Schlafparalyse - Tylers Geheimnis

von Jayge
GeschichteAngst, Horror / P18
15.07.2019
11.11.2019
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Nachdem Ben meine Fußfessel entfernt hatte, folgte ich ihm aus dem Verlies hinaus auf einen langen dunklen Gang ohne Fenster. Am Ende des Ganges führte eine lange Wendeltreppe nach oben. Die Treppe war in etwa so hoch, wie vier Stockwerke eines Hauses in der realen Welt. Am Ende der Treppe befand sich eine lange steinerne Brücke, die zur Burg führte. Unter ihr tosten die Wellen, während sie an den Felsen zerbrachen.

Verwundert blickte ich über das steinerne Geländer der Brücke nach unten. Plötzlich fühlte ich Bens Hand auf meiner Schulter. Ich drehte meinen Kopf zu ihm und sah ihn fragend an.

„Peter hat mir aufgetragen auf der Brücke besonders auf dich achtzugeben. Er meinte, du könntest auf dumme Gedanken kommen.“

Ben musste also aufpassen, dass ich nicht sprang? Ich sah wieder zurück auf das dunkel-schwarze Wasser unter mir.

„Ist das das Meer?“, fragte ich. „Wie kann das sein? Ich dachte wir sind hoch oben auf einem Berg?“

„Das ist ein See“, antwortete Ben. „Ich weiß, er sieht aus wie das Meer, wenn es gerade stürmt.“

Ben führte mich über die Brücke zur Burg. Es war ein sehr langer Weg dorthin. Wir gingen ungefähr zwanzig Minuten lang in der Eiseskälte. Das Kleid half kein bisschen gegen die Kälte, doch Ben gab mir einen großen, schweren Umhang. Er half, doch ich fror trotzdem, weil der Wind in jede Öffnung des Umhangs hindurch zu meiner Haut drang.

Kai war also Peter Pan! Oder sah Peter Pan nur so aus wie Kai? Oder spielte mir die Vernunft einen Streich? Ich hatte Kai in der realen Welt gesehen, doch es war alles so verworren gewesen. Teilweise hatte ich nicht einmal gewusst, in welcher der drei Welten ich gerade gewesen war. Und plötzlich war da nur noch Kai gewesen. Es konnte genauso gut sein, dass ich Kai nur in der realen Welt gesehen hatte, aber mit dem Kopf noch so sehr in Nimmerland gewesen war, dass ich die Realitäten durcheinandergebracht hatte. Vielleicht war Nimmerland gerade die prägendste Welt für mich gewesen und Kai die prägendste Person, sodass ich beiden in einem gesehen hatte.

Oder aber hatte ich mich so sehr vor Kai erschreckt, dass ich in Nimmerland in Peter Pans Gesicht gesehen hatte und vor Schreck aber immer noch Kai vor Augen gehabt hatte.

Alles davon war durchaus möglich, ich musste mich jedoch auf das Schlimmste gefasst machen.

Die Brücke führte zum dritthöchsten Turm der Burg. Im Turm führte wieder eine lange Wendeltreppe nach unten. Diese war so schmal, dass Ben wegen seines Gewichts Schwierigkeiten hatte vorwärts zu kommen. Er schob mich vor sich her. An ihm vorbeizukommen wäre eine Unmöglichkeit gewesen.

Es kam mir so vor, als wären wir zehn Stockwerke nach unten gestiegen. Ab und zu führte eine Tür  aus dem Treppenhaus hinaus, doch wir gingen nach ganz unten. Unten angekommen führte ein großer Rundbogen aus dem Treppenhaus hinaus. Ganz am Ende wurde die Treppe breiter, sodass sie genau im breiten Rundbogen endete und zum Boden des riesigen Innenhofs der Burg wurde. Überall lag Schnee. Es gab viele Sträucher und Bäume, einen Brunnen und einen Eingang zu einem Stall, in dem wahrscheinlich Pferde standen.

Ben führte mich über den Hof am Brunnen vorbei.

Plötzlich sprang eine schneeweiße Katze auf den Rand des Brunnens. Ich erschrak ein bisschen, da ich das weiße Tier im Schnee nicht gleich erkannt hatte.

„Oh!“, sagte ich und ging einen Schritt auf die Katze zu. Was für ein süßes Ding!

„Weg von ihr!“, befahl Ben, doch ich hatte längst meine Arme nach ihr ausgestreckt und die Katze auf den Arm genommen.

„Lass sie sofort runter!“

Noch ehe ich entscheiden konnte, ob ich Ben gehorchen sollte oder nicht, flüsterte mir die Katze etwas ins Ohr.

„Ich zeige dir den Ausgang!“, flüsterte sie mit leiser Stimme.

Ich wollte mich gerade darüber wundern, dass die Katze sprechen konnte, als sie sich aus meiner Umarmung wand, auf den Boden sprang und über den Hof lief. Ich fällte meine Entscheidung in Sekundenschnelle und rannte der Katze so schnell ich nur konnte hinterher.

