Totenmaske

GeschichteAngst / P16
13.07.2019
13.07.2019
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2014
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Die Zeit schien still zu stehen,
in der Nacht,
als Alduin,
der älteste Drache,
wie ein Komet vom Himmel fiel.

Doch kein Stern funkelte über ihnen,
der Mond nicht mehr als eine seelenlose Scheibe,
Projektion der Träume, die zerbrachen,
noch bevor sie geträumt wurden,
groß, und viel zu bleich.

Alduin fiel,
und sie tat es ihm gleich.

Und noch während sie ihre Leben verloren,
wurden Legenden geboren.
In den Tiefen des Todes versunken,
im Teich des Vergessens ertrunken.

(Zwischen Helden und Legenden liegt manchmal nur ein Flügelschlag)





Sie wusste, dass er kommen würde, bevor es irgendjemand anders ahnte.
Der Wind trug die Schwingungen seines weit entfernten Flügelschlags durch die Luft, über die Ebenen und Gebirge von Himmelsrand, bis durch das geöffnete Fenster zu dem Bette, in dem sie lag.
Es war nicht mehr als eine sanfte Brise, aber sie spürte die Macht, die darin lag, eine wortlose Aufforderung zum Kampf, den sie nicht führen wollte. Doch das Schicksal ließ wenig Raum für persönliche Wünsche.

Während sie nachdenklich aus dem Fenster sah, verschwand ihre Hand unter der weichen Decke und wanderte hinab zu ihrem Unterhemd. Unter dem dünnen Stoff wölbte sich ihr Bauch zu einer runden Kugel, die neues Leben versprach.
Immer wieder strich sie über ihre vernarbte Haut, folgte den Bewegungen in ihrem Inneren, mit dem sich ihr Ungeborenes immer energischer bemerkbar machte. Nicht lange würde es dauern, bis es der erdrückenden Enge entkommen wollen würde, doch selbst diese kurze Zeitspanne war zu lang.
Sie war gerufen worden, und sie musste gehen, alleine oder zu zweit.

Das Bestehen eines ganzen Landes, für das sie gelebt hatte,
oder das eines Wesens, für das sie leben wollte.

Der Gedanke war grausam, und schnitt sich durch ihren Körper, wie es kein Schwert, das durch ihre Rüstung fand, vermocht hatte, doch es war nicht nötig, eine Entscheidung zu treffen.
Sie konnte sich nicht erinnern, jemals eine Wahl gehabt zu haben.

Ihr Blick wanderte zu dem schmutzigen Bündel, dass auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett ruhte, die verwahrloste Hülle verriet nichts über den kostbaren Inhalt des Stoffes. Eine Hand ruhte noch immer auf ihrem Bauch, während sie mit der anderen nach dem schweren Bündel griff und es zu sich zog. Vorsichtig schlug die Stofffetzen beiseite. Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie auf die Maske hinabblickte, die ihr mit ausdruckslosen Miene und schwarzen, leeren Augen entgegen zu starren schien.
Einst waren es acht gewesen. Sieben Kinder hatte sie geboren, sieben Masken hatte sie ihnen auf den Weg gegeben und sieben davon hatte sie zusammen mit ihnen beerdigt, als der Pfad ihrer Leben ein Ende fand.
Bedrückende Melancholie ergriff sie, als sie an die Töchter und Söhne dachte, die sie verloren hatte, bevor sie eine Mutter für sie sein konnte. So sehr sie es auch gewollt hatte, sich um sie zu kümmern, war es ihr nie möglich gewesen. Ihre Pflichten lagen nicht in der Erziehung ihrer Nachkommen, sondern in der Rettung der Welt. Diese große, grausame Welt, die sich früher oder später selbst zerstören würde, auch ohne das Zutun von Drachen.

Ein langgezogener, animalischer Schrei zerschnitt die Luft, der ein unangenehmes Klingeln in ihren Ohren hervorrief. Mit mühevoller Beherrschung unterdrückte sie den Drang, ihre Hände über ihre Ohrmuscheln zu pressen, stattdessen ruhten sie weiterhin schützend über ihrem Bauch. Sie konnte nur erahnen, wie lächerlich ihr Anblick aussah, ihre vor Schreck weit aufgerissenen Augen, die schon so vieles Abscheuliches gesehen hatten, und ihre zum Zerreißen gespannte Körperhaltung, alarmiert von einem Laut, der nur für sie hörbar war. Niemand anders teilte die Angst, die sie dabei verspürte, und es verdeutlichte ihr nur allzu sehr, wie allein sie war.
Vielleicht vermisste sie ihre Kinder genau aus diesem Grund so sehr. Selbst ihre jungenhaften Gemüter hatten sie mehr verstanden, als all die mündigen Erwachsenen, egal welcher Herkunft und welchen Standes, es je getan hatten.
Doch sie waren alle fort. Und bald würde sie es auch sein.

