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Ich bin nicht besonders, meine Angst auch nicht, aber wir sind beide da

von Moyashi
OneshotAllgemein / P12 / Gen
10.07.2019
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Gleich ein Mal vorweg:
Ich habe keine Ahnung wie man einen Brief schreibt und werde mir auch nicht wirklich Mühe geben daraus einen zu machen. Warum sollte ich auch? Dieser Text geht in erster Linie an mich, ich habe mich nur entschieden ihm im Schutze der Anonymität des Internets zu veröffentlichen. Wenn er mir als genug als „Brief“ dient, dann ist das so.

Kommen wir also zu diesem „Brief“, bzw. dem Grund warum ich ihn überhaupt schreibe. Mir ist schon ziemlich lange bewusst, dass es diese Kategorie gibt. Auch das ich schon mal darüber nachgedacht habe hier einen Brief zu meiner Spinnenphobie zu schreiben. Das ist allerdings schon Jahre her und meiner Meinung nach hätte der „Brief“ den ich damals schreiben wollte, den Sinn verfehlt, den diese Kategorie für mich persönlich auslösen soll.
In meinen Augen soll man hier nämlich einfach mal seine Angst runter schreiben, einfach mal alles los werden, ohne sich die ganze Zeit fragen zu müssen »Brauchst du Hilfe?«
Angst zeichnet sich für mich nicht unbedingt dadurch aus vor etwas eine Phobie zu haben. Angst kann sich ganz verschieden ausdrücken. Angst ist in meinen Augen – oder besser in meiner Gefühlswelt – auch nie alleine. Meistens mischt sich meine Angst mit Zweifel, Unsicherheit, verschiedenen Gedanken und auch irgendwie mit… Mut?
Lasst mich am besten ganz von vorne anfangen…

Ich bin ein Angsthase. So, Punkt. Auch wenn man mir das ab und zu nicht ansieht, so habe ich doch mindestens ein Mal am Tag Angst vor irgendetwas. Neulich war es eine Motte in meinem Zimmer, die plötzlich aus meinem T-Shirt geflogen kam. Ein anderes Mal war es die Angst zu meiner Schule zu fahren und nach einer Schulbescheinigung zu fragen. Wieder ein anderes Mal war es als ich meinen Eltern erzählen musste, dass ich einen wichtigen Anruf verpasst habe und mich nicht traute zurück zu rufen. Da hatte ich übrigens auch Angst, dass ich von denen abgelehnt werde. Als ich meiner besten Freundin beichten musste, dass ich ihr unwissentlich durch ein Familienrezept immer wieder eine Zutat zu essen gegeben habe, die sie nicht essen darf – zu meiner Verteidigung: ich bin nie dabei wenn der Teig vorbereitet wird.
Warum ich vor so vielen Kleinigkeiten Angst habe?
Keine Ahnung. Echt, ich habe keine Ahnung.
Ich hatte eine gute Kindheit, meine Familie war immer liebevoll und meine Freunde haben immer zu mir gehalten. Das scheint ja oft der Grund zu sein warum man Angst oder so viele Zweifel und Unsicherheiten  bekommt, aber bei mir war eigentlich immer alles in Ordnung. Ich wurde nicht gemobbt in der Schule, hatte gute Noten und war das Mauerblümchen von Nebenan. Nicht auffällig und eben ziemlich unauffällig.

