Unerfindlichkeit im Wandel der Zeiten

GeschichteHumor, Romanze / P12
Anthony J. Crowley Erzengel Gabriel Erziraphael Sandalphon
11.07.2019
19.07.2019
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19. Juli 1944 – geheimes Festungsgefängnis in Ostpolen, etwa 9:00

Crowley hasste diesen Job. Das frühe Aufstehen, den grauenvollen Kaffee, diese dunkle, nass-kalte Festung. Vor allem diese ganzen Trottel mit ihrer bescheuerten Ideologie und ihrem verdammten Führer. Bis 1941 war er gemütlich durch die Clubs und Cafés von London gestreift, hatte hin und wieder den Glanz einer Seele getrübt und mit Aziraphel im Ritz gegessen. Hatte seinen Ruf als Grenzgänger zwischen legaler und illegaler Welt gefestigt. Die ein oder andere Bombe hatte er, vielleicht mit Absicht, auf besonders nervige Kirchen fallen lassen. Dann war irgendjemand in der Hölle auf die Idee gekommen, ihn nach Berlin zu schicken. Er hatte den Ausbruch des Krieges für sich reklamiert, also konnte er schlecht nein sagen.  
Es gab nur zwei Sachen in seinem neuen Beruf, die er nicht nervig fand.
Erstens, die Uniform. Die Deutschen waren vielleicht rassistische, antisemitische, kriegstreibende Arschlöcher, aber sie verstanden etwas vom Modedesign. Der taillierte Schnitt, die Stiefel, die Farbe, die silbernen Totenköpfe. Die gesamte Ausstaffierung als SS-Untersturmführer hatte ihm auf Anhieb gefallen.
Zweitens, der Wagen. Natürlich, mit dem Bentley konnte der Horch 855 nicht mithalten, aber Crowley konnte auch nicht umhin, die großartige Fertigung von Motor und Karosserie zu bewundern. Jedes Mal, wenn der Sechszylinder mit kehligen Schnurren hochfuhr, bröckelte die Treue zu seiner schwarzen Schönheit in London ein wenig. Mit der Siegrunen-Nummerntafel konnte er sich außerdem einen grandiosen Fahrstil erlauben, ohne dass ihn irgendjemand zurechtweisen durfte.
Aber wie gesagt, den Rest fand er eher bescheiden. Heute war eh sein letzter Tag, für morgen hatte Beelzebub ihm schon vor Wochen einen Auftrag erteilt.  Seit zwei Wochen saß er jetzt schon auf dieser düsteren Festung herum, einfach nur, weil irgendjemand in Berlin beschlossen hatte, dass er sich um diese Burg kümmern musste. Hier wurden gefangene Widerstandskämpfer eingesperrt und nach einem passenden Brief in den Hinterhof gebracht und erschossen.
Deshalb marschierte der Dämon schließlich gerade den Gang entlang. Heute wurde Zelle 23 fällig. Noch so ein Ding, das er wirklich nicht leiden konnte. Nicht, dass er Mitleid mit den Menschen gehabt hätte, dazu war er kaum in der Lage, aber ihn kotzte einfach das ganze System dahinter an. Es war dumm, es war anstrengend, es hatte keinen Stil.
Crowley seufzte und rückte seine Sonnenbrille zurecht. Vermutlich diente eine kleine höllische Intervention dazu, dass Keiner ein Problem mit seiner Brille hatte.
Die Stahltüren sahen alle gleich aus. Gleich und langweilig. Der Dämon gähnte. Weniger aus Müdigkeit, was er gar nicht konnte, sondern um seiner schieren Langeweile Ausdruck zu verleihen.
20…21…22…23
Der Dämon blieb stehen. Er nahm den Schlüsselbund vom Gürtel und sperrte die Tür auf. In der Zelle gab es keine Möbel, nur einen Schemel aus Holz und eine Klapppritsche an der Wand. Und natürlich einen Gefangenen.
„Aziraphel, das ist nicht dein Ernst.“
„Crowley!“
„Hi.“
Der Dämon hob grüßend die Hand, schlug hinter sich die Tür zu und lehnte sich mit verschränkten Armen dagegen.
