Verraten und verkauft!?

von Stefan29K
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Die deutsche Nationalmannschaft FC Bayern München FC Schalke 04 OC (Own Character) VfL Bochum
11.07.2019
12.11.2019
14
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Dieses Kapitel
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Willkommen zurück im virtuellen Lesesaal!
Leon als Person hat mich irgendwie nicht richtig losgelassen. Daher ist er auch in der 3. Story wieder mit dabei.
Alles ist natürlich (leider) Fiktion. Nichts davon ist wahr.

Es wird in der Story immer wieder Rückblicke geben. Das macht die Story aus! Diese Rückblicke sind NICHT gekennzeichnet. Daher also: Aufmerksam lesen! :)

Autoren stellen in Büchern ihren Werken gerne eine Widmung voran. Ich möchte das diesmal auch tun. Zu aller erst widme ich die Story Leon selbst. Eine unglaublich faszinierende Person!
Dann widme ich die Story aber auch einer lieben Freundin Bärbel und Tom, wegen dem ich überhaupt nur hier schreibe und Lumis zweitem Kind, das Ende Mai geboren wurde! Herzlichen Glückwunsch!

Viel Spaß mit Story Nummer 3!

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„Spinnst du, Leon?! Du gehst nach München?“, keifte Marius ihn an, als er nach Hause kam. „Das kannst du mir doch nicht mal eben so am Telefon erzählen, während du vom Training nach Hause fährst.“
„Ich wollte, dass du es als Erster erfährst. Tut mir leid, dass du dich nicht für mich freust.“
„Ich freue mich ja für dich, aber München? Was wird aus mir? Was wird aus uns?“ Ungläubig schaute Marius zu dem Größeren hinauf.
„Wir werden uns auch weiterhin haben!“
„Nein, Leon! Du hast unsere Liebe und unsere Beziehung verraten und verkauft, als du die Zusage gegeben hast!“
„Das habe ich nicht“, seufzte Leon. „Aber verstehst du nicht, dass das eine einmalige Chance ist? Ich hätte vor fünf Jahren nach München gehen können. Damals war ich noch ein halbes Kind und wäre nie so weit von zu Hause weg gegangen. Jetzt ist die Zeit reif und die Bayern wollen mich. Also habe ich zugeschlagen!“
Marius schüttelte den Kopf. „Und wie stellst du dir das mit uns vor?“
„Komm halt mit nach München!“
„Spinnst du total? Ich hab hier einen Job, mein Leben. Im Gegensatz zu dir, spiele ich Fußball zum Vergnügen. Ich muss für mein Geld arbeiten.“ Er schnaubte diese Worte aus.
„Ich verdiene genug Geld. Du musst nicht arbeiten.“
„Ich will es aber. Und ich habe hier mein Leben. Meinen Freundeskreis. Unseren Freundeskreis, Entschuldigung… und meine Familie.“
Leon seufzte.
„Und dann rufst du mich einfach so an und sagst mir das am Telefon!?“
„Du wusstest doch, dass das Angebot auf dem Tisch liegt.“
„Ja, aber...“ Er krächzte bei dem Satz.
„Ich liebe dich, Marius!“
„Ich liebe dich auch, Leon. Und gerade deswegen… verstehe ich es nicht.“
„Aber ich dachte...“
„Du hast dir nichts dabei gedacht“, unterbrach Marius ihn. „Du hast nur an dich und deine Karriere gedacht. Nicht an mich. Nicht an uns. So einfach ist das.“
Er verstummte. Dann setzte er wieder an: „Und deshalb muss ich jetzt hier raus. An die frische Luft!“
Er griff sich seine leichte Sommerjacke und stürmte aus der Wohnung, ohne Leon noch einmal anzusehen. Leon schaute ihm hinterher. Doch Marius knallte die Wohnungstür zu und war verschwunden.
Leon ging zum Fenster und sah, wie Marius in sein Auto stieg, dann auf das Lenkrad schlug und aus der Einfahrt fuhr. Gedankenverloren stand er am Fenster.

