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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
10.07.2019
02.09.2021
54
317.099
155
Alle Kapitel
453 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
14.11.2020 6.279
 
(Ehe hier gleich Hoffnungen steigen - nein, fertig ist die Story noch nicht. Aber meine Beta sagte, dass Abgebrochen-Zeichen sieht so hässlich aus, und außerdem sind wir momentan an einem Punkt, an dem es nicht in einem Cliffhanger oder unangenehm offen endet, darum werd ich ab heute so im Zwei-Tages-Rhythmus hochladen, was momentan bei mir rumliegt ^^")

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Alles war gut, erzählte sich Nero. Matter Lichtschein drang durch die Fenster, von einer der Gartenlaternen, die draußen den Weg zum Haupthaus markierten. An der Wand, die sie vom Bungalowhäuschen zu ihrer Rechten abgrenzte, erklang immer mal wieder ein Rumpeln, als würde sich jemand von der anderen Seite im Schlaf dagegen werfen. Das und das Röhren der Heizung füllten die Momente, in denen Ace und Devon ausnahmsweise beide den Mund hielten.

Nero würde das durchstehen. Träume dauerten hoffentlich nicht allzu lange, und Aces Gemurmel schien sein Ende gefunden zu haben. In Kürze würde Devon den Geräuschpegel ohnehin wieder in die Höhe schnarchen, und er hatte gute Chancen, zumindest heute doch noch Schlaf zu finden.

Paraaaa, bitte…“

Wieder presste er das Kissen gegen sein Gesicht und grollte hinein. Als das schläfrige Murmeln diesmal keine Anstalten machte zu verklingen, tastete seine Hand das dunkle Bett entlang, bis sie die metallische Hülle seines Handys erfühlte.

PARADOX: ace

PARADOX: ace

PARADOX: ace

PARADOX: ace

PARADOX: ace!

PARADOX: wach auf

Irgendwann zwischen Summton vier und fünf verstummte das Murmeln. Stille folgte, ehe Nero Rascheln in der Nähe hörte, gefolgt vom blechernen Klackern eines Handys, das vermutlich vom Bettrand direkt zu Boden segelte. Jemand ächzte, leise und verschlafen. Nach einer Pause gab es neues Rascheln, und Knarzen, als derjenige über sein Bett rutschte, um suchend den Boden entlangzutasten. Ace schien ungefähr eine Minute zu brauchen, dann konnte Nero das gedämmte Licht am Nachbarbett aufleuchten sehen. Schweigen füllte das Zimmer, gefolgt von ungelenkem Tippen.

Cant_touch_this: waszur höe

Cant_touch_this: höle

Cant_touch_this: wilst du mich veratschen?

Eigentlich hatte Nero bereits, was er wollte, aber die Höflichkeit riet ihm, vielleicht doch zu antworten.

PARADOX: du hattest einen alptraum

PARADOX: und hast geredet

PARADOX: war meganervig

Und das sagte er auch nicht nur, weil sein Blut sich immer noch in Körperpartien gesammelt hielt, die ihm von schlafen abhielten. Konnte Fuckface nicht normale und anständige Dinge träumen, wenn er sich schon in Neros Lebensumgebung breitmachte?

Cant_touch_this: … was hab ich geredet

Nero überlegte nur kurz und entschied sich für ‚Lieber nicht‘.

PARADOX: woher soll ich das wissen

PARADOX: hab nur gebrabbel verstanden

Cant_touch_this: … hm

Cant_touch_this: war wirklich ein ziemlicher Alptraum.

In der Sicherheit der sie umgebenden Dunkelheit verdrehte Nero die Augen.

Cant_touch_this: trotzdem

Cant_touch_this: Weck mich nicht nochmal

Cant_touch_this: wir wollten nichtmehr miteinander reden. Das habe ich nicht zum spaß gesagt.

„Ja, und du würdest das um einiges leichter machen, wenn du endlich nach ner neuen Hütte fragst.“, murmelte Nero vernehmbar in die Dunkelheit hinein, aber es folgte keine Antwort, und als das andere Leuchten erlosch, ging er davon aus, dass Ace die Konversation für sich für beendet erklärt hatte. Er atmete tief aus, dann ließ er auch seinen Kopf aufs Kissen zurücksacken und versuchte, Schlaf zu finden.



Ace war bereits wach, als jemand in die Hütte gestolpert kam, aber noch hielt er die Augen geschlossen und stellte sich schlafend. Zum einen hatte er niemanden wecken wollen, wenn er jetzt Radau machte, und zum anderen…

…Zum anderen war er wütend auf sich selbst. Was zur Hölle war denn bitte los mit ihm? Wie dumm konnte man sein? Er hatte nicht nur mit sich, sondern auch mit Nero einvernehmlich ausgemacht, dass dieses… dieses Ding zwischen ihnen ein katastrophaler, peinlicher, unüberlegter und realitätsfremder Ausrutscher war und sie bitteschön fortan einen großen Bogen umeinander machen wollten, und an sich plante Ace, genau das zu tun.

Nur schien es, als hätte irgendein Teil seines Kopfes nicht mitbekommen, dass Para plötzlich nicht mehr angesagt war. Anders konnte er sich Teile seiner Träume, so verworren sie auch sein mochten, nicht erklären. Sicher, Ace war weder ein wirklich vernünftiger Mensch noch einer, der sich groß unter Kontrolle hatte, aber das ging ihm nun schon zu weit. Er fühlte sich von seinem eigenen Kopf verraten, hatte dem Rest des Zimmers den Rücken zugedreht und starrte unter gesenkten Lidern grimmig der Wand entgegen, als das erste Poltern erklang.

Es hörte sich an, als hätte jemand im trüben Licht des Morgens einen Schuh angestoßen, der gegen den metallenen Jackenständer gekracht war, und Rascheln ertönte, begleitet von einem bedrohlichen Rumpeln. Die folgende Stille legte nahe, dass jemand den Fall des Jackenständers hatte aufhalten können. Keine Sekunde später ertönte ein leidvolles Zischen, und das folgende „AuFuckfuckfuckfuck!“ klang deutlich nach Devon. Ace gab weiterhin sein Bestes, schlafend zu mimen, aber jetzt hörte er, dass die ruhigen Atemzüge im anderen Bett verstummt waren und jemand brummte.

