Da ist doch mehr!

GeschichteFreundschaft / P16 Slash
11.07.2019
18.07.2019
2
1987
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Ich sitze nun in dem einfach nur langweiligen Unterricht, zu dem Suna mich geschleppt hat und habe gleich in der ersten Stunde einen Haufen Ärger bekommen. Für die Lehrerin, Frau Lang, war es natürlich ein gefundenes Fressen, dass ich meine Hausaufgaben vergessen habe. Die Frau kann mich einfach nicht ausstehen, ich sie aber auch nicht. Gleich in der ersten Stunde wo ich sie hatte, damals noch in Deutsch, wurde das klar. Wir haben über alte Gedichte und deren Ursprung geredet, wobei ich mich schon zu Tode gelangweilt habe. Irgendwann kam ich dann auf die geniale Idee, doch etwas zum Unterricht beizutragen und meinte, ohne mir was dabei zu denken: „Also ich denke, dass viele in die Gedichte mehr rein interpretieren, als der Dichter gemeint hat. Schließlich kann es doch auch einfach sein das wenn der Autor sagt: ‚Die Wand ist grün.‘, er auch einfach meint, dass die Wand grün ist und es nicht für die Hoffnung stehen muss, dass sein Kind überlebt oder was auch immer.“ Viele meiner Mitschüler waren da auch, ausnahmsweise, auf meiner Seite, aber die werte Frau Lang fand meine Aussage nicht wirklich toll und versucht mich seitdem fertig zu machen. In Reli gibt es dazu noch das Hauptproblem, dass ich überhaupt nicht gläubig bin, was man auch gut an meiner Mitarbeit und an meinen Noten in diesen Fach sehen kann.
Ich schaue zu Su, die auch sehr gelangweilt wirkt, aber zumindest noch so tut, als würde sie zuhören. Daran sollte ich mir vielleicht auch mal ein Beispiel nehmen, aber nein. Meinetwegen kann gerne jeder sehen, wie wenig Lust ich auf den Unterricht habe. Mein Blick bleibt die ganze Zeit auf Suna, die zwei Reihen vor mir sitzt, da Frau Lang uns natürlich auseinander gesetzt hat. Damit hat sie eigentlich nur das Gegenteil von dem bewirkt, was es eigentlich sollte - also dass ich noch weniger aufpasse. Schließlich liegt meine ganze Aufmerksamkeit die ganze Zeit bei Su. Frau Lang merkt jetzt leider auch, dass ich nicht wirklich im Unterricht bin, sondern in meinen Gedanken und meint dann: „Frau Asagi, lesen Sie weiter.“
Ich schrecke leicht hoch und schaue zu der Bibel vor mir. „Tut mir Leid, ich hab nicht aufgepasst“, meine ich dann etwas beschämt, schaue ihr dabei aber in die Augen. Die Klasse fängt natürlich an zu lachen, doch das interessiert mich eher weniger, schließlich sind die meisten eh nur Mitläufer. „War ja nicht anders zu erwarten. Wir sind bei dem Brief des Paulus an die Römer Kapitel 1 Vers 26“, meckert mich die Lehrerin an und ich nicke nur. Die Stelle hab ich schnell und lese vor: „Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften, denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen, desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste an sich selbst empfangen.“ Ich werde schon bei diesen Zeilen wütend, zeige es aber niemanden. Schließlich hab ich nicht nochmal Lust darauf, dass ich in einer stundenlangen Diskussion ende, wo meine Mitarbeit noch schlechter wird, oder ich im besten Fall wieder des Unterrichts verwiesen werde. Zum Glück unterbricht mich dann Frau Lang, indem sie fragt: „Was will uns diese Textstelle sagen?“ Ich bin einfach nur glücklich, dass ich nicht weiter lesen muss, und höre nicht mehr zu, weil ich schon ganz genau weiß, was dieser Text uns sagen will. Ich lege mein Kopf auf den Tisch und schaue wieder zu Suna. Sie scheint genauso wütend wegen dieses Texts zu sein, aber sie zeigt es auch nicht. Ich muss sie einfach weiter von hinten mustern, was jedoch durch Tim, Nina‘s Freund, erschwert wird. Er sitzt nämlich in der Reihe zwischen mir und Suna.
Nina sitzt neben mir und ist heute wohl doch nicht krank, war auch nicht anders zu erwarten. Sie tippt mich an und schiebt mir unauffällig einen Zettel hin. Ich schaue die Braunhaarige fragend an, doch die hängt wieder an den Lippen unserer Lehrerin. Reli ist ihr absolutes Lieblingsfach und das merkt man auch. Sie ist wirklich sehr gläubig, wobei sie aber zum Glück nicht die veralteten Meinungen vertritt, sonst wäre sie auch nicht meine beste Freundin. Ich nehme den Zettel und lese ihn mir durch. Es war klar, dass sie sich wieder über meine Arbeitseinstellung in diesen Fach beschwert, also mache ich mir auch nichts aus dem Zettel, wo nämlich genau das drin steht. Leider muss ich dann wieder zu meiner Lehrerin schauen, um auf die Uhr zu schauen. Frau Lang führt ihre Rede, wie schlimm doch Homosexualität ist, in aller Ruhe weiter. Dass sie nicht noch fordert, dass alle Homo-, Bi-, Pan-, etc. Sexuellen verbrannt werden, wundert mich fast schon.
Die Uhr hat sich gefühlt seit Unterrichtsbeginn kein Stück bewegt, was mich entmutigt seufzen lässt. Manchmal wünsche ich mir echt, ich könnte in der Zeit reisen. Dann müsste ich zumindest nie wieder Reli durchstehen. Der Gedanke gefällt mir so gut, dass ich wirklich anfangen muss, zu lächeln und anfange, etwas mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln. Immer wieder durch die Zeit reisen und die blöden Sachen überspringen und die tollen Sachen einfach immer und immer wieder wiederholen lassen. Die Gedanken übernehmen wieder Überhand und ich lasse es diesmal auch, ohne irgendwas dagegen zu tun, zu. Nina bemerkt das natürlich, einfach weil mein Blick wieder um einiges leerer und verträumter wirkt als vorher, und verdreht ihre Augen. Sie kann es nicht leiden, da sie einfach immer versucht dabei zu bleiben, auch wenn es sie nicht interessiert. Also das völlige Gegenteil zu mir, die sobald etwas nicht mehr interessant genug ist, wieder in viel interessantere Gedanken abschweift und nicht mal was dagegen tut. Aber sobald mich etwas wirklich interessiert, gehe ich in der Arbeit vollkommen auf - was man auch sehr gut an meinen Noten sieht. Wenn ein Fach mich nicht interessiert, zum Beispiel Reli oder Sport, kümmere ich mich nicht drum und habe dementsprechende Noten, während ein Fach wie Geschichte oder Kunst meine ganze Leidenschaft erweckt, was man dann ebenfalls in meinen Noten sehen kann. Durch meine Gedanken und der absoluten Ausblendung meiner Umgebung merke ich gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht und ohne, dass ich noch ein Wort von Frau Lang mitbekomme, ist der Unterricht zum Glück wieder vorbei. Als ich das bemerke, springe ich auf und verschwinde als Erste aus dem Raum. Endlich bin ich da raus.
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