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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
10.07.2019
02.09.2021
54
317.099
153
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
11.07.2019 1.570
 
„Und es war schön dort?“ Ace hatte das Lächeln von Mrs. Anderson immer noch vor Augen, und dass, obwohl er den Rest ihres Gesichts schon lange vergessen hatte.

„Schöner als hier auf jeden Fall.“ In seinem Kopf konnte er frei und ungezwungen sprechen, ganz ohne das Stottern, Verhaspeln und Schwanken der Tonlage, dass ihn in der Realität so oft einholte. „Ziemlich sonnig und langweilig. Ich glaube, es hat mir wirklich gefallen.“

Die Stimmen klangen durch seinen Geist, während er die Hände auf den Rand des Waschbeckens gestützt hielt und sich mit gerunzelter Stirn im Spiegel entgegenstarrte. Seine alte Vertrauenslehrerin war nicht das Seltsamste, an das er nach dem Masturbieren jemals gedacht hatte, aber sie stand doch weit oben auf der Liste.

Mit Johns Auszug gehörte das obere Stockwerk des Hauses gewissermaßen ihm, und Ace durfte frei darüber verfügen… was letzten Endes gar nichts änderte, außer die Tatsache, dass er jetzt auch unter der Ferienwoche mal bis fünf oder sechs Uhr aufblieb. Ace schüttelte den Kopf, begann seine Hände abzutrocknen und sich die Unterhose wieder auf die Hüften zurückzuzerren, während sein Kopfkino ungehindert weiterplauderte.

Er hatte sehr oft diese Momente, in denen er einfach abschaltete, die Welt um sich herum sie selbst sein ließ und sich tief in seine Fantasie flüchtete, um dort Diskussionen, Szenen und Geschichten durchzuspielen. Ace hielt das für eine seiner besseren Macken, aber vermutlich hätte jeder andere, der in seinen Kopf sehen konnte, ihn für bescheuert erklärt.

„Dein Bruder zieht jetzt weg. Fühlst du dich einsam deswegen?“

„Ich schätze schon… aber eigentlich ist das bescheuert, oder? Es war schon immer bescheuert. Ich kann doch nicht eifersüchtig sein, nur weil ich ihm nicht soviel bedeute wie er mir. John hat seinen Freundeskreis, und in einer idealen Welt würde ich meinen eigenen haben, wenn ich nicht so ein sozialbehinderter Vollidiot wäre-“

„Ace. Sei nicht so hart zu dir selbst. Es ist nicht deine Schuld.“

Ace spürte, wie sich seine Miene verzerrte, einfach, weil es so wehtat. Mrs. Anderson war immer unglaublich sanft zu ihm gewesen. Selbst wenn die Gespräche mit ihr ihm nicht praktisch weitergeholfen hatten, hatte er sich doch jedes Mal ein bisschen weniger gehasst, wenn er aus ihrem Büro gegangen war. Allerdings war sie Mitte letzten Jahres versetzt worden, und Mr. Jackson-Cole hatte den Posten des Vertrauenslehrers übernommen, obwohl jeder wusste, dass seine Geduld mit menschlichen Schwächen mehr als nur begrenzt war.

„Ist es nicht?“

Eine Vielzahl schwacher roter Pünktchen zog sich über seine Nase und Wangen. Die Sprossen zeigten sich jeden Sommer, wenn es zu warm wurde, und verschwanden spätestens Mitte Herbst, zu einer Zeit, zu der sie jeder bereits gesehen und darüber gekichert hatte. Der Rest von ihm war schmal. Ein schmales, spitz zulaufendes Gesicht, eine feine, schmale Nase, schmale Lippen, gedrungene Schultern und ein Körper, den man wahrscheinlich ‚zierlich‘ genannt hätte, wenn er ein Mädchen wäre, aber in seinem Fall war er nur knochig. Vor der Pubertät war Ace pummelig gewesen, und es gab genug Kinder, die ihm das mit Vorliebe unter die Nase gerieben hatten, doch jetzt war er dürr, und das war anscheinend genauso schlimm. Selbst wenn die Spitznamen anders klangen, blieb die Abscheu dieselbe.