In den letzten Jahren und vor allem Monaten habe ich aber gemerkt, dass nicht meine Umwelt mir das Leben schwer macht, sondern ich es ganz alleine bin. Ich gehe eigentlich immer vom schlimmsten aus – sollte ich so eine ähnliche Situation schon kennen – und „zerdenke“ alles Mögliche was und vor allem wie es schief gehen könnte.
Ein Beispiel gefällig?
Ich habe gestern ein Bewerbungsgespräch gehabt. Davor war ich mit meiner Schwester Frühstücken. An sich war alles ganz normal. Als der Termin immer näher rückte wurde ich auch immer nervöser. Kennt ihr solche Leute, die einen mit ihrer Nervosität anstecken? So einer bin ich.
Meine Schwester meinte also plötzlich zu mir – eine knappe halbe Stunde bevor es los ging und wir auf dem Weg dorthin waren - »Sag mal, kann es sein das deine Nervosität sich so anfühlt als würdest du einen Kloß im Hals haben und Druck auf deinem Brustkorb?« Ich hab sie natürlich verwundert angeguckt und das bestätigt. Sie meinte dann, dass sie das gar nicht kennt, da sich ihre Nervosität ganz anders anfühlt.
Na ja, darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus. Ich wollte damit eigentlich nur anmerken, dass ich jemand bin der so stark seine Angst verspürt, dass ich anscheinend das auch auf andere übertragen kann. Mir wurde nämlich schon oft gesagt, dass ich Leute mit meiner Nervosität anstecke. So detailiert wie meine Schwester es getan hat zwar nicht aber trotzdem.
Da stand ich also nun vor dem Gebäude und meine Angst wurde immer schlimmer. Vier Jahre wollte ich schon in diesem Betrieb arbeiten. Was, wenn es mir doch nicht gefällt? Was, wenn sie mich nicht wollen? Was, wenn sie mich nicht mögen und das offen zeigen? Was, wenn mein Wohnort für sie schon ein Ausschlusskriterium ist? Was, wenn sie merken, dass das mein erstes Bewerbungsgespräch ist und ich mich anstelle wie der letzte Trottel? Was, wenn… Und so weiter und so weiter.
Meine Gedanken hören in solchen Momenten nicht auf zu kreisen. Ich laufe nur noch stocksteif durch die Gegend, kann kaum reden und habe das Gefühl nicht atmen zu können. Sobald ich diese Angst aber erst Mal überwunden habe, bin ich der ruhigste Mensch der Welt.
Laut den beiden Personen habe ich mich sehr souverän geschlagen und wir sind beide mit einem sehr positiven Gefühl aus diesem Gespräch gegangen.
Ich habe mich gefreut. Meine Familie hat sich für mich gefreut. Meine beste Freundin hat sich für mich gefreut. Meine anderen Freunde haben sich für mich gefreut.
Aber ich wäre nicht ich, wenn nicht spätestens nach vier Stunden die ersten Zweifel in mir hoch kommen.
Haben die beiden anderen Personen im zweiten Büro nicht auch gesagt das mein Wohnort ungünstig ist? Willst du da wirklich arbeiten? Deine Klassenkameradin ist von dem Betrieb ja nicht so begeistert. Sooo~ viel verdienst du dort ja auch nicht. Deine andere Klassenkameradin verdient viel mehr. Aber dort kannst du dich ja nicht mit dem Träger einigen. Verdienst du nicht dort auch unter dem Durchschnitt? Kannst du dir damit überhaupt eine eigene Wohnung und deinen Lebensunterhalt leisten? Bist du dir überhaupt sicher, dass sie dich wollen? Sie meinten doch auch, dass sie noch mindestens einen weiteren Bewerber haben. Und was ist mit dem anderen Betrieb? Die wollen dich auch kennen lernen, aber der Termin ist auch erst nach deiner Frist, ob du den Job bei Betrieb 1 möchtest. Vielleicht gefällt es dir dort besser.

So ungefähr kann man sich meine Gedanken vorstellen in diesem Moment. Es ist anstrengend und die ganze Zeit schnürt einem die Angst den Hals zu.
Ich habe es schon am Anfang von meinem Prüfungspraktikum gemerkt, als immer mehr meiner Klassenkameraden mit ihren Verträgen kamen:
Ich habe Angst vor der Zukunft.
Warum?
Keine Ahnung.
Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich jetzt vor dem stehe was viele haben, wenn sie ihre schulische Grundausbildung – Berufliche Reife, Mittlere Reife, Abi – hinter sich haben. Dieses riesen große »UND NUN?«

Schon seit ich klein bin wollte ich in meinen Beruf arbeiten. Jetzt stehe ich vor der abgeschlossenen Ausbildung und muss mich dem richtigen Arbeitsleben stellen.
Viele von meinen Klassenkameraden haben es da ziemlich einfach. Sie wissen was sie wollen und laufen freudestrahlend los.
Ich selber diesen Abschnitt von meinem Leben gerne wie einen tiefen Abgrund vor mir. Vor mir sind so viele verschiedene Brücken. Arbeitslosigkeit, neue Ausbildung, Studium, Arbeitsleben, Auslandsjahr und noch ein paar andere. Einige habe ich sofort eingerissen. Ich habe nicht vierzehn Jahre in verschiedenen Schulen/Ausbildungsstätten gehockt, nur um dann in die Arbeitslosigkeit zu gehen. Nein, danke.
Meine Klassenkameraden laufen also alle zielstrebig los, winken mir von deren Brücken aus zu. Keine der Brücken von ihnen schwankt unter ihren Füßen. Sie sind breit, stabil und zeigen ihnen sicher den Weg über diese Schlucht. Sie drohen nicht in eine Schlucht voller Unglück zu fallen.

Ich kann nicht in ihre Köpfe gucken, aber so sieht es für mich zumindest aus.