„Willst du mein Freund sein?“, hörte er sein 6-jähriges Ich mutig fragen. Marius lag im Dreck. Er war gerade von einem Mitschüler verprügelt worden. Und das am zweiten Schultag. Leon hatte Mitleid mit ihm und hielt ihm die Hand hin.
„Wir können uns gegenseitig beschützen. Das machen Freunde doch oder?“
„Ja.“
Marius ergriff Leons Hand und mit dessen Hilfe zog er sich hoch. Nach der Pause fragte Leon bei der Lehrerin nach, ob er sich neben Marius setzen dürfte. Leon war ein kleines Stück größer als Marius. Auf jeden Fall aber auch größer als der Junge, der Marius geschubst und getreten hatte.

In seine Gedanken vertieft musste Leon grinsen. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen. 17 Jahre war das nun her. Und sie waren in der Zeit unzertrennlich geworden. Marius war bei den Goretzkas ebenso zu Hause, wie auch Leon bei den Müllers. Später waren sie auch Partner geworden. Doch das kam erst viel später…

Und nun war es Zeit für ihn. Zeit für ihn aufzubrechen ins Leben. Erwachsen werden. Selbständig werden. Er konnte ja nicht immer hier in Bochum bei seinem Vater wohnen bleiben. Seine Schwestern würde er vermissen und seinen Vater auch. Bei Mama war es etwas anders. Seit sie seinen Vater verlassen hatte, sah er sie ohnehin nicht mehr täglich. So hatte er zwar immer Sehnsucht nach seiner Mutter, aber das Gefühl an sich war für ihn nicht neu. Wieso wollte Marius nicht verstehen, dass er einfach zu den Bayern wechseln musste? Jetzt war der richtige Moment. Sein Vater hatte völlig recht gehabt, dass es vor fünf Jahren noch viel zu früh gewesen wäre.  

Er musste dringend eine Wohnung in München finden. Er hatte einen Makler beauftragt. Groß, hell und mit einem schönen Balkon oder einer Dachterrasse sollte sie sein. Und möglichst nicht weit weg vom Trainingsgelände der Bayern. Wann würde sich der Makler nur endlich melden?

„Leon, treffen wir uns heute nach den Hausaufgaben wieder zum Fußball spielen?“, fragte Marius seinen Schulfreund und schaute ihn mit großen Augen an.
„Klar. Bei Fußball bin ich immer dabei!“
„Super! Wieder um 3?“
„Ich bin da.“

In einer Spielpause saß Leon auf dem Ball und Marius schaute ihn fast schon bewundernd an. „Du bist echt gut Leon!“

„Mein Papa will mich bei VFL Bochum anmelden. Zum Herbst.“
„Das ist ja toll. Das ist ja schon bald.“
„Hm“, machte Leon nur. „Ich hab ein bisschen Angst.“
„Warum das?“
„Du bist nicht da, um mich zu beschützen, Marius!“
„Blöd. Ich weiß. Aber ich glaube, bisher hast du mich mehr beschützt, als ich dich!“
Leon schaute nachdenklich auf das Tor.
„Aus dir wird ein Profi, Leon! Ich weiß das!“
„Aus dir auch, Marius!“

So war Leon zu Beginn der Saison von seinem Vater zum VfL Bochum gefahren worden. Ohne Marius. Er war schrecklich aufgeregt und nervös. Doch er verhielt sich tapfer, auch als der Trainer ihn in die Umkleide-Kabine schob und die Meute kreischender Jungs zur Ruhe brachte. „Schön, dass ihr mir alle zuhört! Hier ist ein neuer Spieler. Leon Goretzka. Er gehört ab jetzt zu uns. Also nehmt ihn freundlich auf.“
Das Geplapper der Jungs wurde wieder aufgenommen. Leon winkte schüchtern in die Runde, doch niemand schien ihn großartig zu beachten.
„Da hinten kannst du dich umziehen, Leon!“ Der Trainer deutete auf einen Spind.
Leon ging vorsichtig, als wolle er nichts kaputt machen, auf den Spind zu.

„Herr Goretzka, vielen Dank! Sie können ihn in zwei Stunden wieder abholen. Dann sehen wir weiter“, hörte Leon den Trainer noch sagen.

Leon zog sich um und der Junge neben ihm schaute ihn an. „Ich bin Chris. Hi!“
„Leon“, nuschelte er leise. Dann reichten sie einander die Hand.
„Wo hast du bisher gespielt?“
„Bei SV 06.“
Inzwischen war Leon fertig umgezogen. „Komm. Lass uns schon mal raus!“
Chris zog Leon mit sich und so kamen sie auf dem Platz an, auf dem bereits der Trainer wartete.
Im Training gab Leon alles. Er wollte sich und seinem Vater beweisen, dass er es schaffen konnte. Und er wollte es Marius beweise. Oder eher dafür sorgen, dass Marius stolz auf ihn war.

