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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
10.07.2019
02.09.2021
54
317.099
155
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Dieses Kapitel
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12.07.2019 4.159
 
So unauffällig wie möglich reihte sich Ace bei den ausströmenden Schülern ein, während er gemischten Gefühlen nachhing. Das Pfeifen einmal beiseite, war inzwischen eine Viertelstunde Schuljahr vergangen, und noch immer hatte ihn keiner Loser, Fickfresse oder Spast genannt und gefragt, ob er sich denn bald mal umbringen würde. Sollte es so weitergehen, könnte Ace tatsächlich mit seinem Schulalltag leben.

Vielleicht würde ja diesmal wirklich alles besser werden. Hatten ihn nicht unzählige Highschool-Filme gelehrt, dass ein bisschen Sommerpause genügte, um die ganze Welt weniger fremd und feindselig erscheinen zu lassen? Vielleicht hatte Ace sich ja wirklich irgendwo geändert, und es noch nicht einmal gemerkt, oder der Rest seiner Mitschüler hatte entschlossen, dass sie irgendwann zu alt für diesen Dreck wurden. Neues Jahr, neues Ich und so.

Er bewegte sich durch das Getümmel in den zweiten Stock, in dem er laut Plan Literatur haben sollte. Ace beschloss das als sein zweites gutes Omen für dieses Schuljahr zu betrachten. Literatur gehörte mit Abstand zu seinen Lieblingsfächern. Dann öffnete er die Tür und wäre am liebsten wieder umgekehrt.

„Hä? Also, nee das war jetzt höchstens freundschaftliche Neckerei. So rede ich immer mit meinen allerbesten Freunden Hosenpisser, The Waddling Death und…“ Sean schnippte mit den Fingern, die Stirn in breite Falten gelegt. Im nächsten Moment richteten sich seine Augen auf Ace, aber bevor er etwas sagen konnte, ergänzte der dunkelhaarige Kerl neben ihm: „Fuckface?“

„Fuckface, genau! …Acer, mein Junge, wie geht’s?“ Sean gröhlte, als wäre das die Spitze niveauvollen und gut konstruierten Humors, und Ace senkte den Blick. Er schluckte und versuchte, sich zusammenzureißen. Trotzdem hatte er das spontane Bedürfnis, vielleicht doch einfach auf ein halbes Jahr Literatur-Credits zu verzichten.

Die hintere Reihe war mit den zwei Leuten belegt, die es vor allen anderen liebten, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Zwischen ihnen stand Sean, der von einem zum anderen strahlte, als würde er darauf warten, dass ihm einer den Kopf tätschelte und ihm bestätigte, dass er ein braver Schoßhund sei, so verlässlich, wie er die Schüler biss, die eh keiner leiden konnte.

Rechts von ihm hockte Devon Bronwick, der eine schwarze Baseballjacke mit ihrem Schulemblem trug. Es gab Tage, an denen er in normalen Klamotten herumlief, aber sie waren selten. Immerhin wäre es doch auch schrecklich, würde man ihn nicht auf den ersten Blick als den bedeutsamen Quarterback erkennen, der er war.

Breitschultrig, muskulös und mit kurzgeschorenem blonden Haar wirkte Devon wie ein sehr konservativer Posterjunge für Amerikas vielversprechende Jugend. Zusätzlich sah er verglichen mit den meisten anderen Sportlern an ihrer Schule auch noch verdammt gut aus, ohne die tumbe, stierhafte Note, die Ace mit vielen Gesichtern verband. Seine Augen waren dunkelgrün, tief und schienen wach zu leuchten, und der Eindruck so lange an, bis der Kerl den Mund aufmachte und über nichts anderes reden konnte als Sport, Fressen, Saufen, Ficken, Autos und Kleinstadtschulendrama. Selbst sein hundert-Watt-Lächeln konnte nicht retten, was er an Persönlichkeit missen ließ.

