Die Sehnsucht nach dem Schwalbe sein

OneshotSchmerz/Trost / P12
11.07.2019
11.07.2019
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Eine Schwalbe fliegt bis nach Südafrika um der Kälte Europas im Winter zu entgehen. Sie fliegt dafür viele tausend Kilometer weit. So stehe ich im Garten und wünsche mir, sie könnte mich auf ihren Schwingen mit sich tragen.

Wie weit müsste ich mit dieser Schwalbe gehen, bis ich dem entfliehen kann, was mich quält? Wohin müsste sie mich tragen, bis ich mich nicht wieder woanders hin wünsche? Wie viel Ferne müsste ich ertrage, bis ich etwas finde, das mir gleicht?

Doch was wären all die Mühen des kleinen Vogels wert, wenn ich nicht weiß was mir fehlt. Nichts weiter als der Wind unter ihren Flügeln bläht, sie fliegen lässt und schon vergangen ist. Und flöge ich mit meiner Schwalbe bis nach Südafrika, so vermisste ich doch schon die Kraft der Bäume meiner Heimat.

Der Geruch von sattem Waldmoos und das Geräusch des Windes in den Blättern der Birke vor dem Haus. Und ginge ich so weit fort. Was brächte es mir, außer der Trauer um das, was ich zurück ließ?

Ein Sehnen, ein Zerren, ein Schmerz in mir selbst, angetrieben von dem einsamen Leben, das mir meine Andersartigkeit beschert. Ich habe gesucht nach dem was mir fehlt. Ich habe gesucht und nichts gefunden. In der Stadt, auf dem Dorf, nebenan und selbst in der Erde meines Gartens.

Ich fand nichts. Nichts was mir gleicht und wenn doch! So wurde es mir wieder entrissen. Fortgenommen an einen Ort, an den ich nicht zu folgen bereit bin. Oder es nicht kann. So tief steckt dieses Gefühl in mit, das sich mit Fernweh nicht beschreiben lässt.

Ich finde Worte über Worte und doch kein Wort dafür, was ich vermisse. Leere Phrasen und ungenügende Vergleiche, nicht hält und nichts hat Bestand, wenn ich er niederschreibe und später noch einmal darauf schaue. Alles was bleibt ist der fahle Nachgeschmack wortloser Einsamkeit.

Ich bin Autor oder wäre es zumindest gerne. So sollten Worte meine Waffe sein. Sie sind es zumeist. Bis zu dem Augenblick, an dem sie nicht mehr ausreichen. Und wenn sich meine Sprache nicht mehr wie Heimat, sondern wie ein Gefängnis anfühlt

Wenn Worte mich schneiden, anstatt mich zu erfüllen. Wenn mein Geist unruhig wird, statt kreativ. Würde da die Schwalbe helfen? Und trüge sie mich fort, so wäre ich trotzdem fremd. So stehe ich im Garten mit der Sehnsucht nach der Schwalbe.

Ich möchte weinen. Ich möchte meinen Schmerz lindern. Ich möchte etwas das mir gleicht. Stattdessen – schreibe ich. Finde leere Phrasen, hohle Worte und unzureichende Vergleiche von Fernweh und von Schwalben.

Nicht gut gesetzt, niedergeschrieben wie gedacht und vielleicht auch unausgegoren. Traurig. Ein Wort das passt. Der kleine Vogel kann mich nicht tragen. Nicht bis nach Südafrika, nicht fort, nicht einmal einen Meter weit.

Trotzdem stand ich auf dem noch warmen Stein der Terrasse, mit Blick am Zwetschgenbaum vorbei und sah eine Schwalbe durch den beginnenden Sommerregen fliegen. Ihre dunkle Gestalt scharf gezackt gegen den grauen Himmel der Dämmerung. Und da waren sie.

Worte. Traurig. Zerrissen. Ungenügend.
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