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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
10.07.2019
02.09.2021
54
317.099
155
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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31.08.2019 4.439
 
„Morgen… hast du die Hill gut überlebt?“ Die erste Stunde des Montags war überstanden. Ethan war aus dem Schwarm vorbeieilender Schüler aufgetaucht und begrüßte ihn ungewohnt jovial, und Nero zuckte die Schultern.

„Passt schon.“ Der blonde Junge schulterte seine Tasche aufs Neue und gab sein Bestes, Nero hinterherzustolpern. Der hatte nach einer halb durchzockten Nacht noch versucht, ein wenig Antrieb aus einer Hausmischung aus Kaffee und Energydrinks zu finden, aber der Tag hatte ihn schon wieder in seinen Fängen, zerrte an seinen Nerven und ließ einen Hauch von Gereiztheit in seinem Hinterkopf aufflackern. Lärmende Kinder und Ethan machten es nicht besser.

„Jaaa…“ Normalerweise hielt er sich ganz gut, aber in der vergangenen Woche hatte Nero das Gefühl, dass Ethans Selbstvertrauen zunehmend Knackse bekam. Allmählich schien der Junge darauf zu kommen, dass man ihn wie ein notwendiges Übel behandelte. Und dazu musste Nero nicht einmal ein Wort sagen – es half schon, die lockere Tonlage oder Emotionalität aus seiner Stimme fernzuhalten, und schon schien Ethan sich zu fragen, ob er irgendwas falsch gemacht hatte. Wenn das so weiterging, konnte man ja in ein oder zwei Wochen endlich ein vernünftiges Gespräch führen – und er würde nicht mehr für sämtlichen brisanten ‚Und erzähl das ja nicht Nero‘-Informationen auf Jessica zurückgreifen zu müssen, auch wenn die kindliche Freude an ihrer Rolle als Tratsch-Doppelagentin zu haben schien. „Ich hatte dir am Wochenende noch geschrieben. Hast dus gelesen?“

„Überflogen.“, meinte Nero ehrlich und drückte die Tür zum Biologiezimmer auf.

„Naja, wie gesagt – ich hatte Ace getroffen.“ Ethan stellte die Aussage in den Raum, als sollte sie ausreichen, um irgendwas in Neros Kopf klingeln zu lassen. Er hob die Brauen und begann, mit Ethan im Schlepptau zu seinem Platz zu schlendern.

„Welcher war Ace nochmal?“ Ethan seufzte, vermutlich auch nur, weil er ahnte, dass es keinen Zweck hatte, sich über Neros Namensgedächtnis aufzuregen.

„Man, komm schon… blaue Haare, bisschen Emo, mit Sicherheit ne Schwuchtel? … Dir ist klar, dass sein echter Name nicht Fuckface ist, ja?“

„Das glaube ich erst, wenn ers mir schriftlich vorlegen kann.“ Nero ließ sich auf seinen Platz sinken und hob seinen Rucksack auf seinen Tisch. „Aber ja, sagt mir was… Dir ist klar, dass der wahrscheinlich heterosexueller ist als du?“

Ethan ließ sich am nächsten Tisch wieder und hob die Hand, als er irgendwen an der Tür erkannte. „Was? Ace? Niemals. Schau ihn dir doch nur mal an. Ich meine, der ist so…“ Ethan hob die Hand und ließ sie vage in der Luft herumschwingen, in einer undeutbaren Vergestikulierung der Grenzen zwischen sexuellen Ausrichtungen und der Körperstatur, die man brauchte, um auf der einen oder der anderen Seite eingeordnet zu werden.

„Tue ich.“ Nero rutschte nach vorne, als Jessica sich an ihm vorbeidrängelte, um zu ihrem Freund zu huschen. Sie schenkte Nero einen kurzen, verstohlenen Blick, ehe sie sich von Ethan küssen ließ und auf ihren Stuhl setzte. „Er ist einer, der in der Umkleide halt jedes Mal so dasteht…“ Nero zog die Schultern verkrampft ein und setzte einen verbissenen Gesichtsausdruck auf, zu kurzen Demonstrationszwecken, ehe er sich schon wieder zurücksinken ließ. Es war nicht ganz leicht, einen Ace-Tonfall zu treffen, weil der ja nach Situation zwischen kühl und desinteressiert oder kühl und jämmerlich schwankte, aber er gab sein Bestes. „Ew. Ewww. Augen zu und durch. Da sind fremde Leute mit Penissen, aber wenn du sie nicht sehen kannst, dann sehen sie dich auch nicht. Es ist solange no homo, wie du ihre Existenz ignorierst… Und du läufst vorbei und fragst dich, was bei dem Jungen schiefgelaufen ist.“

„Manchmal frage ich mich das bei dir auch.“, tönte zu seiner Seite, und er sah auf, während Angel sich setzte und selbstbewusst in die Runde grinste. Nero lehnte sich zurück.