„Mach bitte noch n‘ bisschen lauter, ich glaube, in der Hütte neben uns haben die dich noch nicht gehört.“

„Sorry“, murmelte Devon, der sich anscheinend nicht ganz entscheiden konnte, ob es sich noch lohnte, nur für Ace die Stimme gesenkt zu halten. Während er sich ihren Betten näherte, fügte er noch hinzu: „Hab mir Kaffee über die Hand geschüttet.“

Ace konnte Bettfeder quietschen hören, als Nero sich herumwälzte. „Warum zum Fick hast du dir- oh Junge.“ Der unwirsche, müde Tonfall wurde von leiser Begeisterung abgelöst. „Du bist ein Engel, weißt du das?“

“Ha, schwul.“ Mit einem ‚Klonk‘ wurde etwas abgestellt, ehe Ace das Knarzen einer Schranktür hörte. „Eh, nebenbei, wenn du noch mit warmen Wasser duschen willst, dann solltest du dich beeilen. Ich hab mich mit dem einen Typen aus der Leitung unterhalten, der sagt, die Letzten in der Dusche beschweren sich immer, dass es da schon kalt ist. Und in die Küche willst du nich‘ mehr, die haben hier nur eine einzige Kaffeemaschine, und als ich raus bin, standen schon drei an. Wenn die Frühaufsteher erstma durch sind, wird das sicher nur schlimmer.“

„Hm-hm“, klang von Neros Bett, und leises Pusten erklang, vermutlich von Atem, der versuchte, eine Kaffeetasse abzukühlen.

„Außerdem…“, fuhr Devon fort und klang inzwischen fast stolz auf sich. „…haben wir son bisschen gequatscht, über das Camp und allgemein. Er hat in seiner Highschoolzeit halt auch Football gespielt. Und als ich mich über Kathys Nahrungsdiktatur beschwert hab, hat er mir zugestimmt, dass das für Sportler eigentlich nicht wirklich geht und er mal mit den anderen Leitern reden will. Mit etwas Glück grillen wir heute Abend und die Alte kann sich ihre Auberginen-Tomaten-Lasagne sonstwohin schieben.“

„Nicht übel.“, hörte er Nero sagen, gefolgt von ersten Schlucken. Kurz trat Stille ein, bis Devon sich räusperte.

„Was hältst du eigentlich von deiner Gruppe?“

„Keine Ahnung. Ich hab da nicht wirklich zugehört, um ehrlich zu sein?“

„Also, wenns dir doch ohnehin egal ist…“ Knarzen aus Richtung des Kleiderschranks erklang, und Rascheln, als Kleidung über Sperrholz rutschte. „Hättest du Bock zu tauschen? Dann wärst du mit Richard zusammen in einer, und auch die anderen sind voll entspannt.“

„…Hast du dich nicht gestern noch beschwert, dass man dich in die Gruppe zu Katherines Sozialfällen gesteckt hat?“ Sozialfall Ace, der in derselben Gruppe gelandet war, schnaubte sehr leise in sein Kissen.

„Jessica wäre auch noch dabei!“, fügte Devon im Mut der Verzweiflung hinzu. In seiner Stimme klang bereits ein Grinsen durch, dass nahelegte, dass er nicht mehr an Erfolg glaubte.

„Das ist jetzt nicht gerade n‘ Pro-Argument…” Wieder das Schweigen und Kaffeeschlucken. “... Muss ich eigentlich davon ausgehen, dass das hier keine … eh- liebevolle, freundschaftliche Geste ist, und mehr son Bestechungsversuch?”

“Ey! Sowas würde ich niemals tun!”, beschwerte sich Devon. Inzwischen lachte er offen.

“Ah, scheiße. Was solls, lass tauschen.”

„Echt? Klasse.“ Devon schien genauso überrascht, wie Ace sich erstarrt fühlte. Konnte Nero nicht bitte zwei Sekunden lang sein Gehirn einschalten, ehe er etwas entschied? Er war doch mit Sicherheit genausowenig wie Ace scharf darauf, Tag und Nacht in seiner Nähe sein zu müssen! Kurzes Ächzen erklang vom Nebenbett, und Schaben, ehe das leise Tippen von Fingerspitzen auf einem Bildschirm erklang.

„Nebenbei, das hat nicht zufällig was damit zu tun, dass es deine Nachhilfelehrerin in meine ehemalige Gruppe verschlagen hat?“ Nero betonte das Wort auf eine Art und Weise, mit der Ace im ersten Moment nichts anzufangen wusste. War ‘Nachhilfelehrerin’ Synonym für eine von Devons Sexbekanntschaften?

„…Nein?“ Die Antwort kam verzögert und klang beinahe defensiv. Dann begannen die Schritte wieder durchs Zimmer zu wandern, und die Geräusche legten nahe, dass Kleidung umhergezerrt wurde. „Ich guck mal, was es zum Frühstück gibt. Wenn Fuckface heute noch wach wird, sag ihm mal, der soll sich endlich um diese Geschichte mit der Hütte kümmern.“

„Werd ich.“ Ein letztes Mal ertönte Rascheln und Quietschen, dann schlug eine Tür zu und ließ sie in unangenehmer zweisamer Stille zurück.

“Ich soll dir ausrichten, dass du dich mal um diese Geschichte mit der Hütte kümmern sollst”, hörte Ace und erstarrte. Einen Moment lang erwog er, ob er weiter schlafend spielen sollte, aber Nero wartete anscheinend auf keine Antwort, und als er die Schritte durchs Zimmer tapsen hörte, drehte Ace sich behäbig um. Sein Nacken schmerzte vom Kissen, und sachte Gänsehaut hatte sich an seinem Körper gebildet. Es war kühl im Zimmer – viel zu kühl, für seinen Geschmack – und der einzige Grund, aus dem er die Zähne zusammengebissen und sich verkrampft schweigend in seine Decke gekuschelt hatte, war der, dass er nicht den Mut aufgebracht hatte zu fragen, ob er die Heizung aufdrehen könne. Nero, der in Boxershorts am Kleiderschrank hantierte, schien seine Bedenken nicht zu teilen.

