City of Angels - Rise of a Fighter

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
12.07.2019
11.11.2019
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Hallo Ihr Lieben!

Aller guten Dinge sind Drei, oder wie heißt es so schön?
Ich hoffe, ich mache dem/der einen oder anderen eine kleine Freude hiermit.

Update 10.08.2019: Ich darf mit Freude verkünden, dass ich die liebe AnnyRee dafür gewinnen konnte "City of Angels" Korrektur zu lesen. Die bereits hochgeladenen Kapitel werden also so nach und nach von kleinen, hinterlistigen Fehlerteufeln befreit, die sich hervorragend vor mir versteckt haben.
Ganz herzlichen Dank dafür, Anny!

Und weil es so schön ist *roll eyes*
Copyright © Pina Moxlay 2015-2019
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                                                    **********************************************


City of Angels

Rise of a Fighter

             
    Wenn zwei Menschen füreinander bestimmt sind,
    dann wird sie das Schicksal wieder zusammenbringen.
                             Immer.                                  
                   


                                                               *****************************

„Hey, Sara, bleibt es heute Abend dabei?“
Die zierliche Brünette verstaute einige Bücher in ihrem Spind, ehe sie sich umdrehte und die eineiigen Zwillinge Cameron und Michael anlächelte.
„Aber sicher doch! Ich kann nur nicht versprechen, dass ich es pünktlich um sieben Uhr schaffe. Ich bin gleich noch mit meinen Eltern verabredet. Sie wollen etwas mit mir besprechen wegen dieser Wohltätigkeitsveranstaltung, die meine Mutter organisiert.“
„Kommt Ashton auch mit?“, wollte Michael, der zwei Minuten jüngere der beiden, neugierig wissen, worauf Sara nur die Augen verdrehte.
„Ich hoffe ja nicht! Aber wenn es so sein sollte, werde ich es überleben. Wer ist denn sonst noch mit von der Partie?“
„Ich!“, rief Rebecca aus, die in dem Augenblick, als Sara diese Frage stellte, zu den drei Freunden stieß.
„Hey, das ist klasse! Da bin ich ja nicht mehr alleine unter den Jungs!“ Sara lachte ihre Mitschülerin an, die erst seit wenigen Wochen in der Stadt wohnte und mit der sie einige Kurse zusammen hatte.
„Das wird bestimmt lustig“, prophezeite Rebecca gutgelaunt. „Ich bin echt neugierig, was da so abgeht!“
„So wie ich Michael kenne, wird er uns mit Sicherheit in dieses Karaokezelt schleppen.“
Michael streckte ihr nur mit einem breiten Grinsen die Zunge raus, während Rebecca ein gespielt entsetztes Gesicht machte.
„Na, meinetwegen“, antwortete sie trocken. „Solange du uns mit Gesangseinlagen amüsierst, haben wir bestimmt was zu lachen.“
Die drei lachten herzhaft auf, als Michael nur beleidigt schnaubte und ihnen einen Vogel zeigte. Cameron verpasste seinem Bruder einen spielerischen Schlag gegen die Schulter.
„Ach komm schon, jetzt hab dich nicht so. Wir wissen alle, dass du nur scharf darauf bist, Sara endlich einmal singen zu hören.“
„Worauf er lange warten kann! Ich singe nur unter der Dusche! Gegen mein Gejaule ist Katzenjammer eine Wohltat! “
Schwatzend machten sich die vier auf den Weg zu dem großen Parkplatz, auf dem die meisten Schüler der Oberstufe ihre Autos abgestellt hatten. Dort trennten sich ihre Wege. Sara musste sich noch wegen des Treffens mit ihren Eltern umziehen, während Cameron, Michael und Rebecca kurzerhand beschlossen, gemeinsam etwas essen zu gehen. Ein wenig neidisch schaute sie den dreien hinterher. Zu gerne hätte sie sie begleitet. Allerdings hielt sie das Wissen, wie ihr Vater wohl darauf reagieren würde, davon ab. Um nichts in der Welt wollte sie das bisschen Freiheit dadurch verlieren, dass sie sich zu dem Treffen mit ihren Eltern verspätete.

Eine halbe Stunde später war sie in ihrem großzügig geschnittenen Appartement damit beschäftigt sich von der Highschool-Schülerin in eine elegante junge Dame zu verwandeln.
Ihre fast taillenlangen, dunkelbraunen Haare wurden in einen Chignon gezwängt. Danach schlüpfte sie in ein blassblaues Neckholderkleid aus Seide und zartem Chiffon und in dazu passende High Heels - auch wenn sie in diesem Moment schon wusste, dass ihr spätestens zwei Stunden später die Füße schmerzen würden.
Pünktlich um halb vier klingelte Carl, einer der Bodyguards ihres Vaters, um sie zum Belvedere zu fahren.
„Sie sehen bezaubernd aus, Miss Sara.“ Mit einem bewundernden Lächeln hielt er ihr die hintere Tür der schweren Limousine auf, in die sie elegant einstieg.
„Sie sind und bleiben ein Charmeur, Carl“, bemerkte Sara schmunzelnd und lehnte sich in den hellen Lederpolstern zurück. Sie würde darauf wetten, dass er das schon zu ihr gesagt hatte, als sie noch in die Windeln gemacht hatte. So lange war er bereits für ihren Vater tätig.
Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster, ohne auf den Verkehr zu achten.
Wie sehr sie sich doch auf einen ausgelassenen Abend mit ihren Freunden freute! Vor allem auf Rebecca. Sie mochte die ein Jahr ältere junge Frau sehr und war neugierig darauf, sie näher kennenzulernen. Ihren Eltern würde sie erst gar nicht erzählen, wo sie den Abend verbringen wollte, wusste sie doch, dass ihr Vater ihr das nur wieder unter der Androhung, dass er sie schneller wieder in den goldenen Käfig zurücksteckte, als ihr lieb war, verbieten würde. Sie hatte diesem erst zu ihrem siebzehnten Geburtstag, zumindest teilweise, entkommen können. Unter etlichen Bedingungen. Dazu gehörte auch, dass sie sich seit einigen Wochen mit Ashton, dem Sohn eines Privatbankiers, verabredete, obwohl ihr der versnobte junge Mann gehörig auf die Nerven ging.

