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Eine Liebe in vier Akten

von Pingulina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Jimin Jungkook Kim Seokjin Suga V
15.07.2019
28.06.2021
103
265.184
41
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21.06.2021 4.229
 
Seokjin


Unerwartet wacklig fühlten sich seine Beine an als er die Treppe hinunter schritt und sich schwungvoll aus der Tür begab. Ein Mix aus Freude und Nervosität wirbelte in seinem Magen, machte ihn hibbelig und unruhig. Mit langen Schritten schlug er den Weg zum Park ein, war spät dran und spürte, wie dies seine Nerven zusätzlich spannte. Er hasste es zu spät zu kommen, fast genauso sehr, wie wenn jemand zu spät kam und ihn warten ließ, doch beides hatte er in den letzten Wochen und Monaten oft ertragen müssen.

Egal wie sehr sich Taehyung bemühte, er schaffte es einfach nicht regelmäßig pünktlich zu sein. Dafür war die Freude in seinem Gesicht unerreicht niedlich, wenn er es doch einmal schaffte und ließ Seokjins Herz jedes Mal etwas höher schlagen. Nur verraten hatte er dies dem Jüngeren noch nicht.

Seit ihrem gemeinsamen Abendessen war viel Zeit vergangen, in der sie sich wenig gesehen hatten. Zumindest zum Anfang. Es hatte fast zwei Monate gedauert, bis sie sich nach diesem Treffen wieder sahen, sich auf einen Kaffee zusammensetzten und die Ergebnisse der vereinbarten Bedenkzeit besprachen. Unerwartet offen hatte er Taehyungs Gefühle in dessen Gesicht lesen können und fühlte sich hin und wieder immer noch überfordert mit dem fast verzweifelten Wunsch des Jüngeren wieder Teil seines Lebens sein zu dürfen. Er war sich nicht sicher gewesen, ob es eine gute Idee war Taehyung wieder an sich heranzulassen. Die Narben, die dieser geschlagen hatte, brannten noch von Zeit zu Zeit, aber damit würde er zu leben lernen müssen. Es waren Erfahrungen, die er gesammelt hatte und die ihn im Leben begleiten und vielleicht auch einmal vor neuem Schmerz bewahren würde.

Wirklich bedenklich fand er eher Taehyungs Wandlung. Vom Wirbelwind mit dem frechen Gemüt war anfangs wenig zu sehen gewesen, viel zu devot und zurückhaltend gab er sich, besonders Seokjin gegenüber. Er hatte schnell bemerkt, dass Taehyung mit seinen Freunden etwas offener umging, mehr von dem Menschen zeigte, der er gewesen war, bevor sie sich trennten. Doch kaum bemerkte er Seokjins Anwesenheit ruderte er zurück, schränkte sich ein und schien zu allem bereit, solange er den anderen bloß nicht vergraulte. Wehmut kroch in sein Herz, wenn er daran dachte, wie leicht und unbeschwert ihr Kennenlernen damals im Café gewesen war. Das verschmitzte Grinsen dieses niedlichen Kellners, der ihm dreist die teuerste Torte empfohlen hatte und ihm noch ein Stück für daheim aufschwatzte, hatte ihn sofort gefesselt, ihn dazu gebracht immer wieder in dieses Café zu gehen. Schnell hatte er sich gemerkt, wo er sitzen musste und mit jedem Besucht hatte er mehr Mut geschöpft, bis er es schaffte Taehyung an seinen Tisch zu bitten, sich etwas mit ihm zu unterhalten und er war hin und weg gewesen. Seiner Vorstellung nach sollte die Einladung zum ersten Date ganz anders ablaufen, aber die kleine Tortenschlacht damals hatte es anders kommen lassen. Im Nachhinein war es ein Ohmen gewesen, ein Ausblick wie es laufen würde, voller Chaos, Wut und Tränen.

