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Eine Liebe in vier Akten

von Pingulina
GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / MaleSlash
Jimin Jungkook Kim Seokjin Suga V
15.07.2019
28.06.2021
103
265.184
41
Alle Kapitel
166 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
14.06.2021 4.444
 
Vierter Akt - Dreizehnte Szene: 15 Minuten


Ein brennender Schmerz riss Taehyung aus seinen wirren Träumen, katapultierte ihn in die Realität ohne ihm die Möglichkeit zu lassen zu verstehen was geschah. Er spürte nur den beißenden Schmerz hinter seiner Stirn, ein Stechen im Rücken und Brennen in den Fingern. Seine Zunge klebte am Gaumen, ließ sich erst lösen als er krampfhaft ein paar Mal schluckte und versuchte nicht gänzlich in Panik zu verfallen. Seine Glieder wirkten taub, reagierten nicht, als er sich bewegen wollte und das Gefühl der Decke auf der nackten Haut ließ ihn immer wieder in einen Strudel aus Angst versinken.

Egal wo er war, er wollte weg! Fühlte sich ausgeliefert, zu ohnmächtig sich selbst zu helfen, obwohl er nicht mehr schlief. Es dauerte eine qualvolle Ewigkeit, bis er es schaffte die Augen zu öffnen, träge blinzelnd den Blick zu fokussieren. Faltiger Stoff erstreckte sich vor seinem Gesicht, legte an der Knopfleiste etwas Haut frei. Vorsichtig ließ er den Blick höher gleiten, erkannte ein fein geschwungenes Schlüsselbein und dass die Brust darunter sich gleichmäßig hob und senkte.

Wer auch immer da vor ihm lag, schlief.

Erleichterung flutete für einen kurzen Moment seine Adern, bis sich die Person zu bewegen begann und erst jetzt bemerkte er den Arm, der um ihn lag, ihn nun enger an den anderen zog. Sofort reagierten seine Muskeln, verkrampften und versuchten ihn zur Ruhe zu zwingen. Doch zu spät, es war längst bemerkt worden, dass er wach war. Die Panik trieb ihm Tränen in die Augen. Er wollte doch nur weg, sich unter seiner Bettdecke verstecken und so tun als sei das alles nie gewesen, doch er konnte nicht, lag gefangen in den Armen, die ihn festhielten.

„Zapple nicht so, Tae“, murmelte der Schlafende und Taehyungs konfuses Gehirn gaukelte ihm vor Jimins Stimme zu hören. Ein tonloses Lachen quälte sich aus seiner Kehle, ließ seinen Körper erzittern und die Finger noch mehr schmerzen. Den Blick noch immer starr, fast apathisch auf das bisschen Hemd und Haut vor seiner Nase gerichtet, wartete er einfach nur. Betete, dass er aus diesem Traum erwachte oder irgendetwas anderes geschah, ihn jemand retten kam. Ihn fortholte von hier und seinen gruseligen Gedanken.

Ein lauter Knall ließ ihn unter Schmerzen zusammenzucken und die Augen wieder zukneifen. Die Person vor ihm schnaubte genervt, während ihm noch die Ohren klingelten und er sich ganz automatisch näher an ihn drückte. Eine warme Hand legte sich unter der Decke auf seinen Rücken, strich darüber und schaffte es seine Nerven so weit zu beruhigen, dass er gegen seinen lauten Herzschlag wieder Geräusche wahrnahm.

„Ich will hier auch schlafen“, grummelte wieder Jimins Stimme und ein weiterer Schreck durchfuhr Taehyung. Plötzlich ging es ganz leicht, die Augen flogen auf und sein Kopf ein wenig in den Nacken, um das Gesicht des vermeintlich Fremden sehen zu können. Tatsächlich! Jimin lag vor ihm. Hatte die Augen unzufrieden zusammengedrückt und zog ihn wieder dichter an sich.

„Ihr habt lange genug geschmust.“

Vollkommen verdattert und überfordert lag Taehyung einfach nur da, konnte nicht verstehen was Yoongi meinte. War sich nicht einmal sicher, dass es Yoongi war und betete lieber doch wach zu sein. Egal wo er war, wenn Yoongi und Jimin hier waren, hatte er gute Chancen hier halbwegs heile herauszukommen.

