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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
10.07.2019
23.11.2020
52
300.342
139
Alle Kapitel
404 Reviews
Dieses Kapitel
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22.11.2020 6.093
 
Ace war sich nicht sicher, ob Nero das aus Unbedachtheit oder mit Absicht machte, aber seine Nachrichten blieben unbeantwortet und das Online-Symbol ausgegraut. Es kostete einige Überwindung, aber schließlich wurde es ihm zu doof und Ace wechselte auf seinen Zweitaccount, um Nero zu entblocken und auf seinem regulären Profil anzuschreiben. Er war sich nicht sicher, was das in ihm auslöste – zu viel Nero, zu wenig Para, meckerte sein Bauchgefühl. Ace scrollte vorbei an dummen Statusmeldungen und Bildersammlungen und blickte in Gesichter, bei denen sich sein Magen zusammenziehen wollte. Immer noch. Das nervöse Flattern in seinem Bauch waren eher Nachtfalter statt Schmetterlinge. Teils wollte er erleichtert sein, dass er Nero immer noch auf die gewohnte Weise betrachten konnte, und gleichzeitig wollte es eine unerklärliche, unbestimmte Traurigkeit in ihm wecken.

Ace.J: Mach. Das. Nicht. Nochmal.

Die Antwort kam innerhalb von Sekunden. Er war sich nicht sicher, ob das erleichternd oder ärgerlich war. Seine eigene Aufmerksamkeit galt inzwischen nur noch dem Chat; Aces Gruppe schien ohnehin die Letzte, die versucht hatte, etwas Vernünftiges zusammenzuspielen. Inzwischen waren seine Mitschüler dabei, sich in ihren Stücken an Absurdität oder kompletter Verweigerung zu übertreffen. Aufzupassen lohnte sich schon lange nicht mehr.

RX_Nero: hm?

Ace.J: Du weißt, was ich meine. Gerade eben <.<

RX_Nero: ._.

RX_Nero: chill

RX_Nero: es war ein witz

Für ihn und seine Freunde vielleicht. Solange es um Nero ging, war alles witzig. Und dann wurde es noch einmal lustiger, sobald irgendwer eine Chance sah, Ace damit lächerlich zu machen. Anders als beliebte Footballstars fühlte er sich aber nicht dickhäutig genug, um das mit Lachen und einem dummen Spruch wegzuwischen.

RX_Nero: du bist ein sehr maskuliner boi und ich würde nie was anderes behaupten

Ace.J: Man! <.< darum geht’s mir nicht. Du kannst nicht einfach solche Dinge raushauen! Und dann auch noch meinen Namen nennen… Was, wenn einer was bemerkt oder geahnt hätte oder jetzt ahnt oder dumme Sprüche macht oder allgemein irgendwas?!

Ace lauschte in sich hinein und versuchte zu erraten, was das Magenschlingern unter der Wut ihm zu verraten versuchte. Bildete er sich das nur ein, oder blieb das Para-Gefühl weg? Wenn da nichts anderes außer reine Ablehnung in ihm war… dann war das erleichternd, oder? Keine unerwünschten Träume mehr, kein abwartendes Starren auf Handybildschirme, kein Herzklopfen, wenn man sich im selben Zimmer aufhielt – es hieß, dass sich auf lange Zeit alles normalisieren würde, nicht wahr?

Weil ich verfickt nochmal in dich verknallt bin, und du Spaß daran hast, mixed signals bis zum jüngsten Tag zu senden.

Er schluckte und versuchte die Worte von sich zu schieben. Nero war beim Schreiben offensichtlich sturzbetrunken gewesen, also hatte da doch ohnehin nur Alkohol und Experimentierfreude aus ihm gesprochen. Kein Grund, sich Sorgen zu machen. Kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben.

RX_Nero: auf die gefahr hin mich zu wiederholen…

RX_Nero: chill

RX_Nero: der teil mit fuckface ist mir rausgerutscht, ehe ich zuende gedacht habe :x

RX_Nero: wollte eigentlich eher sehen, wie devon auf den gedanken von mir & nem kerl reagiert. könnte ja irgendwann nochmal relevant werden

„- in der Aufgabenstellung stand was von vier Mädchenrollen, und sie erwarten ehrlich, dass wir da irgendwas zusammenspielen? Kann ja sein, dass andere sich gerne lächerlich machen, aber sorry, ich steh da nicht so drauf-!“, schimpfte Chris in ihrer Mitte noch mit Herzblut, während Ace die Stirn runzelte und sein Kinn gegen die Handfläche stützte.

Womöglich hatte Nero ihm gar keine Angst einjagen wollen. Nur leider mischten Aces eigene, unruhige Alpträume mit und wussten, wie man sein Gehirn im Fluchtmodus hielt. Sich dann auch noch auf das Einfühlvermögen von einem Typen verlassen zu müssen, der nicht einmal ein Gewissen besaß, war eine beängstigende Kombination. Ace biss sich auf die Lippen, ehe seine Finger wieder über die Handytastatur huschten.

Ace.J: Dir ist klar, dass er das nur für nen Witz hielt und real vielleicht ganz anders reagiert? Ich will ja nicht sagen, dass das verschwendete Mühe war, aber …

Ace.J: Außerdem fehlt dir zu diesem Szenario der Kerl, der Bock auf dich hat :p

Ace hatte auf Senden geklickt und wollte die Worte im nächsten Moment schon wieder zurücknehmen, trotz seines Zorns. Warum machst du das?, schimpfte sein eigener Kopf. Vielleicht fühlt Nero ja doch irgendwas. Warum musst du dann gleich nochmal nachtreten? Gegen wen oder was versuchst du da anzukämpfen?

RX_Nero: ?