Nun waren sie weiter, hatten sich gefunden, getrennt und waren dabei sich wieder neu zu finden. Lange hatte er gezweifelt, ob es richtig war, doch mit jedem Tag, der verging, genoss er das Gefühl mehr sich nach dem Jüngeren zu sehnen. Es war nichts Falsches mehr, was er loswerden sollte, um sich selbst zu schützen. Sondern ein Teil von ihm, der ihm sagte, dass ihn eine warme Woge Glück erwartete, wenn er Taehyung das nächste Mal sah.

Der Kies knirschte leise unter seinen Schuhen, ein Geräusch, welches verstummte als er auf den Rasen trat und den Weg verließ. Taehyung saß wie verabredet auf der Bank neben der Wiese, drehte ihm den Rücken zu und ließ Seokjin lächeln. Von hier aus konnte er gut sehen, wie der Jüngere seine Finger knetete, nach seinem Handy wühlte, kurz darauf blickte und dann tief durchatmete. Mit leisen Schritten schlich er hinter Taehyung, wartete einige Sekunden, wollte sehen, ob dieser ihn bemerkte. Doch der blickte erneut auf sein Handy, checkte die Nachrichten und Seokjin sah, dass er zehn Minuten zu spät war.

Sachte legte er die Hände auf Taehyungs Schultern, spürte das erschrockene Zucken und der Schalk glänzte in seinen Augen, als er die Hände weiter wandern ließ, Taehyung von hinten umarmte und ihm einen Kuss auf die Wange hauchte. „Entschuldige, ich hab' beim Lernen die Zeit vergessen“, hauchte er ihm ins Ohr und ein leises Quietschen entwich dem Jüngeren, der sich langsam wieder in seinen Armen entspannte. Kaum hatte Seokjin sich aus seiner leicht verkrampften Körperhaltung - jemanden über die Rückenlehne einer Bank zu umarmen war nicht besonders gesund für den Rücken - gelöst, schoss Taehyung auch schon in die Höhe. Sprang mit einem breiten Grinsen um die Parkbank herum und schmiss sich in seine wartenden Arme.

„Du tust ja so als hätten wir uns drei Monate nicht gesehen“, feixte der Umarmte, während Taehyung sein Gesicht in seine Halsbeuge drückte und sich genießend an ihn schmiegte.

„Die drei Wochen kamen mir auch so vor“, murmelte er gegen die empfindliche Haut am Hals und jagte Seokjin einen Schauer durch den Körper. Dann hob er endlich den Blick, blinzelte ihm entgegen und reckte sich vorsichtig zu ihm, doch bevor sich ihre Lippen berührten, stockte er, bewegte sich einfach nicht weiter. Seokjin entfuhr ein genervtes Seufzen, bevor er die Arme etwas fester um den Jüngeren schlang und den letzten Abstand überwand. Warm und weich fühlten sich die Lippen des Jüngeren an und die Welle des Glücks brach sich ihre Bahnen, wenn auch verhalten.

Der Kies hinter ihnen knirschte, als einige Studenten die Bank passierten und ihnen klarmachten, dass sie hier nicht allein und ungestört waren. Generell war es heute sehr voll im Park. Was nicht anders zu erwarten war, zwei Tage vor Semesterbeginn, bei herrlichem Wetter war alles voller Studenten. Studenten, die sich entweder noch orientieren mussten, bevor sie bald ihr Studium begannen, oder die gerade zurückgekehrt waren, um es fortzuführen.

Die Wangen leicht gerötet blickte Taehyung ihn verlegen an, wollte etwas sagen, traute sich dann aber doch nicht. Nochmal seufzte Seokjin, griff nach der Hand des Jüngeren und zog ihn sachte mit sich zu dem Weg, von dem aus er gekommen war.