„Was machst du hier, Engel? Ich dachte, du wärst immer noch in London und würdest Bücher verkaufen.“
„Das wollte ich auch aber…“, Aziraphel machte eine vage Geste nach oben: „Du weißt schon.“
Crowley nickte verständnisvoll.
„Ich auch. Nur erklärt das immer noch nicht, warum du hier sitzt und ich dich erschießen soll.“
„Du willst mich erschießen? Ich dachte, wir wären Freunde! Wir hatten doch Waffenstillstand ausgemacht! Ich hab dir vertraut! Ich…“
„Komm wieder runter! Ich will dir nichts tun. Ich muss höchstens. Ich krieg von zwei Seiten Befehle.“
„Oh, du hast…“
„Jap.“
Der Dämon wedelte mit dem Exekutionsbefehl herum.
„Du bist verurteilt, wegen Widerstand gegen die Waffen-SS. Was, zur verdammten Hölle, hast du angestellt? Und was hast du da überhaupt an?“
In der Tat trug der Engel nicht seine üblichen Sachen, die aus dem letzten Jahrhundert stammten, sondern sah aus wie ein Landarbeiter, mit heller Hose, Leinenhemd und einer hellbraunen Weste.
„Das ist meine Tarnung, damit ich als Erntehelfer durchgehe. Der Himmel hat mich hergeschickt, um die Partisanen zu unterstützen.“
„Lass mich raten, darin bist du nicht sehr gut gewesen?“
„Ich fürchte nicht.“
„Und dann dachtest du dir: Ich lass mich mal von der SS gefangen nehmen.“
„Nein, natürlich nicht! Da war nur dieses alte Haus, mit den ganzen Büchern drin… Und es waren Erstausgaben. Ich bin eingebrochen. Dabei hab ich vielleicht übersehen, dass das Haus schon in Benutzung war.“
„Von wem?“
„Von so ein paar…Männern eben.“
„Ich rate nochmal, die Männer trugen dieselben Klamotten wie ich?“
Aziraphel senkte den Blick auf seine Hände und nickte. Crowley fuhr sich geistesabwesend mit der Zunge über die Zähne, während er seinen Freund betrachtete.  
„Immer, wenn ich mal nicht da bin, um auf dich aufzupassen, handelst du dir Ärger ein. Ich glaube, fast, das machst du mit Absicht.“
„Könntest du trotzdem noch einmal…?“
Der Engel sah ihn mit seinem Hundeblick an. Crowley hatte diesem Blick noch nie viel entgegen zu setzen gehabt. Mit einem entnervten Augenrollen hob er die Hand und bei einem Schnipsen fiel die Kette um Aziraphels Fußgelenk ab.
„Danke.“
„Hör auf damit!“
„Mit was?“
„Mit diesem Wort: Danke.“
Crowley lief ein Schauer über den Rücken.
„Trotzdem. Ich bedanke mich für die Rettung, ob´s dir gefällt oder nicht. Das ist nicht das erste Mal, dass du mich rettest. Eigentlich ist das sehr ne-“
In der nächsten Sekunde passierte mehre Dinge fast gleichzeitig. Für normale Menschen wäre es wohl mehr komplett gleichzeitig gewesen, aber dies hier ist eine seriöse Geschichte, die sich auf einen exakten zeitlichen Ablauf beruft. Und da eine Person, nicht einmal ein Dämon oder Engel mehr als ein Ding wirklich absolut gleichzeitig tun kann, steht hier nur fast.
Auf jeden Fall endete dieser extrem schnelle Ablauf von Ereignissen damit, dass Crowley mit einem Satz auf dem Hocker sprang, auf dem Aziraphel saß, ihn herunter und damit gegen die Wand stieß und seinen Freund am Kragen packte. Er drückte ihn halb gegen die Wand und halb zu Boden, während er sich wie eine Schlange kurz vor dem Angriff drohend über ihn beugte. Sie kamen sich so nahe, dass der Engel den schwachen Geruch nach frischem Blut und höllischem Schwefel, den Crowley auch nach 6000 Jahren verströmte, wahrnehmen konnte. Hinter den dunklen Gläsern der Brille konnte er es förmlich blitzen sehen.