Dann zog sich auch schon der wärmende Stoff von ihm und kühle Luft ließ ihn frösteln, Jimin unwillig grummeln und ihn näher an sich ziehen.

„Aufstehen, alle beide!“, war es wieder Yoongis Stimme, die sie zu Taten aufforderte und dabei unerwartet heiter klang.

„Du bist doof“, grummelte Jimin noch, schlug dann doch die Augen auf und blinzelte über Taehyung hinweg.

„Tae, du auch. Aufwachen!“

„Er ist wach“, erwiderte Jimin gähnend, grinste ihm kurz zu, bevor er den Blick wieder hob.

„Gut, dann nimm endlich die Finger aus Jimins Hemd, der stirbt schon tausend Tode vor Sorge.“ Verwirrt blickte sich Taehyung suchend nach den eigenen Händen um, fand sie in Jimins Hemd verkrallt, die Knöchel weiß hervorgetreten. Als er versuchte sie zu lösen, zuckten schmerzhafte Blitze seine Arme hinauf, die Finger selbst fühlten sich taub an, begannen erst unangenehm zu kribbeln als er sie endlich lösen konnte. Während Taehyung die Finger vorsichtig streckte, glitt Jimins Blick prüfend über den Teil des Hemdes, den sie eben noch umklammert hielten und ein tiefes Seufzen zog sich durch den Raum.

„Sieht schlecht aus“, kommentierte er und setzte sich auf, blickte zu Taehyung und hielt ihm die Hand hin, um auch ihm in eine sitzende Position zu verhelfen. Artig griff dieser nach der Hand, ließ sich ziehen und drehen wie es Jimin beliebte, war er selbst doch noch zu überfordert, um zu wissen, was er tun sollte. Mit einem Blick an sich herunter stellte er erleichtert fest, dass er wenigstens noch seine Boxershorts trug, ihm mit dieser aber eindeutig zu kalt war.

Suchend glitt sein Blick über die Matratze und der Wunsch nach seiner Bettdecke erfüllte sich schneller als erwartet, reichte Yoongi ihm diese doch schon, kaum dass er sah wie er sich fröstelnd die Arme rieb. Erst als er sich fest in die Decke gehüllt hatte wurde ihm klar, dass er in seinem Zimmer war, in seinem Bett.

„Was ist gestern passiert? Ich meine… ihr seid hier… wie komme ich hier her…?“, stammelte er vor sich hin, konnte die Fragen in seinem Kopf nicht trennen und versuchte alle auf einmal zu stellen.

Jimin und Yoongi warfen sich einen Blick zu, schienen stumm zu beratschlagen wie sie vorgehen wollten und Yoongi wählte einen praktischen Ansatz. Stand auf, ging zum Schreibtisch und kam mit Kaffee und Sandwiches wieder, reichte etwas davon an Jimin weiter, welcher Taehyung vorsichtig einen der Becher hinhielt und abwartete bis dessen Finger sich sicher um die Pappe gelegt hatten. Der Kaffee war nicht mehr heiß, genau richtig zum Trinken und schnell war der halbe Becher seine ausgedörrte Kehle hinuntergeflossen und seine Lebensgeister regten sich langsam wieder.

„Was weißt du noch von gestern?“, setzte Yoongi zur Gegenfrage an und erntete von Taehyung ein schmerzvolles Verziehen der Mundwinkel. Musste der nun seinen Kopf einschalten? Der tat so weh, wenn er den benutzte. Wenigstens war Jimin so nett seine Schulter als Kissen für Taehyungs empfindlichen Kopf herzugeben und dieser genoss kurz die beruhigende Nähre, während er versuchte die Schleier in seinen Gedanken zu lüften und dahinter zu blicken. Sein Kreislauf stabilisierte sich langsam und nach und nach dämmerte ihm auch wieder was eigentlich geschehen war und wovor genau er solche Angst gehabt hatte. Nachdenklich glitt sein Blick über die beiden Personen, die mit ihm auf seinem Bett saßen, konnte sich keinen Reim darauf machen was sie hier wollten und die Angst kämpfte sich wieder in ihm empor.

