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The Games we play

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
10.07.2019
02.09.2021
54
317.099
155
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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20.07.2019 4.199
 
Am Ende hatten die Jungen angewiesen, sich umzudrehen, der Wand gegenüberzustellen und die Augen zu schließen. Ace hatte gebebt, sein Kopf voller Schreckensszenarien auf das Kommende, und erst als das Klingeln ertönte, dass die nächste Stunde ankündigte, wurde ihm klar, dass sie nicht zurückkommen würden und sich einfach nur darüber amüsiert hatten, wie er herumstand und dumm an die Mauer starrte.

Er war zum Sekretariat gegangen, hatte sich murmelnd irgendwelche Beschwerden aus den Fingern gezogen, die nichts zu tun hatten mit Hass, brennender Scham, seinem schmerzenden Hals, den unsichtbaren Blessuren in der Magengegend oder den Überresten einer zerbrochenen Brille auf Asphalt, und dann machte er sich auf den Weg nach Hause. Wenn er die Augen schloss, spielten sich die demütigenden Szenen aufs Neue hinter seinen Augenlidern ab, und er versuchte, Melodien in seinem Kopf zu summen, um seine Gedanken beschäftigt- und die Bilder fernzuhalten.

Zuhause angekommen legte er sich mit Wärmflasche ins Bett und stellte sich heißen Tee daneben. Das war nicht das erste Mal, dass Ace mit angeblicher Krankheit aus der Schule flüchtete, und er hatte gelernt, das Schauspiel für seine Eltern zu perfektionieren. Er schrieb seiner Mutter, dass es ihm nicht gut ging und ob sie außerdem neue Kontaktlinsen für ihn aus der Drogerie mitbringen könne, dann drehte er sich um und starrte an die Decke. „Ein Jahr.“, murmelte er zu sich, biss sich auf den Handrücken und zählte Rauhfasertapetenflecken. „Nur noch ein Jahr.“


Eine halbe Stunde später drang Pop-Punk aus seinen Lautsprechern, und er schrieb mit Spidey, die als rettende Stütze aufgetaucht war, als er in seiner Melancholie versank. Aufgetaucht war das falsche Wort – Sie hatte sich nur erkundigt, ob er mit ihnen eines der leichteren Verliese laufen wollte, und nachdem er entgeistert gemeint hätte, auf keinen Fall, er würde sie nur zurückhalten und sei viel zu schlecht für sowas und außerdem todkrank, hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, ihn auf seinem Sterbebett zu unterhalten und ein bisschen Mut für die Zukunft einzulösen. Sein schlechtes Gewissen war so groß, dass er versuchte, um jeden Preis irgendeine Unstimmigkeit in seinem Körper zu finden, damit er sich nicht mit dem Gedanken herumplagen musste, dass er jetzt auch noch fremde Leute über seinen Gesundheitszustand belog. Nach einer Weile war Ace sicher, tatsächlich ein bisschen Stechen in Kopf und Magen zu spüren, und blickte elend ins Zimmer hinein, bis sein Handy wegen der neuen Nachricht aufblinkte. Schlagartig drehte er sich um.

TheSpidergirl: er hat dich nicht wirklich für ein Mädchen gehalten :DD

Ace spürte sich ein wenig lächeln, während er in gerechter Empörung tippte.

StrangeGuy12: Doch -_- Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe! Ich bin ein sehr männlicher Mann

TheSpidergirl: naja…
TheSpidergirl: sehr männlicher Junge?
TheSpidergirl: Du klingst nicht älter als 18

Was ja wohl bei Weitem alt genug war! Außerdem sollte Spidey sich nicht so aufspielen, immerhin hatte sie zugegeben, irgendwo in seinem Alter zu sein. Ace schnaubte leise, ohne dass das Lächeln von seinen Lippen wich.

StrangeGuy12: Kennst du eigentlich die Geschichte von Para und seinem Kumpel, wegen dem Profil?