„Ich klinge zwar wie 'ne kaputte Schallplatte, aber du darfst mich küssen, ohne vorher Fragen zu müssen.“ Dass der Jüngere zusammenzuckte als wäre er geschlagen worden wollte er nicht, aber dessen Zurückhaltung störte ihn weit mehr. Er fand es schön, dass Taehyung an seinem herrischen Verhalten arbeiten wollte, aber sich dabei fast bis zur Gänze selbst zu verleugnen war keine Lösung.
„Wenn du so weitermachst werde ich dich nicht mehr küssen, dann musst du damit leben oder endlich über deinen Schatten springen.“

„Ich weiß…“, kam es leise von Taehyung, bevor er ihn erst entschuldigend und dann ein wenig kämpferischer anblickte. Die Augenbraue hochziehend beobachtete Seokjin neugierig wie Taehyung sich flüchtig umblickt, sich dann schwungvoll vor ihn stellte und die Hände an seine Wangen legte.

Ein leises Lachen entkam ihm, als er im nächsten Moment die weichen Lippen seines Freundes auf seinen Spürte, wurde zu einem angenehmen Seufzen als dieser begann sanft an seiner Unterlippe zu knabbern. Taehyungs Hände glitten von seinem Gesicht, die eine in seinen Nacken, die andere an seinen Oberarm, wo sie sich haltsuchend ins Hemd krallte und ihn näher zog. Der süße Geschmack von Taehyungs Zunge benebelte Seokjin, ließ ihn die Außenwelt ausblenden. Nur kurz trennten sich ihre Lippen, sahen sie sich tief in die Augen bevor sie sich erneut küssten.

„Wenn das jetzt noch ein wenig natürlich passiert, habe ich nichts mehr zu Meckern“, raunte er Taehyung schließlich zu, hatte ihm die Arme um die Taille gelegt und sah keinen Grund ihn wieder gehen zu lassen.

„Das bekomme ich hin“, versprach Taehyung und dieses Funkeln, welches Seokjin schon immer heiße und kalte Schauer über den Körper gejagt hatte, geisterte einmal kurz durch seinen Blick.

„Der Besuch bei deiner Familie hat dir echt gutgetan.“ Mit schweren Herzen und nur unter Widerstand ließ er es zu, dass Taehyung seine Hände von sich löste und ihn weiter zog. Erst als der Jüngere ihre Finger miteinander verflocht hörte er auf zu grummeln und sah ein, dass mitten auf einem Weg im Park nicht die beste Lokation war, um zu schmusen. Schade eigentlich.

„Etwas Abstand hat mir wirklich gefehlt. Ich sollte mehr auf dich hören, besonders wenn Yoongi mir das Gleiche predigt“, kam es kichernd von Taehyung. Seokjin antwortete nur mit einem Knurren. Es war ein verdammt hartes Stück Arbeit gewesen Taehyung davon zu überzeugen, dass er mal hier weg musste.

Seit ihrer Trennung waren dies schon die zweiten Semesterferien und die ersten die Taehyung mal für eine Pause nutzte. In den letzten hatte er jede freie Minute gearbeitet. Sogar einen Nachtjob in einem Supermarkt angenommen, während Seokjin mit seinen Eltern für einige Wochen verreist war. Es war schön gewesen, dass Taehyung danach mehr Zeit für ihn hatte, gefallen tat es ihm dennoch nicht. Er sah dem Jüngeren deutlich an, dass er eine schwere Zeit hinter sich hatte und diese ihre Schatten noch immer auf ihn warf.

Sein Blick huschte zu dem Jüngeren, dann konnte er nicht mehr an sich halten, löste ihre Finger, schlang den Arm wieder um ihn und drückte ihn näher an sich. Taehyung reagierte wie erwartet, schmiegte sich gegen ihn, schlang ebenfalls den Arm um seine Mitte und machte es ihnen so beiden bequemer zu laufen.

„Mir geht es gut, wirklich…“, versicherte er mit leiser Resignation in der Stimme. Es war immer das Gleiche. Taehyung sagte, dass er ihm gut gingen und Seokjin sah, dass es nicht stimmte. Mit der Zeit wurde es besser, aber noch immer bemerkte er die prüfenden Blicke über die Schulter, die Unruhe, wenn sie feiern waren, die skeptischen Blicke in jedes Getränk. Stören tat es ihn wenig, dass Taehyung beschlossen hatte keinen Alkohol mehr anzurühren, wenn sie sich erstmal warm getanzt hatten, kam der Jüngere auch so aus sich heraus. Momente, die Seokjin sehr genoss, doch der Grund beunruhigte ihn noch immer.