„Ellie, nein!“, rief Ben und folgte mir. Die Katze führte mich durch eine der vielen Türen, die aus dem Hof führten. Hinter der Tür ging es ein paar Stufen nach unten. Die Stufen waren, ebenso wie der Hof, nicht überdacht und links und rechts befanden sich ein paar Pflanzen. Die Stufen führten jedoch sofort ins Burginnere, wo ich meinen Augen keine Zeit ließ sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Der Gang, auf dem ich mich nun befand, war auf der einen Seite fast vollständig offen. Es gab ein steinernes Geländer und darüber große Rundbögen, die an der ganzen Längsseite wie Fenster aneinandergereiht waren. Ich warf meinen Umhang auf den Boden, da er sehr schwer war und mich somit beim Laufen behinderte. Ich hatte Mühe der Katze zu folgen. Sie war sehr flink und führte mich durch unzählige Türen und Gänge wie diesen. Ich hörte, dass Ben immer dicht hinter mir war. Ich hörte seine schweren Schritte und sein angestrengtes Schnaufen und ab und zu, wenn es sein Atem zuließ, dann rief er meinen Namen.

Einmal schaffte er es mich einzuholen. Er packte mich, doch ich riss mich los.

Die letzte Tür führte mich schließlich aus der Burg hinaus. Jedoch nicht auf die Seite, auf der Tyler mich zur Burg geführt hatte, sondern vermutlich genau auf der anderen Seite.

Eine Treppe aus Steinen führte hinunter zum See. Unten auf dem Wasser schwankte ein Ruderboot. Im Ruderboot saß eine Gestalt in einem braunen Umhang mit einer großen, dunklen Kapuze.

Irritiert blieb ich auf der Stelle stehen.

„Ellie, beeil dich!“, rief der Mann zu mir hoch.

Ich hörte, wie Ben wieder direkt hinter mir war und sah zu, dass ich schnell nach unten kam. Die Katze hatte sich zum Mann ins Boot gesetzt und starrte mich erwartungsvoll an. Gerade, als ich zu dem Mann und der Katze ins Boot steigen wollte, packte Ben mich am Arm und zog mich zurück an Land.

„Mach dass du weg kommst, alter Mann!“, schrie Ben und verpasste dem Boot einen Tritt.

„Ich komme wieder, Ellie! Glaub kein Wort von dem, was sie dir sagen!“, rief die Kapuzengestalt und da erkannte ich, dass es Karl war.

"Karl!", rief ich, doch es war zu spät.

Ich sah gerade noch, wie er von der Burg wegruderte und wie die Katze wieder an Land sprang, als Ben mich wieder zurück nach oben in die Burg schleifte.

„Ellie, bitte! Lauf nicht wieder weg!“, keuchte Ben verzweifelt und schubste mich zu Boden.

„Steh auf!“, befahl er.

Was hatte ich für eine andere Wahl? Es hatte nur eine einzige Chance zur Flucht gegeben und genau diese hatte ich soeben verspielt.

Niedergeschlagen stand ich auf.

„Bitte!“, flehte ich. „Bitte, bring mich nicht zum Pan! Ben! Wir sind doch Freunde! Warum hilfst du mir nicht?“

„Ich kann nicht! Das habe ich dir doch gesagt!“

Er kam auf mich zu und wollte mich weiter durch die Burg führen, doch ich lief wieder davon.

„Er wird mich dafür bestrafen!“, rief Ben mir hinterher.

Ich wusste nicht, ob er mir folgte oder nicht. Panisch durchlief ich alle Gänge und alle Treppenhäuser, die sich vor mir auftaten. Jede Tür, die so aussah, als führte sie mich zu einer Sackgasse, betrat ich erst gar nicht. Am Ende kam ich wieder am Innenhof an. Ich überquerte ihn schnurgerade, um den Ausgang auf der andere Seite der Burg zu finden, doch dort fand ich das gleiche vor, wie auf der Seite, auf der ich bereits gewesen war. Gänge über Gänge und ein Treppenhaus nach dem anderen.

Ich fand den Ausgang nicht, also musste ich mich verstecken. Vielleicht konnte ich wieder zurück zum Verlies gelangen… oder vielleicht doch von der Brücke springen? Würde ich gegen den Wellengang ankommen und fliehen können? Ich rannte zurück zum Innenhof, wo ich Tyler in die Arme lief.

„Tyler!“, schrie ich. „TYLER, DU VERDAMMTES ARSCHLOCH!“

Ich packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn.

„Du Verräter, du verdammter Verräter!“ Ich schlug ihm mit der Faust einmal hart ins Gesicht, doch nachdem Tyler seinen Schock überwunden hatte, wehrte er alle weiteren Versuche ihn zu schlagen ab und packte mich am Handgelenk.

„Ellie!“, sagte Tyler. „Es ist so weit!“

„Was ist so weit?“, heulte ich und versuchte von ihm loszukommen.

„Das Geheimnis“, sagte er nur.

„Welches Geheimnis?“, fragte ich.

„Mein Geheimnis!“, antwortete Tyler.
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