Zwischendurch schrieb er Marius eine Nachricht: „Liebling, komm bitte zurück. Es tut mir leid. Aber bitte versteh mich doch! LiDi, Leon!“
LiDi war ihre Abkürzung für „Ich liebe dich“ geworden. So konnten sie hin und wieder diesem Gefühl auch verbal Ausdruck verleihen, selbst wenn jemand dabei war. Marius war immer rücksichtsvoll gewesen und hatte wegen Leons Karriere auf eine öffentliche Beziehung verzichtet. In der Öffentlichkeit waren sie eben schon immer beste Freunde und unzertrennlich. Zwischendrin gab es mal das Gerücht, Leon würde eine Freundin namens Matthea haben, und er wehrte sich gegen dieses Gerücht nicht. Besonders später in der Schule, in der Zeit auf dem Alice-Salomon-Kolleg hatten sich einige Schülerinnen um Leon bemüht. Immerhin war er da schon Spieler bei Schalke und war durchaus schon berühmt. Aber Leon hatte ihnen allen zu verstehen gegeben, dass neben dem Fußball und dem Abitur keine Zeit für eine Beziehung bleiben würde. Manchmal hatte er mit seinem Stundenplan gewedelt und die Anwärterinnen für eine Beziehung gefragt, wo sie denn da noch reinpassen wollten und ob sie ihm beim Training zuschauen würden.
Wenn das alles nichts half, dann wurde er bockig und sagte ihnen, dass er kein Interesse an einer Beziehung hatte.

„Sorry, ich brauche eine kleine Auszeit, mein lieber Knallkopf! Ich komm morgen wieder rum! LiDi, M.“

Entnervt legte Leon sein Handy zur Seite.

„Wir hätten ihren Sohn gern bei uns“, sagte der Trainer vom VfL nach dem Spiel zu seinem Vater. Und Konrad Goretzka wäre fast geplatzt vor Stolz.
„Hast du gehört, Leon? Du bist jetzt Spieler beim VfL Bochum!“
Leon freute sich. Aber er wusste auch, dass sein Vater ihn noch härter fordern würde. Schon jetzt wusste er, dass er Leistung zu bringen hatte. Fußball machte ihm ja Spaß. Aber sein Vater sah die Sache irgendwie ziemlich ernst.
Schon in den nächsten Trainingseinheiten wurde Leon immer besser in die Gruppe aufgenommen und er konnte sein Talent unter Beweis stellen. Nach und nach freundete er sich auch mit ein paar Mitspielern an. Allen voran Chris, neben dem er sich die nächsten Jahre umziehen sollte.
Doch seine Freundschaft zu Marius blieb eine Besondere.

Leon spielte seine erste Saison bei Bochum. Bei jedem Spiel stand sein Vater am Spielfeldrand und feuerte seinen Sohn an. Marius kam ebenfalls, wenn er es einrichten konnte. Immerhin spielte er selbst auch Fußball. Und wenn Leon Zeit hatte, dann schaute er Marius Spiele bei seinem Verein an. Im Gegensatz zu Leons Vater war Marius Vater aber ein harmloser Begleiter. Leon spürte, dass Marius freier war. Er wusste in seinem Alter kein Wort dafür. Aber irgendwie war er gedrängt.

Leon fragte sich noch heute, wieso sein Vater so ruhig reagiert hatte, als er sich ihm geoutet hatte. Er starrte nur den Boden an und sagte: „Das darf niemals rauskommen. Du bist Fußballer!“
Und Leon hatte ihn angeschaut. Flehentlich. Und gefragt, was er selbst dazu sagte. „Mach was, du meinst! Aber ich habe nicht meine ganze Energie in deine Karriere gesteckt, damit du als Schwuchtel ausgepfiffen wirst!“

„Bitte, Papa! Was sagst DU dazu?“
„Ich liebe dich natürlich, mein Sohn!“

Marius war ohnehin ein ständig ein- und ausgehender Gast bei den Goretzkas. Ob sie nun am Esstisch saßen oder im Bett Sex hatten, schien Konrad Goretzka auszublenden. Er behandelte Marius und Leon nicht anders als vorher. Dennoch hatte Leon sich beim Outing mit 17 gewünscht, dass sein Vater ihn wahrnahm.


