Crossing Borders

OneshotAngst / P18 Slash
Felipe Nasr
11.07.2019
11.07.2019
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Kommentar: Hallo Ihr Lieben!
Eigentlich war das hier ja mal als längere Geschichte geplant, doch ehrlicherweise werde ich es wohl nicht schaffen, sie jemals vollständig umzusetzen. Da mir dieser Text aber sehr am Herzen liegt, seit ich ihn vor rund zweieinhalb Jahren geschrieben habe, wollte ich ihn dennoch nicht auf meinem Rechner vereinsamen lassen.
Teilt mir gerne mit, ob und wie euch dieser Text gefallen kann, was ich Verbessern könnte und ob ich damit euer Interesse wecken konnte.

Anmerkung: Den Namen des „NASCAR-Fahrers“ habe ich hier bewusst nicht genannt. Trotzdem könnte es sein, dass man durch die vagen Beschreibungen seines familiären Hintergrunds drauf kommen kann, wer gemeint ist.

Warnung: Achtung! Dieser Oneshot kann Triggern. Wer Gewalt auf sexueller und/oder emotionaler Ebene erleiden musste, sollte sich gut überlegen, ob er ab hier weiterlesen möchte.

Disclaimer: Der Inhalt dieser Geschichte ist frei erfunden und entspringt lediglich meinen eigenen Gedanken. Ich kenne keine der hier beschriebenen Personen, verdiene kein Geld damit und möchte auch keinem zu nahetreten.





Crossing Borders


Rio de Janeiro, Brasilien
31. Dezember 2011


Der Club war so gut besucht, dass man ihn nicht mehr durchqueren konnte, ohne mit irgendwelchen Besuchern aneinander zu stoßen. Überall drängten sich vorzugsweise junge Leute aneinander, tanzten mehr oder weniger rhythmisch zu dröhnender Musik, während es drinnen immer stickiger wurde. Ein schwerer Geruch von künstlich süßem Rauch und zu vielen Cocktails waberte zwischen den dicht gestellten Tischen.
Felipe stand mitten drin, biss sich zum bestimmt zwanzigsten Mal an diesem Abend auf die Lippe und warf einen unsicheren Blick über die Schulter zu Julia, die mit ihren Freundinnen an der Bar stand. Sie wirkte tatsächlich nicht so, als wäre sie wütend auf ihn, dabei konnte er sich das noch immer nicht vorstellen. Nach seinem Verständnis müsste sie stocksauer auf ihn sein.
Immerhin waren sie schon über ein Jahr zusammen. Er sagte ihr auch oft, dass er sie liebte und sie unternahmen auch so viel miteinander, wie sie konnten. Das war zwar schwierig, weil er dauernd unterwegs war. Aber er gab sein Bestes. Nun ja… Eigentlich nicht, aber das war ja gerade das Problem. Er hatte sich oft die Frage gestellt, was ihn dermaßen zurückhielt und er glaubte auch, eine Antwort darauf zu haben, nur nachdenken wollte er darüber nicht.

Er beobachtete, wie Julia mit ihrer älteren Schwester Kelly tuschelte und lachte. Er kam nicht umhin sich zu fragen, ob so ein Verhalten normal war. Aber was wusste er schon? Sie war schließlich seine erste Freundin. Außerdem wäre er wirklich erleichtert, wenn sie ihm den dummen Vorfall vor ein paar Tagen nicht zu übelnehmen würde.
Nach mehr als einem Jahr in einer glücklichen Beziehung war es klar, dass Julia sich mehr von ihm wünschte. Es war sowieso merkwürdig, dass sie nicht schon viel früher mehr darauf gedrängt hatte. Oder nicht? Er ging zumindest davon aus, dass Mädchen da ein wenig zurückhaltender waren.
Küssen war irgendwie schon seltsam genug. Dabei war er immer schrecklich nervös und wusste nie, wie er sich verhalten sollte. Er mochte Julia und sie war echt hübsch, aber irgendwie… Er ahnte schon lange, was das bedeutete, aber wie sollte er ihr das sagen, ohne sie zu verletzen? Er wollte ihr ja nicht wehtun. Schon alleine, weil sie so viele ältere Brüder hatte. Drei oder vier? Wer stieg durch diese Familienverhältnisse schon durch?