Ace blinzelte müde zu ihm herüber, beobachtete den großen dunklen Flecken auf Schulterhöhe, der sich von anderen, ebenso verschwommenen hautfarbenen Flecken abhob, und schloss über hochkomplizierte Deduktion darauf, dass er sich da gerade Neros tätowierten Rücken ansah.

“...Möchtest du heute noch antworten oder starrst du mich jetzt einfach so lange an, bis es gruselig wird?” … Und das wohl offensichtlicher, als ihm bewusst gewesen war. Schnaubend vergrub Ace das Gesicht einen Moment im Kissen, dann setzte er sich auf und zupfte die Ärmel seines Schlaf-T-Shirts zurecht.

“Beruhig dich, ich kann ohne Kontaktlinsen nichts sehen”, nuschelte er und ärgerte sich im selben Moment darüber. Eigentlich hätte er einen selbstbewussten, uninteressierten Spruch bringen sollen, der deutlich machte, wie absolut gar nicht Ace Nero anschauen wollte. “Außerdem gibt’s da eh nichts Interessantes anzustarren”, fügte er hinzu in der Hoffnung, dass die Pause nicht zu lange angedauert hatte.

“Na, wenn du das sagst.” Die Worte klangen vage und gleichzeitig gewohnt abgehoben, und Ace fühlte die letzten Reste morgendlicher Sicherheit schwinden. Was tat er eigentlich hier? Warum tat er sich das nochmal an?

Die Nero-Gestalt griff inzwischen nach einer Jacke, und seine Haare, die ausnahmsweise in ungegelten, wirren Locken abstanden, ließen den Flecken, den Ace als Kopf identifizierte, größer aussehen, als er rein proportional sein sollte. Er sah den Jungen durchs Zimmer wandern und lauschte seinem eigenen schwankenden Herzschlag,

Auch nur ein Mensch. Nur ein Mensch. Nicht die übermächtige Horrorfigur, die dein Kopf aus ihm gemacht hat. Nur ein Mensch-

“Musst übrigens mal Devi antworten, die nervt mich schon quasi seit Freitag.” Ace runzelte die Stirn, aber außer ihm befand sich niemand im Zimmer, den Nero hätte ansprechen können.

“Wem?”

“...Spidey? … Ihr habt euch doch nicht echt Bilder geschickt, ohne eure Vornamen zu kennen, oder?” Der Ausdruck auf Aces Gesicht musste ihm genug verraten haben, und Nero ächzte, während er ins Bad trottete. “Alter. Bei deiner Sozialunfähigkeit versteh ich langsam, wie der Kram mit uns passieren konnte.” Der Kram mit uns? Ace wollte einwenden, dass das ja sicherlich nicht allein seine Schuld gewesen war, aber gleichzeitig kamen ihm die Worte verschwendet vor. Er schwieg lieber in sich hinein, hob den Kopf und starrte die Risse an, die sich an einer Seite der Zimmerdecke entlangzogen, während ihm sein Hals so eng schien, dass er einen Moment lang nicht sicher war, ob er Luft bekommen würde.



StrangeGuy18: Hi. Sorry, dass ich mich nicht gemeldet hatte. Hatte einiges im Kopf x.x Aber jetzt sind Nachrichten wieder an. Was gibt’s neues aus Frankreich?

Nach dem Frühstück setzten sie sich ins Haupthaus, in dem man Stuhlreihen aufgestellt hatte, und sahen sich einen Diavortrag über Teamwork, Zusammenhalt und soziale Mechanismen an. Der einzige Unterschied, den Ace zu den Vorträgen sah, die sie von früheren Schulversammlungen kannten, war der, dass die Sprache diesmal nicht aufs Kinderniveau heruntergebrochen wurde. Hinterher wollte man sie in Kleingrüppchen zusammensetzen, für Kennenlernspiele – denn, so erklärte ihnen die Leiterin mit übertriebenem Enthusiasmus, sie kannten sich zwar bereits alle, und doch machte es den Eindruck, als würden sie sich untereinander eigentlich nur sehr oberflächlich kennen. Und immerhin wären sie ja hier, um das tiefere Verständnis und neue Sympathie für die eigenen Klassenkameraden zu entwickeln. Am Rande der Reihe tat Sean so, als würde er sich den Finger in den Mund stecken, und wurde von der Lehrerin ermahnt, er solle sich bitte seines Alters entsprechend benehmen.

Zehn Minuten später hatten sie die Stühle beiseite geschoben und saßen immer zu viert rund um Din-A3-Blätter, auf denen sie auf gestalterische Weise drei zwischenmenschliche Werte darstellen sollten, die sie in kleiner Gruppendiskussion als die wichtigsten erkannt hatten. Katherine hatte sich den Stift geschnappt, ehe Branwyn, Ace oder Zacharias dazu gekommen waren.

“Also, ich bin dafür, dass wir an erste Stelle Kooperationsbereitschaft stellen müssen, und dass man auch bereit ist, anderen zuzuhören, sich auf ihre Vorschläge einzulassen und nicht voreingenommen gegenüber ihren Anschauungen ist. Sowas halte ich für das Allerwichtigste.”, ließ sie verlauten, und Branwyn gluckste, woraufhin Katherine überkritisch die Brauen senkte. “Du etwa nicht?”

“Hm? Alles gut, mach du mal.” Die kleine Brünette zog ihre Beine an und holte ihr Handy hervor, und Ace hörte ein leises, angestrengtes Seufzen von Katherine. Er selbst überließ es Zacharias, den Eindruck zu erwecken, dass irgendwer von ihnen Interesse an dieser Gruppenarbeit hatte. Nach allem, was Ace gesehen hatte, bezweifelte er, dass das Problem in der Klasse das Verständnis untereinander war. Es war nicht, dass sie sich untereinander gar nicht verstanden – sie verachteten sich nur trotzdem. Eigentlich hätte er gerne mit Spidey geschrieben, aber die war entweder beschäftigt oder ließ ihn wegen der kürzlich auferzwungenen Funkstille hängen.