„Kann ich heute bei Marius übernachten?“ hatte Leon seinen Vater gefragt, als die Herbstferien anstanden.
„Natürlich, mein Sohn. Aber ihr seid brav und pünktlich im Bett, wenn die Mutter von Marius das sagt. Damit das klar ist!“
„Klar, Papa!“

So kam Leon zum ersten Mal in den Haushalt der Familie Müller. Es ging ein wenig chaotisch zu. Chaotischer als bei Leon zu Hause, aber irgendwie war es herzlich.

Es gab Hawaii-Toast zum Abendessen, etwas, das Leon nicht kannte. Er verputzte eine ganze Latte dieser unbekannten Art von Toast und die Mutter von Marius platzte vor Stolz, dass ihr wenig aufwendiges Essen – heute wusste Leon, wie man Hawaii-Toast macht – dem besten Freund ihres Sohnes so gut schmeckte.
Leon und Marius hatten im Garten noch etwas Fußball gespielt. Nur ein wenig hin und her geschossen. Sie hatten sich bemüht, die Blumen von Frau Müller einigermaßen am Leben zu lassen. Da es bereits Herbst war, war sie gnädig mit den beiden Jungs, obwohl fast zwei Drittel der Blumen platt gespielt waren. Sie waren fröhlich und ausgelassen auf dem Rasen herumgetollt bis Mama Müller sie ins Bett geschickt hatte.
Als sie unter ihren Decken lagen hatte Marius ihn gefragt: „Meinst du, wir können später mal heiraten?“
„Quatsch! Das machen doch nur Männer und Frauen“, hatte Leon ihm erklärt.
„Aber ich will dich heiraten, Leon. Keine Frau...“
„Das geht nicht, Marius!“
Mit dem Gedanken, dass es schön wäre, immer bei Marius zu sein, war Leon eingeschlafen.

Leons Handy klingelt und riss ihn aus seinen Gedanken. Die Nummer hatte er nicht eingespeichert, trotzdem ging er ran und meldete sich mit: „Hallo?“ - „Äh, guten Tag. Herr Goretzka?“, meldete sich eine Männerstimme. - „Ja, das bin ich.“ - „Schmidbauer, von Immobilien-Büro Schulz und Partner aus München. Sie haben uns den Auftrag gegeben, eine Wohnung für sie zu finden.“ - „Das ist richtig.“ - „Wir hätten da etwas für sie. Die Wohnung wird gerade umgebaut. Sie befindet sich in Giesing, ist also nicht weit weg von der Säbener Straße. Und sie bekommt gerade frisch ausgebaut eine neue Dachterrasse.“ - „Das klingt gut. Zur Miete oder zum Kauf?“ - „Zur Miete.“ - „Ok. Und wann wäre sie bezugsfertig?“ - „Das ist das gute: Sie wird rechtzeitig fertig. Sie wollen zum 1. Juli einziehen oder?“ - „Spätestens, ja.“ - „Sie müssten sich allerdings schnell entscheiden. Für solche Schmuckstücke gibt es natürlich viele Interessenten.“ - „Können sie mir Bilder schicken oder muss ich dafür nach München kommen?“ - „Beides ist natürlich möglich. Aber um sich einen richtigen Eindruck von der Wohnung zu machen, wäre es schon besser, wenn sie nach München kämen.“ - „Gut, dann schicken sie mir doch erstmal die Bilder per Mail und wenn mir die Fotos schon gefallen, dann kann ich morgen in München sein.“ - „Prima. So wird es gemacht. Ihre Email-Adresse ist bei uns hinterlegt?“ - „Ja. Zur Sicherheit: GorreL@gmx.de“.

Leon buchstabierte die Email-Adresse und Herr Schmidbauer bedankte sich nochmals.

Das wäre super, wenn ihm die Wohnung gefallen würde, dachte sich Leon. Aber morgen schon nach München? Gut, es musste sein. Und so seufzte er sich selbst an. Morgen wollte Marius zu ihm zurück kommen. Würde er das verstehen? Nach der heutigen Diskussion? Leon glaubte nicht daran. Als Leon sich in der Küche etwas zu trinken holte, sah er ein Glas Nutella im Kühlschrank. Seine Gedanken gingen zurück in seine Vergangenheit.

