Schlafparalyse - Tylers Geheimnis

von Jayge
GeschichteAngst, Horror / P18
15.07.2019
18.11.2019
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Der Tag, an dem ich ihn zum letzten Mal sah, sollte eigentlich ein schöner Tag werden. Es war die Diplomverleihung nach meinem Realschulabschluss. Freude war an diesem Tag tatsächlich ein sehr ausgeprägtes Gefühl, doch es war bei weitem nicht das stärkste. Noch stärker war der Blick durch die "rosarote Rückblicksbrille", die man immer dann aufsetzt, wenn etwas vorbei geht und egal ob das, was vorbei geht, schön und angenehm war oder nicht, durch die Brille sieht alles Erlebte so aus, als sei es das wunderbarste der Welt gewesen und als sei es nun eine Katastrophe dies zu verlieren.

Meine Schulzeit war nicht immer perfekt gewesen. Meine Noten konnten sich durchaus sehen lassen, mein Verhältnis zu meinen Klassenkameraden jedoch nicht. Sie hatten nie auch nur das geringste Interesse an mir gezeigt und nach und nach hatte ich begonnen mir einzureden, dass es mir egal war, dass ich keine Freunde hatte. Doch das war es nicht. Es war mir nicht egal, dass ich das letzte Jahrzehnt einsam und allein auf der Schultoilette verbracht hatte, wo ich einsam und allein auf dem heruntergeklappten Toilettendeckel gesessen und Musik gehört oder Bücher gelesen hatte. Ich hasste meine Klassenkameraden sogar dafür, dass sie es zugelassen hatten, dass ich so vereinsamt war und es für nötig hielt in melancholischem Selbstmitleid zu versinken.

Was genau versetzte mich also in eine solch tiefe Trauer über das Ende dieser schrecklichen Zeit? Der Grund war, dass es da noch etwas anderes gab oder genauer gesagt jemand anderes. Sein Name war Tyler. Er war groß und blond und hatte eine unendlich tiefe Stimme. Das klingt sehr nach einem Klischee, doch tatsächlich war an ihm rein gar nichts gewöhnlich und genau das war es, was mich so sehr an ihm faszinierte. Er hatte durchaus Freunde, doch es wirkte nicht so, als wäre er damit zufrieden. Er schien immer irgendwie traurig, nachdenklich oder gar wütend zu sein. Er machte oft Witze und lachte auch ganz viel, doch die meisten hielten ihn für seltsam. Es gab viele Gerüchte über ihn. Manche sagten, er sei drogenabhängig, andere hielten ihn einfach nur für faul. Die Gerüchte kamen daher, dass er in den letzten beiden Schuljahren kaum anwesend gewesen war. Ich hatte sogar erfahren, dass er weit mehr als siebzig Fehltage hatte und wenn man ihn danach fragte, dann gab er genau eine von zwei möglichen Antworten. Entweder erklärte er, dass er die ganze letzte Nacht unterwegs gewesen war, gefeiert und getrunken hatte oder dass er "keinen Bock" auf die Klasse gehabt hatte. Ich selbst empfand das alles als sehr mysteriös und ich hatte mich jeden Tag gefragt was nur mit ihm los war. Warum fehlte er nur so oft? Ich konnte nicht glauben, dass er die Wahrheit sagte. Wie konnte er nur so oft vom Unterricht fern bleiben und keinen Ärger von der Schule oder von seinen Eltern bekommen? Oder hatte er vielleicht sogar großen Ärger? Aber wenn ja, warum nahm er dann so viel in Kauf, anstatt sich einfach zusammenzureißen und in die Schule zu gehen?

Ich war schon seit langer Zeit in ihn verliebt. Es war vor allem seine Unnahbarkeit, die mich von Anfang an so sehr in seinen Bann gezogen hatte. Alle anderen in unserem Jahrgang hatten bereits ihre ersten Romanzen und sexuellen Erfahrungen begonnen, es sei denn sie waren ganz einfach schüchtern und nicht begehrenswert, so wie ich. Tyler sah hingegen unglaublich gut aus, schien aber kein Interesse an solchen Dingen zu haben. Ich hatte ihn in den zwei Jahren, die ich ihn nun schon kannte, nicht ein einziges Mal zusammen mit einem Mädchen gesehen.