Links von Sean saß Nero in seinem Stuhl gefläzt und überragte die anderen beiden Jungen um einen halben Kopf. Letztes Jahr war Nero West noch ein aggressives, überhebliches, stämmiges Kraftbündel im Kleinformat gewesen, doch dann hatte ihn die Pubertät einholen können, und nun war er ein aggressives, überhebliches, sehniges Kraftbündel von nicht ganz zwei Metern. Er konnte – neben seinem Talent, sadistisches Arschloch zu sein - charmant lächeln. In Verbindung mit wuscheligen braunen Haaren, hohen Wangenknochen und dichten Brauen sorgte das für einen Gesamteindruck, der entschieden zu viele Mädchen dahinschmelzen und vergessen ließ, was für ein unglaublicher Scheißkerl er war. Was immer Neros Problem war, er ließ es nicht nur an Ace aus. Schon seit Middle-School-Tagen war er berüchtigt für eine kurze Zündschnur und gelegentliche Wutanfälle. Sein Blick schien Ace zu folgen und brannte geradezu auf seinem Hinterkopf, und Ace hatte das abschätzige Grinsen vor Augen, ohne hinsehen zu müssen.

Der reguläre Dritte im Bunde hieß Ethan Moore, aber er schien sich gegen Literatur entschieden zu haben. Ace kannte ihn kaum. Für ihn wirkte der Blondschopf wie ein erfolgloser Abklatsch von Devon, der sich im Kielwasser vom Ersteren treiben ließ in der Hoffnung, dass Beliebtheit und Talent doch irgendwann abfärben mochten. Außerdem hing er noch nicht lange mit den beiden rum – wirklich von ihnen akzeptiert wurde er erst seit dem letzten Jahr, seit Zack Wellis unvermittelt die Schule verlassen hatte und damit ein Loch in das Devon-Nero-Zack Trio der professionellen Hurensöhne gerissen hatte. So wenig Ace ihn leiden konnte, war er doch erleichtert, dass Ethan nicht annähernd so schlimm war wie Zack damals, aber das würde sich auch schwer aufholen lassen. Mit Zack hatte seine Hölle überhaupt erst begonnen.

„Du siehst also, alles ganz harmlos“, hörte Ace noch, während er sich seinen Platz in der ersten Reihe bei den anderen Verstoßenen suchte. Eigentlich hatte er gehofft, er könnte solche Begegnungen dieses Jahr mit einem sorgfältig ausgesuchten Stundenplan umgehen. Soviel zu seiner Hoffnung. Er starrte auf die unechte Holzmaserung seines Tisches und betete, dass ihm keine große Beachtung geschenkt werden würde, während er Block und Smartpad auf dem Tisch verteilte.

Die Smartpads hatte man den Schülern vor wenigen Jahren angedreht angedreht mit der Begründung, darauf ließen sich Tests besser überwachen und es sorge für eine ungestörte digitale Lernumgebung, die sich auf schul-gebilligte Inhalte beschränkt. Keine Woche später gab es Hacks und Emulatoren für Messengerdienste, Spiele und kompletten Internetzugang. Die Schulleitung bestand dennoch auf der Nutzung. Vermutlich wäre es auch peinlich gewesen, allen Eltern zu erzählen, dass sie 400 Dollar für nichts verschleudert hatten.

Pfeifen ertönte. Vier-Ton-Folge.

Ace zuckte so heftig zusammen, dass er beinahe sein Pad fallen ließ. Mit klammen Fingern schaffte er, es zu greifen, während er hinter sich das Gelächter mehrerer Jungen hörte. Verdammte Wichser. Am liebsten wäre er aufgestanden und aus dem Zimmer geflüchtet, aber gleichzeitig wollte er sich diese Blöße nicht geben. Und überhaupt, wie sollte er das seinen Eltern erklären? Am ersten Schultag schon krank zu machen würde doch irgendwie auffällig sein.

Er ballte die Fäuste, lauschte dem Pochen seines Herzens und hielt die Augen geschlossen, während er wartete, dass die Panik nachließ. Zorn brandete durch ihn, Hass auf seine Situation und alle, die ihn hierhin gebracht hatten, alle, die einfach nur zusahen, und als eine Tür zufiel, schreckte er zusammen und sah auf.

