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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
10.07.2019
02.09.2021
54
317.099
155
Alle Kapitel
453 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
02.09.2021 6.089
 
FF lügt, hier ist gar nichts abgebrochen! Ich bin nur langsam :c
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Es war noch kühler geworden, als Nero zurückkehrte. Der frostige Herbstwind hatte zugenommen, ließ die Blätter rascheln und sorgte dafür, dass alle Schüler, die am Rande der großen Wiese entlangeilten, sich stärker in ihre Jacken hineinkuschelten. Eine Horde mutigerer Teenager trotzte der Kälte noch, aber vielleicht lag das auch daran, dass sie zu vertieft in ihr Kartenspiel waren, um jetzt dem Wetter nachzugeben.

Josh hatte sich inzwischen an ein anderes Ende der Bank verzogen, als Nero sich wieder dazugesellte, und dafür hatte Jessica Anya und Keighley dazugewonnen. Sie waren wärmesuchend aneinandergerückt, um sich zu dritt über ihr Handy zu beugen und dort faszinierte Blicke auf irgendeine App zu werfen. Ihre Stimmen klangen zu ihm herüber, während er durchs Gras trottete und eigentlich doch woanders sein wollte.

„Oh Gott. Bloß nicht. Links links links-"

„Ach komm, ganz so schlimm ist er jetzt nicht. Schau mal das Bild, mit den Haaren mag ich ihn eigentlich..."

„Aber niemand hier teilt deinen komischen Geschmack, Ky", ließ Jessica verlauten, während sie zur Seite wischte. Sie zuckte im nächsten Moment zusammen, als Nero die Arme auf ihren Schultern ablegte. „Ah-! ... Nero, erschreck mich nicht so!" Ihre empörte Miene brauchte einen Moment, bis sich ein saurer Zug darunter mischte. „Das hat ja jetzt ewig gedauert."

„Ja, oder?" Nero trottete um den Tisch herum und ließ sich auf die Bank fallen. Keighley, die vielleicht ganz platonisch gehofft hatte, noch einen Windschutz dazuzugewinnen, quittierte das mit Schmollmund.

„Warum eigentlich? Was habt ihr so ewig geredet?", erkundigte Jessica sich. Sie machte sich sogar die Mühe, das Handy sinken zu lassen, um ihn ins Auge zu nehmen.

„Naja, Kapitulationsbedingungen und so. Jetzt, wo Fuckface mich im Paintball geschlagen hat, gehört ihm die Hälfte meiner Ländereien, das heißt, er darf die Schule von sieben bis zwölf Uhr unsicher machen und der Rest des Nachmittags gehört wieder uns-" Anya kicherte leise und schüttelte gleichzeitig den Kopf.

„Du bist so ein Idiot, ey. Was will er denn machen? Raucht er dann plötzlich und pöbelt andere Leute an?"

„Genau das." Nero lächelte schief.

„Dann muss er aber auch ne Lederjacke tragen, ein cooles Auto fahren, sich ein Sixpack antrainieren, seine fünf Sidebitches haben und auf dem Lehrerparkplatz Drogen dealen", wusste Keighley beizusteuern, während sie versuchte, den Kopf zu verrenken, so dass sie auch noch einen Blick aufs Handy werfen konnte. Nero, der sich still fragte, wann er das letzte Mal irgendwen – außer Zack vielleicht – in Lederjacke gesehen hatte, sparte sich eine eingehende Interpretation dieses geistigen Bildes.

„Und wenn er Leute kopfüber in die Toilette stecken will, nimmt er ne Trittleiter", ergänzte Jessica, als sie ganz versunken auf ein neues Bild zu starren schien. Auf der ganz anderen Seite der Bank schüttelte Richard den Kopf.

„Was redet ihr da drüben schon wieder für ekelhafte Dinge?"

„Echt mal." Nero bemühte sich um ein unschuldig-empörtes Augenbrauenheben. „Du hast ja wirklich schlimme Sachen im Kopf." Jessica kicherte und ließ das Handy ein letztes Mal sinken, um ihm zuzuzwinkern.

„Bei dir immer."



Ace kam es vor, als würde er auf Wolken laufen. Die Wolken waren ein wenig brüchig, und sie schienen immer wieder Möglichkeiten zum Abrutschen zu bieten, aber er ignorierte die Warnungen, die sein Kopf ihm einprügeln wollte, und beschloss stattdessen, sich in erster Linie auf sein Herzklopfen zu konzentrieren. Nicht auf... nicht auf den ganzen Rest.

Er war zur Hütte zurückgegangen, und ein Teil von ihm hatte gebetet, dass Nero folgen würde – für was auch immer, ganz genau wusste er selbst nicht, was er wollte, er wusste nur, dass sein ganzer Kopf in Sehnsucht danach zerfließen würde – aber selbstverständlich hatte sein Zimmernachbar beschlossen, lieber sozialen Verpflichtungen zu folgen.

Ace grummelte immer noch, als er sich aufs Bett fallen ließ. Doofe soziale Verpflichtungen. Niemand brauchte so etwas. Ein paar Sekunden lang starrte er den schlichten Holzschrank an, der ihm gegenüber aufragte, dann zog er die Beine aufs Bett, drehte sich zur Seite und kramte sein Handy hervor.

StrangeGuy18: >.<

Ausnahmsweise ließ man ihn nicht lange warten. Es dauerte kaum eine halbe Minute, dann war die Antwort schon da.

PARADOX: :3

PARADOX: was kann ich für dich tun

Ace grinste und wackelte sachte mit den Zehen, während seine Hände die Tastatur entlangtippten.

StrangeGuy18: Gar nichts, ich schmolle jetzt.

Es brauchte einen Moment innehalten, bis er sich trotz des Rottons auf seinen Wangen entschied, den nächsten Satz abzuschicken.