Und wie sollte er nach dieser peinlichen Abfuhr mit ihr umgehen? Wie sollten sie jetzt weitermachen, nachdem er sie förmlich von der Bettkante gestoßen hatte? Seine eigene Freundin! Seine Freundin, die nun an der Cocktailbar stand und einen vollkommen entspannten Eindruck auf ihn machte. Das gab ihm zu denken.
Sollte er vielleicht doch mal rübergehen und sie ansprechen? Wäre es womöglich besser, wenn sie das klärten und aus der Welt schaffen würden? Aber wie sollte er dann weitermachen? Wie sollte ihre Beziehung in Zukunft aussehen? Konnte er sich nun dazu überwinden, diesen Schritt mit ihr zu machen oder ging das nicht?
Er wusste ja, dass es besser wäre, wenn er das einfach mal über sich bringen würde. Andererseits wusste er, dass es nicht das war, was er wirklich wollte. Doch was er wollte, würde er seiner Familie niemals beibringen können. Also was sollte er machen? Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm, wie er es sich vorstellte und…

„Hat es einen bestimmten Grund, dass du meine Schwester nur aus der Ferne anstarrst?“, wurde Felipe aus seinen Gedanken gerissen und fuhr augenblicklich herum.
„W-Was?“, kam es ihm so leise über die Lippen, dass es von der lauten Musik vermutlich vollkommen verschluckt wurde. Er hatte gar nicht gewusst, dass der Ältere heute Abend auch hier sein würde, allerdings fiel ihm auch kein Grund ein, der dagegensprechen sollte.
Der NASCAR-Fahrer schüttelte ungläubig den Kopf, ehe er schmunzelnd meinte: „Naja, eigentlich macht’s dich ja sympathisch, dass du hier nicht den Weiberhelden spielst, nur weil du die Britische Formel 3 gewonnen hast.“
Es brauchte ein wenig, bis die Worte ankamen, bis er bemerkte, dass der Ältere scheinbar nichts über die Sache wusste, die zwischen Julia und ihm passiert war und er seine Anspannung wieder ein wenig lockern konnte. Erst dann konnte er zurücklächeln und antworten: „Als wenn ich an sowas denken könnte, wenn ich doch sie hab.“

Er hoffte nur, dass sein Gegenüber das nicht durchschaute, dass er nicht bemerkte, dass sein Interesse an seiner Schwester vielleicht nicht das war, was es sein sollte. Doch Felipe bemerkte, dass die dunklen Augen einen Moment auf ihm hängen blieben. Er wusste nicht genau, wie er diesen Blick zu deuten hatte, doch ehe er darüber nachdenken konnte, war es auch schon wieder verschwunden und der Ältere meinte: „Klar, da ist schon was dran.“
Felipe meinte, etwas in seiner Stimme zu hören, was da eigentlich nicht hingehörte, aber er war sich nicht sicher. Möglicherweise lag das schlicht und ergreifend daran, dass er immer noch damit rechnete, dass der NASCAR-Fahrer irgendwie von dieser peinlichen Nummer zwischen ihnen wusste.
Als sich dann noch dieses unangenehme Schweigen zwischen ihnen ausbreitete, war er vollkommen verunsichert. Er wusste nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte. Vielleicht war Julia auch gar nicht so unbeschwert, wie es für ihn gerade den Anschein hatte. Womöglich versuchte sie sich ja nur abzulenken, weil sie wegen seiner Zurückweisung immer noch traurig war. Und kein Bruder konnte es leiden, wenn irgendein Kerl seine Schwester traurig machte. Das wusste er aus eigener Erfahrung. Wenn jemand Flavia…

„Puh, ist ganz schön dicke Luft hier drin, hm? Wollen wir vielleicht mal rausgehen?“
Felipe konnte nichts dagegen tun, dass er schwer schluckte. Wollte er ihm jetzt etwa vor der Tür ein paar verpassen? Hier drin würde das ja sicher Ärger geben, aber was konnte er schon tun? Wenn er jetzt ablehnte, dann würde das vielleicht auffallen. Wobei, er könnte es ja wenigstens versuchen.
„Ach, eigentlich ist es doch gar nicht so wild“, lächelte er die Tatsache, dass es hier drin wirklich ein bisschen stickig war, einfach weg und trat unbewusst einen Schritt zurück.
Felipe rechnete damit, dass sich die Miene seines Gegenübers nun verfinstern würde, doch das passierte nicht. Stattdessen fing dieser an zu lachen und entgegnete ihm: „Ich will dir schon kein komisches Zeug verkaufen, also was ist dabei?“
Wieder schluckte er. Das hatte er ja auch nicht gedacht und sowas musste man ganz bestimmt auch nicht durch einen Club schreien, aber er hatte wohl wirklich keine andere Wahl, also nickte er lieber und folgte dem Älteren nach draußen.

