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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
10.07.2019
02.09.2021
54
317.099
155
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Dieses Kapitel
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11.07.2019 1.826
 
Ace nutzte seine bewährten Strategien, um den Schuljahresbeginn anzugehen. Jedes Mal, wenn seine Mutter ihn fragte, ob er sich schon auf die Schule freue, murmelte er ein vielseitig interpretierbares „Aber sicher“, und wenn man ihm lachend erzählte, immerhin könne er doch endlich seine Freunde wiedersehen, lächelte er dünn und suchte nach einem Themawechsel.

Vor Nervosität konnte er kaum schlafen. Als Ace am nächsten Morgen aufstand, fühlte er sich erschlagen. Seine Haare waren zerwühlt, sein Schließfachcode, den er sich zur Erinnerung auf den Arm gekritzelt hatte, verwischt, sein Magen unruhig und sein Kopf voll unschöner Erwartungen. Er schnappte sich die unauffälligsten, Highschool-konformsten Klamotten aus seinem Kleiderschrank und lief halbblind ins Bad, während er sein Bestes gab, sich einen Kapuzenpullover über den Kopf zu zerren.

In einem anderen Leben hätte er womöglich eine Emo- oder Scenephase gehabt, doch hier war es ihm lieber, unter dem Radar zu bleiben. Ace beschränkte seine Vorliebe für exzentrische Aufmachungen auf bunt gefärbte Haare und Kleidung, die nur ganz subtil vom Mainstream abwich, dunkel und mit Akzenten in Punk und Neon.

Als er in die Küche wankte, fiel ihm ein, dass John ihn ja inzwischen nicht mehr fahren würde. Das Auto konnte er auch nicht nehmen, sonst würde sein Vater dumm schauen, wenn er in einer Stunde zur Arbeit musste. Während er an die Theke trat, murmelte er in den Raum hinein: „Mister Wick, wann fährt der nächste Bus zur Flathead High School?“ Sie hatten ihren Hausassistenten auf Johns Wunsch hin damals nach seinem Lieblings-Action-Namensvetter benannt, und inzwischen hatte er sich als anerkannter Teil der Familie etabliert.

„Gute Morgen, Ace. Der nächste Bus fährt in zwei Minuten, und dann noch einmal in einer halben Stunde an der-“ Ace hörte gar nicht mehr auf die Haltestelle. Er schnappte sich das nächste unbeschmierte Körnerbrötchen, griff im Vorbeihasten seine Jacke von der Stuhllehne und machte, dass er zur Tür herauskam. Er würde bestimmt nicht erst fahren, wenn der Bus von Arschlöchern wimmelte!

Ace hetzte vorbei an netten, sauberen Vorstadthäuschen und durchblitzenden Ausläufern des Waldgebietes, dass Kalispell umgab. Vor dem Busplatz stoppte sein Lauf schlitternd, als der Bus schon anfahren wollte, und der Fahrer erbarmte sich noch einmal und öffnete die Tür. Erleichtert wankte er ins Innere. Weiter hinten saßen Jugendliche, deren Blicke er vermied. Ace versuchte sich zu erzählen, dass ihr Gekicher nichts mit ihm zu tun hatte.

Als der Bus hielt, quälte Ace sich schwerfällig wieder vom Sitz hoch und begann in Richtung Schule zu laufen. Obwohl er normalerweise sehr leicht abschalten und tagträumen konnte, fiel es ihm sehr schwer, sobald etwas anstand, wovor er sich fürchtete. Die Angst grub ihre Klauen tief in seinen Körper und hielt ihn mit Gewalt in der Realität fest.

Die Flathead Highschool war nach hiesigen Indianerstämmen benannt und ein großes, modernisiertes Gebäude aus roten Ziegelsteinen und weiten Glasfassaden. Von der 4th Avenue aus sah man den Haupteingang, der von einer weitläufigen Grünfläche mit strategisch verteilten Bäumen, Sitzgruppen und einer metallenen Indianerstatue geziert wurde, die man bei einem lokalen Künstler in Auftrag gegeben hatte. Sie war rostbraun von jahrelanger Witterung, und es war nicht selten, dass irgendwelche Scherzkekse ihr Schnurrbärte aufmalten oder sie mit den entführten Rucksäcken, Jacken und Unterhosen bedauernswerter Individuen schmückten. Als Ace mit gesenktem Kopf nähertrottete, sah er, dass jemand ihren Fuß mit einer Graffitti-Botschaft versehen hatte. ‚Willkommen zurück in der Hölle‘. Er zog die Schultern ein und schlich zur Eingangstür.

Es war so früh am Tag, dass noch nicht einmal in allen Gängen das Licht angeschaltet war. Die Schule schien still und friedlich und menschenleer, und Ace hätte viel dafür gegeben, dass es so bleiben würde.

