Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
10.07.2019
23.11.2020
52
300.342
142
Alle Kapitel
433 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
22.11.2020 12.802
 
No Talky Me Angery: Öhm. Ich mache mehr als eine offensichtliche Anspielung darauf, wie wir uns kennengelernt haben…

„Acht!“

No Talky Me Angery: Uuuuund weil mir klar war, dass ich vielleicht eher in der Lage bin, zu dir durchzudringen, wenn ich dich zum Lachen bringe, hatte ich ab der fünften Minute einen Rickroll in Überlänge eingebaut

„Sieben!“

PARADOX: classy x)

„Sechs.“

No Talky Me Angery: Und wenn Icy das hört, dann wird er vermutlich denken, dass ich nicht ernstnehme, was ihm passiert ist x.x Fuck! Jetzt darf ich rätseln, wie ich ihm das erkläre…

„West, jetzt leg dein Kackhandy zur Seite, sie wird dir eh keine Nudes senden.“

PARADOX: chill, hab den link schon wieder gelöscht

„Was heißt hier ‚sie‘? Ich dachte, Kath hätte heute Morgen endgültig festgelegt, dass Penisse eher mein Ding sind?“

Richard schnaubte. „Weil du da definitiv mit einem Mädchen schreibst. Ich meine, ich bin nicht homophob, aber kein Kerl auf der Welt würde sich so lange bitten lassen, bis er Dickpics schickt.“

Nero runzelte die Stirn. „Inwiefern ist das jetzt homophob?“

„Zwei, eins!“, unterbrach sie Devon mit gehobener Stimme. „Könntet ihr zwei Fucktards euch bitte mal aufs Spiel konzentrieren?“ Sie hatten sich in eine moosbewachsene Senke verzogen, nicht weit von einem der plattgetretenen Wege, und hinter einigen Bäumen verborgen. Wenige Meter über ihren Köpfen hing ihr Gebietsurkunden-Frisbee zwischen einigen Zweigen, sichtbar genug, um ihn wiederzufinden, und trotzdem verborgen vor zufälligen Passanten. Devon hatte seine Stimme gesenkt, als er wispernd hinzufügte: „Und - gar nicht. Er hat doch gesagt, er ist nicht homophob.“ Nero war sich nicht sicher, ob er bei dieser Logik mithalten konnte.

No Talky Me Angery: *schweiß von der Stirn wisch* Thema Icy… wie geht’s dem Kleinen? :c

PARADOX: öh

Nero wollte gerade weitertippen, als er die Geräusche hörte, die sich in die typische Waldakustik mischten. Übertrieben bemühtes Flüstern, unterdrücktes Kichern und Kiesel, die gegen die herausragenden Wurzeln auf dem Waldweg prallten. „Jemand kommt“, murmelte er und presste Richard die Hand auf den Mund, ehe der die erste Silbe seines „Äh, echt jetzt“ in Zimmerlautstärke auch nur ganz ausgesprochen hatte. Der Rest wurde mürrisch in Neros Finger hineingemurmelt.

Sobald er sich sicher sein konnte, dass der Junge nicht als nächstes versuchen, lautstark vor sich hinzusingen, ließ er wieder los und nickte Richard zu. Der Junge vollendete den Blick- und Zeichenwechsel mit Devon, ehe Nero begann, gebückt an seine angedachte Position zu schleichen. So wenig es ihm gefiel, als Lockvogel herzuhalten – er war immer noch derjenige von ihnen, der im Wald am lautlosesten von einem Fleck zum nächsten kam.

Mit leichten Schritten huschte er den Baumstumpf herauf, der prominent ins Gestrüpp hereinragte und vom Weg aus noch zu erahnen war, obwohl er sich ein gutes Stück entfernt befand. Er war von hohem Gehölz und Gestrüpp umgeben, hinter dem sich mit ein wenig Fantasie alles verbergen könnte – unter anderem der Rest seines Teams.

Nero ließ sich nieder, ein Bein angewinkelt, und lauschte den Geräuschen des Grüppchens, dass sich näherte. Die meisten von ihnen hatten ihre Position im Gruppenchat bereits mitgeteilt, und wer sich so weit in ihrer Gegend herumtrieb, war entweder auf Ärger aus oder gehörte zu den Außenseiter-Gruppen.

Als er die das wandernde Grüppchen ungefähr auf seiner Höhe vermutete, wisperte er so laut, dass es vom Hauptweg aus kaum zu überhören war: „Ich weiß, dass du das für eine gute Idee hälst, aber trotzdem… Wir können nicht das ganze Spiel über auf einem Fleck hocken. Selbst wenns funktioniert, kratz ich dir unterwegs an Langeweile ab. Scheiß aufs Risiko, wir sollten jagen gehen!“ Zum Ende hin hob er die Stimme, nur für den Fall, dass ihre Wanderweg-Gruppe immer noch nicht aufmerksam geworden war, und wie auf Kommando verstummte jedes Geräusch, dass gerade noch zu ihm gedrungen war. Die Stille setzte sich fort, während Nero mit den Beinen schlenkerte und jedem Impuls widerstand, sich umzudrehen. Nach einer Pause, die sich über eine Minute zu strecken schien, hörte er Knacksen und fragte sich still, ob das von ihren Angreifern oder seinen Teamkameraden stammen mochte, die drumherum schlichen. Immer noch im Sinnbild der ahnungslosen Arglosigkeit breitete er die Arme aus. „Kannst du gerne so machen, Dev, wird dann nur Scheiße-!“ Diesmal war das Knacken von Gestrüpp und Unterholz unverkennbar, und keine Sekunde später zog sich das Klackern der Paintball-Pistolen durch den Wald. Nero hatte sich im selben Moment nach unten fallen lassen, wo ihn der Boden mit Moos und Gestrüpp empfing, und hörte das Geschimpfe erst beim Aufrappeln.

„Boah, ihr-! Ihr blöden Idioten-!“

„Wynne, es ist doch ne Falle, es ist doch ne Falle! Lauf!“ Diesmal ertönte das Geraschel links von ihm. Vermutlich hatte Branwyn sich in weiterem Bogen herumgeschlichen, um aus entgegengesetzter Seite angreifen zu können. Nero war auf den Beinen, ehe sein Gehirn sich die Mühe gemacht hatte, die Lage ganz zu entziffern, und stürmte hinterher.

Die Rufe der anderen beiden Mädchen wurden leiser hinter ihm – „Lauf! Wynne, lauf!“ und „Guck, dass du zum Startpunkt kommst kommst, bei Katherine ist immer noch-!“ – und er spürte das Grinsen, dass wie von selbst an seinen Mundwinkeln zupfte, während er durch den Wald jagte. Branwyn war weder sportlich noch eine gute Joggerin, aber das Adrenalin schien ihr genug Geschwindigkeit zu verleihen, um für kurze Zeit außer Sicht zu bleiben – was auch nicht half, solange ihre Geräuschkulisse Nero ganz von allein den Weg wies.

Er sah sie, als sie sich schon dem Weg zu nähern begann, und als das Mädchen sich mit gehetztem Blick umdrehte, erkannte sie ihn auch. Am Rande konnte Nero das leise ‚Fuckfuckfuck‘ unter ihrem Atem hören, als sie blind nach hinten feuerte, aber die Kugeln zischten so weit an ihm vorbei, dass er sich nur dann hätte treffen lassen können, wenn er direkt hineingerannt war. ‚Knall sie einfach ab‘, knurrte der rationalere Teil von ihm, und Nero schob ihn beiseite, um stattdessen die Gehirnhälfte zu konsultieren, die einen ‚Abstechen, abstechen, abstechen!‘-Freudentanz tanzte.

Als Branwyns Füße taumelnd wieder auf dem Weg aufkamen, war Nero so nah, dass er ihren fliegenden Atem hören konnte. Er machte sich nicht die Mühe, weiter aufzuholen, und stürzte sich stattdessen einfach auf sie, um das Mädchen im nächsten Satz mitzureißen. Ungefähr auf halber Bewegung fiel ihm wieder ein, warum das eine dumme Idee war. Bevor sie beide zu Boden gehen und einen Mundvoll Kiefernnadeln fressen durften, schlang sich sein anderer Arm um einen der dünneren Baumstämme, die den Weg flankierten.

Branwyn versuchte sich freizuzappeln und die Waffe gleichzeitig blindlinks in die ungefähre Höhe seiner Zielweste zu heben, um ihm doch noch einen Schuss zu verpassen. Eines von beidem hätte sie womöglich geschafft, aber die Kombination endete in einem unkoordinierten Gliedmaßenmischmasch. Nero hatte nicht einmal Mühe, ihr die Waffe aus den Fingern zu winden.

„Das sag ich Quinn!“, schimpfte das Mädchen im selben Zug erbost, während Nero nach ihrem Messer langte – sein eigenes wurde von Branwyns umherfliegenden Fäusten versperrt.

„…Was willst du der denn sagen?“

„Das ihr Freund über mich herfällt, wenn sie nicht hinguckt.“ Inzwischen schien Branwyn erkannt zu haben, dass es ihrer Lage abträglich war, in jede Richtung gleichzeitig zu zappeln, und versucht es stattdessen mit einem schlichten ‚nach unten‘. Nero verstärkte seinen Griff, ehe sie entwischen konnte.

„Ihr was? Wir sind schon seit Ende Juni nicht mehr zusammen.“

„Jaaa, weil sie das ja auch genauso sieht-“ Branwyn war zumindest anständig genug, nicht weiterzusprechen, als er das Messer an ihrer Kehle entlangzog, und stattdessen in unartikuliertes Gegurgel zu verfallen. Nero zerrte ihr das Lebens-Bändchen vom Gürtel und packte den Körper, der als Leiche plötzlich ungefähr 20 Kilo dazugewonnen zu haben schien, unter den Armen, um sie von der sichtbaren Straße fortzuzerren. Branwyn, die an ihrer Sterbeszene mehr Spaß zu haben schien als am Improvisationstheater dieses Morgens, gurgelte immer noch.

„…Du darfst jetzt übrigens aufhören zu verrecken.“

„Weißt du, wie lange es braucht, bis so ein Körper ausblutet?“, beschwerte sie sich, während Nero seine anfänglichen Bemühungen unterbrach und sich das Mädchen stattdessen über die Schulter wuchtete.

„…Weißt du es?“ Diesmal blieb seine erbeutete Leiche stumm. Auf halbem Weg kam ihnen Richard entgegen, der die Brauen hob, als er das Bündel Mensch über Neros Schulter sah.

„Hat sie noch Trefferpunkte?“ Nero sparte sich die Antwort und winkte vielsagend mit Branwyns Band. Zu seiner Überraschung fluchte der andere Junge.

„Verdammt!“ Er musste Neros verwirrten Blick bemerkt haben, denn er fügte hinzu: „Es bringt uns mehr, wenn wir sie am Leben lassen und stattdessen die Frisbees holen. Dann zählen die Stimmen aus ihrer Gruppe auf unsere drauf. Wussten wir aber auch nicht, die Durchsage kam gerade erst über YU.space.“

„Tja, eh… Pech, schätze ich? Wo ist Devon?“

„Der passt gerade auf unsere Gefangene auf. Die Leiche kannst du wieder fallen lassen, die nützt uns nichts.“

„Aber vorsichtig!“, protestierte die Leiche, ehe Nero sie zu Boden sinken ließ. „Wohin ist die Nicht-Gefangene?“, erkundigte sich Branwyn, die als untote Heimsuchung hinter beiden Jungen hertrottete.

„Guck mal auf der YU.space-Karte nach dem Camp von Katherine. Da hat ihr… eh… ‚humanistisches Friedens- und Hilfskorp‘ ein Lager für alle errichtet, und die Lehrer erlauben ihr, Getränke und Snacks an Kriegsflüchtlinge und Tote auszugeben.“

„Ui!“, sagte Branyn und blieb hinter den Jungen zurück, um ihr Handy herauszukramen. Richard wartete, bis sie außer Hörweite war, dann murmelte er: „‘Team Awesome‘ und die Teams von Jessica und Angel wollen das Lager später überrennen, aber momentan haben sie einen ziemlichen Positionsvorteil. Darum haben wir in der Kleingruppe beschlossen, den allgemeinen Waffenstillstand vorzeitig aufzuheben.“ Nero zog die Brauen zusammen.

