н๏sнıкυzυ

von Aokaze
GeschichteMystery, Horror / P18 Slash
12.07.2019
12.07.2019
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A/N: Die Idee zu dieser FF ist durch ein Gespräch entstanden, in dem wir einstimmig zu dem Schluss kamen, dass die Charaktere aus Tokyo Ghoul alle so extrem gut aussehen, dass sie auch locker als Models arbeiten könnten. And here we go. xD
Ich mag AUs und hatte Lust dazu etwas völlig neues auszuprobieren.
Und wenn ich schon einmal dabei bin, dann kann ich auch gleich in einer neuen Perspektive und Zeitform schreiben. Tut mir leid, falls der Anfang dadurch ein wenig holprig geworden ist – es ist Jahre her, dass ich versucht habe die Ich-Perspektive zu verwenden.

Auf die Warnungen in der Kurzbeschreibung möchte ich übrigens ungern genauer eingehen, wegen der akuten Spoilergefahr – lesen also auf eigene Gefahr!
Diese Geschichte ist übrigens nicht sehr realitätsnah. Ich drifte bewusst hin und wieder ins absurde ab und ich bin sicher, dass eine echte Modelargentur mit dieser fiktiven wohl kaum viel gemeinsam haben wird.
Und für alle die sich fragen, was der Titel bedeutet – übersetzt Sternenstaub. Ich bin hier ausnahmsweise tatsächlich ins japanische ausgewichen, weil ich schon unzählige FFs gesehen habe, die so genannt wurden – auf englisch und deutsch gleichermaßen.
Und nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen :)






Vollkommene Hässlichkeit kann menschlicher sein als perfekte Schönheit. - Walter Ludin




Ich bin in allem, was ich je getan habe, lediglich durchschnittlich.
Selbst wenn ich genauer darüber nachdenke, fällt mir nichts ein, in dem ich wirklich gut bin. Ich habe kein Talent, nichts worin ich besser bin, als andere.
Meine Schulzeit ist völlig ereignislos an mir vorbeigezogen.
Die wenigsten werden sich wahrscheinlich noch an mich erinnern. Dafür bin ich zu still, zu durchschnittlich. Niemand, für den sich die Menschen sonderlich interessieren. In der Masse bin ich einfach untergegangen. Nicht, dass es mich sonderlich gestört hätte. Ich bin nicht der Typ, der gerne im Rampenlicht steht. Es ist in Ordnung für mich.
Trotzdem lastet dieser merkwürdig Druck auf einem. Weil sie alle warten. Warten, dass du endlich anfängst etwas zu tun, dass dir niemand so schnell nachmachen kann. Deswegen suchen die meisten irgendwann nach Dingen, in denen sie mehr erreichen können als die breite Masse.
Doch während viele in meinem Jahrgang hervorragende Leistungen in den verschiedensten Bereichen erreichten, bin ich im wenig beachteten Mittelfeld hängen geblieben. Ich kam mit dem Stoff klar und bestand die allermeisten Klausuren in den allermeisten Fächern - aber das war auch schon alles.
Meine Mutter war deshalb eigentlich nie wirklich zufrieden mit mir. Natürlich gab es Situationen, in denen sie mir sagte, sie wäre stolz auf mich.
Aber ich hatte jedes Mal das Gefühl, sie hätte insgeheim mehr von mir erwartet. Es ist wohl ihre ganz eigene Art, die Enttäuschung über mein absolut gewöhnliches Leben auszudrücken.
Sie wollte immer, dass ich mir mehr Mühe gebe und der Welt da draußen zeige, dass man mich für etwas Wichtiges gebrauchen kann.
Sie wollte, dass ich etwas vorzuweisen hatte.
Vor Freunden, Familie oder meinem zukünftigen Arbeitgeber.
Vor der Gesellschaft, die untergründig diesen Zwang auf dich ausübt und dir sagt, ob du wertlos bist oder nicht.
Ich verstehe, dass meine Mutter im Grunde nur Angst um mich hat und ich weiß, dass sie das Beste  für mich möchte.

Warum sie nach dem Tod meines Vater angefangen hat mich zu schlagen, habe ich hingegen nie verstanden.