StrangeGuy18: Da macht man mir vorhin schon Versprechungen, und dann haust du einfach ab :c

PARADOX: D:

PARADOX: soziale verpflichtungen und so

StrangeGuy18: Soziale Verpflichtungen sind doof :c

PARADOX: wem sagst du das

Er wollte lächeln, und doch konnte er den Knoten in seinem Magen spüren. Den Gefahr-Knoten. Den ‚Drück auf Reset, ehe du dich zu tief verwickelst'-Knoten. Was war nur los mit ihm? Sobald er einmal alleine war, drehte sich sein Kopf und wollte versuchen, ihm tausend Gründe vorzutragen, warum er auf der Stelle von seiner Schwärmerei ablassen sollte, und dann war er einmal im selben Raum wie seine Lieblings-Nemesis, und schon war das alles wieder wie weggeblasen. Hieß das, dass Nero durch bloße Anwesenheit ganz berechtigte Sorgen weg...manipulierte? Oder hieß das, dass er selbst ein übernervöses Nervenwrack war, dass einen stabilen Anker an seiner Seite wollte, um mal fünf Minuten lang nicht durchzudrehen? Ace senkte den Kopf ins Kissen und atmete schnaubend in den Stoff hinein. Keine Antwort. Nur hundert Fragen, die er eigentlich nicht hören wollte.

StrangeGuy18: Du könntest sie abbrechen und herkommen

Ace zögerte, ehe er die Smiley-Auflistung öffnete und begann, nach einem zu suchen, der ganz locker aussah und dem Satz beiläufig wirken lassen würde, nicht verzweifelt. Er hatte gerade einen Favoriten gefunden, als die Tür zu ihrem Zimmer knallend aufschwang.

„Hey-!" Aces enthusiastische Begrüßung wollte ihm auf der Kehle ersterben. Um nicht ganz irre zu wirken, zog er das Y noch eine Weile länger, aber so, wie Devon ihn ansah, machte es das wohl nicht besser.

„Haste mit irgendwem gerechnet?"

Ace räusperte sich und drehte sein Handy albernerweise noch einmal um. „Nicht so wichtig."

„Ja, ist es echt nicht." Devon streckte sich und schien durch Aces mürrischen Gesichtsausdruck kurz aus der Fassung gebracht zu werden. „Für mich, meine ich. Aber weißte, wo Nero hin ist? Ich hab gehört, der ist vorhin mit dir weg."

„Ja, wir... eh... also, er ist jetzt wieder da. Bei den Kartenspielern, glaube ich. Draußen." Oh Gott. Wenn selbst Devon bei seinem Gestammel aufmerksam wurde, dann sollte er dringend daran arbeiten, ein wenig überzeugender rüberzubringen, wie egal ihm Neros Verbleib doch eigentlich war.

„Okaaay..." War jetzt ein guter Zeitpunkt, sich einfach umzudrehen und aus der Konversation zu verabschieden? Oder würde Ace sich dadurch nur noch verdächtiger machen? „Was habt ihr zwei eigentlich gemacht?"

„Eh..." Hilfe. Nicht rot werden. Einfach überlegen. Einfach irgendwas antworten, etwas, dass keine weiteren Fragen aufwarf, es gab doch hundert komplett unschuldige Dinge, für die man mit seinem Mobber mal eben in den Büschen verschwand-

„Dick gesuckt, was denn sonst?" Hervorragend. Ace spürte sich ungefähr hundert Mal roter werden, und in seinem Kopf begannen erneut Paniklampen zu leuchten, während Devon nur belustigt grunzte.

„Schlimm eh. Wer denn wen?"

„Na rate mal. Wer hat heute gewonnen und wer verloren?" Nero, der nonchalant ins Zimmer hineinschlenderte, sich aufs protestierend knarzende Bett warf und begann, darunter nach seiner Tasche zu tasten, sprach auch noch, als wäre das die normalste Konversationsfortführung der Welt. Ace starrte an die gegenüberliegende Zimmerecke und wollte trotz offener Zimmertür ein bisschen Angstschwitzen. Er vermied jeden Augenkontakt, der ihn unvorbereitet treffen konnte.

Devon, der solche Arten von Blödeleien eher gewohnt schien als Ace, gluckste und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Und, wie wars so?"

„Bisschen salzig... Sag mal, hast du ne Ahnung, wo meine Jacke abgeblieben ist?" Devon, der wie jeder 12jährige Junge gleichzeitig lachen und angeekelt ächzen musste, jetzt, wo es konkret um Penisse ging, brauchte einen Moment, um zum neuen Thema zu schalten.

„Eh... Keine Ahnung. Hat die nicht gestern eine von den Mädels entführt?"

„Befürchte ich auch gerade. Ich schwör zu Gott, wenn dieses Gör wieder anfängt, meine Klamotten zu stehlen-!"

„Wo wir gerade bei Quinn sind, wir wollten unsere Leute einsammeln und nach Apgar runterlaufen. Bisschen was zu Tr-..." Devon berichtigte sich mit kurzem Seitenblick zu Ace. „-also, Erfrischungen und Snacks nachholen. Das Programm heute Abend kann man sich eh sparen." Ace starrte teilnahmslos an die Decke, mit der unschuldigen Miene des Jungen, der sich beim besten Willen nicht ausmalen konnte, dass Devon von Alkohol sprach. Er war ohnehin beschäftigt damit, nicht mehr daran zu denken, was Nero vor wenigen Sekunden noch gescherzt hatte. Die Bilder, die die Worte vor seinen Augen hervorriefen, taten ihm definitiv nicht gut.