Am nächsten Morgen hatte Mama Müller ihnen ein sagenhaftes Frühstück bereitet. Zu Hause bekam Leon kein Nutella und so schlug er ordentlich zu.
„Danke Frau Müller, das war sehr lecker!“, bedankte er sich artig.
„Das war doch gar nichts.“
„Ich hab noch nie Nutella gegessen. Mein Papa sagt, das ist ungesund. Und wenn man Sportler werden will, dann muss man sich gesund ernähren.“
„Das mag natürlich sei, Leon“, hatte Mama Müller ihm gesagt, „aber auch Sportler dürfen hin und wieder Nutella essen.“ Sie zwinkerte ihm zu.

Marius stellte seiner Mutter die entwaffnende Frage, die ihn offenbar die ganze Zeit schon beschäftigt hatte, denn er war beim Frühstück ungewöhnlich still. „Kann ich Leon heiraten, wenn ich groß bin? Ich hab Leon lieb. Und wenn man sich lieb hat, dann heiratet man doch.“
Die Mutter blickte liebevoll auf ihren Sohn. „Ach Marius… bei uns dürfen zwei Männer nicht heiraten. Vielleicht ändert sich das mal. Aber zum heiraten brauchst du ein hübsches Mädchen.“
„Aber ich will kein Mädchen. Ich will Leon!“
„Du kannst Leon liebhaben, aber heiraten ist nun mal nicht erlaubt.“ Sie stupste ihrem Sohn auf die Nase und Marius bekam ein bockiges Gesicht.

Leon musste schmunzeln. Inzwischen war es sehr wohl erlaubt, dass zwei Männer heiraten. Allerdings war dieses Thema nach besagtem Frühstück für Marius offenbar erstmal vom Tisch. Zumindest eine Zeit lang.
Leons Handy gab den Eingang einer Email durch den üblichen Ton bekannt. Schnell entsperrte er sein Handy und sah die Bilder von der Wohnung an. Teilweise war sie noch Baustelle. Und Leon wusste, dass Herr Schmidbauer recht hatte. Von den Fotos konnte er nicht wirklich etwas erkennen. Sie schien groß und hell zu sein. Aber wie sie real wirkte, das erkannte er hier nicht. Also rief er Herrn Schmidbauer zurück und sagte zu, am nächsten Tag in München zu sein. Er ließ sich die Anschrift geben und sie vereinbarten 15Uhr als Termin.

Anschließend buchte Leon einen Flug. Danach schickte er eine Nachricht an Marius: „Hab morgen einen Termin zur Wohnungsbesichtigung in München. Bin also leider morgen nicht da. Lieb Dich! L.“

Leon war fortan oft bei den Müllers und jedes Mal hatte ihm Nutella zum Frühstück geschmeckt. Soweit Leon das heute, wie damals beurteilen konnte, hatte es ihm auch nicht geschadet. Erst als die Sache mit der Ernährung aufkam, hatte er versucht hier und da Gluten und anderes wegzulassen, um sich fitter zu fühlen und um schneller zu regenerieren. Doch damals war Nutella eine unglaubliche Köstlichkeit. Etwas Kostbares, das es zu Hause nicht gab.

„Dann sehen wir uns morgen wohl nicht… Lieb Dich auch, M.“ So konnte es Leon auf dem Bildschirm seines Handys lesen. Der achselzuckende Smiley, den Marius mitgeschickt hatte, ließ Leon ahnen, dass Marius ihm noch immer nicht verziehen hatte. Er war schon in ihrer Kindheit immer leicht nachtragend gewesen. So war Marius ein paar Wochen beleidigt, als Leon zum nachmittäglichen Fußball-Spielen einen Freund aus seinem neuen Verein mitbrachte. Dieser Freund war ein wenig besser, als Marius. Und außerdem, so sagte ihm Marius damals, würde Chris ihm die Zeit mit seinem besten Freund wegnehmen. Marius hatte geschmollt und wollte mit Leon und Chris nicht mehr Fußball spielen. Leon hatte Nutella in der Zeit vermisst. Doch er wusste damals noch nicht, was Eifersucht war und warum Marius so komisch auf Chris reagierte. Dabei war Chris ein lieber Kerl, mit dem sich Leon beim VfL Bochum angefreundet hatte. Marius und Leon mussten beide in ihrem Leben lernen, dass immer wieder Menschen in ihr Leben traten und mit ihnen befreundet sein konnten, auch ohne, dass ihre Freundschaft darunter litt.