„Ich…“, setzte er an, zuckte leicht zusammen als die Köpfe der beiden sich zu ihm drehten und ihn erwartungsvoll anblickten. Die Stille war erdrückend gewesen, die Neugierde der anderen beide fast greifbar, auch wenn sie schweigend gewartet hatten, bis Taehyung das Wort ergriff.

„Ich war mit Namjoon trinken und… irgendwann wurde alles verschwommen… ein Kumpel von ihm kam immer wieder vorbei… ich dachte die beiden hätten…“ Er brach ab, hatte den Blick längst auf seine Hände gesenkt und zog die Decke fester um sich. Er wollte nicht an das denken, was vielleicht passiert sein könnte, fühlte er sich doch gerade viel zu schutzlos. Eine Hand wanderte durch sein Haar, ließ ihn heftig zusammenzucken und verschwand gleich wieder. Als er aufblickte traf er auf Jimins besorgte Augen, mühte sich ein Lächeln ab und lehnte sich etwas gegen ihn, war froh, dass Jimin einfach nur stillhielt und ihn selbst bestimmen ließ wie viel Nähe er gerade wollte.

„Also hast du meinen heldenhaften Auftritt gar nicht mitbekommen“, stellte Yoongi mit gespielter Enttäuschung in der Stimme fest. Taehyungs Augen weiteten sich interessiert und nur mit Blicken drängte er ihn weiterzusprechen.

„Er hat Namjoon eine verpasst als der dich aus dem Club schaffen wollte und wir haben dich hergebracht“, fasste Jimin zusammen was Taehyung hören wollte und kassierte dafür einen tadelnden Blick von Yoongi. Nach einem kurzen Blick zu Taehyung nickte er aber nur noch leicht und schlug diesem freundschaftlich gegen die Schulter.

„Woher wusstet ihr wo ich war?“ Die Geschichte klang zu gut, um wahr zu sein und die Angst jeden Moment aufzuwachen wuchs wieder in ihm.

„Von dem Bild, das du mir geschickt hast.“

Taehyungs Blick wanderte zu Jimin, musterte ihn verwirrt, verstand nicht was er meinte. Dieser kramte nur in seiner Hosentasche und hielt ihm kurz später ein Foto von sich und Namjoon vor die Nase, welches definitiv am letzten Abend entstanden war. Er konnte sich selbst ansehen, dass er neben sich stand, so sehr wie wohl noch nie in seinem Leben.

„Ich verstehe das nicht... ich habe dir das geschickt?“ Sein Blick huschte zwischen den anderen beiden hin und her und auch diese tauschten einen besorgten Blick.

„Wir hätten ihn doch ins Krankenhaus bringen sollen“, kam es von Yoongi und ein schuldbewusstes Grummeln antwortete ihm. Nun noch verwirrter stieg langsam wieder Panik in Taehyung auf, konnte er doch immer weniger folgen. Krankenhaus? Warum das?

Wieder strichen Finger durch seine Haare, kraulten seinen Nacken und Jimin lächelte ihn beruhigend an.

„Mal langsam und von vorne. Du hast mir das gestern Abend geschickt und wir haben uns Sorgen gemacht. Ich habe Namjoon zwar echt lange nicht mehr getroffen, aber wirklich vertrauenerweckend hat er auf dem Bild nicht gewirkt, daher sind wir dich suchen gegangen. Hoseok kennt ihn aus der Untergrundszene, die sind sich da wohl auf verschieden Hiphop Veranstaltungen begegnet und waren letztens gemeinsam aus. Zumindest hat er den Laden erkannt, wo ihr wart und wir sind da hin“, berichtete Jimin nun ausführlicher, holte immer wieder aus, wenn Taehyungs Blick zu verwirrt wurde und wartete sein Nicken ab, bevor er fortfuhr. Yoongi nickte nur hin und wieder, blickte zwischen den beiden Jüngeren hin und her und tastete nebenbei nach Jimins freier Hand.