Vorwürfe machte er sich keine. Immerhin war Taehyung erwachsen, konnte und musste seine eigenen Entscheidungen treffen und das hatte er getan. Offensichtlich dumme, aber auch das war sein Ding. Er hatte Seokjin von sich gestoßen und sich dafür entschieden einen selbstzerstörerischen Lebenswandel einzuschlagen, da hätte ihn niemand von abhalten können. Dennoch würde er wohl nicht zögern diesem Namjoon eine zu verpassen, wenn er ihn irgendwann mal begegnen würde. Auch gefielen ihm manche Veränderungen nicht, die misstrauische Unruhe war eine davon, aber er war sich sicher damit leben zu können. Wenn er Taehyung wollte, dann so wie er jetzt war, den alten würde er nicht mehr zurückbekommen. Das wollte er auch nicht, auch wenn er etwas Taehyungs Leichtigkeit, mit der er das Leben sah, vermisste.

„Jin!“, quengelte es auf einmal neben ihm. Sie hatten fast den See erreicht, doch er wurde weg von dem Liegebereich hin zu einer etwas breiteren Wegkreuzung gezogen. Als er den Blick hob sah er auch den Grund und als nächstes den Bettelblick des Jüngeren. Ein erheitertes Lachen stahl sich aus seiner Kehle als er sich artig mit in die Schlange stellte.

„Was willst du?“ Auf die Frage bekam er so schnell keine Antwort, einfach nur, weil Taehyung überfordert war. Es war aber auch gemein, dass der Eiswagen eine so große Auswahl hatte, da lobte sich Seokjin doch seine klare Vorliebe für Nusseis. Wenigstens hatte so die lange Schlange vor ihnen einen Vorteil und ließ ihnen ausreichend Zeit die Vor- und Nachteile aller Geschmackskombinationen zu diskutieren, die Taehyung so vorschwebten. Kaum hatten sie die kühle Leckerei erhalten fing sich Seokjin auch schon einen wütenden Blick, während er gelassen zu dem Weg zurück schlenderte, den sie gekommen waren.

„Ich kann schon für mich selbst zahlen“, fügte Taehyung fauchend hinzu, da sein Blick ja offensichtlich nicht reichte. Er rang Seokjin jedoch lediglich ein amüsiertes Schnauben ab.

„Hör auf so zu gucken oder willst du, dass ich hier und jetzt über dich herfalle?“, erwiderte er gelassen und konnte bewundern wie Taehyung mitten in der Erwiderung erstarrte. Er liebte diesen Anblick, das wütende Funkeln in den Augen, die zart roten Wange und das Eis in der Hand, zum Lachen und Niederknien gleichermaßen.

„Sag sowas nicht…“, nuschelte Taehyung gegen sein Eis, vertiefte sich lieber darin als in Seokjins Worte. Stumm ließ er sich auslachen, während er Seokjins Hand ergriff und sich zu einem ruhigen Bereich der Liegewiesen führen ließ, um sich ein schönes Plätzchen zu suchen und es sich gemütlich zu machen. Auch der Ältere sagte nichts mehr zu dem Thema, das war zunehmend dünneres Eis. Sie trafen sich seit gut vier Monaten wieder offiziell, hatten vor drei Monaten beschlossen es nochmal versuchen zu wollen, doch näher als streicheln und küssen waren sie sich noch nicht wieder gekommen. Seokjin war sich einfach unsicher, ob Taehyung in seiner neuen Zurückhaltung nicht Dinge mit sich tun lassen würde, die er nicht wollte, also ließ er es lieber, auch wenn es ihn nervte.