Zehn Minuten vor dem verabredeten Termin fand sie sich im Foyer des Belvedere ein und wurde von einem übereifrigen Angestellten direkt zu dem Tisch geführt, an dem ihre Eltern bereits auf sie warteten. Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln, die aus einem flüchtigen Kuss auf die Wange ihres Vaters und einer kurzen Umarmung mit ihrer Mutter bestanden, nahm sie Platz und bestellte sich einen Kaffee.
Schon begann ihre Mutter munter über die Wohltätigkeitsveranstaltung zu reden, die knapp vier Wochen später in dem großen Festsaal des ehrwürdigen Wilshire Hotels stattfinden sollte, und zu der sie die wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt eingeladen hatte.
Während Sara sich zumindest bemühte, Interesse zu zeigen, wirkte ihr Vater rastlos wie immer, warf im Minutentakt einen Blick auf die Uhr und trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf dem Tisch herum, als könnte er es gar nicht erwarten von hier wegzukommen.
„Da hast du dir aber eine Menge einfallen lassen, Mom“, merkte Sara an. „Ich bin sicher, die Veranstaltung wird ein Riesenerfolg und es kommen eine Menge Spenden zusammen.“
„Ich bin so schrecklich aufgeregt“, seufzte Victoria und griff nach ihrem Wasser.
„Du hättest, wie ich dir gesagt habe, Justine Bernoit zu Rate ziehen sollen.“ Wie so oft, wenn Richard mit seiner Frau oder seiner Tochter sprach, klang deutliche Missbilligung aus seinen Worten heraus. Victoria presste ihre sorgfältig geschminkten Lippen zusammen und senkte den Blick, ehe sie gepresst antwortete: „Ich will mir aber nicht nachsagen lassen, dass ich nicht fähig bin, so etwas alleine auf die Beine zu stellen, Richard.“
Richards Mundwinkel zuckten leicht nach unten und er schien noch etwas sagen zu wollen. Stattdessen wandte er die Aufmerksamkeit seiner Tochter zu, die unauffällig unter dem Tisch die Hand ihrer Mutter ergriffen hatte und diese leicht drückte.
„Was hast du heute noch vor?“
„Oh, Ashton wird mich um halb sieben von zu Hause abholen“, erklärte Sara mit einem leichten Lächeln.
Richard nickte zufrieden und fragte weiter: „Und? Weißt du schon, wohin er dich ausführen wird?“
„Nein“, antwortete sie und warf nun ihrerseits einen verstohlenen Blick auf die Uhr. „Aber ich schätze, er wird einen Tisch in dem neuen französischen Restaurant reserviert haben“, fügte sie ergänzend hinzu. Sie musste wirklich langsam los. Es war bereits nach fünf Uhr. Ehe sie zu Hause war, wäre es fast sechs. Sie räusperte sich leise. „Mom. Vater. Wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich mich gerne auf den Heimweg machen. Ich wollte mich noch umziehen und etwas zurecht machen.“
Das war wohl das Stichwort für Richard. „Das trifft sich gut. Ich muss noch einmal dringend ins Büro. Ich habe noch einige Anrufe zu tätigen.“
An einem Freitagnachmittag? Sara wunderte sich, sprach den Gedanken aber nicht laut aus. Das würde ihn nur wieder verärgern.
„Schade“, seufzte hingegen Victoria und leerte zügig ihren Kaffee. „Sara, Schatz. Lass uns doch einmal etwas gemeinsam unternehmen“, schlug sie ihrer Tochter mit einem zaghaften Lächeln vor. „Wir könnten ...“
Richard hatte sich längst erhoben und unterbrach seine Frau einfach.
„Victoria, ich lasse Brian kommen, damit er dich abholt. Dann kann ich mit Joseph direkt zur Firma fahren.“
„Sir, wenn Sie nichts dagegen haben, bringe ich erst Miss Sara nach Hause und danach Ihre Frau“, richtete Carl, der sich wie immer die ganze Zeit in Hörweite befunden hatte, höflich seine Worte an Richard. „Dann muss Mrs. Montgomery nicht auf Brian warten.“
Der zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. „Meinetwegen.“ Er sah Sara an. „Bring Ashton am Sonntag mit zum Lunch.“
„Gerne, Vater“, antwortete sie auch brav und hauchte ihm zum Abschied einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Kaum dass er außer Sichtweite war, atmeten beide Frauen erleichtert auf.
„Soll ich den Wagen vorfahren, Mrs. Montgomery?“
Victoria nickte lächelnd, während sie nach ihrer Clutch griff und sich erhob.
Sara hakte sich bei ihrer Mutter unter, während sie langsam Richtung Ausgang gingen.
„Also, Mom, wie sieht es aus? Komm mich doch einfach einmal besuchen“, schlug Sara vor. „Oder befürchtest du, dass ich dich nicht hereinlasse?“
Über Victorias Gesicht glitt ein leichter Schatten. „Ich will dir nicht auf die Nerven gehen, Sara. Ihr Teenager habt doch etwas Besseres zu tun, als euch die Zeit mit euren Müttern zu vertreiben“, wiegelte sie unsicher ab. Sara schüttelte nur ungläubig den Kopf.
„Das ist mein voller Ernst, Mom. Ich fände es wirklich schön, wenn wir mal etwas Zeit miteinander verbringen würden.“ Sie überlegte kurz. „Weißt du was? Am Mittwoch ist schulfrei. Irgendeine Fortbildung für die Lehrer. Wenn du Lust hast, sei gegen neun Uhr bei mir. Dann frühstücken wir gemeinsam und unternehmen anschließend noch etwas.“
Victoria sah ihre Tochter mit einem glücklichen Leuchten in den Augen an. „Wirklich, Liebes?“
„Sonst würde ich es nicht vorschlagen, oder?“
„Ich werde pünktlich sein“, versprach Victoria und drückte ihre Tochter einmal fest an sich.