„Als wir ankamen, hat Namjoon gerade versucht dich mit einem Kumpel zusammen rauszubringen. Wir haben höflich Hilfe angeboten, er hat unhöflich abgelehnt, Yoongi hatte schlagkräftige Argumente und wir durften dich mitnehmen. Du hast so neben der Spur gewirkt, dass Yoongi dich am liebsten ins Krankenhaus gebracht hätte.“

„Soll man auch bei Drogen, oder was auch immer du geschluckt hast, machen. Guck nicht so! Wir waren oft saufen und so warst du nie drauf“, warf Yoongi ein und der Ernst in seiner Stimme erstickte Taehyungs Hoffnung, dass er scherzte. Hatte er deshalb so schnell die Kontrolle verloren und sein Bewusstsein gleicht mit? Seine Erinnerungen waren zu vage, um es zu sagen, doch das mulmige Gefühl im Magen blieb.

„Auf dem Weg hier her hast du dich dann noch in die Büsche übergeben und ich hatte gehofft, dass das reichen würde… zur Sicherheit sind wir die Nacht über hier geblieben, nicht dass doch noch was ist“, beendete Jimin seinen Bericht und strich Taehyung nochmals durchs Haar, während dieser lakonisch vor sich hin nickte.

„Deine Klamotten sind übrigens im Müll, die hast du so gezielt eingesaut, da bringt auch waschen nichts mehr“, meldete Yoongi sich wieder zu Wort und bedachte Taehyung mit einem frechen Grinsen, erweckte in ihm aber kein Lachen.

„Ihr seid echt die ganze Nacht hier geblieben?“, murmelte er etwas überfordert vor sich hin. Bei Yoongi konnte er es noch verstehen, aber Jimin? Der hatte doch eigentlich keinen Grund sich um ihn zu kümmern, genauso wenig wie er keinen hatte, hier zu sitzen und ihm Geborgenheit zu geben.

„Naja, wie man's nimmt. Jimin hat sich hinter dem Vorwand versteckt, du würdest sein schönes Hemd zerreißen, wenn er sich losmachen würde und ich wollte euch zwei nicht die Nacht über unbeaufsichtigt lassen.“ Das Funkeln in Yoongis Augen machte klar, dass er Jimins Begründung keine Sekunde geglaubt hatte, dieser zuckte nur die Schultern, konnte eine leichte Röte um die Nase jedoch nicht verbergen.

Mit jedem Wort der beiden kehrte wieder Ruhe in Taehyung Verstand ein, wuchs die Gewissheit, dass er wirklich dem Schlimmsten entkommen war. Doch etwas an Jimins Worten störte ihn, ergab für ihn keinen Sinn.

„Moment mal. Du kennst Namjoon?“

Jimins Augen verdunkelten sich schlagartig und ein unsicherer Blick wanderte zu Yoongi, kommunizierte stumm mit ihm, bis dieser nickte.

„Er ist Jungkooks großer Bruder“, setzte er an, musste sich unterbrechen als Taehyung überrascht die Augen aufriss und scharf die Luft einsog. Bitte was war Namjoon? Der nervige, arrogante kleine Bruder, der mit ihm ausgehen wollte, sollte Jungkook sein? Gut, wenn man es so formulierte ergab es durchaus Sinn. Dennoch war diese Information gänzlich neu und überraschend für ihn.

„Ich kenne ihn nicht besonders gut, nur aus unserer Schulzeit, wenn ich bei Jungkook war, bevor seine Eltern ihn rausgeschmissen haben. Jungkook hatte mir erzählt sein Bruder sei aus der Familie geflogen, da er sich als schwul geoutet hatte und mit seinem Freund zusammen leben wollte. Danach sei der Kontakt abgerissen.“ Alles an diesem Bericht wirkte verwirrend und falsch. Begonnen bei der Tatsache, dass Jungkook Taehyung etwas gänzlich anderes über seinen Bruder berichtet hatte, bis hin zu Yoongis süffisant zufriedenem Blick, während Jimin sprach. Seine Augen flogen zwischen den beiden hin und her, konnten sich nicht entscheiden, wen er fragend anschauen sollte.

