Sechs Einblicke

von Isana
DrabbleSchmerz/Trost / P12
Obi-Wan Kenobi
14.07.2019
14.07.2019
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Titel: Sechs Einblicke
Genre: Hurt/Comfort
Hauptcharakter: Obi-Wan

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Sechs Einblicke



Als Obi-Wan drei Jahre alt war, begegnete er zum ersten Mal jemandem, der seine Welt teilte.

Mit großen Augen schaute er vom Schoß seiner Mutter zu dem Menschen auf und gluckste, als der Mann seinen roten Lieblingsball zu ihm hinüberwarf, ganz ohne Hände. Ungeduldig griff er danach und schleuderte ihn zurück – auch ohne Hände – und jauchzte, als der Mann den Ball lächelnd aus der Luft griff.

Klatschend drehte er sich zu seiner Mutter um – und starrte verwirrt auf die Tränen, die in ihren Augen standen, denn sie sagte ihm ganz deutlich, dass sie sich mit ihm freute.

Ganz ohne Worte.




Kurz vor Obi-Wans dreizehntem Geburtstag wusste er nicht mehr, in welche Welt er gehörte.

Sein Leben lang hatte er daraufhin gearbeitet, ein Jedi zu werden. Es war alles was er wollte, alles was er kannte, und nun war er zu alt, um den Weg einschlagen zu können. Als er in Bandomeers Mine in die Dunkelheit starrte, mit gefesselten Armen und Detonationsband um den Hals, konnte er die Macht nicht mehr fühlen.

Vielleicht wollte er es auch nicht mehr.

Umso verwirrter war er, als Qui-Gon Jinn ihn von seinen Fesseln befreite, und ihn bat, seinen Weg zum Jedi-Ritter begleiten zu dürfen.




Als Obi-Wan fünfundzwanzig war, war seine Welt zusammengebrochen.

Mit gesenktem Kopf und die Kapuze seiner dunklen Robe tief ins Gesicht gezogen, stand er vor dem Scheiterhaufen und sah dabei zu, wie der wichtigste Mensch in seinem Leben brannte. Der Schmerz, der ihm noch im Reaktorraum das Licht der hellen Seite geraubt hatte, war zu einem dumpfen Pochen zusammengeschrumpft, und ließ ihn kalt und taub zurück.

Sein Meister war nun Eins mit der Macht.

Er hätte sich freuen sollen – ein guter Jedi tat das – und doch fühlte Obi-Wan nur Leere in sich.

Auch die Verantwortung an seiner Seite änderte nichts daran.




Mit fünfunddreißig war Obi-Wans Welt ins Wanken geraten.

Geonosis hatte alle Jedi schockiert und verwundet zurückgelassen, doch seine eigenen Verletzungen verblassten in seiner Sorge um Anakins. Obi-Wan hatte es nicht zugeben wollen – nicht vor dem Rat und schon gar nicht vor sich selbst – aber Anakin Skywalker hatte einen Platz in seinem Herzen eingenommen, der ihn an Qui-Gons erinnerte.

Anders, natürlich, aber nicht minder wertvoll.

Den Jungen (jungen Mann) nun so verletzt und verzweifelt zu sehen tat ihm körperlich weh, und nicht zum ersten Mal fühlte er sich seiner Verantwortung nicht gerecht.

Nicht vor den Jedi und auch nicht vor Qui-Gon.




Im achtunddreizigsten Jahr seines Lebens gab es seine Welt plötzlich nicht mehr.

Alles, was Obi-Wan hatte, sein Zuhause, seine Familie, seinen Bruder, war in Asche und Rauch aufgegangen. Obi-Wan schrie und weinte und tobte, und doch blieb er allein in seinem Schmerz, ertrank in den Wellen der Verzweiflung, die die gesamte Galaxie ins Dunkel gestürzt hatte.

Und weil er dem Schmerz nicht entkommen konnte (wie auch, wenn sein Versagen daran Schuld hatte?), entschied er sich für ein Leben in Einsamkeit, in dem er niemanden enttäuschen und weh tun konnte.

Auch wenn ihn die Stimme im Wind vom Gegenteil überzeugen wollte.




Mit siebenundfünfzig verwandelte sich Obi-Wans Welt.

Mit weit aufgerissenen Augen sah er sich im goldenen Licht um, erkannte Strukturen seines alten Lebens (den Tempel, seinen Gleiter, selbst sein Lichtschwert) und lachende Gesichter (er weinte mit seiner Familie und doch war es die pure Freude) und konnte endlich den Mann um Verzeihung bitten, der ihm zwölf Jahre lang ein Vater gewesen war.

Mit Frieden im Herzen sah er auf die Vergangenheit und Gegenwart, half seinen Schülern und hieß seinen Bruder (Sohn!) mit einem Lächeln willkommen.

Die Macht hatte Obi-Wan in ihre liebenden Arme genommen und dort würde er für immer verweilen.
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