„Das ist easy, mein Körper reicht einfach nicht aus, um soviel Perfektion zu fassen… da steigt die einem schnell zu Kopf.“ Angel schnaubte.

„Dein Ego möcht ich manchmal haben.“ Als hätte sie irgendwas anderes erwartet.

„Ich sag ja, das einzige, was größer als mein Ego ist, ist mein Penis…“ Er achtete schon gar nicht mehr darauf, wie Angel ihr bestes gab, ihre Augen zu verdrehen und nicht belustigt zu gucken – so viel Unverfrorenheit gehörte immerhin nicht belohnt – während er sein Handy zurate zog und den Artikel weiterlas, den er seit dem Klassenraumwechsel hatte ruhen lassen. Es war eine Auffrischung der Schulgrundlagen zur Genetik, und eigentlich etwas, was er aus der PDF-Sammlung eines College-Erstsemesterkurses gefischt hatte. Nero hatte sich für die heutige Biostunde einen Vortrag eintragen lassen, was Notwendigkeit war, wenn er seine Note nicht beeinträchtigt sehen wollte durch so überflüssige Dinge wie Mitarbeit oder Hausaufgaben, und die Macht der Gewohnheit hatte dafür gesorgt, dass er mit der Vorbereitung quasi bis zur letzten Sekunde gewartet hatte. Nicht, dass ihm das jemals Kopfzerbrechen beschert hatte – die vortragsuntermalenden Bilder würde er auch aus genau dieser PDF entnehmen, und die Details des Themas, die er sich gerade eben zuführte, konnte er nicht nur mühelos so vortragen, als hätte er zwei Wochen über der Angelegenheit gegrübelt, sondern sie auch noch mit anderen Themenkomplexen verbinden. Außerdem war ‚vor anderen sprechen‘ das letzte auf dieser Welt, was ihm jemals schwergefallen war.


Neros fehlender Unterrichtsenthusiasmus lag nicht daran, dass er dumm war – das Gegenteil war der Fall. Er war nur gelangweilt. Es war für ihn Leichtigkeit, sich Zahlen, Daten und Verbindungen zu erschließen und zu merken, und wo sein Gedächtnis ihn im Stich ließ, wenn es an soziale Dinge wie Namen oder Geburtstage ging, funktionierte es umso besser bei jedem logischem oder naturwissenschaftlichem Zusammenhang. Unterrichtsanwesenheit wurde von ihm als unverbindlich erachtet, eben weil er sie nicht brauchte – eine Viertelstunde einlesen, und er kam durch die meisten Tests, ohne jemals Fuß in ein Klassenzimmer gesetzt zu haben. Die Tatsache, dass diese Dinge ihn gelegentlich auch weit außerhalb des Unterrichts faszinierten, sorgten nur zusätzlich dafür, dass er dem Stoff viel zu oft viel zu weit voraus war.

Das sorgte auf der einen Seite dafür, dass Lehrer daran verzweifelten, ihn zur Mitarbeit zu bewegen – das Thema Hausaufgaben versuchten die meisten schon gar nicht mehr zu erzwingen – aber auf der anderen Seite begeistert von seiner Arbeit waren, wenn er sich mal bequemte, mitzumischen und dabei sogar die üblichen Störenfriede mitzureißen wusste. Da Nero gleichzeitig darauf achtete, sich der Lehrerschaft gegenüber von seinen lockersten und angenehmsten Seiten zu zeigen, fiel es vielen schwer, den Jungen nicht zu mögen… selbst wenn er ihre Geduld oft genug auf die Probe stellte, sei es nun durch Faulheit oder Dickköpfigkeit.

