Libra

OneshotRomanze, Schmerz/Trost / P16 Slash
Chuya Nakahara Dazai Osamu
12.07.2019
12.07.2019
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Ihre Lippen fügten sich ineinander, als wären sie füreinander in Form gegossen worden. Sie waren wie Yin und Yang, nur in unterschiedlichen Schwarztönen. Sie waren Temperament und Disziplin. Stärke und Verstand. Loyalität und Arglist. Wie Feuer und Eis. Mal mehr das eine, mal mehr das andere.
Momentan dominierte das Feuer. Es befand sich auf seinen Lippen, den Fingerspitzen, in seiner Magengegend und seinem Schoß. Die Flammen waren überall und sie waren Chuuyas Flammen. Es gab keine Hitze, die tiefer in ihn vorzudringen vermochte, als seine. Keine, die er überhaupt an sich ranlassen würde, und doch ließ er diese hier so tief in sich ein.
Chuuyas Zunge glitt über Dazais Lippen, füllte seine Mundhöhle aus und tanzte in leidenschaftlichem Rhythmus mit der seinen. Sein Atem auf Dazais Wange glühte schon beinahe, weshalb er sich dazu gezwungen sah sich kurz Millimeter von ihm zu
lösen und seine Nase für einen weiteren Kuss in die andere Wange zu graben. Ihre Lippen verschlangen einander aufs Neue. Die Zeit schien für sie stehen geblieben zu sein, doch es war eben alles nur Schein.
Die unerträgliche Hitze kam erneut in ihm auf und er realisierte, dass sie nicht Chuuyas Atem zuzuschreiben war. Es brannte, nein schmorte, in seiner Luftröhre und seinen Lungen und es dauerte einen ganzen Moment, ehe er bereit war das Gefühl, unter welchem er litt, endlich vollends zu akzeptieren. Schuld. Siedend heiße Schuld, die Dazai dazu bewegte sich dem Kuss, dem Griff, der gesamten Nähe zu entziehen, als würde man die nicht existenten Ketten einholen, die man ihm umgelegt hatte. Überhaupt war doch jede Bewegung ihrer Lippen nur ein verzweifelter Versuch gewesen seine wohl überlegten, zurechtgelegten Worte hinauszuzögern.

"Ich kann das nicht mehr."

Seine Stimme war nicht mehr als flüchtiger heißer Atem. Sie brachte die Furchen, die sich in Chuuyas Stirn gelegt hatten, dazu sich noch weiter zu vertiefen.

"Was kannst du nicht mehr?"

"Das hier."

Er sah zu Boden, um nicht länger die Schrammen und riesigen blauen Flecke auf Chuuyas Haut anzustarren. Drei Wochen nun und man sah sie immer noch. Es war allzu leicht zu sagen, dass Chuuya ohne ihn gestorben wäre aber entsprach das auch wirklich der Wahrheit? War es nicht eigentlich so, dass Corruptions Einsatz ohne ihn gar nicht erst stattgefunden hätte? Diese beiden Fragen hatten ihn die letzten Wochen begleitet und drängten nun dazu beantwortet zu werden.

"Ist es nicht so, dass ich der einzige Grund bin, aus dem du überhaupt Corruption verwenden... und dich diesem Schmerz und der Angst, die ich wahrscheinlich nicht einmal begreifen kann, jedesmal aufs Neue stellen musst?"

Er sah sie jedesmal kurz vor der Entschlossenheit in Chuuyas Augen aufflickern, bevor sie seine Finger leicht Zittern ließ, wann immer er sie aus dem Stoff seiner Handschuhe befreite und nach Luft rang, um den teuflischen Vers auszusprechen. Die Angst.
Und über den Schmerz brauchten sie gar nicht erst zu reden, schließlich fesselte er Chuuya nicht selten noch ein oder sogar zwei Wochen nach Corruptions Nutzung ans Bett. Aber selbst danach war er mit geübtem Auge noch in jedem seiner Schritte zu erkennen. Er steckte tief in der Steife seiner Schultern fest.
Ein im Hintergrund ganz seicht unsicheres Schnaufen erreichte schließlich seine Ohren und holte Dazais Gedanken zurück ins Hier und Jetzt.