RX_Nero: icy, du bist nicht das einzige wesen mit penis auf dieser welt. mach dir darum mal keine sorgen

…Oh, ja. Das kam noch hinzu. Nero war ziemlich geübt im Zurücktreten. Ace starrte auf die Worte und versuchte sich zu erzählen, dass die plötzliche Vorstellung von Para und irgendeinem anderen Jungen nicht ganz kurz dafür gesorgt hatte, dass sich seine Kehle verengte. Er konnte nicht einmal benennen, wieso. Es war nicht, dass Ace Besitzansprüche anmeldete… Er wollte … wollte doch gar nicht… wollte irgendwas.

Seine Zähne gruben sich in seinen Handrücken, damit seine Gedanken aufhörten zu kreisen. Alles in seinem Kopf schien es sich zum Ziel zu machen, ihn noch mehr zu verwirren, noch mehr durcheinander zu bringen und gegen Nero zu hetzen. Denn wenn er nicht sauer auf den sein konnte, wäre er sauer auf sich selbst, und das fühlte sich schlimmer an. Was hatte er getan, um diesen Mist zu verdienen? Warum konnte er sich nicht einmal entscheiden? Warum konnte er nicht wenigstens rauskriegen, wo er stand?

Ace verdrängte seine enge Kehle, das schwere Gefühl in seiner Brust und konzentrierte sich auf seine Gereiztheit. Wut war ein sehr angenehmes Gefühl, denn sie war unkompliziert und sorgte dafür, dass er sich nicht erbärmlich fühlen musste.

RX_Nero: ansonsten … ja und nein. ich erklärs dirn andermal.

RX_Nero: aber leuten dinge als witz näherzubringen hilft, sie an den gedanken zu gewöhnen, ehe dus dann tatsächlich durchziehst

RX_Nero: themawechsel. brauchste gerade ego-gestreichle?

Ace runzelte die Stirn ein wenig, und dann noch mehr, als von Neros Seite eine Datei hochgeladen wurde. ‚Du bist ein widerlicher Dreckskerl und ich hasse alles an dir.mp3‘ war ein aussagekräftiger Titel, aber keiner, den er zuzuordnen wusste, und die Tatsache, dass die Aufnahme gute 32 Minuten lang schien, half ihm nicht weiter.

Ace.J: ?

RX_Nero: spidey :D

RX_Nero: ist mad

RX_Nero: ich gehe mal davon aus, ein drittel der sprechzeit geht dafür drauf, mir zu erklären, was für ein ganz ganz ganz toller wunderbarer mensch du bist, also viel spaß o/

Oh Gott. Ja. Davon hatte sie geredet. Ace spürte, wie seine Augen sich weiteten.

So sehr es ihm gefallen wollte, dass das Mädchen sich ohne jedes Zögern auf seine Seite schlug, hätte er sich doch eine behutsamere Vorgehensweise von ihr gewünscht – nein, er hätte selbst behutsamer sein sollen, oder zumindest hübschere Worte finden, statt ihr die Wahrheit so unverblümt um die Ohren zu schlagen. Natürlich machte sie sich da Sorgen, und natürlich ging sie erstmal vom Schlimmsten aus, und wenn das jetzt für alle Zeiten einen riesigen Keil in die Gilde treiben würde, war das allein seine Schuld…

Nein. Nein, verdammt, war es nicht. Er hatte nicht darum gebeten, jemals von Nero so behandelt zu werden, wie der es getan hatte. Wenn überhaupt, dann trafen ihn vielleicht 10 Prozent der Gesamtschuld. Irgendwann musste es doch Konsequenzen geben, wenn man sich immer wie ein Arschloch benahm! Und er sollte sich freuen, wenn Nero die Quittung für seine Taten bekam, nicht wahr?

Ace schluckte, rieb seine Fingerknöchel über seine Stirn und konzentrierte sich darauf, weiter wütend zu sein. Er wollte nicht nachdenken müssen. Er wollte sich keine Sorgen machen müssen. Und dem Dateinamen nach mochte es ohnehin zu spät für Eindämmungsmaßnahmen sein.

Ace.J: Mist. Ich wollte nicht, dass sie das für mich austrägt

RX_Nero: kommt n bisschen spät, hm?

RX_Nero: aber keine panik, die kriegt sich wieder ein. wenn ich zurückkomme und sie noch existent ist, zieh ich sie mal für ein paar stunden in nen channel, wir quasseln ne runde, und hinterher hat sich alles erledigt

Das klang weit optimistischer, als Ace die Lage einschätzte. Er war so ins Tippen vertieft, dass das Stück vorne komplett vergessen war und er aufschreckte, als einer der Schauspieler sich mit einem „Mach mal Platz, Fuckface“ an ihm vorbeidrängelte. Ace ließ das Handy sinken und brauchte ein paar Atemzüge, bis sein Herzschlag ruhig genug zum Weiterschreiben war.

Ace.J: Es wäre klüger, wenn du jetzt antwortest.

RX_Nero: keine lust x.x

RX_Nero: das sind 33 minuten meiner lebenszeit, und wir werden genau dasselbe zeug eh nochmal im gespräch durchkauen

RX_Nero: einmal reicht ja wohl

Er war sich nicht sicher, wieso die Wut in ihm so rasch wieder aufkochte – vielleicht wegen Nero, der es wie immer schaffte, nicht mehr als einen halben Gedanken an die Leute in seinem Lebensumfeld zu verschwenden. Vielleicht auch wegen sich selbst. Vielleicht hasste Ace den Teil von sich, der das las und sich stolz fühlte, weil er glaubte, dass Nero die Nachricht angehört hätte, wenn sein Name darüber gestanden hätte.

Ace.J: Alter. Hör dir das jetzt an und antworte ihr. Ich weiß, dein Gehirn hat ne Macke und redet dir ein, dass du immer und überall und jederzeit im Recht sein musst, aber das ist kein Grund, sie jetzt so hängenzulassen. Das ist arschig und respektlos, vor allem für jemanden, der sonst so gerne jammert, dass Spidey dich durchs Glasfaserkabel verprügelt, wenn du mich auch nur schief anschaust.

