Sommer in Berlin

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Hertha BSC Berlin
10.07.2019
16.09.2019
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Tim setzte sich erstmal und las schnell ein paar Infos durch, die am Wochenende aufgelaufen waren. Es waren einige Dinge, die er erledigen musste, er musste nicht nur der Klempner für den alten Meier bestellen. Allerdings war das dann tatsächlich seine erste Tat. Herr Meier konnte nervig werden, wenn etwas nicht gleich erledigt wurde.

So konnte er ihm gleich den Termin mitteilen, wenn Herr Meier um halb zehn zum Einkaufen ging, danach würde er kurz zu Davie hochgehen und ihm sein Brötchen bringen.

Wie jeden Morgen war Herr Meier pünktlich, grüßte, bedankte sich für den Termin mit dem Klempner und ging seinen üblichen Weg zum Einkaufen. Tim stellte schnell das Schild auf, dass er gleich wieder da war und fuhr mit dem Lift und der Brötchentüte nach oben zu Davie.

Diesmal klingelte er nicht, sondern schloss mit seinem Universalschlüssel auf. Eigentlich ein absolutes No-Go, wenn der Mieter in der Wohnung war, aber bei Davie war das ja etwas Anderes.

Er hörte sofort, dass Davie offenbar unter der Dusche war, denn das Wasser rauschte. Es kribbelte in seinem Bauch, als er sich das bildlich vorstellte. Es war ein verführerischer Gedanke, jetzt einfach ins Bad zu gehen... Davie nackt unter der Dusche zu sehen, das Wasser, das über seine verführerische, dunkle Haut lief... Halt, nein, er musste wieder runter und arbeiten!

Also ging er brav in die Küche und legte dort die Tüte ab. Dann verließ er Davies Wohnung wieder und ging nach unten zum Desk.

Etwa zwanzig Minuten später klingelte sein Telefon. Dienstbeflissen meldete sich Tim mit Standort und Namen.

"Hey Brötchenfee", meldete sich Davie lächelnd.

"Brötchenfee, das klingt nett", erwiderte Tim das Lächeln.

"Schade, dass du nicht noch geblieben bist, bis ich aus der Dusche raus war", sagte Davie.

"Ich wäre ja zu gerne zu dir unter die Dusche gekommen", wisperte Tim.

"Dagegen hätte ich nichts gehabt."

"Mein Chef ja schon", meinte Tim. "Und deine Nachbarn auch..."

"Du bist schrecklich vernünftig."

"Ja, tut mir leid..."

Davie lachte leise. "Und wie war dein Arbeitstag bisher?"

"Ruhig. Ein paar Sachen sind am Wochenende liegen geblieben, aber die sind schon erledigt. Wirklich stressig wird’s hier ja nur selten."

"Dann ist gut. Soll ich dir nen Kaffee nach unten bringen? Oder nen Eistee?"

"Kaffee koch ich mir gleich selbst, aber deinen tollen Eistee - zu dem kann ich nicht nein sagen."

"Dann bring ich dir gleich mal einen nach unten", versprach Davie.

"Du verwöhnst mich."

"Das mach ich gern. Außerdem hast du mich gestern so verwöhnt."

"Mich doch auch. Ich wollte schon immer mal da oben essen."

"Ich meine den ganzen Tag. Sowas hat noch niemand für mich gemacht."

"Echt nicht?" Das wunderte Tim.

"Nein. Ich glaube alle denken immer, dass ein Fußballer nur was Teures und Exklusives genießen kann. Aber so ein Tag am Wasser, den man einfach nur zu zweit verbring, der ist viel schöner."

"Ich fand es auch total schön", meinte Tim.

"Dann machen wir sowas bald wieder, ja?"

"Ja, unbedingt. Ich habe da noch ein paar Ideen."

Davie lachte. "Darauf freu ich mich jetzt schon. Also, ich bin in zehn Minuten bei dir unten."

"Ich freu mich auf den Eistee. Und auf dich."

