Reha für die Liebe

GeschichteDrama, Romanze / P12
11.07.2019
24.09.2019
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Guten Abend meine Lieben!
Vorweg sei gesagt, dass alle Charaktere dieser Geschichte frei erfunden sind. Die Idee ist mir zum einen während eines Filmes, zum einen wegen meiner persönlichen Erfahrung gekommen. Ich hoffe, dass ihr mir einige Nachrichten hinterlasst, wie sie bei euch ankommt.

Viele Grüße,
Murmel-Ina
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Kapitel 1
Neuanfang



„So, das hier wäre dann Ihr Raum, Frau Hergt.“

Mit einem großen Schritt betrat ich hinter der elegant gekleideten, hoch aufgeschossenen Blondine den pastellgelb gestrichenen Raum, der von nun an mein Arbeitsplatz sein sollte. Klein und quadratisch geschnitten, mit einer bis zum Boden reichenden Fensterfront befand sich in der Raummitte ein rechteckiger Tisch mit zwei Stühlen. An der Wand neben der Tür entlang lief ein beigefarbenes Regal, welches, bis auf ein paar Fachbücher, leer war. Vor der Fensterfront befand sich ein Schreibtisch mit Bürostuhl samt einem großen Apple Computer und ein paar blauer Ablagen. Mein Blick wanderte an die gegenüberliegende Zimmerwand, die bis auf ein weiteres, kleines Regal und einem Bild der anatomischen Darstellung des Gehirns leer war. Nunja, abgesehen von dem gefliesten Teil in der linken Ecke, an dem ein Waschbecken samt Spiegel befestigt war.

„Wie bereits gesagt“, fuhr Frau Meyer-Witt fort, „alle Therapieräume sind im Grunde gleich eingerichtet. Es steht Ihnen selbstverständlich frei, den Ihren persönlich einzurichten und zu gestalten.“ Lächelnd schaute sie mich an, während ich mich auf der Stelle um mich selbst drehend umsah. Dieser kleine kahle Raum war alles, was ich brauchte. Perfekt für einen Neuanfang. Nicht nur in beruflicher Hinsicht. Ich wandte meinen Blick der Leiterin meiner Fachabteilung zu und schob mir mit dem linken Zeigefinger meine Brille ein Stück den Nasenrücken hoch. Ich musste dringend zum nächstbesten Optiker und das Gestell anpassen lassen. In den letzten Wochen rutschte der schmale Edelstahlrahmen mit den großen runden Gläsern eindeutig zu oft die Nase hinunter.

Ich erwiderte das Lächeln meiner Vorgesetzten und blickte noch einmal zur Fensterfront, ehe ich ihr die Hand entgegenstreckte, die ihre drückte und mich freundlich bedankte. „Vielen herzlichen Dank, Frau Meyer-Witt. Dann werde ich meinen neuen Raum wohl mal… gestalten.“ Mein Lächeln rutschte etwas und bekam einen gequälten Touch, den ich mit meiner nächsten Frage zu überspielen versuchte: „Morgen geht dann das Intensivseminar los?“ Sollte meine neue Chefin das Entgleisen meines Mundes gesehen haben, so ließ sie sich davon nichts anmerken. Ihr perfekt sitzender Dutt wackelte rhythmisch, als sie meine Frage bestätigte. „Ganz genau. Dieses Seminar dauert vier Wochen für die jeweiligen Intensivreha- Gäste und nach diesen vier Wochen kommen dann die nächsten Gäste und so weiter und sofort. Sie werden vermutlich aus der Seminarrunde drei bis vier Gäste für Ihre Fachrichtung betreuen. Allerdings ist es auch durchaus möglich, dass wir Ihnen ambulante Patienten miteinplanen oder dass Sie einige unserer Residenzbewohner versorgen müssen. Genauere Informationen können Sie selbstverständlich für jeden Tag dem Online Kalender unserer Einrichtung entnehmen.“ Sie schlug die Hände zusammen und hielt sie auf Höhe ihrer cremefarbenen Bluse.

„Dann würde ich sagen, Sie richten sich ein und wenn Sie fertig sind kommen Sie noch einmal zu mir ins Büro, einverstanden?“ „Natürlich. Muss ich Ihnen noch irgendwelche Formulare oder so unterschreiben?“ Schnell überlegte ich, aber ich war mir ziemlich sicher, dass wir den Papierkram, also den Arbeitsvertrag sowie die Unterlagen für die Versicherung und die Bank schon vor einer Woche geklärt hatten, als ich die Stelle doch angenommen hatte. Kurzfristig und eigentlich ungeplant, aber naja. Ich hatte schmerzlich feststellen müssen, dass das Leben eher selten so ablief, wie man es plante.
Frau Meyer-Witt lachte kurz, es war ein freundliches, professionelles Lachen und ihre perlweißen Zähne blitzten im Licht der Zimmerdecke.
„Keine Sorge, organisatorisch ist alles Wichtige erledigt. Aber wir müssen noch ein Foto von Ihnen machen, erinnern Sie sich?“ Natürlich. Das obligatorische Zimmerfoto. Ich erinnerte mich an die Fotos, die ich auf unserem Rundgang durch die Einrichtung gesehen hatte und die ich vage noch von früher erinnerte, als ich zu Ausbildungszeiten hier ein Praktikum absolviert hatte. Vor jedem Therapieraum befand sich ein Foto, der die in ihm arbeitende Therapeutin oder den Therapeuten samt dem Namen zeigte. Zum einen sehr praktisch für Neulinge wie mich. Zum anderen gut und hilfreich für Patienten, die sich schlecht orientieren oder gar lesen konnten. Also insgesamt unabdingbar für eine Einrichtung wie diese hier.

