Lauf der Geschichte (Fortsetzung von Der Tunnel)

GeschichteMystery, Romanze / P18 Slash
Alexander Cleitus Hephaestion OC (Own Character)
13.07.2019
27.08.2019
13
20082
 
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Prolog: In der Hölle


Es ist unfassbar laut und es ist unfassbar schnell. Ich muss mich ducken, ich muss ausweichen und gleichzeitig muss ich angreifen und ein Auge auf ihn haben, ihm darf nichts passieren, das ist mein Auftrag.
Ich konnte mir das bis zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen, was es bedeutet, an einer antiken Schlacht teil zu nehmen, und ich muss sagen, ich habe es auch nicht vermisst. Ein Schwerthieb hat meine Wade aufgeschlitzt, mir läuft das Blut ungehemmt in den Stiefel, in meinem Gesicht trocknen die Blutspritzer langsam ein und trotzdem habe ich nur Augen für ihn, der sich ganz vorne rumtummelt, der Idiot, anstelle in Deckung zu gehen, will er alle persönlich niedermähen?
Ich sehe den Streitwagen des persischen Königs umdrehen, hinten, in der 2. oder 3. Reihe, auf jeden Fall in Deckung und nicht an vorderster Front, und ich höre Alexanders Stimme durch das Getöse hinweg, wie er den persischen König beschimpft, ihn einen Feigling nennt, ihm dann hinterherreitet, und Kleitos versucht ihn aufzuhalten, den Irren, der genau so handelt, wie ihn die Bücher beschreiben.
Ich wollt's ja nicht glauben.

Ich dachte ja, er sei so anders....

und eigentlich lief unsere Geschichte auch gut, bis zu dem Zeitpunkt, als Philipp unbedingt noch mal heiraten musste......



1. Philipps Hochzeit

Attalos hebt den Becher.
Bitte nicht diese Szene, bitte nicht. Ich fand sie in Oliver Stones Film schon so abscheulich...
„.... und auf künftige wahre Thronerben!“ beendet er seine unsägliche Rede auf das Brautpaar und ich seufze innerlich.
Er hat's gesagt.

Er hat's verdammt noch mal gesagt und jetzt gibt es ne Katastrophe und ich werde sie nicht verhindern können, obwohl mich Philipp ja drum gebeten hat, seinen Sohn zu zügeln, aber wenn sein idiotischer Schwager so einen Mist von sich gibt, warum sollte ich Alex zügeln? Das ist ja wohl echt das Allerletzte!

Als ob Alex nicht offizieller Thronerbe wäre!

Aber mir fällt ein: Zum Glück wird Alex nicht ausrasten, weil wir ja einen Plan haben.
Ziegen, Glück und Ptolemaios als Strohmann. Es wird Alex nicht tangieren, nicht mal im Allergeringsten.

Nun.

Getäuscht.

„Wie kann er das nur sagen? Habt ihr das gehört? Er nennt mich einen Bastard!“ Alexanders Gesicht ist hochrot, seine Wut ist nicht zu übersehen, seine Freunde schütteln den Kopf oder blicken betreten zu Boden, da wendet er sich direkt an mich. „Hephaistion! Er nennt mich einen Bastard! Er will einen Thronerben zeugen mit dieser – Frau!“ Er spuckt es aus, wie ein schlimmes Schimpfwort, und ich weiß, er hätte gerne etwas anderen gesagt, aber seine Erziehung verbietet es ihm offenbar.
Ich merke, dass wir an einem sehr gefährlichen Punkt sind. Noch vor einigen Wochen waren wir uns einig. Wir würden verschwinden – und Ziegen züchten. Ptolemaios würde seine Position einnehmen und er würde auf Ruhm, Ehre, Thron, Persien, Roxane und Bagoas verzichten. Helenos würde meinen Platz einnehmen, und kein Mensch, außer dem Hof, würde es merken, und der würde zum Stillschweigen unter Todesstrafe verpflichtet werden.
Doch Alex schäumt gerade vor Wut, vollkommen unnötig, da er eh nicht auf den Thron steigen wird.
Denke ich.

Getäuscht! Mal wieder! Wenn ich denke, ich hätte Alexander verstanden, genau in dem Moment macht er ne 180-Grad-Wendung. Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen, denke ich.

„ICH bin der Thronerbe!“ faucht er und packt mich am Arm, „Wir gehen!“ sagt er zu seinen Freunden, und es ist keine Bitte, sondern ein glatter Befehl. Seine Stimme ist ungewohnt scharf und ich kann mir auf einmal Alex als König vorstellen. Als Feldherr. Als Herrscher.
Und ich mag mir das so gar nicht vorstellen, denn das würde ja bedeuten, dass die Geschichte genau so ablaufen wird, wie ich sie eigentlich vermeiden hatte wollen.
Kann ich noch eingreifen? Ist es nicht längst zu spät?