Natürlich konnte ich nicht auf die beste Uni gehen, weil mein Notendurchschnitt dafür nicht gut genug war.
Dennoch schien meine Mutter zumindest für eine Zeit lang damit zufrieden zu sein, dass ich überhaupt studieren ging.
Ich höre sie heute noch sagen: "Literaturwissenschaften? Bist du sicher? Gibt es dafür denn vernünftige Stellenangebote? Was, wenn du damit später keinen Job findest, Ken?"
Es wäre ihr deutlich lieber gewesen, ich hätte beispielsweise in Richtung Ingenieurwissenschaften studiert. Der Mann ihrer Schwester ist in diesem Bereich tätig und genoss ein relativ hohes Ansehen. Für mich ist das allerdings keine Alternative gewesen.
Mein Vater kam nur selten vor Einbruch der Nacht nach Hause. Er arbeitete in einer einflussreichen Firma und leitete dort eine der größeren Abteilungen.
Im Gegensatz zu meiner Mutter sah er mich nicht gleich auf der Straße landen, nur weil ich nicht einer der Klassenbesten war.
Er sagte immer Dinge wie "Jetzt lass den Jungen doch machen, das schaffte er schon" oder "Aus mir ist auch etwas geworden und damals war ich sogar einer der schlechtesten in meiner Stufe!" Und dann lachte er mit diesen warmen Ausdruck in den müden Augen, als gäbe es nichts um das man sich Sorgen machen müsste.
Mein Vater hatte diese unverwechselbare, beruhigende Art an sich.
Er fand immer die richtigen Worte, wofür ich ihn aufrichtig bewunderte.

Als er starb, gab es dann plötzlich niemanden mehr, der in schwierigen Situationen die richtigen Worte fand.
Erst seitdem er weg ist, weiß ich, wie miserabel ich darin bin.
Ich hab nie eine Ahnung gehabt was ich sagen sollte, wenn meine Mutter mir wutentbrannt Dinge an den Kopf warf, die sie später bereute.
Ich habe immer geschwiegen. Selbst, als sie anfing mich zu schlagen, weil ich auch im Studium keine hervorragenden Leistungen vorweisen konnte. Weil all der Frust über mich und den Tod meines Vaters ein Ventil brauchte.
Ich habe geschwiegen und sie machen lassen.
Es ist nicht so, dass ich mich nicht gegen sie wehren könnte. Ich bin größer als sie und vermutlich auch stärker, aber es kommt mir falsch vor.
Das Letzte was ich will, ist, sie zu verletzen.
Ich halte es einfach aus und warte, bis es aufhört. Bis sie aufhört mich anzuschreien und ihre Schläge immer kraftloser werden.
Wenn sie sich beruhigt hat, fängt sie an zu weinen. Meistens nehme ich sie dann in den Arm und sage ihr, dass alles gut wird und sie verspricht mir es nie wieder zu tun.
Wir lügen beide und letztendlich geht es wieder von vorne los.
Ich versuche ihr möglichst wenig Gründe dafür zu geben, auf mich losgehen.
Das funktionierte lange Zeit ziemlich gut.
Vor allem dann, wenn ich erst sehr spät nach Hause kam, mir meine Studienunterlagen schnappte und mich sofort in meinem Zimmer verbarrikadierte.
Da meine Mutter nach dem Tod meines Vaters Angst bekam, wir würden früher oder später nicht mehr genug Geld zum Leben haben, nahm ich neben dem Studium zusätzlich einen Job in einem kleinen Café namens Anteiku an.
So konnte ich meine Mutter unterstützen und ihr gleichzeitig aus dem Weg gehen.
Die Probleme fingen erst wieder an, als wir trotzdem nicht genug Geld hatten. Ich bin nicht sicher, wie es dazu gekommen ist. Vielleicht gibt sie mehr aus, als sie mir sagt. Und ich habe wirklich versucht, deswegen wütend auf sie zu sein, aber mir fehlt die Kraft dazu. Es ist ein bisschen so, als würde man jemanden dafür verantwortlich machen, krank zu sein. Ich kann das einfach nicht.
Ich bin wütend, aber nicht auf sie.
Dieses Gefühl richtet sich gegen niemand bestimmten und irgendwie ist es deshalb so unbefriedigend.
Ich habe meiner Mutter versprochen, mir einen neuen Job zu suchen.
Einen, bei dem ich mehr Geld verdiene. Einen, für den ich alles aufgeben muss, um auch genügend Zeit dafür zu haben. Ein Nebenjob reicht einfach nicht.
Ich mache es wirklich nicht gerne, aber ich habe mich bereits beim Literaturstudium ausgeschrieben und meine Kündigung im Anteiku eingereicht.