Unter Anstrengungen schälte sie sich aus den Umhang aus Decken, welche sie umschlangen und erhob sich. Mit unsicheren, aber hastigen Schritten ging sie auf die lange Eisenkiste, die vor ihrem Bett stand. Ihre Finger streiften über die spitzen Nieten, welche das kalte Metall besetzte, erinnerten sie an den ersten Drachen, den sie besiegt hatte und dessen Schuppen sie gestreichelt hatte. Im Gegensatz zu den Nieten waren diese warm gewesen, erhitzt von dem Blut, welches noch immer unter ihm strömte. Es war niemals ihr wirkliches Begehren gewesen, diese wunderlichen Tiere zu töten. In einem verborgenen Teil in ihr hegte sie tiefen Respekt für die stolzen Wesen. Ihre Flügel gaben ihr eine Freiheit, die sie nie besitzen würde.

Anstatt ihr Leben zu leben, wie sie es wollte, war sie auf dem Grund unter ihren Füßen gefangen, die Hoffnungen, welche die Menschen an sie stellten, wie Ketten an ihren Gelenken. Nicht fähig, abzuheben und nach den Sternen zu begreifen.
Niemanden schien es zu interessieren, dass die korrekte Bezeichnung ihrer Art Drachenblut lautete. Man nannte sie Drachentöterin.
Wie konnte sie nur eine derartige sein, wenn sie sich gleichzeitig danach sehnte, eine von ihnen zu sein?


Beklommen realisierte sie, dass ihre Finger begonnen hatten, zu zittern.
Schnell betätigte sie den komplizierten Schließmechanismus der Kiste, bevor sie weiterhin ihre Taten infrage stellen konnte.
Egal, nach was oder wem sie auch strebte – nun war es längst zu spät, um ihr Schicksal in ihre eigene Hand zu nehmen.

Das vertraute Klicken der öffnenden Klappen setzte im selben Moment ein, wie der sanfte, aber bestimmte Tritt in ihrem Inneren. Sie versuchte, es zu ignorieren, es nicht als Zeichen zu deuten. Ihre Hände tauchten in die Tiefen des Behälters, fassten nach dem kalten Gegenstand, der am Boden lag. Dann zog sie die Rüstung heraus und betrachtete sie eingehend. Über das Metall zogen sich verschnörkelte Muster, kunstvolle Kringeln und Runen, deren Bedeutung sie nur erahnen konnte. Es waren lang vergessene Worte, die nicht in die Welt der Sterblichen gehörten und Boethia allein wusste, welche es waren.
Es war sein Ebenerzharnisch, den der Daedra-Fürst eigens für seinen Champion gefertigt hatte. Auf Umwegen hatte er sie auf einen Pfad gelockt, und damit in eine der dunkelsten Zeiten ihres Lebens. Verrat und Mord. Das war sein Vermächtnis an sie gewesen und dafür hatte sie ihm einen ihrer engsten Vertrauten geopfert. Nur vage konnte sie sich an ihren jungen Huscarl erinnern. Lydia. Es war seltsam, dass ihr Gesicht weniger deutlich vor ihrem inneren Auge lag, als das Bild der Klinge, die sie ihr ins Herz gestoßen hatte. Noch ein Jahr zuvor hätte der Gedanke sie in eine gleißende Wut versetzt und ihr Temperament geweckt, doch mittlerweile war sie zu müde, um noch etwas derartiges zu empfinden. Jeder Tag erschien ihr wie ein ganzes Leben, dazu verdammt, für die Ewigkeit durch dieses verfluchte Land zu wandeln.
Es zehrte an ihr, wie ein Parasit. Vielleicht war es auch Zeit, dass es endete.

Ihre Finger legten sich fester um den schweren Brustharnisch, als sie sich erhob. Erst vor einigen Tagen hatte sie ihn in weiser Voraussicht an ihren momentanen Zustand anpassen lassen, ungeachtet der verständnislosen und teils entsetzten Blicke, welche man ihr dabei in der Schmiede zugeworfen hatte. Es kümmerte sie nicht.
Diese Leute verstanden nichts davon, was es bedeutete, ein Drachenblut zu sein.
Ebenso wenig, wie sie wusste, was es bedeutete, eine richtige Mutter zu sein.

Kopfschüttelnd entledigte sie sich ihrer Tunika und legte die Rüstung an, Stück für Stück, wie sie es schon so oft getan hatte. Die runde Wölbung des Harnischs, dort wo ihr Bauch lag, wirkte so lächerlich, dass sie beinahe gelacht hätte. Der daedrische Prinz würde toben, erführe er davon. Doch sie hatte nichts zu befürchten. Ihre Seele war unerreichbar für ihn, dafür hatte sie gesorgt. Wie vielen Fürsten hatte sie ihre Dienerschaft nach dem Tod geboten?