“Junge, er ist in deinem Zimmer. Direkt vor deiner Nase. Und du willst mir immer noch erzählen, dass man da nicht mal...” Ethan führte das nicht groß aus, sondern schlug die geballte Faust gegen seine geöffnete Handfläche und hob die Brauen. Ihre jeweiligen Plakate machten sich bereits von selbst – in Neros Gruppe hatten Quinn und Aubrey die Arbeit an sich gerissen, und bei Ethan war es das süße Mädchen aus Neros Chemiekurs, dessen Namen er vermutlich schonmal irgendwo gehört hatte, aber im Moment partout nicht aufrufen konnte.

“Hä? … Dir ist klar, an wem das hängenbleiben wird, wenn Fuckface gerade jetzt mit nem blauen Auge rumläuft, oder? Den Stress will ich nicht, also lass stecken.” Für Sean schien das überzeugend genug, nur Ethan verdrehte die Augen.

“Ich sag ja nicht, dass es das Gesicht sein muss.”

“Sag mal, glaubst du, dass blaue Flecken am Bauch irgendwie unsichtbar sind oder so? Willst du, dass ich mich dann da hinstelle und Mrs. Hill erzähle, die zählen nicht, Magengrube ist PVP-Bereich?” Nero sprach bewusst übertrieben, und wie erwartet lachte Sean. Ethan verzog mürrisch die Mundwinkel.

“Okay, aber man könnte doch-”

“Ethan. Ethan, lass mich ganz ehrlich zu dir sein.” Er konnte spüren, wie der Junge sich kaum merklich versteifte, als Nero ihm in jovialer Geste den Arm um die Schulter legte. So ruhig Nero momentan auch war, man hatte die Zeiten nicht vergessen, in denen die gute Laune in sekundenschnelle zu Gewalt umschlagen konnte.

“Wenn irgendwer auf die Idee kommt, mich zu nerven, weil du keine fünf Tage chillen kannst, ohne Fuckface eins auf die Fresse zu geben, dann wirst du damit rechnen müssen, dass der nächste Anblick, der dich erwartet, wenn du mitten in der Nacht wach wirst, ich bin. Mit einem Küchenmesser in der Hand. Haben wir uns da verstanden?” Nero ließ die gute Laune aufgelegt, und die Vorstellung brachte Sean wieder zum Kichern, während Ethan nicht annähernd so amüsiert wirkte. Als er das nächste Mal knurrte, wirkte es kleinlauter.

“Ich sag doch nur-”

“Ist mir scheißegal.” Nero löste den Arm schon wieder und lehnte sich zurück. “Mach, was immer zum Fick du willst, aber wenn du irgendwas tust, was Probleme für mich ergibt, dann werd ich zickig. Anderes Thema, ist unser Plakat bald mal fertig?” Der blonde Schopf hob sich, als hätte Quinn nicht ohnehin die ganze Zeit mit gespitzten Ohren gelauscht, und sie streckte ihm die Zunge heraus.

“Das wüsstest du wohl gerne, du Arbeitsverweigerer.”

“Hey. Wow. Ich tue das Beste, was ich in dieser Situation tun kann, und zwar mich raushalten, damit ich euer gut durchdachtes Gesamtkunstwerk nicht mit meinen Ansichten verschandel. Ich fänds schön, wenn du meine Mühen ein bisschen mehr zu schätzen wissen würdest.” Aubrey grinste unfreiwillig, und Quinn seufzte tief, ehe sie sich wieder auf ihre verbleibenden Zeichnungen konzentrierte.



“Wirklich, Ace, du siehst irgendwie... kaputt aus. So wie gestern.” Katherine hielt einen Moment inne, und ihre Hand verharrte in der Schwebe über dem Obstkorb, der herumgereicht wurde. “Du weißt, dass du mit mir reden kannst, wenn irgendwas nicht stimmt, ja?”

Sie hatten den Morgen hinter sich gebracht, und Ace konnte sich nicht einmal dafür schämen, dass er und seine Gruppe letzten Endes die meiste Arbeit auf Katherine abgeschoben hatten... immerhin hatte die ja quasi drum gebettelt. Sie war es auch, die ihre Vorschläge am Ende vorgestellt hatte, und spätestens bei den Erklärungen der anderen wollten Ace schon wieder die Augen zufallen.

“Hab nicht so gut geschlafen”, murmelte er und knotete sein Proviantpaket zusammen, ehe er es in seinen Rucksack schmiss.

“Wegen der Kälte? Da haben sich heute schon mehrere Mädels beschwert, die Hütten sind echt miserabel beheizt. Ich hatte auch Probleme.” Katherine, die strikt Anti-Plastikbeutel war, hatte die Campleitung nach Tupperdosen gefragt und schloss gerade eben den Deckel über ihrem eigenen Wandervorrat.

“Ja, das auch... und dann hab ich totalen Quatsch vom Camp geträumt?”

“Okay?” Katherine klang soweit amüsiert, dass Ace ohne nachzudenken weiterredete.

“Ja, keine Ahnung, irgendwas davon, dass ich unten am See einen sprechenden Pinguin gefunden habe, den ich unbedingt behalten wollte, weil ich ihn so cool fand, und dann ist er verlorengegangen, und als ich auf die Suche gegangen bin, habe ich rausgefunden, dass Nero versucht hat, ihn in der Dusche zu ertränken, weil er Spielschulden hatte – also, Nero, nicht der Pinguin, frag mich nicht, wie das zusammenhängt, im Traum hat das einfach Sinn gemacht, und wahrscheinlich steckt da ein ganz toller tiefenpsychologischer Grund dahinter-” Und aus irgendeinem Anlass, den Ace sich nicht erklären konnte, der fernab von Spielschulden und Tiefenpsychologie lag und über den er tunlichst vermied nachzudenken, hatte Nero ihn dann gegen die Duschwand gedrängt, ihm das Shirt vom Körper gezerrt und um die Handgelenke gewunden und – und Dinge getan, die Ace nie und nimmer mit sich machen lassen würde. Nicht so, und erst recht nicht mit Nero. Er hatte ja wohl sowas wie Selbstrespekt. Überhaupt, vermutlich hatte sich sein Traum-Ich nur auf so etwas eingelassen, weil es Pinguinleben zu retten galt. Ace hatte quasi keine andere Wahl gehabt, und genaugenommen konnte man diesen Traumabschnitt als freiwillig auferlegtes Martyrium betrachten. Aber all das ließ er selbstverständlich unerzählt. “-Und Werwölfe kamen auch vor, aber frag mich nicht, welche Rolle die gespielt haben, ich habs schon wieder vergessen.” Katherine blinzelte.