Es war recht einfach gewesen, sich von PARADOX auf den Spitznamen umzugewöhnen. Nicht nur Spidey, sondern auch die anderen Mitglieder in ihrem Clan erwähnten ihn immer wieder mal, und Ace musste zum Glück nicht aufmerksam mitlesen, um das zu merken. Beim ersten Blick in den Clanchat war er ohnehin von Zahlentabellen und Ratgebern erschlagen worden, und seitdem hatte er sich nicht viel mehr damit beschäftigt. Theoriediskussionen überließ er Leuten, die sich damit auskannten – er selbst wollte erstmal versuchen, mehr als ein Drittel der Wörter zu lernen, die sie untereinander benutzten.

Viel wichtiger war es zu wissen, ob Para ihm nicht vielleicht nur Unsinn erzählt hatte, weil ihm seine Sexualität unangenehm war … Es war nicht, als würde Ace das nicht nachvollziehen können.

TheSpidergirl: jeder kennt die hier, ist schon ein Running Gag
TheSpidergirl: aber wenn du mich fragen willst, ob die stimmt – kein Plan ¯\_(ツ)_/¯ Er macht selbst so oft Witze in die eine oder andere Richtung, dass ichs dir nicht sagen könnte.

Ace kaute auf seiner Lippe. Das war nun nicht viel hilfreicher, aber gleichzeitig eröffnete es auch den Hauch einer Chance, dass der Junge nicht komplett heterosexuell war? Sollte er – er schloss die Augen, atmete tief aus und beschloss sich, ein Risiko einzugehen. Spidey wirkte nett. Sie würde ihm keinen Strick draus knüpfen, und wenn doch, dann konnte er immer noch versuchen, rechtzeitig abzuhauen, ehe seine Worte die Runde machten.

StrangeGuy12: Also
StrangeGuy12: Wenn ich
StrangeGuy12: ganz theoretisch
StrangeGuy12: einen schwulen Jungen im weiteren Bekanntenkreis hätte, der vielleicht jemanden sucht, mit dem er sich unterhalten kann
StrangeGuy12: meinst du, dann sollte ich trotzdem versuchen, ihn irgendwie darauf anzusprechen?

TheSpidergirl: lol

Er ließ den Kopf sinken und seufzte. Soviel zu seiner Vorsicht.

TheSpidergirl: ansprechen ist nicht verkehrt
TheSpidergirl: aber wenn dein … theoretischer Bekannter annähernd so ist wie du, würde ichs nicht auf mehr anlegen
TheSpidergirl: Para ist da jetzt nicht die unkomplizierteste Person

Ace blinzelte verdutzt. Das war… etwas Schlechtes, nicht wahr? Was zur Hölle meinte sie damit?

StrangeGuy12: Wie meinst du das? o.o

TheSpidergirl: also, von dem, was er so erzählt und wie er allgemein rüberkommt
TheSpidergirl: ich mag ihn echt gerne, aber manchmal macht er einem Sorgen ^^

„Ace?“ Er zuckte zusammen, schob das Handy beiseite und drehte sich um, wo sein Vater im Türrahmen stand und ihm entgegenlächelte. Anscheinend hatte er ein wenig früher mit der Arbeit aufgehört. „Wie geht’s dir, Champ? Kann ich dir noch was bringen? Brauchst du Tabletten?“ Bei der Sorge, die in seiner Stimme mitschwang, fühlte er sich gleich nochmal ein wenig schuldbewusster und schüttelte schnell den Kopf.

„Nein, ich glaube, allmählich geht’s mir schon wieder besser.“

„Na, das freut mich doch… und er hängt schon wieder im Internet.“ Sein Vater schüttelte den Kopf, wenn mit belustigter Resignation. Im Gegensatz zu seiner Mutter teilte Aces Vater durchaus die Liebe zu Onlinespielen und Nerdsachen, aber technisch war er irgendwann vor zehn Jahren hängengeblieben, und keine hundert Pferde würden ihn bewegen können, sich und seinen Körper einer Datenbrille anzuvertrauen.

„Hm? Klar, ich muss doch Freunden jede Minute Auskunft erteilen, wie es mir geht.“, meinte Ace mit schwachem Lächeln und war ein bisschen irritiert. Die Worte fühlten sich gar nicht so falsch an wie sonst.