„Was fürn Programm gleich? Hatten wir heute nicht schon nen ganzen Tag voll davon?", erkundigte sich Nero, der sich endlich damit abfand, dass unter seinem Bett keine Jacke mehr zu finden war, und sich mit gerunzelter Stirn aufrichtete.

„Ah, die glauben, man müsste uns irgendwie vom Saufen abhalten, und das würde nur funktionieren, wenn wir unter Gruppenaufsicht sind und all die Spielverderber dabeihaben-"

„Wie sie nur auf sowas kommen."

„-yeah. Kann uns aber egal sein, wenn wir leider weit weg sind und den Rückweg eh frühestens um 23 Uhr oder so finden." Als wäre es in der Hütte nicht schon voll genug, schlängelte sich in diesem Moment eine grinsende Jessica ins Innere und begab sich mit wiegenden Hüften zu Neros Bett herüber. Erst, als sie dessen Blick sah, schien sie es für eine klügere Idee zu halten, sich doch lieber nur an die Wand zu lehnen.

„Braucht ihr denn noch lange?", flötete sie in die Stille hinein.

„Nee, Nero sucht nur noch seine Jacke."

„Gut so." Sie kicherte, und Ace äffte es nach. Zumindest in seinem Kopf und sehr, sehr leise. Außerhalb seines Kopfes hatte er die Beine angezogen, sich gegen die Bettwand gepresst und klickte so beschäftigt wie möglich auf seinem Handy herum. „Ich hatte schon Angst, wir zwei dürften den Rest des Abends mit unseren Lieblings-Klassenkameraden verbringen. So'n bisschen Katherine gefällig? Oder Hughie-Quentin-Wynne? Und noch n' Ace obendrauf, weil das allein ja nicht reicht?" Sie war unverfroren genug, sich kurz umzudrehen und ihm überaus breit zuzulächeln. „Natürlich nichts gegen dich." Ace sparte sich die Antwort.

Nero dagegen schien kurz zum Antworten innegehalten zu haben und fuhr sich jetzt durchs Haar. „Heh. Ja. Jetzt, wo dus erwähnst... dir ist klar, dass das meinem Kopf Fuckface auf dem Silbertablett serviert, oder? Sobald er der Hill steckt, dass ich mal eben unterwegs war, will die mir doch garantiert was reindrücken. Die hats schon auf mich abgesehen seit..." Er schwieg kurz und runzelte die Stirn. „...seit der Jose-Anhörung, so ungefähr. Oh nein, da rutscht einem einmal ausversehen die Hand aus-"

„Das war nicht aus Versehen", zischte Ace leise, der für einen Moment vergessen hatte, dass er ja eigentlich nur still und unbeteiligt war. Und Nero leiden konnte. Meistens.

„Es war quasi ausversehen! Was kann ich dafür, wenn ich das Pech habe, dass Jose so ohne Vorwarnung in den Schwungradius meines Arms reinrennt? Er hätte wenigstens vorher Bescheid sagen können." Jessica, die über Neros Klagen normalerweise wohl gelacht hätte, sah diesmal verstimmt aus.

„Ernsthaft? Du willst hierbleiben? Nur, weil du Schiss hast, dass Fuckfce sich verplappert?" Nero zuckte die Schultern.

„Hey, ich mag meine Schulakte so, wie sie ist ... Und brauch keine Heilsteintante, die überlegt, mich in pädagogische Sondermaßnahmen zu stecken."

„Na und?" Jessica gestikulierte aggressiv. „Dann sorg doch einfach dafür, dass er schweigt! Ist doch sonst auch kein Problem. Fuckface wird ja wohl wissen, was gesünder für ihn ist!" Nero hob die Brauen.

„Hey, befürworte hier bitte keine Gewalt. Das ist eine sehr anständige und christliche Hütte."

„Klar. Besonders anständig." Sie stieß gereizt Luft aus. „Aber wenn du zu feige bist – klar, wir können auch ohne dich gehen."

„Sicher könnt ihr. Hab ich je das Gegenteil behauptet?" Nero guckte dazu sehr unschuldig, was in kleinem Kontrast zu der Tatsache stand, dass es Jessicas Ärger nur anzufachen schien.

„Du bist so ein... Argh! Du gottverdammter Langweiler! Dann bleib halt hier! Niemand braucht dich!"

„Ich will mich ja ungern wiederholen, aber hab ich je das Gegente-" Neros Ausführungen wurden dadurch unterbrochen, dass Jessica auf dem Absatz kehrtmachte und die Tür schwungvoll hinter sich zuwarf. Er verzog beim Knall noch das Gesicht. „Frauen."

„Aber du willst ehrlich nicht mit?", erkundigte sich nun auch Devon, der selbst schon dabei war, seine Schuhe zuzubinden. Nero gähnte leise.

„Lass mal. Ich bin ein bisschen zu kaputt heute."

„Von was denn?!"

„Komm mal in mein Alter, dann wirst du das schon verstehen." Nero, der sich bis eben hatte zurücksacken lassen, richtete sich noch einmal auf, um seine Worte mit dem gebührenden Grinsen unterstreichen zu können.

„Spast. Drück ma' lieber die Daumen, dass wir überhaupt loskommen und nicht die Hälfte wegfällt, weil die plötzlich die Hosen voll haben, wenn die hören, dass selbst du keinen Bock auf den Ärger hast."

„Ich tu, was ich kann." Nero ließ die demonstrativ nicht gedrückten Daumen sinken, und Devon schüttelte noch einmal den Kopf, ehe er sich erhob.

„Dann bis später. Ich werd Quinn fragen, ob die sich deine Jacke gerissen hat."

„Guter Mann. Danke." Die Tür fiel zu, und Ace, der bis eben mit halbem Ohr gelauscht hatte, wurde jetzt erst bewusst, was das bedeutete. Sie waren allein.