Die Sehnsucht nach Nutella war groß und die Sehnsucht nach Marius auch. So stand Leon an einem Nachmittag vor der Tür der Familie Müller und klingelte.
„Gut, dass du da bist, Leon! Marius kann eine richtige Zicke sein. Und bockig. Komm doch rein! Du weißt ja, wo sein Zimmer ist.“
Leon hatte Marius Zimmer betreten und sie hatten sich einfach nur umarmt. Vieler Worte bedurfte es nicht. Und Leon hatte den Fußball dabei. Und als sie wieder gemeinsam auf dem Rasen standen, war alles wieder in Ordnung.

Leon packte nebenbei eine kleine Tasche. Wenigstens eine Nacht würde er in München bleiben wollen oder müssen. Er wollte seine neue Stadt etwas kennenlernen. Und so hatte er zusätzlich zu seinem Flug auch ein Hotel in der Innenstadt gebucht. Er wollte den Duft der Stadt in sich aufnehmen und ihn atmen. Es wurde Zeit für ihn, jetzt zu wechseln. Er war alt genug und auch selbständig genug, um sein Leben weg von Zuhause allein zu bestreiten. Allein war er ja nicht. Er würde Marius gern mitnehmen nach München. Doch der bestand ja darauf, dass er hier sein Leben hatte. Bochum for ever oder so?! Doch Leon konnte und wollte nicht stehen bleiben. Er wollte sich entwickeln. Als Mensch und als Fußballer. Und hier warteten schon viele alte Bekannte auf ihn, die er bereits vom Confed-Cup und von anderen Gelegenheiten kannte. Vor allem Joshua. Ja, er freute sich auf Josh. Und vielleicht ließ sich ja Marius doch noch überreden, wenn er zu Ende geschmollt hatte. Und ansonsten würden sie sich besuchen. Sie waren jetzt schon 6 Jahre zusammen und sie kannten sich seit 17 Jahren. Und natürlich kannten sie auch die jeweiligen Macken des Anderen.

Auch Leons Schwestern hatte Marius mehr oder weniger als zweiten Bruder akzeptiert, was natürlich im Alter von 7 Jahren bedeutete, dass man sich mehr zoffte, als sich vertrug. Zwar hatte Leon ein besonders inniges Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester, doch auch seine beiden anderen Schwestern standen ihm nahe. So war es natürlich klar, dass er viel Zeit mit ihnen verbrachte. Und es passiert nicht nur einmal, dass man sich trotz aller Nähe und Liebe stritt. Dann zerstörten die Schwestern Leons und Marius Legohäuser. Andersherum hatten die Jungs oftmals die Puppen der Schwestern in eine grausige Unordnung gebracht.
Und jedes Mal hatte Leon auf Marius Seite gestanden, wenn es Streit mit den Schwestern gab. Schließlich mussten Jungs zusammenhalten!

Die erste Saison bei VfL Bochum verlief für Leon äußerst erfolgreich. Man hatte seinem Vater schon gesagt, dass hier ein großes Talent heranwachsen würde und mit der richtigen Förderung würde aus Leon mal ein richtig guter Spieler werden. Das weckte den Ehrgeiz von Konrad Goretzka. Nutella war also ab sofort gestrichen, wäre es das nicht schon vorher gewesen.

„Mini“, so nannte Leon seine Zwillingsschwester Melanie, „glaubst du, ich kann Marius heiraten, wenn ich erwachsen bin?“, hatte er gefragt, als Marius wieder einmal das Haus der Goretzkas verlassen hatte.
„Wieso fragst du mich das Leon? Heiraten denn nicht nur Männer und Frauen?“
„Marius hat neulich zu seiner Mutter gesagt, dass er mich heiraten will. Sie hat auch erklärt, dass nur Männer und Frauen heiraten. Aber wir verstehen uns doch so gut.“
Mini zuckte nur mit den Achseln. „Mach halt.“
Nachdenklich ging Leon an diesem Tag ins Bett.
Doch in den folgenden Monaten waren diese Gedanken auch wieder verflogen. Leon hatte seine erste Saison erfolgreich abgeschlossen. Wann immer es ging, spielte er neben dem Training auch noch mit Marius Fußball.

