The Lioness of the East

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
Jaime Lannister OC (Own Character) Tyrion Lannister
10.07.2019
16.09.2019
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So, ein weiteres Kapitel steht an und damit auch schon beinahe das Ende der kleinen Exposition, bevor Joanna, Jaime, Tyrion und Ned tatsächlich auch nach Westeros kommen.
Ich hoffe doch, dass ihr alle was die einzelnen Charaktere angeht soweit im Bilde seid:-)
Ich würde mich, wie ich es immer schreibe, sehr freuen, wenn ich eine kleine Rückmeldung dalassen würdet, was euch gefallen oder nicht gefallen hat (amüsanterweise ist die Geschichte nämlich leider enorm Reviewarm, obwohl ich die höchste 'Klicks per Kapitel/Upload'-Rate meiner Stories hier dafür bekomme (vielen Dank natürlich dafür!!!).

Außerdem möchte ich mich entschuldigen, falls ich in den letzten zwei Wochen nicht dazu gekommen bin hochzuladen... ich habe leider Klausuren geschrieben... die Kapitel hatte ich zwar vorgefertigt, aber das Hochladen nimmt auch mal gut und gerne 20 Minuten bis zu einer halben Stunde in Anspruch und dementsprechend hatte ich dafür leider keinen Nerv. Nochmal eine kurze Entschuldigung dafür, allerdings bin ich optimistisch, dass es ein wenig regelmäßiger weitergeht.
In diesem Sinne
Alles Liebe und ich würde mich auf Rückmeldung freuen, aber eben auch, wenn ihr einfach weiter vorbeischaut und mitlest (unter anderem, weil mir diese Geschichte hier irgendwie enorm am Herzen liegt).
Alles Liebe
Goldenbird205

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„Wie konntest du sie nur so unbewacht auf dem Pier stehen lassen! Kein Wunder, dass sich irgendwelche Assassinen auf sie stürzen, wenn du ihr niemanden zur Seite stellst!“
„Ihr hätte eine ganze Einheit zur Seite gestanden, wenn du sie nicht fortgeschickt hättest!“
„Eine Einheit von Männern, die ihr gefährlich werden können, meinst du? Eine Einheit von Männern, die noch nie eine Frau gesehen haben, außer ihr und die du darauf eingeschworen hast sie anzubeten?“
„Immer noch besser, als ihr einhändiger Vater, der so sehr auf sie fixiert ist, dass er glaubt niemand kann sie beschützen, außer ihm selbst!“
„Was ja anscheinend auch der Fall ist, wenn ich mir so ansehe, was passiert ist!“

„Sie streiten schon wieder!“, erklang eine leise Stimme neben seinem Kopf und als Ned die Augen öffnete musste er unwillkürlich lächeln.
„Joanna!“, hauchte er leise, lächelte dem strahlenden Grün ihrer Augen entgegen und konnte nur mit Mühe wiederstehen ihr eine ihrer langen, goldenen Haarsträhnen hinters Ohr zu streichen, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte.
„Was…!“
Er wollte sich aufsetzen, sank jedoch mit einem leisen Stöhnen zurück in die Kissen, die hinter seinem Rücken aufgeschichtet worden waren.
„Nicht aufstehen, Ned!“, erklang Joannas Stimme, während sie sich von ihrem Stuhl neben seinem Bett erhob und ein paar Schritte durch die große Kabine machte, die eher dem Schlafzimmer des Lords eines großen Schlosses glich, als der Kabine eines Schiffes.
Natürlich, die Lady Joanna war etwas ganz neues im Schiffsbau, das hatte Tyrion ihm erzählt.
Sie würde das schönste und modernste Schiff sein, das Westeros gesehen hatte, keine Rudergaleere mehr, sondern ein reines, mächtiges Segelschiff,  gebaut in fünf Jahren schweißtreibenster Arbeit  von unzähligen Händen, geplant von den besten Schiffsbaumeisters von Essos, die Tyrion höchst selbst zusammengerufen hatte und mit denen er in unzähligen Sitzungen, die manchmal Nachmittage, manchmal ganze Nächte oder noch länger in Anspruch genommen hatten, die Details ausgearbeitet hatte, auch wenn diese Details in erster Linie die Verzierungen betroffen hatten, die vielen Einlagen von Gold, Silber und Kostbaren Edelsteinen, von Holzschnitzarbeiten, der Bewaffnung, bis zur Farbe der Segel, alles Dinge, die kein Schiff brauchte, aber Joanna ein Strahlen in die Augen gebracht hatten.
Und allein das war, in Neds Augen, Lohn genug dafür, dass diese Vorziehungen die Arbeit von drei Jahren in Anspruch genommen hatten, nur damit die zukünftige Königin von Westeros auch auf See nicht auf den Komfort verzichten musste, den sie vom Leben auf dem Land gewohnt war.

„Ist dir übel?“
„Bitte?“
Joanna war wieder auf ihn zugetreten, eine Hand in ihrem meerblauen Kleid vergraben, in der anderen einen goldenen Kelch, der ihn jedoch kaum kümmerte, denn um ihren Hals konnte er ein Aquamarin-Collier erkennen, das ihm nur allzu bekannt vorkam.
„Papa sagt, dass einem sehr übel werden kann, wenn man das erste Mal auf dem Schiff ist! Deswegen hat der Maester mir das hier gegeben!“ Sie ließ sich mit einem sanften Lächeln, das ihre Züge ins Neds Augen engelsgleich strahlen ließ, neben ihn sinken.. „Es schmeckt scheußlich, doch wenn es mir gegen die Übelkeit geholfen hat, dann wird es dir sicher auch helfen!“
„Danke, Joanna!“, lächelte er, während er sich den Kelch an den Mund setzen ließ, obwohl er ihn auch gut selbst halten konnte.
Doch wenn Joanna es tat, Joanna, die ihn mit ihrem Engelsgleichen Gesicht anblickte, das ihm schöner schien, als all die Zeichnungen, die er in den Büchern der großen Könige von Westeros und ihrer Königinnen gesehen hatte, ließ er es gerne geschehen.