„Sag mal, gehst du wirklich wieder mit diesem Idioten aus?“, fragte Victoria unvermittelt.
„Du meinst Ashton?“ Ihre Mutter nickte bestätigend, worauf Sara nur verbittert auflachte.
„Was bleibt mir denn anderes übrig? Du kennst doch Vater. Er würde mir die Hölle heißmachen, wenn ich es nicht täte! Du weißt, dass er es am liebsten sehen würde, wenn ich heirate, kaum dass ich mit der Highschool fertig bin!“
„Was, so schlau wie du bist, eine absolute Schande wäre, Liebes“, bemerkte Victoria leise.
Sara warf ihr einen erstaunten Blick zu. Was war denn mit ihrer Mutter los? Sonst hatte sie doch zu allem Ja und Amen gesagt, wenn Richard irgendetwas beschlossen hatte. Okay, aber etwas in seiner Gegenwart zu äußern, würde sie sich nie trauen, das wusste die Siebzehnjährige mit Sicherheit.

*****

Fast hätte Sara die Augen verdreht, als sie Ashton lässig an seinem nagelneuen italienischen Sportflitzer, natürlich in leuchtendem Rot, lehnen sah. Dieser Wagen passte ungefähr genauso gut zu ihm wie ein Schwergewichtsboxer auf einen der zierlichen Stühle im Blauen Salon des Anwesens ihrer Eltern. Nur dass der Ferrari der Boxer war und Ashton ... Sara hütete sich, spöttisch grinsend den Kopf über ihren seltsamen Vergleich zu schütteln. Insgeheim hatte sie ja gehofft, dass er ihre Verabredung canceln würde, wenn er hörte, dass sie sich mit ihren Freunden auf der Kirmes treffen wollte. Er hatte zwar nicht besonders begeistert geklungen, aber zu ihrem Leidwesen trotzdem zugesagt.
„Du kommst zehn Minuten zu spät!“ Ashton sah Sara vorwurfsvoll an, als er ihr die Autotür öffnete.
„Entschuldige, aber ich war noch mit meinen Eltern verabredet.“ Sie unterdrückte ein leises Fluchen, als sie die Höhe falsch einschätzte und unelegant in den Schalensitz plumpste, so tief wie der Wagen auf der Straße lag. „Hättest du mich nicht mit dem BMW abholen können?“, beschwerte sie sich missmutig und schnallte sich an.
„Den BMW hat mein Dad verkauft und mir dafür den geholt“, war seine lapidare Erklärung, bevor er die Tür zuwarf. Sara konnte gerade noch den Ellbogen einziehen. Rücksichtnahme war ja mal so gar nicht Ashton Coopers Metier, stellte sie angesäuert fest. „Ich weiß übrigens gar nicht, was du hast. Der Wagen ist doch einfach nur toll!“, fügte er noch großspurig hinzu, als er sich hinter den Fahrersitz geklemmt und den Ferrari gestartet hatte. Grinsend spielte er mit dem Gas und entlockte dem Motor ein nahezu infernalisches Brüllen.
„Schöne Protzkarre!“, wäre ihr um ein Haar herausgerutscht. Stattdessen lächelte sie nur gequält und schnappte Sekunden später erschrocken nach Luft, als Ashton mit quietschenden Reifen losfuhr und das Heck bedrohlich schlingerte. „Oh mein Gott, Ashton, fahr bitte vorsichtig!“, keuchte sie. „Ich hänge an meinem Leben!“
„Ach, hab dich nicht so“, konterte er ungerührt und hielt auf eine Ampel zu. Anstatt das Tempo zu verlangsamen, als diese in einiger Entfernung auf Gelb sprang, drückte er das Gaspedal voll durch. Der Ferrari schoss über die Kreuzung, als die zuvor wartenden Autos bereits angefahren waren. Sara presste sich nur aschfahl in den engen Sitz, sandte ein Stoßgebet gen Himmel und schwor sich, auf dem Rückweg ein Taxi zu nehmen oder bei Michael und Cameron mitzufahren.
Kaum dass er das Auto am Rande des Parkplatzes vor dem Kirmesgelände zum Halten gebracht hatte, stieg Sara aus - ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, allerdings mit einem leisen „Vollidiot!“ - und holte erst einmal zitternd Luft. Sie bekam nicht mit, dass der Jurastudent nur grimmig mit den Zähnen knirschte.

Ashton war frustriert. Seit drei Monaten ging er mit Sara aus, und in der ganzen Zeit hatte sie nicht einmal zugelassen, dass er sich ihr nähern konnte. Von einem Kuss ganz zu schweigen. Zwar entsprach sie nicht wirklich seinem Typ Frau - zu jung, zu klein, zu zierlich, zu dunkle Haare - aber immerhin sorgte das Wissen darum, dass sie die Erbin eines mehreren millionen-, wenn nicht gar milliardenschweren Unternehmens war, dass er sich noch nicht anderen, weitaus willigeren Damen zugewandt hatte. Da konnte man schon mal darüber hinwegsehen, dass sie eine Riesenzicke war. Aber er würde sie schon noch knacken, hatte er sich geschworen.
„Sara, jetzt warte doch!“
Sie fuhr herum und blitzte ihn aus wutfunkelnden Augen an.
„Dein Ernst?! Ashton, ich habe dich mehrfach gebeten, langsamer zu fahren! Ich hab mir fast in die Hose gemacht vor Angst!“, fauchte sie ungehalten.
„Ach komm schon, ich hab das Auto doch gut im Griff gehabt“, versuchte er, sie zu besänftigen, auch wenn er gerade merkte, wie sehr ihm ihr Gehabe gegen den Strich ging.