Das Schweigen zog sich in die Länge, und Ace starrte mit klopfendem Herzen auf seinen Bildschirm, als würde es plötzlich zu viel Anstrengung kosten, Nero auch nur anzusprechen. Und obwohl er nicht mit ewigem Schweigen gerechnet hatte, kam er doch nicht um eine kleine Herzattacke herum, als die Stimme die Stille durchschnitt. „Und jetzt?" Nero klang um einiges lebendiger als vor wenigen Sekunden noch. Amüsierter.

Ace räusperte sich, als würde das die Nervosität seine Kehle herunterspülen. „Was jetzt?"

„Weiß nicht." Nero drehte sich bäuchlings aufs Bett und legte das Kinn auf übereinandergeschlagenen Armen ab. Ace fühlte sich von freundlichem Raubtierblick fixiert. „Irgendwer hatte vor einer Weile nach meiner Gesellschaft verlangt." Die Worte wurden so beiläufig gesprochen und gleichzeitig heiter, dass man nicht anders konnte, als kleine Fallstricke darin zu sehen. Zumindest sah Ace das als die einzige Erklärung, warum sie seinen Puls nach oben trieben.

„Eh... wirklich?" Blöd spielen war vermutlich die dümmstmögliche Art, dieser Situation zu begegnen, und gleichzeitig fühlte Ace sich aufgeschmissen. Er wäre gerne eine halbe Stunde vorher über diese Wendung der Ereignisse informiert worden, dann hätte er sich einen Stichpunktzettel schreiben können. Worüber sollte man reden? Was konnte er sagen? War das jetzt schon flirten? Spielten sie irgendein Spiel mit unbekannten Regeln? Und verdammt nochmal, sollte dieses Zeug nicht eigentlich einfacher werden, wenn man sich einmal gesagt hatte, dass man sich ganz gut leiden konnte?! „Warum das denn?" Sprechen mit Nervosität war wieder einmal eine winzige Unmöglichkeit. Und dabei schien es keinen Unterschied zu machen, ob die nun aus Angst herrührte oder... was auch immer es war, dass seine Finger gerade schwitzig werden ließ. Sicherlich auch Angst. Aber eine andere Sorte, mit der Ace noch nicht so vertraut war, dass er auch nur im geringsten mit ihr umzugehen wusste.

„Ich weiß nicht..." Bettknarzen. Aces Augen flackerten hin und her, als könnten selbst sie sich nicht entscheiden, ob sie nun verschämt auf seinen Bildschirm oder verschämt auf Nero starren wollten. Der schlenderte gerade näher, als würde das eine ganz harmlose Situation sein, die niemanden vor Anspannung sterben ließ. „Tatsächlich kamen wir noch nicht dazu, diesen Punkt zu erörtern..." Die Worte verhallten spielerisch, und gleichzeitig lag neben dem liebevollem Spott auch eine Rauheit in Neros Stimme, die Schweißausbrüche bescheren konnte. Ace hätte sein Leben darauf verwendet, dass der Junge ganz genau wusste, wie und zu welchem Zweck er den Ton anwendete.

„Äh. Echt?" Er wollte mutig sein und ließ den Blick kurz nach oben wandern, wo Nero die Arme gerade gegen das Bett stützte, und bereute es im selben Moment. Das half seiner Anspannung nicht weiter. Eher im Gegenteil. Ace machte sich noch ein wenig kleiner und grollte, fast verschnupft: „Du... hör auf damit."

Nero lachte leise. „Womit?"

„Ich... man! Deine Augen!"

„Ich fürchte, das wirst du mir genauer erklären müssen. Ich verstehe nicht ganz." Scheiße. Diese Stimmlagen. Rau, verspielt, honigweich im fließenden Wechsel. Ace war froh, dass er saß, denn er war sich nicht sicher, ob er sich ansonsten auf seinen weichen Beinen gehalten hätte.

„Du..." Ace riskierte noch einen Blick nach oben und stellte fest, dass sich an der Ausgangssituation noch nicht viel geändert hatte. Er räusperte sich. „...guckst, als ob du jemanden fressen wollen würdest?" Jetzt war doch ein passender Zeitpunkt für einen Witz, oder? Ace brauchte was zum Drüberlachen oder verzweifelten Kopfschütteln. Etwas, was reichte, um das angespannte Kribbeln in seinem Körper etwas erträglicher zu machen. Nero tat ihm den Gefallen nicht, sondern hob die Brauen, als würde er ernsthaft darüber sinnieren.

„Ist ja interessant... und wen oder was, glaubst du, möchte ich gerade... wie hattest du es formuliert? Auffressen?" Sein überhebliches Lächeln half nicht im Geringsten, die Wirkung der Gänsehautstimme zu verringern. Ace fühlte sich wie das Kleintier in der Falle und war nicht in der Lage zu entscheiden, ob sich das sehr spannend oder sehr gruselig anfühlte. Er entschied sich für Angriff statt Flucht.

„Du...fuck! Jessica hatte Recht! Du bist absolut furchtbar!", protestierte er und gab sein Bestes zu ignorieren, dass sein Körper sich ein klein wenig wackelpuddingartig fühlte.

„Da hat sie nicht Unrecht." Nero hatte viel zu unangebracht gute Laune dafür, dass er Ace gerade derart in Bedrängnis brachte. Zumindest, wenn man Ace nach seiner Meinung fragen würde. Was aktuell niemand vorzuhaben schien. „Und... weiter?"

