Mechanisches Herz

von KatieC
GeschichteDrama / P16
OC (Own Character)
11.07.2019
07.09.2019
7
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Mechanisches Herz


Das Leben ist angenehm. Der Tod ist friedlich. Es ist der Übergang, der schwierig ist.
- Isaac Asimov -


„Pass auf, dass du nicht zu viel Lötzinn verwendest. Die Platine könnte sonst einen Kurzschluss erleiden.“ Obwohl die Stimme meines Vaters eine berechtigte Warnung ausspricht, klingt er in keiner Weise tadelnd. Die Hände auf die Tischkante gestützt und leicht vornüber gebeugt, steht er neben mir, die Augen fest und konzentriert auf unser Projekt gerichtet. Wenn ich ihn so sehe, fällt es mir nicht schwer, ihn mir bei seiner Arbeit vorzustellen. Als Entwickler verbringt mein Vater seine Tage in einer der größten Maschinenfabriken, die wir hier in Distrikt 3 besitzen und tüftelt dort an neuen technischen Lösungen für das Wohl des Kapitols. Manchmal erzählt er mit einer schier ansteckenden Begeisterung von seinen Durchbrüchen und ist dann zum Leidwesen meiner Mutter kaum noch in seiner Euphorie zu bremsen. An anderen Tagen kommt er wiederum sehr schweigsam nach Hause und brütet dann noch bis spät in die Nacht an jenen Problemen, die er tagsüber nicht hatte lösen können. Seine neuste Errungenschaft ist eine Maschine, die in Distrikt 1 eingesetzt werden wird und die die Produktion von Diamanten noch effizienter gestalten soll. Eine intelligente Steuerung optimiert den Druck, mit dem die Kohlepartikel verdichtet werden und minimiert so die bisher produzierte Ausschussware.
Dagegen erscheint einem der mechanische Roboterarm, an dem wir beide in unserer winzigen Kellerwerkstatt basteln, wie ein Kinderspielzeug. Und dennoch könnte ich mir keine schönere Art und Weise vorstellen, um meine Zeit zu verbringen. Die Werkstatt ist gerade einmal groß genug, um einer Werkbank mit zwei Arbeitsplätzen und einigen heillos überfüllten Regalen an der Wand Platz zu bieten. Aus dutzenden Schachteln und Kisten quellen Zahnräder in allen Größen und Formen, Plantinenrohlinge, Kabelreste und Werkzeuge, während die wenigen Stellen, die an der Wand noch frei geblieben sind, mit handgezeichneten Schaltplänen und Programmierentwürfen tapeziert sind. Andere würden diesen Raum sicherlich als ein heilloses Chaos bezeichnen, für mich ist es jedoch der schönste Ort in ganz Panem. Ein Ort, an dem ich mich immer geborgen und zuhause fühlen konnte.
„Weiß ich doch“, gebe ich lächelnd zurück und löse für einen kurzen Moment vorsichtig den Blick von meiner Arbeit. Ich muss den Kopf ein Stück zur Seite neigen, um zu meinem Vater aufsehen zu können und blicke direkt in seine blaugrauen Augen, die meinen eigenen so ähnlich sind. Auch über seine Mundwinkel huscht ein kleines, ehrliches Lächeln. Ein Lächeln, das keiner weiteren Worte bedarf und das trotzdem so vieles aussagt. Wahrscheinlich ist es nur eine einzige Sekunde, in der wir uns so ansehen, doch ich würde sie am liebsten für die Ewigkeit festgehalten. Ganz besonders heute.
Konzentriert richte ich meinen Fokus wieder auf die Platine, die metallisch glänzend und schimmernd vor mir ausgebreitet liegt und beuge mich noch ein Stück weiter vor. Sofort spüre ich wieder die Hitze des Lötkolbens auf meinem Gesicht, während ich mich sorgsam Millimeter um Millimeter weiter voran arbeite, um die empfindliche Elektronik nicht zu beschädigen. Das hier wird das Herzstück unseres Roboters werden, sofern eine Maschine denn ein Herz besitzen kann.