„Nein, ist es nicht. Du bist nicht Schuld an den Dingen, die dir passieren, und so dumm das jetzt auch für dich klingen mag… Die Zeiten werden noch einmal besser. Glaub mir. Sobald du einmal aus der Highschool raus bist, wirst du staunen, wie nett andere Leute sein können.

Aces von Natur aus helle Haut wirkte noch bleicher im Kontrast zu seinen dunklen Brauen oder seinen Haaren, die seit ein paar Wochen in einem leuchtenden Blau erstrahlten. Sonne und Salzwasser hatten die dunkelsten Pigmente herausgewaschen, und inzwischen erinnerte ihre Farbe an Urlaubskatalog-Meere oder Kindereiskreme. Er schüttelte den Kopf, blinzelte und starrte sich wieder entgegen. Seine Augen waren so ziemlich das einzige, was Ace an sich mochte, aber das lag wohl daran, dass seine Klassenkameraden nie Worte gefunden hatten, um sie ihm schlecht zu reden. Sie waren von einem hellen stahlgrau, dass unter dem richtigen Licht in viele verschiedene Blau- und Goldtöne aufging. Sein Bruder hatte seinen Blick immer eindringlich genannt, seine Mutter beharrte darauf, was für ein hübscher, liebenswerter Junge er doch war, und von Hälfte der Middle School an hatte man ihm erklärt, er sei hässlicher, lebensunwerter Müll. Weil zwei Stimmen gegen einige hundert standen, hielt er es für realistischer, den hundert zu glauben.

„Ja, aber noch hänge ich hier fest.“ Sogar sein Gedanken-Ich klang angepisst. „Ich wünschte, ich wäre wieder in Florida. Oder überhaupt irgendwo. Hauptsache weg hier. Kalispell ist so kacke, ich weiß nicht, warum überhaupt irgendwer freiwillig hier lebt … Wobei, eigentlich passt es gut zusammen, die Leute sind nämlich auch beschissen.“ Mrs. Anderson, die letzten Endes auch nur eine Ausgeburt seiner Fantasie war, schien darauf keine Antwort zu haben.

Seit er wieder zuhause war, gab es nicht viel zu tun für Ace. Er hatte sich die Piraten-Fantasy-Serie angesehen, die zurzeit in aller Munde war, und fand sie unterhaltsam, ohne dass viel davon hängen blieb.

Er hatte gezeichnet – unter anderem eine Skizze von einem supersüßen Jungen, den Ace in Florida auf einem der Jahrmärkte gesehen und viel zu lange mit klopfendem Herzen beobachtet hatte, bis er in einem unbeobachteten Moment ein Foto schoss. Als Zeichenreferenz, wie er sich immer wieder erklärte. Ace fühlte sich jetzt noch mies dafür.

Er hatte sich in seinen vier Wänden eingeschlossen und war einen ganzen Sommer lang nicht weiter als bis zur Veranda gekommen, ungeachtet der schönen Natur, die sich rund um ihre kleine Stadt erstreckte. Irgendwo in dieser Natur bewegten sich Menschen, und weil Ace ihnen nicht zu nahe kommen wollte, hatte er sich lieber zuhause versteckt.

Und er hatte gezockt. Natürlich. Ein bisschen Minecraft, ein bisschen Sims 6, und zuletzt mehr Stunden Mortal Realms, als irgendein Mensch für vernünftig halten würde. Carla hatte mehrmals versucht, ihn subtil zu erinnern, dass Spielesucht eine von der WHO anerkannte Krankheit war, und Ace hatte gelächelt, als hätte er keine Ahnung, worauf sie hinauswollte. Ihm war klar, dass er sich zu sehr in unechte Welten verliebt hatte, aber das änderte nichts daran, dass die Gebiete aus dem neuen Patch ihn zum Träumen einluden. Es war surreal, doch Ace fühlte sich in einer wilden Pixelwelt voller Monster sicherer, als er es jemals in der Realität getan hatte.