Auf dem Weg stießen sie immer wieder mit tanzenden Menschen zusammen und als ihm der klare Abendwind entgegenschlug, wurde ihm erst klar, wie sehr die Luft in diesem Club bereits stand. Er fühlte sich, als hätte er Minuten lang die Luft angehalten und würde erst jetzt wieder so richtig klarwerden.
Von hier oben hatte man einen wunderbaren Blick über Rio de Janeiro. Ein Meer aus Lichtern erstreckte sich unter ihnen und einige konnten Mitternacht anscheinend nicht mehr abwarten. In der Ferne konnte man bereits die ersten bunten Funken aufleuchten sehen.
Felipe hatte allerdings nicht lange Zeit, um diesen Ausblick zu bewundern, denn er besann sich wieder darauf, mit wem er hier draußen stand.
Er warf einen vorsichtigen Blick auf den Älteren, der nun mit dem Rücken zu ihm stand und scheinbar selbst die Schönheit dieses Ortes einen Moment bewunderte. Vielleicht wollte er ja doch nichts Schlimmes von ihm, aber die Situation kam ihm doch etwas seltsam vor. Zumindest warnte ihn ein leichtes Kribbeln im Nacken anscheinend vor irgendwas.

„Eine schöne Nacht, oder?“, durchbrach der NASCAR-Fahrer schließlich die Stille zwischen ihnen, allerdings trug das nicht unbedingt dazu bei, seine Verwirrung zu beseitigen. Er wollte gerade etwas sagen, als die zweite Frage folgte. „Wieso kommst du nicht hier rüber?“
Wieder biss er sich auf die Lippe. Er hatte keine Ahnung, aber wie von selbst, um die Situation nicht noch seltsamer wirken zu lassen, kam er zu dem Älteren herüber, allerdings achtete er darauf, eine Armlänge Abstand zu halten. Warum auch immer. Etwas machte ihn vorsichtig, solange er nicht wusste, weshalb sie hier draußen waren.
Und erneut herrschte Schweigen zwischen ihnen. Was sollte er auch sagen? Hätte er die nächsten Worte allerdings schon gekannt, dann hätte er geahnt, dass sein Gegenüber nur darauf wartete, dass die einzelnen Personen, die sich hier auf der Außenterrasse noch in Hörweite befanden, verschwanden.

„Meine Schwester hat mir was erzählt. Über dich.“
Also doch! Panik stieg in ihm auf und der Wunsch danach, wieder nach drinnen zu flüchten, aber das konnte er jetzt nicht mehr bringen. Vielleicht sollte er sich lieber gleich erklären, bevor der Ältere die Chance hatte, richtig wütend zu werden.
„Es…“, setzte Felipe an, doch weiter kam er nicht.
„Sie sagt, dass du auf Jungs stehst. Stimmt das?“

Mit einem Mal wurde ihm heiß und kalt zugleich. Damit hatte er nicht gerechnet und das war irgendwie noch schlimmer als alles, was er befürchtet hatte. Er konnte förmlich spüren, wie ihm die Gesichtszüge entglitten und nichts dagegen tun, dass er die Augen weit aufriss. Verräterischer ging es wohl kaum.
„W-Wie?“, kam es ihm erstickt über die Lippen und seine Hände begannen zu zittern. Was sollte er am besten tun? Das erste, was ihm durch den Kopf schoss… „Das… Das stimmt nicht! Da muss sie etwas völlig falsch verstanden haben! Ich… Ich steh doch nicht…“
Dass der Ältere nun anfing zu lachen, war wenig hilfreich. Ganz im Gegenteil. Felipe spürte, wie seine Wangen ganz heiß wurden. Am liebsten würde er weglaufen, sich der ganzen Situation entziehen und…

„Hey, ist schon okay. Deswegen musst du dir keine Gedanken machen. Ehrlich.“
Plötzlich war er ruhig und vollkommen ernst. Felipe meinte sogar, dass es einfühlsam klang, aber peinlich war ihm die ganze Sache trotzdem noch. Er wurde hier gerade gegen seinen Willen geoutet. Er hatte nie vor, es irgendwem zu sagen. Nicht so bald. Wem auch?
Er hatte Angst davor, es seinen Freunden zu sagen. Was, wenn sie dann nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten? Er hatte Angst davor, es seiner Familie zu sagen. Was, wenn sie ihn dann nicht mehr sehen wollten?
Er war wie erstarrt, als ihm all das durch den Kopf schoss und zuckte heftig zurück, als eine Hand auf seiner landete. Was taten sie hier? Was sollte das werden? Er war mit dieser Situation vollkommen überfordert und wollte den Älteren am liebsten anschreien, aber seine Stimme versagte ihm gerade den Dienst.