Damian drosselte das Tempo seiner Harley, als er auf den unebenen Parkplatz vor dem Kirmesgelände auffuhr und sorgsam den vielen Schlaglöchern auswich, mit denen der Platz übersät war. Eine Tatsache, die seine ohnehin schon schlechte Laune noch um ein Vielfaches steigerte - zusätzlich zu dem Punkt, dass John sich in den Kopf gesetzt hatte, dass der Club nach außen hin wieder mehr Präsenz zu zeigen hatte, und er deshalb den harten Kern zu diesem dämlichen Rummel zitiert hatte. Was zur Hölle sollte das? Sollten sie gemeinsam eine Runde auf dem Kettenkarussell drehen und anschließend gemeinsam auf die Hüpfburg oder wie hatte sich das der Prez des MC „Tomb Guardians“ vorgestellt? Er steuerte seine „Fat Betty“ - wie er sein Bike liebevoll nannte - auf den hohen Gitterzaun zu, mit dem der Kirmesplatz umgeben war. Dort waren nebeneinander noch vierzehn andere Motorräder aufgebockt, die von zwei Prospects, die gelangweilt rauchten und sich leise unterhielten, bewacht wurden. Aus den Augenwinkeln sah er ein junges Pärchen, das einige Meter vor dem Eingang hitzig miteinander diskutierte, bis sich die Frau abwandte und zum Eingang lief, während der Typ, der aussah wie aus einer Werbung für Weichspüler entsprungen, ihr etwas hinterherrief und offenbar unschlüssig einige Schritte zurückging. Genau in seine Richtung!

„Du bist so ein rücksichtsloser Idiot, Ashton“, zischte Sara, machte auf dem Absatz kehrt, ließ ihn einfach stehen und ging schnurstracks Richtung Eingang.
„Herrgott noch mal“, fluchte Ashton unterdrückt auf und blieb einen Moment lang stehen. Er wägte ab, ob er sich nicht einfach in sein Auto setzen und zu dieser Party fahren sollte, wie er es eigentlich für den Abend geplant hatte.
Sein Blick streifte eine Reihe schwerer Bikes, die am Zaun entlang geparkt waren. Als sein Blick auf die beiden Männer fiel, die an diesem lehnten, entwich ihm ein verächtliches Schnauben. Wunderbar, jetzt ließen die auch schon dieses kriminelle Rockergesindel auf das Gelände! Warum um alles in der Welt musste Sara auch darauf bestehen, sich mit ihren albernen Freunden zu treffen? Colins Party hatte viel mehr Stil. Aber nein, stattdessen musste er über diesen albernen Rummel schleichen wie ein kleines Kind!
Nur Sekunden später war sein herablassender Gesichtsausdruck allerdings wie weggewischt, weil er wie ein verängstigtes Kaninchen Haken schlug, als unmittelbar hinter ihm jemand den Motor seines Fahrzeugs warnend aufheulen ließ.


Da war ihm diese Milchschnitte doch fast vor seine Betty gerannt!
Damian bremste abrupt und um seinem Unmut Luft zu machen, jagte er noch mal das Gas hoch, sodass seinem Bike ein ohrenbetäubendes Brüllen entwich. Er konnte sich kaum ein hämisches Grinsen verkneifen, als der Typ mit verängstigtem Gesichtsausdruck am Zaun klebte und aussah, als würde er sich jeden Augenblick in die Hose machen. Devlin und Cody, die beiden Prospects, konnten nicht an sich halten und brachen in wieherndes Gelächter aus.
„Der pisst sich fast ein, Alter!“
Auch Sara hatte sich umgedreht und beobachtete die Szene mit wachsender Schadenfreude und Interesse.
Damian ließ die Betty ausrollen und bockte sein Bike hoch, ohne Ashton eines weiteren Blickes zu würdigen. Tatsächlich wirkte es nach außen hin, als hätte er den jungen Mann völlig ausgeblendet.
„Unverschämtheit!“, echauffierte sich der blonde Student nun mit verdächtig hoher Stimme, nachdem er den größten Schreck überwunden hatte.
Nun wurde Damian endgültig auf den Hellblonden aufmerksam, wandte den Kopf in seine Richtung und musterte ihn mit kalten Augen, in denen ungefähr so viel Interesse für Ashton zu sehen war wie für eine besonders niedere Lebensform.
„Hast du 'n Problem, Fatzke?“, kam es recht spöttisch und übellaunig zugleich aus seinem Mund. Lässig stieg er von der Maschine und baute sich zu seiner gesamten imposanten Größe vor dem bestimmt eineinhalb Köpfe kleineren Ashton auf, der vor ihm wirkte wie ein schmächtiger Zehnjähriger.

Als Sara diesen Hünen - denn anders konnte man diesen beeindruckenden Mann kaum bezeichnen - das erste Mal bewusst ansah, passierte etwas mit ihr, das sie zu diesem Zeitpunkt nicht in Worte hätte fassen können. Vollkommen fasziniert starrte sie ihn an, schluckte dann schwer, als er den Kopf drehte und so den Blick auf eine tiefe, ungleichmäßige Narbe freigab, die sich zickzackförmig von der Mitte seiner Stirn, über die Schläfe und seine Wange bis zu seinem Kinn zog. Die dunkelblonden Haare, am Hinterkopf zusammengefasst und in unterschiedlich dicke Zöpfe geflochten, reichten ihm fast bis auf die Mitte seines breiten Rückens, die Seiten waren zu einem Undercut geschoren, was ihm das Erscheinungsbild eines Kriegers verlieh. Was sie aber nur am Rande wahrnahm. Denn sein Gesicht, das einer harten, undurchdringlichen Maske glich, hatte eine Wirkung auf sie, die sie nicht beschreiben konnte. Dass sie beim Klang dieser tiefen, rauen Reibeisenstimme eine dicke Gänsehaut bekam, registrierte sie schon gar nicht mehr.