„Das ergibt keinen Sinn. Jungkook hat immer erzählt sein Bruder hätte eine Drogenkarriere hinter sich und seine Eltern würden gerade alles versuchen, um ihn wieder auf die Bahn zu bekommen“, stammelte Taehyung vor sich hin, auch wenn ihm klar war, dass Jungkook ihn belogen hatte. Die Gedanken kreisten wie wild in seinem Kopf und mussten einfach raus, bevor ihm noch schlecht wurde.

„Dann hat er dir mehr von der Wahrheit erzählt als mir“, warf Jimin bitter ein und Yoongi lachte auf, zog damit Taehyungs Blick auf sich.

„Was ist so lustig?“

„Der Grund warum Jimin das weiß“, erklärte er unpassend heiter und forderte den Genannten mit Blicken auf es zu erklären.

„Nach dem Bild wollte ich wissen, was mit Namjoon wirklich los ist, auch weil ich nicht glauben konnte, dass er nur aus Zufall neben dir saß“, begann er und Taehyung rückte etwas von ihm ab, um ihm besser ins Gesicht blicken zu können, lehnten sich dabei mehr gegen die Wand und zog die Decke enger um sich.

„Ich bin zu seiner Mutter gegangen und habe bei ihr nachgefragt. Zuerst wollte sie mir nichts sagen, als ich ihr dann erzählt habe was Jungkook so abzieht und was wohl auch Namjoon anstellt, wurde sie gesprächiger.“ Er stoppte kurz, trank einen Schluck von seinem Kaffee und blickte prüfen zu Taehyung, sichergehend das dieser auch folgen konnte. Nach einem bestätigenden Nicken setzte er erneut an.

„So wie sie erzählt hat, ist Namjoon wohl am Ende der Schule in den falschen Freundeskreis abgerutscht, hat begonnen Drogen zu nehmen und sich schließlich prostituiert, um das zu finanzieren. Seine Eltern waren nie begeistert, dass er schwul ist, haben es aber akzeptiert, auch bei den Drogen boten sie Hilfe an, die er ausschlug. Als er allerdings seine Freier mit nachhause brachte, schmissen sie ihn raus und brachen den Kontakt ab, um sich und vor allem Jungkook, zu schützen. Sie hat hin und wieder etwas von ihrem Ältesten gehört, ihm ging es wohl besser, aber sie glaubt nicht, dass er aus seinem Umfeld raus ist. Vielleicht ist er clean, ganz sicher vom Strich weg, aber sie denkt, dass er entweder dealt oder als Zuhälter auftritt, um sein Leben zu finanzieren.“ Ein mitleidiger Blick huschte über Taehyung hinweg und traf auf Unverständnis. Was sollte das mit ihm zu tun haben? Nur langsam kämpfte sich eine schrille, stechende Erkenntnis zu ihm durch, schrie ihn an und ließ die Erinnerungen an den letzten Abend wieder aufleben.

„Und was ist daran nun so lustig?“ War alles was er herausbrachte. Was Namjoon versucht hatte mit ihm zu machen war zu viel für seinen Verstand, das schaffte er noch nicht zu realisieren. Er konzentrierte sich lieber auf die kleinen Dinge, die mit denen er klarkam.

„Dass Jimin zwei erwachsene Männer bei ihrer Mama verpfiffen hat und die heute zum Rapport antreten dürfen“, kam es trocken, mit einer Zufriedenheit in der Stimme, die selbst Taehyung alles andere Gehörte kurz vergessen ließ. Ein Schmunzeln flog über seine Lippen, als es sich bildlich vorstellte.

„Das klärt aber noch nicht die Frage wie Namjoon auf mich gekommen ist. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er wusste, dass ich was mit Jungkook hatte“, warf er schließlich ein und die Gedanken begannen sich wieder in seinem Kopf zu drehen. Namjoon hatte ihn sowohl mit Seokjin als auch Jimin gesehen, aber wenn er von der Sache mit seinem Bruder gewusst hätte, hätte er doch sicher was gesagt, oder?