„M-Mach das nicht“, brachte Felipe irgendwann mühsam und zitternd hervor. Er sah sich lieber rasch einmal um. Was, wenn sie nicht mehr alleine waren? Was, wenn jemand sie hier beobachtete? „Du… du kannst doch nicht einfach… Ich meine… hier…“
Sein Gegenüber runzelte die Stirn, verstand aber schließlich was er meinte. „Ach so… da hast du natürlich recht.“ Als sei er sich gerade erst bewusstgeworden, dass sie hier ja in aller Öffentlichkeit waren. „Gut, aber wieso suchen wir uns dann nicht ein ruhiges Plätzchen?“
Felipe schüttelte sofort heftig den Kopf. Das war keine gute Idee.
„Komm schon. Lass uns reden. Bitte…“
„Wozu denn?“ Felipes Worte klangen eher gequält. Von ihm aus konnten sie dieses Thema gerne totschweigen. Er musste mit niemandem darüber reden. „Ich… ich will nicht darüber reden, dass ich… dass ich…“
„Und wenn ich darüber reden will?“, fragte der Ältere zurück und Felipe brauchte einen Moment, um zu begreifen, wie er das gemeint hatte.
„D-Du meinst… du… du bist auch…?“
Ein Nicken war die Antwort auf seine nicht beendete Frage.

Felipe musste erst einmal tief durchatmen. Damit hatte er jetzt nicht gerechnet. Es war auch alles ein bisschen viel auf einmal, aber schließlich willigte er ein. Es konnte sicher nicht schaden, wenn sie einfach redeten und nach feiern war ihm nach dieser Sache ohnehin nicht mehr zumute. Das musste er erst einmal sacken lassen.
Er hörte noch irgendwas davon, dass sie sich hier ein Zimmer nehmen konnten, nicht weit, aber er war gerade zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Er folgte ihm einfach stumm.
Was würde ihn erwarten? Er hatte nie jemanden getroffen, der genauso fühlte, wie er selbst. Natürlich nicht. Weil er zu viel Angst hatte, selbst darüber zu sprechen. Vielleicht war es sein großes Glück, dass der Ältere diesen Schritt auf ihn zugegangen war. Er würde es in ein paar Minuten erfahren.


~ * ~   ~ * ~   ~ * ~


Es war ein schlichtes Hotelzimmer, mit weißen Wänden und grauen Vorhängen. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ein paar Bilder an die Wand zu hängen, um dem Raum ein wenig Gemütlichkeit einzuhauchen.
Das Kribbeln in seinem Nacken war nicht verschwunden und sein Begleiter war ihm bereits auf dem Weg hierher immer nähergekommen. Zumindest erweckte es den Eindruck. Felipe hatte bemerkt, wie er ein paarmal wie zufällig seinen Arm gestreift hatte. Nun, vielleicht war es wirklich nur zufällig gewesen. Es mochte ja sein, dass er gerade in der Tat ein wenig durch den Wind war, wegen der ganzen Sache auf der Außenterrasse des Clubs.

Als sie hier schließlich alleine waren, wurde das Kribbeln stärker. Sie waren ganz alleine und er musste an das denken, was sie einander vor rund zwanzig Minuten gestanden hatten.
„Also, da wären wir…“, meinte der Ältere, als er sich mit ihm gemeinsam auf das Bett setzte, denn eine andere Sitzgelegenheit gab es in diesem Raum nicht. Er konnte den Alkohol riechen, den sein Begleiter getrunken hatte und er fragte sich, worüber er nun wohl mit ihm reden wollte. Über ihr Outing? Darüber, wie das für ihn war? Ob er wohl mit irgendwem sonst darüber gesprochen hatte?
Plötzlich bemerkte Felipe, wie viele Fragen er eigentlich im Kopf hatte. Offenbar war es doch keine so schlechte Idee gewesen. Es könnte ja sein, dass der NASCAR-Fahrer ihm in ein paar Dingen weiterhelfen könnte. Er könnte ihn fragen, ob…