„Die Gruppen von Lee und Hughie sind schon raus?“ Wenn, würde er sich tatsächlich ein wenig enttäuscht fühlen. Irgendwie hätte er Ace für einen geschickteren Partisanenkämpfer gehalten.

„Die von Lee wurde schon von Anfang an aufgerieben und überrannt. Wie es um Hughies steht, weiß ich nicht, aber ich glaube, nicht gut… Ethan hatte die doch auf dem Kieker.“

„Hm“, brummte Nero, während der Baumstamm in Sichtweite kam. „Warte, wer war eigentlich noch in Alex‘ Gruppe? Branwyn und…?“ Er hätte sich die Frage sparen können, im nächsten Moment hatte er Devon und seinen Schützling schon entdeckt. Brenda sah nicht allzu gefangen aus, und auch nicht wirklich verzweifelt, trotz der Farbspritzer an den Seiten ihrer Körperplane, aber als sie die beiden anderen Jungen herannahen sah, straffte sie ihre Haltung rasch und setzte eine sehr ernste Miene auf, die vermutlich sowas wie Unbehagen ausdrücken sollte. Devon lehnte neben ihr am Baumstamm und schien zu hoffen, dass die lässige Pose das unruhige Flackern in seinen Augen verdeckte. Richard war blind für beides, als er sich auf den Stamm sinken ließ.

„Und? Hat sie schon geredet? Wo ist dieses blöde Frisbeeding jetzt?“

„Bin noch beim Verhör“, brummte Devon. Es war erstaunlich, wie sehr er sich bemühte, Neros Blick auszuweichen, obwohl der nicht einmal wirklich hinsah. Stattdessen nutzte er die Pause, um Branwyns Munition in seine Waffe umzufüllen, ehe er sein Handy wieder zückte.

No Talky Me Angery: öh?

No Talky Me Angery: öh???

No Talky Me Angery: ÖH??

No Talky Me Angery: Erklär dich, verdammte scheiße q.q

Oh. Ja, vielleicht hätte er nicht an dem Punkt stoppen sollen.

PARADOX: sry, musste leute töten

PARADOX: und ehrlich, keine ahnung

PARADOX: gut, i guess?

„Was meint ihr, wenn sich der Friedenspakt eh erledigt hat, wollen wir als nächstes die Camps in unserer Nähe abgrasen? Joshua könnte gefährlich werden, aber dann wäre der wenigstens aus dem Spiel raus…“, plauderte Richard unbedarft vor sich hin, während Nero die aufploppenden Punkte am Bildschirmrand beobachtete. Jetzt, wo der Jagdtrieb abflaute, wollte die Gereiztheit wieder von ihm Besitz ergreifen. Über Aces Wohlbefinden zu rätseln machte es nicht besser.

No Talky Me Angery: du weißt es nicht?

PARADOX: ist jetzt nicht, als würden wir so viel miteinander reden wie vorher

No Talky Me Angery: Hmm

„Auf der anderen Seite hätten wir das von Aubrey, und mit der lassen sich leichter Punkte machen, aber Angel hat gesagt, dass sie auch dahin will, und wenn wir Pech haben, gibt’s Verluste im Kreuzfeuer.“

„Wann hat sie das gesagt?“, erkundigte Nero und sah für einen Moment auf. Richard zog die Stirn in Falten.

„Gute Frage, so vor… 3 Minuten?“ Letzeres wurde mit Blick auf sein eigenes Handy unterstrichen. Dann unterbrach sie ein nervöses, fiepsiges Stimmchen.

„Also, weil ich jetzt ja sowieso kein Team mehr habe… vielleicht könnte ich euch Unterstützung leisten?“ Nero zog den Mund zur Seite.

„Sorry, aber die Last bind ich mir nicht ans Bein.“ Er meinte, was er sagte, aber Devon sah so hoffnungsvoll auf, als hätte Nero gerade in blumigen Worten versprochen, er wolle einer verbotenen Liebe nicht im Weg stehen. Er entschied sich, beiläufig anzufügen: „Zur Not zieh mit Devon rum, bis ihr euren Frisbee habt, und dann geben wir euch unsere Koordinaten durch, damit die Gruppe wieder zusammenfinden kann.“ Devons glücklicher Hundeblick blieb ein glücklicher Hundeblick, und auch Brenda schien sich nicht allzu entsetzt zu fühlen bei der Aussicht. Nero sah nach unten, als sich neue Nachrichten auf seinen Bildschirm schoben.

No Talky Me Angery: Ich hab übrigens heute morgen mit ihm geschrieben, und er hat mich auf den neusten Stand gebracht. Mitsamt ‚da lief so ungefähr drei Tage lang was, und keiner hat Spidey Bescheid gesagt‘ >.<

„Also, das klingt nach einem guten – ich meine, das klingt okay, ich werde mich sowieso nach euch richten, immerhin bin ich hier in der Unterzahl. Wir machen, was Devon sagt. Ich meine, ich mache – eh… ihr müsst in der Gruppe entscheiden, wie es weitergeht.“ Nero hoffte, dass Brendas nervöses Gequassel nur Zeichen ihrer Angst war. Er würde an Devons Stelle durchdrehen, wenn jedes einzelne Gespräch mit dem Mädchen so verlaufen sollte.

…Nicht, dass er überhaupt reden sollte, wenn man seine eigenen offenen Beziehungs-Baustellen betrachtete.

PARADOX: weeeell… sorry, war abgelenkt?

No Talky Me Angery: Du hättest mir trotzdem mal erzählen können, dass du auch auf Typen stehst :c

PARADOX: hab ich erst seit neustem rausgefunden

PARADOX: und wenn ich könnte, ich würd sofort wieder anfangen, nur auf mädchen zu stehen. selbst die sind weniger kompliziert als der scheiß hier

„Das wäre wahrscheinlich am logischsten… aber dann vielleicht doch lieber Aubrey? Ich weiß nicht, ob wir Joshuas Gruppe zu zweit klein kriegen…“, gab Richard zu bedenken. Nero wog ab.

No Talky Me Angery: Sag das nicht :c Ich versuch gerade noch zu entscheiden, ob ichs dir gönne oder ob du mir ein bisschen leid tust

„Versuchen wirs mit Joshua. Solange wir den Überraschungseffekt auf unserer Seite haben, sollten wir das hinkriegen.“

PARADOX: nah

PARADOX: muss es dir nicht

PARADOX: du kennst mich, ich komm drüber hinweg

PARADOX: afk muss leute abknallen



„Ist da jemand?“ Joshuas Stimme schallte zu ihnen herüber, obwohl die Gruppe noch etliche Meter von ihnen entfernt war.

Die drei Verteidiger hatten sich in der Mitte einer freien Anhöhe zwischen den Bäumen platziert. Richard hatte anfangs noch gemurmelt, das sei doch viel zu unsicher, so könne sie jeder sehen, aber Nero konnte ihm nicht zustimmen. Die meisten Waffen, die man ihnen in die Hände gedrückt hatte, waren unzuverlässig und ihre Reichweite nichts, womit irgendwer angeben könnte. Wenn man nicht gerade sehr viel Glück hatte, sollte es unmöglich sein, das Grüppchen dort zu erwischen. Und solange man gezwungen war, zum Angriff aus dem Wald herauszutreten, würde man unweigerlich ins Visier von Joshua und seinen Kameraden geraten.

Einen Moment lang wirkten die drei auf ihrer Lichtung noch angespannt, aber als auf ihren Ruf nur Schweigen folgte, schien bei ihnen wieder Ruhe einzukehren.

Richard nahm seinen Fuß sehr leise und zaghaft von dem morschen Baumstamm, durch den er gerade eben gebrochen war, und stellte ihn genauso zaghaft auf einem geräuschloseren Flecken Wald ab. Seine Stimme war zu einem Flüstern gesenkt. „Glaubst du, sie sind noch unvorsichtig genug, dass wir wieder mit nem Trick durckommen?“ Nero saß knapp neben ihm, hatte sich hinter einem Baum geduckt und sah nur hin und wieder über die Schulter, um das Geschehen auf der Lichtung zu verfolgen.

„Ich wills ganz ehrlich nicht drauf ankommen lassen.“

„Ja, aber – Alter, jetzt leg doch mal das Handy weg!“

Nero vollführte die letzten Klicks, drückte auf Senden und grinste, als er es wieder in der Hosentasche verstaute. „Uuuund ich glaube, wir müssen das Risiko auch nicht eingehen. Gleich wird’s hier sowieso von Ablenkung nur so wimmeln. Lass uns schonmal ein bisschen zur Seite ausweichen.“ Richard machte große Augen.

„Wenn du damit… warte… hast du unsere Koordinaten durchgegeben?“

„War ein Fehlklick. In zwei Minuten lösch ichs wieder.“ Er erwiderte den Blick unschuldig, und Richard grollte unentschlossen.

„Glaubst du, darauf werden die reinfallen?“

„Selbst wenn nicht, die sind doch auch alle begierig drauf, jemanden abzuknallen. Und wenns schonmal nen Wegweiser gibt, warum nicht da vorbeischauen?“



„Lagebericht?“ Ace saß zusammengekauert und starrte angestrengt durch die Lücken, sie sich vor ihm im Holz auftaten. Die Stimmen, die unter ihm hervordrangen, wurden zur Kenntnis genommen, aber noch hielt er sich aus dem Gespräch raus – allein schon, weil er sich auf seine Aufgabe konzentrieren wollte.

Eugene sprach mit allem Ernst, die seine Rolle als kriegsverbitterter Partisanenkämpfer verlangte. Hätte Mrs. Hill die Begeisterung wahrgenommen, mit der er jetzt in seine Rolle fiel, sie würde ihn vermutlich für den Drama-Club zwangsrekrutieren wollen. „Die Night Witches haben vor wenigen Minuten die Männer und Frauen unter Kommando von General Aubrey überrannt. Unsere Quellen berichten von keinen Überlebenden.“

„Mögen sie in Frieden ruhen.“ Quentins Stimme war ein wenig gedämpft, weil er sich in Bankräuber-Manier ein Tuch um Mund und Nase gebunden hatte. Er war der Meinung, als Partisanen-Kampfgruppe gehörte sowas einfach dazu, und versuchte sein Bestes, um auch die anderen beiden davon zu überzeugen.

„Und möge der Herr ihren Seelen gnädig sein… Von der judäischen Volksfront gibt es immer noch keine Lebenszeichen. Ich glaube inzwischen, dass wir das Schlimmste befürchten müssen. Und aus unserer angedachten Zusammenarbeit mit ‚For a better tomorrow‘ wird auch nichts mehr. Die sind in einen Hinterhalt geraten, und die letzte Überlebende befindet sich in Gefangenschaft.“ Quentin fluchte von unten, und auch Ace fühlte sich ein wenig verstimmt. Wie kam es, dass die Leute, die ihnen nicht gänzlich negativ gegenüberstanden, schon zu Beginn alle wegstarben wie Fliegen?

Er rutschte noch einmal in bequemere Position, und das Holz knarrte unter ihm. Der Hochsitz, den die drei Jungen gefunden hatten, sah eher aus wie eine Hobbyarbeit und war so brüchig, dass einzelne Stufen bereits beim Hinaufklettern zur Seite krachten. Schließlich hatte man sich darauf geeinigt, dass Ace als Leichtgewicht in ihrer Gruppe oben Platz neben solle, und die anderen beiden Jungen verbargen sich im Gestrüpp darunter.