"Sei kein Idiot, Dazai."

Eine ganze Weile lang starrten sie einander bloß an. Keiner der beiden wagte es als Erster das Wort zu erheben oder gar die Distanz zwischen ihnen zu überbrücken. Die Spannung zwischen ihnen nahm unerträgliche Maße an und es war, als wäre es einer ihrer kleinen Wettbewerbe, in denen es darum ging, wer als erstes einknicken und über den anderen herfallen würde.
Es war, wie so häufig, Chuuya.

"Was hast du jetzt vor? Dich endlich umbringen?"

"Ich bitte dich, Chuuya. Kouyou würde doch niemals zustimmen."

"Das ist nicht der Zeitpunkt für Scherze, Osamu."

Dazais Gesichtszüge verhärteten sich.

"Ich werde die Mafia verlassen."

"Wie bitte?"

Chuuya glaubte, sich verhört zu haben.

"Ich werde die Mafia und Yokohama verlassen, denn dann wird Mori es nicht mehr wagen das Risiko einzugehen und dich Corruption verwenden zu lassen."

"Das ist doch Bullshit."

Dazais Blick sagte etwas anderes. Er versetzte den Rothaar in Rage.

"Waren all die Worte, die du mir in den Arsch geschoben hast, etwa dieselben Lügen, die du sowohl deinen One-Night-Stands als auch deinen Gefangenen zuflüsterst?!"

"Nein!"

Das Wort kam aus ihm herausgebrochen, wie heiße Lava aus einem Vulkan. Aber Dazai wusste sich zu beherrschen, seine Glut unter Kontrolle zu behalten, selbst in diesem Moment.

"Nein...," wiederholte er ruhig, "und gerade deshalb kann ich dich nicht leiden sehen."

Stille, unerträgliche Stille, folgte. Ein weiterer Wettkampf, den Chuuya aufs Neue verlor.

"Dann... nimm mich mit! Kehren wir ihnen den Rücken. Und selbst wenn sie uns jagen-"

"Nein."

Oh, Liebe war töricht.
Sie drehte Dazai den Magen um. Chuuya war nicht er selbst. Er ließ sich blind von seinen Emotionen leiten, wie er es immer tat.

"Du hast Mori Treue geschworen. Ich nicht. Willst du diesen Schwur wirklich brechen? Chuuya, ich kenne dich doch. Das ist nicht deine Art. Deine Loyalität war schon immer... bedingungslos dumm, aber auch einzigartig."

Dazai sah, wie sein Gegenüber mit sich rang. Sein Wille und sein Herz lagen mit seiner Moral und seinem Gewissen auf der Waage. Er schwankte. Ein Milligramm, ein Wort von Dazai, hätte das Zünglein an der Waage sein können. Hier hatte er endlich die einzigartige Gelegenheit diesen jungen temperamentvollen Mann zu brechen und ergriff sie nicht.
Liebe war töricht.

Chuuyas Hände zitterten stärker als vor jedem vergangenen Mal, das er Corruption benutzt hatte. Doch sie ballten sich zur Faust, anstatt ihn am Handgelenk, am Kragen, am Hosenbein, an irgendeiner beliebigen Stelle zu ergreifen und aufzuhalten, als Dazai mit dem letzten Prickeln ihres geteilten Atems auf den Wangen und Chuuyas verbliebenem, bereits trocknendem Saliva auf den Lippen an ihm vorbeischritt.
Scheinbar eiskalt, doch es gab Suizidmethoden, die schmerzten mehr, als der Selbstmord seines Herzens es tat.
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