„Wie geht es dir, Joanna? Hat er dich…?“
Trotz der Schmerzen setzte Ned sich auf, versuchte Joanna genau anzusehen, hoffend keine Verbände oder blutigen Flecken auf ihrem Kleid sehen zu müssen.
„Nein, Ned!“, lächelte Joanna sanft und für einen Moment schien es ihm, als blicke sie über die Schulter auf die Tür, hinter der noch immer die erhitzte Diskussion zwischen Jaime und Tyrion darüber erklang, wer von beiden es versäumt hatte für Joannas Sicherheit zu sorgen.
„Gut, ich dachte…!“
„Papa war ja da und hat mich gerettet!“ Ein Strahlen glitt über Joannas Lippen, ein Strahlen, das Ned versuchte zu spiegeln und dennoch zu nichts weiter kam, als zu einem müden Lächeln.
„Natürlich!“, murmelte er, bemüht darum nicht allzu zerknirscht zu wirken.
Natürlich war Jaime dagewesen.
Jaime war immer da, schien immer so zu stehen, dass er innerhalb weniger Augenblicke bei Joanna sein konnte, sein Schwert in der einen Hand, die ihm geblieben war, bereit seine kostbare, kleine Tochter gegen alles Übel der Welt zu verteidigen.
Ned wusste genau, dass er sich Drachen, weißen Wanderern und ganzen Armeen entgegengestellt hätte, wenn es nur war, um Joanna zu beschützen und das hätte er auch, mit der einzigen Ausnahme, dass Joanna ihren Vater vergötterte für das, was er tat.
Ihn hingegen…

„Ich hatte Angst um dich, Ned!“, erklärte Joanna ihm sanft,  während sie tröstend eine Hand über seinen Arm gleiten ließ. "Ich verbiete dir so etwas noch einmal zu tun! Dich so in Gefahr zu bringen, obwohl Papa ihn doch viel eher hätte schlagen können!"
Normalerweise wäre Ned froh gewesen über diese Geste.
Normalerweise… wenn Joanna ihn dabei nicht mit einem Blick tiefsten Mitleides und Bedauerns ansehen würde, wie man vielleicht einen Schwerkranken ansah oder einen Hund, der von einem Fuhrwerk angefahren worden war.
„Du hättest nach Papa rufen sollen! Du weißt doch, dass er viel besser mit dem Schwert umgehen kann, als du!“
„Natürlich, Joanna!“ Ned zwang sich ein Lächeln auf die Lippen uns hob eine Hand, um Joanna eine Haarsträhne hinters Ohr zu streichen.
Er hatte sein Blut für sie vergossen.
Bedeutete das gar nichts?
„Dann wärst du jetzt nicht verletzt und hättest keine Schmerzen! Und dann wäre auch nicht unsere ganze Kutsche voller Blut!“, sie lächelte ihn sanft an, schmiegte sich für einen Moment an seine Schulter, bevor sie den Kopf wieder hob, ihn aus ihren großen, glänzenden Augen anblickte.
„Immerhin habe ich mehr gemacht, als dein seltsamer Nathanio!“, murmelte er leise.
Es war eigentlich nicht für Joannas Ohren bestimmt gewesen, doch ein tiefes Seufzen zeigte ihm, dass sie es gehört hatte.
Und ein Teil von ihm, und er wusste, dass dieser Teil nicht der war, der ihm anerzogen worden war, aber dennoch ließ er ihn gewähren, freute sich sogar darüber.
„Von Nathanio war ich wirklich enttäuscht!“, erwiderte Joanna und Ned glaubte sogar einen Hauch von Wut in ihrer Stimme mitschwingen zu hören. "Ich... ich dachte wirklich er wäre mutiger! Nach allem, was er...!"
Nicht dass es ihm zustehen würde über ihn zu urteilen, immerhin war er der jüngste Triarch, den Volantis je gesehen hatte und als solcher hatte er bestimmt noch andere Qualitäten als lediglich Verwandte, die ihm die Wahl mit genügend Gold kaufen konnte…
Doch nach den Nächten, in denen Joanna in sein Zimmer gekommen war, um sich in sein Bett fallen zu lassen,  sich an ihn zu schmiegen, als wären sie noch Kinder und dennoch nur darüber zu sprechen, was für einen Brief Nathanio ihr wieder geschrieben hatte oder welche süßen Versprechen er ihr gemacht hatte, welchen Schmuck er ihr einfach so aus dem Nichts umgehängt hatte, genoss er es beinahe zu sehen, wie der so hochgelobte Nathanio Therys innerhalb von wenigen Augenblicken nicht nur in Joannas Achtung, sondern auch in der ihres Vaters so tief gefallen war, dass er jegliche Hoffnungen auf Joannas Hand begraben konnte.
Jaime Lannister mochte seiner einzigen Tochter ergebener sein, als der devoteste Sklave von Volantis, doch nicht einmal er würde sich darauf einlassen seine Tochter an einen Mann zu geben, der nicht sofort aufsprang, um sie zu verteidigen, wenn ein bewaffneter Mann auf Joanna zueilte und drohte seinem kostbaren Mädchen etwas anzutun.


„Weißt du, er hat mir immer versprochen mich zu seiner Frau zu machen und mir ganz Volantis zu Füßen zu legen!“
Joanna seufzte leise, drehte nervös an einem der Ringe, von denen Ned sofort erkannte, dass er neu war.
Vermutlich einer, den dieser Therys seiner Joanna an den Finger gesteckt hatte, als sie an diesem Hafen gewesen waren, nur Augenblicke bevor sich dieser Feigling aus dem Staub gemacht und Joanna dem Messer irgendeines Attentäters ausgesetzt hatte.  
Er war schlicht und einfach, wenn auch mit vielen kleinen, bunten Steinchen besetzt, die im Licht, das durch das kleine Fenster hinter ihm in den Raum fiel, schimmerten.
Joanna würde sicher wissen, welche Edelsteine es waren, doch er würde sich nicht die Blöße geben so zu tun, als würde er sich für ein Geschenk ihres Verehrers interessieren.
„Er hat mir immer versprochen er würde mich zu seiner Königin machen, aber ein König beschützt seine Königin, nicht wahr? Zumindest hat er das oft genug gesagt, bei unseren Spaziergängen in seinen Gärten!“
„Ich würde dich immer beschützen, Joanna!“, erklärte Ned ernst, ihre Hand zwischen seine gelegt, auch wenn er keine Ahnung hatte woher der plötzliche Mut kam, der ihn diese Worte aussprechen ließ, ohne erröten zu müssen. „Ich würde dich immer beschützen, wenn du meine Königin wärst!“
„Ach Ned!“ Joanna lächelte ihn an und für einen Augenblick kam sie näher, so nah, dass sie ihm einen Kuss auf die Wange drücken konnte.
„Es ist furchtbar lieb von dir, dass du das sagst, doch du bist kein König! Du könntest mich gar nicht zu deiner Königin machen, selbst wenn du es wolltest!“