Plötzlich höre ich, wie die Tür zur Kellertreppe schwungvoll aufgerissen wird. „Wo seid ihr denn?“ Die drängende Stimme meiner Mutter dringt zu uns nach unten und mit ihr ein Strahl hellen Sonnenlichts, das sich über die Treppe windet und die abgenutzten Stufen in goldenes Licht taucht.
„Nur noch einen Moment“, antworte ich und höre meinen Vater leise neben mir lachen, während auch schon die Schritte meiner Mutter auf der Treppe erklingen. „Wir haben keinen Moment, es wird Zeit, dass wir aufbrechen“, erwidert sie und tritt mit einem weiteren Schritt über die letzte Stufe. Wie immer, wenn sie sich hier herunter wagt, schüttelt sie verständnislos den Kopf über das Durcheinander, das in der Werkstatt herrscht. Meine Mutter ist die lebendig gewordene Perfektion, die sogar das Besteck in der Küchenschublade nach der Größe der Utensilien sortiert, doch bislang hat sich dieser eine Raum in unserem Haus beharrlich ihrer geliebten Ordnung widersetzt. Wahrscheinlich hat sie sich mit diesem Umstand vor langer Zeit schon arrangiert, wenngleich sie es wohl nie schaffen wird, ihn wirklich zu akzeptieren.
Mit chirurgischer Präzision nehme ich den Lötkolben in meiner Hand zurück und stelle ihn auf die feuerfeste Unterlage, die Temperaturen von mehreren hundert Grad erfolgreich standhält. „Ich bin fertig“, verkünde ich stolz und fahre mit den Pupillen die frischen Lötpunkte nach, bevor ich zu meinem Vater aufblicke. Sein anerkennendes Nicken ist mir Lob genug und lässt mich automatisch lächeln.
„Na wenigstens seid ihr schon umgezogen“, stellt meine Mutter erleichtert fest und ich höre sie geräuschvoll aufatmen. Mit nur zwei weiteren Schritten ist sie neben mir, als ich mich gerade von meinem Stuhl erhebe und noch bevor ich etwas erwidern könnte, beginnt sie damit, den Stoff meines Kleides glattzustreichen. „Dreh dich mal um, Schatz.“
Unter einem stummen Seufzen verdrehe ich die Augen gen Decke, tue aber, wie mir geheißen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich etwas anderes angezogen. Ich hasse dieses schwarze Kleid aus tiefster Seele. Ich habe es letztes Jahr schon gehasst und daran hat sich auch heute nichts geändert. Der einzige Unterschied zur letzten Ernte ist, dass ich seither noch einmal ein gutes Stück gewachsen bin und mir der Saum des Kleides nun gerade noch bis an die Knie reicht.
Um meine Taille herum windet sich ein blassblaues Band, das in meinem Rücken zu einer Schleife zusammengefasst ist, an der meine Mutter nun pedantisch herum zu nesteln beginnt, bis auch wirklich jede Schlaufe an ihrem Platz liegt. „Ich dachte, wir hätten keine Zeit mehr?“, murmle ich mehr zu mir selbst, doch tatsächlich stellt sie ihre Bemühungen ein.
„Kann losgehen“, entscheidet sie und marschiert auch schon wieder auf die Kellertreppe zu. Mein Vater folgt ihr mit einem milden Lächeln auf den Lippen und auch ich setze mich langsam in Bewegung. Ein eigenartiges Gefühl ergreift von mir Besitz und bevor ich das Licht in der Werkstatt ausschalte, drehe ich mich noch einmal um. Unruhig lasse ich die Augen über die verstreuten Pläne und Werkzeuge gleiten, versuche mir noch einmal alles hiervon einzuprägen, denn wer weiß schon, ob ich heute Abend wirklich zurückkehren werde. Dies wird meine letzte Ernte sein, bevor ich zu alt werde, um daran teilnehmen zu müssen. Noch ein letztes Mal in unerträglicher Anspannung warten, bevor ich endlich frei bin. Soweit zumindest, wie das hier in 3 möglich ist, denn dass sich das Kapitol uns gegenüber nicht besonders wohlgesonnen zeigt, ist kein Geheimnis. Seitdem der große Krieg beendet wurde und sich unser Distrikt dem Widerstand zugewandt hatte, gehören wir nicht zu den Lieblingen der Regierung - dieses zweifelhafte Privileg ist jenen Bewohnern aus 1, 2 und 4 vergönnt.
Meine Fingerspitzen verharren bewegungslos einige Millimeter über dem Lichtschalter und aus irgendeinem Grund bringe ich es nicht über mich, ihn einfach umzulegen. Unwillkürlich beginnt meine Hand zu beben. Egal wie erfolgreich ich den heutigen Tag bislang verdrängt habe, in diesem Augenblick wird mir klar, dass ich nicht bereit bin. Allein der Gedanke an die Hungerspiele schnürt mir die Kehle zu und lässt meine Knie zittern.
„Dakota, komm schon! Sonst kommen wir noch zu spät!“, ruft meine Mutter aus dem Flur zu mir herunter und reißt mich damit unsanft aus meiner Starre. Kurzentschlossen lege ich den Lichtschalter um, der die Werkstatt augenblicklich in Dunkelheit taucht. Dann drehe ich mich auf dem Absatz um und haste mit flauem Magen die Treppe hinauf.