"Bis gleich", sagte Davie und legte auf.

Tim lächelte versonnen, als er ebenfalls auflegte.  Es war wirklich unfassbar, was er für ein Glück mit Davie hatte.

Sein erster Eindruck des unfreundlichen, arroganten, verwöhnten Profis hatte sich ja mal gar nicht bewahrheitet. Nein, Davie war lieb und charmant und lustig und großzügig. Er war ein Traummann. Er konnte sich so glücklich schätzen, dass er Davie gefunden hatte. Und der ihn.

Die nächsten Minuten träumte Tim so vor sich hin, bis er endlich sah wie der Aufzug erst nach oben fuhr und dann wieder nach unten kam. Das musste Davie sein. Instinktiv strahlte er, als sich langsam - viel zu langsam - die Fahrstuhltür öffnete.

Zum Glück war es wirklich Davie, der mit einem Glas Eistee sofort auf ihn zukam.

"Hey", grüßte Tim ihn glücklich.

"Hey Süßer", sagte Davie und stellte vorsichtig das Glas ab.

"Hey, mein Schatz."

Davie setzte sich und griff unter dem Tisch nach Tims Hand.

Mit einem verliebten Lächeln drückte Tim Davies Finger leicht.

"Ich habe was beim Inder bestellt", sagte Davie."Gleich ein bisschen mehr, dann haben wir heute Abend auch noch was."

"Indisch? Lecker", meinte Tim.

"Hab ich auch total Lust drauf", nickte Davie. "Und ich habe mit dem Verein telefoniert. Ich werde wohl am Donnerstag mal bei den Jungs vorbeisehen."

"Beim Training?"

"Ja, aber nur zum Zugucken und ein bisschen Rasenluft schnuppern."

"Kannst du deine Füße denn vom Ball fernhalten?"

"Weiß ich noch nicht", grinste Davie.

Tim lachte leise. "Ihr Fußballer seid da doch alle gleich, oder?"

"Oh ja, das sind wir. Berufskrankheit sozusagen."

Wieder lachte Tim.

"Aber ich fürchte Pal wird ein Auge auf mich haben, damit ich vom Ball fernbleibe."

Tim nickte leicht. "Das ist wohl auch gut so, hm?"

Davie seufzte. "Ja. Ich spür heute deutlich, dass wir gestern den ganzen Tag unterwegs waren. Obwohl wir ja eigentlich nur ein bisschen schwimmen waren. Aber ich fühl mich, als hätte ich drei Spiele in drei Tagen hinter mir."

"Das war zu viel", meinte Tim mit hörbar schlechtem Gewissen.

"Quatsch. Es war nicht zu viel. Ich muss doch langsam wieder auf die Beine kommen. Wäre es zu viel gewesen, würde ich jetzt wie Samstag im Bett liegen und mich nicht rühren."

"Na gut. Aber heute ist echt ein ruhiger Tag, und nachher fährst du hoch und legst dich hin."

"Nach dem Essen mach ich das", versprach Davie.

"Okay", nickte Tim zufrieden.

"Aber ob ich ohne dich schlafen kann", meinte Davie grinsend.

"Kleiner Süßholzraspler."

"Das war kein Süßholz, sondern die Wahrheit."

"Und was willst du in Zukunft machen, wenn du ins Hotel fährst? Mich im Koffer mitnehmen?"

Davie nickte völlig ernst. "Natürlich. Du bist klein, das sollte kein Problem werden."

"Mit wem teilst du dir eigentlich ein Zimmer? Und was sagt der dann dazu?"

"Ich bin mit Marvin in einem Zimmer. Und der hat da kein Mitspracherecht", grinste Davie.

Tm lachte. "Okay, dann verkriech ich mich in deinem Koffer, du Spinner."

"Sehr gut, dann haben wir auch das geklärt."

In diesem Moment klingelte das Telefon, und von da an hatte Tim bis zum Mittagessen recht viel zu tun - ein typischer Montag halt. Davie blieb trotzdem bei ihm sitzen, schnappte sich nur irgendwann sein Handy und surfte damit im Netz.