„Zu den Neuigkeiten … Das pazifistische Friedens- und Hilfskorp hat uns nochmal angeschrieben und nach einer Kooperation gefragt. Sie hoffen immer noch, Stimmen für eine Petition zu sammeln, mit der man die Lehrer bitten will, diesem Spiel ein Ende zu bereiten, weil es … eh… ‚gewaltverherrlichend‘ ist, die‘ falsche Art von Verhalten unter den Schülern belohnt‘, die ‚Täter zu Siegern macht‘ und ‚Traumata der vergangenen Schulwochen nur verstärkt, statt bei der Verarbeitung zu helfen‘-“

„Nein“, sagte Quentin entschieden, und Ace fügte im selben Moment hinzu: „Abgelehnt.“

„…Damit scheinen sie gerechnet zu haben. Sie sagen auch, sie suchen immer noch Leute, die die Krankenlager vor terroristischen Anschlägen bewachen. Ihre Anführerin scheint besonders angetan von Private Phantom, und, eh, lässt ihm ausrichten, dass er uns mitteilen soll, dass sie eigentlich gar nicht so schlimm ist, wie alle sagen, und nicht vorhat, veganes Essen über einen diktatorischen Beschluss durchzudrücken. Private Phantom?“

„Ich sage, wir trauen ihr nicht, solange sie nicht alle Karten auf den Tisch gelegt hat“, murmelte Ace, der die Waffe kontinuierlich im Anschlag hielt. „Ich würde gerne an die Existenz einer Friedenszone glauben, aber nicht, solange ich keine Bilder aus unabhängigen Kriegsberichtsquellen gesehen habe.“

„Gute Ansage, Private. Auch wenn ich fürchte, dass wir bald keine Wahl mehr haben – die Zahlen unserer potentiellen Verbündeten sinken jede Stunde … Oh, und da scheint sich was zusammenzubrauen, etwa zehn Minuten Laufweg von hier. Das bessere pazifistische Friedens- und Hilfskorp hat wohl ausversehen geheime Standortdaten geleakt, und jetzt ist dort jeden Moment eine größere Schlacht zu erwarten.“

„Moment … Katherines Gruppe?“, erkundigte sich Quentin, und Eugene schwieg einen Moment.

„Sekuuuunde – Nein. Es ist das bessere pazifistische Friedens- und Hilfskorp. Und die Profile führen zu… Devons Gruppe.“ Ah, ja. Der Inbegriff von Frieden und Pazifismus. „Meint ihr, wir sollten unseren Stützpunkt hier aufgeben und zu den neuen Koordinaten vorrücken?“

„Nah, lass die sich gegenseitig fertig machen. Wir haben alle Zeit der Welt, später ihre Überreste zu bestaunen.“

„Dito“, brummte Ace. „Außerdem traue ich denen nicht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die mal eben zufällig-“ Er hielt inne, als er meinte, am Rande seines Blickfelds eine Bewegung wahrzunehmen, und zischte: „Ruhe!“ Auf Kommando verstummten die beiden anderen Jungen unter ihm.

Ace strengte die Augen an, und diesmal konnte er deutlicher erkennen, wie sich in weiter Entfernung eine Person in geduckter Haltung durch die Baumreihen schlich. Sie schien sich ihres Ziels bewusst zu sein – vermutlich hatten sie gerade eben doch eine Spur zu laut gequasselt – und verharrte jedes Mal für einige Sekunden unsehbar, ehe sie weiterschlich. Das Gesicht konnte Ace noch nicht erkennen, aber vom Körperbau her hätte er definitiv auf einen Jungen getippt. Sein Blick verharrte auf der Gestalt, und er versuchte herauszufinden, was ihm so ein schlechtes Gefühl eingab. Dann schaltete sein Kopf um. Eine Gestalt. Eine einzige. Und wenn er die anderen beiden nicht sah, dann –

„Sie kommen von mehreren Seiten!“, zischte er geduckt durch den Holzboden hindurch. Als er den Kopf wieder hob, schreckte Ace zusammen.

Die Gestalt schlich inzwischen nicht mehr, sondern rannte. Die Zickzacklinien machten es schwerer, sie ins Visier zu bekommen, und er konnte nur hilflos versuchen, ihren Weg halbwegs nachzuverfolgen. Alles andere wäre Munitionsverschwendung. Als sie die Waffe hob, prallten die ersten Schüsse gegen die Holzlatten vor ihm.

Ace zuckte zurück, ehe er Farbe ins Auge bekommen konnte. Er wollte das Feuer erwidern, aber seine Intuition riet ihm zu warten, und tatsächlich erklang im nächsten Moment schon das panische Zischen unter ihm.

„Da kommen noch zwei von hinten! Fuck!“ Waffenklackern und die Geräusche der aufplatzender Kugeln schallten durch den Wald. Wo der Hochsitz und alles umliegende Gestrüpp einerseits gute Deckung bot, hatte er andererseits den Nachteil, dass er auch das Zielen erschwerte. Ace versuchte gerade noch nach draußen zu spähen, als die erste Farbkugel durch das Holz hindurchzischte, haarscharf an seinem Gesicht vorbei. Er duckte sich aus reinem Reflex nach unten, während sie an den gegenüberliegenden Holzplatten aufplatzte. Ace hätte gerne gezielt zurückgeschossen, aber seine Hände schienen ungelenk und plötzlich viel schwerer zu bedienen als noch vor wenigen Sekunden.

„Pass ein bisschen auf! Ich hätte die beinahe ins Auge gekriegt!“, hörte er sich selbst rufen, während das hektische Gemurmel zu seinen Füßen unter ihm vorbeischwamm.

„Nein – Quentin, Quentin, nein, lass die Waffe sinken, die stehen nicht offen genug, du verschwendest nur Munition, wenn du jetzt-!“ Einer ihrer Angreifer lachte, und Ace spürte sich erstarren.

„Oh, Junge! Bist das wirklich du, Fuckface? Haben wir gleich auf Anhieb Glück gehabt!“ Er konnte Ethans Enthusiasmus in seiner Stimme hören, genauso wie das breite, gehässige Feixen, dass er im Gesicht tragen musste. Ace hob die Waffe – und seine Finger bebten immer noch unmerklich, aber diesmal war er sich nicht sicher, ob es nur die Aufregung vom plötzlichen Kampf war – ehe er behutsam zur anderen Seite des Hochsitzes rutschte, wo die anderen beiden Jungen aus der Gruppe herantrotteten. Ethan schwang die Waffe in der Hand, als würde er keine Sorge der Welt haben. Er und Sean trotteten von einer Waldanhöhe zu herunter, und auch wenn Aces Gruppe damit nicht die beste Position zum Schießen hatte, konnte er nicht glauben, dass der Junge sich so einfach als Ziel präsentierte. Das war unlogisch. Hirnrissig. Noch ein paar Meter mehr, und sie könnten ihm einfach sämtliche Lebenspunkte wegschießen, ohne dass Ethan sich wehren konnte. Es machte im Spielkontext nicht den geringsten Sinn –

… Es sei denn natürlich, Ethan war ohnehin nicht für irgendwelche dummen Spiele hier.

Ace wollte ein wenig übel werden.

Der Blonde schritt weiter nach vorne, und nur am Rande konnte Ace das irritierte Gemurmel unter sich wahrnehmen.

„Häh? Was macht der denn da? Ist der irgendwie blöd oder-?“

„Marschiert der uns gerade wirklich einfach vor die Waffen?“ Ethan, der die Worte nicht vernehmen konnte, grinste immer noch.

„Wir wurden ja heute Morgen unterbrochen, aber jetzt ist eigentlich n‘ super Zeitpunkt, mit unserer Unterhaltung weiterzumachen. Jetzt, wo dein Wachhund eh gerade beschäftigt ist-“

„Mein was?!“, erkundigte sich Ace, der hoffte, dass seine Stimme nicht kieksig klang.

Mein was?“, äffte Ethan ihn nach. „Wovon sprichst du? Ich bin Ace, ich würde niemals wegrennen, um mich hinter der nervtötenden blonden Schlampe zu verstecken und mich auszuheulen, bis sies an die Lehrer weiterträgt… Du gottverdammte Pussy, eh. Das ist echt nur noch erbärmlich.“ Ace blinzelte, und es dauerte einen Moment, bis sein Gehirn die Verbindung hergestellt hatte. Katherine. Er redete von Katherine. Sicher, weil Ace sich gerade auch insgeheim niemand anderen als Katherine an seine Seite wünschte. Gleichzeitig wollte er vor Erleichterung einen Moment fast zusammensinken.

In geschätzten acht Metern Entfernung – ein winziges Stück zu weit für Pistolen, deren Federn seit Jahren nicht mehr nachgezogen wurden – blieb Ethan stehen und legte den Kopf schief. „Was is‘ jetzt? Kommst du freiwillig raus oder sollen wir die anderen zwei Loser auch gleich mitnehmen?“ Inzwischen schien auch Aces Teammitgliedern aufzufallen, dass was immer hier gerade stattfand, nicht wie das Paintball-Match verlief, dass sie erwartet hatten.

„Was ist mit dem Typen? Habt ihr beiden irgendwie Stress oder so?“, hörte er Quentin fragend nach oben murmeln. Ace schloss die Augen. An einem anderen Tag hätte er vielleicht wirklich den Schwanz eingezogen und sich ein wenig herumprügeln lassen, bis Ethan wieder vergaß, dass er existierte … Aber heute spürte er die ungewohnte Aufsässigkeit in sich brennen, die erst seit wenigen Wochen aufgeflammt war. Er wollte nicht klein beigeben.

Nur leider hatte Ace keine Ahnung, wie er das anstellen sollte.

Sein Blick glitt über die verbleibende Entfernung, zu Sean und Ethan, die sich erheblich zu wohl in ihrer Haut zu fühlen schienen, und er biss sich auf die Lippe, während er versuchte, sich Wörter zurechtzulegen. Für das, was er vorhatte, hätte er am liebsten irgendwas Para-mäßiges rausgehauen, aber Nero beherrschte diese ‚Maximale Provokation auf minimaler Wortzahl‘-Sache besser, als Ace in den verbleibenden Sekunden lernen würde. Er ging mit dem zweitbesten, was ihm einfiel, nachdem er es heute Morgen quer über seinen YU.space-Feed getratscht gesehen hatte.

„Kannst du aufhören, sie als Schlampe zu bezeichnen?!“ Luftholen, und- „Ich meine, bist du immer so ein frauenhassendes Arschloch? Oder ist das jetzt nur Überkompensation, weil Jessica wieder das halbe Footballteam durchnimmt, nachdem sie dich abserviert hat?“ Das musste böse genug gewesen sein. Zumindest hörte er Quentin unter sich scharf Luft einziehen.

Ethan schien es einen Moment die Sprache verschlagen zu haben. Dann weitete sich sein Grinsen zu einer Grimasse. „Oh, jetzt kann er also labern, was? Wollen wir doch mal sehen, wie das in zwei Minuten aussieht, du-!“ Er war die ersten Meter herangestapft, als Ace schoss. Und diesmal hatte er sich die Zeit zum Zielen genommen.

An und für sich waren die Kugeln nicht besonders schmerzhaft. Selbst bei geringen Abstand von vier Metern und optimaler Beschusslage würden sie im Zweifelsfall nicht mehr als einen blauen Fleck hinterlassen, aber Ace hoffte, dass das abschreckend genug war, solange die Kugeln im Gesicht landeten.

Die erste zerplatzte mitten in Ethans geöffnetem Mund.

Der Junge, der gerade noch seine wütenden Tiraden gehalten hatte, erstarrte mitten in seinem Lauf und glotzte fast verwundert. Als er begann, sich zu schütteln und Farbe auszuhusten, schien auch in Quentin und Eugene endlich wieder Leben zu kommen, und weitere Kugeln prasselten auf ihn ein. Sean, der gerade noch hinterhereilen wollte, schien plötzlich sehr unschlüssig und begann, die ersten Schritte nach hinten zu machen, während Ethan noch von Kopf bis Fuß in Farbe getaucht wurde. Ace spürte sich grinsen wie wild, als er nachschoss und den Jungen tatsächlich zurückstolpern sah, und er wollte sich beinahe schon euphorisch fühlen, als er das Knarren hinter sich hörte. Er hielt inne, drehte sich um, und als er Chris sah, der sich an der Seite zwischen Baum und Unterstand hochgehangelt haben musste, wollte ihm vor Schreck fast die Waffe aus den Händen gleiten.

„Ja, hi.“ Der Junge lächelte siegessicher, und es hielt wenige Sekunden lang, bis sie beide das Knarzen und Ächzen der Holzkonstruktion hörten. Von einer Sekunde auf die andere wurden die Stimmen unter ihnen hektischer.