Dass er Taehyung nicht mehr uneingeschränkt vertrauen konnte war der Punkt, der alles zwischen ihnen immer wieder schwierig werden ließ. Ausgiebig hatten sie über die Sache mit Jungkook und Jimin gesprochen. Taehyung hatte versucht ihm zu erklären, warum er getan hatte was tat, doch so richtig verstehen konnte Seokjin es nicht. Sie hatten sich nach diesen Gesprächen meistens Tage, manchmal wochenlang nicht gesehen. Er hatte einfach Zeit gebraucht es einzuordnen und noch immer war es schwer für ihn zu akzeptieren, wie Taehyung die Dinge angegangen war. Dennoch konnte und wollte er sich nicht von ihm fernhalten. Der Versuch war schrecklich gewesen, auch wenn er sich bemüht hatte sich mit Lernen und Freunden abzulenken, hatte es nicht richtig geklappt. Auch neuen Bekanntschaften endeten bei einer Freundschaft oder enttäuschten Hoffnungen auf der anderen Seite. Er war heillos in Taehyung verliebt, nur musste er aufpassen, sich damit nicht selbst den Hals zu brechen. Leider war nur zu offensichtlich, dass Taehyung aktuell noch genug mit sich selbst zu tun hatte. Immerhin war Seokjin noch immer der Meinung, dass er Namjoon hätte anzeigen sollen und er hatte mehr als einmal versucht ihn dazu zu überreden. Doch Taehyung wollte davon nichts hören, versteckte sich dahinter, dass nichts Schlimmes geschehen war und bemerkte nicht wie es ihn verändert hatte. Die Unbeschwertheit war weg und würde wohl auch nie wieder kommen.

„Du grübelst schon wieder“, riss der Gegenstand seiner Gedanken ihn mürrisch aus selbigen.

„Tja, du machst es mir schwer nicht zu grübeln“, erwiderte er gedehnt und Taehyungs Gesicht schob sich vor seine Augen, verdeckte damit den Himmel, an dem vereinzelte Schäfchenwolken schwebten.

„Mir geht es gut, wirklich…“, versicherte er ihm mit fester Stimme und das erste Mal glaubte Seokjin ihm. Der Glanz in seinen Augen war nicht mehr getrübt, die Schleier verschwunden, ein neues Funkeln hatte Einzug gehalten, nicht mehr so aufmüpfig wie er es kannte, aber dafür umso willensstärker. Seine Finger legten sich an Taehyungs Wange, hielten sein Gesicht wo es war, um diesen Blick noch etwas genießen zu können, er ging ihm durch und durch und er liebte es.

„Wolltest du mir nicht schon ewig deine neue Wohnung zeigen?“, kam es ihm viel zu rau und dunkel über die Lippen. Taehyungs Augen weiteten sich überrascht, bevor er verlegen schluckte.

„Bist du sicher…“, stammelte er, während er sich wieder gerade hinsetzte. Seokjin folgte ihm, setzte sich ebenfalls auf und blickte ihm entschlossen in die Augen.

„Ich bin mir schon seit Wochen sicher. Die Frage ist, ob du dir sicher bist“, erwiderte er fest, konnte es mit einem Mal nicht mehr aushalten, als Taehyung einmal nickte und sich auf die Füße stemmte. Taumelnd suchte Taehyung nach seinem Gleichgewicht, fand es erst als er sich gegen Seokjin lehnen konnte und diesen das beständige Zittern seines Körpers spüren ließ.

Schmunzelnd forderte Seokjin ihn mit Blicken auf vorzugehen, er brauchte nichts weiter sagen, alles wäre Folter gewesen und ihm ging es nur bedingt besser als dem Jüngeren. Die Ungeduld, die Taehyung an den Tag legte war ein absoluter Hochgenuss für ihn, die wackligen Schritte, die fahrigen Hände, die den Schlüssel kaum ins Schloss bekamen. Tief durchatmend betrat Taehyung schließlich seine kleine Wohnung, schob sich die Schuhe von den Füßen ohne Seokjin anzublicken und trat einige Schritte in den Raum, blieb dann unsicher stehen, traute sich aber nicht zurückzublicken.