Schließlich kam der Inder vom Lieferdienst und brachte ihr Mittagessen. Davie hatte wirklich ordentlich zugeschlagen, aber so mussten sie sich über ihr Abendessen keine Gedanken machen.

Tim stellte das Abwesenheitsschild auf den Tresen und ging dann mit Davie nach hinten in den Pausenraum. Davie hatte hier schon den Tisch gedeckt und das Gericht aufgestellt. Auf einem Teller lag zudem frisches Naan-Brot.

"Du verwöhnst mich echt", meinte Tim und sah ihn dankbar an.

"Hoffentlich schmeckt es so gut, wie es aussieht", meinte Davie.

"Bestimmt", war Tim zuversichtlich und probierte gleich. Und war positiv überrascht. "Wow, ist das lecker."

Davie nickte zufrieden und nahm sich auch etwas von dem Essen. Sie genossen das Essen - bis auf einmal Tims Handy klingelte.

"Wer stört denn bitte bei der Mittagspause?" fragte Davie.

"Ich habe keine Mittagspause, ich muss immer erreichbar sein. Außerdem ist das privat", erklärte Tim und meldete sich.

"Hey Ole", sagte mit vollem Mund.

"Tim, hey! Isst du gerade?"

"Ja. Indisch."

"Oh, lecker! Wie kommst du dazu, sonst gibt es bei dir doch Salat oder Brot?"

Tim grinste. "Ich ess halt nicht allein."

"Oh, mit deinem Freund zusammen?"

"Ganz genau. Er ist ja noch krank, deshalb sitzen wir jetzt zusammen hier im Pausenraum und essen."

"Essen mit dem Liebsten, das ist doch schön."

"Ist es. Ein echter Luxus, den wir im Moment haben."

"Du klingst wirklich glücklich, Tim - ich glaub, so habe ich dich noch nie erlebt."

Tim sah zu Davie. "Er ist halt was Besonderes."

"Da merkt man", kommentierte Ole. In diesem Moment klingelte die kleine Glocke auf dem Tresen.

"Ach verdammt, immer alles auf einmal", brummte Tim und stand auf. "Davie übernimmst du mal?" bat und er drückte ihm das Handy in die Hand.

Der sah das Handy an, als würde es ihn gleich beißen. "Ähm", fing er an und wollte es Tim zurückgeben, aber der war schon aufgestanden.

"Na gut", murmelte Davie und hielt sich das Handy ans Ohr. "Ähm... hi?"

"Hallo? Bist du Tims Freund?", hörte er eine recht tiefe Stimme.

"Ja. Bin ich. Und du bist Ole."

"Ja, genau - ich bin Ole. Schön, dich kennenzulernen, Tims Freund."

Davie grinste schief. Eigentlich sollte er seinen Namen sagen, aber... bestimmt würde Ole dann sofort wissen mit wem er sprach. "Tim musste nach vorn. Ans Desk", sagte er stattdessen.

"Ja, das ist der Nachteil von seinem Job - aber dafür können wir uns mal kennenlernen, was?"

Davie lachte leise. "Stimmt. Ungewöhnliche Art sich kennenzulernen."

"Immerhin können wir uns so kennenlernen, ohne dass ich erfahre, wer du bist. Darauf legst du Wert, oder?"

"Ja schon. Tut mir echt leid, aber... das ist für mich alles Neuland."

"Das ist schon okay. Ich kann mir vorstellen, dass es für manche Leute nicht leicht ist. War es für Tim am Anfang auch nicht, seinen Eltern zum Beispiel von sich zu erzählen."

"Ja, denen muss ich es auch noch erzählen", murmelte Davie. "Also meinen Eltern. Tims kommen später dran."

"Mach es ganz in Ruhe, solange Tim von dir weiß..." Ole grinste, das hörte Davie sogar durchs Telefon.