Jetzt bin ich dran einen Schritt zu gehen und ich habe Angst. Die Brücke, die ich wähle, wackelt. Ich habe sie kaum berührt und sie wackelt.
Warum wackelt meine Brücke?
Ich wollte diese Brücke doch immer gehen. Sie wackelt und ich bekomme schon bei meinem ersten Schritt Angst.
Soll ich umdrehen?
Soll ich weiter gehen?
Was soll ich tun?
Hinter mir wartet nichts mehr auf mich. Ich muss nach vorne. Die Zeit hinter mir ist weg. Viele andere Brücken sind gefallen – vertane Chancen. Noch könnte ich auf eine andere Brücke springen. Aber wofür? Für noch mehr Ungewissheit? Diese hier wackelt zwar, aber sie hält mich. Ob sie auf halbem Wege stabiler wird oder doch zusammen bricht kann ich jetzt nicht sagen. Genauso wenig wie ich sagen kann, ob die andere Brücke mich überhaupt hält. Kann ich – sollte ich auf halben Wege doch merken das meine jetzige Brücke sie zusammen bricht – immer noch zu der anderen Brücke? Oder ist sie dann schon außer Reichweite?
Und so stehe ich jetzt hier. Am Anfang einer Brücke, die für mich immer ein kleiner Traum war. Auf der anderen Seite ist Nebel. Ich sehe nur meinen Urlaub. Ein Urlaub auf dem ich mich schon ewig freue.
Aber was kommt danach?
Etwas Ungewisses.
Irgendwo dort im Nebel ist meine erste eigene Wohnung. Ich hoffe dort finde ich auch meine Katze, die ich mir gerne zulegen möchte.
Wird dort vielleicht ein Mann warten? Gott, habe ich Angst davor alleine alt zu werden.

Und nein, für jemanden, der nicht schnell in der Lage ist neue Freunde oder Bekanntschaften zu finde, ist es nicht einfach einen Mann zu finden.
Ich kann mich nicht schnell mit jemanden so gut verstehen, dass ich mir eine Beziehung vorstellen kann. Meine Güte, ich brauche oft über ein Jahr regelmäßigen Kontakt mit einer Person bevor ich sie langsam einen Freund nennen kann.
Selbst bei meiner besten Freundin, die mich schon über 10 Jahre kennt, frage ich mich heute noch oft, was sie denn bitte an mir mag. Generell habe ich oft Zweifel daran, dass mich überhaupt irgendjemand mögen könnte. Woran diese Denkweise liegt kann ich auch nicht sagen, aber in vielen Momenten frage ich mich halt wirklich warum meine Freunde mit mir befreundet sind.
Ich bin langweilig.
Ich fluche viel.
Ich rede viel von mir selbst.
Ich bin sehr leicht ablenkbar.
Ich bin teilweise echt egoistisch.
Ich teile mit einigen von ihnen nicht mal wirklich viele Interessen – mit den meisten nur eine einzige.
Ich bin laut.
Mich interessiert es nicht was andere – Fremde – von mir denken, also noch dazu auch peinlich und teilweise schamlos.
Ich habe Angst davor was andere Leute von mir denken – wenn ich ohne den Schutz meiner Freunde unterwegs bin.
Mein Humor ist komisch.
Ich habe teilweise ziemlich schnell Stimmungsschwankungen.
Ach so, und ganz wichtig:
Ich habe kein Selbstbewusstsein. Also zumindest oft nicht.
Ich sehe für meine Freunde kaum Gründe warum sie mit mir befreundet sein sollten. Aus irgendeinem Grund sind sie es doch und ich freue mich darüber, bin im Hinterkopf aber immer mit dem Gedanken »Das hält nicht ewig, irgendwann verlassen sie dich« beschäftigt.
Mittlerweile habe ich diese Gedanken akzeptiert und genieße die Zeit mit meinen Freunden einfach. Sollte die Freundschaft zerbrechen, dann ist das so. Ich kämpfe für meine Freundschaften, also kämpfe ich auch gegen diese Gedanken. Nur weil ich sie akzeptiert habe, heißt es ja schließlich nicht, dass ich sie so hinnehme.
Bei meiner besten Freundin ist das zum Glück nicht mehr so. Aber hey, wenn man Patentante wird und es als dritte Person nach ihrem Freund und ihrer Mutter erfährt, dann heißt das ja glaube ich nicht, dass sie bald abhaut und unsere Freundschaft kündigt.