Sein Umfeld bekam in Abstufungen davon mit. Devon mochte ihn für seine ‚nerdigen‘ Seiten – selbst wenn Nero oft nicht widerstehen konnte, ihm sein Unwissen mit der ureigenen Arroganz unter die Nase zu reiben – und das lag nicht nur daran, dass Nero seinen Hintern rettete, wenn Devon aufgrund harter Trainingszyklen den Unterricht durchschlief. Was den Rest anging, war es zwar ein offenes Geheimnis, dass er relativ intelligent sein musste, aber das reichte für sie auch schon. Inwieweit Nero sich wirklich mit Dingen beschäftigte, die über die typischen High-School-Jungen-Hobbys hinausgingen, fragte keiner. Immerhin machten sowas nur Nerds. Die meisten begnügten sich damit, jemanden im Bekanntenkreis zu haben, der Dinge wusste, und wenn es darum ging, wie diese Informationen in Neros Kopf gelangten, würden sie sich auch mit dem Gedanken zufriedengeben, dass sie einfach durch göttliche Fügung dort aufgetaucht waren.

„Was war jetzt eigentlich mit Fuckface?“, erkundigte sich Nero, der gerade überlegte, wie weit er die künstlich erzeugten Organe und Embryonen aufgreifen wollte und ob er schnell genug dieses anschauliche, minimal verstörende Video zur chinesischen Augenfabrik auftreiben könnte, dass Duffy ihm vor längerer Zeit geschickt hatte.

„Der ist mir Samstag den Weg gelaufen. Wir haben uns ein bisschen unterhalten… Er wird echt ganz schön frech zurzeit“ Nero sah auf, flüchtig genug, um zu beobachten, wie Ethans Augen fast unbewusst zur Seite glitten. „Im Ernst, was der das Maul aufreißen kann, wenn er mal eine zeitlang keinen Gegenwind bekommt… das ist echt überraschend. Hätte dir nicht gefallen, was der gesagt hätte.“ Ethan ließ den Satz in der Luft baumeln, und Nero tat ihm den Gefallen anzubeißen:
„Tatsache? Was denn?“

„Was weiß ich denn. Das du ein dummer Hurensohn bist, bla bla, zu primitiv, um auf irgendwas anderes als Gewalt zurückzugreifen…“ Nero hob die Brauen sachte. Ethan schien sich inzwischen zu bemühen, so zu tun, als würde er ihm fest in die Augen starren, auch wenn sein Blick wohl vielmehr irgendwo an Neros Nasenwurzel zu verorten war. Er ging davon aus, dass solche Worte mit Sicherheit schonmal gefallen waren… aber wahrscheinlich nicht von Fuckface, wo am Samstag auch immer. Doch dass Ethan aktiv versuchte aufzuhetzen, war neu. Der Junge musste allmählich wirklich verzweifelt sein.

„Tja… mit dem Hurensohn liegt er faktisch falsch, meine Mami nimmt meines Wissens nach kein Geld dafür.“, meinte er nur, trocken und mit soviel Desinteresse, dass es reichen würde, Ethan ein wenig mehr aufzuregen. Angel ließ ein paar empörte Worte fallen, so könne man nun nicht über seine Eltern reden, und das belustigte Funkeln in ihren Augen sprach davon, dass sie über ihre eigene Mum gerne ganz ähnlich gedacht hätte, aber Ethan schien den Kiefer anzuspannen, während er sich zurücksinken ließ und die Arme verschränkte.

Der Junge verzweifelte die letzten zwei Wochen zunehmend an dem Umstand, dass er sich plötzlich jedes Mal allein stehen sah, wenn es darum ging, auf andere loszugehen und sich irgendwie Respekt zu verschaffen. Devon lebte mit den Gedanken nur noch im Training, und Nero hatte zu tun – behauptete er. Ethan war nicht der schnellste im Geiste, und der Gedanke, dass das möglicherweise nur Ausflüchte waren, schien ihm zwar zu kommen, aber er konnte keine Zusammenhänge erkennen. Vor allem keine Zusammenhänge zur Tatsache, dass er begonnen hatte, Scheiße hinter Neros Rücken zu reden, und dann auch noch zu den falschen Leuten… und er ging auch noch davon aus, dass Nero nicht früher oder später davon hörte. Nach all den Jahren sollte er es doch eigentlich besser wissen.