Wenige Stunden später hatte er seine guten Vorsätze über den Haufen geworfen und war eingeloggt, um mit Spidey und einem bislang unbekannten Mitglied über die Hochebenen von Karkas zu marschieren und eine Reihe von Sammelquests zu erfüllen. Ein Teil, den er sich selbst nicht ganz eingestehen wollte, war enttäuscht, dass Para sich nicht blicken ließ, aber dafür schwebten er und Spidey inzwischen auf einer Wellenlänge und schimpften im Einklang die Seele aus dem Leib.

„Diese …dummen Wichser! Arschlöcher! Widerlichen Mistkerle!“ Sie zog den toten Wolfsleib auseinander. Ace hatte die Gewalteinstellungen seines Spiels auf niedrig, und die häutende Spidey sah deshalb für ihn gerade nur aus, als würde das Fell von einer Knetfigur ziehen. „Du musst doch irgendwas dagegen tun können!“

„Ja, nicht zur Schule gehen.“, murmelte Ace, der trotz allem überglücklich war, dass Spidey sich so ohne Weiteres auf seine Seite geschlagen hatte. Das war ein ungewohntes Gefühl.

„Sowas reicht nicht.“ Sie kräuselte die Nase gereizt und hängte das Fell über all die, die bereits auf ihrer Tasche lagerten. „Ich dachte ja schon, die Schikane an meiner Schule ist fies, aber was bei dir abgeht, ist doch nicht mehr normal.“ Ace kratzte sich am Kopf.

„Hm… doch, war schon immer so. Und eigentlich ist es inzwischen auch besser geworden. In der Middle School waren die viel übler.“

„Sie haben deine Brille zerbrochen!“ Spidey fuhr herum, stapfte mit dem Fuß auf und zückte dann ihren Bogen, während sie nach dem nächsten Wolf Ausschau hielt. „Und du willst mir sagen, dass wäre nicht schlimm?“  

„Sie waren mal schlimmer?“ Seine Stimme klang unentschlossen, während er noch damit beschäftigt war, die einzelnen Fähigkeiten auf seiner Leiste so anzuordnen, dass die wichtigsten näher an seinen Händen waren. Die Bedienfelder für Fähigkeiten waren um den Charakter angeordnet, in Form eines gerundeten, leuchtenden Keyboards, und nur für den jeweiligen Spieler sichtbar – alle anderen bekamen nur die Auswirkungen seiner Fuchteleien zu sehen.

„Jetzt entschuldige sie nicht auch noch.“, knurrte das Mädchen. Rund um sie wogten lange orangene und grüne Halme in unterschiedlichen Höhen, mit einzelnen Kräutern, die die Heidelandschaft vervollkommneten, und das Gesumme von Insekten vermischte sich mit der Hintergrundmusik des Spiels. Sanfter fuhr Spidey fort: „Aber es muss doch irgendjemanden geben… Eltern, Lehrer, Geschwister von dir… Du kannst da nicht allein durch.“

„Ich will die Leute, die ich mag, da nicht mit reinziehen.“, meinte Ace, kühl, als könnte das die Scham verbergen, die er bei dem Gedanken empfand, alles plötzlich zuzugeben. „Und meine Lehrer sind einfach unglaublich nutzlos. Als ich mal erzählt habe, was so mit mir passiert, dachte die eine, das sind nur ein paar ‚Raufereien unter Jungen, die aus dem Ruder gelaufen sind‘ – und dann hat sie uns in einen Stuhlkreis gesetzt!“ Ohne dass er es verhindern konnte, schlich sich ein gehässiger Ton in seine Stimme, während er meinte: „Und dann durften wir alle mal von unseren Gefühlen erzählen, und sie haben mir gesagt, dass es ihnen ganz doll leid tut, und ich musste einem dieser Arschlöcher sagen, dass ich seine Wut verstehe, denn immerhin trennen sich seine Eltern gerade und er macht eine ganz schlimme Zeit durch. Die Lehrerin hat auch noch darauf bestanden, dass von beiden Seiten eine Entschuldigung kommt, denn wir können ja nicht in Herzen gucken und in den Stiefeln des anderen laufen und so ein Mist …“ Ace wollte mit den Zähnen knirschen bei der Erinnerung. „Und jedesmal, wenn sie nicht hinguckt, grinst er mich breit an mit einem richtigen ‚Du bist sowas von tot‘-Blick. Zumindest bei dem Punkt hat er nicht gelogen.“