Das Schimpfen fühlte sich befriedigend an. Wut war so ein simples, unkompliziertes Ventil, durch das man jede Komplexität verdrängen und sich einreden konnte, dass es um den ganzen Rest seines Emotionsspektrums gar nicht so schlimm stand, wie das eigentlich der Fall sein mochte.

RX_Nero: ._.

RX_Nero: das sind dinge, die man sagt, damit das spinnchen sich geliebt und gewertschätzt fühlt. nicht, weils mich wirklich juckt, was sie von meinen aktionen hält

RX_Nero: und sie ist nicht so dumm, dass sie das nicht wüsste.

RX_Nero: was sie mir da geschickt hat, sind 32 minuten gewissensberuhigung, weil sie sehr genau weiß, dass ich kein guter mensch bin, und es sie nie gescherrt hat, bis sie dich kennenlernen durfte

Ace wusste nicht, ob Nero das mit Absicht machte, aber wie üblich fand er genau den richtigen Katalysator, um die Flammen seines Zorns noch einmal höher flackern zu lassen – sei das nun der herablassende Tonfall oder die Tatsache, dass er es wagte, Spidey als nicht-perfekten Menschen hinzustellen. Er war schon wieder am Tippen, ohne auch nur vorher sein Gehirn konsultiert zu haben.

Ace.J: Uhh, ich bin Nero, und weil ich selbst ein unsensibles Arschloch bin, muss ich davon ausgehen, dass alle anderen genauso sind. Wäre ja furchtbar, wenn es Leute auf diesem Planeten gäbe, die einfach nur gut sind, ganz ohne hundert Hintergedanken.

Ace.J: Weißt du was? Wenn sie wegen dir nichts mehr mit uns zu tun haben will, hast du es auch nicht verdient, den Rest zu behalten. Du hast es nicht verdient, dass überhaupt jemand auf dich hört. Es ist allgemein bescheuert, dass Menschen auf dich hören und dich respektieren, während du keine zwei Gedanken an sie verschwendest und manchmal richtig eklig mit ihnen umspringst.

Ace.J: Also jammer gerne rum, aber mach was. Denn Spidey ist ein unglaublich toller, unglaublich starker Mensch, von dem besonders du dir ne Scheibe abschneiden solltest. Nur weil sie kein absolut fieser großmäuliger Draufgänger ist wie deine anderen Kumpels, hast du kein Recht, so über sie zu denken und sie so zu behandeln. Du solltest verdammt nochmal glücklich sein, dass sie jemanden wie dich in ihrer Umgebung duldet. Also reiß dich einmal zusammen, hör dir das Zeug an und antworte ihr. Es ist nicht fair, dass du sowas mit ihren Gefühlen machst, sie andauernd verwirrst und sie in eine Lage zwingst, in der sie gar nicht mehr weiß, wer sie eigentlich ist und was richtig oder falsch i-

Ace hielt inne, dann löschte er den letzten Satz. Es gab ohnehin schon zu viele Stimmen in seinem Kopf, die wisperten, dass es ihm selbst doch um was ganz anderes ging und er endlich aufhören solle, sich hinter Angriffen und Spinnenmädchen zu verstecken.

RX_Nero: … ah ja

Und dabei blieb es. Ace kaute auf seiner Lippe und blickte immer wieder verstohlen in die zweite Hälfte des Raumes, aber Nero sah nicht aus, als hätte er vor, da noch ein paar entschuldigende oder erklärende Absätze hinzuzufügen. Er sah nicht einmal auf sein Handy. Mit einem leisen Schnauben machte sich Ace noch einmal ans Tippen.

Ace.J: Ah ja. Und das ist alles, was du zu sagen hast?

Ace.J: Manchmal frag ich mich echt, wie es irgendeinen von uns lange bei dir halten konnte. Dich in andere einfühlen und ihnen das Leben nicht extra-beschissen und kompliziert zu machen scheint ja echt unmöglich für dich. Genauso wie auch nur zwei Sekunden deiner Zeit an sie verschwenden, wenn es ihnen einmal nicht perfekt geht.

Ace.J: Und ich hab eine Heidenangst vor dem Moment, in dem Spidey verschwinden wird, denn seien wir ehrlich – sie hats nicht nötig, mit so kaputten Leuten rumzuhängen. Sie hats nicht nötig, sich mit jemandem wie dir abzugeben, der nur von ihr hören will, wenn sie gute Laune hat und dir keine Probleme macht. Spidey hat mehr verdient.

Und es ging hier nur um Spidey. Nur um Spidey, nur um Spidey, es war okay, ein bisschen zu schimpfen, denn immerhin schimpfte er stellvertretend für eine andere Person, das machte es in Ordnung, das machte es moralisch vertretbar, denn hier ging es nur um Dinge, die weit entfernt lagen von Aces eigenen, magenzerwühlenden, möglicherweise selbst verursachten Problemen mit –

Er spürte sein Herz für einen Schlag aussetzen, als Nero das Handy anhob und mit gerunzelter Stirn auf den Bildschirm sah.