Während Nero genoss zuzusehen, wie Ethan immer aggressiver anstrampelte gegen den Umstand, dass er in der Schulhierarchie plötzlich in Bedeutungslosigkeit abzusacken drohte, schienen Fuckface, Josie und ein paar andere plötzlich einen Funken von Selbstrespekt entdeckt zu haben. Er wusste nicht, wo dieses Glück herkam – verdient hatte er es nicht, technisch gesehen – aber Nero hatte jedes Mal große Mühe, nicht in Gelächter auszubrechen, wenn er beobachten durfte, wie Ethan auf der einen Seite von ihm ignoriert und auf der anderen Seite von Jose und Konsorten vorgeführt wurde.

Ganz gelogen war die Behauptung von Neros plötzlicher Vollzeitbeschäftigung aber nicht. Andi hielt ihn mit dem College-Portfolio und anderen Miniprojekten auf Trab, Devon ließ nicht vom Gedanken ab, ihn im Football trotz seiner unregelmäßigen Anwesenheit fest im Team zu behalten, seine Tage wurden von Nebenjob, Schwimmen, Bekannten, Freunden, weiblichen Freunden, gelegentlichen Partys und inzwischen fast täglichen Zockerzeiten eingenommen, und auch wenn er wieder zu seinem Höchstmaß an vier Stunden Schlaf pro Nacht zurückgefunden hatte, hatte er gelegentlich das Gefühl, dass ihm Zeit für Dinge fehlte.

Und – das war ein Gedanke, den er nicht einmal vor sich selbst ganz zugab – dann war da noch Icy. Nero wollte ihn nicht vertreiben, aber er wollte ihn auch nicht anlügen, was hieß, er musste einige seiner Aktivitäten entweder mit sehr wohlgewählten Worten umschreiben… oder tatsächlich eine zeitlang darauf verzichten.

Das war mit Sicherheit nicht der einzige Grund, aber die Tatsache, dass es überhaupt ein Grund war, gab Nero zu denken. Andere Menschen sollten nicht so viel Einfluss auf seine Handlungen haben, vor allem nicht, wenn das dazu führte, dass er seinen Interessen zuwiderhandelte. Es war ja noch nicht einmal so, dass er viel von Icy hatte … wobei, das war unfair gegenüber dem Jungen. Er gab sich merklich Mühe, eine Bereicherung für die neuen Personen in seinem Leben zu sein. Nur normalerweise hatte Nero für derlei Bemühungen nicht mehr als ein müdes Lächeln übrig, und es störte ihn, Erklärungen suchen zu müssen, warum das in Icys Fall nicht galt.

Als hätte das Küken seine Gedanken gelesen, sah Nero die eingehende Nachricht, die über seinem Artikel aufblinkte und anschnitt, wo im Literaturunterricht erstmal Funkstille geherrscht hatte.

eisiger boi (◕︵◕):  Heute noch weniger als sonst. Irgendeiner der Jungs in der Schule hat sich vorgenommen, mich zu verprügeln oder so q.q

Nero hörte Ethan neben sich schnauben, als er rasch tippte. „Ich weiß ja nicht, was du denkst, aber ich meine, er hat ne dringende Verhaltenskorrektur nötig.“

PARADOX: rip

PARADOX: sei der erste, der zuschlägt, und dann abgang :>

PARADOX: niere-> halsseite-> gesicht, nur fürs protokoll (in die eier treten schadet auch nie, solange es niemanden scherrt, ob du fair kämpfst)

„Tja… was soll ich sagen, fühl dich frei? Ich werd dich nicht aufhalten.“ Nero wechselte zurück zur Vortragsaufarbeitung und nahm am Rande wahr, wie Ethan grollte.

„Also ist es dir plötzlich egal, dass Leute scheiße über dich behaupten?“

„Ach, wieso denn? Gewalt ist doch wirklich primitiv. Wo kommen wir denn hin, wenn ich Fuckface dafür rumschubse, dass er die Wahrheit sagt?“ Nero untermalte die Sätze mit einem Gesichtsausdruck engelshafter Unschuld und konnte ganz gedämpftes Kichern von Jessica hören. Vermutlich zählte auch sie langsam eins und eins zusammen – was nicht verwunderlich wäre, eine der Haupt-Tratschquellen bezüglich Ethan war ja immer noch sie.