„Ehm ..., a-also ... ehm, i-i-ich ...“, stotterte Ashton, dem gerade geringfügig die Knie schlotterten und der zutiefst bereute, dass er den Mund überhaupt aufgemacht hatte.
Damian sah den kleineren Kerl vor ihm - der in seinen Augen einfach nur weibisch aussah in seinen hellen Bundfaltenhosen, dem weißen Poloshirt und dem über die Schultern gelegten Pullover in einem zarten Pastellblau - mit versteinerter Miene an.
„Aha, erst die Fresse aufreißen und dann anfangen zu stottern“, knurrte er und verzog geringschätzig die Mundwinkel nach unten. „Ich an deiner Stelle wär' vorsichtig, wen du so dumm von der Seite anmachst, Fatzke.“
Aber zu Ashtons größtem Überdruss musste Sara, dieses verwöhnte, reiche Miststück, jetzt auch noch ihr blödes Maul aufreißen!!!

„Menschenskind, Ashton, jetzt mach dich nicht komplett zum Idioten! Entschuldige dich bei dem Herrn und komm endlich!“, rief besagtes Miststück laut, das gerade versuchte, ihr klopfendes Herz zu beruhigen und die Fassung zu bewahren. Warum sie überhaupt in Erwägung zog die Wogen zu glätten, konnte sie sich selbst nicht genau erklären. Vielleicht in der unterschwelligen Hoffnung seine Aufmerksamkeit zu erlangen? „Der nette Herr wird dich schon nicht fressen!“, fügte sie noch mit einem etwas schiefen Lächeln hinzu.

Damian warf beim Klang dieser samtigen, zugleich melodischen Stimme einen zutiefst irritierten Blick zu der jungen, dunkelhaarigen Frau, die amüsiert und beunruhigt zugleich schien und nun zu ihm hinübersah, den schönen Mund zu einem etwas angespanntem, jedoch freundlichen Lächeln verzogen. „Entschuldigen Sie bitte, Sir. Aber mein Bekannter weiß sich manchmal nicht zu benehmen!“
Unvermittelt zuckten seine Mundwinkel leicht nach oben, als er dieses „Sir“ aus ihrem Mund vernahm. So hatte ihn definitiv noch nie jemand genannt!

Ashton nutzte die Chance, dass dieser Kerl gerade von Sara abgelenkt war und beeilte sich zum Eingang zu gelangen, um so schnell wie er konnte, zu Sara aufzuschließen und dem Typ dann, als ein gewisser Abstand zwischen ihnen herrschte, nochmal einen Blick voller Verachtung zuzuwerfen, in dem allerdings auch eine gehörige Portion Angst gemischt war.
„Sag mal, hast du sie noch alle?! Musstest du mich vor diesem Proleten so bloßstellen?! Hast du seine Visage gesehen?! Der ist doch bestimmt ein Krimineller oder so!“, maulte er Sara an, packte sie äußerst grob am Oberarm, sodass sie einen unterdrückten Schmerzlaut von sich gab, und zog sie unsanft mit sich.
„Lass mich sofort los!“, fauchte Sara ungehalten und entzog sich ihm mit einer unwirschen Bewegung, um sich die schmerzende Stelle zu reiben. „Du spinnst doch wohl total! Wer sich hier gerade wie ein Prolet benimmt, steht doch wohl außer Frage! Außerdem darfst du dich nicht wundern, wenn du die Leute gegen dich aufbringst, indem du so dumme Sprüche von dir gibst!“

Damians Gesicht hatte sich bei den Worten des hellblonden Mannes immer mehr zu einer starren Maske der Wut verzogen. Prolet?! So eine Visage?!
„Na warte, Freundchen“, knurrte er düster und folgte den beiden jungen Leuten in einem Abstand von etwa zehn Metern. Er lauerte regelrecht darauf, dass dieser Ashton ihn noch einmal schief von der Seite anmachte. Er hatte einen verdammt beschissenen Tag hinter sich, null Bock darauf sich gleich mit seinen Brüdern zu treffen und wartete förmlich auf ein Ventil, an dem er seinen Dampf ablassen konnte.
Aber diese junge Frau imponierte ihm damit, dass sie diesem Milchbubi so Konter gab. Sie wetterte jedenfalls weiter: „Schon mal davon gehört, dass es auch unter diesen - wie du sie nennst – Proleten welche gibt, die Anwälte oder Ärzte sind? Und nur, weil du meinst, etwas Besseres zu sein, heißt es noch lange nicht, dass er ein Krimineller ist! Nur wegen dieser kleinen Narbe?! Oder weil er ein schweres Motorrad fährt?! Echt, du bist so ein Snob, Ashton, das ist ja widerlich!“

Damian konnte nur verblüfft den Kopf schütteln. Dass jemand wie sie, die offensichtlich aus mehr als nur guten Kreisen stammte, jemanden wie ihn verteidigte, hatte er noch nie erlebt! Das Nächste war, dass jemand diese Narbe, die sein Gesicht verunstaltete, als klein bezeichnete. Klein! Er sah sich ja selbst höchst ungern im Spiegel an wegen diesem Ding! Allerdings wurde seine Aufmerksamkeit gleich wieder auf die beiden jungen Leute gelenkt, die vor ihm herliefen, da der Tonfall sich doch nun sehr verschärfte.

„Ich bin ein Snob, ja?! Und du bist ein frigides Miststück, Sara!“, fuhr dieser Ashton sie gerade an. Daraufhin lachte sie nur hämisch auf und entgegnete giftig:
„Ja, sicher! Nur, weil ich mir von dir nicht die Zunge in den Hals stecken und mich von dir befummeln lassen möchte?! Komm klar, Ashton!“
Damian konnte sich ein leises Auflachen nicht verkneifen. Na, gefallen ließ sich die Kleine jedenfalls nichts! Ganz schön biestig konnte die werden, aber hallo!