„Warte, was ist da-“

„Oh Gott, sagt mir nicht, ihr seid da zu zweit drauf, wollt ihr uns eigentlich alle umbringen?!“ Letzeres wurde von Eugene geflucht, ehe Ace das hektische Rascheln hörte, als seine Teammitglieder so rasch wie möglich aus ihrer Deckung herausrutschen. Chris schien schon wieder sämtliche Mordabsichten vergessen zu haben. Er sah genauso unruhig aus, wie Ace sich fühlte.

„Ey, Moment, das Ding hat dich doch auch ausgehalten. Ich dachte…“ Was immer er sich gedacht haben mochte, ging in einem weiteren, lauten Knarzen unter. Beide Jungen sahen wie automatisch zur Leiter herüber. Bevor Ace auch nur wirklich daran denken konnte, in die Richtung zu rutschen, kam Chris ihm zuvor und hechtete über den Unterstand, begleitet von weiterem Knacken des Holzes. Ace konnte spüren, wie der Boden unter ihm schwankte, und sein Mageninhalt schien ungefähr das gleiche zu tun.

Der größere Junge hatte sich kaum auf die Leiter geschwungen, als man das erste Bersten von Holz hörte, und Ace kniff die Augen zusammen, als der Ruck durch das ganze Gerüst ging. Kurz hatte er das Gefühl zu fallen, als der erschrockene Schrei ertönte, und erst, als er blinzelte, merkte er, dass er anscheinend immer noch an Ort und Stelle saß. Nur von Chris sah man nichts mehr.

Ace blieb mit rasendem Herzen und regungslos in seiner Ecke hocken, während die Stimmen zu ihm heraufschallten.

„Was zum-… Alter! Warte, wir – eh … wir holen Hilfe!“, rief Sean, der immer noch Sicherheitsabstand wahrte, als wäre Pech etwas Ansteckendes, und als er sich umdrehte und begann, im Wald zu verschwinden, war es wohl auch um Ethans Kampflust geschehen. Der wandelnde Farbfleck drehte sich um und stürzte ihm hinterher. Ace hörte Quentin unter sich noch Rufen und Schimpfen, aber es wäre gelogen zu behaupten, dass er sich groß darauf konzentrieren konnte. Momentan war sein Körper damit beschäftigt, sehr, sehr stillzuhalten.



„Ngh!- Okay, das war unnötig“, ächzte der Tote hinter seinem Rücken. Unter anderen Umständen hätte Nero sich dem angeschlossen, aber momentan blieb ihm nicht viel mehr übrig, als sich zu ducken, gegen Casey zu pressen und den wenigen Raum zu nutzen, der ihm blieb, um vor feindlichem Sperrfeuer zu schützen.

17. 18. 19. Verwirrtes Fluchen. Nero richtete sich ruckartig auf, atmete aus und schoss im selben Zug. Er brauchte zwei Kugeln für James und eine für Kim, die immer noch ganz verdattert darüber schien, dass ihre Waffe nicht unendlich Munition hatte. Er hielt inne, sank vorsichtshalber noch einmal in die Hocke zurück, aber momentan schien sich der Kampf zur Seite in den Wald verlagert zu haben. Casey blickte mit großen Augen auf, aber besaß die Höflichkeit, seine Stimme gesenkt zu halten. „Hast du sie erwischt?“

„Hm? Klar. Was auch sonst?“, meinte Nero mit all der Sicherheit, die sein alarmbereites Hirn eigentlich noch nicht besaß, ehe er zögerlich wegrutschte. Casey schien erleichtert, seinen Bauch nicht mehr einziehen zu müssen, und stand zur Gänze auf – nur um eine Kugel vom Waldrand her gegen die Schulter zu bekommen.

„Ich bin doch schon tot, du dumme Kuh!“, rief er, aber das Mädchen, dass sich gleich nach dem Schuss wieder zu Boden hatte stürzen lassen, schien nicht allzu beeindruckt davon.

„Jetzt reg dich ab, es ist nur ein Spiel! Kein Grund, beleidigend zu werden!“, wurde zurückgebrüllt, ehe nach kurzem Zögern ertönte: „Wer ist da eigentlich? Casey, oder? Sind alle tot bei dir?!“ Nero warf Casey einen unmissverständlichen Blick zu, und der schien nicht willens, irgendjemandes Zorn auf sich zu ziehen.

„…Klar?“ Nero war inzwischen schon halb hinter dem Hügel zur Seite gerobbt und hatte sich zusammengekauert, und als ihre Gegnerin langsam nähergetrottet kam, stürzte er sich von der Seite auf sie und sorgte dafür, dass seine Hand sich um ihren Waffenabzug geschlossen hatte, ehe sie auch nur daran denken konnte, eine seiner kostbaren Kugeln zu vergeuden.

Heather quiekte auf, zuerst erschrocken und dann aus Frust, während er sie ohne nennenswerte Umstände zu Boden rangelte und sich so auf ihr abstützte, dass er in Ruhe nach seinem Messer kramen konnte. Das Strampeln des Körpers unter ihm wurde mit stillem Amüsement zur Kenntnis genommen, aber vorrangig war sein Kopf aufs Gewinnen fokussiert.

„Casey, du verlogener Sack!“

„Ich bin tot!“, versuchte sich der Junge noch verzweifelt zu verteidigen. „Ich darf dir genaugenommen gar nichts verraten.“

„Und da lügst du mich lieber an?! … Nero, du tust mir weh!“

„Ich kann nichts dafür, dass du zappelst“, meinte er und strahlte zu ihr runter, als wäre zusätzliches Benzin im Feuer der einzig richtige Weg zur Konfliktbewältigung. Als ihre Kehle endlich schein-durchtrennt war, machte er sich daran, der ungewohnt widerspenstigen Leiche die Waffe aus den Händen zu winden. Heather grummelte immer noch ein wenig.

„Die nützt dir sowieso nichts, da sind nur noch 2 oder so drin.“ Nero seufzte, während er die Kugeln nahm und ins eigene Magazin einfüllte.

„Ich habs schon zu Casey gesagt … ihr müsst endlich aufhören, meine Munition zu vergeuden!“

„Und ich hoffe, er hat dir so geantwortet.“, murrte das Mädchen, wobei sie demonstrativ ihren linken Mittelfinger hochreckte. Der rechte Arm befand sich noch fest in Neros Griff.

„Nein. Weil Casey nämlich ein Teamplayer ist – im Gegensatz zu dir.“ Er sprach mit genug skuriller Ernsthaftigkeit, um den Jungen tatsächlich zum Lachen zu bringen, während Heather schimpfte.

„Das hat ja mal so gar nichts mit Teamplay zu tun!“ Er rappelte sich auf, um das Mädchen aufstehen zu lassen, und sie klopfte sich umständlich ab und seufzte, während sie sich erhob. „Ach man … Ich würd am liebsten was Trinken gehen, aber ich hab gehört, Katherine gibt das Zeug aus, und will keinen Stress mit Angel bekommen, wenn ich jetzt bei der antanze…“

Nero blinzelte. „… Ich glaube nicht, dass Angel dir verbieten wird zu trinken.“ Seine Augen suchten den Waldrand ab, aber die Rufe und Schüsse von zuvor schienen verhallt oder weitergezogen, genauso wie die meisten Leichen. Er befürchtete, dass ein Grossteil davon nicht die Höflichkeit besessen hatte, ihm den gefüllten Rest ihrer Magazine zu lassen.

„Das meine ich doch auch gar nicht!“. beschwerte sich Heather noch. „Es ist nur… zwischen den beiden kriselts andauernd, und ich will da echt nicht zwischen die Fronten geraten!“ Nero, der wenig Geduld für eingebildete Fronten hatte, während es an echten Fronten wenigstens Leute abzuschießen gab, klopfte ihr im Vorbeigehen auf die Schulter.

„Ich habe vollstes Vertrauen in dich.“ Er lauschte wieder, als er sich dem Waldrand näherte, und hörte etwas entfernt von sich die Stimmen von Richard und einem weiteren Jungen. So sorglos, wie sie zu plaudern schienen, ging er nicht davon aus, dass noch alle beide lebendig waren. Vorsichtshalber hielt er die Waffe im Anschlag, als er sich durch die Baumreihen näher bewegte, und sobald er die beiden sah, änderte er seinen Kurs ein wenig, um sich in Richards Blickfeld schieben zu können und dem des anderen Jungen fernzubleiben. Richard schien einen Moment zu brauchen, bis er Nero endlich erkannte, aber im nächsten schlich sich ein schiefes Grinsen auf sein Gesicht.

„-wollten eigentlich gucken, ob wir Hughies Gruppe finden, aber sind unterwegs nur mit Angels Mädels aneinandergeraten – Waffenstillstand, von wegen!  - und haben beide unnötig Munition verbraucht, ohne dass jemand auch nur schwer verletzt wurde. Das war echt nicht so geil. Naja, dann kam euer Standort durch, und wir dachten, das kann man ja mal… was grinste da eigentlich gerade so dumm? Das war ja… – Boah! Arschloch!“ Letzeres galt weniger Richard und mehr der Tatsache, dass Nero ihm nach kurzem Zielen einen Treffer mitten in den Vier-Lebenspunkte-Fleck am Rücken verpasst hatte. Brent blinzelte erbost zu ihm rüber und brummte, als er seinen Mörder erkannte. „Na danke. Von wegen, der ist auch schon tot.“

„Bitte. Ich bin unsterblich.“ Nero trottete näher, ohne den umliegenden Wald ganz aus den Augen zu lassen, und sank schließlich rücklings gegen den Baumstamm, auf dem die beiden hockten. „Richard, du bist ganz raus?“

„Musste suiziden, die haben schon nach unserem Stimmenfrisbee gefragt. Aber Devon hat mir vor'n paar Minuten erst geschrieben, der ist immer noch unterwegs und schleppt den Butterklumpen mit sich.“

„Hrm“, brummte Nero, der nicht davon ausging, dass Devon Freudensprünge machen würde, wenn er jetzt wieder zu ihm und Brenda stieß. Unter Umständen sollte er eine zeitlang alleine durch die Gegend streifen. Brent seufzte noch.

„Ich mach mich Mal auf zu Katherines Lager, langsam krieg ich Hunger. Richard, kommst du mit?“

„Jo, mach ich… warte, Nero, ich hab noch drei“, fügte er hinzu, als Nero bereits dabei war, erbeutete Munition einzufüllen. Nero musste das nicht einmal im Kopf überschlagen, um zu wissen, dass er damit immer noch mit deutlichen Verlusten aus dem Gefecht herausging.

„Irgendwie gibts entschieden zu wenig Kugeln in diesem Spiel.“ Brent grätschte hilfreich von der Seite rein.

„Ich hab gehört, bei Katherine kann man nachfüllen.“

„Ja, und ich weiß genau, was ich zu hören kriege, wenn ich bei Kath ankrieche, um nach Munition zu fragen. Wird nicht passieren.“ Richard gluckste nur, während er seine Tasche schnappte und unabsichtlich Farbspritzer dagegenschmierte

„Na dann, wir sehen uns. Meld dich zwischendurch mal, wies läuft.“



No Talky Me Angery: Also sind deine Gefühle für ihn schon wieder verschwunden?

PARADOX: eh

PARADOX: klaaaaaaaaaar

PARADOX: *lehnt sich beiläufig gegen die schranktür, damit sie nicht wieder aufplatzt und emotionalen gay shit in der wohnung verteilt*

Der Wald um ihn herum war nicht still – das war er nie – aber es waren nur zu erwartende Wald-Geräusche. Nichts, was in dieser Umgebung seltsam anmutete. Nero hatte bei Devon angefragt, wo die zwei sich gerade herumtreiben mochten, und als ihm von einem Waldstück voller Gegner und anhaltender Mini-Scharmützel berichtet wurde, beschlossen, dass er da vorerst einen Bogen drumherum machen wollte. Seine Kugelkapazität war alles andere als optimal für die Art von Gefechten. Stattdessen graste er den äußeren Bereich rund um ihr Spielgebiet ab, zum Teil, weil er Gruppen suchen wollte, die sich vor dem Rest verbargen, und zum Teil, weil auch ihm hier niemand so schnell auf den Sack ging. Das Einzige, was ihm bislang vor die Mündung gelaufen war, war einer seiner Mathekurs-Mitschüler. Nachdem Nero ihn bei seiner Patrouille abgeschossen hatte und seine Teammitglieder näherkommen hörte, hatte er sich für taktischen Rückzug entschieden. Nun war er allein, und das Absperrband, dass den Rand ihres Spielgebietes markierte, schimmerte durch die Bäume zu ihm.