Beeindruckt flog Seokjins Blick durch den Raum. Es war nicht viel, es war nicht groß, aber es gefiel ihm. Taehyung wohnte seit bald einem Jahr hier, hatte es angeblich nicht mehr in seiner WG ausgehalten, doch sie wussten beide, dass es einen anderen Grund dafür gab. Besucht hatte Seokjin ihn hier noch nicht. Es war immer ihr Heiligergral gewesen, denn sie erst herausholte wollten, wenn sich ihre Beziehung wieder gefestigt hatte. Sie hatten sich immer mal wieder einen Spaß daraus gemacht, sich gegenseitig mit der Möglichkeit anzuheizen und waren dann doch unverrichteter Dinge allein ins Bett verschwunden. Zwar schlief Taehyung immer öfter bei Seokjin, doch spürte dieser deutlich, dass sich der Jüngere nicht traute den ersten Schritt zu machen, auch wenn er es gerne wollte.

Geduldig beobachtete er nun wie der schmale Körper vor ihm zitternd verkrampfte, nochmal tief Luft holte und sich dann zu ihm wand. Weit von der Tür weg hatte Seokjin sich nicht bewegt, hatte sich lediglich die Schuhe ausgezogen und wartete nun wie sich Taehyung entscheiden würde.

„Na, was sagst du?“, wollte er leise wissen, die Stimme schwach. Sich räuspernd deutete er auf den Raum um sich, stand da wie verloren in dem kleinen Zimmer.

„Hübsch“, lobte Seokjin mit Anerkennung in der Stimme. Taehyung hatte ihm erzählt, dass er etwas renovieren musste. Jimin hatte ihm bei den Wänden, Yoongi beim Boden geholfen, doch das meiste hatte er allein stemmen müssen.

Ein schüchternes Lächeln schlich sich auf Taehyungs Lippen, dann hob er den Blick wieder zu Seokjins Augen und dieser konnte den Kampf darin sehen. Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, die er hatte, um abzuwarten, aber verdammt noch mal, es hatte sich gelohnt!

Mit einem sehnsüchtigen Seufzen hatte sich Taehyung nur Sekunden später an ihn geschmissen, ihn verlangend geküsst und zu seinem Bett gezogen. Zeit hatten sie beiden nicht mehr. Nach fast einem Jahr Abstinenz ging es nicht darum sich gegenseitig zu zeigen, was für eine tolle Technik man beherrschte, sondern einfach nur darum die eigene Lust zu teilen.

Taehyungs Stöhnen perlte Honigsüß durch den Raum, wurde mit jeder Berührung lauter und machte es Seokjin schwer nicht schon beim Vorspiel zu kommen. Alles was er tat ließ den Jüngeren erzittern, ihn keuchen und seufzen und steigerte seine eigene Lust ins Unermessliche. Die weichen Lippen des Jüngeren gaben ihm dann den Rest, ließen ihn unter einem unerwartet heftigen Orgasmus erzittern, der ihm den Atem verschlug.

Zufrieden aber auch erregt blinzelte der kniende Taehyung zu ihm auf, erhob sich als Seokjin ihn schwer keuchend zu sich winkte und legte sich folgsam aufs Bett. Kramte schnell in der Nachttischschublade und legte bereit was sie noch brauchen würden. Seokjin brauchte einige Momente, um sich wieder richtig zu fangen. Kämpfte mit seinem abgehakten Atem, während er die Finger nicht von dem Jüngeren lassen konnte. Wirklich koordiniert waren seine Handlungen noch nicht, weswegen er sich mit streicheln begnügte. Zufrieden nahm der Jüngere alles was er bekam, waren es flüchtige Küsse, sanfte Hände oder zärtliche Worte.