Ned schwieg, bis Joanna für einen Moment den Raum verließ, etwas aus ihrer eigenen Kabine holen wollte, die ein wenig neben seiner lag und über eine breite Front von Fenstern verfügte, die einen wunderbaren Blick aufs Meer gestatteten.
Er kannte die Kabine mehr als gut, wusste aus Tyrions Bauplänen, dass es eigentliche eine Kabine für einen oberkommandierenden Admiral war, der über eine ganze Flotte befehligte, für einen Kommandanten des ganzen Schiffes.
Nicht für eine Lady Joanna Lannister, für die die Kabine letztlich eingerichtet und verziert worden war, mit mehr goldenen Löwen und prächtigeren purpurnen Stoffbahnen, als, laut ihrem Vater, in ganz Casterlystein zu finden wären.
Er seufzte leise, während er sich wieder in die Kissen sinken ließ, spürte, wie Eifersucht in ihm hochkochte, als er an Joannas Worte dachte.
„Ich bin ja kein König!“, murmelte er leise, spürte, wie seine Hand sich um den Ring schloss, den er an seinem Finger trug, seit Tyrion ihn ihm zum 14. Geburtstag überreicht hatte.

Es war kein besonders eindrucksvoller Ring, schon gar nicht so eindrucksvoll, wie die, die Joanna von ihren Verehrern, allen voran diesem Therys Spross oder aus dem Schmuck ihrer Mutter bekommen hatte, doch es war ein hübscher, silberner Ring, in den dezent die Wappen der Häuser seiner Eltern eingraviert waren.
Ein silberner Wolf und ein mit Rotem Metall ausgelegter Drache in Miniatur nebeneinander.
Das war seine Familie.
Er war kein goldener Löwe mit grün schimmernden Augen, sondern ein Stark  und ein Targaryen, hatte die dunklen Haare seines Vaters und die veilchenblau glänzenden Augen seiner Mutter geerbt, auch wenn ihre Farbe mit den Jahren eher zu einem tiefen Grau-Blau geworden war.
„Jon Stark… Daenerys Targaryen!“, murmelte er leise, die Augen geschlossen.
Wenn er sich anstrengte, dann konnte er seine Eltern vor sich sehen, das immer besorgte Gesicht seines Vaters, der streng geblickt und nur selten gelächelt hatte und der dennoch einer der besten Menschen gewesen war, die es in Kingslanding gegeben hatte, das hatte Tyrion ihm immer versichert, wenn er ihm vom großen Krieg erzählt hatte, in dem sein Vater als König des Nordens an der Seite seiner Mutter gekämpft hatte.
Seine Mutter.
Daenerys.
Er lächelte, als er an sie dachte, sah ihre hellblonden Haare vor sich, mit denen er als Kind nur zu gerne gespielt hatte, wie Tyrion ihm manchmal erzählte, wenn die Abende spät wurden und Jaime und Joanna bereits zu Bett gegangen waren und wenn Tyrion bereits das ein oder andere Glas Wein getrunken hatte.
Er seufzte leise, als er an sie dachte, ihr gütiges, liebevolles Gesicht, mit dem sie auf ihn hinabgeblickt hatte, mit dem sie sieben wundervolle Jahre lang über ein Land geherrscht hatte, das langsam immer kälter und kälter geworden war.
Er konnte sich nicht mehr an die Tage erinnern, die der Revolution vorausgegangen waren und kaum mehr an die Soldaten, wie sie die Tür eingetreten hatten, hinter der sie sich versteckt gehalten hatten.
Einzig, dass er sich hinter einem schwarzen Vorhang verborgen hatte, ein schwarzer Vorhang mit dunkelroten Verzierungen, als sie sie gefunden hatten, kam ihm noch in den Sinn.
Er erinnerte sich nicht mehr daran, doch eines Abends, sie waren noch Kinder gewesen, hatte Tyrion sich dazu hinreißen lassen, ihnen zu erzählen, wie die rebellierende Bevölkerung den Roten Bergfried gestürmt hatte.
Er war schon über das sechste Glas Rotwein hinweg gewesen und der Goldene Löwe war an diesem Tag geschlossen gewesen und so hatte er nicht gewusst, wann es Zeit gewesen war aufzuhören davon zu erzählen, wie die Dorfbevölkerung sich auf den König und seine schwangere Königin gestürzt hatte.
Und da sie Kinder gewesen waren hatten sie mit großen Augen vor ihm gesessen und zugehört wie er davon erzählte wie König Jon Schnee sein Schwert gezogen hatte, seine Königin schützend gegen die Rebellen gestürmt war und gefallen war, genauso wie ihre Königsgarde und Königin Daenerys, von hinten von einem Schwert durchbohrt, als sie neben ihrem sterbenden Mann auf die Knie gefallen war.
Die Geschichte war immer plastischer geworden, je mehr Wein Tyrions Kehle hinabgeflossen war und irgendwann hatte er den Fehler gemacht einen Vergleich zu ziehen.
Irgendeine Leichenschändung, die Tyrion hinter dem Vorhang, hinter dem er sich mit ihm verborgen hatte, mitansehen müssen und an die Ned froh war sich nicht mehr erinnern zu können, hatte er mit der Behandlung Königin Cersei Lannisters nach der Kapitulation verglichen und mit einem Mal hatte Joanna geschrien und angefangen zu weinen und ihr Schluchzen hatte Jaime auf den Plan gerufen, der die beiden sofort ins Bett geschickt und seinem Bruder anschließend eine Gardinenpredigt gehalten hatte, die sich gewaschen hatte.
Währenddessen hatte Joanna sich noch immer weinend an ihn gekuschelt und er hatte das Beste getan, um sie zu beschützen und zu trösten.
Ihr zu versichern, dass all das was Tyrion erzählt hatte niemals geschehen war, auch wenn er in seinem tiefsten Inneren gewusst hatte, dass es die Wahrheit war.
Irgendwann war Jaime gekommen, hatte Joanna, die noch immer nicht schlief, in den Arm genommen und sie, nach vielen Versicherungen, dass vieles von dem was Tyrion im Rausch erzählt hatte, sich nie so zugetragen hatte und es ihrer Mama gut ging, dort wo sie jetzt war und sie ganz bestimmt nicht mehr leiden musste, mit in sein Bett genommen, wo sie sich letztlich beruhigt hatte.
Er hatte es auch ihm angeboten, vermutlich aus Mitleid mit dem verschreckten Kind, doch obwohl die Nacht ihm die schlimmsten Albträume seines Lebens bereitet hatte, hatte er abgelehnt, hatte auf Joannas Frage am nächsten Morgen, ob er denn keine Angst gehabt hatte erklärt, dass er doch ein Prinz der Targaryen Dynastie war, der Erbe des eisernen Thrones.
Und als solcher hatte er keine Angst.