Der wiederum senkte die Brauen, und Nero konnte den Missmut in seinen Augen aufblitzen sehen, die Abneigung, die hinter den dunkelblauen Iriden schimmerte. Es sah nicht ganz so hübsch aus wie Angst – vor allem nicht bei Ethan, dessen Blick vom Emotionsspektrum her ohnehin nicht viel Spannendes sehen ließ – aber war zumindest ein unvollständiger Ersatz für das, was Nero sich hin und wieder von anderen zu holen wusste. „Du hast doch auch sonst kein Problem damit.“

„Jaaa…“ Nero streckte sich und setzte ein breites Lächeln auf. „Wer weiß, vielleicht werd ich einfach alt.“

Ethan biss die Zähne aufeinander, aber ehe er das infrage stellen konnte, ertönte das Stundenklingeln, und ihr Lehrer kam pünktlich in den Raum gerauscht. Sie verlor keine Zeit, Nero für die Themeneinführung nach vorne zu bitten, und er konnte noch hören, wie Angel ein leises „Viel Glück.“ murmelte und lächelte. Er grinste schief.

„Glück ist was für Menschen, dies nicht besser können.“


eisiger boi (◕︵◕):  …Dann bin ich erst recht tot

Mr. Gerald hatte sich überschwänglich bedankt und das Vortragsende genutzt, um die aufgeworfene Diskussion über Vorteile und die ethische Rechtfertigbarkeit der Embryonenforschung mit der Klasse weiterzuführen, während Nero mit den Gedanken schon wieder vorrangig bei fremden Problemen hing. Tatsache … die Wahrscheinlichkeit, dass Icy und seine Peiniger in derselben Gewichtsklasse spielten, war nicht sehr hoch. Und alle anderen Strategien, die Nero selbst in solchen Fällen nutzen würde, erforderten Vorbereitungszeit, Kaltblütigkeit oder sowas wie Freunde. Die Sorte, die nicht im besten Fall vier Stunden entfernt im selben Bundesstaat hockte.

PARADOX: krankmachen?

eisiger boi (◕︵◕):  Wenn ich jetzt gehe, wird’s beim nächsten Mal nur schlimmer!

Es war nicht allzu schwer, Icy und Unterricht nebeneinander zu folgen. Tatsächlich hatte Nero eher das Problem, dass sein Kopf zuviel aufnahm statt zu wenig, und anders als beim typischen ADHS-Gehirn tat ihm seines auch noch den Gefallen, den Lehrer, die Flüstergespräche zu seinen Seiten, Lehrbuchtexte und Icys Angelegenheiten nebeneinander zu verarbeiten, ohne dass es sich dabei verzettelte. Nero entging wenig … und gleichzeitig sorgten diverse akustische Signale und jede Minute, die er in Personengruppen von mehr als drei sprechenden Leuten verbrachte, für zunehmende Gereiztheit. Die Pubertät hatte es besser gemacht, aber nicht, weil sein Gehirn endlich lernte zu entspannen, sondern vielmehr, weil andere Leute ihn in die Wunderwelt der Rauschmittel eingeführt hatten, mit denen er es für ein paar Stunden beruhigen konnte. So dankbar er dafür war, hieß das gleichzeitig, dass Partys und Menschenmassen ohne vorherigen Genuss von Alkohol, Zigaretten oder Dope gar nicht mehr auszuhalten waren.

PARADOX: sei doch nicht so <.<

PARADOX: … wusstest du eigentlich, dass du taser in montana kriegst, ohne dass die auch nurn altersnachweis verlangen?

PARADOX: nur so am rande, nicht, dass ich dich zu irgendwas anstiften will :x

Eigentlich war Nero niemand, der irgendwelchen Schulopfern Waffengebrauch nahelegte. ‚Jeder für sich‘, hieß die Devise, und wer das Pech hatte, kleiner, schwächer und weniger gerissen als der Gegner zu sein, wurde eben zum Ziel der natürlichen Selektion… doch er war bereit, Ausnahmen zu machen für die handvoll Leute, die er leiden konnte. Und solange Icy Hilfe von außen ablehnte, konnte man ihn wenigstens anleiten, sich selbst zu helfen.

eisiger boi (◕︵◕):  …Google sagt, auch Taser können Leute umbringen.