So… Ich habe diesen „Brief“ nun geschrieben.
Geht es mir besser?
Ja.
Wird das so bleiben?
Wahrscheinlich nicht. So positiv kann ich nicht denken.
Tatsächlich hat mir dieser „Brief“ aber geholfen meine Angst für den Moment los zu werden. Ich hoffe wirklich, dass es so noch etwas bleibt.
Meine Entscheidung, zu welchem Betrieb ich gehen werde, wird es hoffentlich nicht allzu sehr beeinflussen. Momentan ist meine jetzige Brücke aber nicht mehr so am schwanken. Ich kann in Ruhe atmen und halte zur Sicherheit erst mal meine Hand in der Nähe der anderen Brücke. Vielleicht greife ich nach ihr, vielleicht gewinnt meine jetzige Brücke aber genug an Stabilität und ich kann sie zurück ziehen. Ich weiß es noch nicht und werde es wahrscheinlich auch erst in einem Jahr oder nicht erfahren.

Dieser „Brief“ ist durcheinander. Aber so ist auch mein Kopf. Jeder Gedanke bei mir kann schnell von einer Richtung in die andere gehen. Nicht geordnet ist auch meine Angst. Aber bei wem ist sie das schon? Würde sie in bestimmten Rhythmen kommen und gehen, könnte man sie sicher leichter ertragen und auch überwinden.
Mit diesem Text wollte ich nicht nach Aufmerksamkeit schnappen. Ihr kennt mich nicht, ich kenne euch nicht. Warum sollte ich also genau eure Aufmerksamkeit wollen? Wenn ihr den Text gelesen habt, dann vielen Dank.
Ich wollte auch nicht mit diesem Text andeuten, dass ich vielleicht psychisch ein Problem habe. Ich denke nämlich nicht, dass meine Angst so gravierend ist, ja nicht mal was Besonderes ist, weshalb ich zu einem Arzt müsste. Durch meinen stressigen Job werde ich das irgendwann mal sicher müssen, aber noch bin ich weit davon entfernt. Mir geht es den Großteil meines Tages gut.
Als ich am Anfang meinte das es kaum einen Tag gibt, an dem ich keine Angst habe oder an irgendwas von mir Zweifel, war das kein Hilferuf. Ich mache mir auch über Kleinigkeiten einen Kopf, wie bei einer großen Sache.

Ich bin noch jung.
Ich mache noch Erfahrungen.
Meine Ängste werden vielleicht schlimmer, vielleicht wachse ich auch an ihnen und sie werden weniger.
Wer weiß das schon, aber ich wollte mal so einen Text geschrieben haben.
Mich haben in letzter Zeit viele Sachen beschäftigt und es werden mich auch noch die nächsten Wochen viele Sachen beschäftigen, aber alles hier aufzuschreiben würde zu lange dauern. Eine Sache mit euch zu teilen, reicht, finde ich.
Vielleicht lösche ich diesen Text auch wieder, vielleicht vergesse ich ihn und lese in ein paar Jahren drüber und frage mich, was das alles sollte. Keine Ahnung, aber ich werde raus finden, was dieser Text mit mir machen wird. Von meinem Laptop wird er – wie alle meine Werke – aber nicht verschwinden.

Und für alle die diesen „Brief“ gelesen haben, um vielleicht eine Moral oder einen Rat zu finden:
Sorry, aber für sowas war dieser Text nie gedacht.
Ich weiß nicht wie man Ängste los wird und ich weiß auch nicht was man präventiv gegen Ängste machen kann.
Dieser „Brief“ sollte lediglich dazu dienen einfach mal alles los zu werden, was mir im Kopf rum schwirrt, in diesem Moment. Das hier ist eine Momentaufnahme meiner Gedanken, unterbrochen vom Abendessen und einem Spontanbesuch von einer Wildenten-Mutter mit ihren Küken bei unseren Enten.
Das einzige was ich weiß ist, dass ich an meiner Angst schon immer gewachsen bin. Tatsächlich bin ich nur sehr, sehr selten dank ihr auf die Schnauze geflogen. Aber das sind 0,1% der Fälle. Meine Angst treibt mich an und ich bin froh, dass ich sie teilen kann. Ob das nun mit meinem Gejaule vor wichtigen Terminen bei meiner Familie oder meinen Freunden ist oder indem ich einen Entschluss fasse, damit ich dieses ekelhafte Gefühl nicht mehr ertragen muss. Oder eben heute auch mal in diesem Text.
So, das war es. Mehr habe ich tatsächlich nicht zu sagen. Meine Angst ist im Moment verschwunden, also weiß ich auch nichts mehr zu sagen. Außer vielleicht noch das ich keine Berichtungsanfragen haben möchte. Sobald dieser Text hochgeladen wurde bleibt er mit seinen Fehlern, so wie er ist. Es ist und bleibt nämlich ein spontaner „Brief“ an meine Angst.  
Vielen Dank fürs Lesen.
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