Es war eine Lüge gewesen und Joanna hatte für einen ganzen Tag nicht mehr mit ihm gesprochen, bis er zugegeben hatte, dass er nicht der Erbe des Eisernen Thrones war, doch der Gedanke war nicht aus seinem Kopf gewichen.
Nicht, dass er jemals hätte König sein wollen, nicht dass er jemals die Mittel gehabt hätte seinen Thron zurückzuerobern…
Er hatte es eindeutig Tyrion und Jaime zu verdanken, dass er überhaupt noch am Leben war und ein Dach über dem Kopf und eine gewisse Bildung erfahren hatte.
Er wollte keinem Lannister seinen Thron streitig machen und er verstand, dass ein durch Rebellion gestürzter Anspruch vielleicht weniger Wert war, als Joannas, deren Mutter immerhin die Königin war, die sich das Volk selbst zurückwünschte…
Doch er kannte auch die Bücher, die Tyrion mit ihnen durchgenommen hatte, wusste, dass es genau eine Lannister Königin gegeben hatte, gegen die Reihen an Targaryen-Königen, die Westeros durch die Jahrhunderte regiert hatten und die letztlich in einer Rebellion gestürzt hatte, einer Dynastie, die kaum länger als zwei Generationen angedauert hatte.
Geendet hatte sie schließlich unter Königin Cersei Lannister, die ewige, die einzige, die wahre Königin.
Die Frau, deren Namen sowohl Jaime, als auch Joanna mit einer Verehrung aussprachen, als wäre sie die Mutter höchstpersönlich.
Er hatte das Bild von ihr in Jaimes Medaillon gesehen, er hatte die Marmorstatue auf ihrem Grab gesehen und er sah Joanna, die laut Jaime ihr vollkommenes Ebenbild war.
Eine wunderschöne Königin, geboren und aufgezogen, um über die Welt zu herrschen, so stellte er sie sich vor, so hatte er sie nach allem, was Jaime und Tyrion erzählt hatten, kennen gelernt.
Er wollte Joanna ihren Anspruch nicht streitig machen, er wollte überhaupt nichts wissen von einem eisernen Thron und einem Königreich, hatte eigentlich nie ein höheres Ziel gehabt, als vielleicht eines Tages Jaime nachzueifern, zur Stadtgarde von Volantis zu gehen und das ruhige Leben zu haben, das sich auch Jaime vermutlich erträumt hatte, bevor sein Bruder mit ihm am Strand gestanden und alles auf den Kopf gestellt hatte, indem er schwor, Joanna den Thron ihrer Mutter wiederzugeben.
Doch es waren diese Momente, in denen ihm mehr als deutlich  wurde, was er hätte haben können, wenn es anders gekommen wäre, wohinein er eigentlich geboren war.

Wäre die Rebellion nicht gekommen, dann hätte er die Namen zwei respektabler Familien gehabt, wäre sie nicht gekommen, dann wäre er heute der Erbe des Eisernen Thrones, ein Prinz, dessen Vater und Mutter Seite an Seite über ein Königreich herrschten, reich und mächtig und angesehen, beliebt beim Volk, wenn es denn in seiner Macht gelegen hätte.
So hatte er nichts.
Nichts, was er Joanna geben könnte.
Er hatte zwar einen Namen, doch der war, nach dem Sturz seiner Eltern, weniger wert, als nichts.
Er hatte kein Vermögen, abgesehen von dem, was Jaime und Tyrion ihm gaben, er hatte kein Königreich, das er Joanna zu Füßen legen konnte.
Er hatte vielleicht einen Anspruch, doch ein Mädchen wie Joanna Lannister gab sich nicht mit einem bloßen Anspruch zufrieden, das wusste er genau,  sie war klug genug hinter diese bloßen Worte zu blicken, zu sehen, ob sich dieser Anspruch auch durchsetzen ließ oder nicht.
„Sieben Königslande hätte ich haben sollen!“, murmelte er leise, schloss seine Hände um den Ring, den Nathanio Therys Joanna geschenkt hatte und der in einem unachtsamen Augenblick von ihrem Finger geglitten und auf sein Bett gefallen war.
Mit sieben Königslanden hätte er um sie werben könnte, stattdessen musste er sich gegen einen von Dreien der gewählten Herren von Volantis geschlagen geben.
„Und ihren Vater!“, schoss es ihm durch den Kopf, auch wenn er diesen Gedanken sofort wieder fallen ließ.
Jaime war immer sehr freundlich zu ihm gewesen, hatte ihn in seinem Haus aufgenommen, ihn aufgezogen und ihm all das zukommen lassen, was er auch seinem eigenen Sohn geschenkt hätte.
Natürlich hatte er nie diese vollkommene Hingabe genossen, die Jaime Joanna zukommen ließ, als einzige Tochter, sein einziges Kind, als das wundervolle Geschenk, das seine über alles geliebte Frau ihm sterbend hinterlassen hatte, doch er hatte sie auch nie gewollt.
Einerseits, weil er, trotz allem, wusste, dass Jaime nicht sein Vater war, andererseits, weil er Joanna, die ihn vom ersten Tag an da sie in seine Augen geblickt hatte, bezaubert hatte, niemals etwas hatte wegnehmen wollen.
Vielleicht auch weil sein eigener Vater auch nie so zu ihm gewesen war, wie Jaime zu Joanna.
Sein Vater hatte ihn geliebt, doch es war ihm nie leicht gewesen seine Gefühle auszudrücken, während Jaime Joanna an jedem Tag, den er in seinem Haus in Volantis verbracht hatte, behandelt hatte, als wollte er, dass sie wusste, dass er immer für sie da sein würde, sie mehr liebte als alles andere auf der Welt und niemals im Stich lassen würde.
Und sie vergalt es ihm mit Liebe, mit einer Liebe und Bewunderung für die er alles getan hätte, wenn er denn gekonnt hätte.