Nero atmete tief ein und aus und schüttelte den Kopf sachte, als er sich einen fragenden Blick von Angel einfing.

PARADOX: icy

PARADOX: stop it

PARADOX: denk doch ein mal an dich

PARADOX: sonst musst du keine angst mehr vor deinen klassenkameraden haben, weil ich dich doxxe und persönlich rüberkomme, um dir eins aufs maul zu geben <.<

Und zumindest ersteres war eine Aussicht, die dem Jungen mit Sicherheit nicht behagen würde – vermutlich wusste er genauso gut wie Nero selbst, dass er letzeres nicht durchziehen würde.

eisiger boi (◕︵◕):  Kannst du gar nicht, dazu bist du zu nett. :p

Er hob die Brauen sachte. Es gab leichte Fehleinschätzungen, und es gab… sowas. Aber andererseits, hatte er es nicht darauf angelegt, die schlimmsten Seiten von sich aus dem Para-Profil rauszuhalten? Andererseits hatte er zumindest versucht, Icy einen kleinen Ausblick darauf zu geben…

PARADOX: …ich hab das gefühl, wir haben sehr unterschiedliche anschauungen von meiner person

eisiger boi (◕︵◕):  Ich hab überhaupt keine Anschauung, mir schickt ja keiner ein Bild <.<

PARADOX: du weißt, was ich meine ._.

PARADOX: und wenn du heute nicht aus der schule verschwindest, bevor dir was passiert, haste eh keine bilder verdient

PARADOX: so

Nach dem Tippen hielt er einen Moment inne. Bisher war er davon ausgegangen, dass die Sache mit den Bildern auf Icys Neugierde zurückzuführen war, oder er auch einfach herumalberte wie Nero und die Sache deswegen wichtiger machte, als sie war, aber… war das alles? Gerade nach der gestrigen Offenbarung - versprach Icy sich von der Bildersache womöglich zuviel?

Nach etwas Zögern entschied Nero, dass das unwahrscheinlich war. So verschreckt, wie Icy sich ihm gegenüber immer wieder mal gab, würde er eher davon ausgehen, dass er im Leben des Jungen bestenfalls geduldet war, aus denselben Gründen, aus denen ihn viele andere Menschen in der Nähe behielten. Nero wusste sich die Zeit zu vertreiben, und er wusste andere genauso zu begeistern, und – wenn er denn wollte – war er einer der unkompliziertesten Bekannten, den man sich wünschen konnte.

Er spürte Angels Blick inzwischen ein wenig zu neugierig zu seinem Pad herüberhuschen, schloss die Web-Emulatoren und wandte sich wieder Unterricht und Chats zu. Wenn an dieser Schule mehr als eine Person von einem Geheimnis wusste, war es in Kürze kein Geheimnis mehr.


„Du willst also gar nichts machen?... Du kannst mir doch nicht erklären, dass du ganz plötzlich, innerhalb von zwei Wochen beschlossen hast, dass dir diese blöden Opfer plötzlich egal sind!“ Ethan zischte, und Nero wünschte sich, der Junge würde zumindest endlich neuen Text finden. Ihm war unklar, wie er noch deutlicher Desinteresse demonstrieren sollte, und er wartete auf den Moment, wo Devon zu ihnen fand und Nero wieder ein wenig mehr besprechen könnte als nur Ethans Unverständnis von sozialen Mechanismen. Sean und Chris trotteten neben ihnen her, aber mit denen redete Nero bevorzugt in großer Gruppe oder wenn er so betrunken war, dass ihm ohnehin alles egal war.

„Du tust jetzt so, als hätten die mir jemals was bedeutet…“

Ethan hielt inne, tief atmend und die Brust ein wenig vorgestreckt, auch wenn Nero noch nicht sicher war, wem oder was er eigentlich hoffte zu imponieren.

„Ansonsten lässt du doch auch keine Gelegenheit aus, denen aufs Maul zu geben. Was ist plötzlich dein Problem?“

Nero erwog die Frage einen Moment lang und entschied, dass es ihm nicht gefiel, dass Ethan überhaupt über seine Beweggründe mutmaßte. Seine Antwort fiel gleichgültig aus, als würde Ethans momentane Stimmung ein einziges großes Rätsel für ihn sein und er hätte nicht seine Momente in den vergangenen Wochen gehabt, wo er sich irgendwen oder irgendwas zum Abreagieren gewünscht hätte.