„Re.“, tönte eine Jungenstimme, und unisoso meinten er und Spidey „Willkommen zurück.“, als der Dritte im Bunde sich wieder im Voicechat meldete. Duffy_x, dessen Ingame-Charakter den unrühmlichen Namen ‚Baggernaut‘ trug, verströmte etwas von einem Klassenclown, aber Ace hatte beschlossen, dass er den gutgelaunten Jungen mochte und auch nur ein klein wenig über seine erfolglosen Flirtversuche  grinsen wollte.

„Habt ihr mich vermisst, ihr Schnuckies?“, ertönte von ihm wie auf Abruf, und Spidey meinte trockener: „Ich konnte vor Sehnsucht kein Auge schließen.“

„Ahh, keine Sorge, meine Lieblingsspinne, du hast immer einen Platz im Herzen.“, deklarierte der Junge dramatisch, ehe er sich erkundigte: „Wo steckt der Rest eigentlich? Ich hab Dodge seit zwei Wochen nicht gesehen, das kann doch nicht sein, dass ich den immer verpasse!“

„Hm?... Para sagt, er weicht dir aus, weil er dein Geflirte nicht verträgt.“

„Hä?“ Der Junge schien ehrlich entsetzt. „Ich hab niemals mit Dodge geflirtet! Sei nicht eklig!“ Spidey stapfte einen Grasabhang hinab, und Ace folgte hastig, bis sie im dichtbewachsenen Hügelmeer zu ihren Füßen weitere Wölfe erkennen konnten.

„Ja, nein, aber mit mir. Para glaubt irgendwie, dass Dodge eifersüchtig ist, weil er was von mir will.“

„Spidey.“ Der Junge seufzte tief. „Es ist für jeden absolut offensichtlich, dass Dodge was von dir will. Für jeden außer dich.“ Ace war gezwungen, stumm zu widersprechen. Ihm war die Möglichkeit bislang noch gar nicht in den Sinn gekommen.

„Aber wir sind doch nur nett zueinander!“, protestierte sie und spannte ihren Bogen. Der erste Pfeil surrte in die Ferne, während Ace sich vorbereitete, seine Zauber zu wirken. Aus dem Gras hinter ihnen brach die Gestalt eines Elfen hervor, der dank ausgereizter Körper-Schieberegler eine prächtige Wampe vor sich herschob und auch in der Länge mehr wirkte wie ein grobschlächtiger Oger als einer der schlanken Waldbewohner. „Ihr müsst nicht immer alles überinterpretieren. Du nicht, und vor allem Para nicht. Der soll sich lieber mal um seinen Fanclub kümmern.“

„Und um die schwulen Jungen in Montana?“, lachte Duffy, während das Wolfsgeheul erklang. Ihr erstes Ziel kam herangehetzt, mit wilden Augen und gefletschten Zähnen, während Spidey den nächsten Pfeil auflegte. Ace machte sich daran, Eiszapfen zu beschwören, ordnete sie säuberlich an, in einer hübschen geometrischen Todesformation, und hätte sie im nächsten Moment vor Schreck beinahe in Spideys Gesicht entsendet, als er ihre Worte hörte.

„Ja, ich kenn da jemanden, dessen entfernter Bekannter-“

„Was ist mit jemandes entfernten Bekannten?“ Innerhalb einer Minute glitt Ace an einem zweiten Herzinfarkt vorbei, als er die Stimme im Chat hörte, und auch Spidey quiekte kurz, während Duffy entzücktes Mädchenquietschen nachahmte.