„Nocturnal“, flüsterte sie leise, während sie verstärkte Lederbänder um ihre Oberarme schnürte. „Hircine. Molag Bal. Meridia“
Sie murmelte die Namen, als seien sie ein Gebet.
„Sithis. Boethia“ Vielleicht hätte sie nur ein einziges Mal auch ein Wort an eine Aedra richten sollen. Möglicherweise wären die neun Götter gnädiger mit ihr, als ihre grausamen, missratenen Abkommen. Doch nun war es zu spät.

Ihre Beine trugen sie wie von selbst zu den Glasvitrinen an der Wand. Waffe um Waffe waren hübsch hinter den Scheiben angeordnet, das polierte Metall reflektierte sich in allen Ecken. Jedes einzelne Stück repräsentierte einen Teil ihres Weges und zusammen ergaben sie eine komplexe Geschichte.

Das Eisenschwert der kaiserlichen Legion, welches sie bei ihrer Flucht aus Helgen einem toten Soldaten abgenommen hatte. Ihr erster Jagdbogen, mit dem sie auf den ersten Banditen, der ihr über den Weg gelaufen war, geschossen hatte. Der erste Pfeil verfehlte ihn, doch der zweite traf ihn direkt ins Auge. Nie würde sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck vergessen können. Er war der erste gewesen, der die vernichtende Gewalt zu spüren bekam, die in den folgenden Jahrzehnten über Himmelsrand fegen würde.Ihr Blick wanderte weiter, die Erinnerungen stürzten wie ein Wasserfall über ihr ein.
Alte Nordwaffen, die sie bei ihren Erkundungen aus vergessenen Grabmählern, den klammen Händen untoter Wächter entrissen.
Wuuthrad, die gewaltige Axt, die den Legenden zufolge in einem längst vergangenen Zeitalter Ysgramor gehört hatte.
Die unscheinbar wirkende Klinge des Wehklagens, welche die einstige Anführerin der Dunklen Bruderschaft zu Fall brachte.
Dämmerbrecher, das schmale, stachelartige Schwert, das reines Licht zu verströmen schien. Nesselfluch, der Dolch mit dem sie der Natur selbst Wunden zufügte.
So viele Opferungsklingen. Ebenerz, Vulkanglas, Zwergen- und Elfenschmiedkunst.
Harter Stahl und einfaches Eisen.

Eine nie enden wollende Reihe von Todesurteilen.
So viel Blut, das vergossen worden war. Durch ihre Hand.


Instinktiv griff sie nach dem schwarzen Bogen, den sie einst von Karliah geschenkt bekam. Was war wohl aus ihr geworden? Sie hatte sie nicht mehr gesehen, seit dem Tag, an dem sie der Diebesgilde den Rücken gekehrt hatte. Die Vereinigung, in der sie sich wohl am meisten zuhause gefühlt hatte, und trotzdem hatte sie es für immer aus ihrem Leben verbannt. Als legte sie es darauf an, unglücklich und allein zu sein.

Abgrundtief seufzend schnappte sie sich einen Köcher mit Ebenerzpfeilen und hängte sie um ihre Schulter. Gerade wollte sie sich abwenden, als ihr etwas anderes ins Auge fiel. Sie streckte ihre Hand aus und umschloss die Waffe. Ein einfaches Holzschwert, mit denen übermütige Kinder zu spielen pflegten. Ihr erster Sohn, Neran, hatte es einige Zeit lang getragen. Es bereitete ihr ein schlechtes Gewissen, es nicht mit ihm beerdigt zu haben, doch damals hatte sie es einfach nicht übers Herz gebracht, sich davon zu trennen. Nachdenklich wog sie es in ihrer Hand, bis sie es schließlich in eine der Lederscheiden an ihrem Gürtel steckte.

Als sie mit vier weiteren Klingen ausgestattet war, wandte sie sich schließlich ab und trat ans offene Fenster.
Die große Scheibe der Abendsonne versank bereits hinter den langen Gebirgszügen und schickte ihre letzten Strahlen über Windhelm. Sie erreichten nicht ihre Kammer in der Festung, dennoch tat sie so, als könnte sie die Wärme spüren.
Es benötigte nur ein wenig Vorstellungskraft, um sich in die Arme längst vergangener Geliebten und Freunde hineinzuversetzen. Nur ein wenig Fantasie. Für einen winzigen Moment meinte sie, Brynjolfs Lächeln auf sich zu spüren, bevor ein erneuter Tritt ihres ungeborenen Kindes es verblassen ließ.

Ein Schrei ertönte. Fordernder, ungeduldiger.

Schweren Herzens löste sie sich von dem Ausblick über die Stadt, dann stolzierte sie mit einer geschulterten Kriegsaxt aus dem Raum. In ihrer rechten Hand hielt sie die letzte Drachenpriestermaske.
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