Neujahrsgedanken

von Eosphora
GeschichteAllgemein / P12
12.07.2019
12.07.2019
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Die Tränen strömten nur so ihre Wangen hinab, ihre Augen brannten, als hätte sie gerade Zwiebeln geschnitten. Das war doch unglaublich! Sie hatte diesen Film schon so oft gesehen, und das war ihr noch nie passiert. Durch den Tränenschleier sah sie nicht einmal mehr die Fernbedienung, um den Film endlich abschalten zu können.
Es war mal wieder nötig gewesen. Sie hatte Mittelerde vermisst, sehr sogar. Mehr noch als sie sich eingestehen wollte. Trotzdem, das Heulen ging zu weit. Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers über die Augen, endlich wieder klare Sicht. Rasch schaltete sie den Fernseher ab und atmete tief durch. Immer mit der Ruhe. Freundschaft war eben doch eins der stärksten Gefühle, die die Welt zu bieten hatte.
Gut, Liebe konnte man es auch nennen, aber Liebe war ein sehr weit gefasster Begriff. Um sich davon abzulenken, wie alleine sie war und wie sehr sie Gesellschaft vermisste – Freunde wollte sie schon gar nicht sagen – fing sie an, ihr Silvesterchaos aufzuräumen. Die leeren Flaschen waren schon ein trostloser Anblick. Trotzdem, es war ein wunderschöner Abend gewesen. Manchmal war man sich selbst als Gesellschaft doch genug, vor allem mit guten Filmen, Büchern und gutem Essen. Gut, und Wein. Aber der musste zu Brot und Käse einfach sein. Außerdem war Silvester, gute, gesunde Ernährung konnte noch einen Tag warten. Und nun? Der Tag war noch jung, genauso wie das Jahr. Und sie dank Kaffee nicht müde.
Ihre Bücher drängten sich in ihr Blickfeld, sie hatte sie schon am vorigen Tag auf dem Sofa deponiert, ihrem Lebensmittelpunkt für eine Woche.
Sie konnte schreiben. Wie Bilbo, Frodo und Sam. Wie ihr früheres Ich, das ohne Stift und Papier nicht leben konnte. Wo waren diese Jahre nur geblieben? Es schien, als hätte das Leben sie irgendwo überholt und alles mit sich genommen, was ihr wichtig gewesen war. Schreiben, reiten, Theater spielen. Alles verloren. Bis heute. Sie würde sich ihr altes Ich zurückerkämpfen, wie ein Soldat. Sie konnte das. Sie hatte Vorbilder, Helden, denen sie nacheifern konnte. Galadriel und Captain Kathryn Janeway waren ebenso alleine wie sie, doch sie waren auch stark. Ihre Einsamkeit machte sie stark. Nicht ihre Männer oder ihre Freunde. Nur sie selbst. Und wenn sie sich einen neuen Charakter schaffen musste, um sich selbst wiederzufinden – sie würde es tun. Das war die Sache wert. Und sie würde jetzt damit beginnen. Das Jahr war gerade erst geboren, es gab keinen besseren Zeitpunkt.
Sie nahm eins der Bücher an sich und spürte eine neue Kraft durch ihre Adern strömen. Es war an der Zeit, eine Schlacht zu schlagen – und zu gewinnen.
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