„Man… das war echt hart… also ich meine… als Julia mit dir angerannt kam“, unterbrach der Ältere seine Gedanken plötzlich und Felipe runzelte die Stirn.
Das war ein merkwürdiger Anfang für so ein Gespräch. Oder nicht? Eigentlich wusste er auch nicht, wie man sowas anfing. Er überlegte, was er dazu sagen könnte, doch da fuhr sein Begleiter auch schon fort.
„Ich meine, wenn man selbst auf Jungs steht… und dann kommt sie mit so einem süßen Jungen wie dir an.“
Wieder spürte er Hitze in seine Wangen kriechen. Er war es wirklich nicht gewohnt, solche Komplimente zu bekommen und er hatte keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Ihm hatte noch nie ein anderer Mann gesagt, dass er auf ihn stehen würde und…

Er schluckte erneut… Hatte der Ältere etwa vor…?
„Naja… ich… ähm…“ Verdammt! Was sollte er denn jetzt sagen? Er wusste schon wieder nicht, was er in so einer Situation tun sollte.
Sein Gegenüber seufzte und hob entschuldigend die Hände. „Tut mir leid. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.“
„Schon okay“, murmelte Felipe. Was sollte er auch sonst machen?
„Nein, ist es nicht. Ich sollte mich echt ein bisschen zurückhalten. Aber das ist in deiner Gegenwart echt schwer.“
„Ach ja?“ Das konnte er sich selbst kaum vorstellen. Der Gedanke war für ihn schließlich noch vollkommen neu.

Einen Moment blieben sie stumm nebeneinandersitzen, ehe der NASCAR-Fahrer wieder das Wort ergriff. „Hast du das schon einmal gemacht? Ich meine… du weißt schon…?“
Felipe schüttelte sofort den Kopf, wenngleich er sich auch nicht sicher war, um welchen Aspekt von Erfahrungswerten es gerade ging.
Wieder hörte er ein leises Lachen. „Kein Grund, gleich so nervös zu werden. Du kannst dich ruhig ein bisschen entspannen. Wir reden doch nur.“
Schon, aber es war ja auch das erste Mal, dass er überhaupt darüber redete und…
„Willst du es mal ausprobieren?“

Sofort riss er die Augen wieder auf und starrte den Anderen entsetzt an. Jetzt sofort? Hier?
„Küssen, meine ich“, schob der Ältere nach, als er seinen Gesichtsausdruck bemerkte, aber auch das konnte sein wildpochendes Herz nur bedingt beruhigen.
Wäre das nicht etwas zu schnell? Sie wollten doch eigentlich erst einmal nur reden und dann…
Andererseits war ihm auch klar, dass man solche Gelegenheiten nicht ständig bekam. Bald war er schon wieder unterwegs und… Er bemerkte gar nicht, wie sehr er sich wegen dieser Sache schon unter Druck setzte. Einerseits war er schon neugierig auf das, was ihm angeboten wurde, andererseits hielt er selbst gar nichts davon, irgendwelche Dinge zu überstürzen.
Er stellte sich die Frage, ob er sich das mit dem Älteren überhaupt vorstellen konnte. Er hatte bislang schließlich noch gar nicht daran gedacht, dass sie sowas machen könnten und…

Als er seinen Blick vorsichtig erwiderte, kam der NASCAR-Fahrer ihm bereits ein Stück entgegen, lehnte sich zu ihm herüber. Felipe hatte das Gefühl, als wollte sein Herz seinen Brustkorb sprengen. Er war viel zu aufgeregt, als eine Hand in seinen Nacken griff und ihn dichter zog. Er konnte nichts dagegen tun, dass er sich vollkommen verspannte und dann…
Dann durchströmte ihn ein undefinierbares Gefühl, welches ihm den Atem raubte. Es dauerte einen Moment, bevor er dem nachgeben konnte. Es war unmöglich zu beschreiben, was er in diesem Augenblick fühlte. Ein Teil wollte noch zurückweichen und sagen, dass das nicht richtig war. Ein anderer Teil wollte jedoch genau das. Es war seltsam und fühlte sich so anders an, als mit Julia. Als sie sich voneinander lösten, war er fast enttäuscht, dass es vorbei war.
Felipe musste sich erst einen Moment sammeln, bevor er es wagte, den Älteren wieder anzusehen. Seinem Lächeln nach zu urteilen, hatte ihm allerdings auch gefallen, was sie getan hatten. Er konnte deutlich erkennen, dass sein Gegenüber mehr wollte. Felipe hatte dennoch Bedenken. Sollte er ihm das so bereitwillig geben? Andererseits hatten sie sich bloß geküsst. Was war schon dabei? Also ließ er es wieder zu.