Jimin atmete tief durch, runzelte die Stirn und blickte Taehyung schulterzuckend an. „Seine Mutter meinte, dass die beiden wohl Kontakt haben. Das gefällt ihr nicht und sie versucht es zu unterbinden, aber ganz verhindern kann sie es nicht. Ich vermute daher, dass die beiden sich getroffen haben, nachdem oder bevor Jungkook sich mit dir getroffen hat und Namjoon dich dabei eher zufällig gesehen hat.“

Leicht den Kopf schief legend nippte Taehyung an seinem Kaffee, ließ den Blick zu Yoongi schweifen und auch dieser schien von etwas Ähnlichem auszugehen.

„Was eine Scheiße“, brummend lehnte er sich wieder gegen Jimin, ließ sich etwas in den Arm nehmen und wartete bis dieses verdammte Beben seines Körpers endlich gänzlich nachließ.

„Und was willst du jetzt machen?“, ergriff Yoongi schließlich wieder das Wort, nachdem sie ihr Frühstück schweigend verputzt hatten. Taehyung musste ihn nicht ansehen, um zu wissen was er meinte, drückte sich lieber noch etwas an Jimin, um die böse Welt noch ein klein wenig auszusperren.

„Duschen, danach zur Arbeit und beten, dass ich das durchstehe“, erwiderte er schließlich. Erntete einen besorgten Blick von seinem Kuschelkammeraden und ein spöttisches Lachen von Yoongi. Lag es daran, dass er so offensichtlich den eigentlichen Sinn der Frage ignorier hatte? Der Blick des Älteren blieb noch einen Moment auf ihn gerichtet, ein leichtes Nicken, Akzeptanz für seinen stillen Wunsch nach Zeit und der Blick gilt weiter zu Jimin.

„Gut, dann gib mir meinen Freund zurück.“ Jimin sah leicht verdutzt aus, Taehyung war enorm verwirrt, ob dieser Aussage. Yoongis Art war manchmal einfach viel zu viel für ihn und dennoch war er froh über den Themenwechsel, der ihn etwas den Druck von der Lunge nahm, den die stille Angst auf ihn ausübte.

„Ihr seit zusammen?“, kam es kratzig und zu hoch von ihm. Die Worte schmerzten in seiner Kehle und kamen ihm unendlich dumm vor als er Yoongis Lachen hörte.

„Du hast fünf Sekunden um zu Widersprechen. Sonst ist es offiziell, vor Zeugen.“ Die Worte gingen an Jimin, doch auch Taehyung hatte das Gefühl sich entscheiden zu müssen. Der Kleinere zog skeptisch eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts und strich Taehyung lieber einmal sacht über den Rücken.


********



Seit diesem Morgen hatte er Namjoon nicht wieder gesehen. Soweit er wusste, hatte der wohl die Stadt verlassen, wollte sich einer möglichen Anzeige und der daraus folgenden Strafe entziehen. Taehyung nahm es hin, war lediglich erleichtert, den anderen nicht wiedersehen zu müssen, auch wenn er sich immer wieder umschaute, um sicherzugehen.

Das Wochenende war anstrengender für ihn verlaufen als er es sich hätte ausmalen können. Nicht nur schaffte er es lediglich mit Yoongis und Jimins Hilfe pünktlich auf der Arbeit zu sein, sein Chef hatte sich auch einen kleinen Denkzettel für sein Verhalten der letzten Wochen ausgedacht und ihn den Lagerraum wienern lassen, bis dieser wie neu glänzte. In einem engen Raum, mit Kater und reichlich Putzmitteldämpfen arbeiten zu müssen hatte am Abend seinen Kreislauf in die Knie gezwungen und ihn ans Bett gefesselt. Wieder einmal schwor er sich nie wieder Alkohol anzurühren und er war sich sicher, wenn es diesmal nicht klappte, würde es das niemals tun.

Mit jedem Tag, der verstrich beruhigte sich alles wieder, die Uni nahm ihren gewohnten Gang, sein Chef hatte ihm verziehen und Jimin allem Anschein nach auch. Nach dem Morgen zu dritt war er immer mal wieder mit Yoongi mitgekommen, hatte ihre Freundschaft Stück für Stück wieder aufleben lassen und erst jetzt merkte Taehyung richtig, wie wichtig sie ihm war. Er war maßlos erstaunt, als Jimin ihm sagte, dass er ihn verstehen konnte, seinen Weg zwar nicht gewählt hätte, aber es nachvollziehen könne. Dass er Zeit gebraucht hatte, um alles zu überdenken und einzuordnen konnte er wesentlich besser verstehen, als dass Jimin zu dem Schluss gekommen war, ihn nicht aus seinem Leben zu streichen und er sich sogar bei Hoseok dafür stark machte, dass der Taehyung in der Mensa nicht vom Tisch warf. Das würde wohl noch ein längerer Kampf werden, saß Hoseok doch noch immer mit Todesblick da und starrte ihn in Grund und Boden, aber er sagte nichts mehr.