“Du hast … interessante Träume.”

“Das war noch einer der vernünftigeren”, gab Ace zu. Bis auf den Teil mit der Dusche. Der war ja wohl völlig daneben.

“Und das macht es besser?” Aber jetzt kicherte sie und schloss ihren eigenen Rucksack, ehe ihre eigenen Augen kurz zur Seite wanderten. “Na sowas, wenn man vom Teufel spricht...” Sie hob die Stimme einen Moment, damit sie über die anderen packenden Schüler hinwegdrang. “Hey West, dir ist klar, dass das hier nicht deine Gruppe ist?”

“Hm? … Hab mit Devon getauscht. Ist schon mit der Campleitung abgesprochen.” Er ließ sich neben Richard nieder, der ganz erleichtert schien, als Eugene innerhalb von Sekunden sein Gespräch mit ihm unterbrach und etwas außer Reichweite rutschte. Katherine schien weniger glücklich mit dieser Entwicklung.

“Und wer hatte das vor, mit mir abzusprechen?”

“Oh. Verzeihung. Mir war nicht klar, dass du die eine übergeordnete Entscheidungsinstanz bist, bei der der Rest der Welt sich Erlaubnis einholen muss. Aubrey, du gieriges Ding, hör mal auf, Marsriegel zu bunkern und wirf einen rüber.”

“Das heißt bitte!”, beschwerte sich das Mädchen am Nebentisch, ehe sie in der Packung kramte und ihre Beute weiterreichte. Katherine schien immer noch nicht wirklich glücklich, und ihre Brauen bildeten eine strenge, gekräuselte Linie über ihren Augen. “...West, ich hoffe für dich, dass du nichts Dummes vorhast.” Was nicht einmal ganz weit hergeholt war bei dieser Ansammlung von Leuten, die normalerweise aus gutem Grund einen weiten Bogen um Nero und Konsorten machten. “Glaub mir, du würdest mich nicht mögen, wenn ich wütend bin.” Nero blinzelte.

“Ich mag dich sowieso nicht, wo ist der Unterschied?” Richard gluckste, war aber auch schon wieder still, als Katherines Blick zu ihm weiterschwenkte. Ace hatte bereits zu seinem regulären, schweigsamen Selbst zurückgefunden. Er versuchte an sprechende Pinguine und Werwölfe zu denken und auf keinen Fall an alles, was dazwischen lag.



Sie hatten sich wenig später in ihren Gruppen auf den Weg gemacht und wanderten inzwischen auf fünf verschiedenen Wegen über die malerischen Pfade der Bergreihe, die sich zum Glacier Nationalpark hinzog. An ihrem Endpunkt wurde in der Zwischenzeit alles fürs Grillen vorbereitet, und wer zuerst da war, durfte zuerst zulangen. Für viele der Jungen schien das zusätzlicher Ansporn. Nicht nur Richard hatte sie immer wieder zu mehr Tempo angetrieben, sondern auch ein paar der Kerle, die den Sportunterricht normalerweise nur von der Bank aus verfolgten.

Begleitet wurden sie von der jungen Frau aus der Campleitung, die sich angeregt mit Jessica unterhalten und etwas von einem Praktikum in der Pädagogik erwähnt hatte. Sie schien ganz erleichtert, dass sie eine der ruhigeren Gruppen zugeteilt bekommen hatte. Vielleicht hatten die Lehrer sie ja auch schon mit Horrorgeschichten unterhalten.

Ace versuchte sich einzubringen, indem er eine zeitlang neben Katherine und Alexandra hertrottete. Er dachte, wenn er nur genug Begeisterung für ihre Diskussion über den Schulblog und und feministisch orientierte Leitartikel vortäuschen könnte, dann würde er seinen Kopf vielleicht dazu bringen können, sich wirklich für das Thema zu interessieren, aber als seine Bemühungen fruchtlos blieben, ließ er sich ein Stück zurückfallen und zückte sein Handy. Diesmal hatte er mehr Glück.

TheSpiderGirl: und ich dachte schon, ich hör gar nicht mehr von dir q.q

TheSpiderGirl: Im Grunde das übliche. Bisschen stress, doch der legt sich schon wieder. Hab aber eventuell jemanden kennengelernt! Drück mir die daumen, denn sie ist süß af und hält mich vermutlich für nen lebensunfähigen nerd

TheSpiderGirl: nicht, dass das nicht stimmen würde, aber das soll ja keiner vor dem ersten Date wissen

Ace schmunzelte schwach. Und wie er Daumen drücken würde! Mindestens einer von ihnen beiden hatte ja seine unmöglich kitschige Romanze verdient, und nur weil die seine seit Kurzem wieder in unerreichbarer Ferne lag, hieß das nicht, dass er nicht versuchen konnte, sich für Spidey zu freuen.

StrangeGuy18: D: du schaffst das! Wer immer das ist, sie weiß gar nicht, was für ein glück sie hat, ausgerechnet von dir gemocht zu werden!

StrangeGuy18: und schick mal ihr profil :o

TheSpiderGirl: hab keins :x seh sie öfter in meinem stamm-comicladen, aber wir sind bis jetzt nicht über smalltalk hinaus

TheSpiderGirl: Aber sobald ich eins in der Hand habe, bist du der erste, ders kriegt!