RX_Nero: ok, wenn du es so willst…

RX_Nero: devi ist ein liebes ding. ich mag sie, weil sie dafür sorgt, dass sich die leute in unserem clan wohlfühlen und es nicht andauernd drama gibt, weil sie sich ganz vom selbst ums zwischenmenschliche kümmert

RX_Nero: außerdem ist sie ein labiles, unsicheres mädchen, dass sich tagsüber nicht aus dem haus wagt und deren einzige sozialkontakte außerhalb ihres jobs ein rudel gesichtslose jungs auf einem anderen kontinent sind, für die sie sogar ihren kompletten schlafrhythmus umstellt

RX_Nero: ich bin mir ziemlich sicher, dass sie bei uns bleiben wird. nicht, weil ich son anziehender kerl bin, sondern weil sie einsam wie sonstwas ist und ihre abgefuckte familie es nicht besser macht. das mädchen hat so heftigen bedarf auf menschliche wärme und anerkennung, die verzeiht sogar dodge jedes mal, wenn der ihr scheiße um die ohren haut und hinterher heulend ankommt

RX_Nero: du machst sie in deinem kopf zu ner heiligenfigur, und darauf steht sie, und traut sich nicht dir zu sagen, dass sie auch nurn mensch ist und menschliche fehler hat. wär ja furchtbar, wenn ihr kleiner schützling merken würde, dass sie nicht perfekt ist und es ihr ziemlich beschissen geht

RX_Nero: was ich im gegensatz zu dir weiß, weil ich mich gelegentlich mit Leuten unterhalte (und nicht nur, wenn ich horny auf ihre stimmen bin) und sie darauf anspreche, wenn ich merke, dass sie mir bullshit vormachen

RX_Nero: ich finds süß, wie ihr beiden euch gegenseitig aufbaut, aber komm mir nicht an und erzähl mir, ich würd meine leute nicht kennen. spidey hat dieses zeug nicht für mich eingesprochen, sondern für sich selbst, um im eifer des moments rumzuranten. je nachdem, wie schlimm es ist, wird sie ganz erleichtert sein, wenn ich sie niemals auf die inhalte dieses textes anspreche, sondern wir das ein andermal und in ruhigerer atmosphäre bereden

Mit jedem Pling spürte Ace seinen Magen tiefer sacken. Spidey… ging es schlecht? Sie fühlte sich unglücklich? Und dabei hätte er vor kurzem noch behauptet, dass sie diejenige aus der Gilde war, die ihr Leben am ehesten im Griff zu haben schien, zumindest unter den jüngeren Mitgliedern… und hatte er sie überhaupt jemals danach gefragt, in all den Stunden, die er sich bei ihr ausgeheult hatte? Oder war er zu beschäftigt damit, zu überlegen, wie er ein wenig Zeit allein mit Para bekommen konnte … nur weil Ace nicht genug von seiner Stimme bekam? Okay. Die Kritik war gerechtfertigt. Nero hätte sie nur auf eine Art und Weise verpacken können, in der sie weniger schmerzte.

Sicher, Ace hatte sich nach Spideys Alltag erkundigt und wie es ihr ging, aber wenn er jetzt zurückdachte, waren die Antworten doch immer sehr einsilbig ausgefallen. Alles super hier. Mach dir keine Sorgen. Erzähl mir lieber über dich. Ich hab das im Griff. Ace blinzelte, während die Wut in ihm schon wieder erlosch und ihn überfordert und mit dem nagenden Gefühl von Scham zurückließ. Großartig. Es gab eine handvoll Menschen, die für ihn da sein wollten, und den einen beschimpfte er, während er die andere als emotionalen Kotzeimer ausnutzte, ohne jemals überprüft zu haben, wie es ihr selbst eigentlich ging.

Kein Wunder, dass er als schwieriger Umgang galt. Kein Wunder, dass –

Ace richtete sich auf, zwang sich zum Durchatmen und konzentrieren. Jetzt war ja wohl der absolut letzte Moment für sein dämliches Selbstmitleid. Er könnte auch ausnahmsweise mal versuchen, an andere zu denken.

Vor ihm entließ Mrs. Hill die letzte Gruppe und bewegte sich für die auswertende Diskussion in ihre Mitte, aber er sah nicht einmal hin, sondern spürte, wie seine Gedanken sich drehten und Wörter und Bilder durch seinen Kopf schwammen. Er konnte sich an keinem wirklich festhalten. Ohne die dünne Schutzplane seiner Wut fühlte sich sein Inneres erneut dem tosenden Sturm freigegeben.

Entschuldigung. Ich will doch auch nicht so zu dir sein. Ich bin nur sauer. Und verwirrt. Vor allem verwirrt. Die ganze Scheißwelt macht keinen Sinn mehr für mich, und meine Gefühle schlagen andauernd von einem Extrem ins andere, und ich weiß nicht, was ich dagegen machen soll.

Ich glaube, dass es mies von mir ist, dass ich dir jede Art von Antwort, oder Hoffnung, oder Abschluss verweigere und mich zu dem ganzen Verliebt-Thema einfach ausschweige, aber ich hab zuviel Angst, irgendwas zu sagen, was ne Stunde später schon wieder nicht zutrifft. Was soll ich denn machen, wenn es dazu kommt? Wie würde man sich aus so einer Situation rauswinden? Lieber treffe ich gar keine endgültige Aussage.

Und ich weiß nicht, wie ich das jemandem begreiflich machen soll, der gar nichts fühlt.

Ich möchte dich nicht dauernd angreifen, aber es passiert trotzdem, und manchmal auch nur deswegen, weil du der eine Mensch bist, dem gegenüber ich mich traue, offen zu reden. Bitte hass mich nicht dafür.

In Anbetracht der Tatsache, dass Ace normalerweise sehr begabt darin war, Nero bis zum Erbrechen zuzutexten, fühlte er sich diesmal wie gelähmt. Er war ängstlich und wusste nicht wieso. Jeder rationale Teil in ihm empfahl, endlich reinen Tisch zu machen, und gleichzeitig wisperten hässliche Stimmen in seinem Kopf, dass er es nicht tun solle, dass es nicht gut enden würde, dass Nero ihn anlog, ihn sowieso verachtete, alle ihn leid waren, er unweigerlich irgendwen enttäuschen oder verletzen würde, dass Ace’s inkohärente Satzfetzen erbärmlich erschienen und die Welt ihn nicht mehr mögen würde, sobald sie begriff, was für ein Wrack er war-

Ace.J: Entschuldigung.