Und das ist der Grund, warum ich jetzt auf meinem Bett sitze und die Anzeige in einem Magazin anstarre, die einfach zu schön ist, um wahr zu sein.

"Vielleicht haben die sich ja vertippt?", wirft Hide ein, mit dem ich gerade nebenbei skype. Mein Laptop liegt neben mir auf dem Bett und droht von der Kante zu kippen, was mich im Moment allerdings nicht besonders kümmert. Ich bin zu beschäftigt damit, weiterhin die Anzeige zu studieren.
Seitdem Hide letzten Sommer nach Osaka gezogen ist, halten wir über diesen Wege sehr regelmäßig Kontakt. Es ist schön, trotz der Distanz miteinander sprechen und sich sehen zu können.

"Ja, wahrscheinlich...", erwidere ich etwas abwesend, "Keiner bezahlt so eine riesige Summe."

"Das sind doch mindestens drei Nullen zu viel", stimmt Hide mir zu und wedelt dann auffordernd mit den Händen vor dem Bildschirm herum.
"Komm, zeig noch mal her!"

Ich halte ihm die Seite des Magazins wortlos vor den Bildschirm.
"Hmmm, schon merkwürdig... da steht einfach nur diese lächerlich große Gehaltsangabe und eine Telefonnummer. Die haben nicht mal angegeben, was du da machen sollst. Mysteriös... Suchen die 'nen Auftragskiller?"
Ich zucke lediglich die Schultern. Darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen, aber mir fällt absolut kein Beruf ein, der so hoch vergütet wird.
"Keine Ahnung. Ich find's auch merkwürdig."
"Aber?", harkt Hide erwartungsvoll nach.
"Nichts aber", erwidere ich lahm.
"Du willst nicht anrufen?"
"Was? Nein! Natürlich nicht."
Ich sehe das neugierige Funkeln in Hides Augen. Er grinst mich an, als würde er bereits jetzt wissen das ich es im Geheimen doch in Erwägung ziehe. Und ja, ich gebe es zu. Ich bin auch neugierig.
"Warum nicht? Vielleicht ist das ja der Jackpot? Vielleicht will irgendso ein super reicher Sack, dass du auf sein Anwesen aufpasst, solange er mit seinem Privatjet eine Weltreise macht?" Hide strahlt mich an und ich kann nicht verhindern, dass ein wenig seiner Euphorie auf mich übergeht - selbst wenn er sich lediglich eine dumme Geschichte zusammenspinnt.
"Ja, ist klar", antworte ich kopfschüttelnd, "Denkst du nicht, es ist bloß ein Tippfehler?"
"Kann sein, aber das wäre echt enttäuschend, oder?"
Ich sehe zu wie Hide sich nach hinten auf sein Bett fallen lässt.
Die Webcam zeigt mir nur noch seine Füße, die schlabbrige, graue Jogginghose und einen Teil seines T-Shirts mit dem Superman-Symbol drauf.
"Was würde er du mit den 9.920.000 Yen* machen?"
Ich seufze leise, lege den Kopf in den Nacken und starre die Decke an.
"Ich weiß nicht... das meiste würde ich wohl meiner Mutter geben."
Für einen Moment taucht ihr Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Lächelnd. Fröhlich. Keine Spur mehr von Trauer, Enttäuschung oder Zorn und sie würde mir zum ersten Mal in meinem Leben ehrlich und aufrichtig sagen, dass sie stolz auf mich ist.
Ich mag den Gedanken. Vielleicht sogar mehr, als ich sollte. Hide schnaubt.
"Buuuh! Langweilig... Also ich würde mir Alkohol kaufen. Viel Alkohol..."
"Sehr ambitioniert", erwidere ich sarkastisch und fange mir dafür prompt einen Mittelfinger ein.
Ich spare es mir mit den Augen zu rollen, weil Hide es ohnehin nicht sehen kann.
Stattdessen werfe ich einen flüchtigen Seitenblick auf das aufgeschlagene Magazin mit der ominösen Stellenanzeige neben mir. Es ist doch normal, dass mich der hohe Geldbetrag reizt, oder?
Immerhin könnte ich damit möglicherweise den Großteil meiner Probleme lösen. Ich könnte mir eine Wohnung suchen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Finanziell könnte ich meine Mutter schließlich trotzdem unterstützen, dafür würde das Geld locker reichen und vielleicht könnten wir mit dem nötigen Abstand sogar noch einmal von vorne anfangen... Es würde leichter werden.
"Denkst du, ich sollte da wirklich anrufen?"
"Na ja... was hast du denn schon groß zu verlieren?", fragt Hide zurück.
Ich zögere, obwohl ich weiß das er recht hat.
„Würdest du denn anrufen?“, stelle ich dennoch leicht verunsichert eine Gegenfrage. Hide setzt sich auf und zuckt mit den Schultern.
„Klar... ich meine, wenn sich das als ein Reinfall raus stellt, legst du einfach wieder auf und fertig. Also ich seh' da kein Problem, fragen kostet doch nichts.“