Doch er konnte nicht.
Denn er konnte zwar kämpfen, er konnte tanzen und Tyrion erklärte ihm in jeder Stunde, die er versuchte ihm etwas beizubringen, dass er keinesfalls dumm war, doch wann immer Joanna den Raum betrat, wann immer er den Blick ihrer strahlend grünen Augen spürte oder den sie umgebenden Duft roch, wusste er mit einem mal gar nichts mehr, ließ sich von Jaime selbst dann entwaffnen, wenn der sich Mühe gab ihn gewinnen zu lassen,  stolperte über seine eigenen Füße oder verwechselte das Wappen der Tullys von Schnellwasser mit dem der Baratheons von Sturmkap.
Er war eigentlich ein junger Mann, doch wann immer Joanna vor ihm saß neigte er dazu wieder zu dem kleinen, siebenjährigen, stammelnden Jungen zu werden, der von Tyrion in eine andere Welt gebracht worden war, weit entfernt von allem was er kannte.
Und wenn er es wagte irgendetwas zu sagen, dann waren seine Worte, abgesehen von den wenigen, denen er sich zurecht gelegt hatte, so unbedacht, dass sie falsch klangen, so falsch, dass er sich im Nachhinein jedes Mal fragen musste, wie er darauf gekommen war solch einen Unsinn zu reden, auch wenn Joanna jedes Mal mit einem Lächeln und der Ruhe einer Lady darüber hinwegsah, ihm eine Hand auf die Schulter oder den Arm legte und ihm lächelnd für das Kompliment dankte, wenn auch oft genug mit der Erinnerung, dass er für sie doch wie ein Bruder war.
Sie liebte ihn also… wie man einen Bruder liebte, einen besten Freund, einen Gefährten von Kindesbeinen an, für den man, egal was er tat, zwar immer tiefe Gefühle, aber niemals die Art von zärtlicher, romantischer Liebe empfinden würde, die er sich schon seit Jahren erhoffte und die er doch niemals wagte anzusprechen, trotz aller ermunternden Lächeln und Worte von Jaime oder Tyrion.

Ein einziges Mal hatte er es angesprochen, hatte Joanna mit unsicherer Stimme daran erinnert, dass die Targaryens zum Beispiel über Generationen hinweg Bruder und Schwester verheiratet hatten, um die Blutlinie reinzuhalten, doch das Ergebnis war ein Desaster gewesen.
Joanna hatte nur gelacht, die Haare in den Nacken geworfen und ihm erklärt, dass sie doch eine Lannister und keine Targaryen war, Tyrion hatte daraufhin laut losgelacht und dabei seinen halben Wein über den Tisch geprustet und Jaime hatte für den Rest der Mahlzeit nicht einmal mehr sein Besteck angerührt und sich, kaum dass es der Anstand erlaubt hatte sich zu entfernen, mit der schnellen Bitte an einen der Dienstboten den Wein aufzuwischen, in den Garten zurückgezogen, wo er die halbe Nacht auf einer der weißen Steinbänke gesessen und auf das Grab seiner verstorbenen Frau gestarrt hatte.
Sie hatten sich alle, ohne ein Wort darüber zu verlieren, stumm geeinigt, dass dieser Abend niemals wieder zur Sprache kommen sollten und vor allem Ned war dies Recht gewesen, der seither die Konversation beim gemeinsamen Abendessen wieder Joanna und Tyrion überlassen und nur ab und an seine Zustimmung oder Ablehnung zu der einen oder anderen Position kundgetan hatte.
Und selbst das nur äußerst ungern und in den allermeisten Fällen die Partei ergreifend, der sich Joanna oder Jaime anschlossen.
Denn die Enttäuschung in Joannas Augen, wenn er ablehnend über etwas sprach, was ihr viel bedeutete, war für ihn kaum zu ertragen.

Und doch… wenn sie über diesen Nathanio Therys sprach oder über irgendeinen anderen ihrer Verehrer, spürte er eine Wut in sich aufsteigen, die seine Wangen rötete.
„Eifersucht!“, hatte Jaime ihm eines Abends erklärt, nachdem er mit ihm trainiert hatte und sie sich gemeinsam auf eine der Bänke hatten fallen lassen, die überall im Garten standen.
„Und was tut man dagegen?“
Jaime hatte nur gelächelt und mit den Schultern gezuckt.
„Du versuchst damit zu leben, Ned! Das ist das einzige, was dir übrig bleibt, wenn sie einen anderen liebt!“
Danach hatten sie lange geschwiegen, sehr lange ihren eigenen Gedanken nachgehangen.