„Ich bin nicht nett. Ich bin der Verführer der Menschheit, Verdunkler aller Seelen. Der dunkle Reiter im Sturm. Ich bin die Schlange, die der ganzen gottverlassenen Menschheit den Sündenfall gebracht hat. Ich. Bin. Nicht. Nett. Ist das klar?“, Crowleys Stimme hatte einen Unterton angenommen, der seine Stimme mehr zu einer Mischung aus Grollen und Zischen machte. Aziraphel bekam es tatsächlich ein kleines bisschen mit der Angst zu tun.
„Sonnenklar.“
Crowley war ganz kurz davor seiner Auf-gar-keinen-Fall-Nettigkeit mit körperlicher Gewalt Nachdruck zu verleihen, als er plötzlich unterbrochen wurde.Von draußen tönte ein zackiges „Heil Hitler“ in die Zelle.
„Was ist das?“, fragte Aziraphel ein wenig eingeschüchtert.
„Dein Erschießungskommando.“
„Aber ich dachte, die Sache wäre geklärt! Gabriel wird richtig sauer sein, wenn ich da oben auftauche. Und der ganze Zettelkram erst…“
„Ja, ja schon klar und deshalb verschwinden wir jetzt von hier. Ich muss morgen eh noch wo sein sein.“
„Das ist ja lustig, ich auch.“
„Dann hören wir mal besser auf zu quatschen und hauen aus dieser verflucht kalt-feuchten Feste ab. Ich will hier schon die längste Zeit raus.“
Der Dämon stieg von dem Hocker herunter und hielt dem Engel ohne hinzusehen die Hand hin. Der Engel warf eine ungläubigen Blick nach oben. Sein Freund hatte den Blick abgewandt, als würde er sich dafür schämen, was er gerade tat. Aziraphel musste lächeln. Er hatte Recht gehabt. In den gar nicht mal so nachtschwarzen Tiefen seiner dämonischen Seele war Crowley ein gutes Wesen. Er ergriff die angebotene Hand und rappelte sich hoch. Damit war der kleine Ausbruch, wenn auch nicht vergessen, dann aber doch vergeben.
Crowley trat die Tür auf und Aziraphel wollte einfach an ihm vorbei nach draußen gehen.
„Moment, du willst in den Klamotten rausgehen? Willst du, dass die dich gleich wieder einsperren?“
Der Engel schnaubte nur und machte eine undeutliche Geste. Im nächsten Augenblick trug er eine hellgraue Uniform der Wehrmacht.
„Du hast die Pistole vergessen.“
„Ich mag keine Waffen. Und diese Uniform genauso wenig. Ich weiß nicht, wie du das jeden Tag anziehen kannst.“
„Ich find´s schick.“
Crowley schloss die Tür, zusammen spazierten sie den Gang zurück. Die Wachsoldaten am Eingang warfen nur einen kritischen Blick auf Aziraphel, aber ein geschnauztes: „Augen geradeaus!“, des Dämons, ließ sie ganz schnell wieder wegschauen.  
„Was musst du eigentlich morgen machen?“, fragte der Engel, als sie über den Burghof auf den Horch zugingen.
Das Erschießungskommando war auf wundersame Weise kollektiv eingeschlafen, in dem Moment in dem sie den Hof betreten hatten. Jetzt kuschelten die Soldaten mit ihren Gewehren und träumten von blutüberströmten Regenbögen. Was eben passierte, wenn zwei unterschiedliche übernatürliche Wesen sich in die Träume einmischten.

Aus purer Gewohnheit stieg Aziraphel zuerst auf der linken Seite ein, bevor ihm einfiel, dass man hier ja auf der anderen Straßenseite fuhr.
„Ich muss einen Offizier davon abhalten zwei Päckchen Sprengstoff in die… Wie heißt das Ding nochmal? Ottergrube? Biberbau? Entenhöhle? Haben Enten überhaupt Höhlen? Ich glaub nicht, oder? Nah, egal. Wolfsschanze! Genau, so heißt das Ding. Auf jeden Fall, der Offizier will sie in die Luft jagen und ich muss ihn davonabhalten.“
„Seit wann vereitelt deine Seite denn Tod und Zerstörung?“
Crowley zuckte nur mit einer Braue.