Allerdings reagierte dieser Ashton jetzt überhaupt nicht so, wie man es von einem aus der sogenannten gehobeneren Gesellschaft erwartete.
Blitzschnell hatte er mit der einen Hand Saras Hals umfasst und mit der anderen ihre schmalen Handgelenke. So in seinem Griff gefangen, drückte er die junge Frau rücklings an die Hinterwand eines Fahrgeschäftes. Sara konnte nur noch ein schwaches Röcheln von sich geben und versuchte verbissen, ihn loszuwerden, indem sie nach ihm trat, was diesen Kerl nur dazu brachte, höhnisch aufzulachen. Mittlerweile hatten sich ihre Augen vor Angst geweitet und sie hatte ihre Gegenwehr komplett aufgegeben, in der Hoffnung, er würde seinen Griff lockern, sodass sie ein wenig mehr Luft bekommen würde. Denn körperlich hatte sie selbst einem nur durchschnittlich gewachsenen Mann wie Ashton nichts entgegen zu setzen.
„Vielleicht muss dir erst mal jemand zeigen, wie es ist, so richtig durchgefickt zu werden, du kleines Miststück“, zischte Ashton bedrohlich, betrachtete lüstern ihren zierlichen Körper und blieb mit einem recht fiesen Grinsen mit den Augen an ihrem Dekolleté hängen. „Ordentlich Titten hast du ja ganz offensichtlich!“

Das genügte Damian. Wenn er eines hasste, dann waren es Typen, die sich an Frauen vergriffen. Da war es ihm egal, ob es sich um eine stadtbekannte Schlampe oder, wie in diesem Fall, um eine junge Frau handelte. Außerdem hatte er da gerade das Ventil für seine schlechte Laune gefunden.
Er überbrückte den Abstand zu den beiden mit ein paar große Schritten, baute sich hinter Ashton auf und sagte sehr leise, was seine Stimme umso bedrohlicher wirken ließ: „Ich glaube, es ist besser du lässt die Kleine los.“
Sara hatte ihn als Erstes bemerkt und richtete ihre Augen flehend auf ihn. Sprechen konnte sie nicht, weil Ashtons Hand schmerzhaft ihren Kehlkopf eindrückte.
„Verpiss dich!“, zischte Ashton, ohne sich umzusehen und sich der Gefahr, die ihm nun drohte, bewusst zu sein. „Du siehst doch, ich will ein bisschen Spaß mit meiner Freundin haben.“
Damian verdrehte nur genervt die Augen, packte ihn rechts an der Schulter, wirbelte ihn zu sich herum. Ashton zuckte noch voller Panik auf, als er begriff, wen er da so angegangen war, da traf ihn auch schon ein präzise gesetzter, kurzer Kinnhaken, der den schlanken, jungen Mann direkt ins Reich der Träume beförderte.
„Aber sie nicht mit dir, du elendiger Hurensohn“, knurrte der Hüne verächtlich und spuckte auf ihn, wandte sich dann an Sara, die ihn dankbar mit weitaufgerissenen Augen ansah.

Für Damian schien die Welt einen Augenblick lang stillzustehen, als er in ihre Augen blickte, deren Saphirblau durch die dicken Tränen, die in ihnen schwammen, nur noch intensiver leuchtete und sich unauslöschlich in sein Gehirn einbrannten. Erst als sie leise hustete und sich die schmerzende Kehle rieb, kam er wieder zur Besinnung.
„Alles okay?“, fragte er besorgt und reichte ihr die Hand. Sie ergriff die seine, die so riesig war, dass ihre kleine, zarte Hand vollkommen darin verschwand. Er half ihr über den bewusstlosen Ashton zu steigen. Sie stolperte mit ihren schlotternden Knien und fand sich Sekunden später an seiner breiten, harten Brust wieder, schloss unwillkürlich die Augen, als sie seinen Geruch aufnahm. Eine Mischung aus Aftershave, Leder, Zigarettenrauch und … einfach atemberaubend gut.
„D-Danke“, hauchte sie, schlug die Augen auf und blickte direkt in unglaublich grüne Augen, die wie zwei Smaragde funkelten und alles von ihrer Kälte verloren hatten, mit der er zuvor Ashton angesehen hatte. Wieder konnte sie nicht anders, als ihn vollkommen fasziniert anzusehen, während sie von einem seltsamen Gefühl übermannt wurde, das sie erneut nicht hätte in Worte fassen können und ihre Knie weich werden ließ. Sich auf ewig in diesen Augen verlieren, die imstande zu sein schienen, bis ins tiefste Innere ihrer Seele zu blicken, war in diesem Moment der einzige Wunsch, den sie verspürte.