Lange brauchte es nicht, bis der sich vor Verlangen windende Körper des Jüngeren auch Seokjins Blut wieder zum Kochen brachte, seine Zurückhaltung pulverisierte und sie in einem Strudel aus Lust und Verlangen zog.


********



„Verdammt, das hab' ich gebraucht“, seufzte er zufrieden, erhielt ein Lachen als Antwort. Wohlig schnurrend drückte sich Taehyung gegen ihn, ließ sich den Nacken kraulen und zeigte deutlich, dass er genau der gleichen Meinung war.

„Viel besser als nur an dich zu denken“, raunte er zurück und ließ Seokjins Augenbraue in die Höhe schnellen.

„Was für Gedanken waren das?“, wollte er sofort wissen und Taehyung lachte auf, stützte sich auf die Ellenbogen, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

„Ungefähr genau das, was wir eben gemacht habe. Du, deine Hände, deine Lippen, meine gespreizten Beine…“, wisperte er im Näherkommen, jagte Blitze direkt in Seokjins Lenden. Er wusste nur zu genau was der Jüngere meinte, waren es offensichtlich dieselben Bilder die ihm einsame Stunden versüßt hatten.

Warm und weich trafen sich ihre Lippen. Lösten sich viel zu schnell wieder, als Taehyung sich etwas zurückzog.
„Wir müssen langsam mal duschen, sonst kommen wir zu spät.“ Der leise Widerwille in seiner Stimme traf bei Seokjin auf mehr Gegenliebe als dass er sich aufsetzte. Dennoch folgte er, verlor sich in dem Anblick von Taehyungs nacktem Rücken und streckte schon wieder die Arme nach ihm aus. Zufrieden brummend ließ sich der Jüngere gegen seine Brust ziehen, entspannte sich, während Seokjins Lippen über seinen Hals geisterten und sachte die feinen Narben streifte.

„Verätzt du mir eigentlich irgendwann mal, was der Ohrring zu bedeuten hat?“, hauchte er gegen die sensible Haut, rechnete nicht mit einer Antwort, hatte er doch bisher noch nie eine bekommen.

„Er soll mich daran erinnern, mehr auf mein Bauchgefühl zu hören. Besonders, wenn es mich warnt“, kam es leise, die Stimme seltsam hart und als Taehyung den Blick zu ihm drehte, konnte er einen stillen Schmerz darin erkennen.

„Na komm, ab unter die Dusche“, beendete der Jüngere das Thema, bevor er es vertiefen konnte. Wirklich verstehen, was Taehyung damit meinte, tat Seokjin nicht, warf dem tiefroten, fast schwarzen Stein des Ohrrings in der goldenen Fassung einen prüfenden Blick zu und beschloss es auf sich beruhen zu lassen.


********



„Seokjin, ich bin enttäuscht!“, begrüßte sie Yoongi wesentlich weniger enthusiastisch als seine Worte vermuten ließen. Dafür strahlte Jimin sie mit seinem breiten Grinsen an, zog Einen nach dem Nächsten an sich und wollte sie am liebsten gar nicht mehr loslassen. Der Rothaarige grummelte leise als Taehyung ihn an sich zog und da sie schonmal dabei waren tat Seokjin es ihm einfach gleich, ehe er sich auf den letzte freien Stuhl an Tisch fallen ließ.

„Womit habe ich dich enttäuscht, mein Bester?“, fragte er schließlich nach, als er sich einfach keinen Reim darauf machen konnte, was er falsch gemacht haben könnte.

„Ich hatte wirklich mit etwas mehr 'Standhaftigkeit' deinerseits gerechnet“, führte Yoongi weiter aus, verwirrte die beiden Neuankömmlinge und brachte Jimin zum Lachen. Mehr wollte er offensichtlich nicht dazu sagen, trank lieber einen großen Schluck seines Biers und tadelte Seokjin mit einem enttäuschten Blick. Dieser wand sich hilfesuchend an Jimin, der wusste ja offensichtlich um was es hier ging.