Er schloss einfach die Augen, versuchte seinen wilden Herzschlag zu ignorieren und sich auf das hier einzulassen. Was war schon dabei? Wenn er mit Julia oder einem anderen Mädchen von so einer Party auf ein Hotelzimmer verschwunden wäre, hätte doch auch keiner etwas dazu gesagt. Möglicherweise sollte man nicht immer so viel nachdenken.
Doch als eine fremde Hand unter seinem Shirt landete, zuckte er einmal mehr zurück und fand sich mit einem enttäuschten Blick konfrontiert. Das ging einfach alles viel zu schnell. Er konnte sowas nicht. Er hatte das doch noch nie gemacht und überhaupt…
Wieder biss er sich auf die Lippe. Er war ein Stück zurückgerutscht und hatte die Arme unbewusst um seinen Oberkörper geschlungen. Ihm war dabei einfach nicht wohl. Das war eben nicht richtig. Zumindest sagte sein Verstand ihm das.

„Was ist los? Gefällt’s dir doch nicht?“, wurde er gefragt und er konnte den Unglauben in der Stimme deutlich heraushören.
„Nein, das ist es nicht“, versuchte er also zu erklären, aber es war schwierig in Worte zu fassen. Er machte sich wenig Hoffnung, dass er es überzeugend hinbekommen würde.
„Und was ist dann dabei?“
Er senkte den Blick. „Naja… das geht so schnell“, nuschelte er. Das war ihm unangenehm.
„Schon… ich steh halt auf dich und… falls du auch sowas fühlst, was spricht dagegen?“, wollte sein Begleiter wissen, aber er war wirklich zu aufgewühlt, um das jetzt vernünftig zu erklären, also biss er sich unbehaglich in die Wange.
„Ich… ich weiß nicht… Vielleicht sollten wir warten?“, schlug er also unsicher vor.
„Und worauf?“, kam es prompt zurück. „Wir sind doch keine Kinder mehr. Ich meine… gut, wenn du nicht möchtest, dann ist es okay… Aber ich hab den Eindruck, dass du eigentlich schon willst.“

Da mochte etwas dran sein. Er war sich nicht ganz sicher. Es könnte ebenso gut sein, dass er sich einfach nicht traute. Er bemerkte gar nicht, dass er die Arme dabei noch ein bisschen fester um sich selbst schlang.
Der Ältere seufzte leise, rückte dann ein Stück zu ihm herüber, legte einen Arm um seine Schulter und zog ihn wieder etwas zu sich. „Das ist kein Drama. Ich denke, du bist ein bisschen unsicher. Das geht ja jedem so. Aber glaub mir, dafür gibt’s gar keinen Grund. Wir sind hier unter uns und wir können tun, was immer wir wollen. Niemand muss was davon erfahren.“
Er konnte nicht bestreiten, dass diese Worte ihn ein kleines Bisschen beruhigen konnten.
„Also, wenn du noch willst, dann machen wir’s. Wenn nicht, dann eben nicht. Das überlasse ich ganz dir.“
Felipe bemerkte gar nicht, wie er sich von diesen Worten herausfordern ließ. Dass er sich feige und dumm vorkommen würde, wenn er nicht darauf eingehen würde und seine Bedenken dabei in den Wind schlug, als er schließlich nickte.
„Okay, ich… Ich will es…“

Der Ältere hätte seine Unsicherheit eigentlich hören müssen. Womöglich wollte er sie aber nicht hören, als sich erneut ein Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete. Genaugenommen wusste Felipe nicht einmal so richtig, zu was er gerade seine Zustimmung gegeben hatte. Schließlich hatte es nur Andeutungen gegeben. Sie hatten überhaupt nicht richtig darüber gesprochen, was sie tun wollten. Weil ihm seine eigene Unwissenheit peinlich war.
Sein Herz pochte wieder schneller, als er bestimmt in die Laken gedrückt wurde. Diesmal zog er sich nicht zurück, als er fremde Hände unter seinem Shirt spürte, aber es war immer noch merkwürdig. Er war sich nicht sicher, was er selbst tun sollte, als der Ältere sich so sicher und gezielt über ihn brachte. Er versuchte die Panik zu ignorieren, die sich von Minute zu Minute in ihm ausbreitete und größer wurde, je mehr Kleidung den Weg auf den Boden fand, aber irgendwie nur seine eigene.