Weiter kam er nicht. Ace steckte das Handy weg und blinzelte sich die Augen trocken, während er lauschte, wie seine Lehrer gemeinsam mit den letzten motivierten Klassenkameraden die Stücke auswerteten. Er versuchte, aus den Augenwinkeln zu Nero herüberzublicken, aber der hatte sein Handy schon lange wieder weggesteckt und alberte mit Devon herum.



„Du kommst jetzt doch mit?“ Quinn hielt die Stimme gesenkt und wisperte mit Angel, die mit Leidensmiene das Shirt entfaltete, dass Quinn ihr in die Hand gedrückt hatte. „Ich dachte, du wolltest einen auf Anya machen?“ Anya hatte die Worte ‚Müll sammeln‘ gehört und spontan beschlossen, dass ihre Regelschmerzen am heutigen Tag so unglaublich furchtbar waren, dass sie sich nicht einmal aus dem Bett bewegen konnte, ohne zusammenzubrechen und bemitleidenswert zu wimmern. Die Lehrer erlaubten ihr, im Camp zu bleiben.

„Wollte ich.“ Angel seufzte tief. „Nur leider war ich so blöd, Keighley auf der Toilette davon zu erzählen, und als ich gerade fertig bin, Lidstrich zuende zu ziehen, kommt die Hill aus einer der Kabinen.“ Sie verzog die Miene, als sie die Ärmel des Kleidungsstückes auseinanderfaltete. Wie so einige Stücke aus Quinns Kleiderschrank war es pastellbunt, mit künstlerischen Wicca-Symbolen verziert und stellte in seiner Gesamtheit einen kompletten Stilbruch zu Angels üblicher Aufmachung dar. Hier und da waren subtile Farbspritzer verteilt, weil Quinn die Shirts auch beim Malen gerne trug.

„Das ist natürlich Pech“, murmelte Quinn, während Angel das Shirt über ihre Bluse zerrte. Es war lang genug, dass Quinn es gerne als Kleid trug, aber bei ihrer Freundin schien der Stoff kaum über den Hintern der mehr als figurbetonenden Leggins zu reichen. Gemessen daran, dass ihre restlichen Klassenkameraden in Schlaf- und Schlabberkleidung steckten, würde Angel zumindest ihr gewohntes Maß an Aufmerksamkeit bekommen.

„Ich find das so bescheuert“, klagte Jessica auf dem Sitz neben ihnen. „Ich meine, das hier sind meine einzigen Schlafklamotten. Was soll ich denn bitte machen, wenn die wirklich dreckig werden und ich dann gar nichts mehr habe?“

„Soll ich dir nen Hinweis geben?“, erkundigte sich Sean dahinter, und sein Tonfall ließ den Rest des Satzes schon erahnen. Angel verdrehte die Augen.

„Ist dieser Hinweis ganz zufällig, dass wir alle nackt schlafen sollten?“

„Ohaaa, also, der Vorschlag kam jetzt von dir-“ Angel ignorierte ihn schon wieder, verschränkte die Arme und sah auf die Landschaft, die an den Fenstern des Minibusses vorbeistrich.

„Wollten wir nicht eigentlich nur zum Seeufer runter?“, erkundigte sich Jessica, die ähnlich angestrengt aus dem Fenster starrte. Die Studentin, die am Steuer ihres Mini-Busses saß, nahm das als Anlass, sich zu Wort zu melden.

„Das war ursprünglich der Plan, aber wir haben mit euren Lehrern geredet und beschlossen, dass doch lieber auf morgen zu verschieben. So schlammig und unübersichtlich, wie das Gelände heute noch ist, würde die ganze Aktion nur unnötig kompliziert sein.“

Angel ächzte, wie großartig es wäre, dass man ihnen jetzt auch noch Halloween mit Müllsammeln versauen wollte. Quinn beugte sich neugierig vor. „Was machen wir stattdessen?“ Ihre Fahrerin lachte.

„Das seht ihr gleich, wenn wir da sind.“



„Fuuuuuuck“, meinte Devon, und als wären seine leuchtenden Augen nicht Hinweis genug, machte sein Tonfall eindeutig klar, dass dieses ‚Fuck‘ zu den besseren seiner Art gehörte. Nero hätte sich gerne mit ihm gefreut, aber irgendwie schien der Zeiger in seinem Kopf gerade auf miese Laune gerichtet, und kein Ausmaß an Alkohol, Weed, Nahrung oder ablenkenden Gesprächen schien das ändern zu können. Für jemanden, der in seinem Bedürfnisspektrum normalerweise nur zwischen hungrig, durstig, gelangweilt, genervt, müde und horny unterschied, war das ungewohnt, und er gelangte langsam an einem Punkt, an dem er nicht weiterwusste. Nero hatte sehr flächendeckend versucht, sich um all diese Bedürfnisse zu kümmern - bis auf den Teil mit dem horny, ausnahmsweise – und die Tatsache, dass er sich immer noch irgendwie beschissen fühlte, war irritierend und bereitete ihm Unbehagen.

Er ahnte, woran es liegen mochte, und gab gleichzeitig sein Bestes, keinen Gedanken daran zu verschwenden.

Sie waren nach dem Austeigen aus dem Kleinbus weiter in den Wald geführt worden, zu den Schülern, die den Transport bereits hinter sich hatten, und abseits der freien Wiesen schien der Boden hier noch ein wenig trockener.

„…Sagt mal, weiß die Campleitung eigentlich, was der Anlass war, aus dem die Schule uns hergeschickt hat, oder-?“ Angel hatte die Arme verschränkt und schien Devons Enthusiasmus nicht teilen zu können. Allgemein wirkten die Blicke der Jungen um einiges vorfreudiger als die der meisten Mädchen.