No Talky Me Angery: Dann sag ihm das! D:

Eine eingehende Nachricht von Chris auf seinem Main-Account unterbrach ihn. Nero hob die Brauen und öffnete sie. Er erwartete halb, gebeichtet zu sehen, dass es Ethans Team bereits zerschlagen hatte, nachdem sie gegen weiß-Gott-wen gezogen waren, ohne vorher das Terrain zu erkunden.

MilfHunterXx: nero!! \o/ bock auf free kills?

Mit zusammengezogenen Brauen korrigierte er seine Einschätzung. Hatten sich die drei doch einmal benehmen können?

RX_Nero: uhm

RX_Nero: ich sag mal ja?

Die Antwort blieb lange genug aus, dass es ihn zu Spidey zurückzog, um zu elaborieren.

PARADOX: habe ich ò.ó

PARADOX: und er so ‚k lol bye loser‘

Welke Blätter raschelten zu seinen Füßen, ohne die hübschen Knack-Geräusche von sich zu geben, wie man sie von Herbstlaub eigentlich erwarten würde, und die Luft war kühl und erdig. Das bisschen Wärme, dass durchs Blätterdach brannte, wurde von der Feuchtigkeit des gestrigen Regengusses aus der Luft gesogen.

No Talky Me Angery: …Im Ernst? :o

PARADOX: nee x) er hat gar nicht erst geantwortet

Es kam oft vor, dass er gemeinsam mit Spidey über irgendwas abkotzte, aber wenn, dann ging es normalerweise um Dinge, die ihm nicht nahegingen. Nervige Mitspieler, und Leute, die ihnen auf dem Server Stress machten, und verschiedene Strategien, um Streit in ihrem Clan zu schlichten und unerwünschte Leute zur Zielscheibe allgemeiner Unbeliebtheit zu machen… aber das hier war neu. Nero fürchtete, dass der einzige Grund, aus dem er überhaupt bereit war, über diese Dinge zu reden, der war, dass Devi mehrere tausend Kilometer von ihm entfernt wohnte und vermutlich niemals wirklich Einfluss auf sein Dasein nehmen würde.

Als jemand, der übermäßige Emotionalität bei Menschen normalerweise verachtete, war er sich nicht sicher, was er mit dieser neuen, weinerlichen Seite von sich anfangen sollte. Die Tatsache, dass niemand ankommen und ihm diese Schwäche in Person unter die Nase reiben konnte, war bis jetzt der einzige Lichtblick. Das hieß, niemand außer …

MilfhunterXx: ich habs team von hughi und co gefunden, die sind alle noch lebend :D zieh gerade mit denen rum, weil die anderen spasten abgehauen sind

Nero runzelte die Stirn. Ganz egal, wie er die Worte drehte und wendete, er war unfähig, sich auszumalen, wie genau es dazu gekommen sein mochte. Und Hughies Team? Bei Eugene war Ace...  er würde lügen, würde er behaupten, dass er sich nicht gleichzeitig sehr angezogen und abgestoßen von dem Gedanken fühlte, da aufzukreuzen. Als würde sein Kopf nicht schon genug fragwürdige Dinge machen.

RX_Nero: o.o auf die geschichte bin ich gespannt

RX_Nero: und ja, gib mal koordinaten

Es war schwer, vernünftig zu bleiben, solange ‘denselben dummen Scheiß wie immer machen und dabei auf die Nase fallen’ als kostenlose Alternativvariante zur Verfügung stand. Nero wog gerade noch ab, da schob sich eine neue Spidey-Nachricht vom Bildschirmrand.

No Talky Me Angery: …Vielleicht hatte er ja Angst :c

PARADOX: angst vor WAS?

PARADOX: das einzige ding, vor dem er hier angst haben müsste (me) hat er doch eh schon in der hand

Er nutzte die Pause, um zurück in den Feed zu wechseln, der gerade noch gefüllt war mit dem Geschimpfe unterschiedlicher Fraktionen und den Aufrufen von Katherine, doch lieber gemeinsam an einer besseren Welt zu arbeiten. Jessicas Mädchen schienen sich aus den meisten Kämpfen herauszuhalten, aber Angel hatte ihre anfänglichen Berührungsängste mit Dreck und Farbe wohl endgültig überwunden und nutzte das Spiel als neue Möglichkeit, ihren YU.space-Followerkreis zu unterhalten und in nachbearbeiteten Apokalypse-Model-Fotoshoots mit erbeuteten Stimmenfrisbees zu posen, während Quinn und Baguetty an ihrer Seite posierten.

Von Ethan dagegen sah er kein Wort, vor allem nicht bezüglich verlorenen gegangener Teammitglieder. Nero suchte ein paar Sekunden lang, bis ihm der Gedanke kam, noch einmal seine geflissentlich ignorierten Privatnachrichten zu überprüfen. Volltreffer. Er wollte gerade feststellen, was ihn der Junge da umgeben von fünf Ausrufezeichen mitteilen wollte, als Spidey seine Aufmerksamkeit zurückzog.

No Talky Me Angery: Vor der ganzen Welt! Man, du kennst ihn doch :c Icy ist sehr gut darin, Angst vor Dingen zu haben

PARADOX: sagt die richtige

No Talky Me Angery: jetzt fühl ich mich attackiert x.x

PARADOX: und nee, der hat keine angst, der hat einfach keinen bock

PARADOX: ist nicht, als hätte ichs nicht versucht

PARADOX: und zusätzlich ist icy auch einer, bei dem du nie kapierst, was eigentlich los ist ò.ó

PARADOX: er gibt dir null hints, und du rätselst, ob er jetzt nur rummosert, weil er ein liebes keusches kleines mädchen ist, dass sowas unanständiges nie tun würde, oder ob er gerade wirklich 5 traumata auf einmal durchlebt und dir die cops auf den hals hetzt, sobald du auch nur entfernt daran denkst, ihm aus seinen klamotten zu helfen

So. Genug gejammert, zurück zu Ethan. Er rief die Nachricht auf und fragte sich einen kurzen Moment lang, ob der Junge ihn womöglich irgendwo verarschen wollte.

Ethan11: Alter du musst mal den anderen sagen das die eugenes team reporten wegen Gewalt oder so

Ethan11: glaube Chris hat sich was gebrochen wegen denen

Und dann, womöglich aufgrund ausbleibender Antworten:

Ethan11: hallo?!

Ethan11: nero? Schläfst du grad???!!

Nochmal, was um alles in der Welt war da passiert?

RX_Nero: bruh

RX_Nero: dein ernst?

RX_Nero: und wirst du ihnen selbst sagen müssen. bin grad ziemlich beschäftigt

'Als ob', wisperte das rauschende Blattwerk über seinem Kopf, während er sich daran machte, sich wieder Spidey zuzuwenden. Aber gebrochene Knochen waren ja wohl weniger relevant als gebrochene Herzen, und wenn Nero eines hatte – und es tatsächlich mehr Funktionen besaß, als nur Blut durch seinen Körper zu pumpen – dann wollte er auch versuchen, es nicht ganz so sehr wie sonst zu ignorieren.

No Talky Me Angery: …Das kann ich mir tatsächlich vorstellen :D (Also, dass Icy sich nicht traut zu sagen, was Sache ist. Nicht, dass er dir die Polizei auf den Hals hetzt, nur weil du mal flirtest :c)

No Talky Me Angery: Aber mal weg von allem, was unter irgendjemandes Kleidung stattfindet - ich kann mir nicht vorstellen, dass Icy komplett dicht machen würde, wenn er wüsste, wie es um dich steht. Versuch, es ihm irgendwie klarzumachen. Redet miteinander. Oder mach irgendeine romantische Geste. Ich weiß nicht, schreib ihm nen Brief oder so. Icy steht zu 100% auf sowas.

Nero zog die Brauen zusammen. Wie war er gleich auf den Gedanken gekommen, dass Devi sich als hilfreich erweisen würde?

PARADOX: … einen brief.

No Talky Me Angery: Ja :)

Falls er nicht ohnehin schon gewusst hatte, dass sie sehr unterschiedliche Anschauungen von zwischenmenschlichen Beziehungen hatten, dann fühlte er sich jetzt nur wieder bestätigt.

PARADOX: „Liebster Icy, DTF?

In Liebe, dein Para <3“

No Talky Me Angery: …Mit mehr Gefühl.

Das glaubte sie doch selbst nicht!

PARADOX: da ist schon ein herzsmiley drin D: wie viel mehr gefühl braucht es denn noch?

No Talky Me Angery: x.x Anderer Versuch. Ich helf dir beim Schreiben. Drück mir aus, wie es gerade tief in dir aussieht, und zwar den Teil, der nicht nur vögeln will, sondern der ganze restliche, emotionale Teil. Mit Hoffnungen, oder Wünschen, oder Träumen, oder was weiß ich.

Nero konnte das Gefühl nicht ablegen, dass Spidey im Moment ein wenig voreilig interpretierte. Hoffnungen, Wünsche und Träume? Nur, weil er neuerdings auf Schwänze stand, war er doch noch keine komplette Schwuchtel.

PARADOX: :<

No Talky Me Angery: …ist das eine Reaktion auf meine Aufgabenstellung?

PARADOX: nein. das ist mein verletzlicher, emotionaler teil.

PARADOX: es war schwer, ihn so umfassend vor dir einzugestehen, aber ich hab mir mühe gegeben :>

No Talky Me Angery: Du bist echt furchtbar x.x

Ja, und zwar furchtbar gut, protestierte es in seinem Inneren.

No Talky Me Angery: Normalerweise bist du besser mit Worten

PARADOX: normalerweise geht’s da nicht um mich <.<

Allein der Gedanke, irgendwas von seinem Innenleben vor anderen Leuten einzugestehen, ohne dass es dabei etwas zu gewinnen gab, war Nero so befremdlich, dass er sich fragen musste, wie Spidey auf so hirnverbrannte Ideen kommen konnte. Er wollte niemanden, der ihm das Händchen hielt und den Kopf tätschelte. Was er wollte, war ein Lösungsweg.

Chris unterbrach seine Grübeleien kurz, als sein Standort in Neros Privatnachrichten einging.  Nero war noch damit beschäftigt, ihn einzusehen und zu grübeln, ob sich die zehn Minuten Umweg lohnen oder gewisse Dinge nur schlimmer machen würden, als ihn Spideys nächster Textbatzen überrollte.

No Talky Me Angery: Okay. Andere Herangehensweise, denn Text ist offensichtlich nicht deine Stärke. Wir machen das jetzt ganz therapeutisch. Du wirst ein Paint-Programm auf deinem Handy öffnen, und dann wirst du deine Gefühle malen, und da ist Zeichensprache ausnahmsweise erlaubt. (Aber es muss mehr als ein Smiley sein!) Und dann werde ich alles in meiner Macht stehende tun, mit dir gemeinsam dein Gefühlsleben zu entschlüsseln und dir weiterzuhelfen. <3

Nero rollte mit den Augen, selbst wenn ein Teil von ihm lächeln wollte. Das Mädchen war unbelehrbar. Er verharrte einige Sekunden auf unebenem Waldboden und rief dann eine App zum Kritzeln auf. Was auch immer. Chris und sein gebrochenes Bein würden auch noch einen Moment ohne ihn überleben.



„Okay… Vorsicht… vorsicht… direkt unter deinem linken Fuß steckt ne halbe Holzplatte mit Nagel im Baum. Guck mal, ob du da Halt finden kannst.“

„Ich will da keinen Halt finden!“, jammerte Ace, aber es war mehr Meckerei aus Prinzip. Er wollte auch nicht stehenbleiben. Vor allem nicht hier, auf halber Strecke zwischen abgebrochenem Leiterstück und Boden.

