, dass man in der Gegenwart nicht voran kam.

Er war gerade dabei das Regal im Lager aufzufüllen, als die Tür aufging und sein Geschäftspartner genervt schnaubend in der Tür auftauchte.
„Da fragt ein Kerl nach dir…“, fauchte er ihm entgegen. Erwiderte Jungkooks verwirrten Blick mit zunehmender Wut. „Wir hatten doch abgemacht, dass du deine Verehrer nicht hier her bestellst, das Drama brauch echt keiner!“ Mit diesen Worten drehe sich Wan-woo wieder um und die Tür schloss sich, sperrte den verwirrten Jungkook im Lager ein.

Verdattert strich er sich durch die Haare, wusste nicht ganz wovon der andere sprach. Er hatte nie einen Verehrer hier her eingeladen, allerdings war eine seiner alten Affären hier aufgetaucht. Der Kerl hatte ebenfalls rausbekommen, dass Jungkook ihn verarscht hatte und als er ihn hier zufällig sah war er hereingekommen und hatte eine Szene gemacht. Ein Ereignis, welches sein Geschäftspartner ihm wohl noch immer nachtrug, war damals doch einiges Geschirr und leider auch die Kuchenvitrine zu Bruch gegangen. Seitdem kam es zwar immer wieder vor, dass Kunden ihn nach seiner Nummer oder nach einem Date fragten, dies lehnte er aber alles mit professioneller Höflichkeit ab. Für Kunden, die das nicht mochten, konnte er herzlich wenig.

Wie ein Kübel Eiswasser überkam ihn die Erkenntnis wer es sein könnte und er verließ das Lager schneller als er mit denken fertig war und stand im Laden. Sein Blick glitt über die wenigen Gäste, blieb an einem jungen Mann hängen, der an dem langen Tresen am Fenster saß, in seinem Kaffee rührte und ihm den Rücken zudrehte. Es war nicht Taehyung und Jungkooks Körper fühlte sie taub an. Er brauchte das Gesicht nicht zu sehen, wusste genau wer nach ihm gefragt hatte und seine Hände zitterten, als er seine Beine zum Laufen brachte.

„Hi Jimin“, begrüßte er seinen Gast heiser, räusperte sich während der Angesprochene den Kopf zu ihm drehte und ihn flüchtig musterte. Sein Blick wirkte verschlossen, fast etwas ängstlich, aber genau konnte Jungkook es nicht sagen.

„Du wolltest mich sprechen?“, fügte er schließlich an als Jimin kein Wort herausbrachte. Er konnte dem Älteren ansehen, wie er mit sich rang, eine äußere Ruhe aufrechterhielt, um seine inneren Kämpfe verstecken zu können.

„Ja und nein“, kam es ihm über die Lippen und der Klang seiner Stimme prickelte auf Jungkooks Haut. Er hatte ihn vermisst.

Mit der Hand deutete Jimin auf den Hocker neben sich und wartete geduldig, bis Jungkook sich niedergelassen hatte. Der Blick des Jüngeren lag neugierig auf seinem Ex-Freund, suchte nach jedem Detail, welches sich seit ihrem letzten Treffen verändert hatte und wurde fündig, ohne sie genau benennen zu können.

„Taehyung hat erzählt was ihr besprochen habt und ich war neugierig“, erklärte er sich schließlich, ließ Jungkook schlucken.

„Was genau hat Tae erzählt?“, fragte er zaghaft nach, hatte den bösen Verdacht nicht sonderlich gut dabei weggekommen zu sein.

„Dass deine Eierrolle trocken war und du das noch üben musst.“

„Was?“, entfuhr es Jungkook ungläubig. Er hatte sich gerade auf vieles vorbereitet, aber das? Sicher nicht.

„Er hat recht. Ich wollte dich nie kränken und hab' es nie gesagt, aber da solltest du wirklich dran arbeiten“, führte Jimin an, trank einen Schluck seines Kaffees und blickte für einige Sekunden durch das Fenster auf die Straße. Das leichte Zucken seiner Finger, die die Tasse umschlossen hielten, verriet ihn, zeigte Jungkook seine Unsicherheit, die er hinter diesen Worten zu verstecken versuchte. Es ging ihnen gleich. Sie wollten dieses Treffen und wollten es doch nicht.

„War das alles?“, wollte Jungkook leise wissen, kaute auf der Unterlippen und wünschte sich auch eine Tasse zum dran festhalten, krallte seine Finger möglichst unauffällig in die Schürze, als Ersatz.