„Wir haben ein wenig gemutmaßt, warum ihr uns versetzt und so zufrieden wie Taehyung guckt, hatte ich wohl mit 'Die treiben's noch' recht“, erklärte er mit einer Ruhe in der Stimme, durch die Seokjin und Taehyung beide eine Sekunde brauchten bis sie rot wurden und ihn leicht geschockt anblickten.

„Ich habe auf Taehyungs Schusseligkeit gesetzt. Dass du so nachgiebig bist, habe ich nicht erwartet“, fügte Yoongi noch an und verzog die Lippen zu einem leichten Schmollmund.

„V-versetzt?“, brachte Taehyung verlegen über die Lippen, blickte sich suchend nach der Kellnerin um, brauchte offenbar dringend etwas zu trinken. Seokjin hatte es da leichter, er klaute sich einen Schluck von Jimins Bier. Da Yoongi das gleiche trank hatte Taehyung hier leider keine Chance und orderte sich lieber eine Cola als er Gelegenheit bekam.

„Du hast die Zeit vorgegeben, sieh mal nach“, erwiderte Yoongi feixend und Seokjin wusste was nun kommen würde, hätte das 'Ups' fast mitsprechen können als Taehyung den Blick auf sein Display senkte.

„Ich war überzeugte acht geschrieben zu haben…“, murmelte er schuldbewusst. Beruhigend legte Jimin ihm eine Hand auf den Arm, streichelte diesen, bis auch sein Blick verschlagener wurde.

„Schon gut, ihr hattet das beide nötig.“

„Könnten wird das Thema wechseln?“, kam es kratzig von Taehyung. Sonst um kein Wort verlegen, störte es ihn nun doch in dieser Form im Mittelpunkt zu stehen. Seokjin nahm es grinsend hin, er wusste, warum sie es sich anhören durften.

„Wir waren wirklich sehr nervig, was?“, gab er sich geschlagen und spürte Taehyungs Blick auf sich. Lächelte ihm ergeben zu und griff nach seinen Fingern.

„Schlimmer als zwei Teenager“, bestätigte Yoongi, piesackte Taehyung noch mit Blicken und genoss es sichtlich seinen Kumpel in Verlegenheit zu bringen.

„Ihr hättet auch absagen können, wenn ihr noch beschäftigt seid“, fügte Jimin noch an, meinte es wirklich nett, konnte sich ein Zwinkern zu Taehyung aber nicht verkneifen. Dieser schüttelte nur energisch den Kopf, hatte endlich seine Cola bekommen und fühlte sich wohl nun bereit für einen Gegenschlag.

„Man solls ja auch nicht übertreiben und ich wollte unbedingt mit euch auf euer Einjähriges anstoßen“, meinte er bestimmt und schloss die Finger um sein Glas.

„Das war letzte Woche“, kam es trocken von Yoongi und er fing sich einen pikierten Blick seines Kommilitonen.

„Was kann ich dafür, wenn ihr euren Jahrestag in meinen Urlaub legt?“

„Auch wieder wahr. Yoongi, wie können wir nur?“, stieg Jimin direkt darauf ein. Yoongi erwiderte ein Seufzen. Legte Jimin eine Hand in den Nacken und küsste ihn verlangend. Ließ sich reichlich Zeit sich wieder von ihm zu lösen und bedachte ihn danach mit einem Blick, bei dem die Funken nur so sprühten.

Ihre Beobachter fühlten sich fasziniert und eine Spur unwohl, spürten doch beide, dass sie Zeuge eines viel zu intimen Moments waren und konnten einfach nicht wegschauen.

„So können wir“, raunte Yoongi schließlich und seine dunkle Stimme ließ nicht nur Jimin erschauern.

Sich räuspernd machte Seokjin sie darauf aufmerksam, dass sie nicht allein waren. Eine Tatsache die Yoongi rein gar nicht zu stören schien, der grinste nur zufrieden und erhob sein Glas.

„Na dann, lasst uns anstoßen und den Abend genießen!“
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