„Alles gut, man. Noch ein, zwei Schritte, dann kann ich mit Hughie ne Räuberleiter machen und wir holen dich da runter…“

„Sagtest du nicht gerade, du kannst deine Hand immer noch nicht richtig spüren? Ich werd bestimmt keine beschissene Räuberleiter mit dir machen, wenn ich nicht weiß, ob die plötzlich wegbricht!“

„Ahhh, das ist alles okay, die wird wieder. Ich hab im Sport schon schlimmer aufs Maul bekommen.“ Dafür, dass Chris vor Kurzem noch rasant gen Boden gesegelt war, schien es dem Jungen schon wieder prächtig zu gehen. Ace fragte sich still, ob Typen wie er oder Nero nicht wirklich einen geheimen Schutzengel besaßen. Irgendwas musste ja dafür verantwortlich sein, dass sie bis zur Volljährigkeit lebendig blieben. Und anders konnte er sich nicht erklären, warum er drei Tage humpelte, nachdem er sich das Knie angehauen hatte, aber jemand wie Nero Videos davon machte, wie er sein Skateboard an fahrende Autos band, Minuten später mit dem Gesicht über den Asphalt schlitterte und hinterher trotzdem aufstand, als könnte ihm nichts auf der Welt etwas anhaben.

Während die Jungen unter ihm noch über Räuberleitern fachsimpelten, versuchte er so behutsam wie möglich, seinen Fuß am Stamm entlangzuschieben, bis sich die nächste Erhebung unter seiner Sohle fand, die Halt bot. Aces Agilität war auf Schneckentempo gesunken, aber das war ihm weit lieber als der Sturzflug nach unten. Er riskierte einen Blick über die Schulter und spürte seinen Magen herabsacken. Das war immer noch weit höher, als er sich zutraute.

„-Ace, kannst du dich nicht eigentlich abrollen?“ Chris Ruf drang zu ihm, und er zog die Brauen zusammen.

„Wann soll ich das denn gelernt haben?“

„Hm? Wir hatten doch letztes Jahr Judo bei Morrison!“

„Ja“, knurrte er gegen die Rinde. „Und nachdem ihr das in der ersten Stunde als Ausrede benutzt habt, mich zu verprügeln, hab ich die anderen lieber nur von der Bank zugesehen!“

„Ups.“ Zumindest klang Chris wenigstens ein klein wenig schuldbewusst unter seiner Heiterkeit. „Stimmt ja. Sorry dafür… ich könnte dir jetzt nen Crashkurs geben, und dann versuchen wirs einfach ma-?“

„Das kannst du nicht machen!“, protestierte Eugene an Aces Stelle. „Ey, wenn er das jetzt nicht kann, dann wird ers in der Höhe sicher nicht mit ein bisschen Theoriegelaber lernen! … Wessen Handy spielt da eigentlich gerade verrückt?“

„Was heißt hier Höhe, das sind zwei Meter oder so“, tönte sorglos aus Chris Richtung. „Und meins kann nicht sein, das is auf stumm.“

„Das könnte meins sein – aber könnten wir uns bitte gerade auf das dringendere Problem konzentrieren?!“ Ace hatte keinesfalls vor, sich von ‚nur zwei Meter‘ beruhigen zu lassen. Allerdings hatte er momentan andere Probleme, unter anderem die Tatsache, dass das unebene Stück Rinde unter seinem Fuss nicht annähernd den Halt bot, den er sich davon versprochen hatte. Er versuchte, sich gerade noch zu verlagern, während seine schwitzigen Finger sich in das verbleibende Reststück einer Holzleiterstufe krallten, als er spürte, wie der Krampf durch die andere Hand ging. Ace war sogar für Fluchen zu erschrocken, als er merkte, wie er den Halt verlor.

Sein Kopf hatte gar nicht die Zeit, sein Leben vor seinem geistigen Auge vorüberlaufen zu lassen, als er nach hinten stürzte. Auf der Strecke wurde er von irgendwas wieder in aufrechte Position gerissen, ehe der Rest seines Schwunges dafür sorgte, dass auch sein Helfer zurückstolperte. Gemeinsam krachten sie zu Boden, haarscharf vorbei an der herausragenden Splitterlandschaft des ehemaligen Unterstand. Ace hielt einige Momente lang den Atem an, ehe er vorsichtig die Augen öffnete und gen Sonne blinzelte.

„Leben wir noch?“ Chris stöhnte.

„Die Stelle, in die du gerade deinen Ellbogen rammst, fühlt sich nicht danach an.“ Die Entschuldigung lag ihm schon auf der Zunge, bevor Ace überhaupt klar wurde, wo genau sein Ellbogen gerade lagerte. Er sog Luft ein, in einer Mischung aus Verlegenheit und dem Mitgefühl, was nur Mitglieder des männlichen Geschlechts bei einer derartigen Verletzung aufbringen konnten, und beeilte sich mit dem Aufrappeln, bevor er noch weiteren Schaden anrichten konnte. Ihm selbst schien es bis auf ein paar Schrammen an den Armen gut zu gehen, aber irgendwas sagte ihm, dass Chris das gerade nicht hören wollte.

„Kann man… eh… irgendwas für dich tun?“

„Is schon okay, lasst mich einfach zum Sterben zurück“, jammerte der Junge, während er sich ein wenig zur Seite rollte und die Hände um sein Geschlecht schlang. Ace hätte ihm gerne etwas Tröstliches gesagt, trotz 'Ups, ich hatte ganz vergessen, wie wir dich über mehrere Sportstunden hinweg verprügelt und terrorisiert haben', aber er hatte das Gefühl, dass jedes weitere Wort es nur schlimmer machen würde. Zu seiner Erleichterung kamen die anderen beiden Jungs auch schon zur Hilfe geeilt.

Während Chris sich von allen Seiten bemitleiden ließ wie der gefallene Märtyrer, der er war, stakste Ace mit wackeligen Schritten zu seinem Rucksack herüber und überprüfte das Handy, dass inzwischen schon wieder Ruhe gegeben hatte.

TheSpidergirl: Icy

TheSpidergirl: Ich weiß, du hast gerade viel im Kopf, und eigentlich ist es auch dumm, mich einzumischen, solange ich nicht weiß, was eigentlich abgeht…

TheSpidergirl: Aber ich hab Nero dazu ausgequetscht, was er von der Sache zwischen euch eigentlich hält, und nach ein bisschen gutem Zureden und viel Zwang Sachen zu sehen bekommen, die ich dir eigentlich nicht vorenthalten wollte.

Ace zog die Brauen zusammen, als eine Datei lud, und überlegte gerade, mit welchen wohlgewählten Sätzen er Spidey verklickern wollte, dass die Causa Nero ein komplexes Themengebiet war, dass geistige Ruhe und Stabilität und großen zeitlichen Abstand erforderte.
Dann ploppte das Bild auf, und er starrte darauf.

Es dauerte ein wenig, bis Ace sich das Wasser aus dem Augenwinkel wischen konnte – weniger vor Rührung und mehr, weil er jedes Mal aufs Neue hatte kichern müssen, wenn er auf diesen künstlerischen Totalausfall starrte. Er hatte die anderen zwei schon mit Gewalt verscheuchen müssen, weil auch sie sehen wollten, was für dumme Memes er dort wohl gefunden hatte.

Das war nicht fair. Nero sollte aufhören, sich wie ein harmloser idiotischer verliebter Junge zu verhalten, denn Ace hatte ziemlich große Mühe damit, einen idiotischen verliebten Jungen zu hassen – selbst, wenn der die Umgangsformen eines territorialen Raubtieres und die schwärmerische Mimik eines Steins besaß.

Er zwang sich dazu, mit den Gedanken bei der Sache zu bleiben und alle dummen Bilder wieder zu schließen, aber falls es Spideys Ziel gewesen war, ihn wieder einmal in komplette Verwirrung zu stürzen, dann fürchtete er, dass ihr das gelungen war.



„Wer ist da?!“ Devon hatte sich hinter die Felsen gekauert, und Brenda hockte mit angehaltenem Atem neben ihm, aber als er die Stimme hörte, entspannte er sich automatisch. Das waren keine Feinde.

Er rief ein „Ich bin’s!“, damit ihm nicht voreilige Kugeln um die Ohren flogen, und erhob sich mit gesenkter Waffe. Angel, Quinn und Dominique beruhigten sich sichtlich bei seinem Anblick. Erstere seufzte und strich sich die Haare aus der Stirn. Allgemein sah Angel so frisch aus, als hätte sie eine der Kampfpausen genutzt, um ihr Make-up aufzufrischen – Devon schloss nicht aus, dass dem tatsächlich so war – und ihrem Lidstrich bei der Gelegenheit gleich eine wildere, aggressivere Note zu verpassen. In ihrer Handtasche stapelten sich ganze vier Frisbees.

Dominique strahlte, während sie zu ihm sah. „Ist Richard noch bei dir?“

„Und weißt du, wo Nero steckt?“, folgte von Quinn, deren Knie und Arme so aussahen, als wäre sie mehr als eine Runde durch Matsch gerobbt.

„Nee, Richard ist raus und Nero zieht irgendwo am Rand rum. Ich weiß gar nicht, wo genau gerade.“ Auf die Frage, wer exakt bei ihm war – gestellt oder nicht – wollte er nicht eingehen. So erleichternd es auch sein mochte, auf Verbündete zu treffen, hatte er das Gefühl, dass das hier kein guter Zeitpunkt war, um seine neu gewonnene Mitkämpferin zu präsentieren. Und als könnte sie Gedanken lesen, erkundigte sich Angel mit liebem Augenaufschlag: „Also bist du jetzt allein? Dann komm doch mit uns.“

„Nicht ganz allein.“ Bildete er sich das ein oder weitete sich ihr nichtssagendes Lächeln zu einem ‚Sag was Falsches und ich beiß dir den Kopf ab‘-Lächeln? Vorsichtshalber fügte er hinzu: „Hab mir eine Geisel aus einem unserer besiegten Teams geschnappt, und bis gerade eben hatten wir den Stimmenfrisbee gesucht.“ Zumindest hatte Devon sein Bestes gegeben, so zu tun, als sei er an dieser Suche interessiert. Er selbst war der Meinung, dass war ihm gut gelungen, aber gegenüber Brenda war das auch keine Schwierigkeit. Sie schien viel zu lieb, um ihm Dinge zu unterstellen – im Gegensatz zu Leuten wie Nero und Angel, die einen siebten Sinn für Bullshit zu teilen schienen.

„Echt? Wen denn? Vielleicht können wir ihn ja auch noch mitnehmen.“ Angel lächelte sogar einladend, und Devon betete, dass Brenda nahendes Unheil spüren konnte und bereits zwei Verstecke weiter gerobbt war. Dann hörte er das Rascheln hinter sich, als das Mädchen sich aufrappelte. Er atmete tief aus. Soviel zu weiblicher Intuition.

Zumindest schien sich Angels Blick zu besänftigen. Vermutlich war das nicht die Art von Geisel, die sie als Bedrohung betrachtete. Im nächsten Moment zückte das Mädchen die Waffe und jagte eine Kugelsalve an Devon vorbei. Hinter ihm ertönte Brendas erschrockenes Japsen. Bevor jemand reagieren konnte, ließ Angel die Pistole auch schon wieder sinken und machte große Augen.

„Brenda! Oh Gott, das tut mir ja so leid, mein Fehler… ich hab mich einfach erschrocken, weißt du? Wegen dem Geruch… Aber das war echt nichts gegen dich persönlich, ich hätte dich sehr gerne mitgenommen!“ Devon konnte nicht anders, als ihre Hundeaugen als durch und durch diabolisch zu empfinden. „Ahh, ich fühl mich so dumm deswegen – du bist mir doch nicht böse, Süße?“ Quinn seufzte, während Dominique sich anscheinend ein Glucksen verkneifen musste. Einen Moment war Devon sich unsicher, ob Brenda auf die Provokation eingehen würde, aber auf die Schlacht schien das Mädchen keine Lust zu haben.