So kehrte langsam, aber stetig eine angenehme Normalität zurück in Taehyungs Leben, ließ ihn erkennen wie selbstzerstörerisch sein Verhalten gewesen war. Er bereute mittlerweile eine menge Dinge der vergangenen Monate. Sich auf Jungkook eingelassen zu haben allen voran, auch wenn er sonst Jimin nicht kennengelernt hätte. Aber schlussendlich war der Jüngere der Auslöser für den ganzen Schlamassel gewesen in dem er sich selbst, ohne zu zögern, das Herz bracht.

Es war ein geschäftiger Donnerstagnachmittag im Café, die Kunden drängten sich, wollten Kaffee im Minutentakt und Taehyung fand keine freie Minute zum Durchatmen. Eigentlich mochte er den hektischen Betrieb, nur heute war er viel zu müde, hatte gestern noch bis in die Nacht mit Jimin und Yoongi gelernt und war schließlich in Jimins Bett eingepennt. Anfangs fand er es noch befremdlich, dass der Kleinere in das freie Zimmer von Yoongis WG eingezogen war. Die beiden waren noch nicht lange zusammen und er fand es verfrüht, konnte Yoongis Erklärung aber auch verstehen, immerhin kannte er seine Schimpftiraden über seine ehemaligen Mitbewohner. Seit Jimin bei ihm wohnte hatte er noch keine Beschwerden gehört und sie hatte nun mehr oder weniger ein Gästebett, welches Taehyung nur zu gerne in Anspruch nahm.

„Einen schwarzen Kaffee und 15 Minuten deiner Zeit bitte“, kam die nächste Bestellung und ließ Taehyung verwirrt aufblicken. Hatte sein Chef dem Kuchen schon wieder kreative Namen gegeben?

„Zum Mitnehmen?“, sprudelte ihm über die Lippen, bevor er sein Gegenüber erkannte und ihm der Atem stockte.

„Eigentlich nicht… Aber so voll wie es ist wäre es besser.“

Taehyung nickte nur, wirbelte zum Kaffeeautomaten und kritzelte schnell etwas auf seinen Bestellblock, während er wartete. Die Nachricht seitlich unter den Deckel des Kaffees geklemmt reichte er die Bestellung an sein Gegenüber, kassierte ab und blickte ihm mit rasendem Herzen nach.

Die halbe Stunde bis zum Feierabend zog sich endlos und als sie endlich endete hielt ihn nichts mehr auf seinem Platz hinterm Tresen. Eilig spurtete er nach hinten, zog sich hektisch um und war aus der Tür des Hintereingangs keine Minute, nachdem seine Schicht geendet hatte. Dummerweise achtete er nicht richtig auf seine Füße, stolperte, taumelte mehrere Schritte und blieb im viel zu kurzen Abstand vor der Person, die in der Gasse auf ihn wartete, stehen. Diese machte einen Schritt nach hinten, wich ihm aus und Taehyungs Magen zog sich schmerzhaft zusammen.

„Was kann ich für dich tun?“, bemühte er sich möglichst freundlich zu fragen, konnte das Beben in seiner Stimme aber selbst mehr als deutlich hören.

„Wie hast du es geschafft Jimin wieder auf deine Seite zu ziehen?“, kam es ruhig, ließ jedoch Taehyungs Augen sich überrascht weiten.

„Ähm…“, setzte er überfordert an. „Keine Ahnung… eigentlich habe ich nichts gemacht, er hat einfach für sich beschlossen, dass es für ihn in Ordnung ist.“

„Einfach so? Und wie hast du es geschafft ihn dazu zu bringen bei mir ein gutes Wort einzulegen?“

Nun fielen Taehyung wirklich fast die Augen aus dem Kopf. Bitte was hatte Jimin gemacht?