„Gern geschehen“, hörte er sich flüstern. Ihm ging es nicht anders als ihr. Der zarte Duft von Pfirsichen und Orangen stieg ihm in die Nase, vermischt mit noch einem anderen Geruch, den er nicht einordnen konnte, und etwas in ihm berührte, von dem er dachte, dass es nicht existierte. Vollkommene Ruhe und eine ungewohnte Leichtigkeit ergriffen ihn, die ihn innerlich wärmten, aber auch verunsicherten.
„Darf ich noch den Namen meines Retters erfahren?“, fragte sie ihn kaum hörbar, lächelte ihn dabei so süß und schüchtern an, dass es ihm durch und durch ging.
„Retter? Übertreibst du nicht ein bisschen?“ Seine Mundwinkel verzogen sich leicht nach oben, als sie nur stumm den Kopf schüttelte. „Damian“, antwortete er leise. „Mein Name ist Damian.“
Sie legte den Kopf leicht schief. „Damian“, wiederholte sie mit ihrer samtigen, melodischen Stimme, dass es klang wie eine zärtliche Liebkosung. „Ich bin Sara.“
Ein warmes Lächeln huschte über sein markantes Gesicht, das nun viel weicher erschien.
„Ich habe es vorhin gehört“, murmelte er und hob die Hand, um ihr eine Strähne ihres Haares, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, aus dem feingeschnittenen Gesicht zu streichen.
„Wartet noch jemand auf dich?“
Sie nickte stumm, nicht fähig den Blick von seinem Gesicht lösen. Ihre Hand lag immer noch in seiner, die andere ruhte auf seiner Brust. Dieser wirklich mächtigen, muskulösen Brust, über die sich das schwarze Shirt spannte und über dem er eine lederne Weste mit seltsamen Aufnähern trug. Und es fühlte sich so absolut richtig an. Vertraut. Wie konnte das sein? Was hatte er an sich, dass sie sich schlagartig so zu ihm hingezogen fühlte? Himmel, sie hatte sich bisher noch nie großartig für das männliche Geschlecht interessiert! Und es waren so einige junge Männer dabei, die auf den ersten Blick wesentlich attraktiver waren als dieser Mann.
Mann? Ja, das hier war ein Mann. Ohne Zweifel. Keiner dieser versnobten Bengel, von denen ihr Vater erwartete, dass sie mit ihnen ausging, und die noch feucht hinter den Ohren waren. Und keiner von ihnen hatte Augen von einer solch intensiven Farbe gehabt und sie so angesehen, wie er es tat.
Dann erinnerte sie sich an die Frage, die er ihr gestellt hatte, und sie räusperte sich.
„Mei-Meine Freunde warten am Riesenrad“, flüsterte sie und zuckte zusammen, als sich Ashton mit einem leisen Stöhnen regte. Sie wich automatisch ein Stück zur Seite. Angst flackerte in ihrem Blick auf. „Wa-Was ist mit ihm?“
„Du solltest jetzt gehen, Sara“, forderte er sie mit Nachdruck in der Stimme auf. „Er wird nicht mehr dein Problem sein.“ Er führte ihre Hand an seine Lippen und hauchte ihr einen sanften Kuss auf den Handrücken. Sara stockte der Atem. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich und ihre Haut kribbelte wie verrückt an der Stelle, wo seine Lippen sie berührt hatten.
„Werde ich dich wiedersehen?“, fragte sie mit großen Augen. Ein hoffnungsvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Ich denke nicht, dass das gut wäre, Sara“, entgegnete er sanft.
„Warum nicht?“, entgegnete sie prompt, fuhr sich nervös mit der Zungenspitze über die Lippen.
„Geh jetzt!“, befahl er ihr brüsk, ließ ihre Hand los und trat einen Schritt zurück.
Besser für sie, beschloss er, obwohl er seinen harschen Tonfall in der selben Sekunde bereute. Er wollte nicht plötzlich dieses unbändige Verlangen spüren, diese wunderschönen, vollen Lippen zu küssen. Das durfte nicht sein! Seine Gesichtszüge wirkten plötzlich wieder so hart wie Stein, seine Augen funkelten kalt und abweisend. „Hast du gehört? Verschwinde! Das hier ist nichts für kleine, reiche Mädchen!“, fuhr er sie an.
Sara drückte ihre Umhängetasche an sich und warf ihm wegen seines plötzlichen Stimmungswechsels noch einmal einen unsicheren Blick zu. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und hastete davon.
Vorsichtig sah sie noch einmal über die Schulter zu seiner hünenhaften Gestalt, die sich unter den schummerigen Laternen nur schemenhaft abzeichneten, bevor sie regelrecht von der gleißenden Helligkeit, in die der Kirmesplatz getaucht war, und den Menschenmengen, die unterwegs waren, vom Ort dieses nun fast unwirklichen Geschehens aufgesogen wurde.

Damian zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und verpasste Ashton, der aus seiner Bewusstlosigkeit aufgewacht war und sich aufrichten wollte, nochmals einen Tritt gegen den Kiefer, der ein knackendes Geräusch von sich gab. Er hockte sich neben ihn, griff mit der Hand in die blonden Haare des jungen Mannes und bog dessen Kopf zurück. Er zog erneut an seiner Zigarette, blies ihm den Qualm ins Gesicht.
„Du hältst dich fern von ihr, Freundchen, hörst du? Komm ihr nie wieder zu nahe, sonst ...“
Ashton vernahm das Aufschnappen eines Messers, spürte, wie sich eine kalte Klinge gegen seine Kehle presste und leicht seine Haut einritzte.
„Verstanden?“, zischte Damian ihm ins Ohr.
Ashton nickte wimmernd. Damian verzog plötzlich angewidert die Nase.
„Hast du dir etwa in die Hose geschissen, du Schlappschwanz?“
Wieder nickte Ashton.
„Is' ja ekelhaft“, brummte Damian angewidert, stieß Ashtons Kopf in den Dreck und erhob sich aus der Hocke. Er warf Ashton, der schwankend versuchte, sich aufzurappeln, einen ausdruckslosen Blick zu und ging mit langen Schritten auf den Kirmesplatz, bahnte sich rücksichtslos einen Weg durch die Menge, um zielstrebig das Bierzelt anzusteuern, in dem seine Brüder ihn bereits mit lautem Gejohle empfingen.
„Kleiner, wo hast du so lange gesteckt?“, wollte John wissen, der am Kopf des Tisches saß.
„Hatte noch was zu erledigen“, brummte Damian übellaunig, während er in der Innenseite seiner Kutte fummelte und ein Päckchen Zigaretten zutage förderte, um sich davon eine anzuzünden.
„Hier ist Rauchen verboten“, regte sich auch gleich eine aufgetakelte Rothaarige auf, die noch mit einigen anderen Leuten dort saß, und blickte ihn vorwurfsvoll an. Damian grinste nur süffisant, inhalierte genüsslich den Rauch und zeigte ihr provokant den Mittelfinger, während er den Qualm in ihre Richtung blies.
„Snake, hol mir n‘ Bier“, befahl er dem schlaksigen, jungen Mann, der neben ihm saß. „Nee, besser zwei.“
„Kleiner, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“, fragte John vorsichtig.
„Donny.“ Die Antwort genügte. John seufzte schwer.
„Schon wieder? Wann und wo?“
„San Diego. Nächstes Wochenende. Der Pisser. Dabei hätte ich nächsten Samstag ein Riesentattoo zu machen. Mindestens 'ne 8 Stunden Sitzung, wenn der Typ das durchhält. Nur für die Umrisse.“ Damian zog wieder missmutig an seiner Zigarette, warf der Tussi vom Nebentisch einen scharfen Blick zu, als diese den Anschein erweckte, erneut etwas sagen zu wollen. „Da soll man seinen Lebensunterhalt verdienen, wenn der Wichser immer zwischen funkt!“
Snake kam an den Tisch zurück, stellte Damian seine geforderten Getränke hin und ließ sich neben ihn auf den Holzstuhl plumpsen. Wortlos setzte Damian die erste Flasche an, um sie mit einem Zug zu leeren, rülpste vernehmlich und griff sich direkt die nächste.
John blähte nur die Wangen auf. Mit Damian war heute nicht gut Kirschen essen. Besser man ließ ihn in Ruhe.