„Para! Warum hast du uns so lange im Stich gelassen? Komm ran nach Karkas!“

„Ich war unterwegs in dieser realen Welt, von der sie sich manchmal erzählen – und beruhig dich mal. Ich bin vor zwei Minuten nach Hause gekommen und noch nichtmal eingeloggt.“ Gestern hatte Ace es noch auf die Müdigkeit schieben wollen, aber jetzt war es noch keine 23 Uhr, da funktionierte diese Ausrede nicht mehr. Die Stimme des Jungen gefiel ihm wirklich, wirklich gut – trotz aller Filter und Sicherheitsvorkehrungen, die man nicht mehr wegließ, wenn man nicht wollte, dass sie einem im ersten Vorstellungsgespräch politisch inkorrekte Witze aus einem Chat vor fünf Jahren zur Last legten.

„Und wie lange belauschst du uns schon?“ So sehr sich Spidey auch um eine strenge Tonlage bemühte, wirklich überzeugend klang es nicht. Vor allem nicht mit dem übertrieben empörten Unterton, hinter dem Freude mitschwang.

„Ich hab tatsächlich seit dem Fanclub mitgeredet … Irgendwann ist mir klar geworden, dass mein Mikro aus war.“

„Du bist so ein Idiot.“ Lachen schwang in Spideys Stimme mit, während sie sich ins Gras fallen ließ und den anderen beiden bedeutete, es ihr nachzutun. „Seht ihr den titanischen Büffel da hinten?... Den will ich holen.“

„Ist jetzt nichts Neues…“ Ace hörte kurzes Rumpeln, bis ihm klar wurde, dass das nicht aus dem Spiel kam, sondern vom Chat. Para redete wohl tatsächlich in Person mit ihnen. „Wie geht’s unserem Neuling eigentlich – der selbstverständlich kein Mädchen ist. Spidey war noch so nett, mir das in Capslock mitzuteilen.“ Spidey, die nur undeutlich durch die wogenden Grashalme erkennbar war, kicherte leise, ehe sie weiterrobbte. Ace schwieg sich aus, ein wenig verlegen. Er hätte ohnehin nicht gewusst, wie er sich einbringen sollte, wenn alle anderen so extrovertiert vor sich hinplauderten.

„Da hast dus. Er ist beleidigt und redet nicht mit dir“, tönte Spidey vergnügt, während sie hinter einer niedrigen Findlingsformation innehielt. Ace schreckte auf.

„Ich bin nicht beleidigt!“ Vielleicht ein wenig, aber nicht so, dass es ihm etwas ausmachte oder er es sich gar anmerken lassen würde.. „Und mir geht’s eigentlich ziemlich gut…“

„Ziemlich gut? Das klang vorhin aber-.“

„Es geht mir jetzt ziemlich gut.“ Ace hob die Stimme ein wenig, als er zurückschnappte, und besann sich im nächsten Moment wieder. Es war ja nicht Spidey, die seine Wut verursacht hatte, und vielleicht war ihr Einwand aus Sorge erwachsen und nicht nur Spott. „Also, ich meine, ich hab kein- … ich mag es bei euch. Tschuldigung.“

„Hör auf, dich zu entschuldigen.“ Para sprach trocken, ehe er sich erkundigte: „Du sagtest, ihr seid auf Karkas, ja?“

„Jo. Schau dich einfach nach dem Titanengegner um, dann solltest du uns schnell finden.“ Ace ließ Duffys Worte an sich vorbeitreiben, während er sich noch still dafür schalt, geredet zu haben, und dann sowas Dummes – ob Spidey ihn jetzt hasste? Es würde ja nicht wundern, angeblich war er ja mindestens so nervig, dass seine bloße Anwesenheit die Stimmung im ganzen Raum – ganzem Klassenzimmer – senken konnte, selbst wenn er nur rumsaß und atmete.

Er blieb gedankenversunken, als er hörte, wie der Ton wieder schwankte und Para und Spidey ihr Geplänkel austauschten, und versuchte abzuwägen. Ob er rechtzeitig erkennen würde, wann er zu weit ging? Wann war der Punkt, an dem Leute beschlossen, geheime Rundnachrichten zu senden, dass Ace eigentlich voll ätzend ist? Ab dem wievielten unüberlegten Satz musste er damit rechnen, dass man nach und nach aufhören würde, mit ihm zu sprechen?