Seine gehetzten Augen entspannten sich im nächsten Augenblick. Mrs. Hill, die zu ihnen ins Zimmer gewuselt kam, war vieles, aber keine Bedrohung. Sie war idealistisch und gutgläubig und wollte etwas Gutes in jedem Menschen sehen, und Ace hätte sie naiv genannt, aber eigentlich wünschte er sich nur, auch an diesen Punkt zurückzukehren. Er hätte viel dafür gegeben, in einer Welt zu leben, in der er ihren Highschool-Zusammenhalt für einzigartig und Mobbing für nichtexistent hielt. Dann würde er vielleicht weniger Alpträume haben.

Trotz aller Blindheit mochte er die Frau aber irgendwie. Sie bemühte sich, nett zu ihm zu sein, und hatte viel Liebe für introvertierte Schüler übrig, solange die sie nicht tatsächlich mit ihren Problemen beluden.

Mrs. Hill klatschte in die Hände. Die mit Steinen und Ringen und alternativen Schmuckgegenständen versehenen Ketten um ihren wuchtigen Hals klirrten, und sie starrte mit einem Enthusiasmus in die Klasse, den keiner von ihnen teilen konnte.

„Okay, meine Lieben! … Hach, so ein anstrengender Morgen, dass die Leute von der Baufirma alles so zustellen müssen… was solls. Also, heute will ich ganz entspannt mit euch beginnen. Wir unterhalten uns ein bisschen über den Lektüreplan, und die Themenwochen, wo ihr eurer zu behandelndes Werk frei aussuchen dürft, und dann haben wir zum Ende des Schuljahres sehr breitgefächerte Möglichkeiten in der Lektüre, da wollte ich euch eines wählen lassen. Und was die Möglichkeiten zu Vorträgen angeht…“

Aces Lider sanken, und er konnte sie nur mit Mühe offenhalten. Am liebsten hätte er seinen Kopf auf den Tisch gelegt, aber das würde selbst von der gutmütigen Mrs. Hill nicht so einfach akzeptiert werden. Stattdessen zog er sein Smartpad zurate, öffnete einen der ‚illegalen‘ Messenger und beobachtete, wie seine Klassenkameraden bereits zwanglos chatteten. Ace selbst brachte sich nie ein. Vermutlich wussten die anderen bislang nicht einmal, dass er die Einloggdaten für ihre Schulchannel hatte, und von ihm aus durfte das gerne so bleiben.

Aus dem Hintergrund war es spannend zu verfolgen. Es gab Schüler, die viel schrieben und in der Hoffnung auf Aufmerksamkeit jeden nichtigen Gedanken in die Welt herausschreien wollten, nur um dann von einem Großteil der Leute ignoriert zu werden. Genauso gab es die, die sich nur selten, schüchtern und unverfänglich zur Wort meldeten, mit Anmerkungen, die hoffentlich keiner infragestellen konnte. Es gab ein paar Leute, die in der Schule nie groß auffielen, aber im Chat tatsächlich ganz witzig, kreativ und schlagfertig rüberkamen … und dann die, die das Geschehen bestimmten. Leute wie Angel, Devon oder Nero mussten nur ein einziges Wort schreiben, damit der Messenger wieder tobte und die Leute mehr oder weniger subtil versuchten, um ihre Aufmerksamkeit zu wetteifern.

„- nach Brave New World von Huxley haben wir wieder ein Werk, dass mehr für die Mädchen ist, nämlich Sturmhöhe von Emily Brontë. Dafür habe ich etwa drei Wochen eingeplant. Hinterher Shakespeare, denn ihr wisst natürlich, ein Schuljahr ohne Shakespeare ist unmöglich bei mir…“

Mit dem Verstreichen der ersten halben Stunde las Ace zunehmend weniger mit und hatte stattdessen begonnen zu zeichnen. In vielen Klassen hätte er sich das nicht getraut, aber Mrs. Hill ließ ihren Schülern gerne ein gewisses Maß an Unaufmerksamkeit durchgehen.