„Nein…“ Wieder nahm Jimin einen Schluck und blickte ihn dann wieder an. „Ich denke, er hat eure komplette Unterhaltung wiedergegeben und hinterher mit uns analysiert.“

Das war gut und schlecht. Ging Jungkook doch davon aus das uns, Yoongi und Seokjin miteinschloss und die waren ihm gegenüber ja nicht gerade positiv gestimmt.

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht was ich davon halten soll. An welchem Punkt bis du mir so abgedriftet, dass du nicht mehr mit mir gesprochen hast? Ich meine wirklich gesprochen.“ Jimins Stimme klang so bitter, so verletzt, dass Jungkook seinen Blick mied. Er wusste was er sehen würde und er würde es nicht ertragen können.

„Einen genauen Zeitpunkt gibt es nicht… ich… habe mich da immer weiter reingesteigert… alles außer mich selbst ausgeblendet, weil ich nur das wirklich lenken und steuern konnte. Weißt du noch der Schulausflug ans Meer, den wir abgebrochen haben, weil ein Sturm aufzog?“

Jimin blickte ihn erst verwirrt an, nickte dann aber.

„Da habe ich dich das erste Mal bewusst angelogen. Habe dir erzählt ich wäre umgeknickt, wollte auf der Promenade bleiben, weil das angenehmer war als im Sand zu sitzen und euch beim Volleyball zuzusehen. In Wahrheit hatte ich einen süßen Typen gesehen und habe ihn angegraben, etwas mit ihm geknutscht, bis ich gerufen wurde. Wann ich angefangen habe zu denken, dass sowas mein Recht ist, weiß ich wie gesagt nicht, es muss einige Zeit davor gewesen sein.“

Wie blass und zerbrechlich Jimin mit einem Mal wirkte, die Augen wässrig, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Schnell drehte er das Gesicht weg, starrte angestrengt aus dem Fenster und schluckte hörbar.

Etwas zu vermuten und etwas zu wissen waren zwei verschiedene Dinge. Den Unterschied sah Jungkook nun nur zu deutlich. Von leiser Trauer zu beißendem Schmerz…

Das Klappern von Tellern wehte zu ihnen herüber als einer der Gäste aufstand und sein Tablet zum Tresen brachte, schließlich den Laden verließ. Jungkook fing Wan-woos Blick auf, konnte die Unzufriedenheit und die Aufforderung darin sehen, doch kümmern tat er sich um keines der beiden.

„Kookie?“ Erschrocken zuckte der Angesprochene zusammen, ehe sich sein Herz schmerzhaft zusammenzog. Die unterdrückten Tränen klangen so klar in Jimins Worten, dass sie ihm tief in sie Seele schnitten. Es kostete ihn viel Kraft den Kopf zu drehen, den Blick zu heben und den Augen des Älteren zu begegnen. Seine Kehle schnürte sich zu und sein Atem stockte.

„Tu dir selbst den Gefallen und tu sowas nie wieder… Irgendwann kommt sowas wieder zu dir zurück und es wird dich zerreißen.“ Mehr als ein Flüstern brachte Jimin nicht über die Lippen und doch klangen seine Worte kristallklar in Jungkooks Ohren. Dieser brauchte nicht darüber nachdenken, um zu wissen, dass es wahr war, das hatte er längst am eigenen Leib erfahren. Nur dass Jimin ihn warnte, ihn nicht einfach in sein Verderben laufen ließ, das saß, war ein erneuter Schlag und schmetterte ihn zu Boden.

„Ich werde jetzt gehen.“

Damit stand der Ältere auf, schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln und eilte aus dem Laden, flüchtete vor ihm und ließ Jungkook erschüttert zurück. Durch die große Scheibe blickte er Jimin nach. Beobachtete, wie er die Straßenseite wechselte und aus dem Laden gegenüber bereits Yoongi heraustrat, seinen Freund ihn Empfang nahm und an sich drückte. Die beiden waren zu weit weg, aber Jungkook wusste auch so, das Tränen flossen, sah es an Jimins Haltung, kannte es aus Erfahrung.

Heute würde er früher Feierabend machen, egal ob es Streit mit seinem Partner bedeutete. Er war erledigt, hatte getan was er konnte und musste die Erkenntnis verdauen Jimin heute wohl zum letzten Mal gesehen zu haben. Ihre Leben würden weiter gehen, für immer verbunden belieben, doch nun unterschiedliche Wege gehen und sich nicht wieder treffen.
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