An schwarz-orangenen Spindreihen vorbei trottete er durch die Flure, bis er das Auditorium erreichte. Es war geräumig und ganz nach Art eines Theaters zweistöckig, aber Ace, der ahnte, dass die Plätze in der oberen Etage schon jetzt als reserviert galten, suchte sich einen Stuhl in den unteren Reihen. Dort rutschte er so weit am Rand, dass niemand sich von ihm belästigt fühlen musste.

Ace streckte die Beine aus, kramte seinen Block hervor und begann, Gesichter und Körperformen zu kritzeln, während ihn nur die Schritte und Geräusche gelegentlich einkehrender Schüler aufhorchen ließen.

Der Raum füllte sich mehr und mehr, und wie erwartet fand Ace sich trotzdem umgeben von leeren Sitzen wieder. Er gab sein Bestes, das zu ignorieren, und zeichnete Haare in weichen, lockeren Wellen, als er die kurze Melodie hörte.

Irgendwo nicht weit von ihm wurden vier Töne gepfiffen, auf die kein Mensch etwas gegeben hätte. Kein normaler Mensch, heißt das.

Ace dagegen spürte sich zusammenzucken. Der Stift wollte ihm aus der Hand rutschen, und er richtete sich auf, während sein Blick alarmiert zu seiner Seite wanderte. Sein Herz hatte einen Moment lang beinahe ausgesetzt und pochte jetzt umso wilder, und seine Handflächen schienen innerhalb von Sekunden mit Schweiß bedeckt.

Die Melodie selbst war ein Spiel, ein Geschenk, dass diese Wichser ihm in einer grotesken Parodie Pawlowscher Testreihen mitgegeben hatten. Die Töne wurden gepfiffen, jedes Mal, wenn sie ihn verprügelten oder erniedrigten oder herumschubsten, und als Ace irgendwann begann, allein auf die Tonfolge hin in Panik zu verfallen, hatte das nur für zusätzliches Gelächter gesorgt.

Er sog zittrig Luft ein, sank wieder zusammen und raufte sich durch die Haare. So sehr sich Ace auch wünschte, dass niemand seinen kleinen Ausbruch bemerkt hatte, hatte der Verursacher vermutlich genau die Reaktion erhalten, auf die er abgezielt hatte.

Der Gesprächslautstärke im Auditorium sank, als der Direktor ans Mikrofon trat. Die versammelten Schüler erhoben sich, und Ace murmelte im Einklang mit ihnen den Treueschwur. Sein Mund schien sich nur auf Autopilot zu bewegen, und noch immer saß der Schreck in seinen Eingeweiden. Aber andererseits – wie hätte er auch erwarten können, dass sich über die Ferien irgendwas ändern würde?

Als die Schülerschar wieder auf die Stühle zurücksank, traten Senior-Schülerinnen ans Mikro, die bislang am Bühnenrand gewartet hatten. Quinn machte den Anfang. Sie war ein süßes, zierliches Ding mit feingeschnittenen Gesichtszügen, funkelnden blauen Augen und einem blonden Pixiecut. Ace hatte sie vor Jahren kennengelernt, als er versuchte, sich für Kunst-Projekte einzuschreiben, und damals kam ihm das Mädchen liebenswürdig vor. Aber das war lange her. Seit letztem Jahr wollte sie von ihrem alten Freundeskreis ohnehin nichts mehr wissen, sondern trieb sich lieber mit den beliebten Schülern herum und verschwendete sehr viel Zeit darauf, einem von Aces größten Peinigern in jeder freien Minute die Zunge in den Mund zu schieben. Ace wollte ungern gleich das Schlimmste von Menschen annehmen, aber allein die Tatsache, dass es Quinn egal schien, wenn ihr auserwählter Penis in seiner Freizeit gerne Leute quälte, ließ ihn zweifeln, dass da noch irgendwas von der süßen Kunst-Enthusiastin in ihr war.

„Guten Morgen – verehrter Direktor, Lehrer, und meine lieben Freunde von der Flathead High!“ Unter die Schülern, die sich von allem mitreißen ließen, was den Unterricht noch ein paar Minuten aufschob, brandete Jubel auf. „Es war Eleanor Roosevelt, die sagte: Die Zukunft gehört denen, die bereit sind, an die Schönheit ihrer Träume zu glauben … Und ich bin der Überzeugung, das Fundament unser aller Träume wird hier gebildet, wo wir lernen, was unseren späteren Weg in der Welt ebnet.“ Ace seufzte still. Die Sprüche klangen, als könnten sie eins zu eins vom YU.space-Profil seiner Mutter kommen, wo sie auf Sepiatönen in einer Sammlung inspirierender Zitate abgedruckt waren.