Er hatte seinen angriffslustigen Schlangenmenschen zur Hälfte vollendet und suchte gerade eine Möglichkeit, gutaussehende Schuppen zu zeichnen, als die Realität wieder anklopfte. „- und ich würde mich sogar dazu bereiterklären, dass wir uns auch Comics oder Graphic Novels anschauen und das Zwischenspiel von Text und visuellem Medium untersuchen, aber Computerspiele gehen mir dann doch zu weit. Ich glaube euch ja gerne, wenn ihr sagt, dass die auch gute Geschichten rüberbringen, aber wir hätten gar nicht das Equipment, um mehrere Deutschstunden einfach nur zu ‚zocken‘.“ Mrs. Hill sprach mit Gänsefüßchen in der Stimme und atmete schließlich tief aus. „So. Hätten wir das hinter uns. Zur Pause sinds noch zehn Minuten, wollt ihr vielleicht mal was über eure Ferien erzählen? Erste Reihe – Brenda, Ace, Jose, Quentin – fangt doch an.“

Alle drei waren ungefähr so beliebt wie Ace, hieß, allgemeine Lachnummern und Ziel von Spott und Aggression. Brenda hatte das Pech, dick zu sein und zu vielen jugendlichen Schönheitsstandards auszuweichen, und Jose war letztes Halbjahr neu an ihre Schule gekommen und zu trauriger Berühmtheit gelangt, als irgendwer ihm derartige Angst eingejagt hatte, dass er sich mitten auf dem Schulhof in die Hose gepinkelt hatte. Zumindest erzählte man sich das.

Aces Gedanken rasten, während Brenda zu berichten begann. Sie erzählte von ihrem neuen – ersten - Freund, und Keighley sprang darauf an wie ein Bluthund.

„Oh, wirklich, du hast einen Freund, Brenda?“ Man musste Keighley schon genauer kennen, um den Spott unter ihrer freundlichen Neugierde herauszuhören.

„J-ja, wir haben uns … beim Stadtfest in Great Falls kennengelernt. Er ist… echt nett.“ Aces Gedanken rasten. Er hätte am liebsten gar nichts berichtet, aber seine Gründe konnte er Miss Hill beim besten Willen nicht erklären. Ganz egal, was er erzählte, er fühlte schon, wie man ihm einen Strick daraus drehte…

Keighleys Banknachbarin zwitscherte, den müsse Brenda ihnen bloß unbedingt mal vorstellen. Mit zunehmend mulmigem Gefühl blieb sein Blick gesenkt und auf den Gruppenchat gerichtet. Dort wurde schon eifriger gelästert und spekuliert, und auch Leute aus anderen Klassen mischten sich ein.

KRudd: brenda hat jetzt einen FREUND :o

AJShaw: Echt? auf den fotos in ihrer timeline seh ich jetzt keinen

KRudd: doch wirklich

KRudd: er existiert ganz ganz echt, du findest ihn nur nicht

AFielding: kein wunder, wie soll der neben ihr auch aufs bild passen :)

QWhitaker: „ihr kennt den alle nur nicht, weil er auf eine aNdErE sChUlE geht“

QWhitaker: das wird son digitales ding sein

QWhittaker: Ihr wunderschöner niedlicher anime-avatar hat seinen coolen mysteriösen anime-avatar geheiratet. jetzt stehen ihre betten in ihrem yuspace haus nebeneinander

DBronwick: criiiinge

AJShaw: lol Quinnie <3

KPratt: Ihr seid doch alle doof. Vielleicht ist es einfach nur eine Fernbeziehung?

EMoore: ja gut, so wie die riecht, will da ja eh keiner ne beziehung aus der nähe

NWest: nicht gemein sein :c

NWest: blob marley ist ein stolzes starkes mädchen und kann alles, was wir auch können

NWest: außer die kühlschranktür schließen

DBronwick: xD

QWhitaker: Nero nein :c

NWest: jetzt tu nicht so unschuldig, als ob ich die nicht alle von dir hätte x)

JGoldstein: Nicht Linkin Pork?