„Und...!" Ace ruderte auf dem weiten Meer aller Konversationen, die er nie erwartet hatte zu führen, und auf die er grundlegend unvorbereitet war. „...Jemand sollte dir beibringen, dass das nicht okay ist." Shit. Er wollte ihn berühren. Nero an sich ziehen und nicht mehr loslassen, wieder dieses Gefühl kriegen, dass alle Anspannung und alle Zweifel in seinem Kopf einfach wegschwemmte. Und wenn er schon dabei war, vielleicht auch noch einmal kosten, nach was seine Lippen schmeckten. Vorzugweise bevor der Junge sich zum Rauchen verzog.

„Was du nicht sagst... wer sollte dieser jemand denn sein, deiner Meinung nach?"

„Eh..." Himmel. Ace hob den Kopf noch einmal, setzte eine grimmig-schmollende Miene auf und versuchte dann mit möglichst wenig Vorwarnung nach Neros Shirtkragen zu packen. Was er nicht eingeplant hatte, war, dass der sich einfach mitzerren ließ und sich mit den Unterarmen kurz über Ace abstützte. Sie waren sich nah genug, dass er Neros Atem auf den Lippen spüren konnte.

Sein Kopf raste. Wieder einmal. Zieh ihn näher, sagte ein Teil. Flucht, sagte ein anderer, und der war größer, geboren aus vielen Jahren, in denen das die beste Option gewesen war. Aus Mangel an körperlichen Fluchtoptionen versuchte Ace verbal zu entkommen. „Du riechst nach Rauch", grummelte er nur und rümpfte die Nase, als wäre das Schlimmes. Als würde es ihn gerade auch nur im geringsten interessieren. Er traute sich immer noch nicht ganz, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen, aber die Lippen waren auch okay. Neros Mundwinkel zuckten.

„Stimmt."

„Sag nicht einfach stimmt! Du musst das schlimm finden, und dann müssen wir in eine lange Diskussion über deinen Lebensstil ausbrechen, und währenddessen gehen wir körperlich auf Abstand, und dann gehen wir verstimmt auseinander, und-" Ace stockte einen Moment, während seine Gedanken ruderten. Welchen dramatischen Twist würde Netflix an dieser Stelle einbauen? Eine fremde Person, die einer von ihnen betrunken in der Bar abschleppte, in die er sich zum Frusttrinken verzogen hatte?

„Du redest ganz schön viel Scheiße, Zwerg." Aces Gedanken kehrten ins Hier und Jetzt zurück, wenn auch nur, um sich kurz beleidigt zu fühlen.

„Sagt derjenige, der gerade eben noch gejammert hat, er kann nicht trinken gehen, weil der böse Ace ihn sonst verpetzt."

„Hey, ich kann nichts dafür, dass die kleine Nervensäge immer noch nicht aus meinem Zimmer verschwunden ist. Der weigert sich einfach, mit den Lehrern zu reden."

„Schlimm, nicht wahr? Kein Wunder, dass den keiner leiden kann." Ace stellte fest, dass ihn das herumalbern erleichterte. Oder seinen Puls zumindest nicht mehr auf 180 brachte, so wie das, was auch immer Nero zuvor mit seiner Stimme gemacht hatte. „Jessica hat Recht, du musst dem dringend mal wieder ne Lektion erteilen." Dass das die falsche Gesprächsrichtung sein mochte – albern oder nicht – wurde ihm bewusst, als er das kurze Funkeln in Neros Augen sah, ehe der Ace Hand auch schon wegdrückte und sich zentimeternah über ihn schob.

„Vielleicht hat sie ja Recht." Und schon war die verhängnisvolle Tonlage wieder da. Als ob sie nicht schlimm genug gewesen wäre, als Nero noch nicht in sein Ohr gehaucht hatte. „Was meinst du... ist eine Lektion notwendig? Vielleicht braucht der wirklich mal jemanden, der ihn ein wenig übers Knie legt, wenn er zu frech wird?" Aces Kopf reagierte ganz vorbildlich mit Entsetzen. Der Rest seines Körpers reagierte mit etwas, was so ziemlich das Gegenteil von Entsetzen war, und er drehte den Kopf zur Seite, als hätte Nero seine Regung nicht schon längst gespürt. Er hörte erneutes Lachen. Fuck fuck fuck fuck-! „Aww... wenn du nicht bald widersprichst, dann muss ich davon ausgehen, dass du derselben Meinung bist?"

Das mit der Stimme war unfair. Und das sie Aces Denkprozesse lähmte, genauso. Er wollte gerne mit seinem Kopf entscheiden, aber stattdessen war das einzige, was sich zu Wort meldete, sein-

Wieder das Türenknallen. Er spürte, wie sich Neros Gewicht noch im selben Moment von ihm entfernte, und ließ die Arme vorsichtshalber vor seinem Gesicht verschränkt, nur für den Fall, dass er sich gleich nochmal irgendwo lebendig begraben lassen musste.

„Ich glaub, ich spinne." Die erboste Mädchenstimme zwang Ace dazu, doch vorsichtig zwischen seinen Armen durchzublinzeln. Vermutlich war sein Gehirn zu geschockt, um Panik zu spüren, denn zumindest seine Gedanken reagierten relativ nüchtern auf den Umstand, dass Katherine plötzlich am Zimmereingang stand. „Nero! Gehst du wohl sofort da weg?!"

„Häh? Wieso?" Neros aufgesetzte Perplexität hätte ihn vermutlich zum Lachen gereizt, aber dazu war die Situation gerade zu nah an der Schwelle zum Desaster. Ace wollte gar nichts, außer weg.

„Wieso? Wieso?!" Das Mädchen plusterte sich noch ein wenig mehr auf. „Vielleicht, weil ich deinen Hintern höchstpersönlich vor den Direktor schleifen werde, wenn ich höre, dass du ihn bedroht oder ihm wehgetan hast – reicht dir das für ein Wieso?!"