Er fühlte sich zunehmend unwohler, mochte das jetzt aber irgendwie nicht sagen. Er wollte nicht schon wieder seine Verunsicherung preisgeben. Vielleicht würde sich das ja noch ändern, aber…
Als der Ältere irgendwann vor dem Bett stand und sich lediglich an seinem eigenen Gürtel zu schaffen machte, konnte er sich doch nicht davon abhalten, mal nachzufragen. „Willst du dich gar nicht ausziehen?“
Es ärgerte ihn ein wenig, dass seine Stimme schon wieder so zitterte. Ihm wurde klar, dass es doch ein Fehler gewesen war und er wusste nicht, wie er sich jetzt noch aus dieser Situation rausbringen könnte.
„Entspann dich einfach“, wurde ihm nur mitgeteilt, nur war das gerade leichter gesagt, als getan. So hatte er sich sein erstes Mal ganz bestimmt nicht vorgestellt.
„Aber ich… ich bin…“, wollte er protestieren, obwohl es ihm schwerfiel, das anzusprechen, doch der Ältere beugte sich zu ihm hinunter und unterbrach sein Gestammel mit einem Kuss. Allerdings nicht mit so einem, wie vorhin. Dieser hier machte sehr deutlich, dass er einfach nur wollte, dass er nicht weiterredete.

Langsam wurde ihm das Ganze doch unheimlich. Er bereute, dass er überhaupt mit ihm hinausgegangen war. Er hätte das nicht tun sollen. Er hätte einfach dortbleiben sollen und…
„Es ist alles in Ordnung“, wurde ihm noch einmal versichert, aber das konnte ihn jetzt auch nicht mehr so richtig beruhigen.
Das kalte Gel war unangenehm und verriet ihm, dass sein Begleiter so etwas wohl schon für diesen Abend geplant hatte. Ob er dabei sein Ziel gewesen war oder ob es wohl egal gewesen war? Er konnte nicht lange darüber nachdenken, denn…

„Nein! Ich… Stopp mal!“, rief er aus, als der Ältere sich zwischen seine Beine bringen wollte.
Tatsächlich hielt dieser inne und sah ihn abwartend an. Seine Wangen glühten und er wusste nicht wirklich, wie er das jetzt geschickt anstellen konnte.
„Hey, ist schon okay. Ist doch klar, dass du aufgeregt bist.“
Er biss sich auf die Lippe. Eigentlich wollte er nicht, dass sein Begleiter jetzt wieder verständnisvoll dagegenredete. Das machte es für ihn schwerer, ihn davon abzubringen, weiterzumachen.
„Aber… aber…“, konnte er nur wenig überzeugend stammeln.
„Jetzt mach dich nicht so verrückt. Atme mal tief durch und dann geht das schon.“
Er wollte zwar protestieren, aber er wagte es in diesem Moment einfach nicht. Er fühlte sich dem Älteren unterlegen und er wollte ja auch nicht so rumjammern. Ein bisschen albern kam er sich dabei schon vor. Vielleicht war es wirklich nicht so schlimm und er stellte fest, dass er sich ganz umsonst so angestellt hatte. Zumindest würde er das nicht rausfinden, wenn er jetzt abbrechen wollte, also…

Felipe versuchte auf die Worte seines Begleiters zu hören. Einfach tief Luft holen und nicht verkrampfen, doch…
Zwei Sekunden später wusste er, dass er sich besser nicht hätte überreden lassen. Er konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken und er wollte sich gegen das wehren, was der Ältere mit ihm machte. Das war einfach unangenehm und…
Er versuchte die Zähne noch für einen Moment zusammen zu beißen, aber das war unmöglich. Es dauerte nicht lange, bis ihm die Augen brannten und er sich selbst wimmern hörte: „Tut das immer so weh?“
„Anfangs schon, aber das geht mit der Zeit, du musst nur locker bleiben.“
Ein toller Tipp. Wie sollte er? Das war unmöglich und er… Er hielt das einfach nicht aus.
„Können wir bitte aufhören?“
„Du gewöhnst dich dran. Du wirst schon sehen. Du würdest es bereuen, jetzt aufzuhören.“
Das wollte er ja gerne glauben, aber er fand, dass das die schlimmsten Schmerzen waren, die er je gespürt hatte. Wenn sich Sex mit einem Mann immer so anfühlte, dann…
Nein, dann wollte er sowas sicher nie wieder!