In dieser Nacht hatte er geträumt.
Er hatte von sich geträumt und von Joanna, doch etwas war anders gewesen.
Zunächst war es ein schöner Traum gewesen, der Traum, wie er mit Joanna an seiner Seite durch eine Stadt schritt, durch die langen, geschmückten Straßen von Kings Landing, dessen Menschen ihnen zugejubelt hatten, so weit bis sie zum Roten Bergfried kamen, wo er ihr alles zu Füßen legte, was er erobert hatte, die Krone der sieben Königslande, alle Schätze von Essos und die drei Drachen, denn er war König Aegon der Eroberer gewesen und hatte Westeros einzig für sie erobert und geeint, nur damit sie seine Königin sein konnte.
Doch als einer der Diener das scharlachrote Tuch von einem der Tabletts gehoben hatte, war er erstarrt.
Auf ihm befand sich nichts als ein Kopf, der Kopf seiner Widersacherin, der Frau, mit der er um den Eisernen Thron gekämpft hatte, mit dem er um seine Joanna hatte werben wollen und er war auf die Knie gegangen vor dem Anblick der langen, goldblonden, von Blut verklebten Locken, die wie ein Wasserfall vom Rand des Tabletts fielen, vor den großen, grünen Augen, die einfach richtungslos in den Raum starrten und ihn doch anschuldigend anzublicken schienen.
Er war zusammengesunken und hatte geweint und geschluchzt und seine Hände nach ihr ausgesteckt, nach ihren wunderschönen, ebenmäßigen Zügen, nach ihren erkalteten Lippen, nach seiner Joanna, die er in seinem wilden Gieren nach Macht umgebracht hatte, auch wenn es nur ein Traum gewesen war, eine Illusion.

Er hatte in dieser Nacht so laut geschrien, dass neben Jaime, der anscheinend immer als erster aufsprang, wenn eines seiner Kinder weinend aus einem Albtraum erwachte, und Tyrion sogar Joanna verschlafen in sein Zimmer getappt war, sich neben ihn ins Bett gelegt und ihn in den Arm genommen hatte, ihm versprochen hatte, dass alles nur ein Traum gewesen und noch immer alles gut war.
Er hatte genickt.
Hatte genickt und die Berührungen ihrer Hände genossen, die über seinen Rücken streichelten und sich irgendeine Geschichte zusammengesponnen, mit der er seinen Traum erklären konnte.
Und er hatte sich geschworen nie, niemals wieder daran zu denken, dass er mit Sieben Königslanden um Joannas Hand hätte anhalten können.

„Sieben Königslande…!“, mit einem Seufzen blickte Ned ein weiteres Mal aus dem Fenster, sah das Meer und die Küste, die sich allmählich immer weiter zu entfernen schien, eigentlich nichts mehr war als ein Streifen in der Küste, der sie verabschiedete, während sie ihrem Schicksal entgegenfuhren.
Seinem Schicksal… Joannas Schicksal…
Und was auch immer dieses Schicksal sein mochte.
Und auch wenn er ahnte, dass er in diesem Schicksal vielleicht keine große Rolle spielen würde, wenn überhaupt, wo er es doch nicht einmal schaffte in ihrer Gunst über ihren Vater zu steigen, war er doch für einen Moment froh, dass Nathanio Therys nicht einmal das von sich behaupten konnte.
Wenigstens gegen ihn hatte er sich behaupten können, auch wenn er streng genommen nicht einmal gegen ihn gekämpft hatte, wenn man bedachte, dass…

„Was hast du denn da, Ned?“ Joannas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
Joanna, die  auf ihn zukam, ein Strahlen auf ihren Lippen und in ihren Augen, das das Grün wie Seefeuer schimmern ließ.
Strahlend und glühend und gefährlich… und doch so schön, dass er mit Freuden alles was er hatte hingegeben hätte für sie.
Auch wenn er zugeben musste, dass das nicht allzu viel war und vermutlich auch niemals allzu viel sein würde.
„Nichts, Joanna!“, lächelte er für einen Moment, warf dem unschuldig in seiner Hand glitzernden Ring, der sicher ein Vermögen wert war, noch einen letzten Blick zu, bevor er ihn aus dem weit geöffneten Fenster schleuderte und zusah, wie er mit einem stummen Platschen im sanft schaukelnden Meer auftraf, durch das ihr Schiff glitt.
„Nur eine Erinnerung!“, fügte er leise hinzu, während sich Joanna neben ihm auf das Bett fallen ließ, den Kopf an seine Schulter schmiegte und begann mit ihrer leisen, melodischen Stimme aus dem Buch vorzulesen, das sie gerade zusammen lasen, während er die Bürste, die sie gebracht hatte aufnahm und begann durch ihre langen, blonden Locken zu fahren.

So machten sie es schon seit Jahren, sie las und er bürstete ihr goldenes Haar, bis es im Licht der Sonne Funkelte und Strahlte und es beruhigte ihn, dass niemand, nicht einmal Nathanio Therys, ihm diesen Rang in der nächsten Zeit ablaufen würde.
„War es eine schöne Erinnerung?“
Joanna hob für einen Moment die Hand, doch Therys Ring schien ihr nicht zu fehlen, kein wirkliches Wunder, wie es Ned durch den Kopf ging, als er die anderen sah, die sie angezogen hatte-
Ringe, die ihr Vater ihr geschenkt hatte oder ein Verehrer oder die aus dem Schmuck ihrer Mutter waren und nie konnte Joanna sich entscheiden welchen sie tragen wollte, weswegen sie, zumindest bis zur letzten Minute, bevor sie wirklich gehen mussten, meistens mit unzähligen Ringen an den Fingern durchs Haus lief und sich erst im letzten Augenblick widerwillig für den entschied, den ihr Vater ihr nannte und der einigermaßen zu ihrem Kleid passte.
Er zuckte mit den Schultern.
„Es war eine Erinnerung, die wir nicht mehr brauchen, dort wo wir hingehen, Joanna!“, erklärte er sanft und für einen Moment blickte sie ihn an, mit unsicheren, sanften Augen.
Er könnte sie küssen, wenn er wollte… wäre er mutig, könnte er sie küssen, sich einfach nach vorne beugen, eine Hand auf ihre Taille legen oder noch höher, mutiger sein, für einen Moment über die Rundung ihrer Brust unter dem leichten Stoff ihres meerblauen Kleides streicheln, sie berühren als sei er ein Windhauch, das Wasser eines warmen Bades, das vorsichtig und unschuldig…
„Papa sagt, dass Erinnerungen manchmal das einzige sind, was wir haben! Wir sollten sie nicht vergessen!“, erklärte sie ihm mit einem Lächeln und auch wenn Ned sich bemühte zu nicken und ihr Lächeln zu erwidern wusste er, dass die Magie des Augenblicks vollkommen dahin war.  
Wäre er mutig gewesen, so mutig wie Nathanio Therys vielleicht gewesen war, hätte nach ihrer Hand gegriffen oder sich nur ein wenig nach vorne gebeugt, um ihr zu zeigen…
„Glaub mir, diese Erinnerung möchte ich sehr gerne vergessen, Joanna!“, erklärte er leise, begann mit einer Hand durch ihre Haare zu streicheln, mit den Strähnen zu spielen, als wären sie Bänder aus reinem, strahlenden Gold, wertvoll und kostbar, geschmückt mit juwelenbesetzten Haarnadeln, deren elegant geschliffene Steine im Licht der Sonne funkelten.
Strahlender und kostbarer, als alle Ringe, die ein Nathanio Therys ihr jemals hätte schenken können und für einen Augenblick, einen kurzen Augenblick…