„Warum muss ich eigentlich nur den kleinen Finger rühren und schon glauben alle Leute, ich hätte irgendwas Böses vorgehabt?!", beschwerte sich Nero, der sich nun auch aufrichtete. Ace nahm das als Zeichen, sich selbst aufzurappeln und seine Körpermitte taktisch geschickt mit einer Decke zu verbergen. Er hatte das Gefühl, dass sein Kopf immer noch nicht ganz im Hier und Jetzt angekommen war.

„Oh, verzeih. Ich bin sicher, es gibt eine gaaanz unschuldige Begründung dafür, warum du über Ace hockst, während der aussieht, als würde er vor Angst gleich losschreien."

„So sah ich nicht aus", knurrte Ace. Vermutlich zu leise, denn beide Parteien nahmen ihn nicht zur Notiz.

„Hm? Klar, dafür gibt's tausend mögliche Gründe."

„Nenn mir einen, West!"

„... Ich hab mich runtergebeugt, weil ich ihm die Zunge in den Mund stecken wollte, aber Ace ist ein bisschen schüchtern-?"

„Hältst du Homosexualität für etwas Albernes? Etwas, worüber du deine Scherze machen musst?" Katherine schritt in bewundernswerter Missachtung von Privatsphäre weiter ins Zimmer, mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen erboster Rachegöttin und bockigem Teenager hing.

„Irgendwas sagt mir, dass meine ehrliche Antwort nicht die ist, die du hören willst...?"

„Verschwinde einfach!" Jetzt war ihre Stimme ein Fauchen. „Du solltest beten, dass Ace keinen Kratzer davongetragen hat, denn sonst bist du schneller dran, als du den nächsten homophoben Witz machen kannst!"

„Dir ist schon bewusst, dass das hier meine Hütte ist, ja?" Nero trottete schon wieder zu seinem Bett zurück, und Ace registrierte es mit ein wenig Enttäuschung. Großartig. Hätte sein Kopf nicht früher entscheiden können, dass er Nero hier haben wollte? Sie hätten eine Menge Zeit sparen können ohne... ohne das. Das, was ihn aufhielt und noch nicht einmal benannt werden wollte. Schüchternheit traf seinen Zustand schon irgendwie, aber das schien keine Ausrede dafür, dass er wohl den frustrierendsten Freund der Welt abgab, sobald es an... Körperliches ging.

Ace war schon wieder soweit in Gedanken versunken, dass er sich beinahe erschreckte, als man ihn an der Hand nahm und nach draußen geleitete. Katherine hinterließ noch ein paar böse Worte für Nero, mitsamt eines „Und glaub ja nicht, ich merks nicht, wenn du dich vor der Gruppe heute drückst, ich habe nicht die geringste Hemmung, Mrs. Hill auf dich zu hetzen!" Dann war die Tür auch schon wieder zugeschlagen und er stand im Kalten, mit einem Körper, der zumindest soweit heruntergekühlt war, dass er sich nicht mehr vor unerwünschten Reaktionen fürchten musste. Katherine rieb sich die Hände neben ihm und versuchte, ihn semi-subtil und sorgenvoll aus den Augenwinkeln anzustarren.

„...Ging es um das Spiel heute?"

„Häh?" Ace, der gerade noch geistig auf sein Bett zurückgekehrt war, versuchte vergebens, den Zusammenhang herzustellen.

„Naja, ob Nero dich verletzen wollte, weil er es nicht ertragen kann, dass irgendwer ihn in irgendwas besiegt – und wenns sowas kindisches ist wie irgendein blödes Spiel auf einer blöden Klassenfahrt-!" Bevor sie sich in ihre Erörterung hineinsteigern konnte, versuchte Ace zu verteidigen.

„Ich glaube, du hast ein falsches Bild von ihm." Zumindest in diese Richtung. Schnauben ertönte neben ihm, und Katherine schmiss ihren Zopf unwirsch auf den Rücken zurück.

„Ach ja. Und was war das dann gerade?" Oh. Warum hatte er nicht einfach zugestimmt? Ace war miserabel im Ausreden-Ausdenken!

„Ich... glaube..." Er schluckte, starrte auf die Wiese, die sich vor ihnen erstreckte, und durchsuchte seinen Geist nach überzeugenden Wortformationen. „...Er wollte einfach ein bisschen provozieren."

Vielleicht braucht der wirklich mal jemanden, der ihn ein wenig übers Knie legt? Oh. Ja. Komplette Provokation, und komplett ungerechtfertigt, und Ace würde selbst unter Eid leugnen, dass sich hinter seinen geschlossenen Lidern immer noch Bilder einer Szene abspielten, die nie stattgefunden hatte. Blöder Nero. Blöde Stimme. Blödes, verkorkstes Gehirn, dass aus absolut unangebrachten, gemeinen Sätzen absolut unangebracht aufregende Gedanken zauberte. Und überhaupt, was machte der Junge noch solche Scherze darüber? In dem Tempo würde es doch keine zwei Wochen dauern, bis man ihnen auf die Schliche kam!

„Ich glaube, er wollte uns einfach zeigen, dass in seinem behinderten Primatenhirn nichts passiert außer kindisches Alphamännchengehabe? Ja, vielen Dank, soviel konnte ich mir auch schon denken." Ace seufzte nur leise. Klar. Sicher. Das war es. Alphamännchengehabe und nichts weiter.

In der Gruppennachricht hatte etwas von zehn Minuten gestanden, aber dank organisatorischer Schwierigkeiten – die unter anderem darin bestanden, ein paar entlaufene Schützlinge auf ihrem Weg nach Apgar abzufangen und zurück zum Campingplatz zu kutschieren – hatte sich die gesamte Gruppe zwei erst nach einer halben Stunde im Spieleraum versammelt und starrte mit mehr oder minder mürrischen Mienen zu Katherine hin. Die hatte die Arme verschränkt und blickte finster, als wolle sie ein deutliches Zeichen setzen, wie lustig und freundschaftlich dieser restliche Abend ablaufen sollte.