TheSpiderGirl: Was ist bei dir los? Hats was mit Para zu tun, oder hast du allgemein gerade einfach im RL um die Ohren?

Ace biss sich auf die Lippen. Was war das mit ihm, dass er so gerne über seine Probleme reden wollte und dann doch kaum ein Wort tippen konnte?

StrangeGuy18: Ja

StrangeGuy18: und Ja

Sag mal, machst du das extra? Ist das irgendwie die Rache dafür, dass ich noch in eurem Zimmer bin? Treibst du dich deswegen in meiner Nähe rum? So gerne Ace diese Fragen laut gestellt hatte, war er doch gezwungen, sie allein in seinem Kopf zu formulieren, während er über Grasbüschel und Steine stolperte und in Rastpausen verstohlen Neros Hinterkopf anstarrte.

Normalerweise verschwendete er keinen Gedanken daran, wie oft der Junge sich mit anderen Menschen umgab, aber jetzt begann es ihn zum ersten Mal wirklich zu nerven. Konnte Nero nicht auch eigenbrödlerischer Außenseiter sein? Ace hatte keine Lust, anzukriechen und ihn unter den Augen fünf verschiedener Mitschüler um ein Gespräch zu bitten. Überhaupt fehlte es ihm an entsprechenden Ausreden und Rückzugsorten. Es war nun nicht so, als konnte er Nero einfach vom Wanderweg weg- und in das tiefe Buschwerk zerren, ohne dass das zwangsläufig Fragen ergeben würde.

Selbst wenn, hätte er sich vermutlich am Ende sowieso wieder im Para-Dilemma wiedergefunden... er wollte reden, aber ihm war nicht klar, über was. Er wollte reden und fand die Worte nicht, und er wollte reden und wusste gleichzeitig, dass jede Silbe, die er zu viel sprach, gegen ihn verwendet werden konnte.

Gerade eben hatte Ace das Gefühl, dass zwischen ihm und Nero mehr oder weniger Gleichstand herrschte. Beiden war bewusst, dass der jeweils andere sich in irgendwelche seltsamen Vorstellungen bezüglich ihrer Person verstrickt haben mochte, beide durften mal kurz in Peinlichkeit baden und dann versuchen, es wieder zu vergessen. Doch irgendwas in Ace tat sich schwer mit dem Vergessen. Und mit dem Gleichstand. Ein sehr starrsinniger, sehr dummer Teil seines Kopfes sorgte dafür, dass Para selbst dann noch durch seine Träume geisterte, wenn der Rest seines Ichs konsequent dabei war, den neuen Anti-Nero-Kurs zu fahren. Er wusste selbst nicht, warum seine Augen in mancher unbeobachteten Sekunde zu dem Jungen herüberwanderten, aber Ace konnte sich nicht einen einzigen guten Grund dafür ausmalen und gleichzeitig viele, die ihm so gar nicht gelegen kamen.

Zum erneuten Mal innerhalb der letzten Tage wünschte er sich, dass er ein bisschen mehr Soziopath wäre und ein bisschen weniger Ace, mit all seinen Emotionen, seinem funktionierenden Schamgefühl, seiner Nervosität und dem Kloß im Hals, der immer wieder aufkam und ihm erzählte, er hatte etwas verloren, dass er nicht wieder kriegen würde. Es mochte nur eine Illusion gewesen sein, aber Ace hatte sie alles bedeutet. Zumindest bis vor Kurzem. Bis zu dem Punkt, an dem sich die Realität einmischte.

Was er jetzt wollte, war, dass es aufhörte. Möglichst bald. Egal wie. Selbst, wenn er dafür mit Nero reden musste, selbst, wenn es galt, mal kurz seine seelische Verfassung blankzuziehen. Solange es nur den momentanen Zustand beendete, war das ein Preis, den er gerne zahlen würde. Zehn Minuten, in denen man die verwirrten Reste seines Herzens durch die Gegend kickte, klangen nach einem Preis, den Ace bereit war, für seinen Seelenfrieden zu zahlen.



TheSpiderGirl: o.o wie kommts?

Der Himmel über ihnen war mehr grau als blau, und der kühle Wind sorgte nicht gerade für begeisterte Gesichter. Selbst diejenigen, die noch im Winter in kurzen Hosen unterwegs waren, hatten sich Jacken übergezogen, und Katherine hatte schon das eine oder andere Mal einen besorgten Blick auf die Wolken geworfen und gemurmelt, sie hoffe, es würde heute nicht auch noch regnen.

Im Moment allerdings hatten sie sich einen Platz für die Pause gesucht, ehe es an den anstrengenderen Teil des Pfades gehen sollte. Es hatte keine fünf Minuten gedauert, und die Jugendlichen hatten sich in sorgfältig ausgewählten Grüppchen über die Wiese verteilt, die an den Waldrand anschloss. Ace war gewohnheitsmäßig auf Abstand zu allen gegangen, aber auch die anderen schienen ein wenig reserviert. So unangenehm es klang – mit ‘Sozialfälle’ hatte Devon möglicherweise die richtigen Worte für seine Stufenkameraden gefunden. Menschliche Interaktion war auch kompliziert, und die meisten von ihnen betrieben sie nur im Zirkel Auserwählter, bei denen man keine Angst haben musste, wenn man einen Fehler beging. Ace gehörte wie immer zu den schlimmsten Exemplaren unter ihnen, hing an seinem Handy fest und wagte nur gelegentlich Blicke zum Rest der Gruppe.

StrangeGuy18: Lange Geschichte xD

StrangeGuy18: weißt du

Ace biss sich auf die Unterlippe. Während er überlegte, wie er die Erklärung fortführen sollte, folgte sein Blick einigen Schülern, die sich aus den Scharen gelöst hatten und den Weg weiter in Richtung Wald wanderten. Normalerweise würden solche wie Aubrey, Eugene oder Quentin nicht im Traum von Richard und Jessica geduldet werden, aber der Mangel an Angebot sorgte vermutlich für gesunkene Ansprüche. Und Nero … Nero war es wahrscheinlich egal, oder? Vielleicht nahm er, was immer man ihm in die Hand drückte. So hoch konnte seine Messlatte doch ohnehin nicht gesetzt sein. Nicht, wenn er... wenn er sich in Ace...