„Hat jemand dir in Volantis wehgetan, Ned? Du weißt du kannst es mir sagen, wenn dir jemand wehtut! Ich bin doch deine Schwester!“
„Ach Joanna!“, murmelte er mit einem Seufzen und wenn er auch lächelte, war es ein mehr als tragisches Lächeln, wenn er daran dachte wie gerne er Joanna doch von allem erzählt hätte.
Doch wie sollte er das, wenn er vor ihr nicht einmal ein Wort herausbrachte, geschweige denn darüber sprechen konnte, was er fühlte, wenn sie ihm auch nur einen Blick zuwarf?
„Oder du gehst zu Papa! Papa hat bisher immer eine Lösung gefunden und wenn nicht, dann hat er mich wenigstens getröstet!“, sprach Joanna weiter und Ned spürte, wie das Lächeln auf seinen Lippen langsam zusammenfiel.  
„Natürlich!“, murmelte er leise, brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, bemüht zumindest halbwegs überzeugend zu klingen, während er wieder dieses Brennen spürte.
„Ned?“
„Ja?“ Er wollte eine weitere Haarnadel aus ihrer Frisur ziehen, doch Joanna wandte sich zu ihm um, ein Strahlen in den Augen, das glücklicher nicht sein könnte und für einen Moment…
„Denkst du es gibt so jemanden in Westeros? Einen jungen Lord, der genauso ist wie Papa?“
Sie lächelte ihn an, strahlte ihn an, mit Glück und Hoffnung und der Erwartung unbändiger Liebe in den Augen.
Wie hätte er da den Kopf schütteln können, ihr eine Lüge erzählen können, eine fromme, gnädige Lüge; die ihm nicht das Gefühl gab, sie würde ihm das Herz zerreißen?
„Joanna…!“, setzte er an, musste schlucken, den Kopf wieder heben, in ihre Augen sehen, das wundervolle Schimmern, gegen das selbst Smaragde stumpf schienen, für einen Moment. "Weißt du, ich... muss dir noch etwas anderes sagen! Nathanio... als wir in einem der Gärten spazieren waren, er... nun... er war mutig!", Joanna lächelte verträumt, ein Lächeln, das Ned beinahe bereuen ließ nicht einfach weiter über einen potentiellen zweiten Jaime Lannister in Westeros gesprochen zu haben. "Doch vielleicht... vielleicht war er etwas zu mutig, wenn ud verstehst was ich meine! Ich meine... es ist sicher nicht ungewöhnlich, wenn man eine Frau umwirbt und ich bin sicher man hat in Essos ganz andere Sitten, als in Westeros, doch ich weiß nicht...!"
"Was hat er getan, Joanna?" Ned setzte sich vollends auf, seinen Blick fest in Joannas beschämtes Gesicht gerichtet, das schlimmste ahnend. "Es... es war ein einziges Mal und es ist nichts passiert, was... was bleibende Schäden hinterlassen hätte, wenn du das meinst! Er sagte ich sei die Frau, die er für immer lieben würde und dass ich ihm vertrauen kann! Ich würde ohnehin bald seine Frau und da würde es bestimmt keinen Unterschied machen, ob jetzt oder in wenigen Monaten und...!"
"Joanna, was hat er getan?" Ned legte vorsichtig eine Hand auf Joannas und für einen Moment glaubte er, sie wolle zurückzucken, doch ihr Blick war fest, als er seine Augen traf.
"Nicht genug, um mir schlaflose Nächte zu bescheren, Ned!", erwiderte sie beruhigend, wenn ihr Blick auch sofort wieder in Richtung der Tür glitte. "Aber mehr als genug, dass Papa, wenn er es erfahren würde, zurück nach Volantis schwimmt, um Nathanio eigenhändig...!"
"Ich würde ihn liebend gerne dorthin begleiten, Joanna!", knurrte Ned leise, ohne es wirklich zu wollen, seine Hand um Joannas schließend.
Sie mochte ihn noch so oft zurückweisen, doch wenn es sein Schicksal war ewig nur ihr Wächter zu sein, dann beschützte er sie mit Freuden, selbst wenn er dafür nur einen schwesterlichen Kuss auf die Wange zu erwarten hatte. Und vor allem vor so einem Scheusal wie Nathanio...
"Du darfst es nicht Papa erzählen, versprichst du das Ned? Niemals darfst du es...!"