Ich hatte bereits Theorien über ihn aufgestellt, doch eine war unwahrscheinlicher als die andere. Der einzige Punkt, in welchem ich mir ganz sicher war, war, dass etwas nicht stimmte. Es ging ihm schlecht und er hatte Probleme. Nur welche?

Jeden Tag schmachtete ich ihn von meinem Platz aus an und stellte mir vor, dass er endlich mit mir sprach. Dass er sich mit einem verschmitzten Lächeln von mir verabschiedete und mir das Gefühl gab begehrt zu sein. Doch er wollte sich einfach nicht für mich interessieren.

Und so stand ich nun in meinem wunderschönen, dunkelblauen Abschlussballkleid vor der Schule und stellte meinen Nostalgiemodus ein, indem ich "Heroes", gesungen von Peter Gabriel, durch meine Kopfhörer hörte. Der Abend war stinklangweilig gewesen. Es hatte unendlich viele Reden von Menschen, die ich nicht kannte, gegeben. Es waren irgendwelche Bürgermeister, Schulminister oder Lehrer, die ich in meinem Leben noch nie gesehen hatte. Sie hatten alle darüber gesprochen, dass nun ein neuer Lebensabschnitt für uns begann, dass wir nun alle erwachsen waren und am Ende "sandten sie uns hinaus in die Freiheit". Und nun stand ich da und blickte auf das Gebäude, in welchem ich all die Jahre so viele Schmerzen erlebt hatte. Ich war nie gemobbt worden oder so, sondern immer nur ausgeschlossen. Ich konnte nicht sagen, ob es das weniger schlimm machte. Manchmal hatte ich mir sogar gewünscht sie hätten mich gequält, wenn ich im Gegenzug wenigstens eine einzige Freundin bekommen hätte. Doch das Universum hatte nie mit mir verhandelt. Wenn es ein bisschen gnädig gewesen wäre, dann könnte ich nun erzählen, wie Tyler zu mir heraustrat und mich in unser erstes und gleichzeitig letztes Gespräch verwickelte. "Hey, was machst du hier draußen so alleine?", fragte er und ich antwortete: "Hier hält mich nichts mehr!" Dann sagte er: "Ich weiß, du hast keine Freunde. Es tut mir leid, dass ich dich nie angesprochen habe, ich hatte nie den Mut dazu." Ich sah ihn vorwurfsvoll an. "Jetzt ist es zu spät und ich werde nie eine gute Erinnerung an meine Jugend haben." Er zog mich zu sich heran zu einem Kuss, der all das enthüllte, was ich die letzten Jahre verborgen hatte. Meine starke Sehnsucht nach diesem Jungen, meinen Hass auf ihn, weil er sich nie für mich interessiert hatte und meine Traurigkeit darüber, dass ich so lange so einsam gewesen war und dass dies meine erste und letzte Berührung mit Tyler war.

Das Universum war jedoch kein bisschen gnädig und somit entsprang diese erste und letzte Begegnung nur meiner Einbildung. Ich ließ dieses Gebäude und alle Menschen darin hinter mir und Tyler würde ich nie wieder sehen. Ich würde nie wieder in seine dunklen Augen sehen können, ich würde nie wieder seine tiefe Stimme hören und nie wieder auf ein Gespräch hoffen können.

Warum fällt es mir so schwer loszulassen? Ich habe in der Vergangenheit etwas verloren, was mir unheimlich viel bedeutet, doch die Erinnerung daran ist zu schmerzhaft. Seit diesem einen Tag, an dem ich diesen einen Teil von mir verlor, ertrage ich es nicht mehr, wenn etwas zu Ende geht. Ich werde dich niemals sehen. Niemals deine Stimme hören und doch weiß ich, dass wir uns einmal so nah waren. Diese Geschichte ist für dich.

An diesem Abend verpackte ich die Erinnerung in eine Kiste in meinen Gedanken, in der Hoffnung, dass ich erst dann wieder darauf stoßen würde, wenn ich dazu bereit war sie zu ertragen.
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