„Wahrscheinlich nicht“, gab Nero mit Blick auf die Waffen zu, die auf einer großen Plasteplane aufgereiht waren und darauf warteten, von den Schülern in Beschlag genommen zu werden. Zugegeben, die bunt besprühten Paintball-Pistolen waren nur schwer mit echten Schusswaffen zu verwechseln, aber das änderte nichts an der Ironie der Situation. „Aber solange hier keiner einen auf Katherine macht, werden sies auch nicht erfahren.“ Angels verkniffene Miene sänftigte sich im selben Moment. Der Gedanke, den Nachmittag mit etwas zuzubringen, was Katherine gar nicht gefallen würde, schien ihre Stimmung wieder zu bessern.

Die Schüler sahen auf, als man das letzte Grüppchen den Hügel hinaufführte, und ihre Campleiterin trat in ihre Mitte.

„Okaaay… das sollten ja dann hoffentlich alle sein. So. Nachdem wir heute Morgen eine Übung gemacht haben, in der wir Teamarbeit im künstlerischen und einfühlsamen Rahmen erforscht haben, dachten wir uns, dass der Nachmittag sich gut anbietet, das noch einmal ein wenig ‚praktischer‘ auszuprobieren.“ Sie strahlte ihr nettes ‚Lasst uns uns gernhaben und friedlich zusammenarbeiten’-Lächeln, und Nero war sich nicht sicher, ob er das vor diesem Riesenhaufen an Plastewaffen nicht ein wenig ironisch fand.

„Aaalso… wir haben entschieden, dass wir die normalen Teams heute auflösen – sonst wären die ein bisschen zu groß – und euch stattdessen nach euren Hüttenaufteilungen spielen lassen. Es ist euch erlaubt, eure Teams zu wechseln, und erlaubt, euch mit anderen zu verbünden und, eh, größere Interessengruppen zu bilden. Wenn ihr es denn schafft, euch zu einigen.“ Letzeres wurde mit gewichtiger Miene gesagt. „Unser Gewinnerteam, ganz egal, wie groß das am Ende sein mag, wird für unsere kleine Halloween-Party morgen an der Musik- und Filmauswahl beteiligt sein uuund mit uns über das Essen entscheiden.“ Sie strahlte bei der Eröffnung wie ein Zauberkünstler auf einer Kindergartenparty. Vielleicht hoffte sie tatsächlich, damit irgendeine Art von Begeisterung zu wecken. Vielleicht lag sein fehlender Enthusiasmus auch nur daran, dass Nero miserabel gelaunt und zynisch war und sich keine Welt vorstellen konnte, in der irgendwer nüchtern, unter den wachsamen Augen der Lehrer und in peinlich berührter Verlegenheit mit all seinen verachtenswertesten Klassenkameraden auf einer Tanzfläche herumwackeln wollte. Immerhin war der Punkt mit dem Essen ein Lichtblick. „Wir lassen euch jetzt fünfzehn Minuten, in denen ihr gerne ein wenig, eh, Teampolitik betreiben dürft. Danach geht’s ab in den Wald.“ Sie schlug ihre Hände zusammen und wollte schon einen Schritt zurücktreten, ehe ihr noch einmal einfiel anzufügen: „Das Gelände ist markiert und die Absperrungen sind gut sichtbar, es sollte euch diesmal also hoffentlich unmöglich sein, euch zu verlaufen. Wie eure Waffen funktionieren, und wie der Kampf laufen soll, erklären euch unsere jeweiligen Leiter. Also auf auf!“



„Ey, Ace.“ Er zuckte zusammen und sah auf. Ace hatte gerade noch versucht, sich die ‚Schutzwesten‘-Plane über den Kopf zu zerren, die minimale Deckung vor den Farbspritzern bieten sollte. Sie war mit Zahlen von 1 bis 4 beschriftet war, um dem jeweiligen Spieler zu zeigen, wie viele Trefferpunkte er verloren hatte. Jeder Treffer außerhalb der Weste sollte ‚ausgespielt‘ werden, hieß, wer am Knie erwischt wurde, humpelte gefälligst die nächsten fünf Minuten lang. Das Gesicht war eine Ausnahme – um wirkliche Verletzungen weitestgehend zu vermeiden, zählten Gesichtstreffer gar nicht.

Eugene stand vor ihm und knetete seine Hände. „Devon sagt, du willst zu uns ins Team?“ Ace blinzelte.

„Echt?“

„Naja, er hat gesagt, dass wir dich reinnehmen und ihnen Casey lassen sollen, sonst könnte aus Versehen jemand mit dem Kopf in der Toilette landen-“

„Oh“, meinte Ace etwas tonlos. „Tut mir leid.“ Er hätte gerne angeboten, dass sie das nicht tun müssten, er könnte sich auch auf eigene Faust abschießen lassen, aber an sich war das dumm, oder? Drei Spieler hatten immer noch bessere Chancen als zwei.

„Ach, wir werdens überleben.“ In kurzer Entfernung kam Quentin hinterhergetrottet, und seine Augen richteten sich neidisch auf Aces‘ mintgrüne Waffe. Die seine war knallpink. „…Du warst doch mit Jose befreundet, oder? Kannst du schießen?“

„…Ich will nicht wissen, wie diese beiden Fragen in Zusammenhang stehen“, murmelte Ace, ein wenig ärgerlicher, als die Vernunft gebot. „Und ich hab mit meinem Bruder mal Lasertag gespielt, aber war nicht wirklich gut darin.“ Außerdem ungefähr 11 Jahre alt. Aber das ließ er lieber unerwähnt. Während er noch umständlich versuchte, sich das Holster mit Pistolen und Gummimessern rutschsicher am Gürtel zu befestigen, nahm er aus dem Augenwinkel wahr, wie Ethan, Sean und Chris sich nicht weit von ihnen an einem der Bäume niederließen und ihre eigene Ausrüstung überstreiften. Ethan versuchte gar nicht, so zu tun, als würde er nicht unverhohlen grinsend zu ihm herüberstarren. Am liebsten hätte Ace den Kopf eingezogen wie eine Schildkröte.



„Nee, der Winkel ist doof. Mach mal noch eins.“

„Angel, das ist das vierte Foto!“ Quinn grollte frustriert, während ihre Freundin noch einmal kontrollierte, ob ihr Gürtel die Schutzwestenplane auch eng genug an ihrer Taille sitzen ließ. „Glaub mir, du siehst auf den anderen schon bedrohlich genug aus.“ Oder zumindest versuchte Angel es, während sie imaginären Rauch von ihrer gelben Pistole pustete und dem Betrachter auf eine vermutlich ganz bedrohliche Art und Weise zuzwinkerte.

Sie wurden unterbrochen, als ein Klatschen ertönte und Jessica, die soeben noch mit Chris die Köpfe zusammengesteckt hatte, wutentbrannt in die Höhe fuhr.

„Was stimmt mit dir eigentlich nicht?“

Der Junge lachte, und Quinn vermutete jeden dummen Militärwitz dieser Welt, von ‚Feldmatratze‘ hin zu ‚Oberst Fickbar‘, während Jessica zu ihnen herüberstapfte.

„Boah, dieser Kerl eh… müssen wir wirklich ein Bündnis mit Ethans Gruppe machen oder können wir die auf Sichtkontakt erschießen?“ Die Bündnisse kamen von Nero, der innerhalb der ersten fünf Minuten in ihrer Klassenstufen-YU.space-Gruppe Friedensstifter gespielt hatte. Alles außerhalb von ‚Smells like Team Spirit‘ war Feind und gehörte schnellstmöglich und großräumig ausgerottet. Sobald sie die Außenseiter – Katherines Gruppe, und die von Lee, Eugene und Alexandra – beseitigt hatten, würde der Waffenstillstand unter ihnen verfallen und sie würden aufeinander losgehen dürfen. Damit wollte man nach Möglichkeit verhindern, sich am Ende veganen Halloween-Süßigkeiten und europäischen Arthouse-Filmen ausgesetzt zu sehen.

Allerdings gab es innerhalb ihrer geheimen Bündnisgruppe noch eine weitere geheime Bündnisgruppe. Team Devon, Team Angel, Team Ethan und Team Jessica. Wenn die große Allianz einmal zerfallen war, wollten sie nach Möglichkeit den Rest erlegen und dann bis zum Ableben des letzten Mannes spielen … wenn auch mehr für die Aufregung als für den Preis. Man hatte in einem weiteren, privateren Chat („Angel und Sidehoes“) darüber abgestimmt, wie es den Abend zu gestalten galt, und sich auf Burger, eine gemeinsam zusammengesuchte Spotify-Playlist und geschlechtergetrennte Filmwünsche geeinigt. Was die Mädchenseite anging, hatte Angel eine Stimmenmehrheit für Twilight sammeln können, und auf Jungenseite führte Ethan mit dem neuesten Film aus der Purge-Reihe, der letztes Jahr erschienen war. Chris hatte man vorrübergehend sein Stimmrecht entzogen, nachdem er den Human Centipede gewünscht hatte.

„Wenn du sie auf Sichtkontakt erschießt, dann musst dus zu nem Zeitpunkt machen, wo wir gerade alle in eine andere Richtung gucken. Ansonsten sind wir laut Bündnisvertrag verpflichtet, dich auf null Trefferpunkte runterzuschießen und dann… eh… ‚nochmal nachzutreten, damit er seine Lektion lernt‘.“ Quinn schwieg einen Moment und runzelte die Stirn. „Ich bin sicher, die Regel hat er nur für die Jungsgruppen verfasst“, entschied sie schließlich. Jessica seufzte tief und begann, ihren Zopf neuzubinden.

„Na dann… ich sag euch, wann ihr alle weggucken solltet.“



Nero hatte sich auf die Suche nach ihrem zugeordneten Leitungskoordinator begeben, als er sein Handy in der Tasche klingeln spürte. Eigentlich rechnete damit, dass es weiteres Gejammer von Jessica sein würde. Sie hatte ihn schon wütend angeschrieben, weil sie eigentlich auf seine Gesellschaft gehofft hatte, wenn es darum ging, ihrer Konzentrationsfähigkeit mit ein wenig Wodka und Tomatensaft auf die Sprünge zu helfen, doch sie waren zu gar nichts gekommen, bevor das Mädchen in die erste Wagenladung gezerrt worden war und ihn einsam zurückgelassen hatte.

Er zog das Gerät heraus und bereute es, sobald er einen Blick auf den Usernamen geworfen hatte.

No Talky Me Angery: Ist das ein bockiges oder ein einsichtiges Schweigen?

Kurz überwog die Versuchung, Spidey auf Read zu lassen, und dann drängte sich der schimpfende Ace wieder in seinen Verstand. Nero schnaubte kurz, ehe er sich doch zu einer Antwort bequemte.

PARADOX: das ist ein ‚habs mir noch nicht angehört‘ schweigen

Er trottete den Rest des Hügels herauf, bis er den Teamleiter an einer der Baumgruppen erkannte, gemeinsam mit Ethans Team. Als wolle die Welt ihn herausfordern, konnte er in keinen zehn Metern Entfernung Ace und dessen Gruppe erkennen. Nero entschied, dass weitläufiges Ignorieren in jedem Fall die beste Strategie war, und trottete durch das Gras, an dem einzelne Tautropfen glitzerten.

„-nochmal, es müssen nicht alle aus eurer Gruppe sterben. Man kann eure Gruppe auch besiegen, wenn man eure Gebietsurkunde erhält.“ Damit hielt der Student einen in Kreppband eingewickelten Frisbee hoch. „Damit gehen die Wahlstimmen eurer ‚Bevölkerung‘ automatisch in den Besitz der Sieger über.“ Er runzelte die Stirn, als er den Frisbee drehte und das Gekrakel auf der anderen Seite entzifferte.

„Euer Gruppenname ist ‚Team Awesome‘?“

„Weil wir großartig sind“, bestätigte Sean mit gewichtiger Miene. „Jo, Nero!“ Er begann zu winken, während Nero noch versuchte, das Summen in seiner Hosentasche zu ignorieren. Nicht weit von ihnen zuckte Ace, der dem Grüppchen demonstrativ den Rücken zugekehrt hatte, beim Namen zusammen. Nero wollte die Stirn runzeln, bis ihm wieder einfiel, dass er ja eigentlich beschlossen hatte, alles Ace-förmige fürs Erste ohnehin nicht zu beachten.

„Hey. Ich hatte ein paar Fragen an die Leitung, und die Mädels waren alle schon umringt…“

„Kein Problem.“ Der Student lachte und klopfte auffordernd auf einen der trockeneren Grasflecken im Kreisrund. „Komm ruhig dazu.“ Nero ließ sich nicht lange bitten und ließ sich nieder, ehe er das Gummimesser aus seinem Gürtelholster zog und zwischen den Fingern hin- und herflicken ließ. „Es geht mir um die Dinger hier. Eure Chefin sagte, Nahkampfattacken sind an sich erlaubt, aber werden verboten, sobald die Spieler ein ‚Übermaß an Gewalt‘ einsetzen – wie genau soll das festgelegt werden?“

„Ah, genau.“ Der Mann strahlte ihm entgegen, als gäbe es nichts Schöneres, als Highschool-Kids zu erläutern, wie die sich am regelkonformsten gegenseitig umzubringen hatten. „Also, wir haben eine Gruppe auf YU.space aufgemacht, in dem wir das Spiel von oben steuern und euch regelmäßig mit Neuigkeiten auf dem Laufenden halten werden. Und wenn wir vier oder mehr Beschwerden darüber erhalten, dass ein Spieler mit den Messern oder Körpereinsatz übertreibt, dann wird der aus dem Spiel ausgeschlossen. Jede Attacke, die er ausführt oder unterstützt, zählt nicht mehr.“ Er holte kurz Luft.

„Normalerweise spielen wir das hier ja mit Erwachsenen, bei Firmentagungen oder so, um ein bisschen angestaute Aggressionen rauszulassen. Da sind wir zurückhaltendere Spieler gewohnt, und das mit den Messern wurde nie zum Problem. Aber wenn ich dran denke, wie viele junge Sportler wir hier dabei haben… eh… passt einfach auf die Mädchen und die kleineren Spieler auf. Ihr wisst schon. Und wenns Beschwerden hagelt, dann seid ihr raus – was natürlich hoffentlich nicht passieren wird.“

„Keine Panik.“ Ethan grinste dem Mann wohlwollend zu. „Wir mögen uns alle viel zu sehr dafür.“



No Talky Me Angery: <.<

PARADOX: keine sorge, du hast den atem nicht verschwendet. habs an icy weitergeleitet

„Na, was meint ihr? Losertrio zuerst?“ Jetzt, wo der Student wieder verschwunden war, machte Ethan sich keine Mühe mehr, was die Zurückhaltung anging. Er hatte die Stimme gehoben, damit den nahe sitzenden Jungen auch ja kein Wort entging, und gab sein Bestes, sein Messer genauso zwischen seinen Fingern hin- und herzukreisen, wie Nero es zuvor getan hatte. „Danach können wir uns ja um die Leute kümmern, die sich nicht so leicht aus dem Leben ballern lassen wie so ein Haufen weichhäutige Pussys.“ Nero tat sich einen Moment schwer, eine vernünftige Antwort zu formulieren, was in erster Linie an den eingehenden Nachrichten lag.

No Talky Me Angery: Du hast

No Talky Me Angery: WAS

PARADOX: :o

PARADOX: war das falsch

„Hm. Unterschätz die mal nicht“, meinte er schließlich so beiläufig, als würde er nicht ahnen, dass sich bei den Worten mehr als ein paar Ohren spitzen würden. „Ich meine, bei Hughie und Quentitty bin ich mir nicht sicher, aber Fuckface hat ein besseres Aiming als die meisten von euch Spasten, die ich schon in Shootern mithatte… zumindest, wenn er mal aufhört zu rumzujammern.“

„Eh?“ Chris blinzelte irritiert zu ihm herüber. „Woher weißte denn das schon wieder?“

„Wir sind uns mal in nem Onlinegame über den Weg gelaufen, und ich hab erst gecheckt, wer er ist, als ich schon ungefähr ne Woche lang für sein Team gespielt habe. War jetzt nicht mein stolzester Moment.“ Chris lachte, und Ethan schüttelte mit abfälligem Geräusch den Kopf, ehe er die Stimme hob.

„Na, wenn er nur dann schießen kann, wenn er nicht gerade heult, weiß ich ja, was ich zu tun habe.“ Ace, der gerade noch sehr aufmerksam zu lauschen schien, sank schlagartig wieder zusammen. Nero seufzte still und erhob sich, während sein Handy schon wieder in seinen Fingern hin- und hervibrierte.

„Ihr habt das. Ich geh mal wieder nach meinen Leuten schauen. Versucht, euch nicht gleich aus dem Spiel kicken zu lassen, nur weil n‘ paar Beschwerden eingegangen sind.“ Sean quittierte das noch mit dem hochgereckten Daumen, ehe Nero sich auch schon umgedreht hatte und durch das Laub davontrottete.
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