„Das hab ich auch gefragt, aber mir wurde einfach nur gesagt, es würde mich nichts angehen, ich hätte keine Wahl und der Befehl sei unbedingt auszuführen, wenn ich nicht Lust auf jahrelange Schmerzen hätte.“
„Das ist ja komisch. Meine Seite was ganz Ähnliches gesagt. Nur, dass ich dafür sorgen soll, dass ein Offizier den Sprengstoff hochgehen lässt.“
„Es ist schon eine verrückte Welt. Ich verhindere Terror und du sollst ihn beschützen.“„Ja, ich… Ah, fahr nicht so schnell!“
Der Dämon hatte einen astreinen Kavalierstart hingelegt und mit achtzig Sachen aus dem Burgtor herausbeschleunigt, während sich Aziraphel leicht panisch ans Armaturenbrett klammerte.
„Ich weiß nicht was du hast. Ich mach eh schon langsamer.“
„Du fährst fast zweihundert Stundenkilometer!“
„Sag ich doch! Ich mach langsam.“
„Dann mach noch langsamer! Bitte.“
„Na gut.“
Crowley legte weniger Druck auf das Gaspedal und der Wagen bremste ab auf immer noch halsbrecherische hundertsechzig. Der Engel versuchte sich zu entspannen.
„Weißt du was ich mich frage?“, sagte Aziraphel nach einer halben Stunde Schweigen.
„Nein, woher auch?“
„Was eigentlich so wichtig sein soll.“
„Du meinst, was so wichtig sein kann, dass sowohl Himmel als auch Hölle einen Zwangsbefehl ausgeben. Ich hab das zwingende Gefühl, am Ende werden wir uns wieder einmal gegenseitig aufzuheben.“
„Befehl ist aber Befehl. Oder hast du Lust auf die Folter von… Wie heißt der bei euch nochmal?“
„Alastair. Und bei euch ist das immer noch der olle Thaddeus, nicht?“
„Ich fürchte schon.“
„Aber nein, ich will keinen von beiden an mich heranlassen. Es ist trotzdem einfach nur nervig, wenn ich den ganzen Tag, mit dir am Beifahrer, fahren muss, nur damit sich dann ohnehin nichts ändert. Es ist einfach Zeitverschwendung.“
„Du weißt doch: Der göttliche Plan ist-“
„Unerfindlich, was du nicht müde wirst zu betonen.“
„Es ist ja schließlich auch so.“
„Hmpf.“
„Was soll das heißen: Hmpf? Du warst auch mal ein Engel, da hat du doch gesehen, wie das läu- Achtung, Hase!“
Crowley riss das Steuer ruckartig herum, rumpelte ein Stück über die Wiese neben der Straße, nur um dann aus dem Gras direkt wieder zu beschleunigen. Aziraphel hielt mit beiden Armen seinen Oberkörper umklammert, wippte vor und zurück und hyperventilierte. „Was wolltest du sagen?“, fragte der Dämon, ohne jede Aufregung.
„Nichts.“, brachte Aziraphel nur trocken heraus.
„Das ist doch schön.“
Wieder legte sich Schweigen über den, in unverminderter Geschwindigkeit über die Straße rasenden, Wagen.
„Ich glaub, ich hab ein Schleudertrauma.“, meinte der Engel.
Crowley warf einen prüfenden Blick auf seinen Beifahrer.
„Dir geht´s prächtig. Stell dich nicht so an.“
„Ich hab aber Kopfschmerzen.“
„Wenn ich´s doch sage, da ist rein gar nichts.“
Die kleine Schramme über seinem rechten Auge verschwand brav und ließ nichts als blanke Haut zurück. Nein, er war nicht nett. Es war nicht nett, für eine andere Person das Leben vieler zu opfern. Oder sein eigenes dafür in die Bresche zu werfen. Oder alles zu tun, damit dieser Person nichts geschah. Immer in der Nähe zu sein, immer zu wachen. Das war nicht einfach nur nett. Das war mehr. Älter, dauerhafter. Im alten Griechenland hatten sie ein wunderbares Wort dafür gehabt: Agape. Liebe. Aber nicht irgendwelche Liebe. Sie war ohne Achtung von Rang oder Wert, von Leben, Tod und Teufel. Es war die absolute, hingebungsvolle, bedingungslose Liebe.
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