Immer wieder hallen diese Worte in meinem Kopf wieder. Auch, nachdem Hide längst aufgelegt hat. Im Schneidersitz sitze ich auf dem Bett, die Zeitung liegt auf meinem Schoß. Wie lange ich mein Handy jetzt schon in der Hand halte, weiß ich nicht.
Die Nummer ist eingewählt, aber der Bildschirm ist bereits wieder schwarz geworden.
Soll ich oder soll ich nicht? Wie lange habe ich mein Leben passiv verbracht, alles an mir vorbeifließen lassen? Mein Studium, meinen Job beim Antik – alles habe ich aufgeben müssen. Jetzt könnte ich mir etwas zurückholen. Gegen so eine Bezahlung wird Mama nichts sagen können.
Schlimmstenfalls ist es wirklich nur ein Fehler oder Betrug.
Es kann nichts schlimmer werden. Entweder, alles bleibt so, wie es ist – oder es wird besser. Ich atme durch, dann drücke ich den grünen Knopf. Das Freizeichen dröhnt in meinem Ohr und das monotone Tuten zieht sich unerträglich in die Länge. Niemand geht ran.
Ich will gerade auflegen, als auf der anderen Seite der Leitung jemand den Hörer abnimmt.

„Ich nehme an, Sie interessieren sich für unsere Anzeige?“
Die Stimme ist eindeutig männlich und der Tonfall derart harsch, dass es mir zuerst die Sprache verschlägt.
„Ich... nun, mit wem spreche ich?“, frage ich schließlich leicht überfordert.
„Mit der CCG. Commission of Collections and Glamour.“
„Die Modelagentur?“, bringe ich daraufhin lediglich reichlich perplex hervor.
„Nein, das Bestattungsunternehmen. Sind Sie interessiert oder nicht?“
Dem beißenden Sarkasmus schenke ich keinerlei Aufmerksamkeit. Dafür bin ich viel zu irritiert, denn irgendwie ergibt das für mich absolut keinen Sinn. Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Na ja, das war es dann. Der Job ist definitiv nichts für mich, das kann ich vergessen.
„Ähm... also... ich weiß nicht recht, ich glaube...“
Eigentlich bin ich dabei gewesen das Gespräch abzubrechen. Mein Finger liegt schon auf der Taste mit dem roten Hörer und nur meiner guten Erziehung habe ich es zu verdanken, dass ich dieser unangenehmen Situation nicht einfach ohne eine Erklärung abzugeben entfliehe.
Der Kerl am anderen Ende seufzt tief. So, als würde ich ihn stressen, dabei bin ich sicherlich der Einzige, dem das Herz gerade bis zum Hals schlägt.
„Kommen Sie am Samstag gegen 10.00 Uhr in unsere Zweigstelle in der Nähe des Tokyo Towers oder lassen Sie es bleiben.“
Bevor ich überhaupt die Gelegenheit bekomme darauf zu antworten, hat er auch schon aufgelegt.





* umgerechnet ca. 8000€