„-Außerdem bedient ihr euch ja wohl öfter in meinen Vorräten als andersrum." Paras Worte rissen ihn zurück ins Gespräch, und er warf Duffy einen unbehaglichen Blick zu. Als der ihm vorher wahllos Rüstungsaufwertungen und Tränke in die Hände gedrückt hatte, waren die etwa auch aus einem Privatvorrat gewesen? Er wartete, während Spidey noch versuchte sich rechtzufertigen, sie würde sich gar nicht durchschnorren und Dodge brächte ihr seine Materialien auch ganz ohne Hintergedanken, dann räusperte er sich.

„Ähm … dieses Zeug, was du mir gegeben hast, war das auch-“

„Was Para nicht weiß, macht ihn nicht heiß.“, tönte Duffy vergnügt, und sein Elf streckte sich, während Ächzen aus dem Chat erklang.

„Und ich hab mich gefragt, warum schon wieder die Hälfte weg ist. Sag das nächste Mal vorher Bescheid.“ Ace fühlte sich noch ein wenig elender zusammensinken.

„Das wollte ich nicht! Ich zahls dir zurück, ich wusste nur nicht-“

„Tust du nicht.“, ertönte die Stimme des Jungen, nun wieder trockener. „Die Materialien sind für euch gedacht, sonst würde ich sie ganz privat bunkern. Ich hab nur gerne Überblick darüber, bei wem sie ankommen. Andere Frage… großes fettes Vieh mit Fell und Hörnern? Goldene Namensumrandung? Bin ich richtig?“ Als er das hörte, versuchte Ace sich umzusehen, aber der Himmel direkt über ihnen war klar. Erst als er sich wieder in Richtung ihres Zielobjekts drehte, konnte er einen schwachen dunklen Schemen erkennen, der sich gegen die Wolkendecke abhob und sich dem Büffel in umgekehrter Richtung näherte.

„Ja, du bist richtig.“ Spidey klang immer noch ein wenig verschnupft. „Und ich kann nichts dafür, er sammelt nunmal aus Gewohnheit so viel, dass dabei ein Überschuss entsteht, und wenn er mich fragt, ob ich das brauche, sag ich ja nicht nein. Außerdem…“ Ihre Stimme stockte und wurde hastiger. „Para. Para, komm her. Du wirst da jetzt nicht einfach reinfliegen wie die letzten zehn verdammten – Ahhh! Sobald wir uns real sehen, erwürg ich dich!“

„Kann dich nicht hören.“ Das Grinsen in seiner Stimme schien sehr unbeeindruckt von Spideys berechtigter Kritik, während Ace das größer werdende, vogelähnliche Objekt beobachtete, dass die Flügel anlegte und im Sturzflug auf den Büffel zusegelte. Erst jetzt wurde ihm klar, wie riesig dieses Büffelwesen eigentlich sein musste, und er packte seinen Kampfstab fester, glücklich darüber, dass er schweißige Hände im Spiel nicht spüren konnte.

Duffy war der erste von ihnen, der sich hinter dem Felsen aufrichtete. Womöglich, weil ihr Zielobjekt abgelenkt war, aber wahrscheinlich eher, um das Spektakel zu beobachten. Ace machte es ihm gleich, von der Nase abwärts noch hinter seiner steinernen Deckung verborgen, und gemeinsam sahen sie zu, wie der Büffel sich donnernd vom Boden abstieß und sein Gewicht auf die Hinterbeine verlagerte.

„-dir die Haut abziehen, sie in kleine Streifen schneiden, anbraten und dir zum Frühstück servieren, und dann werden wir sehen, ob du es immer noch lustig findest, wenn ich verzehnfachte Reparaturkosten habe-“ Einen Moment hielt der Büffel inne, ein majestätischer, wenn nicht sogar angsteinflößender Anblick, und als er schnaubte, sprangen Glutfunken durch die Wolke seiner Atemluft. Dann atmete er erneut ein begann er wieder zum Boden zu sinken.