Der Versammlungsplatz unseres Distriktes ist wie jedes Jahr gut gefüllt. Familien, Freunde und Angehörige begleiten diejenigen, die dieses Jahr an der Ernte teilnehmen müssen. Jugendliche wie ich. Von überall her wehen verhaltene Gesprächsfetzen zu uns herüber, als wir uns den Weg über den Platz bahnen und wir schließlich an einer Gabelung stehen bleiben, die die Teilnehmer von den übrigen Zuschauern trennt.
Unschlüssig trete ich von einem Bein aufs andere und zupfe zum wiederholten Male an dem Saum meines Kleides herum. Meine Mutter ist die erste, die ein paar Worte findet und das bedrückende Schweigen bricht, das wie immer auf dem Weg hierher zwischen uns geherrscht hat. Wie eine eigenartige Tradition unserer Familie. Eine Tradition, die heute auf die eine oder andere Weise ihr Ende finden wird.
Ihre Finger streichen mir eine Strähne des kastanienbraunen Haares aus der Stirn, bevor sie mit beiden Händen mein Gesicht umschließt. „Viel Glück, Schatz.“ Ihre Stimme klingt losgelöst, doch das fröhliche Lächeln auf ihrem Gesicht wirkt zu starr, zu aufgesetzt und in ihren Augen glimmt Wehmut auf. Ich weiß, dass es ihr das Herz brechen würde, wenn ich in die Arena einziehen müsste, aber genauso wie alle anderen Eltern hofft auch sie einfach auf das Beste für ihr einziges Kind. So wie jedes Jahr. Etwas anderes bleibt uns wohl auch kaum übrig.
Das einzig Gute, das ich diesem Tag abgewinnen kann, ist der Umstand, dass ich dieses verhasste Kleid heute zum letzten Mal tragen werde. Egal, wie der Tag auch enden mag.
Langsam zieht sie mich in eine Umarmung und ich kann ihren zittrigen Atem an meinem Ohr spüren. „Dein Vater und ich sind stolz auf dich“, flüstert sie, bevor sie mich leicht von sich drückt und mir direkt ins Gesicht sieht. In ihren Augen schimmern Tränen, die sie hastig hinfort blinzelt und mich schließlich loslässt. „Danke“, antworte ich kleinlaut und bin froh überhaupt etwas sagen zu können. Für mehr fehlen mir einfach die Worte. Es liegt eine derartig bedrückende Stimmung über dem Platz, die einem förmlich den Brustkorb zuschnürt und sogar das Atmen schwer werden lässt.
Unfähig noch mehr zu sagen, starre ich auf den Boden vor meinen Füßen und betrachte einen kleinen Kieselstein, als handle es sich dabei um etwas von besonderer Bedeutung. Nur aus den Augenwinkeln bekomme ich mit, wie auch mein Vater an mich heran tritt. Im Gegensatz zu seiner Frau ist er kein Mann der großen Worte und so überrascht es mich, als er tief Luft holt. Neugierig hebe ich den Blick, um ihn anzusehen und bereue es sofort, denn das gequälte Lächeln auf seinen Zügen versetzt mir einen schmerzhaften Stich. Als wüsste er nicht so recht wohin mit sich, vergräbt er die Hände tief in den Taschen seiner Hose.
„Ich habe von der Arbeit einen der fehlerhaften Prototypen mitgebracht und habe gehofft, dass du mir heute Abend dabei helfen kannst, die defekte Elektronik wieder zu richten.“ Diese Worte klingen ungewohnt zaghaft aus seinem Mund und doch liegt so viel Wärme und Zuneigung in ihnen, dass ich gar nicht anders kann, als dankbar und gerührt meine Arme um ihn zu schlingen. „Das wäre toll“, murmle ich gegen seine Brust und bin mir nicht einmal sicher, ob er mich überhaupt verstehen konnte. Über mir senkt er den Kopf und haucht mir einen flüchtigen Kuss auf den Scheitel. „Heute Abend feiern wir dein neues Leben“, beschließt er, bevor auch er sich von mir löst und ich ihn widerstrebend ziehen lasse.