"Oh, der weiß bescheid", lachte Davie. "Aber sowas von."

"Puh, dann bin ich ja beruhigt"

"Ok, Ole, dann erzähl doch mal was von dir", meinte Davie und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

"Okay... Also, ich kenn Tim schon ewig. Wir haben schon alles zusammen durchgestanden - meinen Liebeskummer, und seinen."

"Und jetzt seid ihr beide glücklich", lächelte Davie. "Das hat Tim mir doch richtig erzählt, oder?"

"Ja, ich zumindest bin total glücklich mit Melina, und Tim mit dir. Jedenfalls schwärmt er ziemlich von dir."

"Tut er das?" fragte Davie mit einem Lächeln. "Dabei müsste ich derjenige sein, der von ihm schwärmt."

Wieder hörte er Ole leise lachen. "Dann schwärmt ihr beide... und ich schwärme von Melina."

"Und was machst du sonst so, wenn du nicht von deiner Freundin schwärmst? Arbeitest du in der gleichen Branche wie Tim?" fragte Davie neugierig.

"Nein, ich bin im IT-Bereich. Ganz langweilig. Und du?"

"Im... Sportsektor", sagte Davie schief grinsend.

"Ah, okay. Ja, da ist Schwul sein in einigen Bereichen ja ziemlich verpönt."

"Ja, die Sportwelt ist da ziemlich hintendran."

"Wird auch noch. Und so lange sucht ihr euch ein paar Mitwisser, das wird schon."

"Es ist schön, dass du das so locker siehst. Du bist Tim sehr wichtig", sagte Davie. "Und... gib mir einfach ein bisschen Zeit, dann lernen wir uns auch mal persönlich kennen. Versprochen."

"Ich bin total neugierig und würde am liebsten gleich zu euch fahren, aber ich versteh dich und respektiere das.

"Danke", sagte Davie. "Außerdem bin ich im Moment eh nicht richtig fit. Ich schaff gefühlt grad mal fünf Schritte, dann bricht mir der Schweiß aus."

"Hat Tim schon erwähnt, dass es dir nicht so gut geht. Habt ihr euren Ausflug gestern dann trotzdem gemacht?"

"Ja haben wir", sagte Davie mit leuchtenden Augen. "Und es war wunderschön. Ich wohn noch nicht lange hier und kenn daher noch nicht viel hier in der Umgebung. Tim hat mir aber schon ein paar echte Highlights gezeigt."

"Sowas macht ihm total Spaß", meinte Ole. "Andere überraschen und ihnen eine Freude machen."

"Ja, das merk ich schon. Deshalb ist er wohl auch so gut in seinem Beruf."

"Ja, dabei kann er das da am Desk nur selten machen. Er wäre im Hotel schon besser aufgehoben."

"Aber wohl nur in seinem eigenen."

"Ja, davon träumt er, und ich kann ihn mir auch echt gut in einem eigenen Hotel vorstellen. Mit Hochzeitsservice, da könnte er sich echt austoben."

"Ich hoffe, dass ich ihm vielleicht irgendwie dabei helfen kann", sagte Davie.

"Im Service?", fragte Ole nach.

"Oh nein, glaub mir das will niemand", lachte Davie. "Aber erstmal will Tim ja eh seine Schule machen."

"In einem Jahr könnte er damit schon fertig sein - er ist unglaublich fleißig."

"Dann habe ich ja ein Jahr, um mir Gedanken zu machen."

"Und... wie willst du ihm helfen, wenn schon nicht im Service? Eher im Büro im Hintergrund?"

"Im Hintergrund, genau", nickte Davie. "Außerdem komm ich ganz gut rum und kann vielleicht Kontakte knüpfen, die Tim helfen könnten."

"Das wäre toll, für so ein Projekt braucht man schon Kontakte, damit man es nicht in den Sand setzt."

"Das denke ich auch", sagte Davie und sah auf. Tim lehnte in der Tür und lächelte ihn an. Davie erwiderte das Lächeln - und überlegte schnell was er in den letzten Augenblicken gesagt hatte.