Die Stichflamme, die aus seinen Nüstern folgte, zischte bis zur Steppenlandschaft herunter und setzte Reihen um Reihen trockener Halme in Flammen. Während er donnernd aufkam, sank ein Stück des Bodens ein, und die Erschütterungen in der Erde zogen sich bis zu ihrem Grüppchen herüber. Ace duckte sich hastig, bevor er sich einen Teil seines Gesichts ansengte. Inzwischen hatte Spidey ihre Schimpftirade beendet, und Schweigen herrschte im Chat, bis sie erschöpft meinte: „Bitte sag mir, dass du jetzt tot bist.“

„Lebensleiste auf 5 Prozent. Ich bin fuckin unsterbl- ohh shit.“ Seine Worte verklangen, als der Büffel den Kopf für einen weiteren Flammenangriff herumschwang, und Spidey seufzte betont.

„Na kommt. Lasst uns sehen, ob wir noch ein paar gegrillte Flügel abgreifen können.“ Sie schwang sich über den Felsen, dicht gefolgt von Duffy, der seine Figur mittels einer magischen Explosion hinterherschleuderte, und auch Ace beeilte sich, ihnen nachzukommen.

Er war sich nicht ganz sicher, woran es lag, aber hier war die Stimmung komplett anders als unten in der Höhle. Die Hälfte des Kampfes wurde für dumme Witze und absichtlich verschleuderte Fähigkeiten genutzt, und selbst Spidey machte mit, nachdem sie ihre anfängliche Bockigkeit überwunden hatte. Duffy, der mit anderen Spielern den Standort wechseln konnte, versuchte mehrere Male, sie alle direkt in den Flammenstrahl ihres Gegners zu teleporten, und Ace, der vollkommen orientierungslos panisch in irgendwelche Richtungen stürzte, sah sich zweimal nach kurzem Blinzeln im Flammenmeer oder unter den Hufen seines Gegners stehen. Zu seiner Verteidigung – er war nicht der einzige, der erschrocken in den Chat kreischte, Spidey stand ihm da um nichts nach. Para und Duffy fachsimpelten, ob man den Büffel eigentlich reiten konnte, und mehrmals versuchte der Engel, einen der arglosen Spieler direkt über dem fellbedeckten Rücken fallen zu lassen, was darin endete, dass Spidey zwei Minuten lang keinen Schaden machen konnte, weil sie sich in den Haaren festkrallen musste und bei jedem Aufbäumen aufs Heftigste hin- und hergeschleudert wurde. Als das Tier plötzlich unversehens vor ihnen zusammensank und der Boden ein letztes Mal erbebte, starrte Ace schweratmend darauf, ehe er sich auf den Hintern fallen ließ und die Beine anzog. Im Chat mischte sich eine vorwurfsvolle Spidey in das Geplänkel.

„Sowas kommt davon! Jetzt habt ihr Icy Angst gemacht, ihr Idioten.“

„Ich hab keine Angst.“ Ace richtete sich hastig auf und fügte hinzu: „Das war nur… ungewohnt.“ Ungewohnte Nahtoderfahrungen, zum Beispiel. Aber er würde sich auf keinen Fall dadurch lächerlich machen, dass er sich unwohl fühlte, wo die anderen sich keinen Kopf um gar nichts machten. Immerhin war ihm ja nichts passiert, oder?

„Dann bist du härter drauf als ich.“ Spidey trottete heran und ließ sich neben ihn ins Gras fallen. „Ich hab die Krise gekriegt, als ich das hier das erste Mal erleben durfte.  Normalerweise kenn ichs, dass wir selbst mit großer Gruppe bei solchen Landschaftsbossen gestorben sind, und da hat gar keiner rumgeblödelt… und jetzt kenn ich Leute, die den Kampf im Zweifelsfall alleine machen können. Das rückt die Fähigkeiten der meisten Spieler etwas in Perspektive.“

„Sag einfach, dasses Nichtskönner sind.“ Duffy bewegte sich zu ihnen und grinste in die Runde. „Ich meine, das ist unser StrangeGuy auch, aber den päppeln wir schon hoch. Ist ja nicht das erste Mal.“