Er verbiss sich seine leidenden Laute so gut es ging, hoffend, dass es noch besser werden würde, aber das passierte nicht.
Es blieb schlicht und ergreifend schmerzhaft. Solange, bis der Ältere endlich kam und von ihm abließ. Felipe hatte keine Ahnung, wie lange das gedauert hatte. Zulange, wie es ihm erschien.
Er war nur froh, als es endlich vorbei war. Er konnte kaum etwas sehen, weil ihm irgendwann doch die Tränen gekommen waren, die er so mühsam versucht hatte zurückzuhalten.

Der Ältere gab sich gelassen, als er meinte: „Das ist beim ersten Mal immer so. Das vergeht schon. Du wirst sehen…“
Felipe schüttelte den Kopf. Er wollte nicht sehen! Er wollte das nie wieder machen!
„Willst du vielleicht noch…?“, hakte sein Begleiter nach und näherte sich mit der Hand seinem Schritt, aber er rutschte sofort ein Stück von ihm weg, wobei das Bewegen alleine schon unglaublich wehtat.
„Nein…. Bitte nicht…“, brachte er mühsam über die Lippen. Er wollte jetzt wirklich nicht auch noch angefasst werden. Er wollte in Ruhe gelassen werden.
Der Ältere seufzte. „Bitte, wie du meinst. Du weißt gar nicht, was dir entgeht.“

Felipe war wütend. Wie konnte er dabei noch so belustigt klingen? Hatte er eigentlich eine Vorstellung davon, wie er sich gerade fühlte? War ihm das eigentlich klar? Er würde ihn das nur zu gerne fragen, aber er glaubte nicht, dass ihm das etwas bringen würde.
Er konnte hören, wie der Ältere sich aufrichtete und in ein angrenzendes Bad verschwand. Ein Bedürfnis, das er jetzt zwar auch hatte, aber der Fluchtreflex war größer. Er glaubte zwar kaum, dass er sich bewegen konnte, aber er musste. Er konnte auf keinen Fall hierbleiben!
So schnell er konnte – unter reißenden Schmerzen – sprang er wieder auf, suchte seine Klamotten zusammen und zog sich schleunigst wieder an. Er wusste nicht, wie lange der Andere im Bad brauchen würde, aber er wollte lieber verschwunden sein, bevor er wieder zurückkam. Glücklicherweise gelang ihm das auch.
Er konnte sich nicht erinnern, ein Hotel schon einmal so überstürzt verlassen zu haben. Er achtete gar nicht darauf, wo er eigentlich hinlief. Was sollte er machen? Einen Moment war er gar nicht in der Lage klar zu denken, aber dann…

Flavia. Sie war die einzige, die er anrufen konnte. Sie war die einzige, mit der er jetzt überhaupt reden konnte.
Er holte das Handy aus seiner Tasche und wählte ihre Nummer. Ihm ging durch den Kopf, dass es schon immer sie war, die ihn aus den schlimmsten Lagen rausgeholt hatte, aber das hier…
Felipe? Was ist passiert?“, meldete sich ihre Stimme fast sofort.
Er war einen Moment sprachlos. Wie konnte sie wissen, dass…?
Er war nicht in der Lage, etwas dazu zu sagen. Der ganze Abend spielte sich vor seinen Augen ab, all die dummen Fehler, die er gemacht hatte und ihm kam in den Sinn, dass er eigentlich selbst schuld an allem war.
Felipe?
Sie klang besorgt. Und ängstlich. Und sie hatte recht damit. Aber er wusste immer noch nicht, wie er ihr irgendwas erklären sollte. Das ging gerade einfach nicht, also…
„Kannst du herkommen?“
Mehr brachte er jetzt wirklich nicht zustande. Es ging einfach nicht, so sehr er sich auch anstrengte. Er wusste, dass er ihr eigentlich viel mehr erklären musste, dass das unmöglich ausreichen konnte.

Für einen Moment blieb es still in der Leitung. Bis…
Ja. Ich bin so schnell bei dir, wie ich kann…
Fast fünfzehn Autostunden. Fast zwei Stunden Flugzeit. Das war es, was sie momentan voneinander trennte. Und doch zögerte sie keine Sekunde. Sie waren mehr als eintausend Kilometer voneinander getrennt und trotzdem würde seine Schwester alles tun, um so schnell wie möglich bei ihm zu sein.
Er konnte wohl kaum in Worte fassen, wie dankbar er ihr dafür war.
Es würde nicht leicht werden, so lange auf sie zu warten. Aber etwas anderes würde ihm jetzt nicht übrigbleiben.

Die Zeit schien sich ins Endlose zu ziehen…
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