Seufzend senkte er den Kopf und spritzte sich Wasser ins Gesicht, um endgültig herunterkühlen zu können.

„Es gibt hier echt nicht viel zu tun. Mir war die meisten Zeit langweilig, und ich hab gemacht, was vermutlich jeder Kerl in meinem Alter macht, wenn ihm langweilig ist. Wenn ich ein bisschen selbstbewusster wäre, hätte ich auch Leute übers Internet angeschrieben… ‚Hi, 17m, unansehliches Stück Scheiße und große Nervensäge, suche Daddy. Herz-Emoji.‘ Aber ich fühl mich zu unsicher dabei, und das eine Mal, als ich mich auf eine dieser Dating-Apps getraut habe, wurde ich von lauter Typen angeschrieben, die dreimal so alt waren wie ich. Überhaupt würde sowas bedeuten, dass ich mit fremden Leuten über Dinge reden müsste, über die ich mit mir selbst nicht wirklich reden kann, und das… macht mir Angst.“ Mrs. Anderson, die zumindest in seiner Fantasie kein Problem damit sah, mit den Sorgen und Ängsten und Bedürfnissen hormongeplagter Jungen konfrontiert zu werden, lächelte verständnisvoll.

„Außerdem verstehe ich diese Sache mit dem Flirten nicht. Wie flirten normale Leute? Ich meine, wie lernt man das? Gibt’s da irgendwie Kurse für? Denn meine Klassenkameraden scheinen das alle von Natur aus zu beherrschen, und das einzige, was ich kann, ist, mich mit nem ‚Ein Penis, bitte‘-Schild in die Ecke zu stellen und zu hoffen, dass mich der richtige anspricht! Und der ist dann natürlich auch ganz geduldig, und liebevoll, und hat kein Problem damit, dass ich ne überforderte Jungfrau bin, die ihren ersten und einzigen Kuss in der siebten Klasse beim Flaschendrehen bekam! Von einem Mädchen, dass hinterher so tun musste, als würde sie sich den Finger in den Mund stecken, damit alle wussten, dass sie mich natürlich niemals freiwillig berühren würde … Dieses ganze Zeug ist gruselig. Und ich bin zu feige für echte Menschen, also bin ich bei Videos und Blogs geblieben.“

Ace drehte sich um, trottete zurück zum Wäschekorb und versuchte sein Bestes, die Tabs zu schließen, ohne dabei im ganzen Gesicht zu erröten. Jetzt, wo seine Gedanken nicht mehr komplett von Hormonen getrübt waren, spürte er die entsetzte, puritanisch-angeekelte Stimme im Kopf, die ihn fragte ‚Warum ziehst du dir solches Zeug rein?! Wenn das der Rest der Welt wüsste, dann hätte er sogar Grund, auf dir rumzuhacken!‘ Ace, der selbst viel lieber auf Rosenblüten, klassische Musik und Duftkerzen abgefahren wäre als auf Fesseln, Halsbänder und fiese dominante Kerle, schob die Stimme zur Seite und verdrehte die Augen über sich selbst.

Und ganz unabhängig von seinem wilden Suchverlauf fürchtete er, dass er real trotzdem ein prüder ‚Das Licht bleibt aus und die T-Shirts an!‘-Typ war. Er traute sich ja nichtmal, auf seinen Main-Accounts eingeloggt zu sein, während er nach Porn suchte, weil die paranoide Idee in seinem Kopf festsaß, dass ein falscher Klick genügte und die Ergebnisse quer über seinen YU.space-Feed verteilt waren. Zu allem, was ihm seine Klassenkameraden sonst so an den Kopf warfen, brauchte es das nicht auch noch zusätzlich.

„Und das, Mrs. Anderson, war mein Sommer … Glauben Sie, dass ich die Chance auf eine entspannte erste Schulwoche habe, wenn ich mir jetzt ein Bein breche?“
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