Er schüttelte den Kopf und biss sich weiter die Innenseite der Lippe wund, während er versuchte, sich gedanklich von diesem Themengebiet wegzuzerren. Aus. Stop. Nicht dran denken. Böser Ace. Das wird dir nur wehtun.

TheSpiderGirl: Es hat doch was mit Para zu tun, ja?

TheSpiderGirl: Ihr beide habt die letzten Tage total aneinandergekebt, nur um dann gleichzeitig vom Erdboden zu verschwinden

TheSpiderGirl: … Soll ich ihm sagen, er soll dir gefälligst deine Niere wiedergeben?

Auch, wenn sein ganzer Brustkorb sich zusammenzuziehen schien bei der Erinnerung an ihr Gescherze, musste er diesmal zumindest nicht heulen. Ace wertete das als einen großen Schritt in Richtung Genesung.

StrangeGuy18: Ha ^^’ ähm...

StrangeGuy18: Lieber nicht

StrangeGuy18: es gibt da was, was du über Para wissen solltest

Ace zog die Beine näher zu sich. Er fühlte sich irgendwie schlecht, ohne zu wissen, warum oder für wen. Vielleicht für sich selbst, für naive Träume, die zu Bruch gegangen waren, oder vielleicht für Spidey, in Anbetracht dessen, was er vorhatte, ihr gleich um die Ohren zu hauen. Überhaupt würde es vermutlich lange dauern, sie mal ganz auf den neuesten Stand zu bringen... die Sache mit Paras überraschendem Geständnis war immerhin auch unter dem Tisch gefallen, und drei Tage später war da ja schon nichts mehr, was man schwärmerisch hätte berichten können.

Nur für Nero fühlte er sich mit Sicherheit nicht schlecht. Der hatte das ja längst wieder überwunden. Und selbst wenn Ace klar war, dass es ihn nicht überraschen sollte, fühlte es sich doch beschissen an.

Er riskierte noch einmal einen Blick in die Richtung, in die die Schülergruppe vorhin verschwunden war, aber noch schienen sie nicht bereit, sich wieder in Sichtweite des Pöbels herumzutreiben. Und sollte er nicht eigentlich froh darüber sein? Je weniger Nero er sah, desto besser.

TheSpiderGirl: :o

TheSpiderGirl: Gib mir den Tratsch.

TheSpiderGirl: Steht er auf Jungs? Und wenn ja, wann muss ich die Hochzeit ansetzen?

Ace grinste. Es fiel relativ bitter aus, aber er konnte darüber grinsen. Eigentlich sah er das als gutes Zeichen.

StrangeGuy18: vorzugsweise nie

StrangeGuy18: Du erinnerst dich, dass wir zwar aus dem selben Bundesstaat kommen, aber ganz überzeugt waren, dass wir uns niemals zuvor über den Weg gelaufen sind?

StrangeGuy18: also … das war ein Irrtum

TheSpiderGirl: ?

Für einen kurzen Moment schienen seine Finger taub und sein Kopf leer. Ace war ratlos, wie er dieses Gespräch fortführen sollte, ohne Spidey zu viel vorzusetzen.

StrangeGuy18: Möglicherweise kannten wir uns ein wenig besser, als mir lieb war x.x

TheSpiderGirl: ...ich versteh gar nichts mehr

TheSpiderGirl: klär mich auf

Unerklärliche Anspannung hielt ihn ergriffen. Ace hatte sich mit seiner Situation halbwegs abgefunden, aber Spidey einzuweihen – oder überhaupt jemanden von seinem Dilemma wissen zu lassen – kam ihm so weitreichend vor, dass ihm beinahe übel war. Wollte er ihr das überhaupt antun? War das fair, Spidey all seine Sorgen aufzubürden? Es konnte ihr doch auch keinen Spaß machen, immer nur Ace-Tröster zu spielen, ohne etwas dafür zurückzubekommen, und vielleicht sollte er einfach... einfach irgendeine Möglichkeit suchen, zurückzurudern und das Thema zu wechseln?

TheSpiderGirl: ...icy?

Ace legte den Kopf kurz in den Nacken, schloss die Augen und zog die Schultern enger an den Körper, während der kühle Wind ihm seine Strähnen in die Augen rieseln ließ. Mit irgendwem sollte – mit irgendwem musste er reden. Vielleicht war es nicht nett, aber er konnte es auch nicht mehr ertragen, der einzige zu sein, der mit diesem Fiasko zu kämpfen hatte.

StrangeGuy18: ...möglicherweise war er einer von den kerlen, über die ich mich aufgeregt habe

Ace ließ das Handy einen Moment sinken und drehte es um, während seine Finger zitterten. Er wusste nicht, warum ihn das gerade so fertig machte. Hatte er nicht das meiste unter Kontrolle? Hatte er sich nicht mit allem arrangiert, irgendwie? War er nicht schon dabei, weiterzugehen?

Unter seinen Fingerspitzen vibrierte das Handy, und er drehte es hastig wieder um.

TheSpiderGirl: icy, komm schon

TheSpiderGirl: nicht witzig

StrangeGuy18: ich wünschte, es wäre ein witz

TheSpiderGirl: Icy

TheSpiderGirl: ich meins ernst

TheSpidergirl: ...icy?

Er hatte das Handy wieder umgedreht, während die Schuldgefühle in ihm anzuschwellen drohten, und riss Grasbüschel aus, bis das Gefühl vorüber ging. Einen Moment lang war er noch am Überlegen, wie er ihr die Lage am besten begreiflich machen sollte, als er Katherine auf sich zukommen sah. Beinahe erleichtert schob Ace das Spidey-Gespräch in nahe Zukunft.