„Du schwule Sau!“ rief ein Mitschüler in der 4. Klasse, als Leon Marius getröstet hatte. Dieser war im Pausenhof über eine Astgabel gestolpert und mal wieder im Dreck gelandet. Der arme machte aber auch was mit. Leon hatte ihm aufgeholfen, ihm den Dreck von der Kleidung geputzt und sein blutendes Knie betrachtet. Dann legte er einen Arm um ihn und half ihm, ins Sekretariat zu gehen, um ein Pflaster zu holen. Marius humpelte an seiner Seite.
„Du schwule Sau“, rief die Stimme in seiner Erinnerung erneut und Leon wusste diesen Ausdruck nicht einzuschätzen.
Er schaute irritiert zu dem Besitzer der Stimme. Irgendwie hatte Leon das Gefühl, dass eine schwule Sau etwas war, was ganz und gar nicht gut war. Und dass es eine Beleidigung für ihn sein sollte. Er ignorierte die Stimme und half Marius hin zur Tür der Schule.
„Hey! Nicht reingehen!“, rief eine strenge Lehrerstimme hinter ihnen. Herr Schwarz hatte Aufsicht. Leon drehte sich zu Herrn Schwarz um, der eilig herbei gelaufen kam.
„Aber Marius ist verletzt“, erklärte Leon.
„Ah. Ok. Geht zunächst zur Toilette und wascht die Wunde aus! Dann holt ihr Marius ein Pflaster bei Frau Pillasch im Sekretariat!“, wies er die beiden Jungen an.
Marius humpelte mit Leons Hilfe die Stufen hinauf und sie erreichten die Toilette. Leon befeuchtete ein Handtuch-Papier und wischte vorsichtig über Marius Wunde. Als er den Dreck weitgehend von der Wunde gewaschen hatte, machten sie sich auf den Weg ins Sekretariat.
„Danke Leon! Du bist echt ein guter Freund. Du wirst mich niemals verraten oder?“
„Niemals!“, bestätige Leon.
Auch Marius hatte Leon das ein oder andere Mal helfen müssen, wenn sich Leon auf dem Pausenhof beim Fußball verletzt hatte.

Vielleicht war bei ihm und Marius auch ein wenig die Luft raus. Sie hatten ja nie einen anderen, als sich. Und die Beziehung dauerte inzwischen 6 Jahre. Vielleicht war es ganz gut, dass sie sich mal ein wenig aus dem Weg gingen. Vielleicht erneuerte die Entfernung ihre Gefühle für einander. Klar, Leon liebte Marius noch immer. Aber es war nicht mehr das Kribbeln des Anfangs, als sie sich auch körperlich kennengelernt hatten. Außerdem gab es zwischen ihnen schon immer die ein oder andere Entfernung. Schließlich waren sie nach der Grundschule nicht auf die gleiche Schule gewechselt. In unterschiedlichen Vereinen waren sie auch. All das hatte sie nie lange trennen können. Und auch München würde es nicht schaffen, sie zu trennen. Aber vielleicht konnten sie das Beste draus machen? Eine offene Beziehung? Leon wusste nicht, ob er in München bei der ein oder anderen Gelegenheit nicht doch mal schwach werden würde, wenn Marius so weit weg war. Und umgekehrt konnte sich Marius in Bochum mit jemandem vergnügen, wenn er das Verlangen nach Sex hatte.

Mit diesen Gedanken legte sich Leon schließlich ins Bett, nachdem er sich ausgezogen hatte und nochmal im Bad gewesen war.

In der Nacht träumte er von seinem letzten Schultag an der Grundschule.
Sie hatten in der Nacht vor dem letzten Schultag in der Grundschule übernachtet. Alle 4. Klässler mit ihren Lehrerinnen in der Turnhalle. Das war eine Gaudi. Vor dem Schlafengehen wurde noch ein Film auf Großleinwand gezeigt. Danach schlossen sich für die ersten so langsam die Augen. Auch Leon und Marius lagen nebeneinander und schauten hoch zu den Ringen, die hoch über ihnen baumelten.
„Du gehst auf eine andere Schule, Leon… was wird dann aus mir?“
„Ich bin ja nicht weit weg.“
„Aber wer beschützt mich und hilft mir?“
„Ach Marius… du hast mich doch kaum noch gebraucht in der letzten Zeit. So als Beschützer meine ich.“
„Du weißt schon, was ich meine, Leon!“
„Marius, wir sind Freunde! Und das werden wir auch bleiben.“