„Sag mal… ist das normal, dass du so viel Gedanken an Fuckface verschwendest? Ich meine, du redest quasi seit Anfang Bio über nichts anderes. Ich will jetzt nicht sagen, dass das ein bisschen gruselig rüberkommt, aber… doch, eigentlich schon.“ Chris, der nicht ganz mitbekommen zu haben schien, dass der Punkt freundschaftlicher Stichelei für Ethan seit fast einer Woche überschritten war, grölte.

„Ethan kriegt ihn halt nich mehr aus dem Kopf… Da wird Jessica aber nicht glücklich sein, wenn sie das hört!“ Innerhalb von Sekunden war Ethan mit gefletschten Zähnen aufgefahren und hatte den Jungen am Kragen gepackt. Nero bezweifelte nicht, dass die Wut in Ethans Augen eigentlich ihm galt – oder der Situation, in der Ethan sich befand, aber deren Hintergründe er immer noch nicht ganz verstehen konnte – doch Nero selbst anzurühren wagte er nicht. Dann lieber irgendeinen harmlosen Beistehenden. Und weil Nero nunmal er selbst war, beschloss er, noch ein wenig Zündstoff auf die Flamme zu werfen, und zog missbilligend die Brauen zusammen.

„Alter… Ethan, lass den Jungen runter. Was ist in letzter Zeit eigentlich los mit dir?“

„Was mit mir los ist?“ Ethan fuhr auf, die Arme angespannt, der Kopf aggressiv gesenkt, und erst dann schien ihm klar zu werden, dass ihm die Worte fehlten, um seine Situation deutlich zu machen. Mit Sicherheit wusste er, dass Nero irgendwie mit seiner Lage zusammenhing – zumindest ahnte er es – aber er wusste nicht, wie man das ausdrücken sollte. ‚Du gibst nicht mehr den Ton an, wenn wir andere Leute verprügeln, und plötzlich hat man auch vor mir weniger Angst, und irgendwie glaube ich, du machst das gezielt wegen mir‘ war ein Vorwurf, den sehr wahrscheinlich niemand auf dieser Welt ernstnehmen würde.

So schnaubte der blonde Junge nur ein letztes Mal, hieb mit seiner Faust krachend gegen den Spind und drehte sich um, um vorbeizustapfen, vorbei an den um Unauffälligkeit bemühten Zuschauern, die sich wieder ihren eigenen Schließfächern zuwandten. Chris ächzte leise.

„Wer hat dem eigentlich ins Müsli gepisst?“



Ace spürte seinen Mageninhalt tieferrutschen, als er das bekannte Gesicht erspähte. Nein. Nein nein nein. Ein paar Sekunden lang wünschte er, er hätte Paras Rat befolgt und sich tatsächlich still und heimlich verpisst.

Einen Umweg suchen war diesmal keine Alternative. Er musste in den ersten Stock, und Nero und seine beiden Schoßhunde sahen nicht aus, als hätten sie bald vor, sich von ihrem prominenten Platz mitten im Gang fortzubewegen. Er erwog seine Möglichkeiten, als eine Schar plaudernder Mädchen vorbeizog, und diesmal ließ Ace sich von seinem Angstinstinkt leiten, als er sich ihnen anschloss und versuchte, derart gedeckt auf der abgewandten Gangseite vorbeizuschleichen. Als die Treppe endlich in Sicht kam, wollte er tatsächlich einen Moment Hoffnung schöpfen, bis sich die Worte überdeutlich in seinen Gehörgang schnitten.

„Wenn man vom Teufel spricht! Guck mal, da läuft Fuckface!“ Ace wusste nicht, welcher der beiden Jungen das sagte, und er hatte nicht vor, sich umzudrehen und das zu überprüfen. Stattdessen fühlte er sich ein, zwei Sekunden wie erstarrt, und dann, nachdem er sich innerlich eine runtergehauen hatte, stürmte er los.