„Jess – Nein. Der Typ ist wirklich so drauf. Ich gebe ja zu, Sean ist vielleicht auch minimal Schuld daran, dass ich von Anfang an in einem falschen Licht dastand, das hätte man irgendwie diplomatischer-“

„Minimal? Als ob das keine Absicht war!“, stellte das Mädchen amüsiert klar, während sie mit den Fingern schnippste, bis der Joint zu ihr wanderte. Halb hatte Nero erwartet, dass Eugene ihnen sagen würde, sie sollen sich gefälligst ihren eigenen Stoff besorgen, aber der Junge schien nicht einmal darüber nachgedacht zu haben. Vielleicht war das eine Frage von Rückgrat, oder die Hoffnung sozialen Aufstiegs, oder vielleicht war Eugene auch einfach schon zu breit, um über derartiges zu grübeln. Nero grinste und versuchte noch einmal anzusetzen: „-irgendwie diplomatischer angehen können-“

„Nein. Nero, einfach nein“, steuerte Aubrey nun bei. „Wenn Diplomatie hier ist…“ Sie hob eine Hand zu den Worten. „Dann ist ein andauerndes ‚Guck den bloß nicht schief an, der hat schonmal nen Typen umgelegt‘ eher so… dadrüben.“ Ihre Hand fuchtelte in Richtung der Baumreihen, die sich zur Wiese hin öffneten. „Wie kommt er überhaupt auf sowas?!“

„Woher soll ich das wissen? Und hey, er hats jetzt nicht wortwörtlich so ausgedrückt…“

„Ich kanns n‘ bisschen verstehen. Ist jetzt nicht, als wärs unmöglich, darauf reinzufallen“, meinte Richard und schüttelte den Kopf, als Jessica ihm den Joint reichen wollte. „Ich meine, wenn man dich kennt, dann ist das was anderes, aber du hast schon manchmal so nen Psychoblick drauf.“

„Häh? Einen Scheiß hab ich.“ Nero spürte das Handy in seiner Tasche vibrieren und zog es hervor, während Jessica leise kichernd gegen ihn sackte.

ItsyBitsySpidey: para, ich muss dir eine Frage stellen

PARADOX: hau raus

„Ja, klar, normalerweise nicht, aber Dominique hat das gemeint, als ich ihr unsere Klassenfotos gezeigt habe. Wenn man den Rest von deiner Mimik verdeckt, dann sehen deine Augen auf Fotos schon manchmal so aus, als würdest du überlegen, wo du deine nächste Leiche vergräbst.“

„Wow, fies. Sag ihr, es kann nunmal nicht jeder so fotogen aussehen wie sie.“

Die Felsformation, auf der die Jugendlichen gerade hockten, reichte von der Wiese weiter in den Wald hinein und bildete den Beginn des Pfades, der sich durch die Baumreihen immer höher schlängelte und zuletzt als Stufen in die Berglandschaft gehauen war. Unter anderen Umständen hätte Nero die raue Umgebung als schön und tiefenentspannend empfunden, aber jetzt saß er hier, ließ sich auf dem rechten Ohr von Jessica zuplärren und auf dem Linken von Richard, versuchte sehr aktiv, nicht an Ace zu denken, und gab sich der letzten, kümmerlichen Hoffnung hin, dass Spidey ihn vielleicht ablenken könnte.

ItsyBitsySpidey: bitte schreib mir, dass du icy niemals niemals jemals wehgetan hast

...Oder auch nicht. Jessica kicherte wieder. Nero blinzelte, als sie ihm ihr eigenes Handy vor die Nase schob, auf dem sie Neros Yu.Space-Profil aufgerufen hatte und gerade versuchte, das Headerbild bis auf die Augenpartie abzudecken.

„…N‘ bisschen Recht hat sie schon.“

„Das zählt nicht, darauf lächle ich nicht“, erwiderte Nero und versuchte behutsam, ihre Hand samt Handy wieder aus seinem Gesichtsfeld zu entfernen, damit er weitertippen konnte.

PARADOX: mir, dass du icy niemals niemals jemals wehgetan hast

PARADOX: ?

„Ich finde aber gerade gar keines, dass groß genug ist und auf dem du lächelst!“, plärrte es neben ihm.

„Ja? ich kann nicht den ganzen Tag Fotos von mir machen, ich hab auch noch Dinge zu tun.“ Nero war diesmal weniger vorsichtig, als er Jessicas fuchtelnde Hand erneut aus seiner Gesichtsnähe entfernte, und sie rutschte schmollend ein Stück ab. Quentin und Richard eilten zur Rettung ihrer Laune und verschafften Nero eine Atempause.

ItsyBitsySpidey: x.x

ItsyBitsySpidey: junge! ich meins ernst! Hast du ihn je verletzt?

“-wirklich wahr, frag Nero!”, quietschte Jessica in diesem Moment, und Richard brummte: “Als ob ich den fragen würde, nur damit mir einer deinen Bullshit bestätigt! … Sowas hat sie garantiert nie gesagt. Und wenn, dann hast dus nur falsch verstanden.” Die Worte sorgten für erschrockenes Wimpernklimpern bei Jessica.

“Häh? Warum sollte ich dich denn anlügen?” Und schon war sie zurück, legte den Arm auf Neros Schulter ab und schmiegte sich an ihn, als wären Distanz und Wohlfühlzonen nur etwas, was andere Menschen benötigten. “Nero, würde ich jemals irgendwas erzählen, was nicht wahr ist?”

“Hm? … Ja, ohne mit der Wimper zu zucken?” Sie quietschte, gespielt aufgebracht, als hätte sie jemals mit einer anderen Antwort gerechnet. Während er Jessica noch davon abhalten musste, auf ihn einzuboxen, erhob sich Richard aus ihrer Mitte.

“Irgendwie kann ich grad so gar nicht runterkommen. Ich glaube, ich geh schonmal vor.”

“Bin dabei.” Eigentlich hoffte Nero, damit ein paar Momente für sich zu bekommen, aber Jessica stimmte sofort ein, und als auch Aubrey und Eugene versicherten, sie wollten schonmal weitergehen, sah er seine Chancen schwinden. Ein andermal, erzählte er sich. Irgendwann würde er die Ruhe kriegen, die er brauchte, um das Chaos um ihn herum für sich zu entschlüsseln.

PARADOX: nur halbtags :x

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