„Es kann doch nicht so schwer sein, mal etwas zusammen zu machen!" Als darauf keine erkennbare Reaktion unter ihren trägen Mitschülern folgte, blies sie die Wangen auf. „Ihr dürft ja auch was vorschlagen?"

„Wir könnten alle zurück in unsere Hütten gehen und darüber nachdenken, wie gern wir uns doch haben. Allein. Ohne den Rest", flötete eine bissige Jessica. Katherine zuckte mit keiner Wimper.

„Abgelehnt."

Nero, der sich gegen den Tischkicker gelehnt hatte und von Jessica von der Seite bekuscheln ließ, hob die Brauen. „Vielleicht ein bisschen Kollektivsuizid? Zur Entspannung?"

„Vielen Dank, West, sehr edgy. Hat vielleicht noch jemand einen richtigen Vorschlag?" Das Schweigen um sie herum war so fest, dass Ace fast vermutete, dass Alexandra sich mehr aus Mitleid meldete und weniger, weil sie die Aufmerksamkeit der Gruppe auf sich ziehen wollte.

„Wie wärs, wenn wir irgendwas spielen? Und damit meine ich nicht Tischkicker-" Das wurde mit schärferem Ton in die Richard-Nero-Ecke gesprochen. „-denn ich denke hier schon an etwas, wo alle mitmachen können. Was haltet ihr von Flaschendrehen?"

Ace blickte sehr vorsichtig in Richtung Nero, der die Brauen gehoben hatte und zu einem sehr langen und ausführlichen ‚Nein' anzusetzen schien, aber Jessica kam ihm zuvor.

„Hey, das ist eine tolle Idee! Das letzte Mal, als ich mit einer Runde Zehnjähriger Flaschendrehen gespielt habe, muss wirklich ein paar Jahre her sein." Sie trug den Sarkasmus stellenweise so fett auf, dass Ace das Gefühl nicht ablegen konnte, sie übe noch. Klang ähnlich unbeholfen wie ein Butterbrot, dass man manchen Stellen kaum bestrichen wurde und an anderen Stellen mehrere unangenehme Zentimeter dick. Katherine rümpfte die Nase.

„Was passt dir denn jetzt schon wieder nicht?"

„Oh, ich weiß nicht..." Inzwischen hatte Jessica einen Weg gefunden, die Sarkasmusmenge gesund reguliert zu halten. „...ich kanns auch nicht verstehen. Dabei würde ich doch mit niemandem lieber spielen als mit dir und deinen ‚Rettet die Welt'-Freundinnen. Oh, und Hughie und Quentin natürlich, die sollen ja die totalen Partytiere sein." Ihr Blick schwenkte zu Ace weiter, der es vermied, die Schultern einzuziehen. „Außerdem hätte ich gedacht, dass der Gedanke dir Angst macht, dass ein anderer deinem Schatzi die Zunge in den Hals steckt."

„Meinem – was?!", erkundigte sich Katherine noch empört, während Ace aus den Augenwinkeln beobachtete, wie Nero das Handy zückte, und es ihm gleichtat.

RX_Nero: da guckt man einmal nicht hin und schon geht er einem mit katherine fremd :c

Ace verbarg sein Grinsen. Schlecht.

StrangeGuy18: Ich hab dich gewarnt, was passiert, wenn du mich ewig warten lässt!

RX_Nero: D:

RX_Nero: verhütet sie wenigstens mit biologisch abbaubaren kondomen?

RX_Nero: oder nutzt ihr nur die risikofreien löcher? :3

Die risikofreien Löcher? Was sollte das jetzt schon wieder- Oh. Ace konnte sein Gesicht zusammenfallen spüren.

StrangeGuy18: Nero Nein!

Ace wollte nicht einmal in scherzhaften Kontexten über Katherines Sexualleben nachdenken. Hatte sie überhaupt...? – vermutlich eher nicht. Er ging davon aus, dass sie zuerst eine Beziehung suchen würde, ehe man alles andere anging. Früher hätte er da zugestimmt, aber inzwischen fürchtete Ace, dass sein Fleisch um einiges schwächer als sein Geist war. Zumindest gegenüber Leuten mit unfairen Stimmen.

RX_Nero: und mittwochs macht ihr rollenspiel. sie ist die junge, unschuldige entwicklungshelferin, du bist der heiße, mysteriöse hungrige kakaobauer mit dunkler vergangenheit als guerilla-freiheitskämpfer, dessen seelische narben nur durch die reine und sanfte liebe der weißen frau geheilt werden können~

StrangeGuy18: NERO!

Er warf einen Blick zur Seite, und als er das verstohlene ‚Ich labere Scheiße und genieße deinen gequälten Blick'-Grinsen von Nero sah, wurde ihm urplötzlich warm ums Herz. So ein Vollidiot. Mein Vollidiot, zischte die Stimme in Ace. Die Tatsache, dass sie noch nicht einmal wussten, was genau da eigentlich zwischen ihnen lief, wurde getrost ignoriert.

StrangeGuy18: Außerdem ist das rassistisch!

RX_Nero: dachte, das ist der sinn von raceplay D:

StrangeGuy18: Race-was?

RX_Nero: nevermind

RX_Nero: konzentrier dich auf deine freundin

Ace nahm sich den Vorschlag zu Herzen und spitzte die Ohren, nur um es wenige Sätze später schon wieder zu bereuen. „-also entschuldige bitte, dass es hier nicht zugeht wie in deinem Freundeskreis, in der man sich bereits mit fünf Promille intus trifft, nur um dann innerhalb der nächsten halben Stunde in eine Orgie überzugehen! Jessica, ich weiß ja nicht, wann du das verlernt hast, aber manche Leute können ganz ehrlich Spaß haben, ohne dass Sex und Drogen im Spiel sind!"