Ein Klopfen unterbrach sie, ließ ihn für einen Moment hoffen, dass es seine Misere beenden würde...
„Joanna, Liebling? Bist du hier?“
„Papa!“
Ned konnte gerade noch seine Hand aus Joannas Haaren ziehen, als sie schon aufsprang und zur Tür eilte, um sich ihrem Vater in die Arme zu werfen, kaum dass er die schwere Tür geöffnet hatte.
„Joanna, mein Mädchen!“, hörte er Jaime leise sagen, während er Joanna hochhob, zuließ, dass sie ihre Arme um seinen Hals und ihre Wange an seine legte, als sie sich an ihn schmiegte.
„Wir sprachen gerade über dich!“, erklärte Joanna ihm mit einem nervösen Lächeln, für einen Moment nicht in seine Augen blickend. "Wie mutig du uns gerettet hast!"
Ned wandte sich aus dem Fenster und hörte nicht mehr zu, hörte nicht, wie Joanna ihrem Vater dankte, dass er sie gerettet hatte und auch nicht, wie Jaime seiner Tochter erklärte, dass ihre Mädchen gerade die vielen neuen Kleider und den neuen Schmuck, den sie in Westeros tragen würde, ausgepackt hatten und ob sie sich nicht vielleicht einige Stücke ansehen wollte.
Er stand von seinem Bett auf, als Joanna ihn mit sich zog, blickte mit einem verträumten Blick in ihre Richtung, als sie mit wehenden Haaren auf den Gang eilte… und sah für einen Moment in Jaimes Gesicht, sah genau den gleichen Blick, den auch er trug, den Blick eines Mannes, der der großen Liebe seines Lebens hinterherblickte, der einzigen Frau, die er jemals lieben könnte, ganz egal wie groß und weit die Welt war oder wie viele zweifellos hübsche Mädchen sie bevölkerten.
„Cersei!“, formten Jaimes Lippen dabei, zu leise, dass jemand es hören könnte, doch Ned kannte die Bewegung, wusste dass es normalerweise dieser Name war, der über Jaimes Lippen kam, wann immer er seiner Frau hinterherblickte.
Und wusste, dass es der Name war, den Jaime flüsterte, wann immer er die Kette um seinen Hals umfasste, das Medaillon mit dem Bild der Frau, die doch Joanna so sehr glich und die dennoch tot war und Joanna am Leben.

„Joanna!“, murmelte Ned leise. „Joanna!“
Es brannte, wenn er daran dachte, dass er sie liebte und niemals haben können würde.
Es brannte so sehr, dass er beinahe verstand, warum Jaime manchmal ganze Nächte ab Grab seiner Frau zubrachte.
Und dennoch beneidete er ihn, denn seine Frau war tot und Joanna lebte und sie lächelte und strahlte ihn an und bewies ihm mit jedem Tag, dass sie auch ohne ihn glücklich sein konnte.
Dass es eine Welt für sie gab, in der er keinen Platz hatte, als den eines Bruders, allenfalls noch ihres engsten Vertrauten nach ihrem Vater.
Dass sie das Brennen nicht kannte, das ihn zu verschlingen schien, dann immer er sie mit einem anderen sah, sei es ein Freund, ein Verehrer oder ihr eigener Vater und das er dennoch nicht in Worte fassen konnte.
Worte, die Joanna so leicht von den Lippen kamen, wann immer sie mit ihrem Vater zusammen war oder mit ihrer Mutter sprach, die Jaime so leicht fielen, wann immer er Joanna gute Nacht sagte, die drei Worte, die Jaime tränenerstickt in die Dunkelheit flüsterte in den unendlich scheinenden Nächten des Todestages seiner Frau.
„Ich liebe dich, Joanna!“, flüsterte er leise, spürte die Wärme, die seinen ganzen Körper zu durchströmen schien, kaum dass er die Worte aussprach, von denen er schon so lange gewusst hatte, dass sie wahr waren, die eigentlich ein ständiger Begleiter in seinem Leben gewesen waren, ohne dass er sie jemals hatte aussprechen müssen. „Ich liebe dich!“, murmelte er noch einmal, eine Hand auf die Tür zu Joannas Kabine gelegt, in der bereits unzählige Kisten mit goldenen Beschlägen und Löwenförmigen Schlössern standen, in denen Joanna wühlte, wie ein kleines Kind.

„Ich weiß!“
Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und für einen Moment überlegte Ned, wie weit es wohl bis zum nächsten Fenster war, wie weit er wohl gehen musste, um ins Meer zu springen und nie wieder aufzutauchen, so wie der Ring, der sicher inzwischen auf dem Meeresboden ruhte.
„Ich… ich wollte nicht…!“ , setzte er an, doch Jaimes Griff verstärkte sich nur, ohne ihm wehzutun, beinahe so als wollte er ihm die Sicherheit geben, die von ihm abzufallen schien, wann immer Joanna den Raum betrat.
„Wir suchen uns nicht aus, wen wir lieben, Ned!“, erklärte Jaime ihm leise und ohne den Blick zu heben wusste Ned, dass sein Blick auf Joanna gerichtet war, sein kleines, strahlendes Mädchen.  
„Könnten wir wählen, dann würde uns das Leben einiges an Leid ersparen! Und all die Dinge, die wir für die Liebe tun!“
Ned blickte auf in Jaimes Gesicht, das Gesicht eines gealterten Mannes, erfahren in Leben und Liebe und dem Leid, das all das mit sich brachte, vom Krieg und den Entscheidungen; der Schuld und Trauer eines ganzen Lebens.
Er wollte den Mund öffnen, fragen ob er denn eine andere geliebt hätte, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre eine andere zu lieben, obwohl er doch nur in den höchsten Tönen von seiner verstorbenen Frau sprach und…

„Papa! Ned! Kommt doch her und sehr euch an, wie wundervoll das alles ist!“
„Natürlich, meine kleine Löwin!“
Jaime setzte wieder ein Lächeln auf und löste sich von ihnen, um Joanna entgegenzutreten und in die Arme zu schließen, mit ihr zusammen den Mantel zu bewundern, der wie ein Krönungsornat hinter ihr auf dem Boden schleifte.
„Ned!“ Joanna blickte ihn an, mit großen, strahlenden Augen. „Möchtest du nicht die Ehre haben, deiner Königin ihren Mantel zu schließen?“
Sie lachte, doch es war ein lautes, glockenhelles Lachen, das Lachen eines Kindes, das ihm, als ihrem Spielkameraden uneingeschränkt vertraute und das umgeben war von vollkommener Liebe und Treue in der ihr nichts Böses wiederfahren konnte.
„Natürlich, meine Königin!“
Er trat auf sie zu und seine Schritte waren leichter als zuvor.
Das Brennen war noch nicht gewichen, es war beinahe wie bei einer Wunde, die noch immer nicht ganz verheilt war, die noch immer zog….
Doch wenn Joanna ihn anlächelte, dann schien der Schmerz, wenn schon nicht ganz zu verschwinden, so zumindest zu weichen und für einen Augenblick gab es nicht mehr die Eifersucht, sondern nur noch die Wärme, die ihn daran erinnerte, wie glücklich er sich schätzen konnte, sie, trotz allen Schmerzes, trotz aller Enttäuschungen, zu lieben.


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