„Herzlichen Dank.“, ächzte Ace und zog die Beine noch ein wenig enger an, während feine Rußflocken an ihnen vorbeiwehten, als Para die Flügel ausschüttete. Andererseits hatte er nicht das Gefühl, dass ihn die Worte wirklich störten… Er kannte Ablehnung, und sie sah anders aus als das hier. Und so sehr ihm sein Kopf auch einreden wollte, dass sie nur Geduld mit ihm hatten und jede Sekunde von Aces Existenz diese bereits strapazierte – im Stimmengewirr konnte er diese Gedanken niederringen und sich einfach treiben lassen, als wäre er wirklich Teil einer Gemeinschaft.

„Mach dir da keinen Kopf drum. Wenns darauf ankäme, die Monster sauber zu legen, wäre ich allein unterwegs. Ihr seid hier, um zu reden und Gesellschaft zu leisten.“, tönte es trocken hinter ihnen, als der Engel sich näherte. Duffy meldete sich zu Wort und sagte, dass er sich verabschieden müsse – irgendwem hätte er noch versprochen, zum Raid mitzukommen. Sobald er sich ausloggt hatte und der Chat das leise Zeichen für ‚ein Teilnehmer weniger‘ gegeben hatte, wechselten Spidey und Para einen Blick.

„Bettelt er immer noch?“ Spidey seufzte.

„Es ist nicht so, dass er bettelt, er – naja, er sagt nur, er hat heute nicht so Lust auf euch und will reden und ob wir nicht zu zweit irgendwas laufen wollen…“ Die Figur des Engels hob die Brauen. Spidey drehte sich um und streckte den Finger zu ihm. „Sags nicht. Denks nicht einmal. Es hat nichts damit zu tun, er ist nur schüchtern und sucht jemanden, mit dem er über seine Sorgen reden kann!“

„Ich sag ja gar nichts.“, entgegnete der Engel nüchtern. „Und, willst du was mit ihm laufen?“ Das Mädchen wand sich.

„Weiß nicht, eigentlich… aber ich will auch nicht, dass er sich alleingelassen fühlt-“ Sie stockte und schnaubte schließlich. „Und gerade die nächste Nachricht. Ich frag ihn mal lieber, was los ist. Wir sehen uns in zwei Stunden oder so.“ Sie streckte sich und wollte wohl ebenfalls gerade ausloggen, bis sie innehielt, sich wieder zu Ace drehte und ihn angrinste. „Danke, dass du doch noch mitgekommen bist. Hat mich gefreut.“ Ace richtete sich überrascht auf, noch mehr, als sie zu den ehrlich klingenden Worten ungelenk die Arme um ihn schlang. Er schluckte aufkommende Rührung und ein paar überaus männliche sentimentale Gefühle herunter, und ehe er damit fertig war, begannen sie sich schon wieder zu stauen.

Ich bin glücklich , stellte eine Stimme in seinem Kopf fest, und einen Moment lang hatte er das absurde Bedürfnis zu heulen. Es war erleichternd, dass das Spiel nicht soviel an Emotion hergab und niemand verräterisches Wasser in den Augen seiner Figur anschwellen sehen sollte. Die Stimme sprach weiter, fast verwundert, während Ace sein Bestes tat, starr zu gucken. Ich bin glücklich. Man könnte fast glauben, dass diese Leute mich akzeptieren, obwohl ich ich bin. Nicht nur das – sie sind so unheimlich offen, und freundlich, und gelassen, und ich habe keinen blassen Schimmer, womit ich das verdient habe. Und dann, als Worte nicht mehr ganz ausreichen, um sein Emotionsspektrum zu erfassen. Fuck.

Er grinste noch belämmert, als Spidey gespielt vor Leonidas knickste und ihnen mit ernster Stimme versicherte, wenn sie nicht wiederkäme, dann würden sie den Schuldigen kennen. Und dann, als das leise Plingen aus dem Sprachkanal ertönte, dass von ihrem Verschwinden kündete, spürte er seinen Herzschlag beschleunigen.
Allein mit Para.
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