„Ich hätte nichts gegen Sex und Drogen", sagte Quentin, der sich umsah, als würde er auf Lacher hoffen. Der Raum schwieg. Abgesehen von Jessica, hieß das.

„Klar. Deine Vorstellung von Spaß ist wahrscheinlich, sich im Kreis zusammenzusetzen, feministische Videos anzuschauen und dann darüber zu sprechen, warum Nagellack ne böse Erfindung irgendeiner Sekte ist, die sich alle Frauen der Welt untertan machen will. Nichts gegen dich-" Das war eine Lüge, sagte Jessicas Gesicht. Soviel konnte sogar Ace einschätzen. „-aber nur weil du eine Langweilerin bist, muss das nicht für uns alle gelten."

Alexandras Einwurf, das Patriarchat wäre keine Sekte, sondern ein jahrtausende andauerndes, ernstzunehmendes Problem, wurde überhört. Katherine war zu sehr beschäftigt damit, sich aufs Neue aufzuplustern, und auch Jessica schien in der Laune, einfach mal Zähne und Klauen in ihre Geschlechtsgenossin zu graben. Zumindest verbal. Ace überlegte noch, ob er sich einfach ein wenig weiter aus der Schusslinie begeben wollte, als Nero in die Runde meinte: „...Ihr habt das. Ich geh mal eben was zu trinken für uns holen?"

„Damit du für den Rest des Abends verschwinden kannst, oder was?!" So, wie Katherine zischte, nahm Ace sich vor, sie die nächste halbe Stunde nicht anzusprechen. Allmählich schien es, als wäre es ihr egal, in welche Richtung ihr Hass gespritzt wurde. Nero verdrehte die Augen.

„Chill, ich nehm mir Babysitter mit. Richard und... eh... wie wärs mit deinem Boyfriend?"

„Er ist nicht mein-!" Ace hörte nicht groß auf die Einwände, während er sich von seiner Wand abstieß und zur anderen Raumseite trottete. Er ließ den Kopf hängen, weil es selbstverständlich die schlimmste Vorstellung der Welt war, etwas Zeit mit Nero zu verbringen, fernab von keifenden Klassenkameraden. Restlos glücklich schien Katherine noch nicht.

„Das ist auch okay für dich, ja, Ace?"

„Hm? Ich komme schon klar." Und er blickte sie an, so unschuldig, wie es Ace möglich war. Wenn Nero nicht so geschickt wäre, eine starre Miene zu bewahren, hätte er schwören können, das Grinsen irgendwo hinter sich zu spüren.



"...Ganz ehrlich, Ace, wie hältst du es mit Katherine aus, wenn sie solche Momente hat?" Ace blinzelte, aber Richard lehnte an der Küchentheke und blinzelte derart unbedarft, dass die Frage vermutlich ernstgemeint war. Ace entschied sich für die behutsame Antwort.

"Zwischen mir und Katherine passiert gar nichts. Das ist nur ein Witz, den die anderen erzählen."

"Oh!" Dem Jungen klappte kurz der Mund auf, dann lächelte er entschuldigend. "Dann sorry dafür. Ich hatte einfach angenommen..."

"Macht doch nichts", murmelte Ace, der keinen blassen Schimmer hatte, ob es nicht doch etwas machte. "Katherine wäre aber ohnehin nicht wirklich mein Typ." Er sah kurz zur Seite, wo Nero sich ihrer Getränkebestellungen angenommen hatte, und runzelte die Stirn, als er zusah, wie der Junge einen Teil des Saftes in den Ausguss schüttete. Richard kommentierte es, bevor Ace Anstalten unternehmen könnte.

"Sag mir nicht, dass du da machst, was ich befürchte, was du machst."

"Hm?" Nero sah in Engelsunschuld auf. "Was befürchtest du denn?"

"Ich befürchte..." Richard holte kurz Luft, während er zusah, wie Nero eine sehr große Haarspray-Blechdose aus seinem Rucksack holte und aufschraubte. Ace fragte kurzzeitig, ob der Junge sie kurzerhand alle vergiften wollte, um seinen Plan vom Kollektivsuizid doch noch durchzuziehen. Aber der Geruch, der zu ihm drang, was weniger Chemie und mehr... "Nero, ist das nicht ein bisschen illegal? Die Lehrer können auch nicht ewig die Augen zudrücken."

Nero, der die Saftflasche eben noch vorbildlich mit dem Haarspraydosen-Inhalt aufgefüllt hatte, sah mit gerunzelter Stirn auf. "Du möchtest also den Rest dieses Abends viel lieber nüchtern verbringen, mit einer nüchternen Katherine und einer nüchternen Jessica, ja? Ist es das, was du mir sagst?"

"Naja, ich meine, ich will nur sagen..." Richard wand sich, offensichtlich hin- und hergerissen. Schließlich seufzte er. "Ich hab nichts gesehen."

"Guter Junge. Du könntest dich zur Tür drehen, dann siehst du noch weniger. Und wenn du schon dabei bist, sag mir Bescheid, falls jemand reinkommt."

"Was ist das eigentlich?", grätschte Ace zaghaft von der Seite rein. "Und wie viel füllst du da ein?"

"Genug. Halt dich mit dem Trinken also bitte etwas zurück, du Leichtgewicht. Wir brauchen keine komplette Eskalation." Ace murmelte eine Beschwerde, aber nur leise. Das war eine Diskussion, bei der er sich nicht sicher war, ob er sie gewinnen konnte.
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