Seine Freunde wenden sich zum Ausgang, Philippos ist längst viel zu betrunken, um zu realisieren, dass sein Sohn samt seinem Gefolge das Fest verlässt, die Hochzeit ist in vollem Gange, es wird ein Saufgelage ohnegleichen werden, dem Alexander nicht mehr folgen wird.
„Und? Wie sieht es aus, hältst du zu mir? Bist du mein Freund? Bist du mein Patroklos? Oder stehst du auf der anderen Seite, stehst du auf der Seite meines Vaters?“ Seine unterschiedlich gefärbten Augen funkeln, ich weiß im Moment nicht, wen ich vor mir habe, er greift in meinen Oberarm und zieht mich mit einer Gewalt zur Tür hinaus, die ich von ihm nicht erwartet habe. „Ich sehe, du hast bereits für mich entschieden, Alexandros!“ sage ich, und ich nenne ihn bei seinem vollen Namen, bei seinem vollen griechischen Namen, weil er gerade so wenig Alex ist wie ich leider Michael Schmitz. Ich hab mich da auf was eingelassen, von dem ich nicht mal anfangweise geahnt habe, wie es weiter geht.

„Wir verlassen Pella!“ sagt – nein, befiehlt er, und seine Freundesschar nickt und zerstreut sich, nachdem er den Abmarschbefehl auf morgen früh terminiert hat, in aller Herrgottsfrühe, bevor die Sonne aufgeht.

In dieser Nacht verpasst er mir blaue Flecken. Ich lasse es über mich ergehen, weil ich weiß, mit welchen Entscheidungen er kämpft. Ich liege nicht mit meinem zarten blonden Freund im Bett, sondern mit einem altgriechischen Dämon, der Besitz von mir ergreift und seine Macht ausspielt. Als er endlich von mir ablässt und einschläft, überlege ich ernsthaft, ob ich mich zur Erholung zu Kleitos schleichen sollte, denn dessen Überfall damals im Stall war im Vergleich zu Alexander eben zärtlich und rücksichtsvoll.
Ich gehe Möglichkeiten durch, während er friedlich und gleichmäßig neben mir atmet, offenbar hat er sich ultimativ abreagiert. An mir. Wie schön. Ich könnt mich dran gewöhnen, denke ich sarkastisch.

Ich könnte ihn nach wie vor umlegen, mir ist grad danach. Die Option „Dolch“ ist nach dieser Nacht durchaus wieder im Spiel.
Ich könnte das Portal suchen und mich vom Acker machen. Das muss ich mir ernsthaft nicht antun hier, schon gar nicht unter diesen Umständen. Alex verdient mich nicht, ich geh zurück zu meiner 9b, falls die überhaupt noch an der Schule ist, ich weiß ja nicht, wie viel Zeit mittlerweile in der Zukunft, also in meiner Zeit, vergangen sind, vielleicht bin ich ja mittlerweile Klassenlehrer der 7a. Ich bleib dann doch lieber hier, denke ich, mein Sarkasmus hat sich gerade mit sich selbst multipliziert.
Ich müsste ihn überzeugen. Dass die Sache mit den Ziegen doch eine tolle Alternative wäre und er nicht so werden muss, wie er eben war. Macht tut ihm offenbar nicht gut. Es steht ja in den Geschichtsbüchern, dass er nach und nach übergeschnappt ist, das muss doch nicht so weit kommen!

Oder ich füge mich in mein Schicksal und versuche Geschichte im Kleinen zu verändern.... Alex im Zaum zu halten.

Trau ich mir das zu?

Eben habe ich mich nicht gewehrt, obwohl ich es tun hätte können. Ich hab ihn gewähren lassen. Das war keine gute Idee, wenn ihn einer bezwingen kann, dann ich, steht es nicht so geschrieben in den Büchern? „Alexander wurde niemals bezwungen, nur durch Hephaistions Schenkel.“ Ein wirklich ekelhafter Satz der Geschichte, aber – sollte ich probieren. Ihn bezwingen. Nicht umgekehrt. Ich bin da, um ihn zu bezwingen. Ich muss ihn bezwingen. Wer weiß, was er sonst noch tut, der ist ja zu allem fähig!
Vollkommen unschuldig schläft er neben mir, niedlich wie ein kleiner Junge.

Dir werd ich geben!, denke ich, die Aggression in mir wächst, das kriegst du zurück, mein Lieber!

Hephaistion, mach deinen Job, motiviere ich mich selbst, dass ich nicht noch CHAKAA! rufe, ist der Stille geschuldet und durchaus meiner Furcht, die ich verspüre, im hintersten dunklen Winkel meines Herzens. Aber eins weiß ich: Das passiert nicht noch mal.



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