NWest: El Chubbycapra

EMoore: fleetwood big mac

KPratt: Ihr seid widerlich, alle miteinander.

„Und du, Ace?“ Mrs. Hills Stimme riss ihn aus seinen Stalking-Bemühungen. Ace, der gerade noch sehr beschäftigt gewesen war damit, die gesamte menschliche Rasse als ekelhaft und grausam zu verurteilen, schluckte, während die Lehrerin ihn warm anlächelte.

„Ich hab in den Ferien nicht viel gemacht.“ Er verfluchte die Unsicherheit in seiner Stimme und das zugrundeliegende Zittern, und konnte es gleichzeitig nicht ändern. „Ich hab meinem Bruder beim Umzug geholfen, und wir waren zum Strandurlaub in Florida, mit der Familie.“

„Das klingt doch sehr schön“, gurrte Mrs. Hill. Ihr Blick schien mitleidig. Womöglich sah man ihm doch an, dass er unter der Trennung litt. „Und wo lebt dein Bruder jetzt?“ Er ließ sich über das neue Haus und die Arbeitsstelle aus, wog die Worte vorsichtig ab, damit ihm auch ja keines entschlüpfte, das irgendwer falsch aufnahm und für neue Lästereien nutzte. Als Jose mit Erzählen an die Reihe kam, sackte Ace erleichtert zusammen.

Er zählte die Sekunden, bis das erlösende Klingeln erklang, schmiss seine Sachen zurück in seinen Rucksack und stürmte als einer der Ersten aus dem Raum. Sein Herz klopfte und wollte ihm weismachen, dass Nero und Devon vielleicht folgten oder ihm auflauern wollten. Die sechs Wochen Pause schien es schon wieder vergessen zu haben.

Als er seinen Spind öffnete, um seine Zeichnungen sicher verstauen zu können, flatterte ihm ein Zettel entgegen. Vermutlich stammte der noch aus dem letzten Schuljahr, in den Wochen kurz vor Schluss nutzte Ace das Fach kaum.

‚Du häsliche Mistgeburt

wann wechselst du endlich die schule?‘

Er seufzte und zerknüllte das Papier. Würde Ace sich ein bisschen konfrontationslustiger fühlen, er würde die Rechtschreibfehler anstreichen und das korrigierte Blatt mit Tesafilm an seine Spindseite kleben, aber zu welchem Zweck? Er hatte ja nicht einmal Verbündete, mit denen er drüber hätte lachen können.

Im nächsten Moment wurde die Tür zugeknallt, haarscharf an seiner Nase vorbei. Ace stand angespannt und mit angehaltenem Atem, während er Devons Lachen hinter sich hörte. Doch nichts passierte. Die anderen Schüler gingen weiter, als wäre nichts, und nicht einmal seine Peiniger schienen Ace noch einen Blick zu schenken. Womöglich taten sie sowas aus reiner Gewohnheit.



Für die Frühstückspause galt es, sich einen neuen Rückzugsort zu suchen. Die Bänke auf der Wiese vor der Schule waren alle besetzt, in den Sitz- und Cafeteriabereichen hatten sich bereits Schüler versammelt, und seine Pause auf der Toilette verbringen kam nicht infrage. Das eine Schuljahr, als Ace versucht hatte, dort Zuflucht vor anderen zu finden, hatte es letzten Endes nur für neue dämliche Gerüchte gesorgt.