Diesmal war mein Lächeln direkt unangenehm verzogen. Ich hatte Fotos noch nie gut leiden können. Nicht auf diese anstellerische Teenager Art, die sich kreischend vor der Kamera versteckten, nur um im nächsten Moment zehn perfekt inszenierte Selfies zu schießen. Ich mochte Fotos nicht gerne, weil man mir meistens immer ansehen konnte, was ich dachte. In der Arbeit hatte ich diese störende Ader mittlerweile gut abstellen können, aber bei Kameras war es fast so, als würden sie alles aufdecken und festhalten, was in mir vorging. Und gerade im Moment brauchte ich einen digitalen Beweis meines inneren Zustandes kein Stück.
Ich schluckte diesen Gedankengang herunter: „Ach ja, das Therapeutenporträt, entschuldigen Sie. Ja, ich komme dann auf Sie zu.“ „Sehr schön, dann richten Sie sich erst einmal ein.“ Meine Vorgesetzte schaute auf ihre schmale, silberne Armbanduhr, von der ich schwören könnte, dass sie nicht aus irgendeinem 0-8-15 Juwelier stammte, und runzelte die Stirn. „Entschuldigen Sie bitte, dass wir Ihre Einarbeitung auf einem Sonntag machen mussten. Selbstverständlich bekommen Sie diese als Arbeitszeit gut geschrieben. Aber da ich die nächsten Tage mit den neuen Seminargästen sehr beschäftigt sein werde ging es leider nicht anders. Ein Großteil von ihnen besucht unsere Einrichtung zum ersten Mal und benötigen viel Unterstützung.“ Zerknirscht blickte sie wieder zu mir. „Brauchen Sie noch irgendetwas?“

Ich schüttelte den Kopf und rang mir erneut ein Lächeln ab.
„Gut, wenn Sie soweit sind oder doch noch irgendwas brauchen, zögern Sie nicht zu mir zu kommen. Sie wissen ja, mein Büro ist gleich den Gang runter.“
Ein Nicken und Frau Meyer-Witt drehte sich schwungvoll zur Zimmertür um. Halb hinaus blieb sie noch einmal stehen, die Hand in der Jackentasche ihres Blazers. „Das hätte ich fast vergessen“, murmelte sie und kam erneut auf mich zu, einen kleinen Gegenstand in der Hand haltend. Sie drückte ihn mir in die Hand und knuffte mit ihrer anderen Hand meinen Unterarm. „Herzlich Willkommen im St. Anna Rehabilitationszentrum“, sagte sie lächelnd, ehe sie dann wirklich den Raum verließ.
Alleine im Zimmer blickte ich noch einmal tief durchatmend um mich herum, ehe ich meinen Blick auf den kleinen Gegenstand in meiner Hand heftete. Es war ein magnetisches Namensschild. So ziemlich das einzige Stück Arbeitskleidung, auf das St. Anna Wert legte. Auf dem Papier in dem Plastikhalter konnte man zum einen meinen Namen auf einem roten Strich erkennen und rechts daneben große rote Lippen. Das Piktogramm für meinen Fachbereich. Mein Mundwinkel zuckte, als mich die Erinnerung an den Stolz von damals überkam. Als ich hier mit 21 Jahren das obligatorische Neurologiepraktikum gemacht hatte, da hatten wir ebenfalls solche Schilder bekommen. Stolz und Glück, das hatte ich damals gefühlt und das Namensschild erst spät am Abend, wenn ich auf meinem Zimmer war abgelegt.

Noch immer haftete mein Blick auf dem Namensschild, als meine Füße mich langsam zum Spiegel über dem Waschbecken trugen. Vorsichtig entfernte ich den Magnetriegel von der Rückseite, legte das Namensschild von außen ein Stück über meine linke Brust und schob die andere Hand mit dem Magnetstreifen unter mein dunkelblaues Sweatshirt. Das leise ,Klick‘, als sich beide Teile wieder verbanden, löste leider nicht den Effekt aus, den ich erwartet hatte. Das Glücksgefühl von damals wollte sich nicht so recht einstellen. Eigentlich nachvollzierbar, denn mein Glücksgefühl sowie meinen Stolz hatte ich vor etwa zwei Wochen verloren und bezweifelte stark, beides allzu schnell wiederzufinden.
Ich seufzte und blickte erneut aus dem Fenster, die Hand noch immer auf dem Namensschild. Vielleicht kam es mit der Zeit ja wieder zurück.
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