"Tim ist wieder da", sagte Davie zu Ole. "Dann gebe ich dich mal zurück."

"Okay - aber ich würde auch noch weiter mit dir telefonieren."

"Machen wir bald wieder", sagte Davie. "Es war echt nett dich kennenzulernen."

"Ja, das fand ich auch. Lass dir von Tim mal eine Nummer geben, dann können wir mal in Ruhe reden."

"Mach ich", versprach Davie und reichte dann das Handy zurück an Tim.

"Hey - ich habe das Gefühl, ihr versteht euch ganz gut?"

"Ja, dein Freund ist sehr nett", sagte Ole.

"Dann hat er den Ole-Test bestanden?"

"Soweit man das nach einem Telefonat sagen kann, hat er voll bestanden. Er weiß jedenfalls echt viel über dich, für die kurze Zeit, die ihr euch erst kennt. Und das ist immer ein gutes Zeichen."

"Wir haben uns halt nicht nur durch das Bett gerollt, sondern uns auch unterhalten."

"Ja, ich sag doch: ein gutes Zeichen. John kannte bis zum Schluss doch nicht mal wirklich deinen Nachnamen."

Tim verzog das Gesicht. "Der war ja auch ein Idiot."

"Ha, endlich siehst du es ein!"

"Jetzt habe ich ja ein Gegenbeispiel."

"Dann kümmre dich mal wieder um deinen Freund. Und gib ihm meine Nummer. Dann können wir uns nochmal später unterhalten. Und ich bekomm vielleicht irgendwann mal nen Namen und muss ihn nicht immer nur Tims Freund nennen."

Tim lachte. "Ich gebe sie ihm. Und dann könnt ihr weiter über mich herziehen."

"Würden wir nie machen!"

"Nee, klar", lachte Tim. "Also, grüß Melina nachher von mir, ja?"

"Mach ich. Bis dann Tim."

"Bis dann." Tim beendete das Gespräch und legte das Handy wieder neben sich. "Jetzt hast du Ole also kennengelernt."

"Scheint ein netter Kerl zu sein", sagte Davie.

"Ja, das ist er. Sonst wären wir nicht schon so lange befreundet."

Davie lächelte und unterdrückte ein Gähnen. Es war kaum zu glauben, aber er war schon wieder völlig erschöpft.

"Ich glaub, du solltest ins Bett, hm?"

"Ich fürchte es auch", seufzte Davie.

"Dann geh mal hoch, ich arbeite hier brav weiter."

"Wenn du fertig mit arbeiten bis, kommst du gleich hoch?" fragte Davie.

"Ja, klar", versprach Tim. "Kannst du meine Tasche schon mit hochnehmen?"

Davie strahlte. "Nur zu gern."

Tim erwiderte das Strahlen. Zusammen gingen sie zum Tresen, und Tim holte seine Tasche hervor.

"Dann bis später", sagte Davie und strich kurz über Tims Hand.

Tim fühlte, wie ein zartes Kribbeln von seiner Hand in seinen Bauch zog - was war er verliebt!

Viel zu schnell ließ Davie wieder los und machte sich dann auf den Weg zum Aufzug. In einer Hand Tims Reisetasche und in der anderen die Tüte mit dem restlichen indischen Essen.

Sehnsüchtig sah Tim ihm nach - er wäre ihm zu gerne jetzt sofort gefolgt. Aber er musste arbeiten. Und Davie brauchte ein bisschen Ruhe. Gerade nach dem Ausflug gestern sollte er jetzt schlafen. Nicht, dass das mit seiner Lunge wieder schlechter wurde.

Also würde er sich jetzt wieder brav an seinen Arbeitsplatz setzen und fleißig weiterarbeiten. Ohne dabei an Davie zu denken. So setzte er sich ran, schrieb Mails, telefonierte, organisierte und nahm nebenbei immer wieder Päckchen und andere Sendungen an.