Es brauchte eine Weile, aber schließlich fand Ace sich im Flügel wieder, der momentan für Bauarbeiten abgesperrt war. Die Flure und Räume mochten vielleicht hier und da von Schuttstaub bedeckt sein, aber dafür boten sie unglaubliche, wundervolle, menschenleere Ruhe. Ace ließ sich mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem der ausrangierten Tische nieder, die man an den Rand geschoben hatte, und war nach wenigen Minuten wieder vollkommen ins Zeichnen versunken. Diesmal war es ein Superheld, den ihm Google ausgespuckt hatte und dessen Körperform er versuchte, möglichst genau auf sein Blatt zu übertragen. Frauen fielen ihm leichter, aber dennoch wollte Ace sich lieber darin üben, athletische oder muskulöse Männer zu zeichnen. Selbstverständlich zu rein akademischen Zwecken und nicht nur, damit er in der Lage war, seinen Fantasien und Tagträumereien ein Gesicht zu verpassen. Niemals würde er so tief sinken. Er doch nicht … Aber solange sich reale Kerle ohnehin nicht für ihn interessierten, wo lag da schon der Schaden dabei, den Fiktionalen nachzuträumen?

Die folgende Mathestunde war uninteressant, aber glücklicherweise auch nicht anstrengend. Ein Großteil ging dafür drauf, über Ferien und die kommenden Schuljahresinhalte zu reden, und als Ace zum Mittagsessen aufbrach, fühlte er vorsichtigen Enthusiasmus. Vielleicht hatten seine Peiniger nach den Sommerferien tatsächlich die Nase voll und wollten es dieses Schuljahr ruhiger angehen lassen. Vielleicht war es ihm einmal vergönnt Glück zu haben, und vielleicht wollten selbst die hohlsten Köpfe der Flathead High diesmal lieber ihren Notenschnitt retten, statt ihm auf die Nerven zu gehen.



Er aß nicht in der Cafeteria, sondern hatte sich eine der abgepackten Tüten geholt und sich auf die Bänke vor der Sporthalle verzogen. Anderswo würde er genauso allein sitzen. Man sollte meinen, dass die Schüler, die unter anderen litten, zumindest untereinander zusammenhielten, aber stattdessen zog jeder den Kopf ein und wartete auf die unwahrscheinliche Chance, auf der sozialen Leiter doch noch aufzusteigen. Ace wollte nicht ausschließen, dass er selbst die Gelegenheit nutzen würde.

Die Sonne brannte vom Himmel herunter, wärmte ihm Arme und Nacken und beleuchtete das Gras und den roten Backstein so strahlend, dass Ace sich dachte, dass es hier manchmal nicht so schlimm sein konnte – wären da die anderen Menschen nicht. Gedankenverloren kaute er auf einem tiefgekühltem Fertigwrap, den Blick an die Wand gerichtet, bis sein Instinkt ihm riet, sich aufzurichten… zu spät. Er sah aus den Augenwinkeln, wie sie leise Worte austauschten, lachten und näherkamen, ohne dass irgendein Zweifel daran bestehen konnte, wer oder was ihr Ziel war. Ace schluckte schwer. Das Essen schien plötzlich so viel kälter in seinem Magen zu liegen. Ein Teil von ihm wäre gerne abgehauen, aber Stolz und Angststarre hielten ihn zurück. Stattdessen hielt er den Kopf gesenkt und die Arme eng an den Körper gezogen, als würden die beiden dann einfach vorbeigehen und ihn hier in Frieden lassen… Erster Fehler. Er nahm war, wie sie sich links und rechts von ihm niederließen, und versuchte, nicht zusammenzuzucken, als Nero ihm einen Arm um die Schulter legte, als wären sie die allerbesten Freunde.

„Na, Fuckface? Was läuft? Wir hatten noch gar nicht Gelegenheit, dir Hi zu sagen.“ Sein Mobber sprach locker wie immer, im freundlichen, jovialen Ton, und nur die Heiterkeit, die in den Worten mitschwang, konnte einen kleinen Ausblick auf seine tatsächlichen Intentionen geben. Ace verkrampfte sich augenblicklich, als er spürte, wie ihm jemand durch die Haare wuschelte, und hielt den Blick starr auf den Boden gerichtet, zu dreckigen ausgelatschten Sneakers und teuren Turnschuhen auf beiden Seiten daneben. „Ist schon traurig, wenn man in den Ferien so gar nichts von dir sieht… aber hey, zum Glück ist das jetzt vorbei.“ Nero konnte bewundernswert gut quatschen, wie ein geschickter Redner oder ausgesprochen guter Selbstdarsteller, und war ein Meister darin, genau die richtige Mischung aus Charme und unterschwelliger Drohung in seine Stimme zu legen. Devon gluckste auf der anderen Seite. So lässig seine Haltung auch war, konnte Ace spüren, dass er ihn aufhalten würde, wenn er jetzt noch versuchte zu flüchten. „Ich hoffe doch, du hast uns auch vermisst?“ Diesmal machte er sich keine Mühe, das belustigte Raunen in seiner Stimme zurückzuhalten. Wo Leute wie Devon oder Ethan einfach nur gerne jemanden herumzuschubsen schienen, um welche Komplexe auch immer auszuleben, schien Nero kompletter Vollzeitsadist aus Leidenschaft.