„Lass einfach gut sein, Angelina“, tönte neben ihm, als Brenda mit gesenktem Kopf vorüberschlich. Sie roch in erster Linie nach Deo und Erdbeershampoo – aber es war nicht, als hätte die Wirklichkeit Angel jemals davon abgehalten, ihre Sprüche von sich zu geben. Das Mädchen schien noch nicht ganz fertig mit ihrer aufgesetzten Reuetour.

„Och, jetzt sei doch nicht so! Du weißt, dass es keine Absicht war? Brenda? … Brenda, wir sind doch noch Freundinnen, ja?“ Diesmal war Dominiques Kichern alles andere als leise. Ein Teil von Devon erwartete, dass Angel noch ein wenig mehr Gift sprühen würde, so lange, bis es tatsächlich zu Stress kam, aber sie schien ihre Drüsen schon wieder nachfüllen zu müssen, denn Brenda wurde nicht einmal nachgesehen. Stattdessen verstaute sie die Waffe im Holster und strahlte, als wäre nie etwas geschehen. „Wollen wir?”



Der neue Standort, den sie sich gesucht hatten, war vergleichsweise perfekt. Vor ihnen war der Wald spärlicher und bot angenehm viel Sicht auf alles, was sich möglicherweise anschleichen konnte, und ihr Rücken war von einigen großen Felsblöcken bedeckt, die sich weit über ihre Köpfe zu den Baumwipfeln hinstreckten. Chris hatte noch versucht, auf einen zu klettern, ganz so, als wäre er nicht vor einer halben Stunde im Sturzflug von Baumunterständen gekracht. Es hatte damit geendet, dass seine Hand noch einmal ein bisschen mehr anzuschwellen begann und sich kaum noch bewegen ließ. Jetzt saß er am Boden zwischen ihnen und schmollte… vermutlich. Ganz sicher war Ace sich nicht. Er konnte seinen halben Kopf nicht sehen, da Quentin darauf bestanden hatte, dass sie als ordentliche terroristische Widerstandskämpfertruppe endlich ihre verdammten Gesichter maskieren sollen.

„Kath fragt immer noch nach uns“, meinte Eugene, der auf Feldherr-Ansprachen verzichtete, seit Chris zu ihnen gestoßen war. Die bloße Erwähnung des Namens sorgte dafür, dass ihr fragwürdiger Verbündeter unter seiner Tuchmaske ein leises Würgegeräusch ausstößt.

„Wehe. Nicht die.“

„Katherine ist absolut in Ordnung“, protestierte Ace, aber irgendwie hatte er nicht das Gefühl, dass seine Stimme in dieser Angelegenheit viel Gewicht hatte. Viel eher war zu befürchten, dass Chris unter anderen Umständen auch Aces Namen mit Würgen kommentiert hätte. Eugene räusperte sich, um die Aufmerksamkeit zurückzubekommen.

„Sie sagt, dass sie glaubt, Angel und Devons Team wollen früher oder später noch Stress beginnen, und ob wir uns nicht doch mit ihr zusammentun wollen…“ Chris gluckste, und Eugene warf ihm einen schiefen Blick zu.

„Wollen sie?“

„Kein Plan. Bei Angel und Nero und so wärs doch aber nichts verwunderliches.“

„Also… sollten wir doch-“ Seine Worte gingen unter in Krachen und dem Schaben von Schuhsohlen über Felsstein unter. Ace konnte gar nicht schnell genug umschalten, als die Gestalt begleitet von Kieselregen in ihrer Mitte landete. Sie stoben reflexhaft zu den Seiten auseinander. Quentin, der nicht schnell genug war, gab einen protestierenden Laut von sich, als er gepackt wurde. Ace konnte gar nicht darüber nachdenken, ihm zu helfen. Stattdessen sah er sich im nächsten Moment von Chris bedrängt, der ihn zu Boden tackelte und versuchte, seine Schusswaffe zu entreißen.

„Du… blöder, verräterischer-!“ Ace schimpfte dumpf unter seiner Maske, während seine Finger fest um den Waffenlauf gedrückt wurden. Er sah schon vor seinem geistigen Auge, wie man sie ihm entriss, und zerrte verzweifelt dagegen an, bis ihm klar wurde, dass er seine Nahkampfwaffe noch am Gürtel trug.

Chris grunzte angestrengt und gab sein Bestes, Ace mit allem Gewicht zu Boden zu rangeln. Er war nicht aufmerksam genug zu sehen, wie sein Opfer mit ungelenken Fingern nach dem Gummimesser tastete. Wenige Sekunden später hielt Ace es in der Hand. Ohne Zögern rammte er das Messer in die Seite des Blonden, heftig genug, dass der zusammenzuckte und aufsah.

„…Wow, das ist jetzt schon irgendwie unfair-“

„Hände hoch!“ Chris ließ sich zurücksinken und hatte eine Hand auf seine fatale Nicht-Wunde gepresst. Als Ace sich aufrappelte und seine Waffe zückte, konnte er endlich ihren Angreifer ausmachen. Er fühlte sich nicht einmal verwundert.

„Und keine Bewegung!“, ergänzte Eugene mit aller Kraft und Aggressivität, die er aufzubieten hatte. Dank unglücklicher naturgegebener Stimmlage klang es eher ein wenig besorgt. Er hatte seine Pistole mit beiden Händen umgriffen und zielte zum Felsen, wo ein lebloser Quentin zusammengerutscht war, zu den Füßen von…

Verdammt nochmal. Ace weigerte sich zu glauben, dass diese Begegnung ein Zufall war. Das machte Nero doch absichtlich.

„…Ich beweg mich doch gar nicht?“

„Und du solltest es auch weiterhin nicht tun!“, bellte Eugene, wie um den Bedrohungsfaktor aufrecht zu erhalten, und stakste näher. Ace mühte sich auf die Beine und richtete seine eigene Waffe auf Nero, aber der machte tatsächlich wenig Anstalten zur Gegenwehr.

Sein Herz hämmerte noch immer. Irgendwie fürchtete er, dass das nicht nur Überraschung war.

Selbst, wenn er sich anfangs vorgenommen hatte, sich nicht von seinem Zimmernachbarn aus der Ruhe bringen zu lassen, hielt der Vorsatz nicht lange. Sobald Nero auch nur den Mund öffnete, war es, als könnte Ace sich auf nichts mehr konzentrieren außer die Stimme, die in seinem Kopf nachhallte.

„Ich stell diese Frage ja echt ungern, aber … warum genau habt ihr Masken auf?“

„Das ist so ein Rollenspiel-Ding“, wusste Chris beizusteuern. Ace schenkte ihm einen strafenden Blick, den er geflissentlich ignorierte. Nero hob die Brauen.

„Nett. Damit kenne ich mich aus.“

„Nicht die Art von Rollenspiel, man.“

„Oh. Schade.“ Chris lachte, während Ace beschloss, das Geflachse der beiden zu beenden, ehe es Überhand nahm. Seine Tuchmaske ließ er auf. Der Schaden war doch ohnehin schon angerichtet.

„Was exakt war das gerade? Dachtest du wirklich, du kannst hier reinkommen und drei Leute im Nahkampf besiegen?“, knurrte er und hoffte, dass es angriffslustig statt überfordert klang.

„Konnte ja nicht wissen, dass Chris so nutzlos sein würde-“

„Hey!“, protestierte der Junge und schien ernstlich verletzt von der Unterstellung.

„-aber nein, eigentlich war der Plan ein anderer. Mir ist nur bis kurz vor Schluss entgangen, dass die Scheißwaffe Ladehemmungen hat, wenn mans gerade am wenigsten gebrauchen kann.“ Chris brummelte immer noch, während Eugene Nero kurzerhand die Waffe vom Gürtel nahm, zum Boden zielte und abdrückte.

Sie beobachteten zu fünft, wie die Kugel auf dem Boden aufplatzte und ihre Farbspritzer vollkommen ungehemmt über Moos und Blattwerk verteilte.

„Ladehemmungen“, echote Ace nach kurzer Stille, weil Nero es nicht für offensichtlich hielt, das zu kommentieren. Stattdessen zuckte der Junge die Schultern.

„Sowas. Scheint wieder zu funktionieren. Pech muss man haben.“

Chris war immer noch nicht ganz darüber hinweggekommen, dass ihr perfekter Überfallsplan derart sabotiert worden war, und ließ sich fluchend gegen den Stein sinken. „Trotzdem! Dann schreib mir doch was oder so, und stürz hier nicht einfach rein, Alter! Und dann noch behaupten, dass es meine Schuld ist – was soll ich denn bitte machen, ohne Waffen?!“

„Ja… bisschen zu spät dafür.“ Neros Miene blieb ungerührt, und während Quentin – der sich als Toter wohl der Sprache verweigerte – wild gestikulierend versuchte, seine Meinung preiszugeben, begann Eugene gierig, die neu gelieferten Kugeln einzusacken. Chris seufzte tief.

„Und dir vertrau ich noch meine Masterpläne an! … Egal. Was solls. Ich bin mal beim Lager, was trinken. Bringt euch nicht um.“ Quentin schloss sich ihm an, mit niedergeschlagen hängendem Kopf, und entgegen aller Spielregeln wünschte sich Ace, die beiden Verstorbenen wären noch ein wenig länger geblieben. Er war bereits durcheinander genug, wenn er nicht allein war, und der bohrende Blick auf ihm machte es nicht besser.

Eugene merkte nichts von der Anspannung, die zwischen seinen beiden verbleibenden Begleitern herrschte, und fuhr fort, sich aktiv in seiner vermeintlichen Überlegenheitsposition wohlzufühlen. „Also, Gefangener… verrätst du uns so, wo dein Stimmenfrisbee ist, oder müssen wir erst unangenehm werden?“

Nero zog die Stirn kraus und wiederholte die Frage, die Ace sich im selben Moment still gestellt hatte. „Wie wollt ihr mir denn unangenehm werden?“ Eugene, der seine Ansprache ganz offenbar nicht bis zu diesem Punkt geplant hatte, schien einen Moment nach Ideen zu ringen.

„Das weißt du ganz genau!“

„Irgendwie nicht so, fürchte ich.“ Nach kurzem Schweigen ergänzte Nero: „Aber ich muss an der Stelle sagen, eine meiner großen Schwächen ist, wenn Leute mir all ihre Waffen und Munition aushändigen und sich dann für ein paar Sekunden umdrehen. Sowas hasse ich echt.“

„Ha-ha“, brummte Eugene. „Du würdest deinen Mund nicht so aufreißen, wenn du eine Ahnung hättest, was wir für Leute wie dich geplant haben.“ Sein Blick huschte kurz zu Ace und schien still darum zu betteln, dass er doch den Punkt mit der Planung übernehmen solle.

„Bitte, klär mich auf. Ich bin immer froh, dazuzulernen.“ Und Nero sah dabei auch noch komplett treuherzig aus. Ace seufzte in sich hinein und überlegte schon, mit welchen Worten er Eugene verklickern sollte, dass sie hier ihre Zeit verschwendeten, als sie die Stimmen hörten.

Die Mädchen unterhielten sich laut genug, dass anzunehmen war, das sie sie noch nicht bemerkt hatten. Ace versuchte Stimmen zuzuordnen, aber spätestens, als er das Stirnrunzeln bei Eugene sah, war ihm klar, dass es keine Verbündeten waren, die gerade an ihnen vorbeimarschierten.

Nach vorsichtigem Blickwechsel begannen Ace und Eugene, sich Schritt für Schritt weiter in den Felsschatten zurückzuziehen. Nero wurde mit der Waffe hinterhergewunken und folgte zu Aces Erleichterung tatsächlich, und erst, als die Stimmen nur noch verzerrt vom Walddickicht zu ihnen klangen, hielt Eugene inne und presste sich gegen den Stein.

„Was machen wir? Versuchen wir, die auch noch zu erwischen?“, murmelte Ace und kauerte sich hinter einen der umliegenden Baumstämme

Eugene hielt die Stimme zu einem Flüstern gesenkt. „Zu unsicher. Das könnten mehr sein als wir, wir müssten uns über offene Waldfläche nähern, und hier stünden wir mit dem Rücken zur Wand ... Wir könnten sie höchstens abfangen, wenn sie bis hierhin kommen, ohne uns zu bemerken. Damit hätten wir noch die besten Karten.“

Nero wackelte mit den Augenbrauen. „Ich könnte ja mal rufen.“ Eugene verengte den Blick.