Für einen weiteren Moment sehe ich meine Eltern an und doch gibt es nichts mehr, was wir uns noch zu sagen hätten. Niemand wagt es, das Undenkbare auszusprechen, in der vorsichtigen Hoffnung, es möge auch dieses Jahr an unserer Familie vorbeiziehen und so mache ich mich schließlich auf, um mich zwischen den anderen Achtzehnjährigen meines Distriktes einzuordnen und die diesjährige Ernte über mich ergehen zu lassen.
Die Sonne brennt unablässig auf uns herab, während das Geschehen auf der Bühne zum Leben erwacht. Dorian Beckett, ein untersetzter Mann und seit Jahren der Betreuer von Distrikt 3, kreischt freudestrahlend und übertrieben heiter in sein Mikrophon und preist das Kapitol für den Frieden, den es uns beschert hat. Je mehr er redet, umso weniger höre ich ihm zu. Jedes Jahr ist es dieselbe Rede, gefolgt von demselben Film, der auf extra für diesen Anlass aufgebauten Großbildschirmen übertragen wird und uns alle daran erinnern soll, weshalb wir heute hier sind. „Panem heute. Panem morgen. Panem für immer", schließt der körperlose Sprecher die Videoaufzeichnung und die Bildschirme erlöschen mit einem letzten Flimmern.
Um mich herum herrscht bedrücktes Schweigen und im Anblick der vielen starren Gesichter kann ich erkennen, wie Hoffen und Bangen ihren ungleichen Kampf in jedem Einzelnen von ihnen gegeneinander ausfechten. Ein paar der Mädchen, die mich umgeben, kenne ich aus der Schule oder unserer Nachbarschaft, doch im Grunde ist niemand unter ihnen, der mir wirklich nahe stünde.
„Ladies first“, dröhnt die fröhliche Verkündung über die Lautsprecher und ich schließe die Augen. Ohne meinen Sehsinn, nehme ich meine Umgebung noch einmal ganz anders wahr. Ich höre den Wind, der sich auf dem Platz fängt und trockene Blätter raschelnd über den Boden vor sich hertreibt. Ich höre die im Leerlauf wartenden Motoren der Rover, mit denen die Friedenswächter gekommen sind. Ich höre das Mädchen neben mir die Luft anhalten. Die Atmosphäre ist von einer so intensiven Spannung erfüllt und plötzlich entlädt sie sich mit einem einzigen Schlag.
„Weiblicher Tribut für Distrikt 3 ist… Dakota Quinn.“


~*~*~*~

Hallo zusammen,
herzlich Willkommen zu meinem neuen Projekt, ich freue mich echt, dass ihr mal vorbeigeschaut habt! :-)
Mit dieser Geschichte wage ich mich mal auf komplettes Neuland, denn auch wenn ich die Hunger Games gelesen und gesehen habe, habe ich bislang noch nie in diesem Fandom geschrieben. Ich bin also selbst gespannt, wie das wird und freue mich, wenn ihr mir mit Anregungen und Kritik zur Seite stehen mögt.
Die Kapitel, die hier erscheinen werden, sind Beiträge zum Foren-Wettbewerb „Die 76 Hunger Spiele“. Einzige Ausnahme sind die ersten beiden Kapitel, die nicht in die Bewertung einfließen. Sie dienen mir und euch einfach dazu, Dakota und ihre Umgebung ein bisschen kennenzulernen und ein Gefühl für sie zu bekommen.
Ab Kapitel 3 begeben wir uns in die Arena und ab da habe ich selbst keine Ahnung, was uns hier an Handlung erwarten wird, denn die Vorgaben über alles, was die Tribute in der Arena erleben, werden Runde für Runde im Rahmen des Wettbewerbes gestellt. Ich werde aber mein Bestes geben, um hieraus eine halbwegs anständige Geschichte werden zu lassen.

Drückt mir die Daumen, dass Dakota und ich so lange wie möglich am Leben bleiben. Und wer weiß, vielleicht kann Distrikt 3 ja am Ende sogar mal wieder einen Sieger verzeichnen. :D

Liebe Grüße und möge das Glück stets mit euch sein! ;-)
Katie
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