„…Absolut.“ Bitte lasst mich einfach in Ruhe. Ich will nicht hier sein. Ich will dieses Spiel nicht spielen, ich hab es so satt. Aces Lächeln war verkrampft, seine Augen flackerten zur Sporthalle, während er die schweißnassen Hände an seiner Hose abwischen wollte. „Wenn ich jemals Lust haben sollte, meinen IQ auf Zimmertemperatur runterzusaufen, sag ich Bescheid, versprochen.“ Er war etwa zwei Sekunden lang stolz darauf, sich zumindest noch verbal irgendwie behaupten zu können. Dann winkelte Nero den Arm an und erinnerte Ace daran, dass ein fremder, feindseliger Körper entschieden zu weit in seiner Privatsphäre drinhing und kräftig genug war, ihm mit einer Bewegung die Luft abzudrücken.

„Ha. Überhaupt mal zu irgendwas eingeladen werden, was?” Totstellen und Schweigen. Schweigen war sein Freund und seine Zuflucht. Ace klammerte sich ans Schweigen wie ein Ertrinkender an den Rettungsring. Ganz davon abgesehen hätte er auch nicht viel sagen können, nicht ohne Krächzen, so zusammengeschnürt, wie seine Kehle ihm gerade vorkam. Devon brummte auf der anderen Seite. “Auch besser so. Das wär schon ne ganz schöne Alkoholverschwendung.“ Er sprach ruhiger als Nero, und Ace behielt seine Gedanken bei sich. Man sollte eigentlich meinen, die fortgesetzte Existenz von Devons Leber war eine Alkoholverschwendung... Aber so schwieg er, und starrte geradeaus, bis Nero die Güte hatte, ihn wieder richtig Luft holen zu lassen. Angespannt und frustriert grub er seine Fingernägel in die Innenfläche seiner Hand im Bemühen, an alles zu denken, nur nicht an das, was ihn erwarten mochte.

„Was wollt ihr von mir?“, rutschte es ihm heraus. In der Folgesekunde bereute Ace es schon wieder. Eine Hand grub sich in seine Haare, zerrte seinen Schopf schmerzhaft nach hinten, und Ace musste mit den Beinen rudern, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er kniff die Augen schmerzerfüllt zusammen, den Hals unangenehm gebogen, während zu seiner Seite ein spöttischer, tadelnder Laut ertönte.