„Er hat ein gutes Wort bei dir eingelegt?“ Die Überraschung ließ seine Stimme schwanken, während er in Seokjins Gesicht die Antwort suchte. Dieser grinste aber nur zufrieden, nickte etwas vor sich hin und trank gemütlich einen Schluck aus seinem Becher.

„Ich habe lange über alles nachgedacht und denke, dass ich dir die Chance lassen sollte dich in Ruhe zu erklären“, setzte Seokjin nachdenklich an, ignorierte Taehyungs Frage gekonnt und musterte diesen lieber eingehend. Der Jünger glaubte sich verhört zu haben.

„Willst du das wirklich? Du hast mich direkt blockiert und sind wir mal ehrlich, Entscheidungen aus dem Bauch heraus sind meistens nicht die falschesten.“

„Stimmt.“ Das Wort saß mit seiner schneidend kalten Stimme und ließ die zarte Freude in Taehyungs Herzen wieder verwelken. Sie war eh verfrüht gewesen, sie hätte keine Chance gehabt. Vielleicht war es besser, wenn sie dieses Kapitel schlossen, auch wenn es weh tat.

„Dummerweise wollte mein Bauch an dem Tag direkt zu dir zurück und es klären und mein Kopf meinte, ich sollte erstmal Abstand nehmen.“

Seokjin ließ Taehyung Zeit die Worte zu verdauen, dennoch brachte er nicht mehr zu Stande, als ihn mit offenem Mund anzustarren.

„Lass uns am Samstag esse gehen, ich schreib dir wann und wo“, schlug sein Gegenüber schließlich vor und wartete das zögerliche Nicken des Jüngeren geduldig ab. Tausend Worte stapelten sich auf Taehyungs Zunge, doch keines wollte über seine Lippen und so blickte er Seokjin stumm hinterher, während dieser die Gasse verließ.

Seine Stimme nahm ihre Arbeit erst eine Stunde später wieder auf, als Taehyung unruhig auf seinem Bett hin und her zappelte und sein Handy klingelte. Er hatte eine Nachricht erhalten und ein Freudenschrei löste sich aus seiner Kehle.



+Ende+






Hallo ihr Lieben,

es ist geschafft, nach fast zwei Jahren hat die Geschichte, rund um Jimin, Taehyung und ihr Liebesleben, ihr Ende gefunden. Für alle die auf ein Happy End und ein Wiederaufleben der Freundschaft zwischen Jimin und Taehyung gehofft hatten, bitte schön. Ich finde tragische Enden zwar auch gut, diese müssen aber zur Geschichte passen und bei der hier herrschenden Grundstimmung war das von vornherein ausgeschlossen, etwas zappeln lassen musste ich euch dennoch, man gönnt sich ja sonst nichts. Dies hier war etwas unbeabsichtigt mein bisher größtes Projekt und ich hoffe für euch eine spannende Reise.

Vielen Dank an alle die bis hierher dabei waren, ob still oder mit Reviews ich freue mich über jeden einzelnen dessen Interesse ich wecken und halten konnte. Ein ganz besonderes Danke geht natürlich an alle die sich die Zeit genommen haben, um mir ihre Eindrücke mitzuteilen.

Im Laufe der Geschichte wurde immer mal wieder angemerkt, dass auch die Sichtweisen anderer Charaktere gewünscht wären, was ich aber aufgrund der Struktur der Geschichte nicht umsetzen konnte. Jedoch habe ich mich dazu entschieden noch zwei weiteren Charakteren ein wenig Zeit einzuräumen in zwei Zugaben, die in den kommenden beiden Wochen erscheinen werden. Um keine falschen Hoffnungen zu wecken, Yoongi ist keine dieser Personen, da er in allen Akten vorkam und seine Sicht der Dinge auserzählt ist. Dennoch hoffe ich ihr bleibt gespannt und mit Interesse dabei.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine wundervolle Woche und kann das doch etwas Schmerzhafte bis bald noch etwas aufschieben und verabschiede mich bis nächsten Montag.
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