"Ähm... Tim?" hörte er plötzlich eine bekannte Stimme. Ruckartig drehte er sich um - und sah in Martins Gesicht.

"Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken."

"Schon gut... was kann ich für dich tun?"

"Ich... wollte mit dir reden."

"Okay..."

"Ich... ähm... vermutlich kannst du hier nicht kurz weg, oder?"

Tim überlegte kurz, dann nickte er. "Kurz geht das." Er stand auf und stellte sein Abwesenheitsschild auf.

"Nach draußen?" fragte Martin.

"Okay." Tim deutete auf die Tür. "Nach dir."

Martin nickte und ging vor, durch die Tür nach draußen. Tim folgte ihm, etwas zögernd, aber er würde diese Begegnung schon hinter sich bringen. Sie gingen ein kleines Stück bis zu einer Bank.

"Und?", fragte Tim, nachdem Martin erst einmal schweigend neben ihm gesessen hatte.

"Sorry, aber das ist nicht ganz so einfach", sagte Martin mit einem schiefen Lächeln.

"Das weiß ich. Ist es für mich auch nicht."

"Du hast dich nur nicht so zum Affen gemacht, wie ich."

"Ist schon okay. Ich meine... ist nicht einfach... so... die ganze Situation."

"Nein. Ich hätte doch nie gedacht, dass Davie..."

"Du... du verrätst uns nicht, oder?"

Martin seufzte. "Natürlich nicht. Ihr habt es schon schwer genug."

"Danke." Tim war nicht bewusst gewesen, dass er die Luft angehalten hatte, aber jetzt atmete er hörbar auf.

"Außerdem sitzen wir doch alle im selben Boot. Es wäre ziemlich armselig, wenn ich euch verraten würde."

"Du bist enttäuscht", murmelte Tim

"Natürlich. Aber darüber komm ich schon weg. Ich war halt nicht schnell genug."

"Ja, Davie ist dir da zuvor gekommen..."

"Kannst du Davie ausrichten, dass es mir leidtut?" bat Martin.

"Ja, natürlich. Ist einfach total kacke gelaufen, die ganze Sache."

"Morgen zum Arzt wird unser Vereinsarzt ihn begleiten", sagte Martin. "Ich dachte das wäre Davie lieber. Und mir auch."

"Das wird für uns alle besser sein", stimmte Tim zu.

Martin seufzte tief. "Ja. Wir lassen wohl besser Gras über die Sache wachsen."

"Und in ein paar Wochen lachen wir alle drüber, hm?", machte Tim aufmunternd.

"Hm, wer weiß. Du... hast nicht zufällig noch nen netten Bruder, auch schwul ist?"

Tim schüttelte den Kopf. "Sorry, keiner, von dem ich wüsste."

"Wäre auch zu schön gewesen. Na gut. Dann... werde ich dich mal weiterarbeiten lassen."

"Ich wünsch dir... dass du bald den Richtigen findest - und er dich.

"Das ist nett von dir. Und ihr beide... passt gut aufeinander auf, ja? Davie ist stur und muss manchmal zu seinem Glück gezwungen werden."

"Ich pass auf ihn auf, versprochen. Und er auf mich."

Martin lächelte leicht und stand auf. "Man sieht sich, Tim."

"Ja, man sieht sich", verabschiedete sich auch Tim, nickte ihm noch einmal kurz zu und drehte sich dann um, um zurück zum Haus zu gehen.

Es war nett von Martin gewesen, extra herzukommen um sich zu entschuldigen, und auch, um alles zu klären. Tim hatte jetzt ein viel besseres Gefühl, was Martin anging - und so würde es Davie nachher auch gehen, wenn er von dem Besuch erzählte.

Ein bisschen nachvollziehen konnte Tim die Reaktion von Martin sogar. Immerhin erwies er sich jetzt als sympathischer, ehrlicher Mann - und jemandem, der ihnen trotz der eigenen Niederlage alles Gute wünschte.