„…Wir könnten dir Socken in den Mund stopfen.“

„Dir ist aber schon klar, dass die Waffen nicht wirklich echt sind und das hier ein Spiel ist, in dem du auf die Kooperation deiner Mitspieler angewiesen bist… ja?“ Und immer noch hing das lockere Lächeln in seinem Gesicht. Eugene fluchte leise, dann sah er wieder auf.

„Okay… ähm… Planänderung … ich gucke, dass ich sie weglocken und zurückkehren kann. Ace, du bleibst hier und passt auf die Geisel auf-“ Ace war dermaßen erleichtert, nicht Private Phantom genannt worden zu sein, dass ihm im ersten Moment gar nicht klar wurde, was der Rest des Satzes aussagte. „- und wenn er ruft, oder singt, oder sonst eine Scheiße macht, dann – weiß nicht, hau ihm eine runter oder so.“

„Oha. Schlag mich, Dadd-?“

„Ich glaube nicht, dass ich das will“, meinte Ace mit sehr fester Stimme, trotz der Tatsache, dass er Nero wirklich gerne eine Ohrfeige verpasst hätte. Es war nicht, dass er dessen dumme Witze nicht gewohnt wäre, aber die Angst, dass Nero einmal ein Wort zuviel preisgab, ließ keine beschwichtigenden Gedanken zu.

„Du schaffst das schon“, meinte Eugene. Ace fragte sich, wo er diesen Enthusiasmus hernahm, und als der Junge begann, sich am Felsen entlang zum Weg zu schleichen, sah Ace ihm lange nach. Es verschaffte ihm eine Ausrede, Neros Blicken auszuweichen. Ungefähr eine Minute, nachdem die letzten Zipfel der blauen Jacke endgültig zwischen den Bäumen verschwunden waren, begann die Stille an seinen Nerven zu nagen. Er drehte sich wieder um, starrte den moosbewachsenen Stein über ihrem sitzenden Gefangenen an und öffnete den Mund, um sie zu durchbrechen.

„…Ich habe das Bild gesehen.“ Ace wünschte, um seine Smalltalk-Skills wäre es besser bestellt. Dann wäre sowas nicht das erste, was ihm sein Kopf in Gesprächspausenpanik auf die Zunge legen würde. Neros Mundwinkel zuckten, und der Rest der Miene war wie üblich wunderbar abgestimmt und schwer zu durchschauen.

„Wow. Kannst du Spidey bitte sagen, dass sie eine miese kleine Petze ist?“ Trotz der Worte klang der Tonfall belustigt, nicht enttäuscht.

„Es war nicht besonders gut.“

„Ace, wenn du mich verletzen willst, kannst du mir auch einfach eine reinhauen. Kein Grund, so fies zu werden.“ Ace spürte sich lächeln, obwohl er es eigentlich besser wissen sollte. Zumindest ließ ihn das Tuch über seinem Gesicht eine kühle Miene wahren.

„…Es war ein Smiley und zwei Strichfiguren, die Händchen halten. Dein Kopf war unten viereckig und meiner sah aus, als würde er vor Innendruck gleich zur Seite wegplatzen.“

„Aber-“ Und Nero strahlte bei diesen Worten. „-du hast erkannt, wer wer ist.“

„Als ob das schwer wäre! Die eine Figur war größer als die andere!“

„Ah, nicht wirklich, ich hab schon versucht, die realen Größenverhältnisse wegzulassen. Ansonsten hätte es mit deinen 1,40 auch irgendwie komisch ausgesehen…“

„…Ich bin eins dreiundsiebzig“, knurrte Ace, während er sich noch einredete, dass es ihm gelang, sich nicht provozieren zu lassen.

„Als ob! Wo willst du die letzten dreißig Zentimeter bitte hernehmen? Ich hab ja mehr in der Hose, als du groß bist!“ Es war schwer, einen ernsten Tonfall an den Tag zu legen, wenn Nero die größten Dummheiten als diskussionswürdige Fakten in die Welt stellte, aber Ace schaffte es trotzdem.

„Hast du nicht.“

„Kannst du gar nicht wissen, du hast ihn nie gesehen.“

„Dir ist schon klar, dass wir uns jahrelang in derselben Sport-Umkleide umgezogen haben, oder?“

„Aww.“ Nero verschränkte die Hände hinter dem Kopf und grinste auch noch, als hätte er gewonnen. „Also hast du geguckt?“

„Nein!“ Ace grollte mit erhitzten Wangen und umklammerte den Lauf seiner Plastikwaffe, als würde sie ihm einen Hauch von Überlegenheit in der Situation lassen. „Ich würde niemals… – nicht so, wie du mich – ich guck mir nur Kerle an, die ich mag!“ Bevor Nero auch nur auf den Gedanken kommen konnte, das Thema zu vertiefen, fügte er hinzu: „Außerdem geht es darum gar nicht. Ich bin nur hier, um herauszufinden, wo eure blöde Gebietsurkunde steckt.“

„Na dann…“ Nero streckte die Beine aus, mit dem gewohnten trägen Halblächeln im Gesicht. Er sah von seinem niedrigen Felssitzplatz zu Ace auf, als wäre er derjenige, der die Waffe in der Hand tragen würde, und nicht andersrum. „Finds mal raus.“ Ace schluckte. Dafür, dass er vorhin noch den Kopf über Eugene geschüttelt hatte, stellte er nun fest, dass es wirklich beängstigend war, derjenige sein zu müssen, der die Initiative ergriff.

„Sag es… oder ich… mach was Schlimmes?“ Nero gluckste.

„Komm schon. Das kannst sogar du besser.“

„Das war schon gut! … Nicht jeder fühlt sich so wohl damit, andere Leute unter Druck zu setzen wie du. Arschloch.“ Ah. Und er war wieder beim Schimpfen. Zumindest hatte die Aggressivität den Vorteil, dass sie ersetzte, was ihm an Selbstbewusstsein verloren ging. Ace straffte die Schultern, während er versuchte, sich noch einmal mit festerer Stimme zu erkundigen: „Also, wo ist sie?“

Keine Antwort. Gehobene Brauen, schiefes Lächeln, unergründliche Augen.

„Du solltest reden, oder du wirst es bereuen“, knurrte Ace und richtete die Pistole auf Nero, während er sich selbst nicht einmal sicher war, was er hier spielte.

„Ist dem so.“ Herablassung färbte die Stimme, und Belustigung, und der Junge vor ihm verströmte eine Selbstzufriedenheit, als könnte er am Boden sein und würde immer noch keinen Zweifel haben, dass der Rest der Welt nur zu seinen Füßen Platz hatte. Ein Teil von Ace wollte schimpfen, dass Nero keinen Grund hatte, so mit sich im Reinen zu sein nach allem, was er sich geleistet hatte. Es war gleichzeitig abstoßend und… und-

Gottverdammt nochmal. Kannst du ein einziges Mal keine Memme sein und Nero einfach deutlich machen, was du von ihm hältst?

„Ja. Ist es.“ Ace schritt näher, baute sich mit der gezückten Waffe vor Nero auf und legte die linke Hand auf dessen Augen. Er musste keine Kraft aufwenden, um den Kopf des Jungen gegen den Felsen zu drücken, und ließ sich vor ihm ein wenig auf die Knie sinken. Jetzt, wo Nero selbst nichts mehr sehen konnte, fiel ihm das Anschauen um einiges leichter. „Du-“ Seine Stimme klang belegt, fiel ihm auf. Ace versuchte es zu ignorieren und einfach weiterzusprechen. „-kannst von Glück reden, dass ich diesmal kein Kissen zur Hand habe.“ Dann gab er seinem Herzklopfen nach und legte seine Lippen auf die von Nero.

War es dumm, seinen Impulsen nachzugeben? Wahrscheinlich ja. Würde er dasselbe tun, wenn er nochmal vor der Wahl stünde? … In jeder Version der Ereignisse, die Ace sich ausmalen konnte, schon.

Neros Lippen waren weich, und der Kuss so sanft, dass Ace sich fragte, warum sein Herz dennoch so heftig klopfte, dass es fast weh tun wollte. Einen Moment lang war er unsicher, ob er zu weit gegangen war. Im nächsten spürte er, wie der Körper unter ihm sich gemächlich bewegte, und eine Hand grub sich in seinen Haarschopf, um Ace an Ort und Stelle zu fixieren. Die andere schlang sich um seine Taille und zog ihn näher. Ace war, als wolle ihn schwindelig werden von all den Eindrücken, als er spürte, wie jemand sachte auf seine Unterlippe biss und daran sog.

Seine Gedanken kreisten. Manche waren banal – Schmeckt nach Mensch, nicht nach Aschenbecher. Sowas. oder Wie geliefert sind wir, wenn Eugene uns hier erwischt? – und andere waren weniger schlüssig ausformuliert, aber dafür umso lauter. Holy Shit holy Shit holy shit ich küsse einen Jungen einen echten Jungen das fühlt sich so gut an ich glaube ich bin verliebt, immer noch- Er war sich nur halb bewusst, wie er den Mund öffnete, und spürte eine fremde Zunge träge die Konturen seiner Lippen nachfahren. Ace hatte Küssen immer für etwas gehalten, dass eher romantisch als sexy war, und deswegen war er fast verwirrt, als er das Prickeln an seinem Rückgrat bemerkte, dass sich bis in seinen Unterleib fortsetzte. Er fühlte sich Anschwellen und war nicht einmal in der Lage, sich wirklich Sorgen darum zu machen.

Mehr.

Ace drückte sich gegen den fremden Körper, der alles gleichzeitig schien. Warm, und fremd, und vertraut, und bedrohlich, und schützend, und aufregend… Er stützte die Hände am Felsen zu Seiten von Nero ab und brummte einen Moment verdrossen gegen seine Lippen, als er spürte, wie der Griff in seinem Haar sich löste.

Zwei Sekunden später spürte er den Ruck an der Hüfte, und auf einen Knall folgte der Platscher von Farbe, die ihm bis auf die Wange spritzte. Ace rutschte zurück, und trotzdem brauchte es ein wenig, bis er sich blinzelnd wieder gesammelt hatte und in der Lage war, wieder Worte zu formen.

„…Ich. Hasse. Dich.“ Nero lachte, mit roten Lippen, rotzfrechem Grinsen im Gesicht und Aces gestohlener Waffe in der Hand.

„Komm schon! Erzähl mir nicht, dass du so einer Gelegenheit widerstanden hättest!“ Ace sah kurz an sich herunter, wo ein großer, gelber Fleck auf seiner Lebenspunkte-Weste prangte, und schmierte sich die Farbtupfer unbeholfen vom Kinn. Er wäre gar nicht in der Lage gewesen, auch nur auf die Gelegenheit zu achten, aber das ließ er lieber unerwähnt.

Stattdessen rümpfte er die Nase und knurrte: „Du bist ein miserabler Küsser.“ Und Flirten konnte Nero auch nicht! Strichmännchen, Peniswitze und andauernde Provokation galt sicherlich in keinem Regelwerk der Welt als valide Taktik.

„Ach, bist du deshalb hart geworden?“ Nero kam auf die Beine, schon wieder um einiges lebendiger als gerade eben noch, befestigte die jüngst erlangte Pistole an seinem Gürtel und überließ es Ace, zu schweigen und mit rasendem Herzen nach einer Ausrede zu suchen. Auf die Schnelle fand er keine. Stattdessen sah er mit großen Augen zu Nero auf, als der nähertrottete und ihm fast im Vorbeilaufen den Kopf tätschelte. „Nimms nicht so schwer, hast noch nen Lebenspunkt übrig. Und über den Rest…“ Er hielt in seinem Lauf ganz kurz inne, die Stirn in Falten gezogen. „…Reden wir noch.“


________________________________________________________
Eines folgt noch. Und ja, das hier ist länger, weil ich gehört habe, dass ich andernfalls womöglich ein Leserherz breche x)
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast