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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 Slash
10.07.2019
23.11.2020
52
300.342
142
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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21.11.2020 8.052
 
PARADOX: was auch immer. ich bin mal weg. verlauf dich auf dem nachhauseweg nicht

Er hatte die Nachricht zu spät gesehen, und jetzt war Ace an einem Punkt, an dem er sich nicht sicher war, ob er nicht doch hätte antworten sollen. Sie hatten ihre Party kurze Zeit später abbrechen müssen, weil die Lehrer an ihre Tür geklopft hatten und alle mit den Worten ‚So, Mitternacht ist rum, ab in eure Zimmer, Mädels.‘ aufgescheucht hatten. Ace hatte mehr Konzentration als üblich gebraucht, um geradeaus zu laufen, war aber für seine Verhältnisse gut zurückgekommen. Die Meute rund um die Lagerfeuer schien auch schon verschwunden, und er erwartete, die anderen beiden zurück in der Hütte anzutreffen. Als er allerdings eintrat, war sie menschenleer.

Er seufzte und versuchte sein Bestes, sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wo die zwei sein mochten. Ganz kurz erwog Ace einen Abstecher zur Dusche, schob ihn dann aber doch auf den nächsten Tag. Seine ganze Welt fühlte sich matt und schwummrig an, und jetzt einfach mit dem Kopf ins Kissen zu fallen und die Augen zuzumachen klang nach einer angenehmen Alternative.

Er hatte eine Katzenwäsche in ihrem kümmerlichen Bad vollführt und wollte schon zurück in sein Bett wanken, als es an der Tür klopfte. Ace ging so fest davon aus, dass die anderen zwei ihren Schlüssel verlegt hatten, dass er sehr irritiert war, als er öffnete und weder Nero noch Devon vor ihm standen.

„Na, Jungs? Wir haben jetzt ne Hütte gefunden, in der wir Ky unterbringen können, das heißt, es kann weitergehen…“ Jessicas blinzelte, als sie nur Ace sah und keine großen, gutgebauten Kerle, die sich hinter ihm in im Raum versteckten. Ihr einladendes Lächeln wurde dünner und verschwand nach und nach. Flüchtig verengte sie die Augen, dann bemühte sie sich wieder um einen neutraleren Blick. „Das hier ist doch die Hütte von Devon und Nero?“

„Ist sie.“ Selbst, wenn er nicht erschöpft wäre, wäre Jessica nicht die Person, mit der Ace sich ausführlich unterhalten wollen würde.

„Äh… okay. Ich such sie. Weißt du, wo sie hin sind?“

„Keine Ahnung“, murrte Ace. Er lehnte sich sehr vorsichtig gegen den Türrahmen, weil sein Kopf ihm erzählen wollte, dass die Welt um ihn herum schwankte. Seine Laune, die sich bis eben höchstens normalisiert hatte, sank durch Jessicas Anblick richtiggehend.

Eigentlich hätte er gerne behauptet, dass das Mädchen in ihren knappen Sachen und dem verwaschenen Make-Up billig aussah, aber nichtmal das war ihm vergönnt. Ihre Haut war gerötet von Alkohol und Bewegung und frischer Luft, aber das ließ sie lebendig aussehen, und die schwarzen Haare, die stellenweise schon zerzaust fielen, waren trotzdem noch hübsch. Ihr Mascara war deutlich verlaufen und legte einen dunklen Rand um ihre Augen, doch dafür strahlten die umso mehr. Und ihr Körper war ein hübscher Körper, solange man zum Teil der Bevölkerung gehörte, der die weiblichen Vorzüge zu schätzen wusste. Ace, der nie gewusst hatte, wie man sich gegen solche Konkurrenz behauptete, wollte es gar nicht versuchen müssen. „Schreib sie doch an?“

„Würde ich ja, aber Dev hat ausgeschaltet… und der Arsch antwortet einem doch auch nur, wenns ihm gerade passt!“, schimpfte Jessica. Aus dem Kontext schloss Ace nach kurzer Überlegung darauf, dass mit Letzterem wohl Nero gemeint war. „Sag ihm mal, er soll sich da gefälligst zusammenreißen.“ Er wünschte, er könnte kunstvoll seine Brauen heben.

„Ich glaube nicht, dass er ausgerechnet auf mich hören wird.“

„Jaaa, mach dir nichts draus, auf mich auch nicht“, meinte das Mädchen mit geistesabwesendem Kopfschütteln. Das Handy hatte sie trotzdem schon in der Hand, als sich die Tür hinter ihr schloss. Ace atmete aus, torkelte in Richtung seines Bettes, drehte die Heizung auf die höchste Stufe – immerhin konnte jetzt keiner meckern – und nahm sich sein eigenes Gerät. Er wusste nicht ganz, wovor er Angst hatte, und doch…

was auch immer. ich bin mal weg. verlauf dich auf dem nachhauseweg nicht

Er fühlte vages Schuldbewusstsein, als seine Augen erneut über Neros letzte Nachrichten strichen. Irgendwie hätte er darauf reagieren sollen. Scheiße, sowas konnte man doch nicht unbeantwortet lassen… Nero mochte nicht so hypersensibel sein wie Ace, doch selbst er musste sich verarscht vorkommen, wenn man ihn so hängenließ. Himmel, hätte Ace so etwas in die Welt hinausgeschickt und keine Antwort erhalten, dann würde er spätestens jetzt eine mittelschwere Existenzkrise durchlaufen.

Und während er sich innerlich schalt und all das vorhielt, war ihm klar, dass er keine Ahnung hatte, was er schreiben sollte. ‚Tut mir leid, ich wurde von Katherine aufgehalten und war dann zu unsicher zum antworten. Ich bin gedanklich immer noch nicht halb so weit wie du und weiß nicht einmal wirklich, was ich will‘ klang nicht wie der Satz, den man nach einer halben Stunde Wartezeit auf so einen Emotionsstriptease hören wollte … Oder vielleicht doch, und Ace war nur feige. Am liebsten hätte er gar nicht mehr daran gedacht, wären da nicht Mädchen wie Jessica, die der Welt ihre ganz eigenen Mittel gaben, Ace unter Druck zu setzen. Diesmal zwang er sich beim Schreiben zur Konzentration.

StrangeGuy12: Sry fürs lange warten, ich war abgelenkt und nicht ganz bei mir  … Und ich weiß ehrlich auch nicht wirklich, was ich antworten soll. Ich schätze, irgendwas fühle ich, aber ich weiß selbst nicht ganz, was das ist, und es macht mir Angst. Diese Sache bewegt sich viel zu schnell für mich. Ich komm nicht mehr mit. Vor kurzem warst du noch der absolut fieseste Hurensohn auf der Welt für mich, und zum Teil bist du es immer noch, aber trotzdem lieg ich gerade hier und frag mich, wie es wäre, von dir im Arm gehalten zu werden. Das macht vorne und hinten keinen Sinn für mich. Tut mir leid, dass ich keine bessere Antwort für dich habe, aber ich brauch selbst noch Zeit um herauszufinden, was hier eigentlich los ist.

Und wenn du mir nen Gefallen tun willst, dann bitte lass mir diese Zeit und schlaf währenddessen nicht mit Jessica oder sonstwem x.x

Er verharrte beim Tippen. Von Kehle bis Magen fühlte es sich an, als wolle man Ace in drei verschiedene Richtungen gleichzeitig zerren, und keine davon gefiel ihm. Nicht einmal entkräftende Smileys halfen da noch. Schließlich drückte er nur mit geschlossenen Augen auf Senden und drehte den Bildschirm um. Jetzt, wo der Alkohol abklang, war ihm wieder, als müsse er sich zusammenreißen, weil die ganze Welt nur darauf wartete, dass er den nächsten Fehler machte.



Ace schlief unruhig. Als er diesmal träumte, war es nicht süß, nicht verwirrend und ganz bestimmt nicht sexy, aber als er aufwachte, spürte er sich Zittern und musste sich mit den Kissenzipfeln Tränen aus den Augen tupfen. Es war Nero gewesen – natürlich, wer auch sonst – und diesmal hatte er sich einen Spaß daraus gemacht, mit dem ‚Haha, verarscht, du hast ernsthaft geglaubt, jemand könnte dich mögen?‘ solange zu warten, bis Ace tatsächlich bereit gewesen war, seine Schutzmauern endgültig sinken zu lassen. Seine Klassenkameraden hatte es im Traum amüsiert. Ihn nicht so sehr. Stumm fragte er sich, ob sein Kopf sich noch einmal endgültig für eine Richtung entscheiden würde, oder ob ihn auf dem Nero-Pfad noch ein paar tausend Kurven mehr erwarteten.

Es war immer noch dunkel draußen, und Ace fühlte sich matt und benommen. Sein Kopf schmerzte, aber der Schreck hielt ihn fest und weigerte sich, ihn wieder einschlafen zu lassen. So kam es, dass er wach genug blieb, um zu sehen, wie die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster krochen.

Ace war in einen halb-dösenden Zustand zurückgesunken, als er hörte, wie sich die Tür öffnete. Er schreckte auf, setzte sich auf und spürte seine Aufregung verglühen, als er Devon erkannte. Allein, offenbar.

„Sorry. Hab ich dich geweckt?“ Obwohl der Blonde nur flüchtig zu ihm sah, war Ace doch erstaunt über die Höflichkeit, die Devon an den Tag legte.

„Nicht wirklich. War schon wach.“, nuschelte er und rieb sich über die Schläfen. Zuerst hatte er die dröhnenden Kopfschmerzen auf den Schlafmangel schieben wollen, aber womöglich lagen sie auch am Alkohol. Ehe Ace wirklich darüber nachdenken konnte, hatte er sich erkundigt: „Wo ist Nero?“

Devon gluckste. „Keine Panik, den wirste so schnell nicht sehen. Der ist gestern noch mit mir zu Angel und so rüber, und die haben sich total die Kante gegeben.“

„Ah“, murmelte Ace, der seine Knöchel immer noch in Kreisbewegungen gegen seine Schläfen drückte. „…Hat er mit Jessica geschlafen, oder was?“ Ace bereute die Frage schon, ehe sie ganz aus seinem Mund gekommen war, aber jetzt war es zu spät. Zu seinem Glück klang Devon mehr perplex als misstrauisch.

„Äh… kein Plan?“ Er schnaubte, fast wieder belustigt. „Ich hoffe nicht. Das Drama will der sich doch auch nicht antun.“ Devon zog frische Klamotten aus seinem Schrankstapel, während er sich erkundigte: „Du redest doch manchmal mit Kathy, oder? Hat sie was dazu gesagt, was heute auf dem Programm steht?“

Ace hielt einen Moment inne, die Knöchel weiterhin gegen die Stirn gepresst, und versuchte die verschwommenen Erinnerungen an den gestrigen Abend zu entziffern. „Glaube, irgendwer hat was von so einer Umweltsache erzählt… Müll aufsammeln am Seeufer oder so.“

„Ja geil. Falls einer fragt, ich bin krank.“ Mit diesen Worten schlenderte Devon zu seinem Bett herüber, nahm das Handtuch vom Fußgeländer und bewegte sich zur Tür. Seine Hand verharrte auf der Klinke, und nach etwas Zögern brummte er: „Nebenbei… gutgemeinter Ratschlag von mir. Schlag dir Jessica aus dem Kopf. Sie sieht jetzt echt nicht übel aus, aber kann ziemlich psycho sein, und du bist eh nicht ihr Typ … Und nach dem Drama gestern wird Ethan jeden erwürgen wollen, der sie länger als ne Sekunde anschaut.“ Und dann war er auch schon verschwunden.



Ace hatte die Augen geschlossen und den Kopf zurück aufs Kissen gelegt, aber kurz bevor er wieder einschlafen konnte, öffnete sich die Tür und eine weitere Gestalt kam ins Zimmer gewankt. Nero ließ sich ohne jedes Grußwort in sein Bett fallen, kopfüber, und während Ace blinzelte und ein wenig erschrocken zu ihm sah, schien sein Körper bereits in Totenstarre zu verfallen. Zumindest machte Nero keine Anstalten mehr sich zu regen, ungeachtet der Tatsache, dass mehr als die Hälfte seiner Beine noch über die Matratze hingen.

Nach einer halben Minute räusperte Ace sich. „Geht es dir gut?“

„Halts Maul“, klang sehr, sehr dumpf irgendwo unter den Kissen hervor.

„… Ernsthaft, Nero, geht es dir gut?“ Er hörte tiefes Ächzen, und mit den letzten Zuckungen eines sterbenden Körpers schaffte es Nero, ein wenig mehr Bein aufs Bett zu ziehen und das Gesicht soweit zu drehen, dass er nicht mehr in Gefahr stand, an Luftmangel zu sterben.

„Es ist mitten in der Nacht, und die Hill kam gerade vorbei, hat nen Riesenaufstand gemacht und Jessy, Richard und mich aus Angels Hütte rausgeschmissen. Was meinst du, wie es mir geht?“

Einige verschwiegene Sekunden verstrichen, bis Ace relativ vorsichtig anmerkte: „Es ist halb sieben.“

„… Halts Maul.“ Und mit diesem Satz griff Nero nach dem Zipfel seiner Decke, zerrte sie demonstrativ über seinen Kopf und verweigerte weitere Kontaktaufnahme.



Ace hatte noch eine Weile versucht, in den Schlaf zurückzufinden, aber gelingen wollte es ihm nicht. Sein Kopf dröhnte immer noch, in seiner Nase schien sich schwacher Schnupfen eingenistet zu haben, und weder die Helligkeit draußen noch Neros Anwesenheit machten es besser. Irgendwann setzte er sich vorsichtig auf, schnappte sein Waschzeug und schlich behutsam an dem scheintoten Jungen vorbei. Wahrscheinlich hätte er sich die Mühe sparen können. Nero wirkte, als hätte auch ein Bombenalarm ihn nicht ins Leben zurückholen können.

Eine Dusche und zweimal Zähneputzen zur Alkohol-Geruchsbeseitung später saß er im Frühstücksraum – drinnen, weil draußen immer noch alles schlammig war - und stellte fest, dass er zu den ersten gehörte. Die anderen Schüler hatten vermutlich vor, das Zeitfenster bis neun Uhr auszureizen.

‚Zieht euch heute Sachen an, die dreckig werden können :)‘ verkündete ein Blatt, dass jemand mit Klebestreifen an die Eingangstür gepappt hatte. Ace mümmelte lustlos auf seinem Croissant herum, kniff ab und zu die Augen zusammen, wenn die Helligkeit von den Fenstern schmerzen wollte, und war dabei, sich ein paar grüßende Worte für Jose aus den Fingern zu saugen.

Er hatte kurz davor feststellen müssen, dass es seine letzte Nachricht gestern nicht abgeschickt hatte, auch wenn sie noch im Textfenster gespeichert war. Nach erneutem Drüberscrollen löschte Ace sie zögerlich. Er wusste nicht, ob das die vernünftigste Entscheidung war, aber alles in seinem nüchternen Ich sperrte sich dagegen, dieses substanzlose Gejammer in die Welt hinauszuschicken. ‚Ich frag mich, wie es ist, von dir im Arm gehalten zu werden…“ Bullshit. Niemand fragte sich das, und Ace erst recht nicht. Der Kram, den er gestern tatsächlich geschickt hatte, war dämlich genug. Ace konnte ihn kaum ansehen, ohne rot zu werden. Die ganze Welt hatte Recht gehabt, Alkohol machte tatsächlich dumm. Welcher nicht geistig geschädigte Mensch würde denn bitte auf die Idee kommen, mitten auf der Klassenfahrt ausgerechnet mit seinem Mobber zu flirten?

Dafür meldete er sich bei Spidey und setzte vorsichtig an, wo sie gestern aufgehört hatten.

StrangeGuy12: Tschuldige. Ich hätte dich in diesen ganzen Kram nicht mit reinziehen sollen.

Er war sich nicht sicher, ob sie wach war, aber Ace war kaum fertig damit, seinen Orangensaft zu trinken, als die nächste Nachricht einging.

TheSpidergirl: Küken! Q.Q Alles gut? Was passiert bei euch? War der hurensohn fies zu dir?

TheSpidergirl: Wenn ja, könnte es vielleicht an meiner Nachricht gelegen haben, da bin ich ihn ein bisschen angegangen. Sorry not sorry. (Das heißt, ich hoffe nicht, es würde mir megaleid tun für dich, aber… du weißt, was ich meine x.x)

Seine Mundwinkel formten ein zittriges Lächeln. Es war immer wieder ein verblüffend warmes, gutes Gefühl zu sehen, wie Spidey sich für ihn einsetzte, und dennoch konnte er nicht anders, als sich dabei mies vorzukommen. Immerhin hatte er die Gilde lieben gelernt, wie sie war… was, wenn Aces Offenbarungen jetzt eine unüberwindbare Kluft zwischen die Spieler trieben? Es kam ihm beinahe falsch vor, dass er als Quasi-Außenstehender für so einen Bruch verantwortlich sein könnte.

StrangeGuy12: Keine Sorge, mir geht’s ziemlich gut :o Para/Nero (du sagtest, du kanntest seinen Namen, oder?) nicht so sehr, der liegt gerade tot im Bett, aber das liegt am Alkohol

StrangeGuy12: Und zurzeit gibt er sich Mühe, mir nichts zu tun, also entspann dich ^^ Alles okay hier drüben.

Das mochte nicht die komplette Wahrheit sein, aber so gespalten, wie Ace sich innerlich fühlte, wollte er, dass zumindest in seinem Umfeld Harmonie herrschte. Und Nero war immerhin nicht aktiv scheiße, sondern eher … passiv? Konnte man das überhaupt so sagen? Vor einer Weile noch wäre er überglücklich damit, abwechselnd ignoriert und mit Sicherheitsabstand behandelt zu werden, aber irgendwie schienen seine Ansprüche inzwischen gestiegen.

TheSpidergirl: Gut. Verdient.

TheSpidergirl: Erstick ihn mit nem Kissen, solange er sich nicht wehren kann, und bestell ihm schöne Grüße von Al Spideyno >_>

Wenn er die drei Gehirnzellen, die Ace in seinem Kopf vermutete, auch noch mit Spidey teilte – und keinen anderen Schluss ließen ihre Sätze zu – erklärte das etliche seiner dummen Ideen.

StrangeGuy12: Hab ich versucht, lief nicht so gut ^^“

TheSpidergirl: lol

TheSpidergirl: … Aber nicht wirklich, oder?

StrangeGuy12: Ähm.

TheSpidergirl: Icy? D: Mach mir keine Angst!

StrangeGuy12: Ähhhhm.

TheSpidergirl: Was ist da los bei euch? Q.Q

Genau konnte er es auch nicht sagen. Dafür spürte Ace sich so befreit grinsen wie vor Tagen nicht mehr.



Als die anderen Schüler zombieartig zum Frühstück trotteten, saß Ace bereits wieder draußen, dicht in seine Jacke gekuschelt, und kritzelte auf seinem Block herum. Das Holz der Bänke war noch immer ein wenig aufgeweicht, und er hatte Plastefolie unter das Papier gelegt, um sich die Arbeit nicht umsonst zu machen.

Rund um ihn war der Boden noch schlammig, aber so strahlend, wie die Sonne vom Himmel brannte, blieb zu hoffen, dass sie sich heute nicht den ganzen Tag durch Matsch quälen mussten.

Alle paar Minuten schaltete er das Handy an, auf dem Jose ihm zwischendurch zurückgeschrieben hatte, kurz nachdem Spidey zu ihrer Schicht verschwunden war.

Jose schien relativ froh, zu Heimurlaub verdonnert zu sein, statt auch nur ‚ne einzige Sekunde mit diesen abgefuckten Hurensöhnen‘ – seine Worte, nicht Aces – verbringen zu müssen. An sich wollte Ace das freuen, wäre da nicht…

Jomia: ich hab kein plan, was die leute in unserer schule da wieder fürn problem haben. Der typ ist mega

Jomia: wir haben quasi die letzten vier nachmittage auf killing grounds durchgezockt, hat total spaß gemacht. kannst sicher gerne mal dazukommen, wenn du bock hast

Was Ace eigentlich ausschloss. Er kannte den Shooter aus Erzählungen von Para und Duffy, aber konnte selbst wenig Reiz darin sehen.

Jomia: ich werd noch son nerd wie du xD

StrangeGuy12: Klingt ja gut ^^ Freut mich, dass du das alles so einfach nimmst. Und ich weiß nicht, was die anderen in der Schule gegen Zack haben-

Oder zumindest traute er sich nicht, Neros Worte eins zu eins wiederzugeben, solange er nicht eine Gegendarstellung gehört hatte.

StrangeGuy12: Klingt ja gut ^^ Freut mich, dass du das alles so einfach nimmst. Und ich weiß nicht, was die anderen in der Schule gegen Zack haben, aber ich persönlich hab die letzten Jahre ne Menge negative Erfahrungen mit ihm gesammelt. Er war quasi der Typ, mit dem diese Mobbing-Scheiße für mich überhaupt erst begonnen hat, und die anderen sind dann einfach nur aufgesprungen. Von daher tu ich mich schwer damit, in ihm einfach nur nen netten Kerl zu sehen

Jomia: ja gut, tut ihm ja jetzt leid

Und deswegen sollte er das alles einfach vergessen? Ace zog die Brauen zusammen und kaute schlecht gelaunt an seinem Stiftende. Er fragte sich, ob Jose das tatsächlich so locker sah oder ob das Thema von ihm nur beiseite gewischt wurde, weil er nie persönlich von Zack angegangen worden war.

StrangeGuy12: Hm :x Ja. Kann ihn trotzdem noch nicht wirklich leiden.

Ace zögerte sekundenlang, dann tippte er die nächste Frage.

StrangeGuy12: Hat er eigentlich nochmal was zu seinen eventuellen Plänen zu den Jungs in unserer Schule gesagt? Ganz am Anfang stand da ja mal die Idee, dass man was gegen die machen könnte…

Es dauerte eine ganze Weile, bis das Gerät wieder vibrierte. Ace war mit den Grundzügen seiner Skizze bereits fertig und hatte sich der Details angenommen.

Jomia: vergiss es

StrangeGuy12: Hm?

Jomia: mach dir darum keine gedanken mehr

Jomia: hat sich erledigt.

Oh. Das war… momentan war es ihm eigentlich ganz Recht, vermutete Ace. Er fürchtete, dass er ansonsten in Versuchung gewesen wäre, Nero davon zu erzählen – besonders, wenn der Streich ihm zu fies vorkam. Gleichzeitig fand er es schade, dass der Gedanke an Widerstand erneut im Keim erstickt sein sollte. Sicher, Katherine hielt noch daran fest, aber ihre Idee kam ihm alles andere als vielversprechend vor.

Er hatte seine Gedanken in Sätze gepackt, das Handy wieder neben sich gelegt und war nun dabei, die Landschaft rund um seine Figur mit einigen Strichen anzudeuten. Ace war so in seine Arbeit versunken, dass er die über die Wiese wandernden Schüler kaum noch wahrnahm. Entsprechend erschrocken war er, als er eine Stimme hörte.

„Sieht richtig scheiße aus.“

Sein Kopf schnellte nach oben, und Ace schluckte, als er Ethans unausgeschlafener Miene entgegenstarrte. Wo er gerade eben noch glücklich gewesen war, dass alle anderen einen Bogen um ihn schlugen, bereute er nun, sich nicht ins Haupthaus gesetzt zu haben.

„Biste neuerdings völlig stumm oder was?“ Ethan legte den Kopf zur Seite. Er sah nicht so wütend aus wie sonst, wenn er sich gegen Ace wandte, aber auch keineswegs glücklich.

Fast unbewusst hatten sich Aces Hände zum Schutz über die Zeichnung gelegt. Keine gute Idee. Ethan ließ die eigene Hand darauf niederfahren, und der Druck genügte, um Aces Knöchel knacken zu lassen. Er ächzte, während er an der Kapuze gepackt wurde und Ethan sich zu ihm beugte. Seine Stimme war zu einem aggressiven Raunen gesenkt.

„Glaub nur nicht, dass deine Pause ewig anhalten wird, du hässlicher kleiner Loser. Du kommst früh genug dran. Und dann will ich sehen, wie du immer noch so frech bist.“

Immer noch so was?! Er hatte nicht einmal ein Wort gesagt! Andererseits hatte Ace nicht das Gefühl, dass das die richtigen Sätze waren, um die Situation zu entschärfen.

„…Okay“, meinte er stattdessen, mit der nichtssagendsten Miene, die er gerade auf Lager hatte. Allerdings schien auch das nicht nach Ethans Geschmack zu sein.

„Was, okay? Ist das alles, was du zu sagen hast, du kleiner-!“

„Ey, Ethan. Bei Fuß.“ Ace blinzelte ein wenig verdutzt, aber ausnahmsweise schien er nicht der Einzige, der aus allen Wolken fiel. Ethan guckte genauso überrumpelt, und sein Griff lockerte sich von einem Moment auf den anderen. Vermutlich vor allem aus Überraschung.

Nero, der den vornübergebeugten Jungen im Nacken gepackt hielt, schien abzuwarten, bis sich die kleinen Rädchen im Kopf des Blonden zuende gedreht hatten. Als Ethan fauchend auffuhr und versuchte, nach hinten zu schlagen, war er schon wieder dabei, einen Schritt zurückzutreten.

„Guter Junge. Wir brauchen dich mal drinnen. Fuckface, du nimmst es mir doch nicht übel, wenn ich deinen Konversationspartner eben entführe?“ Nero lächelte, auf die bedeutungslos freundliche Art, die in ihrer Deutungsfreiheit von ‚Guten Morgen, ich freue mich, dich zu sehen‘ bis hin zu ‚Ich schlag dir die Zähne aus, wenn du nicht bald wegguckst‘ zu reichen schien. Selbst wenn Ace eine Antwort gehabt hätte, er hätte Schwierigkeiten gehabt, sie auszuformulieren. Seine Zunge schien zu schwer zum Sprechen. „Dachte ich mir“, kommentierte Nero sein Schweigen. Ethan rieb sich immer noch fluchend über den Nacken, und die alltägliche Zornröte hatte Hals und Gesicht eingefärbt.

„Fuck, man. Nächstes Mal genügt fragen.“

„Weiß nicht. Du sahst ziemlich beschäftigt aus.“ Die beiden Jungen zogen ab, und nur langsam stellte Ace fest, wie sein Herzschlag wieder auf reguläres Tempo sank.

Erst, als ihm klar wurde, dass er seit einer halben Minute auf den Hintern des davonwandernden Nero starrte, drehte er sich eilig wieder um und richtete seine Augen auf die Zeichnung und nichts anderes.



„Und weißt du, was das Beste ist?“ Anyas Augen funkelten aggressiv. „Ich hab von Genny gehört, dass sie genauso bei Kath und ihren Spinnern in der Hütte warn, und obwohl die auch Alkohol da hatten, wurde keiner von denen auch nur schief angeguckt. Die haben das ganz zufällig übersehen, genauso wie sie bei uns gaaanz zufällig unter dem Bett nachsehen mussten. Ich sags euch, die Hill hats richtig auf uns abgesehen.“ Devon hatte sich zurückgelehnt und versuchte zumindest mit halbem Ohr zuzuhören. Angel, die sich auf der anderen Seite der Sofaecke zwischen Nero und Quinn gekuschelt hatte, zog eine Schnute.

„War mir schon klar. Dann treten wir heute kürzer und sind morgen einfach vorsichtig. Ich lass mir von dieser Schlampe bestimmt nicht die Reste meines Halloweens versauen.“ Sie trug eines der frischeren Gesichter, aber alles rechts und links von ihr hätte zehn weitere Stunden Schlaf vermutlich begrüßt. Unter allen, die gestern getrunken hatten, wirkte Nero wie üblich noch am lebendigsten, aber wirklich mit den Gedanken bei der Sache schien auch der nicht.

Ethan hatte sich neben Richard an den Sessel gelehnt, der den weitestmöglichen Abstand zu Jessica und Anya bot. Beide Ecken verzichteten vorsorglich auf Augenkontakt. Wenn es aus Versehen doch dazu kam, verzog Ethan grimmig das Gesicht, und Jessica versuchte sich an einem höhnischen, abwehrenden Lächeln. Devon war mehr als nur froh, den Krach gestern verpasst zu haben.

„An die Lagerfeuer können wir aber trotzdem nicht mehr. Wenn wir nicht aufpassen, kommen die sonst wirklich vorbei und sacken das Zeug ein“, murmelte Quinn. Ihre Augenlider schienen schwer, und sie hatte sich tief in ihrem Pulli vergraben, während ihr Körper wie ein nasser Sack am Sofa herabrutschen wollte.

„Dann suchen wir eben nen anderen Ort. Als ob sich da nicht irgendwas findet. Zur Not kommen wir hier ins Haus und suchen einen Vorwand, damit sie uns nicht um 23 Uhr wieder rausjagen.“ Angel, die beim Sprechen gerade noch interessiert ihre Nägel betrachtet hatte, sah nun auf. „Dev? Nero? Ihr seid diejenigen mit den Ideen, helft mir aus.“

„Bin zu faul zum Denken. Such dir einen der üblichen Spasten und sag, wenn ihm was einfällt, dann darf er mittrinken.“, brummte es rechts von ihr. Devon selbst hob nur die Brauen.

„Ich überleg mir was.“ Das war nicht unbedingt wahr – Eigentlich hatte er kein Interesse, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Er hatte nicht einmal Interesse an dieser Diskussion. Nur momentan ließ sich das nicht aussprechen, denn sonst könnte jemand fragen, womit sein Kopf denn sonst beschäftigt war. Und die Orte, an denen seine Gedanken momentan verweilten, wollte er mit 90% der Anwesenden nicht teilen.

„Schön, aber-“ Was immer Angel einwenden wollte, ging verloren. Die Campleiterin riss die Tür auf und strahlte zu den alles andere als frischen Jugendlichen in den Raum.

„Und hier sind auch noch welche!... Jungs, Mädels, wir versammeln uns oben für die Gruppenübung heute. Schnappt euch einen Partner.“

Devon sorgte dafür, Nero mit sich zu zerren, ehe Quinn Besitzansprüche erheben konnte.



„Du hast dir gestern ganz schön gegönnt, hm?“ Devon hatte die Stimme gesenkt, aber eigentlich war das nicht nötig. Rings um sie schnatterten die anderen Schüler laut genug. Selbst die Ergänzungen ihrer Gruppe – Katherine und Keighley – schienen viel zu beschäftigt damit, sich gegenseitig zu bezicken, um wirklich auf sie zu achten.

„Ach was, du kennst mich. Bin schon wieder fit.“ Devon zog das still in Zweifel. Es war selten, dass er Nero verkatert erlebte, selbst nach Tagen, an denen man den Jungen halbtot im Straßengraben hatte aufsammeln müssen, aber heute schien er definitiv angeschlagen. So angepisst wirkte Nero sonst nie, ganz besonders nicht nach chaotischen Nächten wie der gestrigen.

„Ah ja. Haben wir überhaupt noch genug für Donnerstag?“ Nero mochte nicht mit dem wächsernen Zombiegesicht herumlaufen wie Anya auf ihrem Weg zur Dusche, aber irgendwas an ihm weckte den Eindruck von Erschöpfung. Das war ungewohnt. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Devon nicht wusste, mit welchem der Hüttenbesetzer Nero gestern nicht bis zum Umkippen um die Wette getrunken hatte.

„Selbst wenn nicht, bis Apgar runter isses keine halbe Stunde Laufweg. Wir werden schon nicht verdursten.“ Nero murmelte, nun wieder mit lockerem ‚Alles in bester Ordnung‘-Lächeln, und Devon konnte gar nicht genau festlegen, woher sein Eindruck kam, dass das Gegenteil der Fall war. Rein äußerlich wirkte er auch in Ordnung. Für Devon, der seine Gefühle nie wirklich an Eindrücken festmachen oder gar in Worte fassen konnte, war das meist der Punkt, an dem er aufgab. Er setzte gerade zum Themawechsel an, als Katherine quer über den Tisch zu ihnen herüberwinkte.

„-Und ihr beiden da! Wollt ihr vielleicht auch mal was beitragen?!“ Er hörte Nero ächzen.

„Hab nicht zugehört. Worum geht’s nochmal gleich?“ Katherine schnaubte empört, dann setzte sie sich aufrechter hin und tippte mit ihrem Finger auf den Stichpunktzettel in der Mitte.

„Ich weiß, es ist Improvisation, aber einen ganz ungefähren Ablauf für die Szene sollten wir ja schon haben, sonst machen wir uns da gleich lächerlich.“ Nero blinzelte.

„Kath, das ist Theater. Da machst du dich so oder so lächerlich.“ Das Mädchen kräuselte die Brauen und sprach weiter, als hätte sie ihn nicht gehört.

„Und mir ist klar, dass euch das ziemlich egal ist, aber mir nicht, und unseren Lehrern nicht, also bitte… versucht einmal, die kümmerlichen nicht-alkoholisierten eurer Gehirne zusammenzukramen und etwas mit ihnen zu tun, was sie überhaupt nicht gewohnt sind, nämlich nachdenken.“

„Mutig von dir zu behaupten, wir hätten ein Gehirn.“ Damit entlockte Devon nicht nur Nero, sondern auch Keighley ein Grinsen, und Katherines Todesblick schwankte in seine Richtung um.

„Okay. Letzte Warnung. Helft mir, eine Idee zu finden, oder ich geb ich eine vor.“

„Und was für ne Idee soll das sein?“, schnaubte nun Nero. „Was sind das überhaupt für Kackthemen? Warum können wir nicht was Normales kriegen? Ich meine, warum haben wir nicht sowas wie Drogenmissbrauch? Dann könnte ich mich einfach in die Ecke hauen und n‘ bisschen schlafen, und ihr drei könntet auf mich zeigen – ‚Macht nicht diesen. Nehmt keine Drogen, Kinder.‘ Das ist kurz und einprägsam!“

„Klingt nach einer guten Idee. Ich leg mich dazu“, ertönte eifrig von Keighleys Tischseite, während Katherine so grimmig guckte, dass sich kleine Falten durch die Haut an ihrem Nasenrücken zogen.

„Oh ja, West, ich bin sicher, ausgerechnet dir fällt gar nichts ein zum Thema Mobbing.“

„Tut es halt echt nicht!“ Nero, der sich bis eben noch auf den Tisch gestützt hatte, ließ sich nach hinten sinken und breitete die Arme aus. „Ich weiß, das mag jetzt schwer vorstellbar sein für dich, aber so oft wurde ich noch nicht gemobbt.“

„Riiiichtig.“ Katherine dehnte das Wort, als würde es ihren Geduldsfaden repräsentieren. „Aber diese Aufgabe dient auch dazu, uns in Perspektiven einzufühlen, die wir normalerweise nicht gewohnt sind. Das ist fast wortwörtlich der dritte Satz auf dem Arbeitsblatt. Also… stell dir einmal vor, du wärst nicht du, sondern jemand, der das Vergnügen hat, mit dir in dieselbe Klasse zu gehen und kein emotional erkalteter toxisch-maskuliner Hyper-Macho ist und deswegen von Leuten wie dir rumgeschubst wird.“ Devon wandte sich einen Moment von den beiden ab, als sein Handy brummte.

Tintenspritzer: Du siehst ganz schön frisch aus. Ich dachte, du warst gestern nochmal mit den anderen trinken? :D

Er lächelte verstohlen.

„Dann find ich ihren Nachhauseweg raus und besorg mir einen Baseballschläger? Ist jetzt echt nicht so kompliziert, wie alle anzunehmen scheinen.“

„Okay, das ist aaabsolut illegal, und moralisch verkorkst, und funktioniert am Ende wahrscheinlich nicht wie gewünscht… Und vor allem werde ich mich nicht da hinstellen und den Leuten erzählen, dass man Gewalt mit Gegengewalt beantworten soll!“

FBForever: da ging nicht mehr viel ^^ Haben nur noch getrunken und Jessy von der trennung abgelenkt

Und Angel hatte mittendrin beschlossen, sich mehr als aggressiv an Devon ranzuschmeißen, der keine Ahnung hatte, wie man sie loswerden konnte, ohne die Situation noch viel komplizierter zu machen… aber das sollte er wohl besser nicht erwähnen. So unklar und unausgesprochen die Angelegenheit zwischen Brenda und ihm war, würde sie vermutlich nicht gerne erfahren, dass er sie nach ausführlichen Spaziergängen zu ihrer Hütte zurückgebracht hatte, nur damit eine Viertelstunde später und einen Hüttenblock weiter ein ganz anderes Mädchen auf seinem Schoß herumrutschen konnte.

„Nicht?“ Devon blickte auf und sah Nero blinzeln, als wüsste der nicht einmal, was er mit Katherines Einwand anfangen sollte. „…Außerdem ist es nur illegal, solange es einer mitkriegt.“ Katherine atmete tief ein.

„Guuut… gehen wir einmal nicht von dir aus, sondern von jemandem, der kein potentieller Psychopath ist-“

„Also, jetzt wirst du gemein.“

„-denn auch, wenn wir kein Zeitfenster haben, um eine realistische Lösung für unser Problem zu präsentieren, möchte ich doch zumindest eine bestimmte Emotion in unseren Zuschauern wecken können, wenn sie sehen, wie schlimm Mobbing sein kann. Und diese Emotion ist nicht Angst.“

„Sondern unwillkürliche Abneigung?“

„Richtig. Gegen die Mobber.“

„Oh.“ Nero blinzelte erneut. „…Klar … Genau das wollte ich auch sagen.“

Keighley, die gerade noch in die Runde gegrinst hatte, sank nun wieder kichernd an ihrem Platz zusammen, und Katherine vergrub grollend die Faust in ihrem Haar.



Sie waren kaum über die anfängliche Idee hinausgekommen, als die Campleitung die Vorbereitungszeit für beendet erklärte und alle Schüler anwies, sich im Kreisrund in den Raum zu hocken. Einzelne Gruppen wurden in die Mitte gerufen, während der Rest Arbeitsblätter zur Evaluation auszufüllen hatte. Devon malte hungrige Aliens auf das seine und blickte aus den Augenwinkeln zu Nero hinüber, der schon wieder halbtot ins Leere starrte und ab und zu sein Handy zückte.

„Siehs positiv, ist bald vorbei“, murmelte er zum Aufmunterungsversuch und konnte nicht anders, als verstohlen zu Brenda zu gucken, die gerade in ihrer aller Mitte stand und in hitziger Diskussion mit ihrem alkoholkranken Vater schimpfte.

„Ah ja? Wir haben noch’n paar Stunden bis Freitag.“ Nero schwieg kurz. Als er weitermurmelte, war sein Blick schon wieder wacher: „Dir ist klar, wie du sie anschaust, oder?“

„Was?“ Devon zuckte zusammen und versuchte sich wieder ganz auf Imogen zu konzentrieren, die einen Heidenspaß an ihrer Rolle als schimpender Alkoholiker zu haben schienen. Die ersten Sitzreihen rund um die Theatergruppe wurden in ihr Overacting einbezogen und trugen breite Grinsen auf den Gesichtern.

„Ich wollts nur gesagt haben, denn Angel scheint es auch aufzufallen.“ Glücklicherweise hatte sein Körper den ersten Schreckmoment schon hinter sich und war nun für den zweiten gewappnet. Devon hob nur die Brauen.

„Fuck, im Ernst? Sicher, dass du ihren Blick richtig deutest?“

„-aber kannst du mir bitte erzählen, warum ich nicht zur Flasche greifen soll? Die Frau rennt einem weg, das undankbare Balg bleibt im Haus und will mein Alkoholgeld für Lebensmittel ausgeben, und die Scheiß-Glotze zeigt einem auch nur immer dieselben dummen Fratzen! Verlogene Mistkerle, alle miteinander!“ Damit schüttelte Imogen ihre imaginäre Flasche in Richtung von Dominique, die soeben eine Mini-Nebenrolle als Fernseher erhalten zu haben schien und sich kichernd aufsetzte.

„Was heißt hier Blick? Sie schreibt mich gerade an und fragt, wo zum Fick du dich gestern rumgetrieben hast, als wir beim Lagerfeuer saßen.“

„Äh“, murmelte Devon sehr beredet. „Was hast du ihr gesagt?“

„Dass sie mich da raushalten und die Sache mit dir persönlich besprechen soll.“ Auf der improvisierten Bühne lieferte Brenda eine wütende Anklagerede gegen ihren Vater, um ihm ein für alle Mal klarzumachen, warum seine Frau ihn wohl verlassen hatte. Eigentlich hätte Devon nicht erwartet, dass das Mädchen sich trauen würde, vor so vielen Leuten überhaupt den Mund aufzumachen, aber überraschenderweise schien Brenda regelrecht aufzublühen. Vielleicht lag es auch in Imogen, die in ihrer Vaterrolle mitriss. Die anderen beiden Schauspieler hatten sich zu Statisten degradiert und schienen selbst gespannt, in welche Richtung sich das vor ihren Augen entwickelte.

„Na super.“ Devon seufzte tief. „Wie sag ich nem Mädel, dass sie kein Alleinanrecht auf mich hat?“

Sicher, Angel mochte süß sein – nein, mehr, sie war heiß, sie war unglaublich gutaussehend, dass Devon sich jahrelang nicht groß daran gestört hatte, dass sie ihn mehr als selbstverständliches Accessoire zu behandeln schien – aber an heiß gewöhnte man sich. Dagegen war es etwas Neues, so viele respekt- und liebevolle Gesten von jemandem zu bekommen, der ihn noch nicht einmal nackt gesehen hatte.

Außerdem hatte er feststellen müssen, dass rote Haare ihm gut genug gefielen, dass es gar keinen riesigen Unterschied mehr machte, dass Brenda keine Magazinmodelschönheit war.

„Solange wir von diesem einen Mädel sprechen, am besten mit Sicherheitsabstand.“ Devon gluckste leise und begann ein noch größeres, fieseres Alien hinter sein Alien zu zeichnen, der das Maul weit aufgerissen hatte. Vor ihnen verbeugte sich Imogen unter schwachem Applaus.



Katherine fühlte sich noch immer ein wenig wütend, und dass, obwohl sie schon wieder am anderen Ende des Raumes saß und sich keine dummen Kommentare mehr anhören musste. Sicher, sie hatte niemals erwartet, dass die Jungen oder Keighley sich Mühe geben würden, aber sie hätten zumindest versuchen können, nicht all ihre Vorschläge abzulehnen und die Besprechung aktiv zu sabotieren. Die wenigen Pluspunkte, die Nero gestern noch gesammelt hatte, als er sie in aufgezwungener Rettungsmission aus dem Wald geholt hatte, waren schon wieder dahingeschmolzen.

Ihre Hoffnung, dass ihre restlichen Mitschüler die Aufgabe zumindest etwas ernster nehmen würden, war mit Imogen aufgeflammt und bei der nächsten Gruppe auch schon wieder verpufft. Vor lauter Herumgeblödel und unsensiblen Witzen hatten ihre Mitschüler auf der Bühne zwischendurch vermutlich vergessen, dass Selbstmord ein reales Problem war und reale Menschen betraf. Andererseits galt es wohl als uncool, sich auch nur den geringsten Hauch von Einfühlvermögen und Empathie anmerken zu lassen – anders konnte Katherine sich das Verhalten nicht erklären.

Sie hatte die Arme mürrisch verschränkt und sah auf, als die nächste Gruppe nach vorne gerufen wurde. Als sie Ace und Roxanne unter ihnen sah, zauberte sie sich ein Lächeln auf die Lippen und zeigte den hochgereckten Daumen. Gefolgt von Elijah und Casey traten sie in die Mitte, und Roxanne grinste gestresst, als sie in die Schülerschar schaute.

„Okay, ähm… unser Thema war Coming-Out. Wir… würden dann einfach mal beginnen.“ Man musste gar nicht auf ihre Tonlage achten, allein ihre Erscheinung wirkte durch und durch unbehaglich. So sehr ihr Katherine die erzwungene Horizonterweiterung gönnte, musste sie doch unbehaglich schlucken. Ausgerechnet dieses Thema? Aber Roxanne würde doch nicht wirklich Ace-?

Sie befürchtete noch das Schlimmste, als sie sah, wie Roxanne Casey an der Hand nahm und sich räusperte, während Elijah und Ace sich auf dem Boden niederließen und Letzerer eine imaginäre Brille auf der Nase zurechtrückte.

„Mom? Dad? Ich glaube, ich muss euch etwas erzählen…“

„Was gibt’s denn, Schatz?“ Ace sah auf, ein wenig näselnd und mit all dem ungetrübten Unvermögen eines Schauspiel-Anfängers, während Katherine erleichtert ausatmete.

Roxanne war ja eigentlich kein schlechter Mensch. Natürlich würde sie nicht versuchen, Ace in eine Rolle zu drängen, für die er noch nicht bereit war… Religiöse Bedenken hin oder her. Trotzdem wollte ihr Herz immer noch schneller klopfen.



„-und ich liebe dich, und verstehe dich, und möchte dich immer lieben, und gerade deshalb bricht es mir das Herz zuzusehen, wie du derart falsche Entscheidungen triffst! … Aber Gott verzeiht dir, Roxanne. Und ich werde dir auch verzeihen, selbst mit…“ Ace warf einen giftigen Blick auf Casey, der die lesbische Freundin mimte, indem er sich alle dreißig Sekunden durch die Haare strich oder den nicht vorhandenen Lippenstift nachfuhr.. „…selbst so fehlerhaft, wie du bist. Und ich werde für dich beten, damit es schnell vorbeigeht. Denn ganz egal, wie sehr du jetzt sündigen magst, es ist nie zu spät, Reue zu zeigen. Jesus wird dich wieder in sein Herz aufnehmen, wenn du bereit für ihn bist.“ Inzwischen schien er eine gesunde Mischung aus Overacting und Einfühlvermögen in den Charakter gefunden zu haben. In Aces Stimme schwang so viel Abneigung und ehrliche Emotion, dass Katherine unwillkürlich schlucken musste. Ob das Dinge waren, vor denen auch er Angst hatte? Wie oft mochte er wachgelegen haben im Versuch, sich die Reaktion seiner eigenen Eltern vorzustellen? Sobald sich die Gelegenheit ergab, sollte sie ihn besser mal fragen.

„Du verstehst gar nichts, Dad! Überhaupt nichts! Du sagst, du würdest mich lieben, aber du liebst nur eine einzige Version von mir! Das hat doch überhaupt nichts mit Liebe zu tun! Du willst nur die Augen davor verschließen, wer ich wirklich bin!“ Es mochte an der schauspielerischen Herausforderung oder an Roxannes eigener Empathie liegen, aber sie konnte ihre Verzweiflung in einer Art und Weise vermitteln, bei der Katherine ein Krampfen in ihrem Magen spürte. Es fühlte sich zu echt an. Als sie sah, wie Jessica zwei Reihen weiter übertrieben gähnte, hätte sie ihr am liebsten links und rechts eine gescheuert. Wie konnte man nur so respektlos sein? Einziger Lichtblick waren die Gesichter, die genauso interessiert schienen wie Katherine selbst. Auch, wenn es noch nicht viele waren… so etwas wie Verständnis durfte auch klein anfangen, nicht wahr? Ihre Hoffnung blieb, dass der Funken früher oder später übergriff.

Nach dieser Darbietung, bei der zumindest fünfzig Prozent der Leute sich merklich reingehängt hatten, schien die vierte ein uninspirierter, verkaterter Totalausfall, und irgendwer vergaß mittendrin das Thema und versuchte es durch verzweifeltes Flüstern von den Teammitgliedern zu erfahren. Die fünfte Gruppe alberte nur herum. Als Katherines Team aufgerufen wurde, waren ihre Hoffnungen entsprechend ins Bodenlose gesunken.

Sie quälte sich auf die Beine und zupfte ihre Bluse zurecht. Selbstverständlich war ihr die Rolle des Opfers aufgedrückt worden, der neue Schüler, der Schwierigkeiten hatte, sich in der Klasse einzufügen – was daran lag, dass die anderen weder motiviert noch in der Lage schienen, die Figur selbst zu spielen. Nachvollziehbar. Wie könnte man von Devon und Konsorten auch erwarten, dass sie sich einmal in etwas anderes einfühlten als großmäulige Mistkerle? Und Keighley wollte natürlich nichts machen, dass sie schlecht aussehen ließ in den Augen von wem-auch-immer.

Eigentlich passte ihr das ganz gut. Vielleicht ergab es ja doch eine Möglichkeit, diesen Jungen mal einen Spiegel vorzuhalten. Und vielleicht würden selbst die Lehrer an den Reaktionen ihrer Mitschüler bemerken, dass Nero und Devon sich ein wenig zu wohl in der Rolle des Täters fühlten. Das würde natürlich einiges erfordern – zum Beispiel so etwas wie Einsatz von Seiten der Jungs - aber noch wagte sie zu hoffen.



„Oh. Schaut mal.“ Keighley starrte trübe zur Zimmerdecke und schaffte es trotzdem zu klingen, als würde sie in komplettem Desinteresse Textzeilen von einem Blatt vorlesen. „Ist das nicht dieser neue Junge. Ich finde ihn… doof.“ Katherine, die gerade noch so tat, als würde sie am anderen Ende des ungefähr vier Quadratmeter großen Schulhofes in ihrem Ranzen wühlen, verdrehte die Augen. Es konnte doch nun wirklich nicht so schwer sein, zumindest einen Hauch Initiative zu zeigen! Besonders, wenn Keighley den Text eigentlich sehr gut improvisieren können sollte, so oft, wie sie Anya irgendwelche Lästereien nachschnatterte.

„Wen zur Hölle interessierts“, brummte Devon neben ihr mit demselben Enthusiasmus und tippte auf seinem Handy. Katherine hoffte stark, dass er es gerade nur als Requisite nutzte.

„Sicher, dass das n‘ Kerl ist?“, wusste Nero beizusteuern, der die linke Ecke ihres Halbkreises abschloss. „Ich will ja nichts sagen, aber der hat jetzt schon ziemlich gebärfreudige Hüften…“

„Ist das der Grund, warum du ihm so auf den Arsch schaust?“ Katherine, der im selben Moment bewusst wurde, dass das hier nicht die Drama-AG war und dass ihren Klassenkameraden jeglicher Anstand von vornerein verlorenging, schnellte in die Höhe, zerrte noch einmal an ihrer Bluse herum und drehte sich mit verengten Augen um.

„Hey. Warum starrst du mich so an?“, knurrte sie, während sie verzweifelt überlegte, wie man das Stück aufs Thema hinsteuern konnte. Als Perfektionistin, die es gewohnt war, sich normalerweise eine zehnseitige Hintergrundgeschichte zu jeder Rolle zu spinnen, fühlte sie sich von spontaner Improvisation immer überfordert… und noch mehr, wenn sie mit Leuten zusammenarbeiten musste, die gar nicht darauf aus waren, sie zu unterstützen. Nero zog den Mund zur Seite.

„Okay, die Seite ist weniger spannend. Eh, Neuer, kannste dich nochmal umdrehen?“ Katherine, die dank ihrer Statur normalerweise die letzte war, die sich mit sexistischen Anmachen herumschlagen musste, fühlte sich überfordert. Sie wollte ihrer Empörung gerade Ausdruck verleihen, als Keighley beisteuerte: „Das klingt jetzt aber schon irgendwie schwul.“ Nero sog Luft durch die Zähne ein.

„Guter Einwand. Eh Neuer, kannst du dich nochmal umdrehen – no Homo?“ Katherine hörte aufkommendes Gekicher unter den Zuschauern und zwang sich, es zu ignorieren. Stattdessen reckte sie das Kinn hoch und verschränkte die Arme.

„Habt ihr was gegen Schwule?“

„Nichts, was hilft.“ Nero, natürlich. Jetzt gluckste auch Devon neben ihm und ließ das Handy kurz sinken, von dem Katherine immer mehr überzeugt war, dass es keinesfalls nur Requisite war. Sie spürte sich dünnlippig lächeln.

„Oh klar, genau, lach ruhig. Mach deine ach so witzigen homophoben Kommentare. Ist dir klar, wie oft eine übertriebene Abneigung gegen Homosexuelle nur daher rührt, dass du selbst nicht ganz hetero bist?!“ Eigentlich war das eine Anmerkung, die sie sich schon länger mal für Ethan zurechtgelegt hatte, aber Nero war ein genauso passender Adressat. Er verengte die Augen.

„Pass auf, was du sagst.“

Katherine wollte beinahe schadenfroh grinsen, und das nicht nur, weil ihrem Charakter danach war. „Ach ja? Sonst was?“

Der Junge lehnte sich zurück und drückte eine imaginäre Zigarette auf dem Boden aus, erhob sich gemächlich und richtete sich vor Katherine auf. Das Lächeln, dass gerade noch so sicher auf ihren Mundwinkeln gesessen hatte, wollte nun plötzlich daran herabsacken. Nur mit Mühe konnte sie ihre Miene undurchschaubar halten. Okay, große Kerle waren gruselig, selbst in Theater-Kontexten. Sie glaubte, dass sie begann zu verstehen, wie sich Ace gegenüber diesem Riesenarschloch fühlen musste, und Neros Gesichtsausdruck trug nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei.

Sonst weckt das vielleicht irgendwas in mir und ich lauf demnächst wirklich mit nem süßen Femboy am Arm rum, und das kannst du ihm jetzt echt nicht antun wollen.“

Die Worte kamen so locker über seine Lippen, dass Katherine sich erst fangen musste, während Nero nach kurzer Verarbeitungspause die Lacher auf seiner Seite hatte. Devon prustete noch, als sie sich verzweifelt ihre nächsten Sätze zusammenklaubte. Sie verlangte ja schon nicht, dass irgendeiner von den Dreien sich an ein Skript hielt, aber war es denn so schwer, ein Thema zu verfolgen? Katherine rang nach etwas, was den Konflikt neu anfachen mochte.

„Als ob dich einer wollen würde.“

„Wer sagt denn, dass er ne Wahl hat?“  Nero trug ein breites Grinsen auf den Lippen, und es war eines von der Sorte, die Katherine immer wieder aufs Neue rätseln ließ, ob seine Worte denn wirklich nur Witz waren. Die Umsitzenden kicherten schon wieder, während sie sich ärgerlich auf die Zungenspitze biss.

„Ah ja. natürlich. Du schnippst mit den Fingern, und … eh … süße Femboys fühlen sich gezwungen, dir aufs Wort zu gehorchen. So funktioniert die Welt. Du hast Beziehungen sehr gut verstanden.“ Sie war schon gar nicht mehr sauer, dass Nero ihr komplettes Stück-Konzept zerstörte, und vielmehr, weil ihre Mitschüler ihn auch noch mit Lachen bestätigten. Warum hatte sie sich überhaupt die Mühe gemacht, irgendwas mit den Dreien zu besprechen?

„Wetten das?“ Er hob die Brauen in geübter Arroganz, und dann die Hand, um die Finger aneinanderzuschnipsen. „Ey Fuckface, mach Männchen.“ Gott, sie wollte ihn erwürgen. Sie wollte die Leute erwürgen, die es für so furchtbar lustig zu finden schienen, dass Ace tatsächlich Angst vor Nero und seinen Freunden hatte, sie wollte die kichernden blöden Zicken und Sportler-Idioten um sie herum erwürgen, und dann wollte sie Ace hier wegbringen, denn der schien innerhalb von drei Worten kreidebleich geworden zu sein. „War nurn Witz, du kannst sitzenbleiben“, fügte Nero noch hinzu, und Katherine wusste nicht, ob es an dem neuen Gegacker der anderen Schüler lag, oder an Aces Blick, aber sie spürte, dass es ihr körperliche Schmerzen bereitete, das Lächeln oben zu behalten. Im nächsten Moment war ihre Hand nach oben gezuckt und hatte Nero eine schallende Ohrfeige verpasst.

Sie ahnte den Ärger schon, ehe die Stimme von Mister Jackson-Cole sich überhaupt wirklich heben konnte. „Miss Pratt, das ist nun aber wirklich-!“

„Alles gut, gehört zum Stück.“ Nero grinste auch noch beim Reden. Sie spürte ihr Blut immer noch kochen, aber zumindest schien kein Lehrer darauf aus, ihr irgendwelche Disziplinarmaßnahmen aufzubrummen. Trotzdem fühlte es sich tief in ihr kalt und entsetzt an. Wusste… Wusste Nero davon? Hatte er eins und eins zusammengezählt und erraten, was es mit Ace auf sich hatte? Hatte er eigentlich nur gute Miene zum Spiel gemacht, aber sich schon während ihrer Kater-Ausreden die ganze Zeit innerlich totgelacht? Hatte - … Hatte er vor, Ace öffentlich zu outen?

Sie konnte sich plötzlich viel mehr mit ihrer Rolle identifizieren, als ihr gefiel. Katherine fühlte sich machtlos.

Nero schien zurück in seinen Charakter gefunden zu haben, welcher auch immer das sein mochte, und fuhr sich durch die Haare, während er seufzte. „Kath, es ist okay. Ich verstehe, dass du ein Problem mit… eh… abweichenden Lebensentwürfen hast. Ich will dich nicht zwingen, meine Entscheidungen in der Liebe zu akzeptieren, und ich verstehe auch, dass du dich manchmal gezwungen fühlst, körperliche Gewalt gegen die anzuwenden, die anders sind als du.“ Sein spöttisch-einfühlsamer Tonfall half nicht, sie runterzukühlen. Nero schüttelte theatralisch den Kopf. „Trotzdem bin ich ein bisschen enttäuscht. Ich meine, von jemandem wie Devon hätte ich so eine Reaktion erwartet-“

„Ey! Ich werd dich in deiner Suche nach den süßen Femboys unterstützen. Gemeinsam gegen Hass und so.“ Devon feixte dabei in einer Art und Weise, die Katherine nahelegte, dass auch er ein paar Schläge ins Gesicht benötigte, und streckte die Faust nach vorne. „Trotzdem Bros.“ Das Gekicher um sie herum wollte nicht abklingen, und diesmal wusste Katherine ziemlich sicher, dass es gegen sie gerichtet war. Hihi, jetzt sind die Rollen einmal umgedreht und Katherine wird als das fiese intolerante Monster hingestellt, und die eigentlichen Scheißkerle dürfen vor den Lehrern Gesicht wahren. So. Verdammt. Witzig. Sie verengte die Augen.

Nero sah kaum hin, als er mit zuckenden Mundwinkeln mit seiner Faust gegen die von Devon schlug. „Trotzdem Bros. Nein, aber was ich sagen wollte… Katherine… es ist okay. Es muss schwer sein, über seinen Schatten zu springen und Menschen zu akzeptieren, die anders sind. Aber weißt du was?“ Und er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, während er ihr gönnerhaft die Hand auf die Schulter legte. „Ich verzeihe dir.“

Ein Teil von ihr hätte gerne noch einmal zugeschlagen, aber stattdessen beeilte sie sich nur, seine Hand von sich zu schieben und ihm finster entgegenzustarren. „… Du kannst mich mal.“

„Sorry … Nichtmal, wenn ich hetero wäre.“ Als das Gackern in ihrer Klasse nicht mehr abebben wollte, beeilte sich Mrs. Hill, sich bei ihrer Gruppe zu bedanken und sie alle wieder an ihre Plätze zu schicken. Katherine warf keinen weiteren Blick mehr zu ihren Mitspielern, stapfte an ihren Sitzplatz zurück und überkreuzte Arme und Beine, während sie finster vor sich hinstarrte. Es waren alles nur Späße, klar. Außer, wenn sie das plötzlich nicht mehr waren. Kein Wunder, dass Ace Angst vor der eigenen Sexualität hatte, bei solchen gehirnamputierten intoleranten Hornochsen wie Nero.
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