„Darum… ein herzliches Willkommen und einen guten Morgen an euch alle! Wir freuen uns, gemeinsam mit euch ins neue Schuljahr zu stürzen. Wir sind Quinn, Kathy, Angelina und Imogen aus der 12, und wir wollen euch durch unsere heutige Versammlung führen!...“ Und Ace schaltete ab.

Er rutschte auf seinem Stuhl herum, zog die Kapuze tiefer, spielte mit dem Rand seines Ringblocks und blinzelte aus müden Augen zum Mädchen empor, dass das Mikro von Quinn entgegennahm. Angel, die eigentlich Angelina hieß, sah entgegen ihres Spitznamens alles andere als engelshaft aus. Mit ihrer gebräunten Haut, den glänzenden dunklen Locken und der kurvigen Figur hatte sie am ehesten einen Beigeschmack von Kalifornien, nicht von Kirche. Sie war Leiterin des Cheerleader-Teams und hatte ihre Hand in mindestens jedem zweiten prestigeträchtigen Projekt, allem voran die Schulbälle. Ace hielt sie für eine dumme Kuh – nicht nur, weil sie ganz nach Stimmung zwischen den drei oder vier beliebtesten Typen umherzuspringen schien, sondern auch, weil sie mehr als einmal lachend an der Seite gesessen hatte, als er herumgeschubst wurde. Aber es ließ sich nicht leugnen, dass sie Charme hatte, und vermutlich besaß sie ein Händchen dafür, Leute zur Mitarbeit zu bewegen.

„- und so sehr ich mich auf den Start unserer Football-Saison freue, hab ich schlechte Neuigkeiten… diejenigen von euch, die uns auf YU.space folgen, wissen ja bereits Bescheid. Durch die Bauarbeiten rund um die Sporthalle im linken Flügel werden wir den Homecoming-Ball verschieben müssen-“ Protestierendes Tuscheln wurde unter den Schülern laut, und Angelina hob die Hand. „Verschieben. Nicht ausfallen lassen. Momentan peilen wir Anfang November an, und das heißt auch nur, dass wir umso mehr Zeit haben, einen absolut fantastischen Ball zu planen!“ Ace hatte begonnen, ihre Worte in höherer Tonlage im Kopf nachzuäffen. Er scherrte sich nicht nennenswert um Schulbälle, allein schon, weil es da niemanden nach seiner Anwesenheit verlangte, aber die Tatsache, dass die Leute ihn in diesem Zeitraum hoffentlich in Ruhe lassen würden, sah er als zeitlich gut abgepasstes Geburtstagsgeschenk.

Er gähnte leise und kuschelte sich tiefer in seine Kapuze, als das Mikrofon zu Imogen überging. Sie erzählte ihnen von all den spannenden Sportveranstaltungen in diesem Schuljahr und stand auch sicherlich nicht nur deshalb auf der Bühne, weil man mit ihr nach außen hin Diversität repräsentieren konnte. Sowas war schwierig an einer Schule, an der auf 1200 Kinder ganze sechs Schwarze kamen, und man konnte die Fotos und Plakate, auf denen sie nicht an vorderste Stelle gezwungen waren, an einer Hand abzählen.

Die letzte war Katherine. Die Blondine hatte ihre Schultern stolz gehoben und blickte ernster als die anderen Mädchen in der Reihe, während sie begann, ihnen von sozialer Ungerechtigkeit, und Umweltschutz, und Rassismus und allgemein schweren Zeiten zu erzählen. Sie galt nicht nur als Schülersprecherin als engagiert, sondern auch darüber hinaus – Ace kannte den Umfang nicht, aber mehr als einmal hatte er gesehen, wie sie ihm in der Stadt von irgendwelchen politischen Infoständen zuwinkte. Sie kannten sich nicht über den Vornamen hinaus, aber dennoch war sie das Gesicht auf der Bühne, für das er sich am ehesten erwärmen konnte.

„- bin ich in Anbetracht all dessen doch froh, dass bei uns sehr großer Zusammenhalt herrscht, und ich hoffe, dass das nicht nur so bleibt, sondern jetzt, im letzten Schuljahr, noch einmal besser wird, damit wir später alle stolz auf die wundervolle Klassengemeinschaft zurückblicken können, die es bei uns gab. Darum – versucht nicht zu hart, euch anzupassen, und versucht nicht, gegen den Strom zu schwimmen, sondern versucht einfach euer Bestes, ihr selbst zu sein. Der Rest kommt von alleine.“

Er konnte nicht anders, als seine Augen so hart zu verdrehen, dass Ace einen Moment lang fürchtete, er hätte sich einen Sehnerv gezerrt.

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