„Wow. Da will man einmal freundlich zu dir sein, und schon bist du so herablassend… kein Wunder, dass nichtmal die anderen Opfer freiwillig mit dir abhängen.“ Fick dich. Ace biss die Zähne zusammen und blinzelte das Wasser weg, dass ihm in die Augen steigen wollte, während er sich mit seiner Hand im Beet hinter ihnen abstützte, zwischen Kies, spärlicher Bepflanzung und Zigarettenstummeln. Vor ein paar Jahren noch – als Ace acht, neun Jahre war, und seine Mutter ihr Bestes versuchte, ihn zu Sport zu ermutigen – wären solche Worte von Nero unvorstellbar gewesen. Sie besuchten denselben Wintersportverein und waren tatsächlich sowas wie Freunde, oder zumindest sehr gute Bekannte, bis Nero beschloss, dass er sich zu alt fürs Skifahren fühlte und sie sich aus den Augen verloren. Jahre später trafen sie wieder aufeinander. Ace war bereits in der Middle School und gehörte zu den Kindern, die Zack und Devon mit Vorliebe herumschubsten. Als er hörte, dass sein Kindheitsfreund nach Kalispell gezogen war und seine Schule besuchen wollte, hoffte er zuerst auf einen Verbündeten. Dummer, naiver Ace. Nero hatte einen Blick auf ihn geworfen und spontan beschlossen, dass er den schüchternen, linkischen Jungen noch nie zuvor gesehen hatte, geschweige denn befreundet mit ihm war. Die anderen beiden waren immerhin weitaus coolere Freunde, und zusätzlich konnte er Punkte sammeln, jedes Mal, wenn die Klasse sich darüber amüsieren durfte, wie Ace immer wieder aufs Neue abblitzte im Versuch zu erfahren, was diesen Keil zwischen ihn und Nero getrieben hatte. Es musste von außen so verdammt witzig ausgesehen haben, wie Ace eine bereits verlorene Schlacht schlug, wie er am Ende beinahe heulte im Versuch, herauszufinden, was er falsch gemacht hatte, dass man ihn so beiseite stieß… In der Hinsicht war er älter geworden. Immerhin.

Als die Hand verschwand, japste er und kam wieder in die Höhe, und schon schlang sich Neros Arm erneut um seine Schultern. Wieder zu nah am Hals, teilte Ace Paranoia ihm mit.

Aus den Augenwinkeln erspähte er ihren Sportlehrer, Mr. Morrison. Unter anderen Umständen hätte ihn das erleichtert, aber jetzt ertönte Neros Stimme neben seinem Ohr und bescherte ihm nervöse Klumpen beim Schlucken.

„Aber… Da ich fürchte, dass wir unser kleines Wiedersehenstreffen verschieben müssen, würde ich mir wünschen, dass du ein braver kleiner Junge bist und nach der Schule auf uns wartest.“ Devon lachte, und Mr. Morrison hob die Hand grüßend, als er die drei Jungen da so einträglich plaudernd auf der Bank sitzen sah. Ace wollte schreien. Er schloss die Augen, und neben ihm fuhr die vergnügte Stimme fort: „Du kannst natürlich auch abhauen und einen verlängerten Nachhauseweg suchen, aber wie wir beide aus Erfahrung wissen, bringt das relativ wenig und sorgt eher dafür, dass wir uns sehr, sehr viel mehr Zeit mit dir lassen. Also, was soll es sein?“ Letzteres wurde geraunt, dann verschwand der Arm wieder. Inzwischen hallten Mr. Morrisons Schritte über den steinernen Vorplatz, und er grüßte sie kurz, ehe er auch schon geschäftig in Richtung der Sporthalle eilte. „Sagt dem Rest der Klasse, wir treffen uns heute draußen.“, ertönte unter seinem Schnurrbart, und die beiden Jungen zu seiner Seite bejahten und erhoben sich, während Ace sich in sich selbst verkriechen wollte.

Er blieb eine kleine Weile sitzen, atmete mit zusammengebissenen Zähnen und strich sich seinen Haarschopf wieder regelmäßig, während er versuchte, das Beben in seiner Hand zu ignorieren. Reg dich ab, beschwor er sich. Das ist nicht das erste Mal. Wenn du es bis jetzt überlebt hast, schaffst du es auch weiter. Lass sie ein wenig rumprügeln, bis sie die Lust verlieren, und dann kannst du nach Hause.

Erst, als genug Schüler an ihm vorübergeeilt waren, dass er sich einer vollen Umkleide sicher sein konnte, stand auch Ace auf und trottete mit gesenktem Kopf ins Gebäude. In seinem Kopf zählte er mit. Noch etwa zwei Stunden, und dann war er wieder zuhause und in Sicherheit… jetzt eine Stunde und neunundfünfzig Minuten. Ace biss sich auf die Lippe, hob den Kopf und schob den Riemen der Sporttasche auf seiner Schulter höher.

Richtig. Neues Jahr, neues Ich.
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