Als sie am nächsten Tag durch den Tunnel gingen, welchen die übrigen Schüler und Schülerinnen der Schule bildeten, da liefen auch bei Leon einige Tränen. Er hatte sich meistens an der Grundschule wohl gefühlt. Doch Marius weinte bitterlich. Mit seinen Tränen flossen alle Hoffnungen aus ihm heraus, weiterhin mit Leon auf eine Schule zu gehen. Die geweinten Tränen hinterließen eine Wüste aus harter Erkenntnis, dass sich ihr Leben jetzt ändern würde. Leon sah die Sache nüchterner als Marius. Er wusste, sie würden für immer befreundet sein und sich auch weiterhin sehen. Das Alice-Salomon-Kolleg würde ihm die Möglichkeit bieten, sich neben der Schule auch sportlich weiterzuentwickeln. Immerhin förderte der VfL Bochum ihn und sie waren auch daran interessiert, dass Leon neben der Schule weiterhin die Möglichkeit hatte, sich auch als Fußballer zu entwickeln.
Und dann war sie vorbei gewesen, ihre Grundschulzeit.

Auf dem Alice-Salomon-Kolleg lernte Leon dann neben dem Schulstoff auch andere Sachen. Zum Beispiel lernte er, was genau es bedeutet, einen Steifen zu haben. Und dass man damit die Mädchen flach legte.
Es kam auch nach dem Sportunterricht zu ernsten Gesprächen darüber, ob man denn noch Jungfrau sei. Einige brüsteten sich damit, immerhin schon geküsst zu haben. Andere berichteten stolz von ihrem ersten Samenerguss. Leon hingegen hatte bei all den Gesprächen nicht verstanden, warum er sich ein Mädchen suchen sollte. Er hatte doch Marius.

„Na, Leon? Schon ein Mädchen flach gelegt?“ wurde er dann auch mit 13 gefragt. Leon war schon damals groß gewachsen und er ahnte, dass er ein hübscher Kerl war. Denn so langsam begannen die Mädchen sich für ihn zu interessieren und ihm Avancen zu machen.
„Ne!“, gab Leon ehrlich zu.
„Pass auf! Wenn du zu lange wartest, wirst du noch schwul!“

Da war es wieder. Das Wort. Dieses komische Wort, von dem Leon zwar wusste, was es bedeutet, jedoch bekam er immer einen Stich in der Brust, wenn jemand dieses Wort mit ihm in Verbindung brachte.
Konnte man schwul werden, wenn man zu lange wartete?
Und was würde es bedeuten, wenn er es wäre?

Der Wecker riss Leon aus seinem Traum.
Er musste kurz nachdenken, wo er gerade war. Und warum ging der Wecker?
Stimmt: Er musste nach München für eine Wohnungsbesichtigung. Also schob er die Bettdecke beiseite. Seine Erektion drückte hart gegen seine Shorts. Zeit zum wichsen blieb ihm leider nicht. Er hatte seinen Wecker zu knapp gestellt. In einer Stunde würde er zum Flughafen aufbrechen müssen und gepackt hatte er auch noch nicht vollständig. Die Bad-Artikel mussten noch rein.

Die Zeit im Taxi auf dem Weg zum Flughafen nutzte Leon, um mal wieder sein Instagram Profil zu durchsuchen. Seine Blicke fielen auf die vielen abfälligen Kommentare, die sich dort wiederfanden, seit sein Wechsel zu den Bayern offiziell geworden war. „Scheiß Bayern-Sau“ war noch eine der harmloseren Beschimpfungen, die er dort lesen konnte. Aber er freute sich auf seine neue Aufgabe, den Verein und die Stadt.

Dass Marius nicht mitgehen wollte und ihn auch so gar nicht verstehen konnte, versetzte Leon einen größeren Stich als die Kommentare zu seinem Wechsel.

„Willst du es dir nicht doch nochmal überlegen? Fliege gleich nach München zur Wohnungsbesichtigung. Würde mich freuen, wenn Du Dich da mit einrichten würdest! L.“
Getippt und weg.

Beinahe umgehend kam eine Nachricht von Marius zurück.
„Nein, Schatz! Du weißt, ich habe mein Leben hier. Wieder mal lässt du mich zurück!“

Leon wusste, dass er auf das Ende ihrer Grundschul-Zeit anspielte.

Das Flugzeug nach München erhob sich in die Lüfte und Leon döste leicht weg.
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