Einige Schüler wichen mit empörtem Laut zur Seite, als er an ihnen vorbeiraste, und ein Teil von Ace wollte argumentieren, dass er wenigstens versuchen sollte, sich einen kompletten Fluchtplan zu überlegen. Wohin wollte er? Er konnte doch nicht einfach so davonlaufen! Das würde alles nur schlimmer machen, wenn er jetzt stehenblieb und sich entschuldigte, dann hatte er wenigstens Chancen darauf, am Leben zu bleiben…

Ace meinte, Schritte hinter sich zu hören, und machte den Fehler, sich umzudrehen. Keine Sekunde später prallte er gegen einen anderen Schüler.

Er sah sich bereits zu Boden gehen, wurde aber am Handgelenk gepackt und strauchelte nur ein paar Schritte, nicht weit entfernt am Treppenansatz. Ace hob den Kopf, und die Entschuldigung, die ihm auf der Zunge lag, rutschte gemächlich zurück in seine Kehle zurück. Ethan starrte ihn an, mit der intensiven Wut in den Augen, die Ace bislang in schwächerer Form gesehen hatte, wenn er es wagte, Widerworte zu leisten. Diesmal gab es keine Drohungen und kein Geschrei. Mit kräftigem Ruck zog Ethan ihn näher, ehe er ihn auf die Treppe schubste.


Ace konnte spüren, wie seine Füße ihre korrekte Arbeit verweigerten, während sich alles um ihn herum einen Moment lang zu drehen schien und Knacken aus seinem Rucksack ertönte. Auf halber Treppenlänge blieb er zusammengeknäult liegen, hörte Geschimpfe und erschrockene Ausrufe, während er einen Moment lang verwirrt war. Das war es? Hatte doch gar nicht wehgetan… Dann stürzte die Welt wieder auf ihn ein. Er spürte die beginnende Beule am Hinterkopf, wo sich eine der Stufen gegen ihn drückte, und warmes Pochen an seiner Wange, die zunehmende Schmerzensreize sandte. Am schlimmsten aber war seine linke Hand – Ace hatte sich im ersten Impuls mit ihr abstützen wollen, und sie hatte ihm über betäubenden Schmerz mitgeteilt, dass er das bitte zu unterlassen hatte.

Es mochte am Schock liegen, aber sein Kopf wollte im ersten Moment nicht richtig abschalten. Stattdessen forderte er Ace auf, gefälligst aufzustehen und weiterzugehen – immerhin stellte er doch gerade nur noch leichtere Beute dar, und selbst wenn sie ihm nicht folgten, konnte er nicht einfach hier liegenbleiben. Irgendwann musste er zum Unterricht.

Das Gemurmel um ihn schwoll an und ab, bis Ace Schritte hörte und eine schmale Hand spürte, die sich auf seine Schulter legte. „Bist du okay? Ace, kannst du laufen?“

„Alles okay… Mir geht’s super.“ Seine Worte klangen leise und verquollen. Ace glaubte sie tatsächlich, während er am Rande wahrnahm, wie man ihn unter zunehmendem Getuschel in die Höhe bugsierte.

Er wusste mit der Tatsache, dass plötzlich diese zwei helfenden Hände da waren, nichts anzufangen. Die Tatsache, dass Leute normalerweise wegsahen, hatte sich viel zu tief eingeprägt… da war Ethan, der jemanden eine Treppe herunterschubste, doch auch nicht viel schlimmer, oder?

Und auch, wenn Ace die Finger überaus real an seine Schultern gedrückt spüren konnte, als sie ihn zum Krankenzimmer bugsierten, bestand ein Teil von ihm darauf, dass sie nur seiner Einbildung entsprangen.

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Keine Sorge, das wird vermutlich das letzte Mal mit so viel Infodump sein - ich hatte nur die Befürchtung, dass einige Dinge früher oder später irritieren werden, wenn ich sie nicht schnell genug kläre. (Glücklich bin ich mit dem Kapitel immer noch nicht, und der erste Entwurf wurde schonmal gelöscht und neugeschrieben, aber irgendwann muss auch mal gut sein x.x Vielleicht versuch ich in Zukunft noch eine dritte Variante.

Und wie immer vielen vielen Dank für all die Rückmeldungen x) Einerseits freu ich mich wie ein Schneekönig, andererseits weiß ich nicht, ob mir das Angst machen soll - ich rechne eigentlich immer nicht damit, dass hier so viele Leute aktiv mitlesen, statt das in irgendwelchen Listen für die Zukunft vergammeln zu lassen :x
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