Rebecca, Michael und Cameron warteten wie verabredet am Getränkestand gegenüber des Riesenrades auf Sara, die sich auf dem Weg dorthin immer wieder verstohlen umsah und sich fragte, ob sie diesen Damian wohl noch einmal wiedersehen würde.
So etwas hatte sie noch nie erlebt! Sie hatte immer noch das Gefühl seine warmen, unglaublich weichen Lippen auf ihrem Handrücken zu spüren und fühlte immer noch diesen intensiven Blick auf sich ruhen. Dann aber fuhr ihre Hand hoch zu ihrem Hals, der noch von Ashtons schraubstockartigem Griff schmerzte. So viel Kraft hatte sie ihm gar nicht zugetraut! Okay, sie hatte ihm auch nicht zugetraut, dass er ihr gegenüber so zudringlich werden würde! Ekel bei dem Gedanken, was er ihr hätte antun können, erfasste sie und ließ sie erschaudern. Wenn Damian nicht zur Stelle gewesen wäre ...
„Alles okay mit dir, Sara?“, erkundigte sich Rebecca besorgt, der Saras unnatürliche Blässe sofort auffiel.
„Ja“, murmelte sie und sah auf. „Ja, alles gut.“
„Was hast du denn da am Hals?“, wollten Michael und Cameron, die Zwillingsbrüder, erschrocken wissen. „Und wo ist Ashton?“
Sara schnaubte verächtlich. „Dieses Schwein ist sehr zudringlich geworden“, sagte sie mit angewidertem Gesichtsausdruck. „Er hat mich gewürgt u-und ich weiß nicht, was sonst noch passiert wäre, wenn mir nicht ein Mann zu Hilfe gekommen wäre. Er hat ihn niedergeschlagen. Ashton liegt da irgendwo zwischen den Fahrgeschäften. Und da kann er meinetwegen verrotten!“
Die drei Freunde starrten sie nach diesen Worten fassungslos an.
„Um Gottes willen, Sara, du musst die Polizei verständigen! Der Mann wird doch bestimmt als Zeuge aussagen!“, ereiferte sich Michael empört, während Rebecca den Arm um ihre Schultern legte und die Würgemale am Hals betrachtete.
„Leg meinen Schal um, Liebes, dann sieht man das nicht so“, schlug sie ihr leise vor, was diese auch dankbar machte und plötzlich in Tränen ausbrach, dabei das Gesicht in den Händen vergrub, als sie sich plötzlich der Tatsache bewusst wurde, was ihr alles hätte zustoßen können.
„Hey, Kleine, es ist doch alles gut“, flüsterte Rebecca erschrocken und drückte sie an sich.
Der Rest der Clique warf sich nur betroffene Blicke zu und wusste gerade nicht so wirklich, wie sie sich jetzt verhalten sollten.
Sara brauchte einige Minuten, um sich zu beruhigen, atmete tief ein und aus, bevor sich ihr Körper straffte und sie mit fester Stimme sagte: „Wisst ihr was? Ich lasse mir davon nicht den Abend verderben. Ist ja noch mal gut gegangen. Und etwas Gutes hat die Sache. Wenn ich das meinem Vater erzähle, bin ich wenigstens nicht mehr gezwungen, mich weiterhin mit ihm zu verabreden. Der ist definitiv von der Liste der Heiratskandidaten gestrichen!“
„Bist du sicher, dass du nicht lieber nach Hause möchtest, Sara?“, fragte Michael vorsichtig, doch Sara schüttelte energisch den Kopf.
„Nein! Ich hole mir jetzt etwas zu trinken und danach gehen wir eine Runde über den Rummel. Einverstanden?!“
Verblüfft über ihr Verhalten nickten ihre Freunde zögernd. Das hätten sie jetzt nicht von Sara erwartet. Sie war so klein und zart, dass sie vermutet hätten, dass sie sich nach so einem Ereignis weinend und schluchzend in ihre Wohnung verkrochen hätte.
Aber ob man so einen Übergriff so einfach wegsteckte ...?
Cameron war der Erste, der etwas dazu sagte: „Okay, Leute, dann drehen wir erst eine Runde und danach machen wir einen Abstecher ins Bierzelt. Da findet ab zehn Uhr eine riesige Karaoke-Party statt. Wird bestimmt lustig.“
„Hauptsache, du singst nicht“, neckte ihn Rebecca, worauf Cameron nur lachend die Augen verdrehte.